Der Pferdekopf auf dem Hillefeld bei Welver. Ein archäologisches Interpretationsreservoir?

Der Pferdekopf auf dem Hillefeld bei Welver. Ein archäologisches Interpretationsreservoir?

 

Inhaltsverzeichnis

Proömium

Die Pferdebestattungen sind keine Marginalie!

Analogien im altsächsischen Raum

Ein Potpourri an Leitfragen für den Pferdeschädel vom Hillefeld

Ein sagenhaftes Parergon

Tacheles zum Epilog

Anhang

Literaturverzeichnis

Hyperlinks

Abbildungskatalog

Abbildungsverzeichnis

Proömium

Die Pferdeopfer, die in dieser Schrift ex definitione vornehmlich als rituelle Pferdebestattungen betrachtet werden, gehören als Sekundärbestattungen – wenn auch im marginalen Modus – thematisch in die Gräberarchäologie und den Totenkult der Vorgeschichte, der Antike und des Mittelalters. Die in der heutigen autonomen Republik Tuwa in Sibirien beheimatete spätbronzezeitliche Aldy-Bel-Kultur, die Skythen in den eurasischen Steppen Südrusslands und der Ukraine, also allgemein der Skythisch-sakische Horizont, oder die späthelladische Periode kannten diesen Ritus. Aus den niedersächsischen Siedlungskammern Rullstorf, Emstek-Drantum und Wulfsen oder aus dem niederösterreichischen Stillfried an der March sind Pferdeopfer dokumentiert. Neben archäologischen Überresten können auch die Fragmente einstiger Tieropferriten im religiösen Alltag oder allgemein die Darstellung von Tieropferszenen auf überlieferten ikonischen Materialien die über die Zeitepochen hinweg gängigen Bestattung veranschaulichen. Denken wir hier nur an das Bukranion, das bereits im Hellenismus und in der römischen Antike in plastischer oder ikonischer Ausführung zum standardisierten Dekorationsaccessoire gehörte. Auch für die zahlreichen Hieromanten und Chaldäer im Alten Orient und in der klassischen Antike ist das Extiszipin belegt. Ritualisierte Opferungen werden bis heute in den Weltreligionen praktiziert, mit dem Matagh in Armenien, am indischen Kalighat-Tempel oder durch den islamischen Eid ul-Adha kardinal veranschaulicht.

Die Pferdeopfer gehören expressis verbis als von den Zeitepochen losgelöste transnationale Konstante hinsichtlich der Tieropferriten aufgeführt und in den Diskurs getragen. Betrachten wir das vedische Ashmavedha, als dediziert den indischen Königen bei deren Königskrönungen oder -bestattungen ein Pferd geopfert wurde, neigt sich den Diskursteilnehmern als ostensive Konklusion der Argumentationsgriff entgegen, die Rossopfer auf das jeweilige Establishment zu fokussieren. Und in der Tat, das Ashmavedha-Opfer war im indischen Kulturkreis stets dem Radscha vorbehalten oder erhielt durch die Honoratioren eine Renaissance, wie unter Maharajadhiraja Samudragupta aus der nordindischen Gupta-Dynastie im 4. Jahrhundert unserer Zeitrechnung geschehen. Ganz der Verbreitung und dem Wesen der indogermanischen Sprachfamilie Rechnung getragen, werden ähnlich gelagerte Rossopferzeremonien auch bei den Turkvölkern oder in Kontinentaleuropa von hochgestellten Persönlichkeiten initiiert worden sein. Ob Primär- oder Sekundärbestattungen, Einzel- oder Mehrfachbestattungen oder das Rossopfer als Ausdruck regaler Bestattungsriten, die Affinität nach dem deutschen Philosophen Jakob Friedrich Fries muss vorgelegen haben, nicht nur in der Intention, sondern auch – der Archäologie Genüge zu tun – in der Plastizität der Überreste. Und hier setzt der archimedische Punkt meiner Ausarbeitung an.

Das Hillefeld gehört verwaltungstechnisch zur Verbandsgemeinde Welver, im Landkreis Soest gelegen. Es handelt sich dabei um eine Flurparzelle im Süden der Gemeinde Scheidingen. 2015 wurden auf dem Hillefeld unter der Regie des Landschaftsverbandes Westfalen Lippe, Archäologie für Westfalen (LWL) Ausgrabungen durchgeführt hinsichtlich der Dokumentation mittelalterlicher Besiedlungsspuren in Ausmaß, Form und daraus ableitender Funktionalität. Im Fokus dortiger archäologischer Aktivitäten stand im Sommer 2015 ein Grundmauerzug, den es galt freizulegen. Während dieser archäologischen Tätigkeiten konnte in einer Abfallgrube ein Pferdekopf – in den Ausmaßen fast schlechthinnig erhalten –  ausgegraben und dokumentiert werden. Bisher konnten weder fachliche Diskurse, gar dezidierte Versuche dahingehend, noch evidente literarische Annäherungen bezüglich jedweder Interpretationen zur Präsenz dieses Biofaktes perzipiert werden. Billigermaßen? Ich will den Versuch unternehmen, über ausgewählte Exempla Analogien aufzuzeigen, um diesen Pferdeschädel nach archäologischen und historischen Gesichtspunkten argumentativ in das Potpourri belastbarer Zuordnungen integrieren zu können. Der Pferdeschädel soll sich vom bloßen Dokumentationsstatus emanzipieren und als Rückgriffbiofakt für das Explizieren von komplexen Zusammenhängen im Scheidinger Umland dienlich sein. Um der Übersichtlichkeit, der Stoffrelevanz und dem Objektivismus einer Ausarbeitung Genüge zu leisten, werden als thematischer Restriktionsrahmen die Konzentration auf das altsächsische und mainfränkische Einzugsgebiet statuiert und die Argumentation nivelliert geführt zur Vermeidung ekstatisch-dogmatischer Argumentationsketten.

Methodisch ist dabei der Werdegang vom Allgemeinen zum Speziellen eine Notwendigkeit hinsichtlich der Charakterisierung eines Pferdeschädels. Das Aufzeigen von (über-)regionalen Analogien und übereinstimmenden Parametern – sofern sie denn existieren – erleichtert die Zuordnung oder die eben aus der Abwägung heraus resultierende Verneinung einer Funktionszuordnung für den Hillefeldschen Pferdeschädel. Der Anspruch auf Vollständigkeit im Aufzeigen von Analogien ist aber keine Zielkomponente dieser Ausarbeitung, denn der Plastizität wegen bedarf es einer didaktischen Reduktion. Wenn ich ein Biofakt, ein Überrest allgemein der Adjunktion zuführe, bedarf es dabei idealiter objektiver Parameter zur Eingrenzung oder Identifikation bezüglich der Zeit- und Kulturepochen. Die Krux mit dem Hillefeldschädel liegt dabei im Tatbestand des Nichtvorliegens direkter Bezugsgrößen, da die Befundmasse exzeptionell und autark auf einer Ackerfläche vorzufinden war. Lediglich die angrenzenden Überreste von Besiedlungsspuren und Biofakten geben Halt in den Interpretationsansätzen für mögliche Funktionalitätszuordnungen. Daher legt die Ausarbeitung den Akzent auf das Setzen von Signifikanzen und Konklusionen aus den Besiedlungsspuren und dem abseits gelegenen Pferdeschädel. Sine ira et studio, dieses für Diskurse notwendige Kriterium in Darbietung und Beantwortungsszenarien eines (selektiven) Leitfragenkonglomerates ist der eigene Anspruch für diese Ausarbeitung. Die nie unsichtbare Diskrepanz besitzt dabei eine pikante, persönlich motivierte Note, denn thematisch können von mir initiierte und eigene archäologische Tätigkeiten integriert werden in die Ausarbeitung. Autochthone Beatifikationen werden aber nicht skizziert.

Samantha Seithe

 

Die Pferdebestattungen sind keine Marginalie!

Zunächst soll ein Abriss über diese Biofakte das Bewusstsein stärken für die Legitimation im merklichen Befundkatalog der Archäologie. Und einige Pferdebestattungen sind in der archäologischen Befunddokumentation vorlegbar. In Kontinentaleuropa waren die Pferdegrabriten bis in das Hochmittelalter hinein präsent. Waren in der Spätantike Pferdebestattungen überwiegend in Pannonien, im Bulgarenreich, in Thüringen und den alamannisch-bajuwarischen Einzugsgebieten zu beobachten, expandierte der Pferdegrabritus zunehmend über den kompletten Herrschaftsbereich der Merowinger und konnte sich auch in Mainfranken oder im Südwestfälischen etablieren. Es ist anzunehmen, dass diese heidnische Sitte im Rahmen der Völkerwanderungsbewegungen in den gallorömischen und rechtsrheinischen Siedlungsgebieten entweder durch ein Oktroy oder durch die Synthesis Platz fanden in den Regularien der Bestattungsriten. So ist auch zu erklären, dass es gerade die Nachfahren der heidnischen Sachsen waren, die bis in das 11. Jahrhundert diesen Grabritus praktizierten, sozusagen als theodiske Plastination des Ursprünglichen, des den romanisierten Germanen und Franken Konträrem. In Anspielung auf die romanisierten Bevölkerungsgebiete kann man dann aber auch Tacitus heranziehen, der schon davon berichtete, dass die Germanen in den Pferden die Vermittler von Vorzeichen und Weissagungen sehen würden. Wie heißt es doch treffend an der entsprechenden Stelle im 10. Kapitel der Germania zum öffentlichen Leben:

Et illud quidem etiam hic notum, avium voces volatusque interrogare; proprium gentis equorum quoque praesagia ac monitus experiri.[1]

Abbildung 1: Das Pferdegrab von Wulfsen.

Der Ur- und Frühhistoriker Michael Müller-Wille dokumentierte bereits in den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts beinahe über 250 Reihengräberfelder mit Pferde- und Pferdeteilbestattungen, wobei geographisch der altsächsische Raum majorativ vertreten ist. Alamannen, Bajuwaren und Rheinfranken waren dem quantitativ nachgelagert. Und Gräberfelder wie das im niedersächsischen Wulfsen (Abb. 1) waren da noch nicht aufgenommen. Auch die Anzahl der bestatteten Pferde ist facettenreich und nicht nach Regularien in der statistischen Masse kategorisierbar.[2] Die Einzelbestattungen ragen deutlich hervor, die Mehrfachbestattungen sind majorativ im geographischen Gürtel vom Friesländischen in das Anhaltinische anzutreffen. Die Dreifachbestattungen sind nicht als statistischer Ausreißer zu interpretieren ob ihrer quantitativen Marginalität, aber zahlenmäßig unterrepräsentiert, jedoch geographisch im Altsächsischen behei

Abbildung 2: Die dem „Fürstengrab von Beckum“ zugeordneten Pferdegräbern.

matet (Beckum in Nordrhein-Westfalen, Wulfsen in Niedersachsen, Griefstedt in Thüringen). Die profane Einschachtung war dabei die obligatorische Bestattungsmethode, konnte jedoch bautechnisch auch Transnormalitäten aufweisen, so zu beobachten auf den westfälischen Gräberfeldern von Beckum (Abb. 2) und Bremen-Ense mit holzverkleideten Gruben. Auch Kreis- und Rechtecktgräben als Umwallungen oder Pfostenanlagen sind dokumentiert.[3]

Und die Ausrichtung der Pferde? Auch hier gibt die statistische Masse keine signifikante Kategorisierung preis. Aufgestützte Köpfe, Bestattungen mit rechts- oder linkslagiger Rumpfausrichtung, Bauch- oder Rückenlage und Ausrichtungen nach allen Himmelsrichtungen können sind dokumentiert. Lediglich in Clustern kann man schwerpunktmäßig im alten Sachsen nach Regionen die Ausrichtung angeben, die aber versetzt sind mit zahlreichen statistischen Ausreißern. So kam im alten Ostsachsen, also in Teilen des heutigen Mitteldeutschlands, schwerpunktmäßig die Ost-West-Ausrichtung zum Einsatz, in Engern und Westfalen dagegen majorativ die Nord-Süd-Ausrichtung zum Vorschein.  Allerdings liegt in toto dieser Einteilung keine sklavische Kategorisierung zugrunde, denn das Vorhandensein mehrerer Bestattungsrichtungen ist in allen altsächsischen Gebieten anzutreffen, auf dem Gräberfeld von Grone in Niedersachsen sogar mehrere Bestattungsrichtungen. Geschlechtsspezifische Kategorisierungen sind nur bedingt möglich, da osteologische Analysen nicht für alle Befunde vorliegen. Wo osteologische Befunde vorliegen, kann klar ein Votum für den Hengst oder für den Wallach gegeben werden. Aber auch hier können weibliche Exemplare nicht ausgeschlossen werden, wie im sachsen-anhaltinischen Schönebeck schon in den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts vom Museologen Wolfgang Wanckel aufgezeigt wurde. Auch im brandenburgischen Gröditsch (Abb. 3)

Abbildung 3: Pferdegrab aus Gröditsch, Bef. 35.

wurden 2001 neben Rindern trächtige Stuten und ein Fohlen entdeckt. Darüber hinaus wurde dort ein ausgewachsenes Pferd dokumentiert, dass mit unter dem Körper angewinkelten Beinen in einer in Nord-Süd-Ausrichtung gelegenen Grube lag.[4]  Die Spannweite hinsichtlich des Alters ist jedoch ungewöhnlich hoch. Das oberbayerische Wielenbach kann ein halbjähriges Fohlen vorweisen, das niedersächsische Grone ein mehr als rüstiges Exemplar von stattlichen 20 Jahren. Um robust sich den statistischen Ausreißern entgegenzustellen, kann auch der Modalwert Verwendung finden für diese statistische Masse und irgendwo zwischen vier und acht Altersjahren platziert werden für die Bestattungspferde. Die partiellen Pferdebestattungen – und hier zählt Hillefeld zu den Kandidaten – treten untergeordnet in Erscheinung. Verena Freiin von Babo zählt beispielsweise ohne Berücksichtigung des Hillefeldes 26 Kopfskelettbefunde in ihrer Dissertation von 2004 auf.[5]

Um der Nennung aller Besonderheiten gerecht zu werden, auch Knochen anderer Tiere sind als Beigaben in Pferdegräbern dokumentiert, oft im Zusammenhang mit der Dekapitation der Pferde. Nehmen wir das unterfränkische Zeuzleben. Anfang der achtziger Jahre im 20. Jahrhundert kamen bei Erdarbeiten markante Bodenverfärbungen – also ein klassischer Indikator für verfüllte Grabschächte – zum Vorschein und gaben die Initialzündung für eine systematische Bodenanalyse. Das Ergebnis war ein frühgeschichtliches Gräberfeld mit Menschen- und Tiergräbern. Die Pferde waren größtenteils enthauptet, Hundegräber den Menschengräbern beigefügt. Da zahlreiche Tierknochen auch zur Befundmasse der Menschengräber gehören, liegt die Vermutung nahe, hier eine rituelle Begräbnisstätte anzusetzen oder zumindest die enthaupteten Pferde als elementaren Bestattungsritus zu interpretieren. Auffallend ist dabei – und zugleich als Verstärkung geeignet für die These des rituellen Bestattens – die Beobachtung auf dem Zeuzlebener Gräberfeld, dass in einem Grabschacht ein menschliches Skelett unterhalb eines vollständigen Pferdeskelettes lag.[6]

Das ebenfalls in Unterfranken gelegene Kleinlangheim im Landkreis Kitzingen verfügt über ein ganzes Arsenal an Tierskeletten, die bereits ausführlich in den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts von den Münchener Tiermedizinern Joachim Boessneck und Angela von den Driesch-Karpf osteologisch vollumfänglich in die Befundaufnahme überführt wurden. Neben den dekapitierten Pferdeschädeln gehören ein Rinderschädel, ein Widderschädel, ein Wolfsskelett und ein Rothirschgeweih zur Ausstattung des Tierfriedhofes.[7] Da allen Pferdeskeletten in Kleinlangheim der Schädel fehlt, kann hier eine Verwendung der Pferdeköpfe zu kultischen Zwecken angenommen werden. Nicht unüblich war, dass die Pferdeköpfe auf Pfähle oder Firste gesteckt wurden. Offensichtlich wurden die Pferde als Kameraden interpretiert, die den beigesetzten Menschen als Transportmittel in einem wie auch immer gelagerten Jenseits dienen sollten. Auch hier lag geschlechtsspezifisch die männliche Ausprägung vor, möglicherweise waren es Wallache. Warum? Die Beckenknochen waren der Indikator, das Geschlecht der Pferde als männlich zu bestimmen.  Da das Os pubis eines Pferdeskelettes auf dem Gräberfeld eine leichte Eindellung besitzt nahe der Mediane an Stelle des Tuber dorsale, kann auf eine Kastration geschlossen werden, da die Beckenformtransformation eine direkte Kastrationsfolgeerscheinung von Hengsten ist. Ob es für alle Pferdeskelette zutrifft, kann aber nicht mit Sicherheit formuliert werden, da Schambeinanomalitäten lange Vorlaufzeiten haben, und die Pferdeskelette wurden nicht in Kleinlangheim als vollständig adult katalogisiert, so dass noch kein anatomischer Unterschied zwischen Hengst und Wallach bestehen muss.[8] Da der Hillefeldfund nicht zur Dekapitationsbefundmasse gehört, soll es bei diesem Exkurs bleiben mit dem Schaffen eines Bewusstseins, dass die Interpretationsindikatoren für den Pferdeschädel auf dem Hillefeld nicht vollumfänglich nutzbar sind wegen des Fehlens anatomischer Charakteristika.

Das Pferdegeschirr ist nicht obligatorisch für die dokumentierten Pferdebestattungen, aber eben auch nicht unbekannt. Trensen, Zaumzeugbeschläge oder Steigbügel gehören zur Asservierung. Ein Musterbeispiel derartiger Grabbeigaben ist im westsächsischen Schleenhain dokumentiert, als Ende der neunziger Jahre im letzt

Abbildung 4: Grube mit Pferdebestattung aus Schleenhain.

en Jahrhundert nahe der mittelalterlichen Wüstung Cossa eine Grabgrube entdeckt wurde, in der ein Pferdekadaver stehend ausgerichtet bestattet wurde. Hierfür waren die Grubenvertiefungen dienlich, in denen sich die Vorder- und Hinterläufe befanden. Und der Pferdekopf ruhte leicht erhöht auf einem

Abbildung 5: Pferdeschädel mit eiserner Trense aus Schleenhain.

