Spätantike Grabbeigaben als Indikatoren für eine interkulturelle Kommunikation

Spätantike Grabbeigaben als Indikatoren für eine interkulturelle Kommunikation

 

Inhaltsverzeichnis

Ein Gräberfeld … Antworten oder Fragen für den Archäologen?

  • Die Männergräber von Gültlingen … Eine Bestandsaufnahme zum Start
  • Die Grabbeigabe … Ein Gradmesser für den kulturellen Austausch in der Spätantike?
  • Mit dem Goldhelm nach Byzanz. Und andernorts?
  • Die Goldgriffspatha … Statussymbol einer alamannischen Kriegerkaste in der Spätantike
  • Versuche konkreter Datierungen
  • Neue Gräber braucht das Land … Eine Grabrede mit Ausblick
  • Anhang
  • Quellen und Literatur
  • Zugaben

 

I. Ein Gräberfeld … Antworten oder Fragen für den Archäologen?

Wenn eine Ausgrabung zum Erfolg führt, dann ist es mit einer Reputation der daran Beteiligten verbunden. Werden die Fundmaterialien über die Grenzen hinaus in der Fachwelt als Maßstabsvorgabe für Kategorisierungen und dergleichen genommen, dann ist der Archäologe in den Zitaten der Fachwelt unsterblich. Hier steht ein Gräberfeld nicht außen vor. Denken wir hier nur an Viktor Sarianidi und den Goldschatz von Baktrien. Der Geburtsfehler der Männergräber von Gültlingen, die 1889 und 1901 entdeckt wurden, lag in dem unprofessionellen Grabaushub. Bis heute kann nicht mit endgültiger Sicherheit die Vollständigkeit der vorliegenden Grabbeigaben gewährleistet sein. Es geht in dieser Arbeit aber um die vorliegenden Utensilien, und hier ragen natürlich die kunsthandwerklich schönen Goldspathen und der Goldhelm heraus, die in der Ausarbeitung einen besonderen Stellenwert erhalten werden. Darüber hinaus wird eine Spurensuche zu den Wurzeln dieser exponierten Grabbeigaben vollzogen werden und Vergleichsausgrabungsgegenstände zur geographischen und zeitlichen Datierung herangezogen. Ob dann Fragen beantwortet werden nach Ursprung und Vertrieb dieser Grabutensilien, bleibt abzuwarten. Aber die Bezüge zu überregionalen Interaktionen sollen herausgestellt werden, damit die Grabbeigaben als solche wie ein Spiegelbild kultureller Interaktionen interpretiert werden können. Im vorliegenden Fall gilt es damit ein Brückenschlag zu finden zum mediterranen Raum oder Diskursthemen zu gewichten, nicht ohne auf eine eigene Meinung zu verzichten.

II. Die Männergräber von Gültlingen … Eine Bestandsaufnahme zum Start

Abb. 1: Die Goldgriffspatha von 1889.

1889 und 1901 wurden im Einzugsgebiet der Gemeinde Gültlingen im Landkreis Calw in Baden-Württemberg zwei Männergräber auf dem Gräberfeld Flonheim-Gültlingen entdeckt, deren Inventare – trotz unsachgemäßer Bergung – in Ausstattung und Interpretation für den spätantiken Besiedlungsraum am Schwarzwaldrand und für die   Stufentypisierung des frühmittelalterlichen Archäologen Joachim Werner von tragender Bedeutung wurden.[1] Ein erstes Männergrab wurde 1889 in Gültlingen in einer Tiefe von ungefähr 3 Metern entdeckt. Als herausragende Grabbeigabe kann dabei die Goldgriffspatha angesehen werden, einem zweiseitigen Hiebschwert mit Goldblechüberzug des Griffes (Abb. 1).[2] Weder der Knauf noch die Knaufstange der Spatha blieben erhalten, und detailgetreue Rekonstruktionen wären auch nicht möglich gewesen, da die Spathen nicht über Charakteristika hinsichtlich der Knaufform verfügten. Das Griffmaterial konnte sich – da organischer Natur – nicht halten. Auch die Goldblechverkleidung lässt keine konkreten Aussagen diesbezüglich zu. Lediglich die damalige ovale Querschnittsform des unbearbeiteten Goldbleches kann als Anhaltspunkt genommen werden. Dieses Charakteristikum ist aber keine Gewähr für Sattelfestigkeit.

Abb. 2: Die Goldgriffspatha von 1901.

Mit größerer Gewissheit lässt sich auf Grundlage einer spektralanalytischen Untersuchung die Goldmaterialherkunft formulieren, und hier wird Waschgold aus dem Oberrhein vermutet.[3] Die Möglichkeit muss jedoch Berücksichtigung finden, wonach das Waschgold ursprünglich aus anderen Regionen kommt, da durch den Rheinfluss das Waschgold bis in oberrheinische Gefilde wandern konnte. Die fünf Wülste zur Goldblechunterteilung sind jeweils mit Punkten ausgeschmückt. Ob die Klinge damasziert war, konnte in Methode radiologisch nicht nachgewiesen werden, allerdings scheinen der Grad des Erhaltungszustands und die bedingte Nachweisbarkeit zu korrelieren. Hintergrund dieser Annahme ist der für die Spatha von 1901 existierende dreibahnige Winkeldamast.[4] Das Scheidenmundblech ist aus Silber und verfügt über ein nielliertes[5] Grätenmuster. Es ist nicht umschließend. Von hohem handwerklichem Verständnis zeugen die zwei noch existierenden Scheidenziernieten, bei denen die Nietstifte rechtwinklig umgeschlagen sind. Da die Nieten durch das Scheidenholz geschlagen und im Innern umgebogen wurden, konnte die Zusammenführung der beiden Scheidenhälften nach praktikablem Maßstab erst im Anschluss erfolgt sein. Auch von filigranem Kunsthandwerk durchsetzt, das silberne Ortband hält die beiden Holzscheidehälften zusammen. Das obere Ende des Ortbandes ist vergoldet, am unteren Ende ist es mit einer silbernen Zwinge versehen. Erwähnenswert ist dabei der eiserne Knopf, von Wilfried Menghin, einem Schüler des Archäologietitanen Joachim Werner, als Stoßknopf bezeichnet.[6] Gegenwärtig als Alleinstellungsmerkmal in den zugänglichen Spathensammlungen anzutreffen ist die Verarbeitung eines vorderen Bleches und eines hinteren Blechstreifens, zumindest nachgewiesen und in Rekonstruktion bei Dieter Quast anzuschauen.[7] Die Riemenzüge der Scheide sind bronzevergoldet und mit runden Almandinen besetzt. Zudem verfügen sie über Silberleisten und waagerechte Silberblechstreifen.

Als erwähnenswert sind noch mit einer Schnalle, einem silbergefassten Almandin, Keramik und einer Steinfigur weitere Grabbeigaben von 1889 zu nennen. Die vergoldete Silberschnalle verfügt mit einem langen, schmalen Dorn über ein Charakteristikum, passend zur Childerichzeit. Die feinen Punzverzierungen am Schnallenbügel erinnern an spätrömisches Kunsthandwerk. Ob die Schnalle in Kopie produziert oder mit byzantinischer Provienence ausgestattet, bleibt unklar. Zumindest als weiteres Indiz für den byzantinischen Brückenschlag brauchbar: Der Beschlag mit einem tiefen Kerbschnittmuster besitzt eine provinzialrömische Note. Hier kann das endende fünfte Jahrhundert als Datierung angesetzt werden.[8] Schwierig und einzigartig zugleich, doch der Almandin von 1889 kann als maßstäbliches Datierungsmittel nicht zu Rate gezogen werden, da die Anzahl der Vergleichsstücke keine signifikanten Schlussfolgerungen zulässt. Die Steinfigur ist sogar ein Unikat für das alamannische Einzugsgebiet, vermutlich ein Überbleibsel aus einem römischen Haushalt in Gültlingen. Das Bronzeglockenfragment ist für die Merowingerzeit nicht unüblich, aber auch kein Stück Seltenheitswert und schon in der römischen Kaiserzeit verwendet, daher kann auch hier keine Datierung vorgenommen werden.[9]

Abb. 3: Das Grab von 1901.

Abb. 4: Der Helm aus dem Grab von 1901

 

 

 

 

 

 

 

 

Das Grabinventar des 1901 entdeckten Fürstengrabes, auch Helmgrab genannt, war von reichlicher Ausstattung, denn neben der Goldgriffspatha waren dem Bestatteten ein Spangenhelm, ein ornamentierter Gürtel mit Sepiolithgürtelschnalle, eine kleine Glasschale und ein Taschenverschluss beigelegt. Hinzu kamen eine Lanze, ein eiserner Schild und eine Wurfaxt als fürstliche Statussymbole, wenigstens aber als Rangabzeichen von Verdienten im Heergefolge des Fürsten (Abb. 3). Ähnlich der Spatha von 1889 werden nun einige Charakteristika für den Helm aufgelistet, um der punktuellen Bestandsaufnahme Genüge zu tun. Der Helm (Abb. 4) ist der Typisierung nach Baldenheim zugehörig[10], mit Kupferspangen versehen und mit Eisenplatten vernietet. Die Helmform ist halbrund, versehen mit sechs vergoldeten Kupferspangen, einer Scheitelplatte mit einem Zimierstift und einer Zimierhülse. Im Aufbau als Ausartung gegenüber anderen Vertretern angesehen oder als Indiz für eine in Professionalität geringe Ausbesserungstechnik interpretiert, ein weiteres Nietloch ist bei jeder Kupferspange gesetzt. Zumindest ist es für ein Alleinstellungsmerkmal im Helmbestand der Spätantike dienlich, so wie die am Helm befindlichen Haarreste.

Abb. 5: Das Stirnband aus dem Grab von 1901.

Das Stirnband ist ausvergoldetem Kupferblech (Abb. 5). Die Wangenplatten sind aus mit vergoldetem Kupferblech verkleideten Eisenplatten. Die Spangen verfügen über im Muster verschiedenartige Perl- und Hakenpunzen, allesamt blattvergoldet.

III. Die Grabbeigaben … Ein Gradmesser für den kulturellen Austausch in der Spätantike?

III.I. Mit dem Goldhelm nach Byzanz. Und andernorts?

Die Diskurse über die Herkunft der Spangenhelme beantworten bereits die Frage nach dem Gradmesser, zumindest in der Existenz. Die Ausprägung und die eindeutige Zuordnung sind die fachlichen Unsicherheitsfaktoren, also das belastend Apodiktische in der Archäologie. Die Helme vom Typ Baldenheim werden unisono in die Merowingerzeit eingeordnet. Bereits 1903 gab es erste Hinweise in der Fachliteratur, die eine Verbindung von Spangenhelm und orientalischer Helmform sahen, aber erst mit Joachim Werner erfolgte 1935 eine fundierte Deutung in Richtung Byzanz oder Norditalien als Produktionsstätten der kupfernen Spangenhelme. Werner konnte durch die Vorlage mesopotamischer Helmurformen die Verbindung zum Typ Baldenheim aufzeigen. In den byzantinischen Werkstätten liegt demnach die patriam originis. Nach weiteren Helmfunden aus dem Einzugsgebiet der Byzantiner wird heute allgemein anerkannt, dass der byzantinische Ursprung der Spangenhelme vom Typ Baldenheim als archimedischer Punkt im Schlussfolgern zulässig ist.[11] Vorstellbar ist, dass bei dieser Helmart Gastgeschenke, höhere Handelsgüter oder der Beutetausch die Ursachen bilden für das Vorhandensein der Helme nach Typ Baldenheim mit byzantinischen Produktionswurzeln im merowingischen Einflussgebiet. Schauen wir uns doch einfach die Argumente für eine byzantinische Anatomie an zur Verstärkung des interkulturellen Austausches.

Funde im libyschen Leptis magna oder im dalmatinischen Narona lassen erkennen, dass die „Baldenheimer Vorfahren“ auf byzantinischem Hoheitsgebiet hergestellt wurden oder wenigstens in dessen unmittelbarer Sphäre. Auch die Stirnbänder können zur Brückenbildung herangezogen werden, da Werkstättengleichheit oder –typus vorliegen könnten. Für einen im burgundischen Chalon aufgefundenen Helm kann eine Beziehung zu einem Helm aus dem mazedonischen Heraclea Lyncestis hergestellt werden und zwar genau über die matrizenverzierten Stirnbänder.[12] Eine Verstärkung der Interkulturen und der großarealen, konvergierenden Kunsthandwerkstätten finden sich in zwei byzantinischen Armbändern. Zum einen besitzt ein ägyptisches Armband einen bandförmigen Mittelteil, der matrizenverziert ist und eine Ähnlichkeit zum Helm aus dem kroatischen St. Vid aufweist, so wie ein zweites aus Latakaia in Syrien stammendes Armband mit einem matrizenverzierten Mittelteil (Abb. 6). Auch die Abbildung auf einem Silberteller aus Verona ist

Abb. 6: Das Armband aus Latakaia.

vielversprechend, denn der dort abgebildete byzantinische Archon trägt nach Meinung der Fachwissenschaftler einen Helm vom Baldenheimer Typus, mit seitlichen Spangen versehen und in die Übergangszeit von der Spätantike zum Frühmittelalter datiert.[13] Das byzantinische Militär trug – zumindest in exponierter Stellung – den Spangenhelm vom Baldenheimer Typus.

Kann eine derartige Verbindung auch zu den Ostgoten geknüpft werden? Geographisch ist diese Verbindung theoretisch erfüllt, denn die Ostgoten von Theoderich über Totila bis Teja lagen in direkter Nachbarschaft zu den Burgundern und Alamannen. Darüber hinaus gab es indirekt über die militärischen Konflikte und Allianzen zu den Byzantinern mit praktischer Lebensnähe den zwingenden Austausch. Und spätestens nach der Schlacht am Milchberg 552 n. Chr. wurden auf Betreiben Justinians Ravenna und Rom formell Konstantinopel unterstellt. Kunsthandwerklich kann dieser Austausch konkretisiert, sogar auf mögliche italienische Produktionsstätten hin argumentiert werden. Und hierfür tragen nach einem Aufsatz des Archäologieurgesteins Joachim Werner Ravennater Sarkophage, u. a. Münzbilder des Ostgoten Totila oder Bügelfibeln und Münzen nördlich der Alpen – und damit ein direkter Bezug zu Gültlingen – Verantwortung.[14] Die Ravennater Sarkophage sind lediglich ein praktischer Beleg für die Übernahme dieser Kunsthandwerke, da die dort vorliegenden Stirnbänder keinen lokalen Beschränkungen unterstanden, sondern gängiges und überregionales Kunsthandwerk im mediterranen Raum darstellten.[15]

Abb. 7: Die Münze des Theodahat.
Abb. 8: Die Münze des Totila.

Von wenig überzeugender Argumentationskraft scheinen auch die Münzbilder der ostgotischen patricii Theodahat (534 – 536) (Abb. 7) und Totila (542 – 552) (Abb. 8) zu sein, da deren Helmformen den Spangenhelmen ähneln. Allerdings ist aus Diskursen auch die Interpretation als Krone herauszuhören und damit zulässig.[16] Da Verbindungen zur Bügelkrone, dem Kamelaukion möglich sind, ist eine kategorische Trennung von Krone und Helm lediglich dogmatisch und damit einschränkend. Dieser Pfad wird hier nicht weiter beschritten. Der Erkenntnispfad über die Kupfermünzen des Theodahat bleibt steinig. Der Nackenschutz und die Wangenklappen fehlen unwiderruflich auf den Münzbildern, zumindest liegt keine klare Erkennung vor. Und das bei diesen Helmcharakteristika? Nein, denn vielmehr wird es sich hier um eine Krone handeln nach byzantinischem Muster, da die zeitgenössischen Kaiser in Konstantinopel ebenfalls in diesem Typus verbildlicht waren. Theodahat wird sicher keine Abneigungen gehegt haben nach Anblick dieser bildlichen Parallelen, zumal er – wenigstens indirekt – über seine Förderin Amalasuntha, Tochter Theoderichs des Großen, in diplomatischem Kontakt zu Konstantinopel stand. Auch hier bleibt das Fazit, dass italienische Produktionsstätten nicht zwingend über die Münzen abgeleitet werden können. Sie führen nicht zum Ziel. Aber vielmehr scheint das gesamte Mittelmeergebiet in der Spätantike bezüglich des Warenaustausches und der kulturellen Ausrichtung nicht an der byzantinischen Hausmacht in Vorbeigang oder fatalistischer Konkurrenz gelebt zu haben. Die zahlreichen Militärinterventionen der Oströmer während der ostgotischen Agonie – u. a. durch den oströmischen General Belisar –  zeigen in der Spätantike ein byzantinisches Verständnis von Schutzmacht. Und dieses Verständnis wurde vom patricius der Ostgoten kopiert. Schon die Quantität der Helmfunde spricht gegen eine einheimische Produktion. Und das gilt in Weitergabe für das alamannische Einzugsgebiet, also auch für Gültlingen. Wanderarbeiter kommen nur theoretisch im merowingischen Einzugsgebiet als Produzenten vor Ort in Frage, aber das Ausmaß der Spezialisierung lässt diese Berücksichtigung praktisch nicht zu. Auch hätten die Produktionsstätten im alpinen Vorland durch eine Weitervererbung und –entwicklung in der Produktion Nachfolgemodelle angeboten für die ohnehin handverlesene Abnehmerklientel. Weder Belege noch Funde können für die lokale Produktion dieser Helme verarbeitet werden. Die byzantinischen Werkstätten sind naheliegend als Verortung des Baldenheimer Typus anzusehen. Warum nun byzantinische Helme auf germanischem Boden vorzufinden sind, lässt sich in toto nicht erklären. Sicher ist, dass die Träger dieser Helme sozial höher gestellte Personen waren und in diesen Helmen eine Schutzfunktion, ein taktisches Orientierungszeichen oder einfach nur eine Herrschaftsinsignie zu suchen sind.