Sockel (Abb. 4). Das Kuriosum an diesem Pferdeschädel lag nicht in dem mit Steigbügeln und Trense ausgelegtem Grab, sondern in der Aufzäumung des Pferdes mit diesen typischen Grabbeigaben (Abb. 5).[9] Hilfreich waren diese obligatorischen Grabbeigaben durchaus, denn die dortige Ringtrense zeigt eine ungefähre Gebissweite von zehn Zentimetern. Zudem erschien die Verdickung der Gebisshaltung, mittig platziert, als Schlussfigur dienlich zu sein für Knebeltrensen, da die Verdickung die für Knebeltrensen typische Durchlochung aufweist. Eine tragbare Konklusion wäre damit die Annahme einer Gebissbreite von nur knapp sieben Zentimetern. Nimmt man die Spannweite der durch die Trensen vorgegebenen Gebissweiten, läge Schleenhain im untersten Datencluster, für die frühmittelalterlichen Artefakte sogar außerhalb der katalogisierten Messdaten. Ob aus diesen Widersprüchen oder Nichtpassungen Konklusionen hinsichtlich der zeitlichen Einbettung getroffen werden können, bleibt vorerst abzuwarten, trübt aber keineswegs die ausführliche Dokumentation der stehenden Pferdebestattung.[10] Auch wenn Grabbeigaben wie die Trensen in Schleenhain zur Verwirrung beitragen können, bleibt doch der Positivismus nicht dem Einsturz zwingend zugeführt. Der Steigbügel aus dem Schleenhainer Pferdegrab offenbar eine interessante Vernetzung in den asiatischen Raum. Da hier der Riemendurchzug zur Befestigung des Steigriemens in den Bügelkörper integriert ist, kann der Fund frühestens in das beginnende 11. Jahrhundert verlegt werden, da bis zum Ende des ersten Jahrtausends der Riemendurchzug am Bügel an- oder aufgeschmiedet vorzufinden war, zumindest in der Restriktion zulässig auf Grundlage der katalogisierten Steigbügelfunde. Abgesehen von einer technischen Finesse, blieb diese Technik nur zwingend in der Konstruktion für Panzerreiter, die durch die neue Riemendurchzugstechnik die Bügel einer größeren Belastung zuführen konnten und damit die Pferdekraft vollständig ausschöpfen konnten in Kampfsituationen oder für leichte Reiterei mit ihren leistungsfähigen Kompositbögen. Vielmehr kann in dieser Steigbügelform auch eine Verbindung zu den Steppenomaden im Einzugsgebiet der Kiewer Rus und der byzantinischen Schwarzmeergebiete gezogen werden, die diese vornehmlich nutzten. Lokale Fürsten bedienten sich dieser Steppennomaden als Reservoir für eine Soldateska, Söldnertätigkeiten der einzelnen Turkvölker sind quellentechnisch belegt für den polnisch-ungarischen Raum im Mittelalter.[11]

Diese Grabbeigaben gehören nicht nur aufgelistet, um der Vollständigkeit des Befundes gerecht zu werden, sie lassen auch Rückschlüsse zu hinsichtlich der Funktionalität eines Pferdes. Ob Reitpferd, Waffenpferd oder ein in der Landwirtschaft eingesetzte Allrounder auf vier Hufen, die Interpretationen können verwirrend ambigue sein.  Mit Blick auf die weiteren Ausführungen scheinen hier einige Anmerkungen hilfreich zu sein hinsichtlich der Wertschätzung und der Position des Pferdes zu seinem Besitzer. Grundsätzlich diente das Pferd als Transportmittel und zwar in der Form, dass die Bestatteten auch die Reise in das Jenseits hätten antreten können oder im Jenseits ein Pferd zur Verfügung gehabt hätten. Im Rahmen von Bestattungsfeierlichkeiten gehörte das Pferdefleisch zum standardisierten Begräbnismal, das Fell und der Schädel wurden jedoch symbolisch in die rituelle Begräbniszeremonie aufgenommen als Begräbnisinventar. Es war durchaus üblich, dass der Pferdeschädel auf Stangen am Grab aufgesteckt wurde oder wenige Meter vom Körpergrab abseits eine eigenständige rituelle Bestattung erfuhr. Als pars pro toto wurde das Pferd in der Bestattung als Fortführung der diesseitigen Symbiose geopfert.[12] Nehmen wir hier das Grab des „Herrn von Beckum“ aus dem westfälischen Landkreis Warendorf als repräsentatives Beispiel für die Zurschaustellung einer sozialen Stellung des Bestatteten über die Beigabe von Pferdegräbern. Alleine zwölf Pferde und ein Hund wurden diesem Mann beigegeben, und die qualitativ hochwertige Menge an Grabbeigaben wie Waffen, Geschirr oder Schnallen weisen den Mann zweifellos als Angehörigen der Oberschicht aus. Der Ango, das Replikat einer Goldmünze Justinians aus Byzanz, eine eiserne Streitaxt, ein Ringknauf-Schwert, eine bronzene Pinzette, eine Bronzeschale oder die Goldbeschläge einer Tasche aus aufgelöteten Golddrähten sind Belege für den elitären Stand des Verstorbenen.[13] Die Bedeutung dieses Fürstengrabes liegt gerade darin, dass mit diesen Utensilien eine zeitliche Datierung relativ exakt vollzogen werden kann. Die zum Grabbeigabeninventar gehörenden Bronzeschnallen mit punzverziertem Laschenbeschlag ermöglichen die Einordnung in die merowingerzeitliche Gräberfeldkultur um Chilperich I. und Chlothar I. am Ende des 6. Jahrhunderts.[14] Offensichtlich war das Pferd als zusätzliches Statussymbol gedacht. In der Fachwelt werden die zugehörigen Pferdebestattungen als Opfer interpretiert für den Ritt nach Walhall oder als waffentragendes Tier. Auch die Qualität des Zaumzeugs in den Pferdegräbern – insbesondere mit den Notationen 34/110 und 10/10 auf dem Beckumer Gräberfeld  – entspricht der Qualität der Grabbeigaben aus dem Grab des „Herrn von Beckum“.[15]

Signifikante Verbindungen zwischen den Menschengräbern und den Pferdegräbern können nicht aufgezeigt werden. Ob gesondert, im Verbund oder zentriert auf den Gräberfeldern, bleibt vermutlich den örtlichen Besonderheiten vorbehalten. Die quantitativ merkliche Existenz von Ausnahmen verbietet dahingehend Kategorisierungen, zumindest für die Bereitstellung allgemeingültiger Konklusionen. Nehmen wir die großflächige Verteilung der Pferdegräber an auf den Gräberfeldern, belehren uns die Pferdegräber im niedersächsischen Bovenden oder die niederländischen Zweeloo und Loveen eines Besseren.[16] Auch die Suche nach einem System, um die Menschengräber in einen funktionalen Zusammenhang zu bringen mit den Pferdegräbern, bleibt verwehrt, da willkürliche Abstände zwischen den Bestattungsparteien keine Korrelation zulassen oder für wenige Pferdegräber sowohl Frauengräber als auch Männergräber Bezugspunkte sind. Und dabei sind noch nicht einmal die zahlreichen Pferdegräber auf den Gräberfeldern berücksichtigt, bei denen die dort lokalisierten Menschengräber das jeweilige Geschlecht nicht preisgaben. Dieses Faktum der Willkürlichkeit und die asyndetischen Cluster wirken wie Blei auf den Argumentationstragflächen dieser Ausarbeitung, müssen jedoch fachwissenschaftlich angenommen werden.

Analogien im altsächsischen Raum

Starten wir mit dem Gräberfeld in Ense-Bremen, einem Bestattungsplatz südwestlich der westfälischen Stadt Soest nahe der Möhne gelegen. Nicht nur die räumliche Nähe zum Hillefeld erlaubt eine Einordnung in den Diskurs, sondern die dem Bestattungsfeld zugeordneten Bestattungsinventare aus verschiedenen archäologischen Phasen von annähernd 2000 Jahren. Schon in der späten Bronzezeit erlebte dieser Bestattungsplatz eine ritualisierte Grabbeigabenkultur, wie die zahlreichen dokumentierten Grabeinhegungen belegen. Ob Kreis-, Schlüsselloch- oder Langgräbenformationen, die auf dem Gräberfeld die Körper- und Brandgräber mit teils Leichenbrand einhegten, den Menschen in der Bronze- und Eisenzeit oder der Römischen Kaiserzeit war ein vorchristlicher Bestattungsritus für deren

Abbildung 6: Eine Urne aus Ton im Gräberfeld von Ense-Bremen.

Erinnerungskultur ostensiv ein realisiertes Desideratum. Auf dortigem, vorchristlichem Boden erfolgte exemplarisch durch Urnen aus gebranntem Ton (Abb. 6) als Depositorien für den rudimentären Leichenbrand ein generationenübergreifender Bestattungsritus. Zudem konnte über vergleichende Methoden der keramischen Überreste eine Affinität zur Niederrheinischen Grabhügelkultur aufgezeigt werden. Auch die insbesondere aus den Körpergräbern des Frühmittelalters dokumentierten Grabbeigaben wie Scramasaxe, Schildbuckel oder das Potpourri an Alltagsgeräten müssen in der merklich umfänglichen Bedeutung für den experimentellen Historiker und für den Archäologen ostentativ formuliert werden.[17] Aus der Relevanz des westfälischen Gräberfeldes – nicht nur dieses Gräberfeldes –  generieren sich Blickwinkel für die nachfolgenden Betrachtungen zu Pferdegräbern respektive Pferdeschädeln. Die natürlich bedingte Putreszenz in den Gräberfeldern führt apodiktisch zur Vernichtung von Grabbeigaben, und damit liegt für die Rekonstruktion ganzheitlicher Zusammenhänge ein Malus vor. Diese fragmentarischen Überreste tragen per se den Charakterzug der fragilen Konklusionen in sich. Wenn wir Ense-Bremen in den Diskurs tragen, dann sind die zahlreichen organischen Aufbewahrungsbeigaben wie Holzgefäße oder Lederutensilien in den Gräbern mit Leichenbrand entweder unwiderruflich gelöscht aus der Inventarliste oder widerrechtlich dem tatsächlichen Inventar zugefügt worden, ganz zu schweigen von osteolytischen Prozessen in den Körper- und Pferdegräbern. Zudem werden durch externe Faktoren wie landwirtschaftliche Tiefpflüge, Dedunation, Deflation und umfängliche Umbaumaßnahmen ohne genügende Tieflage der Gräber der archäologische Modus ponens im Übermaß traktiert. Und dieses Konglomerat an Annihilationen ist zum Leidwesen der Archäologen für das Hillefeld in destruktiver Analogie vollumfänglich zu übernehmen. Nimmt man die konstruktive Analogie als Prämisse, kann alleine aus dem Vorhandensein der Grabeinhegungen in Ense-Bremen die Existenz einzelner Pferdeknochenfragmente auf dem Hillefeld in den Bedeutungsrahmen der in den Diskurs gestellten Pferdegräber aus Niedersachsen und Westfalen getragen werden. Werden die Langgräben als Ruhestätten von Familienoberhäuptern, Schöffenbarfreien, vielleicht auch von Semperfreien interpretiert, gehören die Pferdegräber als Sekundärbestattungen in die vorchristliche Ahnenkultur mittels der Totenhäuser, also als bauliches Parergon im Bestattungsritus interpretiert oder als Marginal verwendet in der altsächsischen Variante der Gräber der Noblen aus dem Alten Ägypten.

Das dingliche Konkretum liegt nun in Ense-Bremen in langrechteckigen Gruben, und die Ausrichtung der Pferde in den Gräbern kann dabei aus der Lage der Schneide- und Hakenzähne sowie aus der Lage der Prämolaren und Molaren geschlossen werden, die nicht der Zerstörung des Hydroxylapatits zum Opfer fielen. Die Ausrichtung der dortigen Pferdegräber war mehrheitlich so angelegt, dass die Pferde mit dem Kopf nach Norden bestattet wurden. Drei Pferdeköpfe zeigten auch nach Osten. Ob die Ausrichtung nach standardisierten Normen erfolgte oder die statistische Datenmenge quantitativ nach den Himmelsausrichtungen als Auswertungsmenge nicht dienlich ist, kann dem archäologischen Status quo nicht entnommen werden in Ense-Bremen, aber die Pferdekopfausrichtungen waren konträr zu den Körpergräbern.[18] Auch die zusätzlichen Nischen für die Pferdeköpfe waren in den langrechteckigen Gräbern anzutreffen. Das Grabbeigabeninventar aus den Pferdegräbern verdeutlicht zudem signifikant einen Bezug zum Totenkult. Eine ahnenkultige Ingredienz sollte dem Verstorbenen als – seinem Stand entsprechend –  adäquates Transportmittel zur Verfügung stehen, um den Weg nach Walhall antreten zu können.

Und das niedersächsische Wulfsen? Der Fund des Pferdegrabes im Landkreis Harburg südlich von Hamburg 1974 bedeutete nicht, den Leitfaden in der Interpretation derartiger Dreifachbestattungen (Abb. 1) als Phoenix aus der Asche gefunden zu haben, da das Hillefeld eine noch nicht skizzierte Einzelbestattung aufzeigte. Aber der Hillefeldsche Fund hätte gut daran getan, sich der Methoden zur Dokumentation der Pferdeskelette anzunehmen. Was war passiert nach der Freilegung in Wulfsen? Der Archäozoologe Hans Reichstein aus Kiel taxierte die drei Pferdeskelette zunächst auf ein Alter zwischen fünf und sieben Jahren, und die Hengstzähne ermöglichten eine geschlechtsspezifische Einteilung. Auch die Widerristhöhe wurde ermittelt und lag mit bis zu maximal 138 Zentimetern nicht im überdurchschnittlichen Bereich. Vielleicht waren es Artverwandte der Großponys oder Abzweigungen der Islandponys.[19] Gedankengänge und dergleichen Assoziationen dahingehend scheinen im germanischen Kulturkreis nicht abwegig zu sein. Diese Charakteristika können als Basis für belastbare Konklusionen dienen. Bleiben sie nur in der Aufzählung schon verwehrt, sind die archäologischen Überreste nicht in die Nomenklatur aufzunehmen und bleiben interpretatorisches Streuobst mit einer zügigen Halbwertzeit des Erinnerns. In der Präparation in situ zeigten die Archäologen in Wulfsen ihr Bewusstsein für die Sensibilität des Grabfundes. Brüchige Knochen und die wenig stabile Haftung des Untergrundes verlangten zunächst die Knochentränkung mit Leim bis zur Sättigung. Der Boden und die Grubenwände mussten verfestigt werden mit Speziallack, Polyurethan- Hartscham stabilisierte den Grubenhohlraum. Anschließend erfolgten der Einbau eines umfassenden Holzkastens und das Ausschäumen des Zwischenraumes zur Stabilisierung. Dieses aufwendige Verfahren – und das weitere Freipräparieren vom Hartschaum im Museum ist nicht frei von unerheblichem Arbeitsaufwand – kann nicht den Anspruch auf Übernahmeverpflichtung statuieren, aber überregionale Querverbindungen hinsichtlich der Pferdebestattungen können nur durch eine lückenlose Dokumentation erfolgen. A priori sind die archäologischen Corpora Delicti somit für Analogien perforat. Ob und in welchem Ausmaß sich der Hillefeldsche Fund dieses Defizitäre eingestehen muss, bleibt den Ausführungen zum Hillefeld in dieser Ausarbeitung vorbehalten. Interessant sind auch die Beobachtungen von Werner Haarnagel bezüglich des Gräberfeldes in Feddersen-Wierde, nahe Cuxhafen. Er kategorisierte die dortige Befundmasse nach Abfallgruben mit Tierknochen als Speisereste und Grubentypen mit Tierskelettresten. Ihm fiel auf, dass in länglich-rechteckigen Gruben oft vollständige Skelette lagen, in Pfostengruben und Gruben unterschiedlicher Ausprägung dagegen majorativ nur Pferde- oder Rinderschädel. Zudem ging er davon aus, dass nur Tiere wie Pferde, Rinder und Hunde geopfert wurden, da offenbar nur diese Tiere über sorgfältig errichtete Beisetzungsgruben verfügten[20]. Der Aufenthalt im altsächsischen Einzugsgebiet ist auch deshalb urbar, da bei Vorliegen entsprechender Grabbeigaben in Pferdegräbern gute Datierungen, Charakteristisches aus jenen Zeitepochen und Vereinfachungen hinsichtlich der Interpretationsschübe für die Einbettung des Pferdegrabes in den Gesamtzusammenhang möglich sind, unabhängig von den Erkenntnissen aus Schleenhain. Nehmen wir die Reitergräber aus dem niedersächsischen Sarstedt. Bereits zu Zeiten der Weimarer Republik dokumentierte der Archäologe Hans Gummel ein Reitergrab in Sarstedt, in dem neben dem menschlichen und dem Pferdeskelett auch ein Schwert, eine Lanze, ein Schildbuckel und eine Rippzange aus Bronze enthalten waren. Augenzeugenberichte zu jener Grabung berichteten von einem Pferd, das auf der rechten Körperseite in Südost-Nordwest-Ausrichtung verharrte, der Reiter dagegen in Südwest-Nordost-Ausrichtung bestattet lag. Und der skelettierte Schädel befand sich zwischen den Gliedmaßenknochen des Pferdes.[21] Nicht nur die Überkreuzausrichtung der beiden Weggefährten nach Walhall war dabei von Belang, sondern die Grabbeigaben wurden als Artefakte der Schlacht am Süntel 782 beschrieben, als sich der heidnische Widukind gegen die Franken erfolgreich zur Wehr setzte. Auch 2001 wurden zwei Reitergräber im Sarstedter Stadtteil Heisede entdeckt, in denen in Kammergräbern neben den Kriegern Pferde, Stoßlanze, Sax und Schild aufzufinden waren. Da beide Krieger Spuren von malignen Verletzungen aufweisen (Schädelfraktur, Unterschenkelamputation), sehen Archäologen diese Begräbnisse im zeitlichen Kontext zu den archäologischen Befunden auf den sächsischen Fliehburgen Barenburg und Amelungsburg, die Sammelstellen für die sächsischen Truppen waren gegen die Franken 782.[22]

Die frühmittelalterlichen Pferdegräber im niedersächsischen Liebenau und Wünnenberg-Fürstenberg sind dahingehend interessant, da hier in beiden Fällen detaillierte Zahn- und Skelettaltersbestimmungen vorliegen zwecks Altersbestimmung. In Liebenau wurden die langen Gliedmaßenknochen mit der Methode von Ludwig Kiesewalter ermittelt und die Widerristhöhen katalogisiert.[23] Das Fehlen jeglicher Schädel- und Beckenfragmente machte die Bestimmung des Geschlechts und die Geschlechtsverteilung unmöglich, aber Schädelfragmente und Zähne deuteten auf Hengste oder Wallache hin. Schnittspuren an den Occipital- oder Atlasfragmenten konnten nicht beobachtet werden, daher konnten für die dortigen Pferdeskelette Dekapitationen ausgeschlossen werden. Die Epiphysensensynostosierung ergab, dass die Hälfte der Probanden höchstens fünf Jahre war, wenige Exemplare waren älter als 6 Jahre. Zudem ergab die Knochenanalyse keinerlei Indizien für pathologische Veränderungen wie Arthritiden oder Spondylarthrosen, die als Parameter für langanhaltende oder einseitige Überbelastung gelten.[24] In Wünnenberg-Fürstenberg wurden neun Pferdegräber dokumentiert, in zwei Gräbern gab es nur die Schädel und fragmentierte Gliedmaßenknochen. Es gab verschiedene Orientierungen in der Ausrichtung, allerding lagen tendenziell die Pferde auf der rechten Körperseite mit angewinkelten Gliedmaßen. Lediglich in zwei Gräbern kamen Grabbeigaben zum Vorschein. Rainer Springhorn beschäftigte sich ausführlich mit den Kenndaten der Pferdeskelette wie Größe, Alter oder Geschlecht. Das Stockmaß erhielt wieder eine Vorgabe durch Ludwig Kiesewalter, und das Alter wurde nach dem Zahnstatus und dem Zahnabrieb ermittelt. Die Ausformung des Tuberculum pubicum dorsale und des Ramus acetabularis ossis pubis des Beckens und die Hakenzähne dienten als Beleggrundlage für die geschlechtsspezifische Katalogisierung.

Ein Potpourri an Leitfragen für den Pferdeschädel vom Hillefeld

(Leitfrage 1) War der Hillefeldsche Pferdeschädel ein Bauopfer? Diese Frage kann nicht aus der bloßen Existenz des Schädels konkludiert werden, sondern gehört als eine Staffage in die Ausgrabung und Dokumentation einer komplexen Bebauungsstruktur des archäologischen Grabungsgeländes. Es ist keine apodiktische Determinante, aber die Überreste von Baustrukturen dienen als für fachwissenschaftlich intonierte Diskurse belastbare Gradmesser auf der Suche nach Funktionalitäten der Artefakte. Schauen wir uns zunächst im Abriss das oberbayerische Ingolstadt an für die Bereitstellung von Vergleichswerten. Hier konnten zu Beginn des 21. Jahrhunderts auf dem Ingolstädter Rathausplatz stratigraphische und topographische Erkenntnisse gewonnen werden durch das Auffinden mittelalterlicher Überreste. Die detailliert dokumentierte Ausgrabung brachte im alten Fließwasserareal des Flusses Schutter ein archäologisches Überraschungsmoment zum Vorschein, als ein mittelalterliches Holzhaus freigelegt werden konnte. Alleine die facettenreiche Dokumentation war für den Städtebauhistoriker ein Damaskus

Abbildung 7: Hausgrundriss Ingolstadt.

hinsichtlich unterstellter mittelalterlicher Profanbautechniken. Das Holzhaus verfügte mindestens über eine horizontale Querschnittsfläche von 60 Quadratmetern, war West-Ost orientiert und als Überreste konnten eine zentral gelegene Herdstelle, Teile des Fußbodens und der Schwellenkranz des Ständerbaus gesichert werden (Abb. 7). Auch die Nutzungsdauer muss von Konsistenz geprägt gewesen sein, da mehrlagige Lehmtennen dokumentiert wurden. Zudem erfolgte die Errichtung auf einer künstlichen Insel im Schutterwasser, realisiert durch einen Bohlenkasten mit Lehmabdichtungen und Kiesauffüllungen. Das Intermezzo in die Ingolstädtter Stadtbaugeschichte sei nun beendet, aber das objet de désir

Abbildung 8:  Das Pferdeskelett aus Ingolstadt, Bef. 159.

findet selbstverständlich Erwähnung. Im Bohlenkasten fand sich zentral gelegen als Bauopfer das Skelett eines Pferdes mit sauber platziertem Pferdeschädel auf dem Skelettrücken unter der Kiesverfüllung des Holzkastens (Abb. 8).[25] Eine weitere Festigung der Querverbindung von Pferdeschädelfunden und Besiedlungsartefakten liefert das unterfränkische Trappstadt, das 2014 bei Grabungen auf dem Schlosshof der dortigen Schlossanlagen interessante mittelalterliche Besiedlungsspuren aufzeigen konnte.

Nebengrabenartigen Strukturen fielen insbesondere die beiden Grubenhäuser in die archäologische Relevanz und bereicherten den Befundkatalog. Beide Grubenhäuser waren bis zu einem halben Meter eingetieft in den Keuper mit Abrundungen der Wände zum Bodenbereich. Das Grubenhaus mit der Notation 6 (Abb. 9) verfügte über eine südliche Hauswandlänge von über drei Metern, die östliche Grubenhauswand konnte zumindest auf ungefähr zwei Metern freigelegt werden. Da sich am Profil ein Pfostenloch abzeichnete, konnten für die östliche Grubenhauswand natürlich weitere Wandlaufmeter unterstellt werden, aber die grundsätzliche Anordnung der Gebäude mit paralleler oder rechteckiger Anordnung blieb durch das lückenhafte Ausgrabungssubstrat in der Erkenntnis verwehrt. Lediglich Überbleibsel reiner Holzkohle konnten auf dem Grubenhausboden der Notation 6 ermittelt werden. Ob es sich dabei um belastbare Indizien für Feuerstellen handelt, bleibt unklar und gehört nicht in den Fokus der Ausarbeitung. Interessanter scheint – auch mit Blick auf die Pferdeschädelproblematik – das Grubenhaus mit der Notation 7 (Abb. 9) zu sein. Zunächst komplettieren sich dessen Ausmaße zu etwa fünf Metern in der Länge und zu dreieinhalb Metern in der Breite. Gebäudeecken und Schmalseiten verfügten über Pfostenlöcher, die etwas über dreißig Zentimeter eingetieft waren. An der nördlichen Längswand war zentral ein weiteres Pfostenloch angebracht. Ein bautechnischer Zwilling auf der gegenüberliegenden Seite konnte durch den dort verlaufenden Sondagegraben nicht mehr explizit aufgezeigt werden, bleibt aber – schon der Symmetrie wegen –  kein Element aus einer obskuren Vorstellungskraft. Notation 7 war darüber hinaus im südlichen Areal gekennzeichnet durch holzkohle- und kalkenthaltende Bodenschichten, durchzogen von schmalen Lehmbändern. Die dort aufgefundenen Keramikfragmente

Abbildung 9: Übersichtsplan der Grabung in Trappstadt.

führen dazu, dass dieser bauliche Überrest in die Hochmittelalterepoche datiert werden kann. Die Funktionalität kann über das Nichtvorhandensein jeglicher Feuerstellen erschlossen werden, und die durchaus nachgewiesenen Schlackteteilchen schließen trotzdem metallverarbeitende Funktionstrakte aus wegen des Fehlens eben jeglicher Hitzequellen. Die Grubenhäuser mit Webhäusern zu identifizieren, liegt naheliegend aufgrund der dort gefundenen Webüberreste wie Webgewichte und Spinnwirtel.[26] Das für die Ausarbeitung interessante unterfränkische objet de désir lag in der Notation 7 (Abb. 9),

 

Abbildung 10: Pferdeschädel im Grubenhaus in Trappstadt, Bef. 7.

 

aufbewahrt in der obersten Ostwand und ausgerichtet nach Osten. Der vollständig erhaltene Pferdeschädel war bedeckt durch das Verfüllmaterial (Abb. 10). Auffallend in der Anatomie ist der gezackte Oberkiefer, der als Indiz für ein beträchtliches Alter des Pferdes gewertet werden kann, da die Knochen im Zahnbereich mit dem Alter spitzer werden; sozusagen ein natürlicher Gradmesser für die Datierung eines Fundobjektes. Hier bleibt – in Anbetracht der Fundmasse – die Deutung nur als Bauopfer oder ähnlich gelagerte rituelle Niederlegung hinsichtlich einer Schutzfunktion gegen das Übernatürliche oder kaum Erklärbare.[27]

Die Grundlage für diesen Thesenbestand ist das Vorliegen baulicher Strukturen auf dem Hillefeld. Und hier können eigene archäologische Aktivitäten einen Beitrag leisten, damit der Pferdeschädel nicht ohne Bezugspunkte in die Geschichte der Katalogisierung eingeht. Im Rahmen eines Forschungsprojektes zum Salzbach hatte ich 2014 öfters am Salzbachufer um Hof Stemmerk in der Scheidinger Gemarkung zu tun und noch in Erinnerung, dass Steinhügel auf einer der landwirtschaftlichen Pachtflächen eines alteingesessenen Einheimischen namens Bernd Vickermann lagen. Dort stand ich nun seinerzeit mit der Frage nach der Herkunft dieser Steine vor diesen Steinaufschüttungen. Ich musste mir schon eingestehen, dass man aus der bloßen Existenz von Steinrestehalden ohne intensive Materialprüfung keine großartigen Erkenntnisse ziehen sollte und apodiktische Konklusionen in die Diskursmasse hätte werfen können. Aus einem regen Informationsgespräch gab mir der Landwirt Vickermann in jenen Tagen aber Informationen, die die Funktionalität des Pferdeschädels ermöglichen. Wir standen zwar vor den Steinaufschüttungen, aber auf dem “Königskamp”, einem Königshofland. Das war eine Bezeichnung, die unbekannt war, da offenbar nirgends gelistet. Hier korrigierte mich der Landwirt. In seinem Privatbesitz gab es noch eine Katasterkarte aus der Wilhelminischen Ära mit dieser Bezeichnung, die er mir dann später auch freundlicherweise zur Verfügung stellte. Bernd Vickermann berichtete, dass er in all den Jahrzehnten auf dem benachbarten Hillefeld (!) beim Umpflügen seine liebe Mühe mit “diesen Gesteinsbrocken” hatte und auf dem Königskamp zentral lagerte.

Offensichtlich konnte man dem Hillefeld über Jahrzehnte hinweg Reste baulicher Strukturen entnehmen. In einer anschließenden Archiv- und Internetsuche war es mir möglich gewesen, Informationen zu einem ominösen, nicht konkret lokalisierbaren Steinwerk zu erhalten. als Ergebnis der Recherche konnte ich damals eine Urkunde aus dem Jahre 1316 ermitteln, bei der der Hof Stemmerk aus der Dreiteilung einer größeren Hofanlage namens Steinwerk hervorging.[28] In einer Tauschurkunde von 1348 gab es mit “…bi der stayt to Werle tuyschen Werle unde dem steynwarcke…”[29] nicht nur eine weitere Schreibweise vorgesetzt, sondern indirekt auch eine mögliche Standorteingrenzung eben für das Steinwerk als Anlage oder einzelnes Gebäude. Der Hofflerke als Tauschobjekt lag zwischen Werl und eben diesem “steynwarcke“, dem Steinwerk. Dieser Hof existiert wie Stemmerk aber heute noch. Es war also naheliegend, das Terrain um Stemmerk näher zu begutachten. Und so geschah es seinerzeit auch in Eigenregie! Einen weiteren Motivationsschub hinsichtlich der Stemmerkschen Ausgangsstellung ergab sich über eine ergänzende Literaturrecherche, aus der heraus die Urkunden des Klosters Oelinghausen für die Jahre 1308, 1402 und 1421 mit “Haupthof Steinwerk”, “Hof zum Steinwerke (Sten-) mit Gericht und Herrlichkeit” oder “mit der Herrschaft der Höfe zu Flerke[30] schon Umschreibungen liefern und damit eine größere Hofanlage verortet wird. Tatsächlich wurden die damaligen Absuchmanöver erfolgreich begleitet, und im Herbst 2014 konnte zumindest bezüglich des Vorliegens baulicher Überreste eine Verzugsmeldung attestiert werden mit den GPS-Daten 51,594391 und 7,939498. Dort konnte ich mehrere Steine nebeneinander vorfinden, und nach weiterem Aushub kamen Teile einer Grundmauer zum Vorschein. Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe-Archäologie in Westfalen mit Außenstelle Olpe übernahm anschließend unter Professor Baales und Frau Doktor Cichy die weiteren Untersuchungen und identifizierte die Überreste als ein polygonales Bruchsteinmauerwerk. Zudem wurden die dortigen Scherbenfunde als Irdenware identifiziert und Pferde-, Schweine- und Rinderknochen gefunden bei weiteren Untersuchungen. Eine hofartige Ansiedlung war bei diesen Überresten nicht nur bautechnisch möglich. Weiterführende Ausgrabungen hatten

Abbildung 11: Übersichtsplan der Grabung Welver-Flerke.                      Abbildung 12:  Ausschnitt aus dem Übersichtsplan der Grabung Welver-Flerke mit besonderem Augenmerk auf Bef. 4.                    Abbildung 13:  Pferdeschädel aus Bef. 4 der Grabung Welver-Flerke, Draufsicht.                                Abbildung 14: Pferdeschädel aus Bef. 4 der Grabung Welver-Flerke, Profilsicht.

dann auch Pfosten, Pfostengruben und eine Wasserleitung hervorgebracht, also Überbleibsel eines Grubenhauses (Abb. 11). Losgelöst vom Umfang und Funktionalität der Überreste, kann der Pferdeschädel also im Zusammenhang mit Baustrukturen auf dem Hillefeld genannt werden. Eine Fundabqualifizierung ist ausgeschlossen, zumal sich die Lage des Pferdeschädels direkt unterhalb der Reste des Grubenhauses befindet, aber der Ausgewogenheit der Argumente geschuldet, bleibt das Resümee hinsichtlich einer Bauopferstrategie nicht evident. Die Abfallgrube ist ein Grubenhaus, welches ein rechteckiges Format angenommen hat und westlich des Eingangs des ausgegrabenen Steinfundaments gelegen war (Abb. 12). Der Pferdekopf war mit Blick nach Norden ausgerichtet, was in Analogie zur majorativen Ausrichtung im frühmittelalterlichen Sachsen steht. Der Schädel war umgehen von der Befundfüllung des Grubenhauses, deponiert auf einem Plateau (Abb. 13). Aufgefunden wurde er lädiert, was man entweder auf die obere Befundfüllung oder auf ein absichtliches Zerdrücken hindeutet (Abb. 14). Auffällig hierbei ist, dass dem Pferdekopf der untere Kiefer abhanden ist. Während des weiteren Verlaufs der Grabung konnte in der zu untersuchenden Fläche kein Unterkiefer ausfindig gemacht werden. Ob dieser als Werkzeug weiter benutzt oder anderweitig Verwendung hatte, bleibt ungelöst. Umgeben mit weiteren Knochen vom Pferd, Schwein und Rind, teils bearbeitet, teils unbearbeitet, ist davon auszugehen, dass der Pferdeschädel in dieser Grube vom restlichen Körper abgetrennt und entweder als Symbol deponiert oder weggeworfen wurde. Sine dubio, der Schädel gibt ein Rätsel auf. Ein auffallendes Analogon existiert jedoch, und zwar handelt es sich dabei um die bereits erwähnte Gräberlandschaft in Gröditsch. Siedlungsspuren mit vergrabenen Tierkörpern sind nicht nur dort dokumentiert. Bereits wenige Jahre zuvor konnte man im brandenburgischen Senftenberg aufzeigen, dass die dortigen Tiergräber an den Grundstücksgrenzen vergraben wurden.[31] Und Gröditsch ermittelte Tiergräber im Hofbereich der Besiedlungsspuren. Es gab zudem einen weiteren Umstand im Gröditscher Ausgrabungskomplex, als in unmittelbarer Nähe eines Pferdegrabes Überreste zweier Brunnen entdeckt wurden. Brunnen und Bauopfer sind dabei im Skizzieren von Signifikanzen in der Literatur keine Unbekannte. Dieter Warnke proklamierte für die Skelettreste eines Pferdes aus der Wüstung Miltendorf im brandenburgischen Reetz einen Bauopferritus.[32] Nimmt man nun noch den Tatbestand in die Wertung, dass das dortige Gröditscher Pferdegrab unter einem Gebäude aus dem Spätmittelalter lagerte, bleibt der Gang zum Bauopferritus nicht unvorstellbar. Seit dem Neolithikum sind diese Opferriten bekannt, verfügen aber nicht über eine Kodifizierung. Da für den Erkenntnisgewinn hinsichtlich eines Bauopfers noch keine adäquate Literatur zur Verfügung steht, aus der sich eine Systematik für den Definitionsrahmen ableiten lassen würde, sichern archäologische Funde den Erkenntnisgewinn ab, allerdings restriktiv in der Analogieanwendung. Vergleichsweise zu anderen Funden, kann dem Pferdekopf vom Hillefeld hier aber keine Bauopferdeponierung oder Bestattung in stringenter Analogie nachgesagt werden. Bei einer Bauopferdeponierung wäre der Schädel im Gebäude oder an einer der Außenwände deponiert und umrahmt, jegliche Beigaben fehlen. Der auf dem Hillefeld aufgefundene Pferdeschädel zeigt keinerlei dieser Besonderheiten und stellt hierdurch etwas Apartes dar. Dieser Fund reiht sich ad libitum in die Kategorisierungsversuche der Pferdeschädelbefundmasse ein.[33]

(Leitfrage 2) Gehörte der Pferdeschädel zur Beigabenmasse eines sozial Höhergestellten, wie etwa am Grab des „Herrn von Beckum“ ersichtlich? Dieser Punkt steht im direkten Zusammenhang zur ersten Thesensetzung und legt den Fokus auf die möglichen Hauptakteure der in Überresten vorliegenden Besiedlungsspuren. Gehen wir zum Königskamp zurück. Der offenbar in Vergessenheit geratene Königskamp ermöglicht eine neue Blickwinkelöffnung, da ein Königskamp problemfrei in die Versorgungseinrichtung eines Königs einzuordnen war, und damit geht es in das Wanderkönigtum und die Pfalzeinrichtungen der Ottonenzeit, die weit vor der ersten urkundlichen Erwähnung Scheidingens von 1233 lagen.[34] Ob es eine Pfalz in Scheidingen gab, ergibt sich als Indizienkette aus dem Quellenstudium. Schon zu Zeiten Karls des Großen wurden am Hellweg Königshöfe errichtet.[35] Werl war civitas regia, und Heinrich I. weilte oft auf der curtis regia des Werler Grafen.[36] Interpretationsreich ist mit “…Sie [die entsprechende Vöhde] liegt nördlich vom Hellwege bei Werlaha…”[37] die Lage von den Unterkünften des Königs. Kann man nun noch dem Weimarer Reichskanzler Franz von Papen Glauben schenken, dessen Vater auf Haus Köningen geboren wurde, dann lagen diese Wiesen bei Haus Köningen und Heinrich der Sachse erhielt dort das Angebot zur Königskrone 919. Haus Köningen liegt in der Gemarkung Scheidingen und gehörte nach Aussage v. Papens zum “Regum domus“.[38] In diesem Zusammenhang sollte man sich auch die Wortbedeutung Werls vergegenwärtigen, da sich aus der alten Bezeichnung Werla eine Beziehung zum Eichenwald ablesen lässt, und heute noch zieren Teile eines alten Eichenwaldes die Gemeinde Scheidingen bei Werl, zu Werl oder eben im Norden von Werl, aber nicht in Werl. Der bereits erwähnte Königskamp oder die Flurbezeichnung “Königslandwehr” in Scheidingen reihen sich dort nur nahtlos in die geographische Argumentationskette ein…gute Ansätze für zukünftige Untersuchungen auf diesem Gebiet.[39]

Und diese res historica besitzt weiterführendes Potenzial für Interpretationen. Selbstverständlich stehen die Eliten in Verbindung zu Gebäuden, die ihrem Anspruch gerecht werden. Hilfreich können hier Heimatforscher oder die Aufzeichnungen von Regionalhistorikern sein, so geschehen bei Franz Joseph Mehler. Schon in seinem Buch von 1891 zur Werler Stadtgeschichte sprach er von einem Schloss im Zusammenhang mit einer Belehnung von 1411.[40] Der Kölner Erzbischof Friedrich von Saarwerden verwendete offenbar zu Beginn des 15. Jahrhunderts in den entsprechenden Lehensbekundungen den Schlossbegriff zur Bezeichnung einer größeren Anlage. In einer der Regestensammlungen der Kölner Erzbischöfe können in der Lehensbekundung an einen gewissen Hermann Freseken aus dieser Urkunde von 1411 mit “…sein Schloss Scheidungen (-dongen) mit allen Bauwerken, Herrlichkeiten, Renten, Gülten, Nutzungen, Gefällen,…” Begriff, Beschreibung und Ausmaß herausgelesen werden.[41] Das Schloss existierte also. Die urkundliche Erwähnung an anderen Stellen zu anderen Zeiten zeigt auf, dass das Schloss als Gebäude auch als solches wahrgenommen wurde bis zu seiner Zerstörung 1445 in der Soester Fehde (1444-1449).[42] Bei einer Internetrecherche im Landesarchiv NRW konnte ich aus einer Verkaufsurkunde von 1689 mit “…, ehemals zum Schloss Scheidingen gehörigen 15 ½ Morgen Land bei Werl…” noch einen weiteren Bezug auf eine Schlossanlage finden, die aber in das Konglomerat an unklaren Indizien verfrachtet werden muss.[43] Warum gab es mehr als zwei Jahrhunderte nach der Zerstörung einer Gebäudeanlage noch einen Vermerk in einer Verkaufsurkunde aus der frühen Neuzeit? Die Langlebigkeit kann nur als Indiz Verwendung finden für den ehemals eminenten Habitus, der mit diesem Gemäuer in Concordia stand. Es ist evident, dass bei einem möglichen Wiederaufbau nach 1445 eine größere Anzahl an Erwähnungen in nachfolgenden Aufzeichnungen hätte erwartet werden können. Dieser Sachverhalt gehört keiner weiteren Prüfung unterzogen. Es ist zudem keine abstruse Imagination, dass durch eine Namensbindung zum Burgbegriff der Schlossbegriff “überlebt” haben könnte, vielleicht auch als Synonym in der Frühen Neuzeit Verwendung fand. Es war nicht unüblich, dass aus mittelalterlichen Burganlagen Schlösser entstanden, und Erzbischof Friedrich Saarwerden hatte sicher in der Lehensbekundung an Fürstenberg aus dem Jahre 1405 seine Gründe für die Schlossbezeichnung, die wenig wahrscheinlich als Wortattitüde des Erzbischofs seinerzeit zu interpretieren gewesen wäre.[44] Verweigert man die Denkstrukturen des Kölners, zynisch die Belehnung eines maroden, baulichen Schreckgespenstes beurkundet zu haben, bleibt nur die Existenz einer burgähnlichen Anlage als gegeben vorauszusetzen. Der bereits erwähnte Hermann Freseken hatte 1397 noch “Haus und Burg zu Scheidingen mit Zubehör” erworben.[45] Der Burgbegriff bei Pachtverträgen war auch nach 1445 aus Scheidingen nicht verschwunden.[46]

„Nomen est omen“, das lateinische Zitat ist für diese Leitfragenkultur evident. Werden die Hinweise in den Quellen als archimedisches Punktinferno interpretiert unter Hinzufügung der existierenden Überreste, gäbe es für den Pferdeschädel auf dem Hillefeld eine Involvierungsthese in die Bestattungsriten der regionalen Noblesse. Dass das mit der regionalen Elite auch in Bogenspannung zu den Liudolfingern im Altreich hinausläuft, wäre für den Schädel nicht abträglich. Fahren und Reiten waren im Verhaltenskodex der Oberen fest verankert, berittene Krieger waren – ob vorkarolingisch oder im etablierten Personenverbandsstaat des Altreiches – nur in der Anzahl wenige Personen. Und diese elitäre Oberschicht zeichnete sich auch durch entsprechende bauliche Dimensionierungen aus. Es ist somit nicht vorstellbar, dass eine singuläre, von allen Bezügen zur sozialen Alltagsgeschichte losgelöste Pferderestebestattung auf dem Hillefeld vollzogen wurde. Der Malus auf dem Spielfeld dieses Leitfragenblickwinkels stellt aber apodiktisch das Fehlen jeglicher Bezüge zu Menschengräbern in das Panorama der Leitfragenkritik. Denn nur mit dieser Querverbindung kann die (partielle) Pferdebestattung thesenfest in den fachlichen Diskurs überführt werden. Da konkrete Altersangaben für den Pferdeschädel noch fehlen, Menschengräber auf dem Areal (noch) nicht existent sind oder der starke Fragmentierungsgrad die Einordnung in die Biofakttypen erschwert, bleibt nur durch die angrenzende Fundzusammensetzung die Möglichkeit der relativen Datierung übrig, sozusagen eine Seriation auf lokaler Ebene. Das Ausmaß an Artefakten ist jedoch nicht hinreichend für derartige Vorgehensweisen. Die Hintergründe bleiben somit vorerst facettenreich in der Darstellung. Wurde das Pferd um seiner selbst willen für den Trap nach Walhall bestattet? Liefert der fragmentierte Pferdeschädel auf dem Hillefeld als Biofakt ein Indiz, den Pferdeschädel zu interpretieren als eine Opferhandlung auf einem Kultplatz? Auch ist gegenwärtig nicht zu entscheiden, ob der Pferdekopf ein Biofakt nachbestatteter Pferde darstellt, als turnusmäßiges Ritual zu Ehren einer sozial exponierten Persönlichkeit.[47]

(Leitfrage 3) Ist das Equus caballus auf dem Hillefeld Ausdruck einer profanen Haustierhaltung? Oder: Ist der Pferdeschädel überrestlicher Ausdruck eines wie auch immer deponierten Tierkadavers? Liegt etwa eine Tierkadaverstelle vor? Schauen wir uns im Befundkatalog für das Hillefeld die dokumentierten Knochen genauer an.[48] Die dort dokumentierten Pferde-, Schweine- und Rinderknochen

Abbildung 15:Auswahl der Tierknochenfunde der Grabung Welver-Flerke.

spiegeln durchaus das Bild einer Tierrestehalde wieder (Abb. 15). Der schmale Metatarsus (Mittelfuß) eines Pferdes wurde im Außenbereich des polygonalen Bruchsteinmauerwerkes gefunden. Dabei war ein Ergebnis des Befundes, das der Metatarsus zwar in der Erscheinung komplett, aber eben auch distal abgekaut war. Zudem lagen die beiden zugehörigen Nebenstrahlen (Griffelbeine) in verkümmerter Erscheinung vor. Diese Verkümmerung ist Ausdruck entweder einer stetigen Überlastung des Griffelbeinköpfchens oder der langlebigen Unterlastung, was jedoch einer majorativen Untätigkeit des Pferdes im Alltag entsprechen müsste. Vielmehr scheint hier die Alltagswahrscheinlichkeit Fuß zu fassen, und die Degeneration ist Ausdruck einer permanenten Nutzung des Fesselträgers. Auch der dokumentierte Astragalus (Sprungbein, auch Talus genannt) zeichnet sich durch einen verbrauchten Zustand aus. Die Oberseite des Astragalus zeichnet dabei ein Bild einer maroden Sprungbeinrolle, die natürlich als zwingende Konklusion Auswirkungen auf die Schienbeinrolle in der Knöchelgabel hätte, was zu Gelenkinstabilitäten des oberen Sprunggelenks geführt haben könnte im normalen Stand. Da aus der Befundmasse auch die Lädierung des Pferdeschädels entnommen werden kann, gab es also offensichtlich externe Faktoren für das degenerative und lädierte Erscheinungsbild der überrestlichen Pferdeknochen. Nach jetzigem Erkenntnisstand lag mindestens ein adultes Pferd in seinen Überresten auf dem Hillefeld begraben. Es liegen zwar keine korrelativen Ergebnisse vor zwischen Pferdeschädel und Pferdeknochen, aber die Läsionen passen nicht zur Symbolhaftigkeit einer dem Verstorbenen angetragenen Pferdebeibestattung, um den sozialen Rang des Verstorbenen zu dokumentieren oder das passable Transportmittel nach Walhall zu erhalten. Grundsätzlich wurden Pferde als Arbeits- oder Reittiere gehalten, und die vorliegenden Knochen auf dem Hillefeld liefern keine Anhaltspunkte für juvenile oder subadulte Zustände. Adäquate Altersbestimmungen dahingehend könnten durch verwachsene Epiphysen untermauert werden, liegen aber als Knochenmaterial nicht vor. Und die fragmentierte Tibia (Schienbein) oder Schnittspuren an einer Phalanx könnten Auskunft geben zu Zerlegungen oder Fleischlieferanten.[49] Diese Interpretationsmöglichkeiten bleiben dem Hillefeldfund nach gegenwärtiger Befundmasse verwehrt.