III.II. Die Goldgriffspatha geht auf Reisen … Statussymbol einer Kriegerkaste in der Spätantike

Unabhängig von den Produktionsstätten, der Inhaber einer Goldgriffspatha gehört einer verdienten Kriegerkaste an, steht in der Militärhierarchie auf honoriger Plattform oder identifizieren den Träger – wie einst die Liktoren mit den Fasces – als Amtsperson im jeweiligen Wirkungskreis. Bezogen auf diese Thematik, können die Spathen facettenreich interpretiert werden als Modeaccessoire des Hochadels in der Spätantike, als Insignie hochrangiger Militärs oder als Zeichen politischer Zweckbündnisse zwischen Alamannen, Franken und Ostgoten. Die Spekulationsblase sollte jedoch verringert werden hinsichtlich einer fachlich belastbaren Interpretation. Nicht nur abwegig, sondern auch nicht von der Hand zu weisen, die Schwerter können als ein Abbild von Gefolgschaften gedeutet werden, wie auf Prunkhelmen aus dem skandinavischen Raum ersichtlich.[17] Die bisherigen Spathen sind – schauen wir auf das Rhein-Main-Mündungsgebiet – faktisch verschieden gestaltet und somit – nur auf Grundlage der Quantität der Funde – nicht als Massenware oder zeremonielle Festivitätenbeigabe zu interpretieren. Das Schwert war eine ranghohe Waffe, qualitativ hochwertig und oft mit dem Träger in Personalunion – siehe Arthurs Excalibur. Lokale Produktionsstätten werden in der Fachwissenschaft für die Spathen genehmigt, denn die Schwerter aus den südlicheren Fundorten sind vor der merowingischen Oberhoheit als Grabbeigabe platziert worden. Damit können diese Funde herangezogen werden als punktuelles Spiegelbild späteströmischer, randprovinzialer Militärstruktur. Es ist auch naheliegend, dass im Bereich der Provinz Germania prima Alamannen für ihren römischen Dienst ausgezeichnet wurden und Produktionsstätten im alamannischen Gebiet, die in Wechselwirkung von spätrömischer Kunsthandwerkstradition und östlicher Almandinkunst standen.[18] Horst Böhme hingegen vertritt den Standpunkt, wonach die Helme von mediterraner Herkunft sind wegen der cloisonnierten Schwertgürtelschnallen.[19] Auch die Datierungszeit lässt Schlussfolgerungen zu. Es ist damit weniger die Vergrabungszeit gemeint, vielmehr die zeitliche Zuordnung der Produktion. Grabbeigaben können im Vorfeld über Generationen den Besitzer wechseln. Die Gräber von 1889 und 1901 in Gültlingen werden in die zweite Hälfte des 5. Jahrhunderts datiert. Und damit können fränkische Einflüsse ausgeschlossen werden, denn erst mit der Bekehrungsschlacht bei Zülpich 496 unter dem Salfranken Chlodwig beginnt die nachhaltige Vernichtung oder Assimilation der Alamannen, die sich bis zur Schlacht bei Straßburg 506 hinziehen wird.[20]

III.III. Versuche konkreter Datierungen

Grundsätzlich werden die Männergräber von Gültlingen in die Stufe Flonheim-Gültlingen eingeordnet, also der Zeitspanne von 450 – 510 zugehörig.[21] Die Goldgriffspatha von 1889 gehört in die alamannische Gruppe von Grabbeigaben, die aus den Zeiten des Childerich oder Chlodwig stammen. Hier treten – im Gegensatz zum fränkischen Grabraum – keine cloisonnierten Knäufe und Knaufstangen auf. Die Spatha weist durchaus Parallelen zu anderen Funden auf, denn auch die Spatha aus Rommersheim war – und nur diese – zur Goldblechgrifffestigkeit mit kleinen Nägeln versehen, die sich nur noch im Röntgenbild erkennen lassen. Rommersheim gehört allerdings zur fränkischen Gruppe. Möglich ist, dass in diesen beiden speziellen Fällen die Goldblechverkleidung erst im Bestattungsritus Verwendung fand.[22] Mit relativer Sicherheit kann für einen Großteil der alamannischen Gruppe das Rheinwaschgold als Ausgangsmaterial angenommen werden, zumindest die Funde in Sindelfingen und Pleidelsheim geben nach spektralanalytischen Untersuchungen dahingehend Auskunft. Was bei den Helmen ausgeschlossen werden konnte durch die byzantinischen Wurzeln, kann bei den Spathen im fränkisch-alamannischen Raum angenommen werden: Verfahrensähnliches Kunsthandwerk mit ortsgleichen Rohstoffbezugsquellen. Ob man über das Rheinwaschgold – wenigstens für die Alamanni – auf ein in Bezug und Vertrieb organisiertes Kunsthandwerk in der Spätantike schließen kann, bleibt Spekulation, aber es ist als Indiz zulässig. Der Ausgewogenheit Rechnung getragen, die Spatha aus Entringen –ebenfalls der alamannischen Gruppe zugehörig – besitzt einen auffallend hohen Platingehalt, so dass auch hier ein Goldimport zur Verarbeitung in Erwähnung gezogen werden muss. Oder die Entringer Spatha wurde komplett importiert. Ein Alleinstellungsmerkmal der aufgefundenen Spathen – und so ein erstes Fazit – ist nicht von der Hand zu weisen. Auch die Punktreihenverzierung der Wülste bei der Gültlinger Spatha kommt so nicht vor. Lediglich das Pleidelsheimer Exponat besitzt diese Verzierungen. Die Exponate sind individuell, durchaus mit Parallelen, aber Massenerscheinungen oder werkstättengleiche Produktionsschritte sind nicht charakteristisch für die alamannischen Grabspathen. Ähnlich verhält es sich mit den Mundblechen. Quergeriefte silberne Mundbleche sind alamannisch, wohingegen cloisonnierte Mundbleche im fränkischen Raum auftreten. Aber auch innerhalb der childerichzeitlichen Einstufung – und dort gehört auch Gültlingen hin – sind lediglich an den Mundblechen der Spathen aus Sindelfingen und Igstadt-Erbenheim Nielloverzierungen. Sindelfingen weist allerdings über die Riemenzüge auch zu Gültlingen eine Verbindung auf.[23] Die Scheidenzierniete sind bezüglich der Typisierung klarer bei den Goldgriffspathen. Sie sind grundsätzlich im alamannischen Gebiet anzutreffen, fehlen bei den Franken. Runde (wie Grab 1889) oder nierenförmige Scheidenzierniete liegen vor, wobei in der childerichzeitlichen Gruppe nierenförmige Niete auftreten. Runde Niete gehören in die chlodwigzeitliche Gruppe. Aber auch in der vermeintlich strukturierten Einteilung gibt es einen statistischen Ausreißer, nämlich Pleidelsheim. Die dortige Spatha zeichnet sich durch kerbschnittverziertes Mundblech aus, und diese Ziertechnik ist noch in Nähe zu den childerichzeitlichen Spathen, also Repräsentant einer kunsthandwerklichen Übergangsphase.

Abb. 9: Die cloisonnierte Gürtelschnalle aus dem Grab von 1901 (oben links).

Dieser Zugang kann in der Datierung der Meerschaumschnalle aus dem Grab von 1901 weiterhelfen (Abb. 9).  Nierenförmige, cloisonnierte Beschläge an Meerschaumschnallen gehören in die Regierungsjahre von Childerich oder Chlodwig, wohingegen das Gültlinger Exemplar eher in die Regierungszeiten von Chlodomer oder Childebert einzuordnen wäre. Die dort vorliegende kästchenförmige Dornbasis besitzt Parallelen zu einer Dornbasis, die aus einem Grabinventar im oberbayerischen Altenerding stammt. Joachim Werner legt diesen Typus – und bei Unterstellung von Zeitgleichheiten über konvergierende Formenkongruenz auch für das Gültlinger Exponat zutreffend – in das beginnende 6. Jahrhundert. Der oströmische Blickwinkel auf der Suche nach den Ursprüngen einzelner Grabinventare erhält noch eine Verstärkung, da das Hauptvorkommen des Minerals Meerschaum im kleinasiatischen Eskişehir liegt, und der Archäologe Volker Bierbrauer verknüpft daher naheliegend diese Schnalle von 1901 mit dem mediterranen Raum. Der Spangenhelm ist also nicht die einzige Grabbeigabe mit byzantinischer Affinität.[24] Wie kann es nun eine tragfähige soziale Zuordnung geben für diese Schnallen? Da die Dornachse stufenförmig eingezogen war und der Schild zwei Almandineinlagen aufwies, deuten sie auf einen repräsentativen Charakter hin. Und er war nicht von einzigartiger Natur, denn diese Gürtelgarnitur kann analog auch in donauländischen und mediterranen Gebieten gefunden werden.[25] Die soziale Schichtung war aber – unabhängig von der topographischen Verbreitung – von exponierter Stellung. Im Gegensatz zu Erzen war schon die Förderung von Meerschaumknollen von aufwendiger Natur. Sepiolith ist weich und von einem Seifenfilm gekennzeichnet, daher wurden die Meerschaumknollen auch mit einer umhüllenden Schutzschicht aus Erdreich aus den Gruben gefördert, um Beschädigungen durch unkontrollierte Austrocknungen zu vermeiden. Anschließend erhielten die Knollen eine schützende Politur vor dem Weitertransport. Diese Dimension lässt stark vermuten, dass nur solide Liquidität zur Käuferschaft gehören konnte. In den Werkstätten wurden dann die Sepiolithrohlinge in Wasser eingelegt. Kandidaten mit stärkerer Konsistenz versanken, weichere Sepiolithbrocken schwammen an der Wasseroberfläche. Sepiolithknollen, die zu spröde waren, zersprangen dabei, durchaus als Qualitätstest anzusehen. Die Dauer des Wasserbades musste der Arbeiter in der Werkstatt nach Gefühl und Erfahrung bestimmen. Von hoher kunsthandwerklicher Potenz musste auch das Zuschneiden der Knollen sein, da sichtbare Mängel ein Qualitätsminimum bedeuteten. Anschließend ging es in die Trockenkammer, und vereinzelte Arbeitsspuren wurden abgefeilt, erneut poliert und getrocknet. Der Höhepunkt der Fertigung war dann das Talgbad, denn so wurde die Polierfähigkeit erhöht. Außerdem musste schon – zumindest nach frühmittelalterlichen Maßstäben – unter werkstofflichen Laborbedingungen gearbeitet werden, da die hohe Saugfähigkeit des Minerals Schmutzpartikel anzog. Die Fertigungsschritte waren offenbar in manufakturähnlichen Vertriebssystemen beheimatet.

Die Datierung der Almandineinlagen in der Gürtelschnalle bestätigt die Zuordnung in die Stufe Flonheim-Gültlingen.[26] Allerdings ist der Diskurs nicht beendet, ob die Gültlinger Almandine als Beschläge eines einschneidigen Messers, der sogenannten Saxscheide, dienten oder wahrscheinlicher als Gürtelhaften der beschlaglosen Meerschaumschnalle zu interpretieren sind. Für letztere Variante spricht, dass im niederösterreichischen Laa an der Thaya oder im serbischen Zmajevo ähnliche Gürtelhaften vorzufinden sind, die ihrerseits eine Typisierungslinie zur Almandineinlage nach Altenerding aufweisen. Der Datierungskreis schließt sich, denn die Dornbasis argumentiert schon mit Oberbayern. Lokale Gemeinsamkeiten können zudem zumindest angesprochen werden, denn der Gültlinger Meerschaumbeschlag und eine Fibel aus dem Grabinventar der „Dame von Schwenningen“ zeigen technische Übereinstimmungen, so dass eine gemeinsame alamannische Werkstättenkultur im Raum steht. Im Diskurs vertritt die Archäologieinstitution Joachim Werner die lediglich durch den Zeitgeist hervorgerufene Gemeinsamkeit in den randbegleitenden Almandinkügelchen, deutet es nicht als Indiz für eine Werkstättengleichheit.

IV. Neue Gräber braucht das Land … Eine Grabrede mit Ausblick

Eine Grabrede hat immer etwas Endgültiges. Das ist in der Archäologie nicht so, denn mit jedem neuen Fund erfolgt eine Spezifikation oder eine Revidierung der Typisierung von Überresten. Nehmen wir die Gültlinger Gräber von 1889 und 1901. Was steht denn nun mit den Grabbeigaben fest? Goldgriffspathen oder Helme vom Baldenheimer Typ waren in Alemannia fester Beigaberitus in Begräbniszeremonien, wie andernorts und hier auch gelistet. Ursprung, Produktionsstätten und deren Vertrieb sind unklar oder können nur durch Indizien oder Grabvergleichsanalysen mit ähnlichem Grabinventar in die Nähe von Wahrscheinlichkeiten gesetzt werden. Die Sicherheit fehlt. Und es ist auch gut! Alleine die Anzahl der bisher entdeckten Goldgriffspathen lässt eine Generalisierung nicht zu. In den Diskursen ist man um Klassifikation auf Grundlage der bisherigen Funde bemüht. Die Einteilung nach fränkischen oder alemannischen Grabräumen, nach cloisonnierten oder silbernen Mundblechen, die Einteilung nach den merowingischen Herrschern Childerich und Chlodwig oder die Aufteilung nach runden und nierenförmigen Scheidenziernähten zeigt den Katalogisierungsdrang der Funde für eine bessere Übersicht und deren Vergleichsmöglichkeiten zur Auffindung von Gemeinsamkeiten und Unterschieden. Noch bleiben aber zu viele Fragen. Die Goldgriffspathen in der Spätantike und des Frühen Mittelalters zeigen Individualisierungstendenzen, so dass sie abseits einer Massenproduktion als facettenreiches Statussymbol für eine monetäre Klientel oder für eine soziale Oberschicht standen. Das Helmgrab von 1901 zeigt über die Diskurse einen Weg auf in den mediterranen Raum und vermutet byzantinische Produktionsstätten oder byzantinische Wurzeln. Das ist nicht abwegig, da alamannische Fürsten in der Spätantike im oströmischen Militärdienst tätig waren; und erst mit Clothar I. emanzipierten sich die Merowinger offiziell von der oströmischen Oberhoheit oder von oströmischen Schutzmachtallüren, wie die Ostgoten nur leidlich zu berichten mussten. Nur wirft diese byzantinische Affinität auch Fragen auf, denn die Goldgriffspathen können nicht – zumindest in den aktuellen Diskursen – diese Querverbindungen über Urformen etc. in den mediterranen Schwertstammbaum hinein vorweisen. Helme wurden importiert, aber Schwerter mit teils vermutlichem Rheinwaschgold irgendwo im Hoch- oder Oberrheingebiet, vielleicht auch im Rhein-Main-Mündungsgebiet produziert? Es ist vieles möglich, und die Verarbeitungseigenarten der Grabutensilien zeigen zumindest einen kunsthandwerklichen Austausch über die regionalen Grenzen hinweg. Intensivere Grabanalysen bei neuen und alten Funden verdichten das Netz an Zusammengehörigkeit, an Vertriebsstrukturen in der fränkisch-merowingischen Ära oder über die Grabbeigaben in Alemannia hinsichtlich der Assimilierung der alemannischen Elite in der Spätestantike. Wichtig ist dabei nur, dass nicht von vornherein ein Ausschlussdenken erfolgt bei der Spurensuche über die Grabbeigaben wie in Gültlingen oder andernorts. Da keine nennenswerten mitteleuropäischen Lagerstätten zur Verfügung standen, sind die Benutzung oder die Weiterverarbeitung indirekt Belege für die Existenz von Fernhandelskontakten zwischen Zentraleuropa und dem Mittelmeerraum. Wenigstens die merowingisch-fränkischen Eliten müssen über diesen Austausch mit der mediterranen Kultur in Berührung gekommen sein. Eigentlich war diese Assimilation zwangsläufig, da ohnehin germanische Verbände oder deren Angehörige in den Mittelmeerkulturen zumindest zeitweise assimiliert waren. Selbst eine Archäologiekoryphäe wie Joachim Werner muss mit seiner konträren Zeitgeistargumentation hinsichtlich der Analogien in den Werkstätten auf alemannischem Boden nicht Recht haben, da der Mangel an Funden Festlegungen verbietet. Das spätantike Grab bedarf der Öffnung nach dem Fund. Danach gibt es neue Erkenntnisse. Zu den anderen gefundenen Gräbern von 1905 (Abb. ), 1949 (Abb. ) lassen sich auch noch einige Worte verlieren. Das Grab 1905 bestand aus drei Funden: ein Krug mit Kleeblattmündung, ein Wirtel aus oak-schwarzem Glas und ein Tonwirtel (dieser ist chronologisch aber nicht datierbar). Diese Funde lassen sich allgemein in die Stufe II datieren. Im Grab von 1949 wurden diverse Bügelfibeln, Ohrringe, Ringe, Bronzenadeln, Silberlöffel, Messer und viele weitere Funde entdeckt. Dieses Grab wird insgesamt in das ausgehende 7. Jahrhundert datiert.

        V. Anhang

       V.I. Literaturverzeichnis

Ament, Fränkische Adelsgräber von Flonheim in Rheinhessen (Berlin 1970).

Bierbrauer, Alamannische Funde der frühen Ostgotenzeit aus Oberitalien, in: G. Kossack/G. Ulbert (Hrsg.) Studien zur vor- und frühgeschichtlichen Archäologie, Festschrift für Joachim Werner zum 65. Geburtstag (München 1974).

Bierbrauer/H. Steuer (Hrsg.), Höhensiedlungen zwischen Antike und Mittelalter von den Ardennen bis zur Adria (Berlin 2008).

H.W. Böhme, Der Frankenkönig Childerich zwischen Attila und Aetius. Zu den Goldgriffspathen der Merowingerzeit, in: Festschrift für 0.-H. Frey zum 65. Geburtstag. Marburger Studien, Vor- und Frühgeschichte (Marburg 1994).

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Quast, Die merowingerzeitlichen Grabfunde aus Gültlingen (Stadt Wildberg, Kreis Calw) (Stuttgart 1993).

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Williams, The Sword and the Crucible: A History of the metallurgy of European Swords up to the 16th Century (2012).

[1] J. Werner, Münzdatierte austrasische Grabfunde, in: Germanische Denkmäler der Völkerwanderungszeit 3 (Berlin/Leipzig 1935), S. 30 – 32.

[2] D. Quast, Die merowingerzeitlichen Grabfunde aus Gültlingen (Stadt Wildberg, Kreis Calw) (Stuttgart 1993), S. 21 – 22 (im Folgenden zitiert als: Quast, Gültlingen).

[3] Quast, Gültlingen,  S. 21.

[4] Vgl. zur Veranschaulichung der Oberflächenstruktur ei einem Schwert den Aufruf unter http://www.tf.uni-kiel.de/matwis/amat/iss/kap_b/illustr/ib_3_3.pdf vom 4. November 2017 und A. Williams, The Sword and the Crucible: A History of the metallurgy of European Swords up to the 16th Century (2012), S. 67.

[5] Das Niellieren (lat. nigellum: schwärzlich) gehört zu den farbgebenden Techniken, bei der das Niello-Pulver auf Metall geschmolzen wird für die Farbgebung.

[6] W. Menghin, Das Schwert im frühen Mittelalter. Wissenschaftliche Beibände Anz. Germ. Nationalmuseum 1 (Stuttgart 1983), S. 126.

[7] Quast, Gültlingen,  S. 26.

[8] Quast, Gültlingen, S. 27f.

[9] Quast, Gültlingen, S. 29.

[10] M. Vogt, Spangenhelme – Baldenheim und verwandte Typen, in: Römisch – Germanisches Zentralmuseum (Hrsg.), Kataloge vor- und frühgeschichtlicher Altertümer (Mainz 2006),  S. 45 – 47.

[11] Quast, Gültlingen S. 30 – 32.

[12] Quast, Gültlingen, S. 39.

[13] Quast, Gültlingen, S. 40.

[14] J. Werner, Neues zur Herkunft der frühmittelalterlichen Spangenhelme vom Baldenheimer Typus, in: Germania 66,2 (1988), S. 521 – 523.

[15] W. Holmqvist, Kunstprobleme der Merowingerzeit (Stockholm 1939), S. 128 – 130.

[16] W. Reinhard, Germanische Helme in westgotischen Münzbildern, in: Jahrbuch Numismatik und Geldgeschichte 2 (1950), S.43 – 45.

[17] H. Steuer, Helm und Ringschwert, Prunkbewaffnung und Rangabzeichen germanischer Krieger. Eine Übersicht, in: Studien zur Sachsenforschung 6 (1987), S. 190 – 192.

[18] K. Böhner, Germanische Schwerter des 5./6. Jahrhunderts. Jahrbuch RGZM 34 (Mainz 1987), S. 413.

[19] H.W. Böhme, Der Frankenkönig Childerich zwischen Attila und Aetius. Zu den Goldgriffspathen der Merowingerzeit, in: Festschrift für 0.-H. Frey zum 65. Geburtstag. Marburger Studien, Vor- und Frühgeschichte 98 (Marburg 1994), S.103 – 105.

[20] H. Steuer, Herrschaft von der Höhe. Vom mobilen Soldatentrupp zur Residenz auf repräsentativen Bergkuppen, in: Archäologisches Landesmuseum Baden-Württemberg (Hrsg.), Die Alamannen (Stuttgart 1997), S. 160.

[21] Vgl. hierzu Steuer, Heiko und Bierbrauer, Volker (Hrsg.), Höhensiedlungen zwischen Antike und Mittelalter von den Ardennen bis zur Adria, Berlin 2008, S. 295.

[22] Quast, Gültlingen, S. 21.

[23] Quast, Gültlingen, S. 22.

[24] V. Bierbrauer, Alamannische Funde der frühen Ostgotenzeit aus Oberitalien, in: G. Kossack/G. Ulbert, (Hrsg.), Studien zur vor- und frühgeschichtlichen Archäologie, Festschrift für Joachim Werner zum 65. Geburtstag (Müchen 1974), S.567.

[25] Quast, Gültlingen, S. 54f.

[26] H. Ament, Fränkische Adelsgräber von Flonheim in Rheinhessen (Berlin 1970), S.66.

V.II. Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: D. Quast, Die merowingerzeitlichen Grabfunde aus Gültlingen (Stadt Wildberg, Kreis Calw) (Stuttgart 1993), S. 16.

Abb. 2: D. Quast, Die merowingerzeitlichen Grabfunde aus Gültlingen (Stadt Wildberg, Kreis Calw) (Stuttgart 1993), S. 17.

Abb. 3: Landesmuseum Württemberg, Legendäre Meisterwerke. Kulturgeschichte(n) aus Württemberg (Stuttgart 2012), S. 123.

Abb. 4: K. von Welck/ A. Wieczorek/ H. Ament, Die Franken. Wegbereiter Europas. Katalog-Handbuch zur Ausstellung (Mainz 1996), S. 300.

Abb. 5: D. Quast, Die merowingerzeitlichen Grabfunde aus Gültlingen (Stadt Wildberg, Kreis Calw) (Stuttgart 1993), S. 35.

Abb. 6: D. Quast, Die merowingerzeitlichen Grabfunde aus Gültlingen (Stadt Wildberg, Kreis Calw) (Stuttgart 1993), S. 40.

Abb. 7: http://web.rgzm.de/uploads/_processed_/1/2/csm_O_29372_PH_2012_01943_800_91f7414321.jpg (zuletzt aufgerufen am 22.11.2017)

Abb. 8: https://www.numisbids.com/sales/hosted/gruen/064/thumb02877.jpg (zuletzt aufgerufen am 22.11.2017)

Abb. 9: Archäologisches Landesmuseum Baden-Württemberg 1997: Archäologisches Landesmuseum Baden-Württemberg, Die Alamannen (Stuttgart 1997), S. 179.

Klösterliche Grundherrschaft Grundlegendes zu Urbarien anhand der Abtei Werden

Klösterliche Grundherrschaft Grundlegendes zu Urbarien anhand der Abtei Werden

 

Abbildung 1

 

Inhaltsverzeichnis

Warum eine urbariale Einführung?