Es existieren weitere Augenscheinlichkeiten hinsichtlich der Taphonomie bei den gefundenen Tierknochen. Nehmen wir das Sus scrofa domesticus, also das domestizierte Schwein. Sollten Knochenreste über einen längeren Zeitraum auf dem Terrain liegen und den Witterungseinflüssen ausgesetzt sein, dann entstehen charakteristische Spaltenmuster, die von der Knochenoberfläche zu den inneren Gewebeschichten vordringen. Diese Beobachtungen sind für ein Gelenkende und für den medialen Unterkieferast als Befundstücke des Hillefeldes nur bedingt zu beobachten. Würde man als Bezugsgröße die Verwitterungsgrade von Anna Kay Behrensmeyer aus dem Jahr 1978 nehmen[50], dann liegen im ungünstigsten Fall abgeblätterte äußere Compactaschichten vor, was einer Liegezeit von höchstens 6 Jahren entsprechen würde. Auf dem Hillefeld haben die Befundstücke des Hausschweines in facettenreicher Ausprägung ein Konglomerat an oberflächigen Längsrissen in Collagenfaserrichtung, Einrisse an der Gelenkfläche oder die Defizite bei den Compactaschichten, teils sogar verwitterungsfrei. Offenliegende Compactaschichten, Oberflächenabspaltungen oder Einblicke bis zur Markhöhle sind nicht zu erkennen. Eine stabile Konklusion kann aus dieser Plastizität nicht gewonnen werden, denn einerseits ist die Spannweite von 0 bis 6 Jahren ein für alle Interpretationsrichtungen nutzbares Indiz ohne Ausschlusspotenzial und andererseits kann ich nicht jedem Biofakt die Verwitterungsgrade von Behrensmeyer aufoktroyieren, denn diese Systematisierung war das Resultat von Untersuchungen, die die tropische Klimazone als meteorologische Rahmenbedingung vorfanden.[51] Nach der Einbettung in den Erdboden ist der Verwitterungsprozess aber nicht konserviert. Die Osteolyse besitzt als externe Katalysatoren Bakterien, Pilze oder bodenchemische Reaktionen. Betrachten wir an der Fundstelle die Bodenzusammensetzung, erkennen wir schwach schluffigen, hellgrauen Ton mit ockerbeigen Einschlüssen. Zudem sind Rotlehmfilter und –stückchen sowie Kalkstein und kleinstückiger Sandsteinbruch der Hillefeldschen Ausgrabungsstelle zu entnehmen. Suboptimale Bodendurchlüftung, alkalische Bodenreaktionen und entweder trockene oder wasserführende Bodenfeuchte sind des Weiteren augenscheinlich dem Hillefeld zu entnehmen. Tendenziell können die vorgenannten Kriterien subsumiert werden unter die für ein Biofakt guten Erhaltungsparameter.[52] Für das Hillefeld kann deutlich formuliert werden, dass etwaige Tiefwurzler oder durch Pflanzen verursachte Ätzspuren an den Tierknochen nicht zu beobachten sind und daher kein signifikanter Einfluss vorliegt auf den Erhaltungszustand und die Oberflächenveränderungen. Bleibt noch das Hausrind (bos taurus). Der Unterkieferast lag nur in Fragmenten vor, allerding mit Bezahnung. Aus den Prämolaren und Molaren konnte geschlossen werden (Zahnabrieb), dass es sich bei diesem Rind um ein relativ junges Tier gehandelt haben muss, da der hintere Backenzahn M3 praktisch nicht abgekaut war. Zudem konnte ein abgekauter Milchzahn mit passendem durchbrechendem Prämolar (vorderer Backenzahn) identifiziert werden. Nimmt man nun den Erhaltungszustand des Pferdeschädels als Vergleichsgröße mit dem lädierten Oberschädel (Cranium superior), dem fehlenden Zahnmaterial und der Nichtexistenz des kompletten Unterkiefers, bleibt wenig Spielraum für vergleichende Analysen. Anzunehmen ist – als Bezugsmasse gilt hierbei das Tierknochenkonglomerat – das der Pferdeschädel zu einem Pferd gehörte, das als mindestens adult angesehen werden muss. Die abseitige Lagerung auf einem Plateau kann noch nicht in der Funktion zugeordnet werden, da Signifikanzen zwischen den Tierknochen so nicht möglich sind. Ob Tierrestehalden oder Tierbestattungsszenarien vorlagen auf dem Hillefeld, kann nicht apodiktisch formuliert werden. Auch die Kategorien zur Differenzierung sind ambigue und konträr. Gut möglich ist, dass auch vorchristlich-heidnische Aspekte die Tierknochen auf dem Hillefeld erklären können. Lesen wir bei einer Heimatforscherin doch Folgendes zu einem ominösen Teufelsweg:

Der Haupt- Teufelsweg beginnt an der Ruhr im Ortsteil Waltringen an der Mündung der Daimeke (Daiwels- Duiwelsbieke), führt über Günne parallel zum Haarweg nach Osten, über Wamel, Oberbergheim, Mülheim, Belecke, Drewer, Rüthen und endet in Obermarsberg. Unser Deiweg, ein Nebenteufelsweg, beginnt in der Nähe des ehemaligen Hofes Schulte- Steinwerk (Stemmerk) am sogenannten Flurstück Teufelsküche. Nach Schoppmann galt dieser Ort als unheimlich, wo Spukgestalten ihr Unwesen trieben.[53]

Einer der Teufelswege lief also am Hillefeld entlang. Und auch eine kleine Flurparzelle namens Teufelsküche befindet sich beim Hofe Stemmerk. Zufall? Rudimente heidnischer Kulte? Und wie das so mit den Sagen ist, handelt es sich um eine die Realität überzeichnete Darstellung lokaler Besonderheiten, aber es bleibt bei realen Komponenten. Hier könnte für zukünftige Untersuchungen eine interessante Querverbindung aufgebaut werden, da insbesondere das Alter des Pferdeschädels wegweisend sein könnte für rituelle, mythische Handlungen auf heidnischen Plätzen. Nehmen wir als Exemplum die vorfränkische Gerichtsbarkeit in Westfalen. Die Pagi, ursprünglich Rechtsdistrikte der Germanen mit dem Gaugericht als oberstes Rechtsorgan, erhielten nach den Sachsenkriegen Karls des Großen einen personellen Amtsträger namens grafio, den späteren Grafen.[54] Für Westfalen sind dabei die pagi pagus Westfalon und pagus Angeron belegt zur Ottonenzeit. Und die Grenze dieser Rechtsbezirke lag bei Werl entlang des Salzbaches, also am Hillefeld. Einer dieser Gogerichte, also Rechtsdistrikte innerhalb der Grafengerichtsbarkeit, mag tatsächlich dieses Hillefeld gewesen sein, denn in der Überlieferung standen dort nicht nur die Gerichtsbäume[55], sondern exekutive Einrichtungen. Und eine dieser Bezeichnungen lautete Heidengalgen. Die möglichen Attribute für den Pferdeschädel dürfen aus angeblicher Furcht vor unwissenschaftlichen Anekdoten nicht der Selektion zugeführt werden, da diese reservierten Blickwinkel eine Fron darstellen für die Rekonstruierung komplexer Zusammenhänge.

Ein sagenhaftes Parergon

Die Klimax dieses Zuganges an Interpretation liefert übrigens einen weiteren Beitrag zu einer der bekanntesten mittelalterlichen Sagen auf deutschem Boden, der Vogelherdlegende, nach der Heinrich aus Sachsen am Vogelherd saß, als ihm eine Abordnung im Auftrag Konrads I. die Königswürde für den spätostfränkischen Herrschaftsraum antrug. Können diese Betrachtungen einen utilitären Charakter in sich tragen bezüglich des Pferdeschädels? Ja, denn durch das Aufzeigen von historischen Tatsachen und Erwähnungen in der Literatur können durch die Vernetzung von sozialen und baulichen Strukturen Artefakte und Biofakte nicht mehr den Status einer gegenständlichen Anthropophobie für sich deklarieren. Und wie kommt es nun zur Verortung der Finkenherdgeschichte in die Scheidinger Flur?[56] Der Vermessungsrat Hugo Schoppmann 1940 und der ehemalige Soester Landrat Fritz Schulze 1982 erwähnten Vogelherdaktivitäten Am Krummen Duike, einem Flurstück in der Scheidinger Gemarkung nordöstlich von Werl. Schoppmann argumentierte noch ohne zeitlichen Bezug ( „…soll früher an dieser Stelle [Anmerkung: Am Krummen Duike] nahe dem alten ´Haus Köningen´, das ehemals sächsisches Königsgut war, ein Vogelherd gestanden haben, wo der Vogelfang betrieben wurde.“[57] ), aber bei Schulze erfolgte eine Personalisierung mit Heinrich, durch die sächsische Königsgutvergangenheit bedingt:

Eine Flurbezeichnung in der Feldmark Scheidingen ´Am krummen Duike´. Hier soll ein Vogelherd gestanden haben. (…), dass König Heinrich dort den Vogelfang betrieben hat, wenn er in Haus Köningen zu Besuch weilte.[58]

Geschichtsschreiber wie Georg Christian Crollius 1778 oder Leopold von Lebedur 1863 sahen im niedersächsischen Werlaburgdorf bei Goslar im Einzugsgebiet des Bistums Hildesheim das alte Werla, das sächsischen und salischen Kaisern als Aufenthaltsort in Ostfalen diente.[59] Die von Crollius angeführte Kaiserurkunde Heinrichs IV. vom 1. Januar 1086[60] bedeutete faktisch für den Hof Werla eine geographische Zuordnung in das Ostsachsen, und die durch von Lebedur nach Datum und Ausstellungsort der verfassten Kaiserurkunden aus der Ottonenzeit begünstigen diese Verortung.[61] Für Werl spräche die Bemerkung des Geschichtsschreibers Johann Dietrich von Steinen, wonach Heinrich 924 vor den Hunnen in die Fliehburg Werl flüchtete und von Johann Suibert Seibertz als „castrum“ titulierte wurde.[62] Diese Argumentation ist historisch patrouilliert, denn die Fachwissenschaft legt die Gründung einer Wehrburg am Hellweg in das beginnende 10. Jahrhundert. Turnusmäßige Aufenthalte muss es auf der curtis regia geegeben haben, allerdings ohne konkrete Lagebeschreibung. Majestätische Besitzungen werden nördlich von Werl angesiedelt ( „…liegt nördlich vom Hellwege bei Werlaha…[63] ) im Einzugsgebiet des Rittergutes Koeningen, auch „villa ducalis“ oder „königlicher Meierhof“ genannt.[64] Kann man dem Handbuch der historischen Stätten Deutschlands Glauben schenken, dann scheint die Werler Burganlage mit der curtis dicta Aldehof in Verbindung zu stehen, altem gräflichen Besitz.[65] Franz Josef Mehler zählte übrigens den Aldehof zu den äußeren Pfarrbezirken der Stadt Werl, was der Lage einer Pfalz auch entgegenkommen würde. Die westfälische Kartograph Albert Hömberg verortet in seinem Kartenmaterial eine Abzweigung des Hellweges in die Scheidinger Gemarkung.[66] Nach Rücksprache mit Dr. Kreucher vom Landesarchiv NRW Abteilung Westfalen besaß der dabei auffällige Teich in winkelförmiger Anlegung zwischen den Fluren möglicherweise die Funktion einer Gräfte. Interessant ist, dass nach Blick in das Güterverzeichnis für zumindest Teile der Flur Fischteich-Wiesen angegeben waren.[67] Die Fischteichwiesen waren ein gutes Argument für einen königlichen Wirtschaftshof. Heinrich war Zeitgenosse der spätkarolingischen Ära, hier orientierte man sich in unterschiedlicher Ausprägung an der Capitulare de villis.[68] Die Indizienkette für eine pfalzähnliche Anlage ist damit gelegt. Verba docent, exempla trahunt!

Tacheles zum Epilog

„Quod caput sit sine nomine“, mag der Leser denken. Und wahrlich, der Pferdeschädel auf dem Hillefeld wird nicht den Mythos eines Bernsteinzimmers erlangen, keinen Charme versprühen wie die Exponate im Dinosaurier-Park Altmühltal, geschweige denn jemals in einen namhaften Ausstellungskatalog einen Platz finden oder die Archäozoologen zum Heureka bewegen. Das Equus caballus ist aber weder im Ansehen noch im Deutungspotenzial inferior. Die Pferdebestattungen, ob nun pars pro toto oder in vollständiger Skelettmontur auf den Gräberfeldern, sind eine fixe Größe im Sammelsurium der nach Biofakten strebenden Archäologen. Ein Konglomerat an Parametern ermöglicht die Skizzierung eines Datierungsrahmens und die Charakterisierung der Befundmasse aus dem entsprechenden Pferdegrab. Die Pferdegräber im Altsächsischen und Bajuwarischen wie das westfälische Fürstengrab des „Herrn von Beckum“ oder die Pferdegräber im unterfränkischen Zeuzleben offenbaren jedoch einen genetischen Nachteil der Pferdegräber hinsichtlich der Konklusionsgenese. Zunächst muss konstatiert werden, dass spätestens mit den Liudolfingern die Pferdegrabsitte ihren Zenit überschritten hatte. Salier und Staufer konnten über ihr Verständnis von Metropolfunktionen ohnehin wenig anfangen mit dem heidnisch-merowingischen Begräbnisritual. Waren die Grabkammern themengerecht majorativ mit organischem Material versetzt, blieben durch externe und osteolytische Faktoren oft nur lädierte Fragmente zurück, die gerade bei Einfachbestattungen erschwerend signifikante Beziehungen aufbauen können zu benachbartem Befundmaterial. Nach eigenem Gusto und asyndetisch können Clusterbildungen mit den Charakteristika eines Pferdegrabes und in überregionaler Kartographie vollzogen werden. „Quo vadis?“, bleibt dort nur den Beteiligten in Diskursen zu resümieren. Und auch das slawische Schleenhain ist trotz vorzüglicher Dokumentation nur bedingt für Analogien hinsichtlich des Hillefeldschen Pferdeschädels geeignet.

Die auferlegte territoriale Restriktion mit einem Regionalbezug für die Rahmensetzung einer belastbaren Funktionalitätsanalyse des Hillefeldschen Pferdeschädels augmentiert über die altsächsischen Gräberfelder von Ense-Bremen, Wulfstedt, Sarstedt, Feddersen Wierde Liebenau oder Wünnenberg-Fürstenberg nur den Interpretationsmalus, mit dem der Pferdeschädel auf dem Hillefeld ausgestattet ist. Vielmehr erscheint mit dem Hillefeld der Malus noch exzessiv herausgearbeitet zu sein, da vergleichende Grabeinhegungen, fehlendes Knochenmaterial, verwertbare Zahnsubstanzen oder anorganische Grabbeigaben völlig fehlen. Auch das Bauopferszenario bleibt vage. Die brandenburgischen Gräberfelder in Gröditsch und in Senftenberg liefern allerdings ein augenscheinliches Analogon. Die entsprechenden Gedanken stehen jedoch in Abhängigkeit zu den Besiedlungsspuren, die noch einer weiteren Untersuchung bedürfen. Ist dieser Phoenix aus der Asche vom Hillefeld etwa ein Vorabkommando einer noch archäologisch unerforschten Begräbniskultur mit Totenbezug? Der Konstruktivismus und die Suche nach einer Verknüpfung sind zuträglicher als die Theorien, die sich aus dem Nihilismus ergeben. Wenig Verwertbares bedeutet nicht in der Konklusion die Einstellung der Suche nach Funktionalitäten. Der Pferdeschädel auf dem Hillefeld ist nach Norden ausgerichtet, abgelegt auf einem Plateau und abseits gelegen zu archäologisch noch nicht vollumfänglich erfassten Besiedlungsspuren. Der vergleichende Knochenbefund mit angrenzend lokalisierten Tierknochen charakterisiert den Pferdeschädel als adult. Die Fragmentierungstendenzen (Cranium superior), das Fehlen ganzer Pferdeschädelpartien (Unterkiefer, Zahnreihen) und die Fundläsion im Allgemeinen rechtfertigen aber keine Abqualifizierung im Sinne eines abgehalfterten Hauspferdes mit Teillagerung auf dem archäologischen Abort.

Wenn Grabartefakte oder Biofakte nicht existent oder aussagefähig sind als Vergleichsgrößen für die Funktionalität eines Objektes, dann ist die Inklusion von benachbarten Besiedlungsspuren ein konstruktiver Schritt auf der Suche nach dem Attribut. Die mediävale Herkunft der Tierknochenreste, der Besiedlungsstrukturen, der Flurbezeichnungen in den angrenzenden Gemarkungen und die Quellenhinweise für Referenzen wie „Pfalz“, „Burg“ oder „Schloss“ sind statuiert und dienlich als archimedischer Punkt zur Thesensetzung. Und so sind die Voglerlegende oder der regionalgeschichtlich bedeutsame Teufelsweg als urdeutsche Elemente mit dem Habitus des Involvierten ein Ertrag auf der Suche nach einer indirekten Funktionszuordnung für den Pferdeschädel.

Anhang

Literaturverzeichnis

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Hyperlinks

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[1] Tacitus: Germania (10,2).

[2] Müller-Wille, 1970/71, 119-248.

[3] Freiin von Babo, 2004, 17.

[4] Tessmann, 2013, 131-146.

[5] Freiin von Babo, 2004, 17-26.

[6] Rettner, 2007, 522-526.

[7] Boessneck, 1967, 193-215.

[8] Kuncaitis, 1939, 66-72.

[9] Goßler, 2012, 203-216.

[10] Nawroth, 2001, 81-82.

[11] Göckenjan, 1972, 93-95.

[12] Steuer, 2007, 50-96.

[13] Bersch, 2014, 89-104.

[14] Oexle, 1992, 54-55.

[15] Vgl. hierzu die Anmerkungen auf https://www.lwl-landesmuseum-herne.de/blog/das-grab-des-herrn-von-beckum (zuletzt aufgerufen am 10.12.2018).

[16] Freiin von Babo, 2004, 19.

[17] Deiters, 2007, 5-7.

[18] Ein archäologischer Suchschnitt im Osten des Gräberfeldes konnte die ursprünglichen östlichen Abgrenzungen aufzeigen. Die weiteren Ausmaße können gegenwärtig nicht rekonstruiert werden.

[19] Ahrens, 1977.

[20] Haarnagel, 1979, 223-230.

[21] Gummel, 1926, 18-32.

[22] Cosack, 2017, 233-246.

[23] Kiesewalter, 1888, 5.

[24] Freiin von Babo, 2004, 25.

[25] Wolters, 2004, 139-140 und die Ausführungen des Ingolstädter Stadtarchäologen Gerd Riedel von 2005 unter https://www.ingolstadt.de/stadtmuseum/scheuerer/arch/starch16.htm (zuletzt aufgerufen am 10.12.2018).

[26] Pelikan, 2014, 103-105.

[27] Pelikan, 2014, 105.

[28] Vgl. hierzu http://www.archive.nrw.de/LAV_NRW/jsp/findbuch.jsp?archivNr = 1&klassId = 1&id = 0487 (zuletzt aufgerufen am 21.07.2018).

[29] Vgl. hierzu http://www.archive.nrw.de/LAV_NRW/jsp/findbuch.jsp?archivNr = 1&tektId = 104&id = 0585&klassId =5&seite = 1 (zuletzt aufgerufen am 21.07.2018).

[30] Koske, 1960, 168 und  http://www.archive.nrw.de/LAV_NRW/jsp/findbuch.jsp?archivNr = 1&klassId = 8&tektId = 104&id = 0585&bestexpandId = 103 (zuletzt aufgerufen am 21.07.2018).

[31] Eickhoff, 1998, 99-103.

[32] Warnke, 1995, 123-128.

[33] Der Befundkatalog Welver-Flerke 2015, Stemmerk, AKZ 4413,294 kann vom LWL-Archäologie in Westfalen offiziell auf Nachfrage bezogen werden und zum Komplex der Bauopferriten siehe Capelle, 1985, 498-501.

[34] Preising, 1970, 27 und zur Pfalzthematik Seibertz, 1846, 171.

[35] Thoss, 1943, 20.

[36] Kampschulte, 1861, 222.

[37] Rübel, 1902, 237. Hinweis: Werlaha kann sich auch auf die bei Goslar gelegene Pfalz beziehen. Einen Bezug zum Hellwege konnte ich allerdings nicht ermitteln, und die geographischen Argumente verlieren „glücklicherweise“ nicht an Bedeutung für den Pfalzstandort Scheidingen. Das bedeutet aber nicht, dass man die Werlaha-Problematik als belanglosen Historikerstreit abwertet. Die zukünftigen Forschungen werden sich dazu intensiver äußern (müssen), und mein Projekt bewertet zum jetztigen Zeitpunkt und Stand diese Problematik nicht als Schlüsselansatz oder festen Hauptteilstoff.

[38] v.  Papen, 1952, 14.

[39] Vgl. hierzu ausführlich meinen Beitrag zu alten Gebäuden in der Scheidinger Flur, der im Rahmen des Bundeswettbewerbes Jugend forscht 2014 erstellt wurde, in: Seithe, 2014, 1-13.

[40] Mehler, 1891, 524.

[41] Andernach, 1995, 9.

[42] Archiv Frhr. v. Fürstenberg Herdringen/Westf. Rep. IV, Fach 10 Nr. 49 und Klose, 1963, 559.

[43]Vgl. hierzu http://www.archive.nrw.de/LAV_NRW/jsp/findbuch.jsp?archivNr = 1&id = 0410&tektId = 12&klassId = 25&expandId = 5&bestexpandId = 4&suche = 1&verzId = 1904 (zuletzt aufgerufen am 21.07.2018).

[44]Archiv Frhr. v. Fürstenberg Herdringen/Westf. Rep. IV, Fach 10 Nr. 49.

[45] Preising, 1970, 43.

[46]Vgl. hierzu http://www.archive.nrw.de/LAV_NRW/jsp/findbuch.jsp?archivNr = 1&klassId = 22&tektId = 12&id = 0410&bestexpandId = 4&expandId = 5 (zuletzt aufgerufen am 21.07.2018) und Mehler, 1891, 47.

[47] Steuer, 2007, 51-52.

[48] Befundkatalog Welver-Flerke 2015.

[49] Heinrich, 1995, 117.

[50] Behrensmeyer, 1978, 150-162.

[51] Andrews, 1990, 10-16.

[52] Müller, 1992, 32-72.

[53] Risse, 1999, 39.

[54] Schmeken, 1961, 20-43.

[55] Gerichtsbäume waren sehr alte und lokal markante Bäume, die bereits vor der fränkischen Invasion eine mythologische oder mystische Funktion bei den heidnischen Sachsen hatten. Eichen, oft als Femeeichen bezeichnet, bildeten dabei das Naturpanorama, Relikte der germanischen Gerichtsbarkeit.

[56] Vgl. hierzu ausführlich meinen Beitrag zu historischen und archäologischen Aktivitäten bezüglich der Vogelherdproblematik, der im Rahmen des Bundeswettbewerbes Jugend forscht 2015 erstellt wurde, in: Seithe, 2015, 1-13.

[57] Schoppmann, 1940, 165.

[58] Schulze, 1982, 72.

[59] Mehler, 1891, 26-28.

[60] v. Gladiss, 1952, 504.

[61] Mehler, 1891, 31.

[62] Mehler, 1891, 27-28 und Seibertz, 1864, 172.

[63] Rübel, 1902, 237.

[64] Mehler, 1891, 31.

[65] Petri, 1970, 768.

[66] Hömberg, 1967, Karte.

[67] Die Informationen ergaben sich aus dem Emailkontakt mit Dr. Kreucher bezüglich meiner Anfrage zur Flurkartennummer 1792-UR-18.

[68] Günther, 1974, 45.

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: C. Ahrens, Das Pferdegrab von Wulfsen, in: Helms-Museum (Hrsg.), Hamburgisches Museum für Vor- und Frühgeschichte (Faltblatt 38) (Hamburg 1977).

Abb. 2: A. Bersch, Fenster Europa: Das „Fürstengrab“ von Beckum in Westfalen. Zum Stand der Forschung eines Altfundkomplexes, in: Berichte zur Archäologie in Rheinhessen und Umgebung 7, S. 89-104.

Abb. 3: B. Tessmann, Grabungsergebnisse einer Trassenbegleitung. Gab es Tieropfer im spätmittelalterlichen Gröditsch (Lkr. Dahme-Spreewald)?, in: Mitteilungen der Berliner Gesellschaft für Anthropologie,. Ethnologie und Urgeschichte (34) (2013), S. 131-146, S. 141.

Abb. 4: N. Goßler, Steppennomadische Einflüsse im hoch- und spätmittelalterlichen Mitteleuropa? Neues zur Pferdebestattung von Schleenhain, Kr. Leipzig, in: F. Biermann u. a. (Hrsg.), Transformationen und Umbrüche des 12./13. Jahrhunderts. Beiträge zur Sektion der slawischen Frühgeschichte der 19. Jahrestagung des Mittel- und Ostdeutschen Verbandes für Altertumsforschung in Görlitz, 01. Bis 03. März 2010, Sonderdruck aus: Beiträge zur Ur- und Frühgeschichte Mitteleuropas 64 (Langenweissbach 2012), S. 203-216, S. 204.

Abb. 5: N. Goßler, Steppennomadische Einflüsse im hoch- und spätmittelalterlichen Mitteleuropa? Neues zur Pferdebestattung von Schleenhain, Kr. Leipzig, in: F. Biermann u. a. (Hrsg.), Transformationen und Umbrüche des 12./13. Jahrhunderts. Beiträge zur Sektion der slawischen Frühgeschichte der 19. Jahrestagung des Mittel- und Ostdeutschen Verbandes für Altertumsforschung in Görlitz, 01. Bis 03. März 2010, Sonderdruck aus: Beiträge zur Ur- und Frühgeschichte Mitteleuropas 64 (Langenweissbach 2012), S. 203-216, S. 204.

Abb. 6: S. Deiters, Das Gräberfeld von Ense-Bremen. Begleitheft zur Ausstellung „Das Gräberfeld von Ense Bremen“ vom 20. November bis 10. Dezember 2007 im Rathaus der Gemeinde Ense in Ense-Bremen (Münster 2007), S. 10.

Abb. 7: S. Wolters, „Eine Insel unter dem Pflaster“ – Überraschungen auf dem Ingolstädter Rathausplatz, in: Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege und von der Gesellschaft für Archäologie in Bayern (Hrsg.), Das Archäologische Jahr in Bayern 2004, S. 139-140, S. 139.

Abb. 8: S. Wolters, Grabungsbericht Rathausplatz Ingolstadt, Bildanhang.

Abb. 9: M. Pelikan, Ein Pferd unterm Stall … Erste Spuren einer früh- und hochmittelalterlichen Besiedlung Trappstadts, in: Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege und von der Gesellschaft für Archäologie in Bayern (Hrsg.), Das Archäologische Jahr in Bayern 2014, S. 103-105, S. 105.

Abb. 10: M. Pelikan, Ein Pferd unterm Stall … Erste Spuren einer früh- und hochmittelalterlichen Besiedlung Trappstadts, in: Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege und von der Gesellschaft für Archäologie in Bayern (Hrsg.), Das Archäologische Jahr in Bayern 2014, S. 103-105, S. 104.

Abb. 11: Archiv LWL-Archäologie für Westfalen, AS Olpe.

Abb. 12: Archiv LWL-Archäologie für Westfalen, AS Olpe.

Abb. 13: Archiv LWL-Archäologie für Westfalen, AS Olpe.

Abb. 14: Archiv LWL-Archäologie für Westfalen, AS Olpe.

Abb. 15: Archiv LWL-Archäologie für Westfalen, AS Olpe.

Der Harem im Topkapi-Serail in der Frühen Neuzeit … Ein Arbeitsfeld der historischen Netzwerkforschung?

Der Harem im Topkapi-Serail in der Frühen Neuzeit

Ein Arbeitsfeld der historischen Netzwerkforschung?

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Zur Begrifflichkeit und Aktualität des Netzwerkes

Venedig und das Goldene Horn

Die Symbiose aus Harem und Herrschaft

Ein diplomatischer Tenor über Ego-Netzwerke

Schlussbetrachtungen

Quellenverzeichnis

Einleitung

Der Harem leidet an einer westlichen Verklärung. Mythen, Romanzen und Kastraten tummeln sich im unzugänglichen Wohnareal des Sultans. Ehrergiebige Personen bevölkern das bunte Panorama für den Herrn des Hauses, der begierige Stippvisiten zu den Schönen am Goldenen Horn durchführt. Dieses Sinnbild des Falschen ist heute derart verankert im Abendland, dass die komplexe Funktion dieses Mikrokosmos für die osmanische Dynastie und das geschlechtsspezifische Spannungsfeld in ihren Weiten nicht erkannt wird. Nehmen wir die weitverbreitete Sitte, wonach im Harem nur Ehefrauen und Konkubinen lebten. Diese Frauenfraktionen wurden ergänzt um die Mutter des Sultans, seine Schwestern, Töchter und Söhne und die zahlreichen Sklavinnen, die auch im Abhängigkeitsverhältnis zu den Frauen des Sultans stehen konnten. Und es geht weiter mit der Entmystifzierung der bunten Halbwahrheiten. Es ist nicht so, dass das Synonym für den Harem die Weiblichkeit ist. Der Männer-Harem war obligatorisch, liegt doch in der Ursprungsbedeutung des Wortes etwas Verbotenes oder Heiliges, aber nicht das Feminine. „Gottes Schatten auf Erde“ verlangte eine durch Präsenz verursachte Heiligkeit des Privaten. Der Sultan definiert den Harem mit seinem Dasein. Waren im Männer-Harem, von weißen Eunuchen bewacht, minderjährige Männer untergebracht mit einer gewissen Laissez-faire, so stand dem Familien-Harem mit strengem Regiment, bewacht von schwarzen Eunuchen, die Sultansmutter vor. Zudem hat sich bis heute hartnäckig ein Mythos gehalten, der durch den restriktiven Zugang zum Harem verursacht wurde. Wie selbstverständlich assoziiert man den Harem mit privat, häuslich, weiblich und stellt dies in Gegensatz zu öffentlich, politisch, männlich. Und das ist falsch! Dies wird schon daran deutlich, dass auch der Sultan selbst den Harem so gut wie nie verlassen hat, und wenn er ihn verließ, wurde er von den Eunuchen und Jünglingen des Harems begleitet, gemäß dem „Gottes Schatten auf Erde“. Ein weiterer Hinweis auf die grundsätzlich unterschiedliche Gesellschaftsordnung des Osmanischen Reiches ist die Tatsache, dass es kein gesondertes Regierungsgebäude gab: Das höchste politische Organ des Osmanischen Reiches trat im Serail zusammen, dem Heim des Sultans.

Netzwerkanalytisches Denken trägt nun dahingehend zur Entmystifizierung bei, als durch das Aufzeigen von personalen Beziehungen das komplexe Geflecht horizontaler Machtpartizipation verdeutlicht wird. Und nicht nur vertikale und horizontale Herrschaftsgefüge können über Netzwerke besser identifiziert werden, sondern auch die bilateralen Charakteristika in Abhängigkeit der daran beteiligten Personen können in ihrer Intention besser aufgelistet werden. Am Beispiel der Serenissima aus Venedig werden einzelne Relationen in der Frühen Neuzeit vorgestellt, die aus dem Harem des Topkapi-Serail führen, wobei natürlich kleine historische Rahmensetzungen nicht fehlen dürfen. Schließlich musste sich die Löwenrepublik zu jenen Zeiten stets den ambivalenten und halbherzigen Umgang mit den Ungläubigen gefallen lassen von Seiten der abendländischen Christenheit. Auch hinsichtlich der Orientierung innerhalb eines Netzwerkmediums erfolgen zu Beginn elementare Begrifflichkeiten zum Netzwerk und Äußerungen zum Gegenwartsbezug und zur Historie dieses methodischen Stils.

Zur Begrifflichkeit und Aktualität des Netzwerkes

In der Geschichtswissenschaft bezeichnet man die Vernetzung und Interaktion historischer Personen als Netzwerk, die fachspezifische Beschäftigung dahingehend als historische Netzwerkforschung. Die sozialen Beziehungsgeflechte können dabei auf unterschiedlichen Ebenen einer Analyse zugeführt werden. Die in der historischen Netzwerkforschung etablierten Analyseebenen werden als Mikro-, Meso- und Makroebene bezeichnet und veranschaulichen mit unterschiedlicher Gewichtung die Vernetzung von Individuen, von Organisationen oder geben Auskunft über die Interaktion der betrachteten Organisationen. Der mikroanalytische Ansatz betrachtet das Individuum als archimedischen Punkt und will das Beziehungsgeflecht zu anderen Personen innerhalb des Netzwerkes analysieren, wie es beispielsweise bei Stammesfamilien oder Personalkonstellationen innerhalb von Arbeitskreisen Anwendung findet. Dieses intraorganisationelles Netzwerk ist in der Analyse weitgehend autark und setzt nicht auf transkriptionale Netzwerkanalysen. Das mesoanalytische Vorgehen setzt eine nichtpersonalisierte Betrachtung in den Fokus. Das Individuum steht außen vor, die Gruppe von Akteuren ist in der Wechselbeziehung zu anderen Organisationseinheiten von Interesse, wie es beispielsweise in der Analyse von abteilungsübergreifenden Geflechten innerhalb eines Behördenapparates Anwendung vorzufinden ist. Die makroanalytische Vorgehensweise setzt auf ein Beziehungsgeflecht zwischen den Organisationen, wie es beispielhaft in den militärischen Allianzen, im Spannungsfeld partikularistischer Systeme oder in den transnationalen Wirtschaftsbünden zum Ausdruck kommt. Darüber hinaus differenzieren die Aggregationsebenen in der historischen Netzwerkanalyse nach der Anzahl der handelnden Personen. Die Dyade ist dabei das Grundelement einer Netzwerkanalyse, also die Interaktion zwischen zwei Akteuren. Ob in der historischen Netzwerkanalyse die intra- oder interorganisationellen Netzwerke für den betreffenden Sachverhalt vorrangig Beachtung finden, bleibt dabei für die Provenienz des Analysesachverhaltes unberücksichtigt. Die Triade ergänzt die Wechselbeziehungen auf drei Handlungsakteure. Werden aus der Perspektive eines Handlungsakteurs alle aufzeigbaren oder relevanten Interaktionen thematisiert, liegt ein egozentrisches Netzwerk vor mit einer Gruppenaggregation. Das Synonym für das egozentrische Netzwerk bildet dabei das Ego, die weiteren Handlungsakteure werden als Alters tituliert. Methodisch erfolgt dabei der Ansatz nach der strukturellen oder der relationellen Perspektive. Verhaltensweisen, Einstellungen und die Suche nach Mustern stehen in der strukturellen Perspektive im Fokus der Überlegungen. Dieses Konglomerat an strukturellen Informationen kann über die name generators umgesetzt werden, also Maßnahmen aus dem Fragenkatalog, die zu Namen führen. Erfordert der Untersuchungsgegenstand hingegen eine inhaltliche Schwerpunktsetzung der Wechselbeziehungen, so kommen den name interpreters eine Schlüsselstellung zu, also Fragen, die inhaltlich Substanzielles in der Beantwortung ermöglichen.

Nachdem die grundlegenden Begriffe für das Netzwerk – zunächst losgelöst vom Konkretum der Ausarbeitung –  aufgelistet wurden, erfährt die Aktualität der historischen Netzwerkforschung Berücksichtigung, um den Gegenwartsbezug als Abstraktum in Qualität und Quantität zu skizzieren. Der an der Universität zu Köln tätige Netzwerkanalyst Markus Gamper formulierte 2015 die Dimension der Netzwerkbibliographie treffend:

Tendierte die Artikelanzahl im Jahre 1969 noch gegen Null, stieg diese im Jahre 2012 auf knapp 700 an.[1]

Die Gründe hierfür sind dem fächerübergreifenden Charakter des Netzwerkbegriffes geschuldet. Der flächendeckende Ausbau des Internets als übergeordnetes Netzwerk und die feste Verankerung der sozialen Netzwerke in der digitalisierten Form (z.B. Facebook, VKontakte) förderten mit ihren Schlüsselfunktionen wie „persönliches Profil“, „Kontaktliste“ oder „Blogs“ den Einzug in den Lebensalltag. Der Relationalität als methodischem Grundbaustein der Netzwerkforschung verhalf die Digitalisierung zur inflationären Dissemination. Auch die Fachliteratur konnte gegen Ende des 20. Jahrhunderts über die Populärliteratur ihre Teilhabe am fortwährenden Gegenwartsbezug des Netzwerkbegriffes deklarieren, als der spanische Soziologe Manuel Castells 1996 mit The Information Age: Economy, Society, and Culture, Volume 1: The Rise oft he Network Society und der  US-amerikanische Soziologe Robert Putnam 2000 mit Bowling Alone: The Collapse and Revival of American Community das fachwissenschaftliche Scherflein zur Etablierung des Netzwerkbegriffes in die Diskurse einbrachten. Obwohl der deutschsprachige Raum um 1900 durchaus als Pionierareal hinsichtlich der Netzwerkforschung angesehen werden kann mit der formalen Soziologie um Georg Simmel und den Soziomatrizen des Sozialpädagogen Johannes Delitsch[2], bleibt doch zu konstatieren, dass die anglo-amerikanische Fachwelt den Netzwerkmotor mit den entsprechenden Publikationen versorgte. Alleine die Werbetourneen durch die universitäre Landschaft zur Netzwerkforschung von englischsprachigen Wissenschaftlern wie dem südafrikanischen Ethnosoziologen Max Gluckmann[3] und dem US-amerikanischen Soziologen Harrison White statuierten die Netzwerkforschung als Fixum in der Angebotspalette für Kolloquien, Seminare, Vorlesungen und Forschungsprojekte. Und Deutschland? Würde man den Simmel-Award[4], die renommierteste Auszeichnung für Netzwerkanalysten, als Maßstab heranziehen, käme Deutschland in die Nähe einer Netzwerkwüste, da lediglich der Soziologe Rolf Ziegler 1998, und zu dem Zeitpunkt auch schon emeritiert, diesen Preis erhielt. Obwohl Deutschland im Publikationsranking zur Netzwerkforschung Ländern wie England oder den Vereinigten Staaten von Amerika hinterherläuft, umfangreiche Kompendien zu qualitativen oder egozentrischen Netzwerken aus dem deutschsprachigen Raum in nennenswerter Zahl nicht vorliegen, die deutschen Netzwerker lange an Soziogrammen festhielten, die Figuration[5] zur Überwindung der Analyseebenen lange nicht wahrgenommen wurde und die Visualisierung von Netzwerken praktisch international nicht konkurrenzfähig ist, bereichern durchaus Standardwerke von deutschsprachigen Autoren den Semesterapparat für die Netzwerkforschung. Das Handbuch Netzwerkforschung 2010 von Christian Stegbauer und Roger Häußling oder der Sammelband zur visuellen Netzwerkforschung 2013 von Markus Gamper et al. können aber die darüber hinwegtäuschen, dass die etablierte Forschungsliteratur aus deutschen Landen unterrepräsentiert ist.[6]

Dass das mit der Netzwerkforschung explizit in der deutschen Geschichtswissenschaft nur in punktueller Resonanz wahrzunehmen war in der Vergangenheit, lag vordergründig an der Präferenz für die der Netzwerkanalyse peripher zuträglichen Denkweisen in der Fachwelt. Der Informatiker Charles Wetherell sprach diesen neuralgischen Punkt 1998 an:

First, the conceptual orientation of sociologists practicing historical social network analysis (HSNA) remains unfamiliar to the majority of professional historians. Just when SNA was maturing in the late 1980s and 1990s, the interdisciplinary interes in social science theory among historians, so charakterictic of the 1970s and early 1980s, began to wane.[7]

Darüber hinaus muss konstatiert werden, dass die bereits erwähnte Unterrepräsentation der fachwissenschaftlichen Erträge aus Deutschland auch der Personalsituation geschuldet war, da die geringe Zahl an Netzwerkwissenschaftlern keine merklichen Produktionsschübe oder einen personaltechnischen Leumund generieren konnten. Zudem sind in der Methodik die quantitativen Analysen gebunden an hochwertige Datensätze, die zeitintensiv in der Archivarbeit herauskristallisiert werden müssen. Grundsätzlich sind die Dichte und die Reichweite von Netzwerken charakteristische Kenngrößen für die quantitativen Elemente einer Netzwerkanalyse, wobei die Dichte als Synonym Verwendung findet für die Häufigkeit der direkten Beziehungen in einem Netzwerk.[8] Obwohl die historische Netzwerkforschung nach wie vor einen marginalen Modus besitzt, konnten insbesondere seit den 1990er Jahren eine Reihe von Publikationen der historischen Netzwerkanalyse einen Aufschwung initiieren. Die Politologen John Padgett und Christopher Ansell veröffentlichten zu Beginn der neunziger Jahre im American Journal of Sociology Netzwerkanalysen zu den politischen Machtprozessen der Familie der Medici im 15. Jahrhundert.[9] Thematisch können dabei Cluster gebildet werden und reichen über Interlocking directorates[10], Kreditvergabenetzwerken bis hin zu Zitations- oder Briefnetzwerken. Diffusionsprozesse, Migrationsnetzwerke und Netzwerkstudien zur sozialen Unterstützung komplettieren die relevante und tagesaktuelle Fachpalette aus Politik und Geschichte.[11]