Vom Allgemeinen zum Exemplarischen:

Von der Villikation zum Werdener Urbar

Details zum Werdener Urbar A

Fortführende Hebeverzeichnisse

Urbarien … ein Mehrwert für den Archäologen?

Schlussbetrachtungen

Quellen und Literatur

Abbildungsverzeichnis

 

Warum eine urbariale Einführung?

 

Abbildung 2: Liutger aus Friesland

Die Benediktinerabtei Werden hätte ohne eine ökonomische Grundlage nie die Reputation im Mittelalter erreichen können. Der Klostergründer Liutgar aus Friesland hatte es bei der Klostergründung um 800 an der unteren Ruhr bereits hinsichtlich des Grundbesitzes über Kauf oder Schenkung berücksichtigt, um die Existenzgresundlage eines Klosters gewährleisten zu können. Die mittelalterliche Grundherrschaft nahm sich dieses Grundbesitzes an als archimedischer Punkt für Funktion und Ausbau der mediävalen Wirtschaft. Der Grundherr, hier das Werdener Kloster, übte dabei eine bipartite Grundherrschaft aus, bei der neben eigenbewirtschaftetem Salland Leiheland, Hufe oder Manse genannt, ausgegeben wurde. Eine verwaltungstechnische Notwendigkeit lag nun in der Kodifizierung von Rechten und Abgaben für die jeweiligen Güter. Diese Heberegister werden als Urbare bezeichnet, die in Werden seit dem 9. Jahrhundert vorlagen. Der quellentechnische Wert dieser Abgabenauflistungen liegt in der Strukturierung und Hierarchisierung bei Frondiensten, Hufen und Abhängigen. Daneben erhält der Leser einen Einblick in ein komplexes geographisch-politisches Beziehungsgeflecht. Werden hatte dabei nicht nur engeren Grundbesitz an der unteren Ruhr, sondern Mansen in Friesland, Westfalen und Ostsachsen.

In der Ausarbeitung will ich zunächst Begrifflichkeiten und Zuordnungen hinsichtlich urbarialer Gegebenheiten setzen zur Statuierung eines Orientierungsrahmens, ergänzt um passende Details zur Reichsabtei Werden. Detailreich werden dann die Konkretisierungen der Werdener Urbare A und B, wobei auch Normannen und die karolingische Renaissance ihren Platz beanspruchen werden bezüglich der gegengewichtigen Interpretation zur mündlichen Traditionskultur. Zum Schluss erfolgen Betrachtungen zum Wechselspiel mit der Archäologie, da nicht nur Troja und der Kampfplatz der Varusschlacht als dämpfende Belege hinsichtlich eines produktiven Miteinanders herhalten müssen, sondern ein symbiotisches Potenzial dogmatisch nicht nur unter ferner liefen betrachtet werden kann.

Vom Allgemeinen zum Exemplarischen: Von der Villikation zum Werdener Urbar

Das Urbar ist als Begrifflichkeit dem Lehnswesen zuzuordnen. Es ist eine Auflistung von Besitzrechten eines Lehnengebers und ein Zusammentragen von Pflichtensammlungen der Grundholden. Es sind Verzeichnisse von Liegenschaften und Grundherrschaftsdiensten, vorrangig gegenüber Klöstern oder Villikationen. Die Villikation bedarf dabei einer näheren Erläuterung. Der Begrifflichkeit nach ist es eine Kennzeichnung für eine administrative Einheit, bestehend aus einem Herrenhof und mehreren Bauernstellen, deren Betreiber dem Grundherren Abgaben leisten mussten und auf dem Herrenhof eine bestimmte Menge an Diensten ableisteten. Die Bauern einer Villikation waren Inhaber einer Hofstelle, begrifflich mit „mansus“ versehen. Diese administrative Form musste auch in der Ausprägung mehr als nur eine punktuelle Erscheinung gewesen sein, denn für die agrarische Nachwelt blieb es im Flächenmaß Manse[1] erhalten. Eine Mansenstelle sollte idealiter, nach Abzug der Grundherrschaftsabgaben, den zum (Über-)Leben notwendigen Bedarf der Bauern in einem normalen, von Dürreperioden oder anderen landwirtschaftlichen Unannehmlichkeiten bereinigten Kalenderjahr decken können. Verwaltungstechnisch war die Führung nur durch die Person des Grundherrn problematisch, da das Königsland oder die Besitzungen von namhaften Klöstern oft kein zusammenhängendes Terrain bildeten.[2] Bedingt durch die wenig komfortable Infrastruktur im Mittelalter und die – aus Sicht des Grundherrn – anvisierte gewinnbringende Auslastung der Ackerflächen, erfolgte eine dezentrale Administration. Es wurde eine mehrteilige Sonderform des Villikationssystems eingeführt, bestehend aus dem Grundherrn, dem auf einer Zwischenebene die Meier, auch villici genannt, unterstanden, und schließlich den in einer Villikation unter dem villicus stehenden zusammengefassten abhängigen Bauern. Falls nicht selbst vom Grundherrn bewohnt und bewirtschaftet, übernahm der Meier in Stellvertretung die Aufgaben. In dieser Funktion nahm sogar der Meier durch die Leitung der Hofgerichte unmittelbar an der praktischen Jurisprudenz teil. Auch dort zeigte sich die nicht unerheblich symbiotische Beziehung zwischen dem Grundherrn und dem Meier, denn durch die Gerichtseinnahmen gehörte es zu einer ökonomisierten Hoheitsfunktion. Die Meierschen Tätigkeitsfelder umfassten – und schon in der Landgüterverordnung capitulare de villis vel curtis imperii[3] gibt es diese Auflistungen – unter anderem die Bewirtschaftung des Sallandes und die Überwachung der grundherrschaftlichen Dienste. Weiterhin war der Meier für die

Abbildung 3: Capitulare des villis

Eintreibung der diversen Abgaben der Bauern seiner Villikation verantwortlich. Allerdings wird ein großer Teil der Grundherrschaften aus nur wenigen abhängigen Höfen bestanden haben, die einem in der sozialen                                                                                                                                  Schichtung entsprechend niedriger stehendem Grundbesitzer, zum Beispiel einem Angehörigen des „niederen Adels“ gehört haben. In diesen Mikro-Villikationen übernahm der Grundherr natürlich selbst die Aufgaben des villicus, die dieser zum Beispiel in einer klösterlichen Grundherrschaft besaß. Ein besonderes Unterscheidungsmerkmal der grundherrschaftlichen Organisationsform der Villikation im Verhältnis zur klassischen Abgabengrundherrschaft sind die Dienste, die von den zur Villikation gehörigen Bauern auf dem unmittelbar zum Fronhof gehörigem Land des Grundherrn, dem sogenannten Salland, zu leisten waren. Ihre Existenz zeigt, dass der Hof der Grundherren innerhalb der Villikation nicht als reine Sammelstelle für Abgaben fungierte, sondern daneben einen eigenen landwirtschaftlichen Betrieb mit Bedarf an Arbeitskräften bildete. Nun aber zurück zum Urbar.

Abbildung 4: Karl der Große

Sprachgeschichtlich stammt das Urbar ab vom Althochdeutschen ur-beran, einer Konstellation aus der Präposition ur und dem Verb beran, wortwörtlich aus dem Althochdeutschen recht anschaulich und treffend mit Ausgebären übersetzt.[4]  Die Übersetzung ist anschaulich dahingehend, dass mit dem Urbar stets eine schriftliche Fixierung von Ansprüchen einherging in einer Grundherrschaft. Entweder erfolgte die schriftliche Fixierung nach Sammlung des altersher gebräuchlichen Nießbrauches und der daraus resultierenden Abgabenpflicht oder der Hofmeier verfasste nach Befragung der Ortsansässigen unter Berücksichtigung regionaler Gewohnheiten ein variables Reglement bezüglich der Abgabenpflicht. Und wie sah es nun im Kloster Werden aus? Werden war in der Regierungszeit Karls des Großen zur Reichsabtei erhoben worden. Der Aufstieg dieses Klosters ist mit dem heiligen Liutgar aus Friesland verbunden, der nach den Sachsenkriegen Karls des Großen von Münster aus missionierte und um 800 das Kloster Werden im Grenzland zwischen Franken und Sachsen gründete. Die Stellung des heiligen Liutgar, der später auch Bischof von Münster wurde, war mit einer auctoritas ausgefüllt, die es ihm erlaubte, Werden als Eigenkloster zu führen. Bis 886 führten die Liutgeriden[5] als Äbte in Personalunion mit den episkopalen Sitzen in Münster (bis 849) und Halberstadt (bis 886) die Geschicke des Klosters Werden. Reichsklöster oder Klöster mit einem veritablen abteilichen Stammbaum waren zwingend veranlasst zur Dokumentation ihrer Liegenschaften, schon hinsichtlich des merklichen Stellenwertes in einem Itinerarsystem des Wanderkönigtums. Es ist daher nicht verwunderlich, dass im Zeitalter der Liutgeriden auch Urbarien aus Werden ihren Gang in die Historie der Heberegistererfassung fanden.

Details zum Werdener Urbar A

Abbildung 5: Ersterwähnung Dortmund

Das Urbar „A“ aus dem Kloster Werden – in Anlehnung an das Alter des Verzeichnisses so namentlich gehalten – gehört zu den ältesten frühmittelalterlichen Urbarien Deutschlands.[6] Erstellt vor 900, zeichnet es sich schon sprachwissenschaftlich als interessante spätkarolingische Rechts- und Wirtschaftsquelle aus, da neben der lateinischen Verkehrssprache auch das Altsächsische Verwendung findet. Zudem werden erstmals Orte wie Dortmund urkundlich erwähnt („In Throtmanni liber homo Arnold VIII denarios nobis solvit.“)[7]. Auch muss hinsichtlich der Motivlage zum Aufsetzen dieses Urbars in Ergänzung die Möglichkeit eingeräumt werden, dass – losgelöst von reichskirchlichen oder innerabteilichen Diskursen mit dem Konvent – die Normannen Auslöser zur Erstellung dieser Verzeichnisse Verantwortung zeigten. Dass das mit den Normannen aus dem Norden nicht so abwegig erscheint, zeigt die Geschichte des Klosters Prüm. Zu Beginn der achtziger Jahre des 9. Jahrhunderts fielen die Nordmänner regelmäßig über die Nordsee ein flussaufwärts entlang den Flüssen Rhein, Weser, Ems und gingen auf erbeuterisch motivierten Kulturaustausch mit der einheimischen Bevölkerung. Oder die Normänner fielen in das karolingisch-ostfränkische Herrschaftsgebiet ein und hinterließen die nordgermanische Variante der verbrannten Erde. Städte wie Köln oder Bonn wurden niedergebrannt, aber auch Klöster wie eben jenes aus dem rheinland-pfälzischen Prüm zerstört. Es ist gut möglich, dass analog zu dem

Abbildung 6: Prümer Urbar

Prümer Urbar von 893 in anderen Brudergemeinden – Prüm und Werden gehörten beide dem Benediktinerorden an – auch in Werden nach den Normannenzügen entweder zur Restauration oder zur Vorsorge die Verwaltungsstrukturen mit den erwirtschafteten Erträgen aus der Capitulare de villis schriftlich fixiert worden waren.

Was gibt nun das Urbar A her? Vom Aufbau her besteht das Verzeichnis aus 39 Blättern mit den Maßen 15,5–18,5 × 24 cm, sechslagig in Hirschleder eingebunden. Kleine Zettel, 17 an der Zahl, ergänzen die Blätter mit der Signatur Abbatie prepositure. Die Handschriften sind von verschiedener Natur, die älteste auf um die 900 datiert. Die 39 Blätter sind geordnet nach der Anzahl der jeweils vorhandenen Zeilen, wobei die Zeilenzahl zwischen 24 und 31 schwankt. Diese Spannweite ist auch ursächlich für die verschiedenen Maße der Blätter. In der Fachterminologie werden diese Blätter auch als folia (f.) bezeichnet. Heute werden 40 an der Zahl aufgelistet, da das Deckblatt zunächst keine Berücksichtigung fand. In Fachkreisen ist es nicht unüblich, diesen Folianten einen grundkapitalen Charakter zuzuschreiben hinsichtlich verwaltungstechnischer Obliegenheiten in Franken und in ostkarolingischen Gebieten für die Zeit der ersten Klosteräbte. Der renommierte sächsische

Wirtschaftshistoriker Rudolf Kötzschke titulierte immerhin dieses Urbar A als Grundbuch. Wie bei Urbarien üblich und auch der Tagespraxis geschuldet, das Urbar A in der heutigen Zusammenstellung existierte so nicht. Lediglich die Lagen 1 bis 3 und die Blätter 21, 26 und 14 mit gleichen Zeilen- und Seitenausmaßen gehörten zum Grundhebeverzeichnis des Klosters bei Abfassung der Blätter.[8] In der Lage I darf natürlich die Schenkungsurkunde von 855 nicht fehlen, die Werden zum Großgrundherren katapultierte, als ein gewisser Folker dem Stift Werden Gebiete im Einzugsgebiet der Diozösen Köln und Utrecht vermachte. Die Gebiete waren in der Geographie so weiträumig, dass ripuarisches Recht (lex Ripuaria) und salisches Recht (lex Salica) im juristischen Schriftverkehr im Werdener Konvent Berücksichtigung finden mussten. Bereits Leopold von Ledebur hatte sich im Rahmen seiner

Abhandlung zu den Brukterern 1827 mit dieser Geographie des Werdener Stifts beschäftigt.[9] Weitere Ämter sind mit Lüdinghausen, Albrads oder Sandrads (Lage II) gelistet. Weiterhin werden Traditionen des Hofs Heldringhausen oder die Abgrenzung des Werdener Zehntbezirks aufgeführt. Überregionale Traditionen (in der Wortbedeutung als Übergabe, Besitztum zu interpretieren) sind in der Auflistung von friesischen und westfälischen Einkünften vorhanden (Lage III), die indirekt die geographische Ausdehnung der Werdener Grundherrschaft demonstriert. Auch die Auflistung von Hörigen und Wachszinspflichtigen fehlt nicht (f. 14).  Vermutlich erfolgte diese Auflistung, um Rechtssicherheit zu erlangen bei der Vererbbarkeit des Hörigentitels auf die Kinder. Und der Umgang mit den Wachszinspflichtigen – eine abgeschwächte Form der Hörigkeit – sollten schließlich in quantitativer Restriktion durchgeführt werden. Die räumliche Streuung erfährt eine abermalige Stärkung durch die Nennung von Liegenschaften an der Emsmündung (Lage IV, f. 22-25), im Westfälischen (Dülmen, Lage V) und aus dem Rheindelta (Lage VI). Geeignet zum Diskurs ist der Umstand, dass die Lage V dem Inhalt nach die Administration der Osnabrücker Liegenschaften vor den Raubzügen der Normannen widerspiegelt, also – unter der Annahme der Hebung des unmittelbaren Istzustandes – die Lage V entweder in isolierter Fassung noch in der Endphase der Liutgeriden vorlag oder der Inhalt durch Kompilierung fortlaufend den restlichen oder den späteren Lagen beigefügt wurde.[10] Die Lage IV gilt allgemein als „friesische“ Ergänzung zu den ersten drei Lagen, alle wohl um 900 zeitlich datiert. Die Einarbeitung altdeutscher Ausdrücke in die Heberegister spiegelt den dynamischen Prozess wider bei der Erstellung und Kommentierung der grundherrschaftlichen Beziehungen. Auch scheint die Hinzunahme eines Begleitberichtes (raelatio magistri Radwardi) in f. 23v bei der Kompilierung des Urbars A auf den Drang hinzuweisen, die generationenübergreifende Fixierung von Verhältnissen mit der notwendigen Rechtssicherheit und Legitimation durchführen zu wollen. Psychologisch entlarven diese formalen Eigenarten eine Gesellschaft, die über die Symbolik des Mündlichen und die zeremonielle Besitzweitergabe unter Zeugen mit einer hinreichenden auctoritas die schriftliche Fixierung von Gütern, Gerechtsnamen oder Gefällen als mitunter schwierige Alternative zur mündlichen Traditionskultur sieht.

Fortführende Hebeverzeichnisse

Nicht näher in das Hochmittelalter datiert, aber eine Fortführung oder Aktualisierung des Urbars A ist das Hebeverzeichnis Urbar B, fünflagig und in den Größenmaßen 12–15 × 22–24 cm. Das Konvolut aus fünf Lagen, zwei einzelnen Blättern und vier Zetteln listet Besitzungen um Werden, in Friesland und in Westfalen auf. In der Lage I gibt es Aufzeichnungen aus dem Helmstedter Raum, offenbar eine nachträgliche Kodifizierung von Besitz- und Einkunftsrechten. Auf den Folia der ersten Lage sind zudem konkrete Gerechtsame aus dem westfälischen Kamen und Werl, zu Liegenschaften an der unteren Ems sowie im Raum Werden gelistet. Auch ein Herbergsrecht des von der jeweiligen Person unabhängigen Abts ist genannt (f. 8v) oder einzelne friesische Gerechtsame[11] werden aufgeführt (Tuchlieferungen auf f. 8r). Charakteristisch für die Lage II (f. 9-16) ist ein der Lage zugeordnetes Pergamentblatt, auf dem das Heberegister des Hofes Weitmar

Abbildung 7: Hof Weitmar bei Bochum, Karte aus dem Jahr 1780

bei Bochum geführt ist. Hier lag der Schulzenhof, der als direktes Bindeglied zwischen der Abtei und den ortsansässigen Kossathenstellen[12] diente. Weitere Register sind für Jeinsen im Calenberger Land (f. 12r), für das Helmstedter Umland (f. 10v-11v und f. 16v), für Friesland (f. 14v-15r) oder Westfalen (f. 15v-16r) aufgelistet. Spätestens hier verdeutlicht die Essener Abtei Werden auch die territoriale Begründung für eine Reichsabtei. Zudem konnte bei diesen geographischen Ausprägungen Werden nur über administrative Zweigstellen die Kontrolle über die Mansae gewährleisten und die ordnungsgemäße Überführung der Naturalleistungen in die Werdener Zentrale koordinieren. Die tendenzielle Anreicherung von nacherworbenen Gerechtsamen zeigt sich auch in der Lage III (f. 17-18), denn das ursprüngliche Hebeverzeichnis für Helmstedter Hufen (f. 17v-18v) erhielt eine Ergänzung um Speisegerechtsame von Mönchen an Festtagen (f. 18v). Auch hier liefert das Urbar indirekt Erkenntnisse zur Alltagsgeschichte von Mönchen in Klöstern. Und hier hilft auch eine Querverbindung zu Brüderklöstern weiter, denn Werden verfügt nicht über eine detaillierte Auflistung der Ess- und Trinkkultur seiner Glaubensbrüder im Mittelalter, aber der benediktinische Bruder aus St. Gallen. Dort spricht man unmissverständlich von mehreren Maßen Bier täglich für das Individuum aus der monastischen Gemeinschaft. Met war in den ostrheinischen Gebieten üblich und dem teils wenig qualitativen Wein als Getränk überlegen, dem man oft erst durch den Zusatz von Gewürzen oder Honig etwas abgewinnen konnte.[13] Das Motiv für die Speisegerechtsame in Werden mag die allzu übertriebene Quadragesima gewesen sein, denn in der Fastenordnung war gewöhnlich der Verzicht auf alles Tierische vereinbart. Lediglich Fischspeisen konnten als Eiweißsubstitution herangezogen werden in dieser Zeit.[14] Die Lagen IV (f. 19-20) und V (f. 21-28) enthalten u. a. die Leistungskataloge von (Helmstedter) Schulzen (f. 19r-v; f. 27v-28r)) sowie ein Zentralregister für die friesischen Einkünfte (f. 21e-27r).

Urbarien … ein Mehrwert für den Archäologen?

Können historische und archäologische Quellen ein produktives Zusammenspiel ergeben? Der archimedische Punkt liegt in der Gegenüberstellung von Schriftlichkeit und Nichtschriftlichkeit. Zunächst sind die paläohistorischen (nichtschriftliche Überreste und Traditionen) und historischen Quellen als kulturelles Zeugnis zu interpretieren. Die materialistischen Momentaufnahmen stehen jedoch im Kontrast zur Eigenart der Schrift, die in der Regel Quelle und Bezug nicht zeitgleich wiederspiegelt. Paläohistorische Quellen sind von enaktiver Natur, wohingegen die historischen Quellen aus der Abstraktion und Kodifizierung heraus die primären Erkenntnisse liefern. Die historischen Quellen verweisen damit auf ein größeres Symbolsystem. Darüber hinaus sind historische Quellen semiotisch von größerer Zugänglichkeit. Und in der Regel liefern historische Quellen eine Absichtserklärung, sind von traditionellem Wesen, also intentional. Die paläohistorischen Quellen sind oft stumme Überreste ohne konkrete Botschaft. Die Urbarien erfüllen diese charakteristischen Wesenszüge der schriftlichen Quellen.