Und warum sind nun Netzwerkanalysen sinnvoll für eine bilaterale Ebene, wie sie in der nachfolgenden Konstellation zwischen den Haremsdamen und der Serenissima angelegt werden? Nehmen wir die Reichweite eines Netzwerkes bei Ego-Netzwerken, also bei Konstellationen, die von einer Gründerfigur ausgehen, sozusagen von einem personifizierten archimedischen Punkt. Hier liegt die Leichtigkeit darin, dass vertretbar in der Recherche die Relationen gemessen werden, um die direkten oder indirekten Beziehungen zum Kristallisationspunkt des Ego-Netzwerkes aufzuzeigen. Zudem ermöglichen die venezianischen Diplomaten einen Zugang, der ikonisch als Ausfransung interpretierbar wäre. Sind Handlungsobjekte nur marginal positioniert in Netzwerken, verfügen sie über strukturelle Vorteile gegenüber den archimedischen Punkten in Ego-Netzwerken, da der Grad an Assimilation für die marginalen Objekte größer ist als bei den Dominanten im Ego-Netzwerk. Zwar verfügen die personifizierten archimedischen Punkte über qualitativerer und quantitativere Kontakte, aber nur bezogen auf ein Netzwerk. Transkriptionale Netzwerkpotenziale gehören als Charakteristikum nicht dazu. Und dieses strukturelle Charakteristikum ist dem Spannungsfeld aus intraorganisationellen und transkriptionalen Netzwerken zu eigen. Der amerikanische Soziologe Mark Granovetters konnte bereits dieses netzwerkanalytische Paradigma in seinem Aufsatz The Strength of Weak Ties von 1973 veranschaulichen, als er die Stärke einer Beziehung formte aus den Kenngrößen Zeitaufwand, Ausmaß an emotionaler Intensität, Intimität und die Art der reziproken Hilfeleistungen.[12]

Venedig und das Goldene Horn

Die ersten Kontakte zwischen den Osmanen und den italienischen Seefahrerstaaten gab es im Spätmittelalter an den ägäischen Küstenabschnitten, wo Genuesen oder Venezianer Kontore unterhielten. Anfangs gab es Affinitäten zu den Genuesen seitens des Sultans, da die Osmanen die natürlichen Rivalitäten der Seefahrerrepubliken ausnutzten für die Balance of Power in adriatischen Gefilden. Schon zu Beginn des 15. Jahrhunderts gab es Übereinkünfte zwischen den Osmanen und den Genuesen hinsichtlich der Verschiffung osmanischer Truppen und osmanischen Materials über die Dardanellen. Noch vor dem Fall Konstantinopels 1453 konnte sich die genuesische Kolonie den verhandlungswürdigen Vorschlag leisten, den genuesischen Turm in der Zitadelle des heutigen Istanbuler Stadtviertels Galata mit den Insignien des Sultans Murad II. Nur die Intervention der Mutterstadt Genua – und auch nur aus taktischen Erwägungen heraus –  bewog die Kolonisten zur Rücknahme dieses Zugeständnisses, um nicht frontal der seefahrenden Christenheit im mediterranen Raum die Brüskierung einzuverleiben.[13] Venedig selbst hatte schon wegen der geographischen Lage seiner Handelskontore ein Interesse, abseits jedweder religiösen Diskurse und christlicher Planspiele hinsichtlich einer Heiligen Allianz gegen den osmanischen Hegemon eine diplomatische Korrespondenz zum Topkapi am Goldenen Horn aufzubauen. Die Venezianer waren daher auch der erste reguläre westliche Staat, der über ein Netzwerk an Informanten verfügte in den osmanischen Städten und den venezianischen Handelsniederlassungen, um die Informationsflut nach neuestem Stand und Halbwertzeit zu filtern. Die Gründung der Sprachschule Giovani di Lingua 1551, errichtet in der venezianischen Vertretung in Istanbul und seitens der christlichen Verbündeten als Infernal angesehen, sollte die Qualität der nachrichtendienstlichen Arbeit vor Ort mehren. Der Bailo, der venezianische Repräsentant im einstigen Konstantinopel, genoss daher eine Schlüsselstellung im Zusammenfluss nachrichtendienstlich verwertbarer Informationen.[14]

Die diplomatische Allianz war gelegentlich erweitert worden durch handfeste militärische Kooperationen. Zu Beginn des 16. Jahrhunderts gab es in der venezianischen Administration Überlegungen, osmanische Unterstützung zu erbitten, als nach der Schlacht von Agnadello 1509 das französische Übergewicht den maritimen Hegemon in der Adria in das Wanken brachte und der französische König Ludwig XII. sich anschickte, die Balance of Power zwischen den Seerepubliken nachhaltig unvorteilhaft für die Serenissima zu torpedieren. Diese Form der venezianischen Diplomatie brachte die Seerepublik stets in arge Bedrängnis und entfachte eine Kritik, sich nicht der Heiligen Allianz gegen die Ungläubigen, also gegen die Osmanen anschließen zu wollen. Die Ursache dieser ambivalenten Attitüde liegt sicherlich in der Gewährleistung der Versorgungswege und –areale, die vornehmlich aus der Sicht der Venezianer in der Levante lagen und in den osmanischen Getreidelieferungen, die im 16. Jahrhundert von einer Haseki Sultan noch zum Casus belli in den bilateralen Beziehungen auserkoren werden sollte. Und das von einer gebürtigen Venezianerin. Dazu aber später. Der Topkapi-Serail betrachtete dieses venezianische Dilemma mit produktivem Engagement und entsandte 1570 einen Botschafter nach Venedig, um die Kapitulation Zyperns zu fordern. Für diesen eigentlichen Affront gab es im venezianischen Senat tatsächlich seinerzeit ernsthafte Diskurse, und nur das Wiener Zugeständnis, die sizilianischen Getreidespeicher zu öffnen, motivierte den Dogen, die Beschmutzung der Souveränität nicht akzeptiert zu haben. In der Seeschlacht bei Lepanto 1571 wurden die Osmanen vernichtend geschlagen, aber der venezianische Grundtenor im Nachklang war auf Verständigung ausgerichtet. Und 1573 erfolgte dann ein Separatfrieden, aus dem Venedig, obwohl noch bei Lepanto zu den Siegern zählend, mit dem Verlust Zyperns und der Zahlung von Reparationen an die Osmanen mit einem für die christlichen Verbündeten unverständlichen Gesichtsverlust hervorging. Die Umstände, dass einerseits Venezianer und Osmanen durch konkurrierende Gewürzhandelswege gemeinsam betroffen waren, und die venezianischen Elemente in den osmanischen Matrimonialallianzen ermöglichten eine diplomatische Korrespondenz, die für die Frühe Neuzeit von ungewöhnlicher Intensität war.

Die Symbiose aus Harem und Herrschaft

Der Harem – losgelöst von der Multifunktionalität dieser (sozialen) Baueinheit im Topkapi-Serail – leidet an einer genetischen Schwäche für den Geschichtswissenschaftler. Lange Zeit im Unerforschten gelegen als plastisches Substrat osmanischer Herrschergelüste, blieb die Genese und Archivierung eines konklusionsfähigen Quellenmaterials stets und deutlich hinter den Möglichkeiten zurück. Die intime Privatsphäre des Despoten im Topkapi-Serail, die nicht von Provenienz geprägten familiären Leumunde der Konkubinen, gar die wenig auf Abstammungspathos und Noblesse statuierte Legitimation der mit Beinamen, Vogel- oder Blumenbezeichnungen titulierten Lieblingsdamen der osmanischen Sultane oder die konspirativen Klüngelfraktionen mit ihren außerhalb der offiziellen Administration gelegenen Entscheidungsprozeduren wie bei den Eunuchen ermöglichen keine adäquate Rekonstruktion. Der neuralgische Punkt liegt hierbei aber nicht für den Historiker im bestenfalls fragmentarischen Überrestekatalog, sondern in der oft bewussten Vernachlässigung und Versandung der Kodifizierung von sozialen Prozessen im Wohn- und Erziehungsraum namens Harem.

Nehmen wir hierfür als Protagonistin einer verschleierten Dokumentation für die Nachwelt die Haseki Sultan Kösem Mahpeyker (1589-1651), also die Favoritin des Sultans Ahmed I. (1590-1617).  Sie war die Haseki, die Valide Sultan, also die Regentin des Osmanischen Reiches für ihren minderjährigen Sohn Murad IV. (1612-1640), für ihren wenig regierungstauglichen Sohn Ibrahim Deli (1615-1648) und für ihren Enkel Mehmed IV. (1642-1693), der unrühmlich der Zweiten Wiener Türkenbelagerung 1683 durch Großwesir Kara Mustafa Pascha in Passivität und anfänglicher Unkenntnis vorstand. Die Genealogie der Kösem Mahpeyker Sultan war nur von geringer Strahlkraft, da sie als gebürtige Griechin und Tochter eines orthodoxen Priesters keine islamische Provenienz vorweisen konnte, aber gemäß diametralem Erwartungshorizont de facto den archimedischen Punkt personalisierte bei der Wahl von Großwesiren oder der öffentlichkeitswirksamen Almosengabe. Zwar zeigte das osmanische Sultanat dahingehend eine dem abendländischen Christentum nicht anhängliche Toleranz, führte aber in der osmanischen Administration und in den polykratischen Machtzirkeln am Bosporus zur stetigen religiösen Paranoia. Auch das Ende der Kösem Mahpeyker, deren Beiname Kösem ob ihrer weichen und haarlosen Haut durch den italienischen Forschungsreisenden Pietro della Valle (1586-1652) bezeugt ist, der sich zu Beginn des 17. Jahrhunderts in Venedig zu einer Wallfahrt in den Orient einschiffen ließ[15], passte in das Konglomerat aus wenig vorzeigbarem Byzantinismus, da 1651 in Absprache mit den türkischen Sipahis die Schwarzen Eunuchen unter der Regie des Kɩzlar Ağasɩ, des obersten der Schwarzen Eunuchen, die Tötung der Kösem Mahpeyker veranlassten.[16] Und ausgerechnet auf Betreiben der Turhan Hatice, der eigenen Schwiegertochter und späteren Valide Sultan, erfolgte die Erdrosselung mittels Bogensehne. Der Harem selbst war in seiner Aura vorzüglich mit der Attitüde des Machtzentrums ausgestattet. Die Osmanen betrachteten den Wohnraum des Sultans – und bis in die Neuzeit hinein war das Wort Harem in seiner Bedeutung auf das Innere eines Serails bezogen – als Verortung des Sicheren, des Rechtsetzenden, allgemein als Hort der Gewaltenbündelung und versetzt mit einer für den gemeinen Bürger unzugänglichen Machtaura. Die auch räumliche Nähe zum Sultan galt als Synonym für die Machtpartizipation, zumindest als Einflussnahme in deren Genese. Grundsätzliches war im osmanischen Hofreglement festgehalten, als im Innenbereich – und zu dem zählte der Harem – von Beginn an keine geschlechtsspezifischen Konkurrenten ein Aufenthaltsrecht besaßen. Im osmanischen Weltbild war das Reich der persönliche Herrschaftsbereich des Sultans und seiner Familie und wer nah beim Sultan war, hatte politische Macht und war sozial hoch angesehen. Anstelle der westlichen Dichotomie tritt im Osmanischen Reich also der Gegensatz von privilegiert/heilig/nah beim Sultan und gewöhnlich/profan/weit weg vom Sultan. Geschlecht spielt bei den dadurch entstehenden Herrschaftsverhältnissen insofern eine zentrale Rolle, als dass es bestimmt, wer dem Sultan am nächsten sein kann. Das Osmanische Reich war insgesamt also mehr horizontal als (westlich) vertikal strukturiert. Die zentralen Begriffe, mit denen die Osmanen dies selbst beschrieben, sind innen und außen bzw. intern und extern. Diese Teilung definiert die Machtverhältnisse im Osmanischen Reich: Wer nah am Sultan oder sogar Teil seines Haushalts war, hatte politische und soziale Autorität, wer weit weg vom Sultan war, hatte sie nicht. Die volljährigen Diener und Hofbeamten waren Eunuchen, und die Sultanssöhne trugen nach außen hin infantile Symbole, besaßen demnach ein bartfreies Erscheinungsbild, waren kinderlos oder gehörten zum freiwilligen Kastratentum. Dass das mit dem heutigen Verständnis von femininem Grundtenor bezüglich des Harems verankert ist, lag an Süleyman I. Als ein Teil der Frauen – und im Hasekitross befand sich unter anderem eine gewisse Roxelane –  mit den zugehörigen Kindern unter dessen Regentschaft in den Topkapi-Serail umzogen, war das maskuline Wohnmonopol im Topkapi gebrochen. Und dieser faktische Traditionsbruch ging einher mit einem symbolischen und realen Mehrwert an Frauenpartizipation im sakralen Machtbereich des Sultans. Prestige und Aura bildeten damit für die weiblichen Bewohner des Harems stark realistische Charakteristika im Eigenerwerb. Und damit war der Nährboden geschaffen für die dann etwas despektierlich in der Geschichtswissenschaft formulierte Weiberherrschaft. Roxelane, auch als Hurrem bezeichnet, markierte in ihrer monogamen Beziehung zu Süleyman den Start der Macht aus dem Harem heraus. Sie war die erste Frau, die sich in Abgrenzung zu anderen Konkubinen als Haseki bezeichnen durfte, wurde aus dem Sklavenstatus entlassen und danach geehelicht von Süleyman I. Sie zog in den Topkapi-Serail, verweilte in Istanbul und begleitete ihre Söhne nicht in die Provinz, wie es osmanischer Brauch gewesen war. So entstand in der Genese der permanenten Anwesenheit eine Situation, in der Hurrem – und dieser Frauenbildstatus war auch in der Wahrnehmung Außenstehender nicht mehr zu nehmen im Zeitalter der Weiberherrschaft – in Personalunion Informantin und Beraterin des Sultans wurde.[17]

Der Machtzuwachs des Harems –  und damit der Haremsfrauen –  war im Wesentlichen durch folgende Punkte generiert:

  1. Es war aus turkmongolischer Tradition heraus üblich, die zur Thronbesteigung Befähigten als Gouverneure und ihre Mütter wie ein Propädeutikum zur Staatsführung in die Provinzen zu delegieren. Die Mütter der Prinzen waren vollständig verantwortlich für das Verhalten und die Ämterführung der Söhne. Die Söhne erhielten dadurch eine politische Identität, und die Mütter bildeten mit ihren Söhnen eine Dyade für den Sultansthron. Der weitere Verlauf und die Karrierechancen der Mütter waren gekoppelt am Werdegang der Söhne. Obgleich der mögliche Thronfolgekandidat im Konkurrenzkampf um das Sultanat in die Fürsorge einer ihm wohlgesonnenen Mutter kam, mussten die Prinzenmütter stetig über ihr Vermögen und ihr Netzwerk am Hofe den permanenten Kampf organisieren. Die Aufhebung dieser Tradition in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts bedeutete, dass die Prinzen keine herrschaftlichen Rechte mehr besaßen und keine eigene Hausmacht in die Auseinandersetzung werfen konnten.
  2. Nach der Einführung der Primogenitur blieben die Prinzen zusammen mit den anderen Dynastieangehörigen im Topkapi-Serail wohnen. Diese Zentralisierung ermöglichte eine Veränderung der Machtbalancen zwischen den Frauenfraktionen. Die Validesultan, die Sultansmutter, vereinnahmte die Haremsleitung, und damit waren alle Dynastieangehörigen in einem Bereich unter der Oberhoheit einer Person. Sie selbst bewohnte den zentralen Trakt im Harem mit direktem Zugang zum Sultan. Unter Murad III. wurde die Validesultan offizialisiert, also institutionalisiert. Die Primogenitur führte also zu einem Macht- und Prestigegewinn bei den Sultansmüttern, und die Zeit als Haseki konnten die betreffenden Damen nutzen, um ein verlässliches Klientel- und Spionagenetz oder eine Vermögensvermehrung strategisch zu planen.[18]
  3. Die daraus resultierenden Matrimonialverbindungen bildeten ein politisches Instrument dahingehend, dass dem Sultan ein geeignetes Kontrollinstrument vorlag und konkurrierender Großhäuser konnten somit aus der Thron herausgehalten werden, denn viele Validesultane waren ursprünglich Sklavinnen gewesen und konnten mit ihrer gemeinen Provenienz jegliche Verflechtungen mit anderen Herrscherhäusern garantieren.

Nach dieser Installierung der Erbfolgemechanismen kam es realiter gegenüber dem designierten Sultan nicht mehr im Vorfeld der Sultansproklamation zu Nachfolgekriegen, sondern während des Sultanats selbst. Die Validesultan war Ratgeberin, Beschützerin und Kontrollinstanz unisono, war also der austarierende Knoten oder der gordische Knoten zwischen den Fraktionen. Als Über-Ich des Sultans kamen die Beschwerden oder eben auch Anfragen zur Validesultan mit der Zielsetzung, Einfluss auszuüben auf die Entscheidungskompetenz des Sultans. Waren die jeweiligen Machtgruppen sich ihrer Absicht auf gewaltsame Entthronung des herrschenden Sultans einig, wurde die Zustimmung der Validesultan eingeholt. Diese Form der Kontinuität der Dynastie ermöglichte es der Validesultan, als Bewahrerin der geltenden Herrschaftsordnung zu fungieren.[19]

Ein diplomatischer Tenor über Ego-Netzwerke

Dass das mit der Diplomatie im Topkapi-Serail nicht spur- und interessenlos am Harem vorbeiging, lag an der Herkunft der Haremsfrauen. Die dynastischen Frauen im Topkapi-Serail betrachteten – psychoanalytisch interpretiert – die diplomatische Korrespondenz mit den ausländischen Vertretern als Hoferte an das eigene Ego hinsichtlich der Aufstiegsmöglichkeiten der ursprünglichen Fremdlinge außerhalb des osmanischen Beamtenapparates, sozusagen als parteiische Vermittlerin auszutarierender Staatsinteressen zwischen den Angehörigen der eigenen Ethnie und dem vitalen Interesse der daran persönlich partizipierten osmanischen Dynastie. Offensichtlich war die Demonstration des ursprünglichen ethnischen Bewusstseins und die daraus resultierenden tendenziösen Meinungs- und Handlungsmuster ein Charakteristikum der osmanischen Diplomatie[20]. Nehmen wir die Haseki Hurrem, während des prächtigen Zeitalters unter Suleyman I., die wegen ihrer polnischen Herkunft eine aktive Korrespondenz mit dem polnischen König Sigismund I. pflegte. Das Netzwerk aus familiärer Bande und polnisch-osmanischer Administration funktionierte in der Form, dass ihr Schwiegersohn Rustem als Großwesir und ihre Tochter Mihrimar an der Korrespondenz rege Beteiligung übten und so ein merklich gemeinschaftlicher Beitrag zur Aufrechterhaltung des Friedens zwischen beiden Staatsgebilden erfolgte. Und die Serenissima? Die Haseki Nurbanu und deren Schwiegertocher Safiye konnten in den venezianisch-osmanischen Beziehungen durch die entsprechende Intervention die angedachte osmanische Invasion auf Kreta abwenden, das zum venezianischen Hoheitsgebiet zählte. Safiye vermittelte die Aufrechterhaltung des Getreidehandelsprivilegs für Venedig und wurde dafür als Gegenleistung kostenintensiv beschenkt. Als Protagonistin der venezianischen Interessen am Goldenen Horn musste die provenezianische Haseki Safiye über die materielle Zuwendung zur Milde und Vermittlung motiviert werden; und der Doge in Venedig hielt durch Mittelsmänner diesen inoffiziellen Türöffner stetig reibungsfrei.