Abbildung 8: Rekonstruktion der Aufbahrung Childerichs

Grabfunde können als Fixpunkte dienen für absolut- oder feinchronologische Systematisierungen der jeweiligen Grabinventare. Und die in der schriftlichen Überlieferung fassbaren Personen erhalten durch die zugehörigen Grabfunde ein anschaulicheres Bild. Das ist eine produktive Symbiose. Denken wir hier nur an das bereits 1653 entdeckte Childerichgrab von Tournai[15], bei dem über die Grabbeigaben Rückschlüsse auf politische und wirtschaftliche Beziehungen zu den Byzantinern und Osteuropäern geschlossen werden können oder in der prunkhaften Grabausstattung des Merowingers Childerich eine stärkere Stellung als byzantinischer Föderat erhält als man in den schriftlichen Quellen herauszulesen vermag. Die Archäologie kann hier eine Vorstellung von der sozialen und kulturellen Umwelt auslösen. Grundsätzlich liefert, bei allen Animositäten und Elfenbeinturmcharakteren, die historische Anthropologie ein ausbaufähiges Potenzial zur transdisziplinären Untersuchung bei der Katalogisierung von Überresten. Der Holismus ist der Weg. Ambivalenzen sind keine Belege für das Scheitern transdisziplinärer Ansätze, sondern bereichern nur die Mentalität des Vorschiebens. Das wahre Interesse an Affinitäten oder konsensualen Präsentationen baut Brücken, verfemt nicht. Urbarien können dem Archäologen Datierungshilfen geben (hier die Ersterwähnung Dortmund). Oder das Heberegister gibt Verflechtungen preis, die bei der archäologischen Zuordnung von Überresten Clusterbildungen ermöglichen (hier Werden und Helmstedt). Im Gegenzug erhält der Historiker über katalogisierte Überreste Modifizierungs- oder Verifizierungshilfen hinsichtlich einer Quellenkritik, Anhaltspunkte für den epochendimensionalen Charakter der Auflistungen oder einfach nur ein enaktives Pendant zur Kodifizierung mittelalterlicher Grundherrschaften. Die Symbiose ist fehlerresistenter oder weniger deterministisch, vergrößert die Strukturierungsdimension und vereinfacht überregionale Schlussfolgerungen. Tempus fert rosas.

Schlussbetrachtungen

Urbarien – und die Werdener Heberegister besitzen keine Präeminenz –  dienen zur Veranschaulichung und Bestätigung der grundherrschaftlichen Strukturen im Mittelalter. Sie sind ein Spiegelbild der Gerechtsamen von Lehengebern und liefern Belege für den überregionalen Charakter grundherrschaftlicher Verflechtungen. Sie sind zwar von geringem ikonischen Wert, aber auf der Abstraktionsebene verfügen sie über den archimedischen Punkt zur Konstruktion von grundherrschaftlichen Organigrammen. Die mediävalen Wirtschafts- und Sozialhistoriker sind der admirablen Fachabstinenz zuzuordnen, die dem Urbar gegenüber eine hostile Attitüde einnehmen. Zudem können sie ihre Utilität als Belegquelle in der jeweiligen ereignisgeschichtlichen Epoche demonstrieren. Ob karolingische Renaissance, das Spannungsfeld von Kodifizierung und mündlicher Tradierung im Mittelalter oder der dynamische Prozess in den Beständen der Heberegister, immer kann das Urbar für Amplifikationen und Konklusionen Verwendung finden. Zu den regional- oder sozialgeschichtlichen Konkreta gehören dabei debütierende urkundliche Erwähnungen von Orten oder exempli causa die fragmentarischen Gerechtsamen von Reichsabteien oder Mönchsorden. Damit das Urbar nicht der quellentechnischen Exhaustion ausgeliefert ist, gehört dieses Heberegister einer versatilen Quellenkritik ausgesetzt. Die transdisziplinäre Extension gehört dabei in die Betrachtungen integriert, da die historische Anthropologie und die Archäologie als Junktim ein produktives Äquivalent darstellen zur autarken Forschung. Sie müssen nicht eklektisch sein, aber der Wille zur austauschenden Kommunikation muss vorhanden sein. Der holistische Diskurs ist die Zukunft. Medio tutissimus ibis, la voie scientifique ist nach dieser ovidschen Poetik am erklecklichsten.

Quellen und Literatur

 

https:// www.dortmund.de/ de /leben_in_ dortmund/ stadtportraet/ stadtgeschichte/ anfnge17jahrhundert/ koenigliches / index.html.

https://www.hs-augsburg. de/~harsch /Chronologia/ Lspost08/CarolusMagnus/ kar_vill.html.

http://www. koeblergerhard.de/ahdwbhin.html.

Bitsch, Roland, Trinken, Getränke, Trunkenheit, in: Essen und Trinken in Mittelalter und Neuzeit, hrsg. v. Bitsch, Irmgard, Ehlert, Trude u. a., Sigmaringen 1987, S. 208f.

Eggert, Manfred, Über archäologische Quellen, in: Fluchtpunkt Geschichte, Archäologie und Geschichtswissenschaft im Dialog, hrsg. v. Burmeister, Stefan und Müller-Scheeßel, Nils, Münster 2010, S. 30ff.

Gerchow, Jan (Hrsg.), Das Jahrtausend der Mönche – Werden 799 – 1803, Esssen/Köln 1999, S. 452f.

Kötzschke, Rudolf, Die Urbare der Abtei Werden a. d. Ruhr: Sammlung von Urbaren und anderen Quellen zur Rheinischen Wirtschaftsgeschichte, Bonn 1906, S. 22ff.

Kötzschke, Rudolf, Studien zur Verwaltungsgeschichte der Großgrundherrschaft Werden an der Ruhr, Leipzig 1901, S.6ff.

Rösener, Werner, Villikation, in: Lexikon des Mittelalters, hg. von der Histor. Kommission bei der bayer. Akademie der Wissenschaften, Bd. München/Zürich, Sp.1694-1695.

Schulze, Hans, Siedlung, Wirtschaft und Verfassung im Mittelalter, Ausgewählte Aufsätze zur Geschichte Mittel- und Ostdeutschlands, Köln 2006, S. 218.

Theuerkauf, Gerhard, Villikation, in: Handwörterbuch zur dt. Rechtsgeschichte, hg. von Erler, Adalbert et al., Berlin 1993, Sp. 919-923.

  1. Ledebur, Leopold, Das Land und Volk der Bructerer, als Versuch einer vergleichenden Geographie der dritten und mittleren Zeit, Berlin 1827, S. 28.

zur Nieden, Andrea, Der Alltag der Mönche, Studien zum Klosterplan von St. Gallen, Hamburg 2008, S. 310f.

[1] Eine Manse ist ein mittelalterliches Flächenmaß und wurde synonym zur im ostrheinischen Teil des Frankenreiches gebräuchlichen Hufe verwendet. Die Manse hatte zu Beginn der Karolingerzeit einen in der Verwendung variablen Charakter, da die Durchschnittswerte im Ausmaß um das Dutzend Hektare schwankte. Die Größe schwankte auch sehr stark, da sie von der Beschaffenheit des Bodens, den Arbeits- und Ertragsbedingungen vor Ort und den vereinbarten Abmachungen abhängig war. Später hatte eine Manse 30 bis 65 Ar und kann als Tagewerk aufgefasst werden. Das heißt, die Fläche konnte mit einem Gespann Ochsen an einem Tag umgepflügt werden. Um der Multiperspektivität Rechnung zu tragen, die Manse wird auch für Hofeinhheiten im Fränkischen Reich als Begrifflichkeit verwendet. Im Rahmen der Karolingischen Renaissance von Karl Martell bis Karl dem Großen erfolgte die Einteilung des landwirtschaftlich nutzbaren Terrains in Mansen, um ein organisatorisches Fundament zur anstehenden Christianisierung/Machterweiterung zu erhalten.

[2] Vgl. hierzu Rösener, Werner, Villikation, in: Lexikon des Mittelalters, hg. von der Histor. Kommission bei der bayer. Akademie der Wissenschaften, Bd. , München/Zürich , Sp.1694-1695 und Theuerkauf, Gerhard, Villikation, in: Handwörterbuch zur dt. Rechtsgeschichte, hg. von Erler, Adalbert et al., Berlin 1993, Sp. 919-923.

[3] Das Capitulare de villis kann unter https://www.hs-augsburg. de/~harsch /Chronologia/ Lspost08/CarolusMagnus/ kar_vill.html abgerufen werden.

[4] Vgl. hierzu das in digitalisierter Form zugängliche, althochdeutsche Wörterbuch von Gerhard Köbler aus dem Jahr 2014, abrufbar unter http://www. koeblergerhard.de/ahdwbhin.html.

[5] Die Liutgeriden sind ein Sammelbegriff für die abteiliche Perrsonalbestellung des Klosters Werden im 9. Jahrhundert mit Auslegung auf die Person des heiligen Liutgers, des Klostergründers. Zu den Liutgeriden gehören Hildegrim I. (809-827), Gerfried (827-839), Thiatgrim (839-840), Altfried (840-849) und Hildegrim II. (849-886). Doch mit Hildegrim II. fiel das Eigenkloster vermehrt in den Zugriff weltlicher Herrscher zwecks Eingliederung in das Itinerarsystem der deutschen Könige, so das vom ostfränkischen König Ludwig dem Jüngeren (876–882) erbetene Privileg über Königsschutz, Immunität und freie Abtswahl. Die Zeit der Werdener Wahläbte und die Zeit als Reichskloster hatten begonnen. Seit dem Wandel zum Reichskloster war die Beziehung zum jeweiligen Erzbischof von Köln eng und dessen Einfluss beträchtlich. Die Stellung einer exemten, nur dem Papst unterstellen Abtei konnte Werden nie erringen.

[6] Vgl. hierzu grundlegend Kötzschke, Rudolf, Die Urbare der Abtei Werden a. d. Ruhr: Sammlung von Urbaren und anderen Quellen zur Rheinischen Wirtschaftsgeschichte, Bonn 1906, S. 22ff.

[7] Der entsprechende Auszug aus dem Werdener Urbar A kann unter https:// www.dortmund.de/ de /leben_in_ dortmund/ stadtportraet/ stadtgeschichte/ anfnge17jahrhundert/ koenigliches / index.html abgerufen werden.

[8] Vgl. hierzu und allgemein zur formalen Analyse des Urbars A den Ausstellungskatalog zum Jahrtausend der Mönche, herausgegeben vom heutigen Direktor des Historischen Museums der Stadt Frankfurt am Main Jan Gerchow: Gerchow, Jan (Hrsg.), Das Jahrtausend der Mönche – Werden 799 – 1803, Esssen/Köln 1999, S. 452f.

[9] Vgl. hierzu v. Ledebur, Leopold, Das Land und Volk der Bructerer, als Versuch einer vergleichenden Geographie der dritten und mittleren Zeit, Berlin 1827, S. 28.

[10] Vgl. hierzu und weiterführend Kötzschke, Rudolf, Studien zur Verwaltungsgeschichte der Großgrundherrschaft Werden an der Ruhr, Leipzig 1901, S.6ff.

[11] Die Gerechtsamen sind Vorrechte oder Rechte, aus denen heraus Taten und Handlungen legitimiert waren. Für den Raum Werden waren im Urbar B sogenannte Waldgerechtsame aufgeführt, bei denen der dem Recht Zugesprochene die unentgeltliche Nutzung des örtlichen Waldes für die Holzgewinnung besaß.

[12] Der Kossathe war Eigentümer einer kleinen Landparzelle, häufig am Dorfrand angesiedelt. Diese Ackereinheiten werden als Kotten bezeichnet, eine heute noch im westfälischen Raum verbreitete Begrifflichkeit für Kleinbauern. Vgl. hierzu Schulze, Hans, Siedlung, Wirtschaft und Verfassung im Mittelalter, Ausgewählte Aufsätze zur Geschichte Mittel- und Ostdeutschlands, Köln 2006, S. 218.

[13] Vgl. hierzu Bitsch, Roland, Trinken, Getränke, Trunkenheit, in: Essen und Trinken in Mittelalter und Neuzeit, hrsg. v. Bitsch, Irmgard, Ehlert, Trude u. a., Sigmaringen 1987, S. 208f.

[14] Vgl. hierzu die Dissertation von zur Nieden, Andrea, Der Alltag der Mönche, Studien zum Klosterplan von St. Gallen, Hamburg 2008, S. 310f.

[15] Vgl. hierzu ausführlich hinsichtlich der Grabbeigaben und des Zusammenspiels zur Archäologie Eggert, Manfred, Über archäologische Quellen, in: Fluchtpunkt Geschichte, Archäologie und Geschichtswissenschaft im Dialog, hrsg. v. Burmeister, Stefan und Müller-Scheeßel, Nils, Münster 2010, S. 30ff.

 

Abbildungsverzeichnis​

Abbildung 1:

Bild 1 und 2: 

https://de.wikipedia.org/wiki/Kloster_Werden

abgerufen am 13.01.17

Bild 3:

Landesarchiv NRW, Abteilung Rheinland – Werden, Akten IX a Nr. 1 a, Blatt 27 r.

http://www.marburger-repertorien.de/

abbildungen/pr/DussHstAWerdenIXa1a_Bl27r.jpg

abgerufen am 13.01.17

Abbildung 2: Ludger-Reliquiar im Ludgerus-Dom in Billerbeck

https://www.heiligenlexikon.de/BiographienL/

Liudger_Ludger.htm 

abgerufen am 13.01.17

 

Abbildung 3:

Ausschnitt aus der capitulare de villis vel curtis imperii

 https://pl.wikipedia.org/wiki/Capitulare_de_villis

abgerufen am 13.01.17

Abbildung 4: Karl der Große ließ eine Vielzahl neuer Klöster bauen.

http://www.history.com/news/historys-best-and-worst-dads/print

abgerufen am 13.01.17

Abbildung 5;

 

 

Ersterwähnung Dortmunds im Werdener Urbar zwischen 880 und 884

https://www.dortmund.de/de/leben_in_dortmund/

stadtportraet/stadtgeschichte/

anfnge17jahrhundert/koenigliches/index.html

abgerufen am 13.01.17

 Abbildung 6:

Prümer Urbar

https://www.landeshauptarchiv.de/service/landesgeschichte-im-archiv/blick-in-die-geschichte/archiv-nach-jahrgang/29090855/

abgerufen am 13.01.17

 
 
Abbildung 7:

Hof Weitmar bei Bochum, Karte aus dem Jahr 1780

https://de.wikipedia.org/wiki/Haus_Weitmar

abgerufen am 13.01.17

Abbildung 8:

Rekonstruktion der Aufbahrung Childerichs

Rekonstruktion der Aufbahrung Childerichs (Grafik: RGZM / V. Kassühlke)

http://web.rgzm.de/ueber-uns/presse/pressemitteilungen/pm/article/rgzm-eroeffnet-intervention-zum-thema-macht/

abgerufen am 13.01.17

In Memoriam Franz Wilhelm Fickermann – Zum 130jährigen Todestag einer Werler Legende

In Memoriam Franz Wilhelm Fickermann –

Zum 130jährigen Todestag

einer

Werler Legende

 

 

 

Abbildung 2: Todesanzeige

Requiescat in pace, Du Sohn dieser Stadt“, hieß es am 21. Mai 1888 und in den darauf folgenden Tagen in der westfälischen Stadt Werl. Zur frühen Stunde an jenem besagten 21. Mai des Jahres 1888 verstarb der langjährige Bürgermeister Franz Wilhelm Fickermann nach kurzem Krankenlager durch einen Herzschlag im Kreise der Seinen.  Nur wenig später in den frühen Morgenstunden nach dem Dahinscheiden der kommunalpolitischen Institution war es dem Magistrat und den Hinterbliebenen ein Wichtiges, den Nekrolog und

Abbildung 3: Nachruf

das Requiem für den 24. Mai 1888 noch mit dem Sterbetag publiziert zu haben. Nicht in der Saturierung der niederen Mitteilungsbedürftigkeit dieser Zeitnähe begründet, sondern der Respekt und die Ehrerbietung vor der Lebensleistung des seit 1857 amtierenden Bürgermeisters verpflichteten die Zeitgenossen, Weggefährten und Hinterbliebenen zu zeitnaher Kondolenz abseits jedweden Menetekels des Alltäglichen.

Es sind nun 130 kommunale Jahre in das Land gegangen, seit der oberste Ratsherr in Werl im – ob der drei Achten im Jahr – spöttisch formulierten Dreibrezeljahr 1888 verstarb, nur wenige Wochen nach dem Ableben des Hohenzollern Wilhelm I. im Dreikaiserjahr. Dilettantismus war dem Bürgermeister Fickermann nicht bescheinigt worden im kommunalen Tagesgeschäft, das insbesondere nach der Reichsgründung 1871 von hoher diplomatischer Empathie durchdrungen war. Die Honoratioren der Stadt und der Klerus mit ihren ausgeprägten Netzwerken in der damals inoffiziellen Wallfahrtsstadt Werl pflegten nur mit großer Reserviertheit Kippe zu machen mit dem Werler Liktoren des Bismarck´schen Kulturkampfes, als gerade in der Hochphase der Auseinandersetzungen zwischen dem Reichskanzler Bismarck und der katholischen Minderheit in den siebziger Jahren die polemische Kommunikationskultur wenig prätentiös erschien. Besonders während der Exekutionsphase des Klostergesetzes von 1875 ermöglichte Franz Wilhelm Fickermann mit konstruktivem Dialog die gravitätische Abwicklung der Kapuziner- und Franziskanertradition in Werl, wobei er bereits im Vorfeld dahingehende Ministerialerlasse der zuständigen Amtsregierung in Arnsberg durch Bürgermeister Fickermann umsichtig unter Wahrung des Stadtfriedens auf kommunaler Ebene umsetzte. Denken wir nur an das Verbot der Kollekte zu Beginn des Jahres 1875, als der Bürgermeister dem Guardian des Franziskanerordens die strafbare Relevanz der Fortführung der Kollekte mithilfe von sachlichen Diskurse und pietätsvollen Grundsatzentscheidungen so vermittelte, dass dieser Bruch mit der klerikalen Tradition nicht das politische Klima vergiftete.

Am 17. September 1881 wurde daher ohne Parlieren und in Abkehr jeglicher Magistratszwistigkeiten Franz Wilhelm Fickermann nach zwei zwölfjährigen Amtsperioden einstimmig auf Lebenszeit wiedergewählt.  Die private und die öffentliche Person waren reputabel, standen nicht im Fokus der wie im Fetisch zelebrierenden Meinungsfacetten der Abgeordnetenfraktionen. In toto waren die kommunalpolitischen Aktivitäten des Franz Wilhelm Fickermann getragen von einer persönlichen Hingabe. Sein prinzipieller Arbeitseifer war in der Verankerung fanatisch frei von Restriktionen. Lediglich auf diesem Gebiet hätten sich einige Weggefährten eine selbstauferlegte Mäßigung des beliebten Ortsvorstehers erhofft, da gerade in den letzten Lebensmonaten Fickermann im kräftezehrenden Krankenstand ohne persönliche Zurückhaltung seiner Arbeit vollumfänglich nachging. „Magna cum laude!“, so hieß es auch in den Amtsstuben seiner Dienstvorgesetzten.  Ob Arnsberg oder in persona der greise Kaiser Wilhelm I. als sein oberster Dienstherr, des sonst im obligatorischen Untertanenmodus operierenden wilhelminischen Behördenapparats standen Spalier angesichts des Fickermannschen Arbeitseifers. Die Verleihung des Kronenorden 4. Klasse und Roten Adlerordens an Franz Wilhelm Fickermann gehörten somit nicht in die unpersönliche Lamettabeigabe ehrenhalber für angehende Pensionäre, sondern waren demonstrative Zeugnisse einer politischen Lebensleistung. Diese elitären wilhelminischen Dankbarkeitsbekundungen symbolisierten noch einmal die Außenwirkung des Lobgepreisten.

Mit Leib und Seele war dieser Kommunalpolitiker seinem Amt verpflichtet, in dem er stets mit selbstloser Aufopferung die Frage nach der Notwendigkeit stellte für die Bedürfnisse der Werler Stadtbevölkerung. Persönliche Eitelkeiten, narzisstisches oder hämisches Gedankengut und Vetternwirtschaft waren ihm fremd. Ob jedoch Franz Wilhelm Fickermann über die Generationen hinweg als politisches Leitbild vereinnahmt werden kann oder die heutige Politikerkamarilla in Distanz zu diesem Urgestein stehen muss, bleibt der Deutungshoheit des Lesers überlassen und sollte in Abhängigkeit zu den jeweiligen Werten und Normen betrachtet werden. Ohne Zweifel gehört aber Fickermann zu den Werler Stadtvätern mit bleibendem Eindruck. Die Amtsberufung auf Lebenszeit ist der archimedische Punkt zur Charakterisierung dieses Mannes, der Stadtgeschichte schrieb. Ein eloquenter Charismatiker eben! Erst viel später sollte eine Nachfolgerin im Amt, Amalie Rohrer, erste Bürgermeisterin der Stadt Werl und Bundesverdienstkreuzträgerin am Bande, Fickermann in Eloquenz und Taktgefühl mindestens ebenbürtig sein. Das ist aber eine andere Werler Rathauspersonalie.

Abbildungsnachweis:

 

 

Abbildung 1:

StA Werl

Dienstregistratur Akte 42,1

Abbildung 2:

StA Werl Akte E 11 b Nr. 34
Abbildung 3:

StA Werl

Volksblatt Fickermann

Zur Wahl Lothars III. von Supplinburg

Zur Wahl Lothars III. von Supplinburg

Abbildung 1: Lothar von Supplinburg (1075-1137) bei seiner Wahl zum König

Inhaltsverzeichnis:

  1. Die Suche nach der Schwerpunktsetzung zur Kommentierung der Königswahl von 1125

 

  1. Die Kandidatensituation am Vorabend der Königswahl

 

  1. Der Weg zur Narratio

 

  1. Auskünfte der Narratio über die Abläufe

 

  1. Lotharius rex sit!

 

Quellen- und Literaturverzeichnis

  1. Die Suche nach der Schwerpunktsetzung zur Kommentierung der Königswahl von 1125
Abbildung 2: Lothar von Supplinburg

Ob die zahlreichen Gegenkönige mit Intermezzoflair oder die Hauptakteure im Interregnum des 13. Jahrhunderts im Altreich fachwissenschaftlich, literarisch oder multiperspektivisch ausreichend gewürdigt werden, bleibt dem Kenner oder Interessierten pro domo überlassen nach stabiler Bibliographie. Der Ludowinger Heinrich Raspe, der Gerulfinger Wilhelm, Richard von Cornwall aus dem Haus Anjou-Plantagenêt oder der Wittelsbacher Ludwig gehören in die Gruppierung der römisch-deutschen Könige, aus der heraus für die Nachwelt wenig mit dem Mittelalter in Verbindung gebracht wurde, alleine schon die flächendeckende Unkenntnis der vorgenannten Titelträger erschwert adäquate Prädikate. Lothar von Supplinburg, Angehöriger des sächsischen Hochadels und Weggefährte Heinrichs V., gehört zu den Königstitelträgern, die mit überschaubarer genealogischer Reputation dem Altreich vorstanden. Ohne Geblütsrecht ausgestattet, abseits einer

Abbildung 3: Thietmar von Merseburg

elitären kognatischen Abstammung, stand der Wahlkönig im Regulativ der Wahlzeremonie stets zur Disposition in Abhängigkeit tagespolitischer Konstellationen. Schon der Chronist Thietmar von Merseburg brachte diese Diskrepanz zwischen dem Wahlkönig und dem Geblütsanrechtigen zum Ausdruck, indem er die Metapher vom fehlenden vierten Rad am Wagen verwendete („…tuo quartam deesse non sentis rotam?“).[1] Die nachfolgenden Ausführungen wollen exemplarisch an der Königswahl von 1125 die Suprematie wahltaktischer beziehungsweise wahlrechtlicher Aspekte im Altreich verdeutlichen. Und das Referat will mit diesen Ausführungen die erbmonarchischen Tendenzen in ihren Bemühungen auf den verlorenen Posten katapultieren. Die Grundlage für diese Ausführungen bildet unter Verwendung von Zitaten die Narratio de electione Lotharii Saxoniae ducis in regem Romanorum von Wilhelm Wattenbach[2], wobei dem damaligen Mainzer Erzbischof Adalbert und dem Wahlprozedere in Mainz am Beispiel des eher unbekannten Lothar von Supplinburg eine besondere Rolle zukommen werden, um die Präeminenz des Wahlgedankens im Altreich zu veranschaulichen.

            2. Die Kandidatensituation am Vorabend der Königswahl

Die Übergabe der Reichsinsignien erfolgte bei den Ottonen und Saliern in der Regel durch die Designation. Die Erbmonarchie drohte zum Fundament des regnum Theutonicum zu werden, und die Fürsten sahen darin den archimedischen Punkt ihres Machtverlustes im Wahlkönigtum. Schon die Wahl Rudolfs von Rheinfelden 1077 als Gegenkönig zum Bußgänger Heinrich zeigte im Designationsverbot für Rudolfs auserwählten Sohn[3] die wahren Absichten der Reichsfürsten: Die Partikulargewalten  gewähren dem Gewählten protokollarischen Vorrang als primus inter pares, jedoch mit exekutivem

Abbildung 4: Heinrich der Fünfte. 1106–1125

Schwerpunkt, nicht in legislativer Ausrichtung. Ähnlich verhielt es sich 1125 nach dem Tod des letzten Saliers. Heinrich V. starb, und durchaus passende Kandidaten aus dem Verwandtenkreis wie die staufischen Neffen Friedrich und Konrad waren Kandidaten für die Nachfolge des kinderlosen Saliers Heinrich V., die aber nicht per se durch die Verwandtschaft eine Sonderstellung einnahmen. Auch Leopold von Österreich, Stiefvater der staufischen Neffen, gehörte zum auserwählten Kandidatenkreis. Es gab jedoch keinen verwandtschaftlichen Automatismus. Nicht von minderer Bedeutung war die Übergabe der Reichsinsignien an den potentiellen Nachfolger. Denken wir nur an die

Abbildung 5: Heinrich wird beim Vogelstellen im Wald die Königskrone angetragen

legendäre Szene, in der der Vogelfänger Heinrich vom Franken Konrad im Vorfeld der Königswahl 919 die Reichsinsignien übertragen bekam. Diese Weitergabe fand so in den letzten Lebensmonaten bei Heinrich V. nicht statt. Er übergab sie seiner Frau Mathilde, die die Kleinodien auf der Burg Trifels in der Pfalz aufbewahrte. Erzbischof Adalbert von Mainz konnte offenbar die Witwe Mathilde zur Übergabe der Reichsinsignien bewegen, und der Erzbischof von Mainz durfte sich so in die ansehnliche Aura des Königsmachers begeben.[4] Offenbar war selbst bei der englischen Prinzessin Mathilde wenig Neigung zu spüren, sich allzu offensiv mit familiärem Dünkel in die Kandidatensondierungsphase zu begeben. Dieses Exempel statuierte die fragilen Tendenzen des erbmonarchischen Denkens im personenverbandsstaatlichen Theutonicum, denn – ursprünglich Weggefährte des letzten Saliers – überwarf sich Adalbert mit Heinrich V. und musste aus dem elitären Regierungszirkel austreten. Nun besann er sich seiner legitimen Wahlrechtsobmannfunktion und warf alle rhetorischen Mittel in den Königsmacherring gegen die salische Kandidatenfraktion im Vorfeld des Hoftages zu Mainz 1125.[5] Der rechtliche Primat bei Verhandlungen während der Thronvakanz war seit alters her dem Mainzer zugestanden, denn schon bei Lampert von Hersfeld ist eine Form des episkopalen Geblütsrechts herauszulesen („…archiepiscopus Mogontinus. cui potissimum propter primatum Mogontinae sedis elegendi et consecrandi regis auctoritas deferebatur …”).[6] Und diese administrative Primogenitur in der Königsmacherphase wurde durch den Mainzer Adalbert mit persönlicher Befriedigung ausgereizt.

                3. Der Weg zur Narratio

Wie ist nun die Braunschweiger Personalie Lothar Supplinburg quellentechnisch zu gewichten. Nach den Begräbnisfeierlichkeiten in Speyer für den letzten Salier und der dann anschließenden Wahlversammlung in Mainz formierten sich die Wahlmänner der verschiedenen Lager im frühmittelalterlichen Wahlkampfmodus. Die Kaiserchronik eines Hofgeistlichen aus Regensburg ist dabei, schon mit Blick auf die Entstehungszeit Mitte des 12. Jahrhunderts, eine aussagekräftige Quelle.[7] Hier findet keine pathetische Heroisierung des Braunschweigers Lothar von Supplinburg statt, keine manneskräftigen Wahlkampfschlachten werden in gereimten Versen angeboten oder rufschädigende Hetzfraktionen bei den Saliern, Staufern oder den Sachsen propagandistisch im kolorierten Frontalangriffspanorama dargeboten. Lediglich die fürstliche Beratung in Aachen und die Gesandtschaft nach Braunschweig können in der Kaiserchronik quellentechnisch attackiert werden, da sie nirgends Erwähnung finden. Diese Quellenkritik kann aber sine quaestione entkräftet werden, da der Sprachstil und der Tenor des Autors der Kaiserchronik hinsichtlich der Mainzer Wahlversammlung und der Fokussierung auf die Personalien Adalbert und Lothar nicht zur Dramatisierung geeignet sind. Und die Kaiserchronik entstand nur ein Vierteljahrhundert nach dem Ereignis, also noch von Zeitzeugen oder Weggefährten wahrgenommen inmitten der Stauferdynastie.

Lässt die Kaiserchronik mit multiperspektivem Drang noch in der Königswahl 1125 einen Diskursspielraum, so wird jener Königswahlbericht in toto realiter zum Status quo des in Auslegung und Wahrnehmung existierenden Verfassungsrechts des 12. Jahrhunderts, der in der Geschichtsquellenbibliographie unter dem Namen Narratio de electione Lotharii Saxoniae ducis in regem Romanorum Eingang gefunden hat. Die Narratio wurde 1721 im niederösterreichischen

Abbildung 6: Kupferstich Kloster Göttweig

Kloster Göttweig gefunden und auf die Mitte des 12. Jahrhunderts datiert. Vermutlich ist sie aber älteren Datums, denn der detailintensive Wahlablaufbericht bei gleichzeitiger Nichterwähnung der nach 1125 vorliegenden Dispute zwischen Lothar und den Staufern liefert ein Indiz für eine Abschrift, die 1721 im Kloster Göttweig gefunden wurde, das Original konnte demnach kurz nach der Wahlversammlung am 24. August 1125 entstanden sein. Der Fundort in Niederösterreich selbst ist dabei nicht verwunderlich, da der Sachse Lothar mit dem Grafen von Formbach verwandt war, aus dessen Familie wiederum Gründungsväter des Klosters stammten.[8]

           4. Auskünfte der Narratio über die Abläufe

Die Einführungsworte der Narratio liefern für das zeitnahe Aufsetzen der Mainzer Wahlabläufe bereits ein Indiz, wenn der Verfasser formuliert:

„In curia nuper Mogontiae celebrata quid dignum memoria gestum fuerit, qualiter electio regis processerit, breviter cartae mandavimus.“[9]

Eine weitere Passage der Narratio zeigt, losgelöst von jeglicher Intensität verwandtschaftlicher Beziehungen oder von guter leumundiger Designation, die grundsätzliche Genese des rex Romanorum über wahlmodale Gesichtspunkte im Altreich:

Dux autem Fridericus adiuncto sibi episcopo Basilensi ceterisque Sweviae principibus, ac quibusque nobilibus, e regione ex altera Reni parte consederat, (…): et paratus in regem eligi, sed non regem eligere, prius explorare volebat, quem ex omnibus pricipum assensus promovere pararet.[10]

Abbildung 7: Marktgraf Leopold von Österreich (links)

Der aussichtsreiche Stauferkandidat Friedrich blieb also in diesem offensichtlichen Vabanquespiel um den Königsthron in Abstand zu den anderen Kandidatenlagern, angeführt vom Sachsen Lothar und vom Markgrafen Leopold von Österreich. Auch die Einrichtung eines Wahlmännergremiums („…, primo decem ex singulis Bawariae, Sweviae, Franconiae, Saxoniae provinciis principes consilio utiliores prosposuerunt, …“)[11] bestehend aus den Oberen der Stämme, verdeutlicht das den erbmonarchischen Tendenzen widersprechende Verfassungsrecht im regnum Teutonicum. Dass die Narratio lediglich von drei Kandidaten zu berichten weiß, wohingegen Otto von Freising einen vierten Kandidaten mit Karl von Flandern namentlich erwähnt, soll den Aussagewert der Narratio nicht schmälern, denn jener Graf gab schon in den Vorverhandlungen des Hoftages zu Mainz seinen Verzicht bekannt. Vielmehr scheint das Verhalten des Erzbischofs Friedrich von Köln, der beim flandrischen Grafen anfragte, einen weiteren Beleg zu liefern für den tief verwurzelten teutonischen Drang nach Etablierung von Kandidaten im Vorfeld einer Königswahl.[12] Wenn wir der Narratio Glauben schenken können, dann folgte im weiteren Wahlgeschehen eine Lehrstunde teutonischer auctoritas oder besser: deren Verlust nach Zurschaustellung einer wie auch immer begründeten Designation. Lothar und Leopold verzichteten jedoch und verpflichteten sich nach Rückfrage des Mainzer Erzbischofs ohne jegliche Einschränkung auf die Eidbekundung dem zukünftigen König gegenüber.[13] Wie stark die persönliche Abneigung des Mainzer Erzbischofs gewesen sein mag oder der mögliche rex Teutonicum das Synonym für den primus inter pares statuierte, kommt nun in der Reaktion auf folgende Anfrage des Mainzers Adalbert zum Ausdruck:

Requisitus ergo dux Fridericus, utrum ipse quoque sicut et ceteri ad totius ecclesiae regnique honorem et liberae electionis commendacionem perpetuam idem quod ceteri fecerant facere vellet, sine consilio suorum in castris relictorum se respondere nec velle nec posse asseruit; (…)[14]

Zur Ehre der Kirche, des Reiches und für die freie Wahl sollte Friedrich – lediglich über einen zeremoniellen Sprachakt –  auf die Designation verzichten? Adalbert kannte offenbar den Staufer besser als gedacht, denn jener entzog sich dem traditionellen Wahlmodus zum Trotz der Verantwortung durch Flucht in das staufische Wahllager. Friedrich verschmähte, getragen von erbrechtlichen Gedanken, aber in erster Linie das freie Wahlrecht der Fürsten, zumindest in der Außenwirkung.[15] Die leichte Abänderung der Loyalitätspassage im Wahlmodus lieferte aber bereits das Indiz für eine merkliche Antipathie dem Staufer gegenüber. Der Kleriker hatte in Rechten und Pflichten hinsichtlich des legitimen Wahlfindungsaktes genauso die Genese zur Austarierung zu garantieren wie das selbstverpflichtende Rollenspiel der Kandidaten, so Friedrich es hätte wahrgenommen. Und diese Wahrnehmung konnte nicht ausschließlich durch das persönliche Schisma zwischen Adalbert und dem letzten Salier verursacht worden sein.

        5. Lotharius rex sit!

Abbildung 8: Lothar von Supplinburg (1075-1137) bei seiner Wahl zum König

Tags darauf versicherten Lothar und Leopold wiederholt ihre Loyalität gegenüber dem zukünftigen König, und erste prosächsische Rufe ertönten („…, subito a laicis quam pluribus: Lotharius rex sit!“)[16]. Tumulte ließen sich nicht vermeiden, Fürsten waren verärgert. Selbst Lothar erkannte die Notwendigkeit und forderte die Bestrafung der Lärmenden. In diesem Verhalten zeigt sich abermals die tiefe Verwurzelung im Wahlreich, um die Legitimation des zu Wählenden nicht zu schmälern. Eine tumultarische Erhebung Lothars wurde von allen Anwesenden mit explizitem Stimmrecht verneint, schließlich waren es ja die Laien, die den Lothar ausgerufen hatten. Auch der Hinweis auf die Abwesenheit des Bayernherzogs verdeutlicht noch einmal den verpflichtenden Rahmen bei einer Königswahl im Altreich. Erbrechtliche Argumente oder emotionale Rufkanonaden waren von negativer Attitüde geprägt oder verursachten ein dementsprechendes Klima. Zudem hatte der Staufer Friedrich durch das in Griffweite liegende Geblütsrecht die Situation im Teutonicum falsch eingeschätzt. Leumund, Geblütsrecht oder eine Favoritenrolle bei der Königswahl bildeten nicht die Stufen aufwärts zum Thron des großen Aacheners, sondern die Integration und Akzeptanz von wahlmodalen Spielregeln im Personenverbandsstaat, zur Schau gestellt von möglichen Kandidaten für die ostfränkische Krone. Friedrich redete nicht mit denen, die redeten und die letztlich auch wählten. Und wie stark dann der Drang nach einer allgemeinen Übereinstimmung unter den führenden Fürsten für die Erhebung in die Königswürde verankert war, zeigte sich in der Anwesenheit des eigentlich mit Friedrich von Schwaben angebandelten bayrischen Herzogs:

 „Accito igitur duce Bawarico, iam sancti Spiritus gratia ad unum idemque studium animos omnium unire curabat, et unanimi consensu ac peticione principum iam primum Lotharius rex Deo placitus sublimatur in regnum.[17]

Ein weiterer Beleg für die ostfränkische Agonie hinsichtlich erbmonarchischer Tendenzen war die Übereinkunft des Bayernherzogs Heinrich mit Lothar, denn Heinrichs Schwiegersohn war nun ausgerechnet Friedrich von Schwaben. Hier liegt denn auch der staufisch-welfische Dualismus begründet, der unter Barbarossa und Heinrich dem Löwen zum Höhepunkt generieren sollte. Der Welfe Heinrich nahm die Aussicht auf eine Vergrößerung der Hausmacht gerne an zum Nachteil seines Schwiegersohnes aus Schwaben, denn sein gleichnamiger Sohn wurde wenig später mit der einzigen Tochter Lothars vermählt. Reichsfürstliche Hausgutpolitik oder die pathologische Zeremonie wahlmodaler Vereinbarungen aus dem überlieferten Recht oder nach vereinbartem tagesaktuellen Prozedere bei Königserhebungen mit dem Privileg der freien Wahl (liberae electionis commendacio perpetua)[18] waren die sacrosankten Elemente einer Königserhebung im Altreich, die in der Personalie Lothar kummulierten. Insofern ist die in der Narratio vorgestellte Königswahl von 1125, losgelöst von der Intention des Verfassers, von den konkreten Personalkonstellationen und vom Ausmaß einer Quellenkritik, inhaltlich eine Kampagne für die Königswahl wider die Statuierung erbmonarchischer Attitüden. Die verfassungsrechtliche Verschriftlichung sollte dann wiederum zwei Jahrhunderte später erfolgen mit der Goldenen Bulle des Luxemburger Karls IV. von 1356.

Abbildung 9: Luxemburger Karls IV. von 1356, Goldene Bulle

 

Quellen- und Literaturverzeichnis:

Quellen:

Thietmari Merseburgensi episcopi, Chronicon, hrsg. von Robert Holtzmann (MGH SS rer. germ. N. S. 9), Berlin 1935.

 

O.A., Narratio de electione Lotharii Saxoniae ducis in regem Romanorum. hrsg. von Wilhelm Wattenbach, in: Historicae aevi Salici (MGH SS 12), Hannover 1856.

Ottonis et Rahewini, Gesta Friderici I. imperatoris, hrsg. von Georg Waitz (MGH SS rer. Germ. 46), Hannover 1912.

Lamperti Monarchi Hersfeldensis, Opera, hrsg. von Oswaldus Holder – Egger (MGH SS rer. germ. 38), Hannover 1894, S. 168.

Kaiserchronik eines Regensburger Geistlichen, hrsg. von Edward Schröder (MGH  Dt. Chron. 1,1), Hannover 1892, V. 16942 – 16944.

Literatur:

Bernhardi, Wilhelm, Lothar von Supplinburg (Jahrbücher der deutschen Geschichte 15), Leipzig 1879.

Diedler, Hennig, Eine vergessene Designation? Zu den politischen und verfassungsrechtlichen Hintergründen der deutschen Königswahl von 1125, in: Concilium medii aevi 1 (1998), URL: http://cma.gbv.de/z/1998/dr,cma,001,1998,a,03 (zuletzt aufgerufen am 09.12.2017).

Nonn, Ulrich, Geblütsrecht, Wahlrecht, Königswahl: Die Wahl Lothars von Supplinburg 1125, in: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht, Bd. 44 (1993), S. 146 – 157.

Speer, Lothar, Kaiser Lothar III. und Erzbischof Adalbert I. von Mainz. Eine Untersuchung zur Geschichte des Deutschen Reiches im frühen zwölften Jahrhundert, Köln/Wien 1983.

[1] Thietmari Merseburgensi episcopi, Chronicon, hrsg. von Robert Holtzmann (MGH SS rer. germ. N. S. 9), Berlin 1935, S. 190.

[2] O.A., Narratio de electione Lotharii Saxoniae ducis in regem Romanorum. hrsg. von Wilhelm Wattenbach, in: Historicae aevi Salici (MGH SS 12), Hannover 1856, S. 509-512. (Im Folgenden zitiert als: Wattenbach, Narratio).

[3] Nonn, Ulrich, Geblütsrecht, Wahlrecht, Königswahl: Die Wahl Lothars von Supplinburg 1125, in: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht, Bd. 44 (1993), S. 146 – 157, S. 148 (im Folgenden zitiert als: Nonn, Geblütsrecht).

[4] Ottonis et Rahewini, Gesta Friderici I. imperatoris, hrsg. von Georg Waitz (MGH SS rer. Germ. 46), Hannover 1912, S. 30 – 31.