Nehmen wir als Exerzitium für ein osmanisch-venezianisches Netzwerk die Venezianerin Nurbanu (1525-1583), die als Cecilia Venier-Baffo auf Paros geboren wurde. Ihr Vater, Nicolo Venier, war Statthalter auf der griechischen Insel. Die Venieri gehörten zum Establishment des venezianischen Patriziats, waren Angehörige der case nuove ducali, also Mitglieder jener Ratsfamilien in Venedig, die nicht von der Genealogie, sondern ad personam ehrenhalber diesen Titular führten. Zumindest waren die Angehörigen der Case nuove aber für administrative Aufgaben in den venezianischen Kolonien prädestiniert, und die Venieri stellen immerhin drei Dogen für die Serenissima. Unter den drei Wahlherzögen, die dem Großen Rat protokollarisch vorstanden, gehörte Francesco Vernier (1489-1556), der von 1554 bis zu seinem Tod der Serenissima vorstand. Die Provenienz im Familienstammbaum war gegeben, die Biographie der Cecilia Venier-Baffo allerdings mit abstammungstechnischen Makeln versehen. Sie stammte aus einer Liaison mit einer Violanta Baffo, war aber direkt über ihren Vater mit Sebastiano Venier verwandt, der das Dogenamt 1577 bis 1578 ausübte. Sie selbst wurde offenbar, noch minderjährig, von Piraten entführt und an den Hof des Sultans Süleyman I. (nach 1490-1566) gebracht, dort zur Haremsdame auserkoren und mit den Gepflogenheiten im Topkapi-Serail vertraut gemacht. Ob Roxelane (nach 1500-1558), die Haseki Sultan des osmanischen Sultans Süleyman I., die Venezianerin von Beginn an auserkoren hatte als Gefährtin des Prinzen Selim (1524-1574), des späteren Sultans Selim II., kann nicht apodiktisch aus den Quellen geschlossen werden, aber eine Anziehungskraft muss die Venezianerin aus gutem Hause besessen haben. Analog zu Roxelane verkörperte sie die Protagonistin einer konsequenten dynastischen Reproduktionspolitik aus dem Harem heraus.[21]

Die venezianischen Wurzeln der Nurbanu zeichneten auch für den Separatfrieden von 1573 verantwortlich. Trotz der erfolgreichen Seeschlacht bei Lepanto 1571 konnte die Heilige Liga den Sieg nicht nutzen, da im Wesentlichen der spanische König Philipp II. von einer Entscheidungsschlacht nichts wissen wollte. Ursprünglich planten die Venezianer einen Direktangriff auf die Hohe Pforte. Nach dem Tod des Papstes Pius V. 1572 stand Venedig dem osmanischen Großreich allein gegenüber und musste notgedrungen – aus wirtschaftlichen Gründen und der Angst vor Repressalien –  einen dringenden Ausgleich suchen mit der Hohen Pforte. Venedig akzeptierte vertraglich 1573 den Verlust Zyperns und eine Kriegsentschädigung in Höhe von 300.000 Dukaten, konnte sich aber über den Separatfrieden verständigen auf das Monopol für den Export zyprischer Baumwolle. Auf osmanischer Seite war im Verhandlungsmarathon der Großwesir Sokollu Mehmed Pascha Verhandlungsführer, und dieser war der Schwiegersohn Selims II. Da jener ohnehin nur im Topkapi-Serail sich der Dekadenz hingab, war Sokollu Mehmed Pascha de facto uneingeschränkt in seiner Amtsführung, nach Rücksprache mit Nurbanu. Die Venezianerin aus dem Geschlecht der Venieri trat nun als Schattenfrau den Verhandlungen bei und ermöglichte es den Venezianern am Ende des Fünften Osmanisch-Venezianischen Krieges, den territorialen Verlust durch wirtschaftliche Zugeständnisse zu kompensieren. Der Doge Alvise Mocenigo I. und der venezianische Gesandte am osmanischen Hof, Antonio Tiepolo, wussten um die prekäre Situation im Levantehandel mit der Flut an seefahrender Konkurrenz und entschieden sich für die Handelsprivilegien unter osmanischer Oberhoheit.

Ein zweites Exerzitium für eine ungewöhnliche Bilateralität ist die Personalie Safiye, die direkt mit dem Ego-Netzwerk Nurbana transkriptional agierte. Ähnlich der Venezianerin Cecilia Venier-Baffo waren dem Thesenreichtum zur Abstammung der Safiye keine Grenzen gesetzt. Die osmanische Historiographie hält sich dahingehend bedeckt, da diese Art der Genealogie keiner gültigen Tradition entsprach. Schon der Bericht eines venezianischen Gesandten zur Beziehung von Selim II. und Nurbanu, wonach Selim nur dem Beispiel seines Vaters Süleyman folgte und Nurbanu ehelichte, blieb im osmanischen Gelehrtenkreis ohne offiziellen Kommentar. Safiye stand dem nicht nach, denn sie soll die Tochter des venezianischen Gouverneurs Leonardo Baffo von Korfu gewesen sein. Und damit wäre eine Verwandtschaft zur Valide Sultan konstruiert. Auch Safiye muss demnach von Piraten entführt worden sein, denn Nurbanu Sultan kaufte sie angeblich auf dem Sklavenmarkt in Istanbul. Nach mehrjähriger Ausbildung im Harem konnte sie dann den Prinzen Murad gewinnen, den späteren Sultan Murad III. Aus dem Konglomerat an Herkunftsthesen liest sich aber auch heraus, dass sie aus einem albanischen Bergdorf käme. Und der Gesandtschaftsprediger Stephan Gerlach berichtete in seinen Erinnerungen von einer Konkubine namens Safiye, die bosnische Wurzeln hätte und vom ersten bosnischen Beylerbey, Ferhad Pascha Sokolović, an Murad verschenkt worden. Dieser Umstand ist vorstellbar, da ein gewisser Bosniake namens Damad Ibrahim Pascha mehrmals das Amt des Großwesirs bekleidete zwischen 1596 und 1601. Schon der Trunkenbold Selim II. hielt nicht viel vom politischen Tagesgeschäft und übertrug seiner Nurbanu Handlungsvollmachten, aber unter Murad III. nahm die Weiberherrschaft finale Züge an. 1579 koordinierte sie die Ermordung des Großwesirs Sokollu Mehmed Pascha, da dieser offenbar zu emanzipiert ohne Einbindung der Safiye die Staatsgeschäfte führte. So konnte sie sich aus der Umklammerung von der Valide Sultan Nurbanu und dem Großwesir emanzipieren. Nach dem Amtsantritt Mehmeds III. war sie die Valide Sultan und wechselte die Großwesire mit geringer Halbwertzeit aus. Hadim Hasan Pascha wurde 1598 hingerichtet auf ihr Betreiben hin, da er sich über ihre Einmischung moniert hatte. Auch ihre unrühmliche Rolle bei der Hinrichtung des Kronprinzen Mahmu und des Großwesirs Yemsici Hasan Pascha 1603 und der zeitgleichen Inthronisierung ihres Enkels als Sultan Ahmed I. zeugen von einer Frau, die der Reproduktionspolitik des Harems oberste Priorität beimaß. Safiyes Macht und Einfluss waren derart, dass ihr eigener Enkel Ahmed I. sie in den Leanderturm einsperren ließ. Die Politik gegenüber der Serenissima war wohlwollend, denn sowohl der möglicherweise mit ihr verwandte Doge Sebastiano Venier als auch seine Nachfolger Nicolò da Ponte, Pasquale Cicogna und Marino Grimani konnten mit Safiye stets das Getreidehandelsprivileg aufrechterhalten.[22] Auch die Großwesire Koca Sinan Pascha und Damad Ibrahim Pascha waren mehrmals in dieser exponierten Stellung stets in Rücksprache mit Safiye nicht gegen die Serenissima aktiv. Ohnehin schienen in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts die Venezianer im Ansehen der Sultane hoch im Kurs gestanden zu haben, denn ein Gazanfer Agha kam aus Venetien und war Oberster der Weißen Eunuchen. Er organisierte die Verwaltung und das Zeremoniell des Männer-Harems und entschied, wer zum Sultan vorgelassen werden durfte. Diese privilegierte Nähe machte Gazanfer zu einem der mächtigsten Männer unter Selim II., Murad III. und Mechmed III.[23] Gazanfer holte sogar Familienangehörige aus Venedig nach, um eine regelrechte Hausmacht zu installieren. Unter den Familienangehörigen war eine Beatrice, die auch zum Islam konvertierte. Später ging sie unter ihrem neuen Namen Fatma Hatun eine Ehe ein mit einem Mann, der durch die Protektion des Gazanfer Agha zum Kommandanten der Janitscharen ernannt wurde. Der Sultanshof war also ganz konkret ein Hort des kulturellen Austausches und der Installierung von Klientelgruppierungen. Und der Verwandtschaftsgrad war dabei der archimedische Punkt.[24]

Schlussbetrachtungen

Schon die räumliche Verteilung des Palastes des Sultans spiegelt die Machtverteilung wider: Waren die ersten beiden Höfe noch zugänglich in Abhängigkeit von der sozialen Zugehörigkeit, durfte der Männer-Harem nicht von Außenstehenden betreten werden und konnte nur in Begleitung des Sultans verlassen werden. Gleichzeitig waren es die wohnenden Jünglinge, die volljährig den Harem verlassen mussten und dann in die ihnen angetragenen hoheitlichen Aufgaben übergingen, analog zu den weiblichen Bewohnern des Harems. Auch die Eunuchen als Kastraten des Harems hatten durch ihre Nähe zum Sultan große politische Macht (siehe Gazanfer). Dieser Zugang ermöglichte Ihnen ein Kommunikationsprivileg, dass sie in die Mittlerrolle zwischen der Außenwelt und dem imperialen Harem katapultierte. Die Hasekis und die Valide Sultan empfanden es als selbstverständlich, dass sie auch außerhalb des imperialen Harems Netzwerke bauten, legislative Elemente zumindest initiierten und exekutive Bausteine in ihren Händen hielten. Um im Osmanischen Reich politische Macht zu vereinnahmen, war es also zwingend, die Nähe des Sultans zu suchen und möglichst – im Gegensatz zur abendländischen Dichotomie von privat und öffentlich – ein Teil des imperialen Harems zu werden.  Die US-amerikanische Historikerin Leslie Peirce formulierte es treffend:

The more intimate one’s service to the sultan in the inner world, the greater was one’s standing in the outer world.“[25]

Auch diese körperliche Nähe begünstigte die Herausbildung von Netzwerken, die als Auslesekriterien die eigene Ethnie deklarierten; und aus diesem Konglomerat heraus generierten sich Klientelgruppen. Safiye kannte kein Skrupel, die ihr unliebsamen Konkurrenten auf dem Posten des Großwesirs intrigenreich auszuschalten (Sokollu Mehmed Pascha), selbst Verwandte ihres verstorbenen Sohnes Mehmed III. waren nicht sicher (Prinz Mahdu 1603), wenn die von der Valide Sultan auserkorene Reproduktionspolitik als gefährdet eingestuft wurde. Auffällig war gerade bei dieser Valide Sultan, dass die Großwesire aus dem Kulturkreis der eigenen Ethnie über einen größeren Leumund verfügten, so beobachtet bei den Personalien Ferhad Pascha Sokolović und Damad Ibrahim Pascha.

Die venezianische Affinität insbesondere der Nurbanu kann demonstriert werden am Friedensvertrag von 1573, als die Venezianer sich ihrer Anfälligkeit der Handelsrouten im Levanteraum bewusst waren und einen Separatfrieden abschließen mussten. Die Dogen in Venedig und der Bailò in Istanbul erkannten schnell die Wechselwirkung aus mehr oder weniger großen materiellen Zuwendungen für die Hasekis und die Valide Sultan und der systematischen Vermögensmehrung der femininen Führungsetage im Topkapi hinsichtlich der Finanzierung eines der Valide Sultan ergebenen Machtzirkels. Die Protagonisten der venezianischen Interessen am Goldenen Horn mussten über die materielle Zuwendung zur Milde und Vermittlung motiviert werden, so geschehen bei der vereitelten Invasion Kretas oder den stetigen Vergaben von Handelsprivilegien. Ein produktiver Ausblick ist auf diesem Gebiet ebenfalls möglich, wenn die Relazioni der Frühen Neuzeit, also die Kodifizierung der venezianischen Gesandtenberichte systematisch über die visuellen Netzwerkanalysen zu größerer Dichte in den Personalkonstellationen führt.

Quellenverzeichnis

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  • Delitsch, Johannes, Über Schülerfreundschaften in einer Volksschulklasse, in: Zeitschrift für Kinderforschung 5/1900, Heft 4, S. 150-163.
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  • Wetherell, Charles, Historical Social Network Analysis, in: International Review of Social History 43, 1998, S. 125-144.

Hyperlinks

[1] Vgl. hierzu Gamper, Markus, Reschke, Linda, Düring, Marten, Das Millennium der Netzwerkforschung? Die Bedeutung eines relationalen Paradigmas in der internationalen und deutschen Wissenschaft, in: Gamper, Markus, Reschke, Linda, Düring, Marten (Hrsg.), Knoten und Kanten III, Soziale Netzwerkanalyse in Geschichts- und Politikforschung, Bielefeld 2015, S.8.

[2] Der Soziologe Georg Simmel demonstrierte mit dem Modell der Sozialen Kreise die Interaktion zwischen dem Individuum und der Außenwelt. Das Charakteristikum der Individualität bestand nach Simmel explizit in dem Vorhandensein eines Schnittpunktes der Sozialen Kreise, der zugleich die Verortung des Einzelnen ermöglicht. Simmel vertrat dabei die These, dass mit zunehmender Komplexität der Gesellschaft die Zunahme des Entwicklungspotenzials der Individualität des Einzelnen einhergeht. Vgl. hierzu Simmel, Georg, Über sociale Differenzierung, Sociologische und psychologische Untersuchungen, Leipzig 1890.

Der sächsische Sozialpädagoge Johannes Delitsch veröffentlichte 1900 in der Zeitschrift für Kinderforschung einen Aufsatz zu Freundschaftsbeziehungen zwischen 53 Schülern in einer Volksschulklasse mit der zugehörigen Erfassung des Datensatzes in einer Soziomatrix. Dieser Aufsatz gilt als Prototyp der sozialwissenschaftlichen Netzwerkanalyse. Vgl. hierzu Delitsch, Johannes, Über Schülerfreundschaften in einer Volksschulklasse, in: Zeitschrift für Kinderforschung 5/1900, Heft 4, S. 150-163.

[3] Max Gluckman war Mitbegründer der Manchester Schule, deren Vertreter der britischen Ethnologie eine interaktionistische Richtung verliehen.

[4] Jährlich erhält der keynote speaker auf der Sunbelt Social Networks Conference den Simmel-Preis. Der Preisträger wird dabei in Absprache mit dem Berufsverband der Netzwerkforscher International Network for Social Network Analysis INSNA ausgewählt. Vgl. hierzu ausführlich die Informationen unter http://insna.org/award_simmel.html.

[5] Die Figuration wird auch als Interdependenzgeflecht bezeichnet und geht in der Begrifflichkeit auf den Soziologen Norbert Elias zurück und charakterisiert ein dynamisches soziales Netzwerk, ein Beziehungsgeflecht von zueinander in Abhängigkeit stehenden Individuen.

[6] Vgl. hierzu Stegbauer, Christian, Häußling, Roger (Hrsg.), Handbuch Netzwerkforschung, Wiesbaden 2010 und Schönhuth, Michael, Gamper, Markus et al. (Hrsg.), Visuelle Netzwerkforschung, Qualitative, quantitative und partizipative Zugänge, Bielefeld 2013.

[7] Vgl. hierzu Wetherell, Charles, Historical Social Network Analysis, in: International Review of Social History 43, 1998, S. 125-144.

[8] Vgl. hierzu Eich, Thomas: Islamische Netzwerke, in: Europäische Geschichte Online (EGO), hg. vom Institut für Europäische Geschichte (IEG), Mainz 2010-12-03. URL: http://www.ieg-ego.eu/eicht-2010-de URN: urn:nbn:de: 0159-20101025135 [2018-11-21].

[9] Vgl. hierzu Padgett, John F. und Ansell, Christopher K., Robust Action and the Rise of the Medici, 1400-1434, in: The American Journal of Sociology, Vol. 98, No. 6. (May, 1993), pp- 1259-1319.

[10] Vgl. hierzu die Ausführungen unter https://www.investopedia.com/terms/i/interlocking-directorates.asp. Über Interlocks erfolgt der Informationsaustausch zwischen den Verwaltungsräten und Direktoren, die über Insiderinformationen unternehmensübergreifend vefügen und in einem „Transcorporate Network“ interagieren.

[11] Vgl. hierzu Gamper, Markus, Reschke, Linda, Düring, Marten, Das Millennium der Netzwerkforschung?, a. a. O., S. 24f.

[12] Vgl. hierzu Granovetters, Mark, The Strength of Weak Ties, in: American Journal of Sociology 78 (1973), p. 1360-1380.

[13] Vgl. hierzu Gürkan, Emrah Safa: Die Osmanen und ihre christlichen Verbündeten, in: Europäische Geschichte Online (EGO), hg. vom Institut für Europäische Geschichte (IEG), Mainz 2011-10-18. URL: http://www.ieg-ego.eu/gurkane-2010-de URN: urn:nbn:de:0159-2011081865 [2018-11-19].

[14] Vgl. hierzu Gürkan, Emrah Safa: Die Osmanen und ihre christlichen Verbündeten, a. a. O.

[15] Vgl. hierzu Baysun, Cavid, Kösem Walide or Kösem Sultan, in: Bosworth, Clifford et al. (Ed.), The Encyclopaedia of Islam, Volume V, Leiden 1980, p. 272-273.

[16] Warum gerade die Sipahis eine Revolte anzettelten, kommt aus dem Spannungsfeld zu den Janitscharen zum Ausdruck. Ursprünglich waren es Reiter, die die Timars, Inhaber türkischer Kriegerlehen, im Kriegsfall zu stellen hatten. Sie bildeten bis in das 16. Jahrhundert hinein eine Kerngruppe der osmanischen Armee und fungierten als Flankenschutz und –stoß während des Scharmützels. Die Sipahi-Abteilungen sollten in der Umfassung des Feindes die Feinde gegen die Basis des osmanischen Heeres drücken. Und dort standen die Janitscharen, die Infanterie der Osmanen. Alleine die Statistik zur Quantität dieser Truppengattung verdeutlicht den Niedergang dieser Reitertruppe. Waren im 16. Jahrhundert noch über 100.000 Mann in der für die Sipahi charakteristischen Rotmäntel unter Waffen, konnten während der Amtszeit Selims III. zu Beginn des 19. Jahrhunderts lediglich 2000 Mann als militärische Traditionspflege zu den Sipahis gezählt werden. Die Sultane oder in Vertretung die Haseki favorisierten die Infanterie und die Artillerie, zumal das Timarsystem spätestens mit dem Rückzug 1683 nach der Schlacht am Kahlenberg den Zenit überschritten wegen mangelnder territorialer Neuerwerbungen und damit einhergehender Einnahmeverluste.

[17] Vgl. hierzu Busbecq, Ogier Ghiselin de, Turkish Letters, Oxford 1927, S. 49.

[18] Vgl. hierzu Peirce, Leslie, Harem-i Hümayun, Istanbul 1996, S. 45ff.

[19] Vgl. hierzu Kürşat-Ahlers, Elçin, Haremsfrauen und Herrschaft im Osmanischen Reich, in: Feministische Studien, 21 (2003), p. 35-47.

[20] Vgl. hierzu Coco, Carla, Sinnbild orientalischer Erotik, Stuttgart 1998, S. 89.

[21] Vgl. hierzu Kürşat-Ahlers, Elçin, a. a. O., S. 35.

[22] Vgl. hierzu Peirce, Leslie, The Imperial Harem, Women and Sovereignty in the Ottoman Empire, New York 1993, S. 8-19.

[23] Vgl. hierzu Peirce, Leslie, The Imperial Harem, a. a. O., S. 12 und Fetvaci, Emine, Picturing History at the Ottoman Court, Bloomington, Indiana 2013, S. 239.

[24] Vgl. hierzu Faroqhi, Suraiya, Haus und Herrschaft in der osmanischen Welt, in: Eibach, Joachim/Schmidt-Voges, Inken (Hrsg.), Das Haus in der Geschichte Europas, Berlin 2015, S. 561f.

[25] Vgl. hierzu Peirce, Leslie, The Imperial Harem, a. a. O., S. 12.

Die Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik

Die Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik

Proömium

Als das Personalkarussell in der politischen Chefetage der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) zu Beginn der siebziger Jahre rotierte, und Walter Ulbricht als Erster Sekretär offenbar altershalber den Marschallstab 1971 an Erich Honecker weiterdelegieren musste, gab es eine Zäsur in der ideologischen Ausrichtung des Ost-Westkonfliktes. Das sozialistische Modell in der DDR unter der Regie Walter Ulbrichts wurde dem Schafott übergeben. Politisch der Entspannungspolitik nicht zugeneigt, betrieb Ulbricht stets einen emanzipatorischen Sozialismus, allerdings nur dem Laissez-faire aus Moskau geschuldet. Die Personalerneuerung im Zentralkomitee (ZK) war mit der Hoffnung auf mehr Pragmatismus verbunden, auch jenseits des antifaschistischen Schutzwalls. Und die Bausteine, die realiter der Entspannung zugeführt werden können in den siebziger Jahren wie der Grundlagenvertrag 1972, die Aufnahme der beiden deutschen Staaten in die UNO 1973 oder die Schlussakte von Helsinki 1975, stehen apodiktisch für eine Abkehr von dogmatischem Idealismus.

Aber war der Wunsch nach mehr Entspannung und Pragmatismus auch originär für den vollzogenen Personalwechsel? Diese Fragestellung und die Wirkungsweise der Resultanten stehen in der Ausarbeitung im Fokus der Betrachtungen. Um der quantitativen Restriktion der Hausarbeit Rechnung tragen zu können, werden hier nicht in corpere das Bedingungskonglomerat und die Grundzüge der Ost-West-Entspannung in den Diskurs gesetzt, sondern die Motivwahl einzelner Politbüromitglieder zur politischen Dekomposition Ulbrichts aufgeführt, und die ökonomische Neuaurichtung, die der VIII. Parteitag im Juni 1971 propagierte, in ihren widersprüchlichen Charakteristika skizziert. Ob sich diese neue konzeptionelle Wirtschaftspolitik als Enfant terribel für die Longävität eines staatlichen Hoheitsgebietes erwiesen hat, bleibt im fragmentarischen Konstatieren eine Aufgabe der vorliegenden Ausführungen.