[5] Speer, Lothar, Kaiser Lothar III. und Erzbischof Adalbert I. von Mainz. Eine Untersuchung zur Geschichte des Deutschen Reiches im frühen zwölften Jahrhundert, Köln/Wien 1983, S. 56 – 58.

[6] Lamperti Monarchi Hersfeldensis, Opera, hrsg. von Oswaldus Holder – Egger (MGH SS rer. germ. 38), Hannover 1894, S. 168.

[7] Kaiserchronik eines Regensburger Geistlichen, hrsg. von Edward Schröder (MGH  Dt. Chron. 1,1), Hannover 1892, V. 16942 – 16944.

[8] Nonn, Geblütsrecht, S. 151.

[9] Wattenbach, Narratio, S. 510.

[10] Wattenbach, Narratio, S. 510.

[11] Wattenbach, Narratio, S. 510.

[12] Nonn, Geblütsrecht, S. 153.

[13] Diedler, Hennig, Eine vergessene Designation? Zu den politischen und verfassungsrechtlichen Hintergründen der deutschen Königswahl von 1125, in: Concilium medii aevi 1 (1998), URL: http://cma.gbv.de/z/1998/dr,cma,001,1998,a,03 (zuletzt aufgerufen am 09.12.2017), S. 49.

[14] Wattenbach, Narratio, S. 510 – 511.

[15] Bernhardi, Wilhelm, Lothar von Supplinburg (Jahrbücher der deutschen Geschichte 15), Leipzig 1879, S. 37 – 38.

[16] Wattenbach, Narratio, S. 511.

[17] Wattenbach, Narratio, S. 511.

[18] Wattenbach, Narratio, S. 511.

Abbildungsverzeichnis

 Abbildung 1:

Lothar von Supplinburg (1075-1137) bei seiner Wahl zum König

https://www.welt.de/geschichte/article173332428/Der-Sieg-des-Lothar-von-Supplinburg.html

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 Abbildung 2: Lothar von Supplinburg

https://de.wikisource.org/wiki/

Die_deutschen_Kaiser:

Lothar_von_Supplingburg_und_Konrad_III.

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 Abbildung 3:

 Thietmar von Merseburg

http://von-dom-zu-dom.de/thietmar

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 Abbildung 4:

 Heinrich der Fünfte. 1106–1125

https://de.wikisource.org/wiki/

Die_deutschen_Kaiser:Heinrich_IV._und_Heinrich_V

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 Abbildung 5:

Heinrich wird beim Vogelstellen im Wald die Königskrone

https://de.wikipedia.org/wiki/Heinrich_I._(Ostfrankenreich)

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 Abbildung 6:

 Kupferstich Kloster Göttweig

http://de.mini.wikia.com/wiki/Datei:Kupferstich.jpg

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 Abbildung 7:

 Marktgraf Leopold von Österreich (links)

https://de.wikipedia.org/wiki/Leopold_II._(%C3%96sterreich)

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 Abbildung 8:

Lothar von Supplinburg (1075-1137) bei seiner Wahl zum König

https://www.welt.de/geschichte/article173332428/Der-Sieg-des-Lothar-von-Supplinburg.html

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 Abbildung 9:

Luxemburger Karls IV. von 1356, Goldene Bulle

https://www.welt.de/geschichte/article155333430/Wie-Kaiser-Karl-IV-bei-der-Pest-die-Juden-verriet.html

https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Goldene_Bulle,_1356

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Abstand zum thukydideischen Perikles?

Abstand zum thukydideischen Perikles?

Abbildung 1:

 

Inhaltsverzeichnis

 

  1. Perikles … Ein Denkmal wie der Nikiasfrieden?

 

  1. Erst einmal Thukydides!

 

  1. Der thukydideische Perikles

 

  1. Kritik gehört zum Geschäft

 

  1. Perikles … Der Mann wird nicht neu aufgebaut!

 

  1. Quellen- und Literaturverzeichnis

 

  1. Perikles … Ein Denkmal wie der Nikiasfrieden?
Abbildung 2: Perikles

Ist etwas faul am Staatsmann Perikles? War die Nähe zu seinem Intimus Phidias, dem Toreuten mit der Zeusstatue von Olympia, prekär wegen Verdachts auf Unterschlagung von Baumaterialien? Oder konnte er – ob inkompetent oder desinteressiert – die überlebensnotwendigen Getreidezufuhren aus dem Pontus über die Sicherung des Bosporus und Hellespont nur auf der Pnyx in eloquenten Redesalven sichern? Nichts von diesen Punkten wäre nach aktueller Quellenlage gerichtlich verwertbar gewesen zur angeblichen Tatzeit. Und die tatsächlichen juristischen Kalamitäten im Leben des Ersten Mannes in der Polis Athen betrafen das persönliche Umfeld des langjährigen Strategen. Darum soll und kann es nicht gehen in dieser Ausarbeitung. Noch heute kennen die Koryphäen der antiken Philosophie aber den platonischen Aphorismus von faulen und geldgierigen Athenern zu Perikles´ Lebzeiten. Das sind keine adäquaten Attitüden für den Hegemon des Attischen Seebundes und dem Triumphator über Dareios und Xerxes. Vielmehr scheinen hier die klassischen Geschichtsbilder von inkompletter Natur zu sein, postuliert über eine marginale Multiperspektivität. Der klassisch Gebildete konnte stets auf das Informationsprimat des griechischen Historikers Thukydides verweisen, der den deskriptiven Schreibstil zu erreichen versuchte. Ob es gelang, kann in toto hier nicht analysiert werden, aber Zeitgenossen des perikleischen Zeitalters wie Platon dürfen das Wort erhalten. Oder Thukydides selbst darf in den für die Ausarbeitung relevanten Kapiteln des zweiten Buches seiner Tradierung über den Peloponnesischen Krieg auf Ambivalenzen hin untersucht werden. Es ist dabei das Ziel, den athenischen princeps nicht in die Demontagehalle zu katapultieren, sondern ein differenzierteres Bild von einem Staatsmann zu erhalten, der sine dubio eine überdurchschnittliche Kohärenz in rhetorischen und sozialpolitischen Angelegenheiten sein Eigen nennen konnte.

2. Erst einmal Thukydides!

Hätte sich der Staatstheoretiker Platon im 4. Jahrhundert vor Christus mit seiner Politeia durchgesetzt, wäre das heutige Demokratieverständnis ad absurdum geführt worden. Sokrates, einst Lehrer des Platon, philosophiert in diesem Werk über das Naturrecht und entwickelt eine ständische Ordnung für die Res publica. Der Bauernstand, die Wächterkaste und die elitären Philosophenherrscher würden heute den gesellschaftlichen Alltag bestimmen. Gute Staatsführung verwirklicht die Gerechtigkeit. Und die Gerechtigkeit liegt in der Deutungshoheit bei den Philosophen. Es gäbe eine philosophische Oligarchie. Warum aber diese Abkehr von gleichem Recht? Unmissverständlich sieht Platon die für die Ausübung politischer Tätigkeiten notwendigen Charaktere bei den Aristokraten. Die Demokratie mit ihrer Neigung zu unersättlichem Freiheitsdrang würde in die Tyrannis münden, da die Drohnen mit ihrer apodiktischen Argumentation ein populistisches und plebiszitäres Demagogenterrain aus Zügellosigkeiten und Immoralitäten erschaffen.[1] Am Ende stünde nach Platon ein Bürger, der im ethischen Wertekatalog die Dekadenz zelebrieren würde mit übermäßigen und unkontrollierten Neigungen.[2] Dem Platoniker verbietet sich aber jegliche Form der verfassungsrechtlichen Schadenfreude, denn die platonische Kalamität ist von perfider Ambivalenz hinsichtlich einer generationenübergreifenden Psychogenese.  Die Idiopragieformel, die die Stärken des Individuums in das produktive Ganze überträgt, würde eine intellektuelle Saat erzeugen für den Homo necans. Die Triebgenese psychisch entarteter Philosophen und ein Konglomerat an ethisch-sittlichen Ansprüchen wären symbiotisch in die nachfolgenden Jahrhunderte kolportiert worden.

Abbildung 3: Thukydides

War der demos bei Platon auf Inakzeptanz gestoßen, bildete das gleiche Recht bei einem attischen Adligen den archimedischen Punkt in dessen zeithistorischen Geschichtswerk. Ein Mann namens Thukydides, um 460 v. Chr. geboren, wohl mit thrakischer Genealogie väterlicherseits[3], kannte in jungen Jahren den Strategen Perikles persönlich.  Thukydides´ Abhandlung über den Peloponnesischen Krieg kann daher zweifellos herangezogen werden als Primärquelle zur Gewinnung substanzieller Schlussfolgerungen bezüglich der politischen Vita des Strategen Perikles. Die Althistoriker können in ihren Diskursen die detaillierten Grundsatzreden des Perikles aus den

Abbildung 4: Die älteste erhaltene Handschrift des Geschichtswerks des Thukydides

ersten beiden Büchern des thukydideischen Geschichtswerkes entnehmen, um eine plastische Vorstellung von der politischen Heimat und den konkreten Initiativen dieses Strategen am Vorabend des Peloponnesischen Krieges zu erhalten – einschließlich der von ihm propagierten Strategie im Dualismus mit Sparta, seinen Peloponnesischen Bündnispartnern. Über diese beeindruckende Darstellung des Politikers und Redners hinaus hat Thukydides in diesem Werk auch in eigenem Namen, zu der Person und den politischen Leistungen des Perikles Stellung bezogen – in einem ausführlichen Nachruf, den der in seinem persönlichen Urteil sonst sehr zurückhaltende Historiker dem Andenken des im dritten Kriegsjahr verstorbenen Staatsmannes gewidmet hat. Dieser Nachruf verknüpft die persönliche Würdigung des Perikles mit einem kritisch argumentierenden Ausblick auf den weiteren Gang des Kriegsgeschehens und die Entwicklungen im politischen Leben Athens bis zur Entscheidung von 405/4 v. Chr. Thukydides´ Urteil über Perikles steht somit eindeutig im Zeichen der für Athen und seine Demokratie so fatalen Niederlage und der damit verbundenen Grundsatzfragen. Mit festem Blick auf das katastrophale Ende der athenischen Kriegsführung und den Zusammenbruch der athenischen Demokratie will Thukydides deutlich machen, dass man den führenden Staatsmann der 430er Jahre und seine damalige Politik gerade nicht vom fatalen Ausgang dieses Kriegsgeschehens her beurteilen dürfe. Dabei hat der antike Autor die Geschichte des Peloponnesischen Krieges bekanntlich nicht nur gründlich erforscht, sondern auf seinem schweren Lebensweg auch ganz persönlich erlitten. Für Thukydides kommt jedenfalls eine unmittelbare, persönliche Kriegsschuld des Perikles, in seinen Reaktionen und Initiativen während der über mehrere Jahre sich hinziehenden diplomatischen und politisch-militärischen Auseinandersetzungen vor dem eigentlichen Beginn des Peloponnesischen Krieges, nicht in Betracht. Ebenso wenig ist von gravierenden Fehlern des Politikers in der machtpolitischen Risikoabwägung im Verlauf der eskalierenden Konflikte an den Rändern der miteinander rivalisierenden Bündnissysteme die Rede.[4]

Darin liegt der fachwissenschaftliche Wert des thukydideischen Geschichtswerks. Und das ist die Initiative für eine distanzierte Verwendung der platonischen Argumentation hinsichtlich der Bewertung der perikleischen Ära, wobei die Kritik Platons an der Demokratie durchaus verständlich ist. Gerade in der letzten Phase des Peloponnesischen Krieges kam es zu latent abschreckenden Entscheidungen der Volksversammlung, dokumentiert über die Todesurteile gegen die Strategen, die man des Fehlverhaltens bezichtigte in der Seeschlacht bei den Arginusen 406 v. Chr.[5] oder die Einführung des oligarchischen Terrorkommandos Dreißig im Jahre 404 v. Chr. In diesem annus horribilis hatten die Athener nicht nur die Herrschaft verloren, sondern verloren auch die Oberhoheit über die Stadt, als diese gegenüber den Spartanern affine Kommission aus dreißig Oligarchen die Terrorbrigade exhibitionierte. Diese oder ähnlich gelagerte Volksbeschlüsse mögen Platon darin bestärkt haben, die Demokratie als instabil zu titulieren. Erst ein Stratege namens Thrasybulos, Veteran des Peloponnesischen Krieges, ermöglichte mit der Beseitigung der spartanischen Garnison und mit dem Sturz der despotischen Dreißig die Restauration der athenischen Demokratie. Allerdings scheint die radikale Kritik[6] des Platon überzogen, da Rechtsinstitutionen wie die Nomotheten oder die Klage graphē paranomon die Macht der Volksversammlung und der Demagogen relativierten. Offenbar ging es Platon nicht um eine dogmatische Ablehnung, sondern um eine pointierte Hinweisgebung auf ein Übermaß an demokratischer Freiheit. Und hier zeigt Platon analytischen Habitus, denn die Achillesverse der athenischen Demokratie lag in dem Ideal, jedem männlichen Bürger der Polis Athen die politischen Rechte in der Umsetzung zu gewähren.[7] Realiter konnte mit dem Ideal der politischen Gleichheit keine Gleichschaltung der ökonomischen Unabhängigkeit erreicht werden, denn der Bauernstand wäre monetär nicht potent gewesen, die Pnyx oder die Agora hochfrequentiert aufzusuchen.[8]

3. Der thukydideische Perikles

Dem versierten Historiker ist der Thukydides bekannt als der Begründer der politischen Geschichte, wenig merklich entfernt von der historischen Methode der neuzeitlichen Geschichtswissenschaft. Unabhängig von methodischen und fachwissenschaftlichen Diskursen, das thukydideische Bemühen um Nüchternheit und Aufklärung erhält eine Zustimmung.[9]  Eine Demonstration dieser vorzeigbaren Geschichtswissenschaft liegt in der Darstellung der Periklesgestalt. Dieser Staatsmann repräsentierte in der Hochphase der Polis Athen einen demokratischen Staat mit mehrjährigen, durchgehenden Erfahrungen als Stratege. Thukydides berichtet in seiner sachlichen Art über die Taten dieses Regenten, er lässt den Protagonisten des Perikleischen Zeitalters ausführlich in mehreren Grundsatzreden zu Wort kommen und lässt ihn die Grundgedanken seiner Politik darlegen. Der berichtende Teil der thudydikeischen Darstellung und die dem Perikles in den Mund gelegten Reden bilden eine in sich abgestimmte Kohärenz, so dass daraus eine Zustimmung des Geschichtsschreibers herausgelesen werden kann.[10] Mit dem Herannahen des Peloponnesischen Krieges erhält Perikles eine Überzeichnung als in Rede und Tat mächtiger Mann im Staat. Athen ist der Primus in der griechischen Welt. Die Politik Athens, das so den Anspruch des Staates mit der Würde des Bürgers in Einklang bringt und die anderen Poleis durch Wohltun, durch Vertrauen auf großmütige Gesinnung sich zu Freunden macht, wird als hellenistische Schule tituliert.[11] Die ehemals verbündeten Städte sind zu Untertanen geworden, ihre Abhängigkeit ist so klar, dass Athen unumwunden als ägäischer Hegemon bezeichnet werden kann. Das einheitliche Wirtschaftsgebiet, das so entstanden ist, macht Athen reich, der Staatsschatz ist gefüllt. Die Polis Athen ist möglichen kriegerischen Auseinandersetzungen gegenüber ressourcenintensiv.[12] Thukydides, der dieses maritime Bündnissystem analysiert, ist voll Bewunderung für den Strategen Perikles, der diesem ägäischen Gebilde in den ägäischen Gefilden einen hellenistischen Liktoren gibt. Das Zeitgenössische spricht zudem für Thukydides, da er persönlich diesen Staatsmann kannte oder sich doch zumindest dessen Auftritten auf der Pnyx vergegenwärtigte. Perikles den Demos lenkt, wie er in klarem Vorausschauen und in Begeisterung für seine Stadt die große Macht aufbaut und sichert. Perikles verkörpert den idealen Staatsmann mit den für einen Realpolitiker notwendigen Eingebungen für von markanter Demagogie befreite Volksversammlungsbeschlüsse, mit bezwingender Redegewalt, mit Vaterlandsliebe und persönlicher Uneigennützigkeit.[13] Thukydides erkennt darin die Harmonie zwischen demokratischer Verfassung und persönlicher Staatsführung, zwischen einem Kulturstaat und maritimer Hegemonie im Attischen Seebund. Die Gültigkeit dieser Norm, die Perikles aufgerichtet hat, erweist sich dem Geschichtsschreiber auch im Geschehen nach Perikles´ Tod, an dem Abgleiten der Epigonen wie Kleon oder Nikias, der Selbstaufgabe und Kapitulation Athens nach der deklassierenden Seeschlacht bei Aigospotamoi 405 v. Chr. Diese amourösenhafte Fremdinszenierung zur Etablierung eines normfokussierenden, über die Zeitgenossen hinaus vitalen Geschichtsbildes kommt im Abschnitt 65 des zweiten Buches deutlich zum Ausdruck.[14] Und genau dieses Urteil des Historikers qualifiziert diesen Thukydides als einen über den reinen Hofhistoriographen hinausgehenden Literaten, da dessen Geschichtswerk zu einer Zeit verfasst wurde, als Athen ressourcenverbraucht unter Oligarchen wie Peisandros, einem der Wortführer des oligarchischen Rates der 400, darbte.

4. Kritik gehört zum Geschäft

Da ist Perikles der erste Mann Athens, der Regent einer Bürgerschaft, die die Worte des Perikles beherzigt. Die nachfolgende Führungskaste zeichnete sich nach den Worten des Thukydides jedoch durch allzu großen Frevel aus hinsichtlich der charakterlichen Schwächen.[15] Offenbar war der Demos nach dem Tod des großen Strategen 429 v. Chr. wenig geneigt oder von limitierter Denkkraft, da die eloquente Kunst der Demagogie die Anfälligkeit für Fehlleistungen potenzierte. Aber waren es nur wirklich die Epigonen wie Diodotos, die das diabolische Schwert der Verführung schwangen? Gilt Perikles nicht als Begründer dieser Saturierungspolitik? Der Geschichtsschreiber berichtet der Nachwelt selbst, wie zu Lebzeiten des Perikles die Pest Athen in ihrem Atem hielt und der ausgemergelte Demos Signale der Verständigung mit den Peloponnesiern forderte.[16] Da lässt er dann seinen Staatsmann in der Gefallenenrede bittere Vorwürfe an die Bürger richten, ihren Wankelmut und ihre Niedergeschlagenheit tadeln. Da lässt Thukydides den Perikles posaunen, sie sollten nicht kleiner sein als die Vorfahren[17], aber wenige Monate zuvor trompetete er martialisch, dass die Vorfahren angesichts des gegenwärtigen Geschlechts zurücktreten.[18] Entweder ist es sprachlich tonierter innerer Wankelmut gewesen oder der Demagoge Perikles richtete sich nach den stimmungsträchtigsten Formulierungen auf der Pnyx. Auch wenn sie die auctoritas eines Perikles nicht gehabt haben, so sind die Epigonen frei von jeder totalen Schuldfrage hinsichtlich der byzantinischen Verhältnisse in der Volksversammlung. Wie formulierte es doch einer der bekannten Gegner des Perikles, Plutarch beim Namen, und in diesem Zitat steckt bereits der Verdacht des dialektischen Demosthenes:

Wenn ich ihn im Ringkampf zu Boden geschleudert habe, streitet er ab, überhaupt gefallen zu sein, und kann dabei erfolgreich sogar die Augenzeugen in ihrer Meinung umstimmen.[19]

Selbst im Kapitel 65 des zweiten Buches mit einer offensichtlichen parteiischen Würdigung des Perikles, kann und muss Thukydides mögliche Verfehlungen und Unpässlichkeiten in der politischen Vita des Perikles aufzeigen. Thukydides hält sich jedoch bedeckt, listet ohne abwägende Argumentation die Malusse auf und begibt sich anschließend mit bedeutend größerem Elan nach Erklärung in die perikleische Koketterie.[20] Hierbei darf man eine kleine Anmerkung in Kapitel 65 nicht überlesen, die von eminenter Bedeutung ist hinsichtlich der perikleischen Akzeptanz im attischen Demos. Perikles wurde trotz der Zermürbungsstrategie der innenpolitischen Gegner am Ende der dreißiger Jahre immer wieder im Strategenamt bestätigt:

Sehr bald danach freilich, wie die Menge pflegt, wählten sie ihn wieder zum Feldherrn und überließen ihm die wichtigsten Entscheidungen, da jeder in seinem häuslichen Kummer nun schon eher abgestumpft war und sie ihn für die Bedürfnisse der gesamten Stadt doch für den fähigsten Mann hielten.[21]

Die Wahl des Strategen war ursprünglich eine phylenweise Kandidatenauswahl, aber Änderungen in den Wahlmodi führten dazu, dass die Kandidaten mit den meisten Stimmen über die Phylengrenzen hinweg in das Strategenkollegium gewählt wurden. Perikles konnte sich also neben seiner Hausmacht auch auf eine überegionale Wählerschaft berufen.[22] Diese Singularität zeichnet dieses Kapitel aus. Es verrät über den Historiker Thukydides mehr persönliches als diesem es weniger beabsichtigt war. Um sich dem Vorwurf des politischen Pamphlets mit transgredienter Denkmalsetzung entziehen zu können, kam es zu unkommentierten Biographieversatzstücken, in denen der aufmerksame Leser aber die Brücken schlagen kann zu einer perikleischen Kritik.

Zwischen dem Ersten Mann im Staat und seinen Polisbürgern müssen eklatante Spannungen existiert haben. Das war das Ergebnis einer Politik, die nur den Demos befriedigen wollte. Nehmen wir die Kleruchienpolitik als veranschaulichtes Mittel der narkotisierenden Massenstimulation, um den negativen Frieden in der Polis Athen nicht ausufern zu lassen. Eine systematische Ansiedlung von Athenern in Poleis der Bundesgenossen war eine dekadente und kurzsichtige Portion des ägäischen Imperialismus und die enaktive Form einer egoistischen Polis namens Athen. Mit Zuckerbrot und Peitsche hantierte der Demagoge offenbar schon in der Antike. Gelegentliche Restriktionen bei Komödienaufführungen zeigten die Ambivalenz in der Amtsführung des griechischen princeps. Dass das mit der Wiedergeburt der Peisistratiden und deren apologetischen Redetitan Perikles sicher überzogen war, bleibt in der Annahme nicht fremd, aber ein Komödieninhalt dient durchaus für Revelationen und für Infantilisierungen des Demos.[23] Zudem müssen grundsätzlich imperialistische Neigungen unterstellt werden, und das gilt unisono für Thukydides und Perikles. Es war selbstverständlich, dass aus der anfänglichen Symmachie mit bilateralem Charakter eine attische Hegemonie wurde. Und ganz nebenbei und abwägungsfrei sprechen deren Befürworter Perikles und Thukydides davon, dass der Hass auf die Athener hingenommen werden müsse als Preis für den ewigen Ruhm.[24]  Unverblümt  demonstriert Perikles einen Stolz für die geographischen Ausläufer des Attisch-Delischen Seebundes.[25]

Daran anschließend kann die von Thukydides vorgetragene Kriegsstrategie[26] des Perikles als bedingt bevölkerungsfreundlich angesehen werden. Militärstrategisch war die perikleische Überlegung den attischen Stärken angepasst: die defensive Ausrichtung des Landheeres musste die Spartaner auf dem Land binden und die Stoßkraft abfedern, wohingegen die athenische Flotte an den peloponnesischen Küstenabschnitten in Partisanenmanier konstante ökonomische Nadelstiche fabrizieren sollte. Notfalls konnten die Ressourcen überseeisch bezogen werden, und der Umschlagsplatz in Piräus oder die Polis Athen waren durch die Langen Mauern geschützt. Die Ermattungsstrategie war durchdacht, aber lediglich einer Blitzkriegstrategie gegenüber affin oder auf die Unfähigkeit einer peloponnesischen Invasionsarmee ausgerichtet. Der spartanische König Archidamos II. erkannte diese verdeckte Achillesferse der Athener und setzte mit seinem Invasionsheer später in der Anfangsphase des Krieges auch dort ressourcenzerstörend an. Lediglich 429 v. Chr. verzichtete der spartanische Feldherr auf eine Invasion, aber da war die Pest in Athen ein unfreiwilliger apokalyptischer Reiter in spartanischem Dienst, dem auch Perikles zum Opfer fiel. Gerade die attische Landbevölkerung und deren Produktionskapazitäten und -möglichkeiten waren bei langer Kriegsdauer der Überforderung ausgesetzt.  Auch die Situation auf den Inselpoleis und die außenpolitischen Bündnismöglichkeiten Spartas waren nicht den langfristigen Planspielen angepasst. Selbst Thukydides weiß von dieser hasardeurischen Strategie[27] zu berichten, favorisiert aber die perikleische Rede mit herrischem Durchhalteparolen für die athenische Landbevölkerung.

5. Perikles … Der Mann wird nicht neu aufgebaut!

Der athenische princeps braucht nicht neu aufgebaut zu werden. Die Aussage ist weniger radikal und von moderatem Ton. Thukydides zeichnet einen Mann, der am Vorabend des Peloponnesischen Krieges trotz Avancen gegenüber einer imperialen Ägäis unter attischer Hegemonie die Volksherrschaft befürwortet, und der Einzelne hat lediglich in der auctoritas nach seinem Verdienst einen höheren Rang, sonst gilt gleiches Recht. Ob seine letzten Jahre als Stratege von saturierender Natur waren zwecks Ämtererhalts, seine innenpolitischen Feinde propagandistische Mittel aller Couleur nutzten zur Diskreditierung seines persönlichen Umfeldes und seiner Person oder Thukydides ambivalent und mit wenig Multiperspektivität ein Periklesbild für die Nachwelt zeichnete, bleiben doch die breite Akzeptanz in der Bevölkerung (natürlich nicht mit durchgehender Bewunderung), dokumentiert über die langjährige Tätigkeit als Stratege und die dem Perikles nachgesagten Worte aus dem Peloponnesischen Krieg, um den princeps des attischen Demos nicht aus der Ruhmeshalle bekannter Staatsmänner zu verfrachten. Das Geschichtswerk des Thukydides war in Methode noch nicht ausgereift für die Multiperspektivität in toto, so dass eine abwägende, diametrale Charakterstudie Grundlage hätte sein können für tragbare und facettenreiche Psychoanalysen.

„Die Verfassung, nach der wir leben, vergleicht sich mit keiner fremden; viel eher sind wir für sonst jemand ein Vorbild als Nachahmer anderer. Mit Namen heißt sie, weil der Staat nicht auf wenige Bürger, sondern auf eine größere Zahl gestellt ist, Volksherrschaft.“[28]

 

6. Quellen- und Literaturverzeichnis:

Quellenverzeichnis:

Thukydides: Geschichte des Peloponnesischen Krieges 1, griech. – dt., übersetzt und mit einer Einf. und Erl. vers. v. Georg Peter Landmann, München 1993 (Sammlung Tusculum).

Thukydides: Geschichte des Peloponnesischen Krieges 2, griech. – dt., übersetzt und mit einer Einf. und Erl. vers. v. Georg Peter Landmann, München 1993 (Sammlung Tusculum).

 

Literaturverzeichnis:

Bleckmann, Bruno: Der Peloponnesische Krieg, München 2007.

Bleicken, Jochen: Die athenische Demokratie, Paderborn 1995.

Hornblower, Simon: Art. Thukydides, in: DNP 12 (2002), Sp. 505 – 512.

Lehmann, Gustav Adolf: Perikles. Staatsmann und Stratege im klassischen Athen, München 2008.

Maurer, Reinhart: Platons Staat und die Demokratie, Berlin 1970.

Mittermeier, Karl/Mair, Meinhard: Demokratie. Die Geschichte einer politischen Idee von Platon bis heute, Darmstadt 1995.

Prestel, Georg: Die antidemokratische Strömung im Athen des 5. Jahrhunderts bis zum Tod des Perikles, in: Breslauer Historische Forschungen 12 (1939).

Ruschenbusch, Eberhard: Die Wahl der Strategen im 5. und 4. Jh. v. Chr. in Athen, in: Historia 24.1, S. 112 – 114, URL: http://www.jstor.org/stable/4435429. .

Vogt, Joseph: Das Bild des Perikles bei Thudydikes, in: HZ 182.2 (1956), S. 249 – 266, URL: http://www.jstor.org/stable/27611639.

Wiegand, Wilhelm: Platon´s Werke, Zehn Bücher vom Staate, Buch VIII, Stuttgart 1855.

 

[1] Mittermeier, Karl/Mair, Meinhard: Demokratie. Die Geschichte einer politischen Idee von Platon bis heute, Darmstadt 1995, S. 24.

[2] Wiegand, Wilhelm: Platon´s Werke. Zehn Bücher vom Staate 8, Stuttgart 1855, Pol. 564St 2A (im Folgenden zitiert als: Wiegand, Platon).

[3] Hornblower, Simon: Art. Thukydides, in: DNP 12 (2002), Sp. 505 – 512, Sp. 506.

[4] Lehmann, Gustav Adolf: Perikles. Staatsmann und Stratege im klassischen Athen, München 2008, S. 16 – 17.

[5] Die Athener besiegten in dieser größten innergriechischen Seeschlacht die Spartaner vernichtend in der Endphase des Peloponnesischen Krieges. Ursprünglich hatte der spartanische Nauarch Kallikratidas die athenische Flotte auf Lesbos eingekesselt, doch konnte eine athenische Entsatzflotte an der Inselgruppe der Arginusen die Spartaner vernichtend schlagen unter anderem durch die Mitwirkung des Nauarchen Perikles des Jüngeren, einem Sohn des Staatsmanns Perikles. Die angespannte Situation spiegelte sich jedoch im nachfolgenden Arginusenprozess wieder, als man der Mehrheit der an der Seeschlacht beteiligten Strategen den Vorwurf der unterlassenen Bergung von Toten und Schiffbrüchigen vorwarf.

[6] Wiegand, Platon, Pol. 557 St 2A.

[7] Maurer, Reinhart: Platons Staat und die Demokratie, Berlin 1970, S. 186.

[8] Bleicken, Jochen: Die athenische Demokratie, Paderborn 1995, S. 464.

[9] Bleckmann, Bruno: Der Peloponnesische Krieg, München 2007, S. 13.

[10] Vogt, Joseph: Das Bild des Perikles bei Thudydikes, in: HZ 182.2 (1956), S. 249 – 266, S. 249 – 251, URL: http://www.jstor.org/stable/27611639.

[11] Thuk. II, 41.

[12] Thuk. II, 36.

[13] Thuk. II, 60.

[14] Thuk. II, 65.

[15] Thuk. II, 65.

[16] Thuk. II, 65.

[17] Thuk. II, 62.

[18] Thuk. II, 36.

[19] Lehmann, Gustav Adolf: Perikles. Staatsmann und Stratege im klassischen Athen, München 2008, S. 156.

[20] Thuk. II, 36.

[21] Thuk. II, 36.

[22] Ruschenbusch, Eberhard: Die Wahl der Strategen im 5. und 4. Jh. v. Chr. in Athen, in: Historia 24.1 (1975), S. 112 – 114, URL: http://www.jstor.org/stable/4435429.

[23] Prestel, Georg: Die antidemokratische Strömung im Athen des 5. Jahrhunderts bis zum Tod des Perikles, in: Breslauer Historische Forschungen 12 (1939), S. 53.

[24] Lehmann, Gustav Adolf: Perikles. Staatsmann und Stratege im klassischen Athen, München 2008, S. 273.

[25] Thuk. II, 36.

[26] Thuk. II, 60-64.

[27] Thuk. I, 178.

[28] Thuk. II, 37.

Abbildungsverzeichnis:

Abbildung 1:

 https://www.welt.de/geschichte/article159876548/Kleon-hiess-der-Trump-der-Antike.html

Zuletzt abgerufen am 30.03.2081

Abbildung 2:

 https://de.wikipedia.org/wiki/Perikles

Zuletzt abgerufen am 30.03.2018.

Abbildung 3:

 https://de.wikipedia.org/wiki/Thukydides

Zuletzt abgerufen am 30.03.2018.

Abbildung 4:

 https://de.wikipedia.org/wiki/Thukydides

Zuletzt abgerufen am 30.03.2018.

 

Bauprojekte auf dem Marsfeld

Bauprojekte auf dem Marsfeld

Politik und Selbstdarstellung anhand von Gebäuden

in

augusteischer Zeit

 

Abbildung 1: Kaiser Augustus

 

Abbildung 2: Karte militärischer Übungsplatz

Jahrhundertelang diente den Römern ein über 200 Hektar großes tiefebenes Feld zwischen dem Tiber, dem Quirinal und dem Kapitol als militärischer Übungsplatz. Es handelte sich um einen traditionsreichen Ort, da der Überlieferung nach während der Etablierung der römischen Republik (um 509 v. Chr.) die dort betriebene Landwirtschaft des letzten römischen  Königs Tarquinius Superbus zerstört wurde. Das hatte Symbolkraft, und wie bei den Römern üblich, gab es zu Ehren der dann bis 27 v. Chr. existierenden Republik einen Altar gesetzt, hier zu Ehren des

Abbildung 3: Campus Martius

Kriegsgottes Mars. Das einst unbedeutende Acker- und Weidefeld wurde zum Marsfeld, dem Campus Martius. Die siegreichen Soldaten und ihr Feldherr erhielten hier den wohlverdienten Triumphzug, ausländische Gesandtschaften wurden auf dem Feld von Vertretern der römischen Republik empfangen, bei Bedarf liefen gelegentlich Viehherden über dieses republikanische Gemeindeland oder im Circus Flaminus zwischen Tiberinsel und Kapitolhügel veranstaltete man Pferderennen. In der Spätphase der römischen Republik zu Zeiten der römischen Bürgerkriege (133 v. Chr. bis 30 v. Chr.) begann dann die gebäudetechnische Kultivierung des Marsfeldes. Diktatoren wie Sulla und Feldherren wie Pompeius oder Agrippa bauten das Ackerland förmlich zu, zumindest ließen sie es zu. Der freie Blick auf ein republikanisches Stück Land war zerstört. Die Gebäudeansammlungen konnten sich jedoch sehen lassen und verdeutlichten Sendungsbewusstsein und Leistungsstärke der römischen Architektur im 1. Jahrhundert v. Chr. Pompeius,

Abbildung 4: Das erste Steintheater in Rom

Gegenspieler des bekannten Julius Caesar, ließ 55 v. Chr. auf dem Marsfeld das erste Steintheater in Rom einweihen zu Ehren seiner Erfolge gegen Seepiraten und König Mithridates von Pontos. Die dort vorkommende Portikus (Säulengang) war übrigens an den Iden des März 44 v. Chr. Panorama für den Caesarmord durch Cassius und Brutus. Bereits an Pompeius zeigte sich ein typisches Muster architektonischer Ehrerbietung an die militärischen Erfolge der Bauherren. Dieser Baustil wurde wenige Jahre später

Abbildung 5: Portikus Octavia

durch Octavian perfektioniert, den Großneffen Caesars. Jeder kennt diesen Großneffen, denn es war der erste römische Kaiser Augustus. 33 v. Chr. finanzierte Octavian über die Einnahmen aus dem Krieg in Dalmatien (heutiges Kroatien) die Portikus Octavia auf dem Marsfeld,  und nebenbei nahm er mit der Säulengangehrung für seine ältere Schwester Octavia seinen Rivalen  und Schwager Marcus Antonius viel Rückhalt in der römischen Öffentlichkeit. Octavian wusste, dass er Triumphzüge, politische Rivalitäten und persönliche Zielsetzungen an geschichtsträchtigen Orten wie dem Marsfeld propagandistisch und architektonisch am besten fokussieren konnte. Wie er sich direkt sah und die Nachwelt ihn sehen sollte, kam gerade in den von ihm in Auftrag gegebenen Bauwerken nach der Seeschlacht bei Actium 31 v. Chr. zum Ausdruck, von denen die Aussagekräftigsten ebenfalls auf dem Marsfeld positioniert wurden.

 

Abbildung 6: Augustusmausoleum 29 v. Chr.

Ein Monument der familiären Dauerhaftigkeit und ein Selbstbildnis der eigenen Taten oder Verdienste wurden mit dem  Augustusmausoleum 29 v. Chr. hier offiziell eingeweiht. Der zylinderförmige Bau bestand aus Süßwasserkalkstein, dem sogenannten Travertino Romano. Diese frostsichere Fassadenverkleidung kam später auch beim Bau des Kolosseums zum Einsatz. Es ist davon auszugehen, dass sich – wie zu der Zeit in Rom üblich – ein kultivierter Erdhügel über dem zylindrischen Bau erhob.  Der Princeps senatus thronte dabei nach Überlieferung in metallischer Gestalt auf dem Gipfel des

Mausoleums. Oktavian selbst, nachfolgende Verwandte aus der julisch-claudischen Adelsfamilie oder verdiente Römer sollten mit dieser Grabstätte sicht- und spürbare Erinnerungen an die Anfänge des Prinzipats in den zukünftigen Generationen auslösen. Das war eine Legitimation über  den Tod hinaus. Nach dem Tod des Augustus 14 n. Chr. wurden auf dessen testamentarischer Veranlassung hin am Eingang des Mausoleums Bronzetafeln aufgestellt, die das Monumentum Ancyranum enthielten, einen Rechenschaftsbericht und eine Wohltatenbiographie des Kaisers, besser bekannt als Res Gestae Divi Augusti. Und Augustus hatte einiges zu erklären. Das republikanische Rechtsverständnis der Römer war in mehr als vier Jahrhunderten manifestiert. Die Erfahrungen der jahrzehntelangen Bürgerkriege schlossen aber die Alleinherrschaft nicht zwingend aus. Dieser Spagat wurde im Prinzipat überwunden und bedurfte einer Verankerung. Die formale Restitution der Republik wurde ergänzt um die Auctoritas des Primus inter pares, treffend verdeutlich in der Res Gestae:

Post id tempus auctoritate omnibus praestiti, potestatis autem nihilo amplius habui quam ceteri, qui mihi quoque in magistratu conlegae fuerunt.“ Nach dieser Zeit überragte ich an Ansehen alle, an formaler Gewalt besaß ich jedoch nicht mehr als die anderen, die jeweils meine Kollegen im Amt waren.
Augustus: Res gestae 34
Abbildung 7: Pax Romana

Die augusteische Ära brachte eine mehrere Jahrzehnte andauernde Epoche des inneren Friedens. Stabile Verhältnisse in den Provinzen, ein Sicherheitsgefühl, kulturelle Blüte und zumindest eine Wohlstandsmehrung für die römischen Bürger erleichterten in dieser Pax Romana die Legitimationsbedürfnisse des ersten römischen Kaisers. Der 9 v. Chr. eingeweihte Friedensaltar – Ara Pacis Augustae genannt – gedachte den Friedensbemühungen von Augustus.

Abbildung 8: Friedensaltar – Ara Pacis Augustae

Zeitgenossen sollten selbstverständlich als Annahmeerleichterung den Initiator der eingeführten Monarchie mit republikanischen Versatzstücken (z.B. dem Senat) vordergründig mit der Pax Romana in Verbindung bringen, und der Nachwelt musste ein entsprechendes Bauwerk auf dem Marsfeld zur Ausprägung einer zugehörigen Erinnerungskultur präsentiert werden. Die Etablierung und Akzeptanz eines dynastischen Gedankens bedurfte einer Propaganda, und sein  Nachfolger Tiberius hatte somit zumindest theoretisch weniger Legitimationsdruck. Augustus scheute denn auch keine Kosten bei der Entstehung des

Abbildung 9: Carrara-Marmor aus der Toskana

Altars.  Feinster Carrara-Marmor aus der Toskana musste es schon sein. Reliefs mit mythologischen Darstellungen untermauerten das Sendungsbewusstsein oder den Machtanspruch für den Prinzipat. Die Julier um Augustus konnten dabei ihre familiären Wurzeln bis in die Gründungsakte Roms bebildern. Wie das?

 

Abbildung 10: Iulus Alba Longa

Namensgeber der römischen Patrizierfamilie war ein gewisser Iulus, der der Legende nach ein Sohn des Aeneas war. Aeneas war ein trojanischer Adliger von göttlicher Abstammung. Seine Mutter war die Aphrodite, und durch die Wirren des trojanischen Krieges (nach Herodot um 1230 v. Chr.) strandete dieser Halbgott an die italienische Küste bei Latium. Hier gründete eben jener Iulus Alba Longa und war deren erster König. In späterer Zeit saß dann ein Numitor Silvius auf diesem Thron. Das muss für den Zuhörer noch kein

Beweggrund sein für diese Motivwahl des ersten römischen Kaisers, aber die Tochter von Numitor Silvius, die Vestalin Rhea Silvia, gebar unter Mithilfe des römischen Kriegsgottes Mars die allseits dem Namen nach bekannten Zwillinge Romulus und Remus. Der Sage nach wurden diese Zwillinge von einer Wölfin (Lupa Capitolina) in einer Grotte (Lupercal) nahe dem Hügel Palatin gesäugt. Wenige Jahre später sollten sie hier die Stadt Rom gründen (753 v. Chr.). Nun war die Argumentationslinie der gewählten Bildmotive auf den Marmorplatten für

Abbildung 11: Alba Longa

die Nachwelt klar. Augustus konnte sich auf eine göttliche Abstammung berufen  (Aeneasmotiv) und in Alba Longa eine Mutterstadt Roms aufzeigen (Lupercalmotiv). Die Selbstverherrlichung hatte aber auch beim Princeps Grenzen. Er kannte nur allzu gut das brüskierende Auftreten seines Oheims Caesar, der bei jeder Gelegenheit diese königlich-göttliche Abstammung – vorzugsweise bei den republikanischen Senatoren – zur Schau stellte. Als Verantwortlicher der Sittenaufsicht seit 19 v. Chr. (cura morum) hatte er ebenfalls die klassischen römischen Tugenden im Blick, um sich auch persönlich von den Ausartungen der letzten Jahre des Bürgerkrieges zu distanzieren. Einige Szenen thematisierten daher auch respektvolle Opfergänge an die Götter zur Heraushebung der Frömmigkeit. Augustus wollte keine unnötigen Reize setzen bei der Etablierung des eigentlich für die Römer befremdlichen dynastischen Gedankens. Der gesicherte Fortbestand der julisch-claudischen Dynastie wurde in besonderer Weise durch ein Staatskameo eines Steinschleifers  namens Dioskurides zum Ausdruck gebracht, der im

Abbildung 12: Gemma Augustea

Auftrag von Augustus möglicherweise nach den Wirren der militärischen Katastrophe um Varus 9 n. Chr. in Germania magna ein Relief aus einem Schmuckstein herstellte. Dieser geschnittene Schmuckstein aus Sardonyx, einer Varietät des Minerals Quarz, kann heute noch im kunsthistorischen Museum in Wien betrachtet werden. Der Habsburger Rudolf II. hatte diese Gemma Augustea zu Beginn des 17. Jahrhunderts

käuflich erworben. Die Sicherung und Weiterführung der Herrschaft erfolgte bei diesem Kameo über die ikonographische Darstellung der

Abbildung 13: Augustus im Jupitertypus
Abbildung 14: Bisellium

verschiedenen Generationen aus der Kaiserfamilie. Im oberen Bildfeld thront Augustus gottgleich im Jupitertypus als oberste Gottheit in der römischen Mythologie mit der  Dea Roma und seinem Zepter auf einem bankähnlichen Thron (dem Bisellium).  Etwas versteckt hält er in der rechten Hand – aber bei genauerer Sichtung erkennbar – den Lituus. Es handelt sich hierbei um einen

Abbildung 15:  Augurenstab

Augurenstab,

 den der Princeps als Wahrzeichen der höchsten politischen und religiösen Macht trug (seit dem Tod seines alten Kampfgefährten Lepidus war Augustus auch Pontifex maximus). Interessanterweise ergibt sich hieraus auch ein Bezug auf die Anfänge der Stadt Rom. Der bereits

Abbildung 16: Der königliche Vogel des Jupiters

erwähnte Romulus legte der Legende nach mit dem Augurenstab die Stadtbezirke der neugegründeten Stadt Rom fest. Unter dem Thron befindet sich der Adler, der königliche Vogel des Jupiters.

 

Zwischen der Roma und dem Princeps positioniert sich

Abbildung 17:  Geburts-scheibe des ersten römischen Kaisers

offensichtlich eine Art Geburtsscheibe des ersten römischen Kaisers mit dem Steinbocksymbol.  Der sogenannte Capricornus war das Geburtszeichen des Kaisers. Die Gottheiten auf der rechten Seite des oberen Bildteils sind repräsentative Figuren für  die geographische Größe des Römischen Reiches.  Die Oikumene verleiht Augustus den Eichenkranz, offensichtlich die Corona civica (Bürgerkrone). Da Oikumene grundsätzlich für die bewohnten Erdteile stand, sah sich Augustus offenbar in Tradition zu Alexander dem Großen als Herr über die bewohnten Gebiete…imperialistische Züge

Abbildung 18: Oikumene verleiht Augustus den Eichenkranz

des Imperiums.  Der nicht unschwach dargestellte Oceanus symbolisiert

Abbildung 19: Oceanus

dabei als Weltenstrom die Umrahmung der von den römischen Legionen eroberten und erreichten      die        (Küsten-)Gebiete.  Erdgöttin

Abbildung 20: Erdgöttin Terra mater

Terra mater symbolisiert standardmäßig die Fruchtbarkeit und damit sicher auch in Stellvertretung die Wirtschaftlichkeit der eroberten Gebiete. Interessant ist, dass sie in Personalunion mit dem Jupitergestus auch bei den Römern für feierliche Eide stand. Entweder sah sich  Augustus zur ikonographischen Eidaussprechung genötigt durch die militärischen Kraftanstrengungen in Pannonien und Germanien (der am Boden liegende römische Brustpanzer auf dem unteren Bild spricht dafür) oder die Stellung des Princeps war zum Zeitpunkt der Erstellung des Kameos schon sakrosankt.

Abbildung 22: Die Söhne  Agrippa
Abbildung 21: Die Söhne  Agrippa

Augustus hatte die Nachfolgeregelung durch Adoptionen auf eine breitere personelle Basis gestellt. Nachdem die Söhne seines alten Weggefährten Agrippa als mögliche Nachfolgekandidaten ausfielen,  adoptierte Augustus Tiberius, der seinerseits seinen eigenen Neffen Germanicus  adoptieren musste. Dieser Tiberius verlässt gerade am linken oberen Bildrand die Biga, ein Zweiergespann. Die Wagenlenkerin ist die Siegesgöttin Victoria persönlich. Auffallend ist das Zepter, das Tiberius in die Mitregentschaft des Princeps überführt. Hier wird Gleichrangigkeit symbolisiert. Tiberius selbst besaß neben der tribunizischen Amtsgewalt spätestens seit 13 n. Chr. prokonsularische Amtsgewalt. Der Fortbestand der Dynastie und die Reichssicherheit durch die Dynastie waren die zentralen Botschaften des Staatskameos.  Tiberius hatte immerhin im Vorfeld erfolgreich in Pannonien und Dalmatien existenzbedrohende Aufstände niedergeschlagen, und daher konnten die Römer ohne Bedenken dem ankommenden Tiberius die Geschicke des Reiches

Abbildung 23: Aufstellen eines Tropaion

übertragen. Auf dem unteren Bildmotiv ist daher nicht ohne Grund das Aufstellen  eines Tropaion in Szenerie gesetzt, begleitet von den erzwungenen Blicken der Unterworfenen. Ob der Pfosten, an dem erbeutete Waffen angebracht wurden (umgangssprachlich auch als militärische Amüsierstange  bekannt), tatsächlich den militärischen Konflikten im pannonisch-dalmatinischen Raum zwischen 6 n. Chr. und 9 n. Chr. geschuldet ist, wissen wir mit absoluter Sicherheit nicht, könnte aber durch die Germanicusgestalt auf dem Kameo erklärbar sein (Figur vor dem Pferd, links neben Dea Roma). Germanicus war als übernächster Princeps vorgesehen, der Tiberius unterstützte in Pannonien in Feldherrenfunktion  (trägt das Paludamentum als sichtbares Rangabzeichen).

Abbildung 24: Horologium Augusti

Möglicherweise sah Augustus das schon andiskutierte eigene Geburtsdatum (23. September 63 v. Chr.) als Vorherbestimmung an und integrierte es in seine Propagandamaschinerie. Hierzu bediente er sich astronomischer Methoden.  Aus Heliopolis in Unterägypten ließ der Princeps einen mehr als 20 Meter langen Obelisken heranschaffen, der die Funktion eines Schattenzeigers ausübte. Das Horologium Augusti (Sonnenuhr) war so aufgestellt auf dem Marsfeld, das am Geburtstag des Princeps (dem Herbstäquinoktium, Tagundnachtgleiche) die Schattenlinie vom Morgen bis zum Abend durch die Ara Pacis Augustae führte. Das hatte selbstverständlich wieder eine symbolische Bedeutung, denn offenbar stand der Geburtstag des Princeps im direkten Zusammenspiel mit der Pax Romana.

Quellen:

http://www.roma-antiqua.de/antikes_rom/marsfeld/augustusmausoleum

http://www.markaurel.de/mausoleen.htm

http://elearning.unifr.ch/antiquitas/de/noticesimages/198

http://tarquinius-superbus.tiot.de/

http://www.roma-antiqua.de/antikes_rom/marsfeld/pompeius_theater

http://www.mbradtke.de/augustus01.htm

https://en.wikipedia.org/wiki/Porticus_Octaviae

http://www.remote.org/frederik/projects/frau-rom/

https://en.wikipedia.org/wiki/Mark_Antony

http://www.muenzen-ritter.de/wissenswertes/numismatikbibliothek/historia-romana/schlacht_bei_actium

http://www.pascua.de/antike/vergil/arapacis.htm

https://de.wikipedia.org/wiki/Pax_Romana

https://wilsonancientrome.wikispaces.com/Pax+Romana

http://www.learner.org/courses/globalart/work/175/index.html

http://www.laurentianum.de/schrefs/lref4100.htm

http://lexomat.de/uploads/Italien/Toskana/Carrara/463.jpg

Abbildungsnachweis:

Abbildung 1:

https://www.tagblatt.de/Nachrichten/Althistoriker-

Zimmermann-zum-2000-Todestag-des-Kaisers-Augustus-73436.html

abgerufen am 04.02.2017

Abbildung 2:

Karte militärischer Übungsplatz

https://de.wikipedia.org/wiki/Sieben_H%C3%BCgel_Roms

abgerufen am 04.02.2017

Abbildung 3:

 Campus Martius

https://de.wikipedia.org/wiki/Campus_Martius

abgerufen am 05.02.2017

Abbildung 4:

 Das erste Steintheater in Rom

http://khs11cityofrome.weebly.com/pompeys-theatre.html

abgerufen am 02.02.2017

Abbildung 5:

Portikus Octavia

https://en.wikipedia.org/wiki/Porticus_Octaviae

abgerufen am 03.02.2017

Abbildung 6:

Augustusmausoleum 29 v. Chr.

http://www.mbradtke.de/augustus/aug_mausoleum.htm

abgerufen am 02.02.1017

Abbildung 7:

Pax Romana

https://wilsonancientrome.wikispaces.com/Pax+Romana

abgerufen am 03.02.2017

Abbildung 8:

 Friedensaltar – Ara Pacis Augustae

http://www.f1online.de/de/bild-details/3944142.html

abgerufen am 04.02.2017

Abbildung 9:

 Carrara-Marmor aus der Toskana

http://urlaubsfoto.org/archives/98-Der-weisse-Marmor-von-Carrara.html

abgerufen am 06.02.2017

Abbildung 10:

 Iulus Alba Longa

https://en.wikipedia.org/wiki/Latium

abgerufen am 07.02.2017

Abbildung 11:

 Alba Longa

Zonaras: Lavinium and Alba Longa (7.1 Part II)

abgerufen am 04.02.2017

Abbildung 12:

Gemma Augustea

https://www.studyblue.com/notes/note/n/etruscan-and-roman-art/deck/14986222

abgerufen am 06.02.2017

Abbildung 13:

 Augustus im Jupitertypus

https://www.studyblue.com/notes/note/n/etruscan-and-roman-art/deck/14986222

abgerufen am 06.02.2017

Abbildung 14:

 Bisellium

http://warehouse-13-artifact-database.wikia.com/wiki/Vespasian%27s_Bisellium

abgerufen am 06.02.2017

Abbildung 15:

 Augurenstab

http://museum.zib.de/sgml_internet/sgml.php?seite=5&fld_0=me000741

abgerufen am 06.02.2017

Abbildung 16:

 Der königliche Vogel des Jupiters

https://www.studyblue.com/notes/note/n/etruscan-and-roman-art/deck/14986222

abgerufen am 06.02.2017

Abbildung 17:

 Geburtsscheibe des ersten römischen Kaisers

https://www.studyblue.com/notes/note/n/etruscan-and-roman-art/deck/14986222

abgerufen am 06.02.2017

Abbildung 18:

 Oikumene verleiht Augustus den Eichenkranz

https://www.studyblue.com/notes/note/n/etruscan-and-roman-art/deck/14986222

abgerufen am 06.02.2017

Abbildung 19:

 Oceanus

https://www.studyblue.com/notes/note/n/etruscan-and-roman-art/deck/14986222

abgerufen am 06.02.2017

Abbildung 20:

 Erdgöttin Terra mater

https://www.studyblue.com/notes/note/n/etruscan-and-roman-art/deck/14986222

abgerufen am 06.02.2017

Abbildung 21:

 Die Söhne  Agrippa

https://www.studyblue.com/notes/note/n/etruscan-and-roman-art/deck/14986222

abgerufen am 06.02.2017

Abbildung 22:

 Die Söhne  Agrippa

https://www.studyblue.com/notes/note/n/etruscan-and-roman-art/deck/14986222

abgerufen am 06.02.2017

Abbildung 23:

 Aufstellen eines Tropaion

https://www.studyblue.com/notes/note/n/etruscan-and-roman-art/deck/14986222

abgerufen am 06.02.2017

Abbildung 24:

 Horologium Augusti

http://fracademic.com/dic.nsf/frwiki/790535

abgerufen am 08.02.2017

Stupor mundi … Die Obere Wasserbehörde nimmt Stellung zu Schwermetallen!

Im Rahmen des 5. Abiturfaches erfolgte in den Jahren 2015 und 2016 eine besondere Lernleistung von mir hinsichtlich einer Bachuntersuchung des Baches Geithe, in der westfälischen Stadt Hamm gelegen. Unter dem Titel „Die Geithe, ein Altarm der Lippe – eine ökologische Untersuchung vor dem Hintergrund der historischen und aktuellen Situation“ wurden in Wasserproben des Baches Geithe Schwermetalle nachgewiesen, die in der Konzentration mit dem unrühmlichen Prädikat „Stark belastet!“ versehen werden konnten. Seinerzeit wiesen die zuständigen Behörden unter lautsprecherischer Federführung der Stadt Hamm meine Ergebnisse mit dem Totschlagargument zurück, dass die Wasserproben nicht nach standardisierten Messungen mit korrekter Normierung durchgeführt worden wären. Nun musste ich die obere Wasserbehörde in Arnsberg informieren, die eine offizielle oberbehördliche Untersuchung in Gang setzte, die im Ergebnis nun vorliegen. Interessanterweise erhielten meine Ergebnisse – wenn auch nicht deckungsgleich – in starker Tendenz eine amtliche ausgestellte Bestätigung und darüber hinaus weitere eklatante Umweltverschmutzungen. Was war denn nun amtlich registriert oder zugegeben? Nach den Untersuchungen des Landesamtes für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz Nordrhein-Westfalen (LANUV) wurden die Richtwerte für Arsen und Zink deutlich überschritten und die Umweltqualitätsnorm für Blei nicht eingehalten. Diese Aussagen beziehen sich zunächst nur auf die von mir und dem LANUV untersuchten Wasserproben, können aber ohne Bedenken für eine Generalisierung verwendet werden. Natürlich – und es gebietet die wissenschaftliche Zurückhaltung in einem aber demonstrativ geforderten Diskurs – können dogmatische Aussagen über die Giftigkeit der vorgenannten Substanzen nur über weitere Eigenschaften des Wassers auf eine breite Basis gestellt werden.

Besorgniserregend war an den Ergebnissen, dass der Messwert von Benzo(a)pyren im Wasser mit bis zu 0,97 ng/l mehr als das Fünffache des Grenzwerts der Umweltqualitätsnorm betragen hatte. Benzo(a)pyren kommt im Kohlenteer vor, entsteht bei Verbrennungsprozessen von organischen Materialien und zählt zu den am besten untersuchten krebserregenden Stoffen. Daher kann auch deutlich formuliert werden, dass dieser wenig ökologische Stoff bei Schornsteinfegern und Rauchern für das signifikant erhöhte Krebsrisiko Mitverantwortung tragen. Ohne große Verwunderung war dann auch zu beobachten, dass das grundsätzlich schlecht lösliche Benzo(a)pyren erwartungsgemäß auch im Sediment der Geithe zu finden war.  Es ist ein wichtiger Vertreter einer ganzen Gruppe von chemischen Verbindungen, der sogenannten Polyzyklischen Aromatischen Kohlenwasserstoffe (PAK). Insgesamt wurden 12 dieser PAKs im Schlamm der Geithe nachgewiesen, wobei vier dieser Substanzen einen Grenzwert überschritten, ab dem eine schädliche Wirkung zu erwarten ist. Darunter war das krebserregende, für Wasserorganismen sehr giftige Chrysen, das gewässergefährdende Phenanthren sowie vor allem das giftige Naphtalin, dessen Konzentration mit bis zu 1,5 mg/kg fünfmal höher lag als der oben erwähnte ½-PEC-Grenzwert. Die Messungen des LANUV bestätigten – wie bereits erwähnt –  die von mir ermittelten (eigene Werte in Klammern) Grenzwertüberschreitungen verschiedener Schwermetalle und ergaben in allen Fällen sogar noch höhere Belastungen der Sedimente in der Geithe. Bei Zink wurde beispielsweise mit 890 mg/kg (536 mg/kg) eine Überschreitung des Grenzwerts der Umweltqualitätsnorm festgestellt. Bei dieser Substanz steht vor allem die Giftigkeit für Pflanzen und Wasserpflanzen im Vordergrund. Das gleiche gilt für Nickel, bei dem die Konzentration mit bis zu 48 mg/kg (20 mg/kg) das Doppelte des ½-PEC-Grenzwerts betrug. Darüber hinaus ist Nickel als Kontaktallergen bekannt, das schwere Hautentzündungen hervorrufen kann und als krebserregend gilt, insbesondere, wenn Stäube inhaliert werden. Zynisch formuliert, meine Untersuchungen waren nicht vollständig aufdeckend in der Konzentrationsmessung, also eine negative oder pervertierte Diskreditierung meiner eigenen Untersuchungsergebnisse. Mit diesem Makel kann ich leben! Bei den drei giftigsten Schwermetallen Blei, bis 90 mg/kg (51 mg/kg), Cadmium, 3,4 mg/kg (2,9 mg/kg) und Quecksilber, bis 0,95 mg/kg (0,03 mg/kg) kam es sogar jeweils zur Überschreitung der oben genannten Grenzwerte um ca. 50%. Alle drei Substanzen können sich im Körper anreichern und zu chronischen Vergiftungen mit Schädigung des Nervensystems und verschiedenen Stoffwechselstörungen führen. Sie gehören daher schon seit Jahren zu den sogenannten Prioritären Stoffen der EU-Wasserrahmenrichtlinie, die als besonders gefährlich eingestuft werden und besonderer Beobachtung unterstehen.

Zwingend war daher die Einleitungsgenehmigung zu modifizieren, wobei die diplomatische Wortwahl der tatsächlichen Gefährdungssituation klar nachsteht. Mit behördlicher Genehmigung konnte der Betreiber des Kohlekraftwerks in Hamm-Uentrop die Abwassermengen aus dem Kohleabsetzbecken in die Geithe leiten. Offensichtlich – zumindest bestätigt seit 2011, aber mit sattelfestem Verdacht wohl seit der Inbetriebnahme – waren eklatante Eingriffe in die standardisierte Abwasserbehandlung an der Tagesordnung. Für diese Genehmigung war die Untere Wasserbehörde der Stadt Hamm zuständig, die realiter das Gefährdungspotenzial des Kraftwerkskomplexes ignorierte oder in fachlicher beziehungsweise behördlicher Unkenntnis argumentierte.Hinweise zu einer erhöhten Belastung liegen mir auch nach Abgleich der bisherigen Untersuchungen im Rahmen des Monitorings der WRRL oder eigener Untersuchungen beispielsweise des Makrozoobenthos bzw. chemisch-physikalischer Parameter oder der Fischfauna nicht vor“, kam es souverän aus der Unteren Wasserbehörde, namentlich durch Dr. Schmidt – Formann kolportiert, meinen Ansprechpartner beim Umweltamt Hamm. Diese Aussage verdeutlicht entweder eine dogmatische Inkompetenz oder das unsichtbare Gemüt hinsichtlich eines empathischen Umweltbewusstseins kann hochfrequentiert in der Unteren Wasserbehörde bestaunt werden. Nicht zur fachlichen Nachahmung geeignet oder mit dem satirischen Gütesiegel verwandt waren die Äußerungen des Mitarbeiters Cigelski der Unteren Wasserbehörde, wonach das Geithewasser nur Regen- und Oberflächenwasser sei und er sich auch in der Vorstellung verankert sehe, seine Kinder im Bach spielen zu lassen. Selbstverständlich können Vertreter von Umweltbehörden den Ganzkörperkontakt mit Schwermetallen propagieren, denn ich werde vielleicht irgendwann dem eine Nachvollziehbarkeit abringen. Versprechen kann ich es aber nicht! Durch diese Einleitungsgenehmigungen erhielt der Kraftwerksbetreiber einen Freibrief für die Entsorgung von schädlichen Abwässern. Letzten Endes lässt sich von Glück sagen, dass sich die Obere Wasserbehörde in diesen Fall eingeschaltet und Untersuchungen vorgenommen hat, die das wahre Ausmaß der Umweltschädigung/-belastung zeigen.

[Quellen: Schreiben von Dr. Rosenbaum-Mertens, LANUV; GESTIS-Stoffdatenbank des Instituts für Arbeitsschutz der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (IFA), http://gestis.itrust.de; Lenntech Water Treatment Solutions, https://www.lenntech.de; Umweltbundesamt, https://www.umweltbundesamt.de;]