 Mit dem Machtwechsel kommt der Kurswechsel

Ob es sich um einen honorigen Abgang oder um eine aufoktroyierte Wachablösung handelte im Frühjahr 1971, als Walter Ulbricht auf der 16. Tagung des Zentralkomitees (ZK) der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) in Ost-Berlin um seine Entbindung gebeten hatte von dem Pflichtenkatalog des Ersten Sekretärs, bedarf in der Abwägung einer kurzen Analyse, um die gesellschaftspolitische Neuausrichtung der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) in den siebziger Jahren nicht dem Phoenix aus der Asche zuschreiben zu müssen. Lesen wir zunächst die Stellungnahmen der daran Beteiligten:

Nach reiflicher Überlegung habe ich mich dazu entschlossen, das Zentralkomitee auf seiner heutigen Tagung zu bitten, mich von der Funktion des Ersten Sekretärs des Zentralkomitees der SED zu entbinden. […] Ich erachte daher die Zeit für gekommen, diese Funktion in jüngere Hände zu geben, und schlage vor, Genossen Erich Honecker zum Ersten Sekretär des Zentralkomitees zu wählen.[1]

Diese Geschichtsklitterung erhielt durch den Zeitzeugen und das Politbüromitglied Hermann Axen nachträglich eine besondere Form der Wahrhaftigkeit, als der ehemalige Protagonist für die internationalen Beziehungen im ZK in den neunziger Jahren zu Protokoll gab, dass die Ablösung kein Coup gewesen wäre, kein Komplott zur Beseitigung der Personalie Ulbricht, um Schaden zu nehmen diesseits des antifaschistischen Walls. Und das die personale Erneuerung auf dem VIII. Parteitag 1971 mit der Ausrufung eines programmatischen Neuanfangs nicht die Ulbrichtsche Affinität besaß, lag in der Natur der Dinge.[2] Diese typische Argumentation für eine verharmlosende, verwässernde Sicht auf eine persona non grata entsprach – ganz linientreu – den Erinnerungen Erich Honeckers nach dem Mauerfall, als dieser seine Sicht der Dinge zur Übergabeprozedur 1971 wiedergab und den damaligen Machtwechsel mit seiner persönlichen Situation zur Wendezeit verglich und die Ablösung Ulbrichts als „kulturvollen Übergang“ interpretierte.[3]

Ob Honecker diesen epochenübergreifenden Vergleich ad hoc moralisierend in Szenerie setzen darf, bleibt nicht zu konstatieren in dieser Ausarbeitung, aber der Umgang mit Walter Ulbricht nach seiner Demission auf der 16. ZK-tagung im Mai 1971 ist unwiderruflich in der Konklusion. Ulbricht blieb zwar der Staatsratsvorsitzende, aber diese protokollarische und repräsentative Funktion war nicht mehr gekoppelt realiter an eine legislative oder exekutive Weisungshoheit. Der Historiker Dietrich Staritz formulierte es 1996 treffend in seinem Werk zur Geschichte der DDR, als die Wachablösung von Ulbricht zu Honecker „die Periode der großen Einzelpersönlichkeiten in der SED-Führung[4] beendete. Die Indikatoren für das systematische Vergessen waren die typischen Charakteristika an einer Person, die in den gesellschaftspolitischen Abort verfrachtet wurde. Das war die Umbenennung der „Deutschen Akademie für Staats- und Rechtswissenschaften ´Walter Ulbricht´“, einst Kaderschmiede für die DDR-Administration. Sie verlor ihren Namensgründer in der Titulierung. Auch die ikonische Vernichtung von Briefmarkenportraits oder die Umbenennung des Ost-Berliner „Walter Ulbricht-Stadions“ in „Stadion der Weltjugend“ 1973 verdeutlichen die Deformation zur Unperson.[5] Letztlich spiegeln die Erinnerungen des Spionagechefs Markus Wolf die Situation adäquat wider, als er in seinen Memoiren von Geschehnissen im Vorfeld der 16. ZK-Tagung im Mai 1971 zu berichten wusste, wonach Erich Honecker in seiner Funktion als ZK-Sekretär für Sicherheitsfragen Ulbrichs Sommersitz in Dölln von bewaffneten Personenschützern umstellen ließ und Ulbricht nötigte wegen fragilen Gesundheitszustandes, die Funktion des Ersten Sekretärs zur Verfügung zu stellen.[6]

Der Kommunist Walter Ulbricht, der noch Wladimir Iljitsch Lenin persönlich kannte, stand zur Disposition. Warum? Offensichtlich gab es seit 1970 parteiinterne Kassandrarufe, die an der personifizierten SED-Figur Ulbricht abprallten. Während der 14. ZK-Tagung im Dezember 1970 gab es bereits Diskurse zur angespannten Versorgungslage und den damit einhergehenden Misstönen in der DDR-Bevölkerung. Hanna Wolf, Direktorin der Parteihochschule Karl Marx sprach auf dieser Tagung die merklichen Versorgungslücken an, wobei sie den medizinischen Sektor heraushob. In dieser Hinsicht war sie mit Paul Verner d´accord, einem Veteranen der „Gruppe Ulbricht“, der zumindest in der moderateren Wortwahl von „instabiler Versorgung“ sprach. Hier lag in der Argumentation auf der Tagung der neuralgische Punkt gegen Ulbricht. Sie kritisierte die Vernachlässigung der pharmazeutischen Industrie zugunsten der Computerproduktion und bemerkte süffisant an, dass so in den Apotheken manchmal kein Hustensaft zu bekommen sei.[7] Ulbricht nahm sich dieser Kritik an und wollte diese Äußerungen durchaus veröffentlicht wissen im Neuen Deutschland, dem Zentralorgan der SED. Aber nun regte sich das Politbüro und stellte den Widerstandsmodus ein, da die parteiinternen Kalamitäten nicht hätten verborgen bleiben können. Der 1. Sekretär der SED-Bezirksleitung Halle, Horst Sindermann, formulierte es in jenen Tagen noch drastischer in einer Petition an Walter Ulbricht, als er selbstkritisch die Vernachlässigung der Zulieferindustrie anprangerte.[8]

Walter Ulbricht lenkte zwar ein, aber dabei blieb es nicht. Die ökonomischen Würfel waren bereits auf einer Politbürotagung vom 8. September 1970, als in Abwesenheit von Walter Ulbricht unter der Federführung Erich Honeckers die Grundzüge der neuen Wirtschaftspolitik beschlossen und als deren Eckpfeiler die Lossagung von Automatisierungsmaßnahmen zugunsten der Konsumwirtschaft deklariert worden waren. Mit einem Brandbrief vom 21. Januar 1971 an das Politbüro der KPdSU wurde Walter Ulbricht endgültig geschasst, da 13 Funktionäre aus dem SED-Politbüro gegen Ulbricht wetterten ob des Realitätsverlustes ihres Ersten Sekretärs und der daraus resultierenden geringen Affinität zur gemeinsamen Linie.[9] Wie hilflos oder eben auch planlos der Initiator der Neuausrichtung, also Erich Honecker, am Personalkarussell hantierte, zeigte sich nach dem Tod Ulbrichts 1973. Ursprünglich als Symbolpolitik angepriesen, die Kernmannschaft der Wirtschaftspolitik aus den sechziger Jahren unter Ulbricht politisch zu isolieren, musste bereits im Oktober 1976 Willi Stoph als Vorsitzender des Ministerrates reaktiviert werden. Und Günter Mittag, Installateur des Neuen Ökonomischen Systems (NÖS), durfte sich wieder das Etikett des Verantwortlichen für die Wirtschaftspolitik im ZK auf die sozialistische Brust meißeln.

Die Zahlen sprechen für sich … erst einmal!

Nicht nur die Abgrenzung zur Ulbrichtschen Deutschlandpolitik war im Grundsatzreferat Honeckers auf dem VIII. Parteitag thematisiert, dahingehend, dass das weltanschauliche Lagerdenken mit Betonung eine Fortsetzung erhielt mit den dafür typischen Attitüden wie „sozialistische DDR“ oder imperialistische BRD“, sondern auch die Wirtschaftspolitik unter dem Planmantel des NÖS stand zur Disposition. Immerhin konnte der Außenstehende Honeckers Realitätssinn nicht verwerfen, als dieser unmissverständlich auf dem VIII. Parteitag als vordergründige Aufgabe die Saturierung der Alltagsbedürfnisse der Menschen ausrief. Zu diesem Zweck wurde der Fünfjahresplan 1971 installiert auf Grundlage der realiter ökonomischen Spielräume. Die Phrase vom „real existierenden Sozialismus“ war geboren, auch wenn diese erst eine offizielle Einweihung auf der 9. ZK-Tagung 1973 erhielt.[10]Wie wir heute arbeiten, werden wir morgen leben[11], so hieß die Ulbrichtsche Maxime, und hinsichtlich der Alltagsversorgung war der Persiflage damit freien Lauf gewährt, so ja bereits an entsprechender Stelle der vorangestellten Ausführungen bei Hanna Wolf oder dem NÖS-Protagonisten Horst Sindermann nachzulesen. Nun ging es um die Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik, also um das Tandem aus Arbeitsproduktivitätssteigerungen und daran gekoppelten Lebensstandards. Ganz sich von der Ulbrichtschen Wirtschaftspolitik zu emanzipieren, ging schon wegen der Qualität und Quantität zur Produktivitätssteigerung nicht. Die Neuererbewegung von 1971 setzte daher nur punktuell neue Akzente. Die Verordnung über die die Förderung und Tätigkeit der Neuerer und Rationalisatoren in der Neuererbewegung (NVO 1971) war zumindest – auf Basis der Datensätze der Staatlichen Zentralverwaltung für Statistik der DDR – seinen Vorgängerversionen quantitativ überlegen. Konnten 1970 noch knapp 16% der Arbeitskräfte sich mit der Attitüde des Neuerers schmücken kurz vor der Ablösung Ulbrichts, lagen am Ende der Ära Honecker 34% der Werktätigen im Dunstkreis der Neuererbewegung.[12]

Und die Zahlen versprachen zunächst einen Aufwärtstrend bei den ökonomisch relevanten Daten. Das Nationaleinkommen wuchs stetig bis 1950, die Erhöhung des Lebensstandards war signifikant und der Wohnungsbau war dabei das Steckenpferd des Fünfjahresplans bis 1975, denn das für 1975 auf 125 Prozent gegenüber dem Baujahr 1970 festgelegte Bauplanziel wurde deutlich überschritten, wobei dem Wohnungsbau (Neubauten, Modernisierungen) eine tragende Rolle zukam. Als Ausgleich für den tendenziell maroden Zustand der Wohnungen gab es die Subvention auf die Miete. Durchschnittlich mussten hier vom Mieter um eine Ost-Mark pro Quadratmeter aufgebracht werden. Lagen die direkten und indirekten Mietkosten in der BRD 1975 bei ungefähr 21 Prozent des Nettoeinkommens, bezogen auf einen Vier-Personen-Haushalt, konnte durch die Inanspruchnahme der staatlichen Subvention in der DDR ein entsprechender Haushalt unter 5 Prozent bleiben. Die Schattenseite dieser Mietvergünstigungen lag in der Verödung der Innenstädte oder dem stiefmütterlichen Klima bei Altbausanierungen. Marode, vom bröckelnden Putz befallende Altbauten, rußgeschwärzte Dächer und graue Häuserfassaden waren als Resultierende in den späten siebziger Jahren keine Seltenheit mehr im Erscheinungsbild der DDR-Städte. Obwohl dahingehend Mietstaffelungen und Zuteilungskriterien bei bezugsfertigen Wohnungen den turning point initiieren sollten, blieb das graue Ambiente bis zum Ende der DDR ein Charakteristikum im Stadtbild und visualisierte die Mangelbauwirtschaft oder setzte die Vernachlässigungssektoren unfreiwillig in Szenerie.

Nehmen wir weitere Kenngrößen in die Bewertung einer sich entwickelnden Volkswirtschaft, so war der Anstieg des Durchschnittseinkommens in der DDR von 755 Ost-Mark auf 1021 Ost-Mark innerhalb eines Jahrzehnts ein klares Signal für die ökonomische Kurskorrektur 1971. Auch die Versorgung mit Personenkraftwagen, Kühlschränken, Fernsehgeräten oder Waschmaschinen verdeutlichte die Erhöhung des Lebensstandards. Kamen erst 16 von 100 Haushalten 1970 in den Genuss eines motorisierten Vehikels auf vier Rädern, waren es 1975 schon 26 Haushalte und 1980 sogar 37 Haushalte.[13] Qualitativ konnten die Pkw-Baureihen wie der Trabant nicht die Normen westdeutscher Pkw-Baureihen erfüllen, und die Wartezeit von mehreren Jahren trug ihren Anteil an der merklichen Trübsal ob dieses augenscheinlich hochwertigen Konsumgutes. Zudem zeigte sich gerade in den ursprünglich über das Neuererprogramm initiierten Produktionsmodus, mittels Kunstoffhülle Korrosionsfreiheiten und Reparaturfreundlichkeiten zu maximieren („Pappe“), der neuralgische Punkt in der Produktivitätssteigerung. Die langandauernden Aushärtezeiten der Kunststoffe in den Pressen machten eine Produktivitätssteigerung nicht möglich und konnten nicht dem Vergleich mit den Stückzahlen in westdeutschen Metallpressen standhalten.[14]

Analog zur Sozialpolitik der Kanzler Brandt und Schmidt in den siebziger Jahren in der BRD, blieb auch der DDR-Führung nicht verborgen, die reibungsintensive und spannungsentladene Wirtschaftspolitik zu harmonisieren durch eine Sozialpolitik zwecks Befriedung und einer Motivation. Unter anderem der Bevölkerungsschlüssel für die Arbeitswelt stand im Fokus des sozialpolitischen Experimentierkastens. Und die DDR-Wirtschaft stand vor einem Dilemma. Einerseits war die Zahl der erwerbsfähigen Personen auf knapp unter 60 Prozent gesunken zu Beginn der siebziger Jahre. Das Reservoir an möglichen Neuerern war damit überproportional gesunken, da mit der statistischen Abnahme einer Bezugsgröße die NVO 1971 langfristig Schaden nehmen musste durch verkettete Restriktionen. Die Rolle der Frau in der Berufswelt war fortschrittlich, denn über 80 Prozent der erwerbsfähigen Frauen standen in Lohn und Brot bei den volkseigenen Betrieben oder den Handelsorganisationen, aber die Fruchtbarkeitsziffer von lediglich nur etwa 84 Geburten auf 1000 Frauen im gebärfähigen und –vorstellbaren Alter standen als Malus im Schatten der emanzipierten Rollenverteilung. Der spannungsreiche Spagat zwischen beruflichem und privatem Umfeld und die ausbaufähige Versorgungssituation füllten in negativer Konnotation ihr Dasein prächtig aus. Nur zu einem einzigen Sachverhalt hatte die DDR-Legislative in ihrer Geschichte, die Volkskammer, keinen einheitlichen Beschluss fassen können, und das war der Beschluss von 1972, die Fristenregelung bei Schwangerschaftsabbrüchen einzuführen mit der kostenlosen Ausgabe von Verhütungsmitteln. Konstant sah man sich denn auch einer Verringerung der Geburtenrate ausgesetzt und konsterniert stellt man 1975 den Wert von etwas mehr als 52 Geburten auf 1000 Frauen fest. Die Überlastung der weiblichen Gebärkandidaten musste mit sozialistischem Nachdruck beseitigt werden. Und aus dieser Not heraus wurde für Mehrschichtarbeiterinnen mit mehreren Kindern die 40-Stunden-Woche eingeführt. Auch Schwangerschafts- und Wöchnerinnenauszeiten wurden verlängert oder die Finanzierung für eine Auszeit nach dem zweiten Kind mit Rückkehrgarantie verabschiedet. Zudem gewährte man jungen Ehepaaren zinslose Kredite oder subventionierte den Vorschulbereich. Immerhin konnten die Bevölkerungsstatistiker am Ende der siebziger Jahre einen merklichen Anstieg bei der Fruchtbarkeitsziffer auf über 67 Geburten bei 1000 gebärfähigen Frauen. Ohnehin schien die DDR-Wirtschaft von diabolischer Natur gewesen zu sein, denn die Nettogeldeinnahmen der Bevölkerung konnten unter Erich Honecker um fast 100 Prozent und die Konsumtion am Nationaleinkommen steigerte sich um mehr als 7 Prozentpunkte.[15] Diese Indizien für den kaufstarken Geldbeutel gingen aber einher mit der Abnahme der Nettoinvestitionen am inländisch genutzten Nationaleinkommen, dokumentiert über eine Verschlechterung der Infrastruktur und die verhärmten Stadtbilder.

Soziale Errungenschaften verdecken die Grundprobleme

Natürlich konnten durch Frauenförderpläne, gleichberechtigte Bezahlungen und Weiterbildungsangebote der weibliche Bevölkerungsanteil zur produktiven Einbindung in die Arbeitswelt animiert werden, oder das Neuererkonvolut NVO 1971 führte zu effektiveren Synergien, aber das als Dogma postulierte zentralistische Planungs- und Leitungssystem machte die Innovationen langsam, verzögerte deren Umsetzung selbst bei notwendiger Produktivitätsumstrukturierung enorm. Auch die Ungleichverteilung der Innovationen in den Industriezweigen führte dazu, dass der Investitionsstau unnötigen Verschleiß und die damit einhergehende Minderproduktivität fabrizierte. Die Arbeitsproduktivität lag daher 1974 im westdeutschen Vergleich bei lediglich 64 Prozent. Auch die Ölkrise von 1973 machte natürlich keinen Bogen um die ohnehin nicht autarke DDR-Wirtschaft. Zu sehr hatten sich die DDR-Ökonomen auf die sowjetischen Erdöllieferungen verlassen mit den in den Fünfjahresplänen taxierten Fixpreisen. Diese brüderliche Zuversicht wurde durchaus anfänglich so wahrgenommen. Die UdSSR musste jedoch, um die Devisenzufuhr nicht unverhältnismäßig zu verringern, die Preise dem Weltmarktniveau anpassen. Am Ende der Verteuerungsphase sah sich Willi Stoph, Vorsitzender des Ministerrates, realiter einer Zahlungsverpflichtung von annähernd 80 Prozent des Weltmarktniveaus. Dabei bleib es aber nicht, denn die DDR musste für eine tragbare Außenhandelsbilanz das Geschäft mit den Handelsgütern forcieren, was bei gleichzeitiger Reduzierung der westlichen Absatzmärkte fatale Auswirkungen hatte. Einerseits hing man am Erdöltropf der UdSSR, andererseits ermöglichte die daraus resultierende Globalisierung die Energiebedarfsdeckung auch in westlichen Zulieferermärkten, da die UdSSR die Erdöllieferungen nach Kontinentaleuropa forcierte zwecks Maximierung der Erdölverkäufe während der Erdölkrisen in den siebziger Jahren. Dieser Teufelskreislauf führte zur Kreditaufnahme im Westen, was Verschuldung und Abhängigkeit förderten. Lieferengpässe durch die Erdölkontingentreduzierung verursachten eine zunehmende Fokussierung auf den Braunkohletagebau in der DDR. Die Braunkohle erlebte zwar ein Revival („Braunkohle um jeden Preis“), aber das Politbüro meißelte unbewusst durch die radikale Auslastung der Tagebaue und Kohlegruben einen Widerstand in der Bevölkerung, der latent nicht mehr kompensiert werden konnte und die Wurzeln bereitete für die Bürgerbewegungen der achtziger Jahre. Zwangsumsiedlungen in sächsischen und brandenburgischen Landstrichen oder die umweltmalträtierenden Braunkohleveredelungsbetriebe, gar die direkte Korrelation aus marginalisierendem Sorbentum und Braunkohleindustrie in der Lausitz („Schwarze Pumpe ist das Grab des Sorbentums“) förderten die Entfremdung zum politischen System in Ost-Berlin. Die Energiepolitik förderte zwar indirekt die deutsch-deutsche Bilateralität (Erdgasröhrengeschäfte, Verarbeitung von Rohstoffen, Energieversorgung West-Berlins), aber die zunehmende Verschuldung zur Finanzierung der Sozialpolitik (kostenlose medizinische Versorgung, Rentenerhöhungen, Wohnungsbau) war zumindest in großen Teilen der Bevölkerung zu Beginn der siebziger Jahre nicht bekannt. Die Verbesserung des Lebensstandards wurde finanziert auf Pump, Kredite mussten aufgenommen werden zur Zinstilgung. Waren am Ende der Ära Ulbricht die Bürger mit zwei Milliarden Valuta-Mark verschuldet beim kapitalistischen Klassenfeind, so gab es am Ende der Ära Honecker eine Verschuldung von annähernd 49 Milliarden Valuta-Mark. Dieser Schuldenkreislauf rief als Resultierende den wirtschaftlichen Zusammenbruch der DDR hervor.[16]

Die Strategie, durch soziale Wohltaten (verbesserter Konsum mit Beginn der Ära Honecker die Bevölkerung der DDR ideologisch zu binden und das akzentuierte Ulbrichtsche Neuererprogramm (NVO 1971) als Brückenkopf für eine erhöhte Arbeitsmoral zu implementieren, scheiterte an den realen Begebenheiten der DDR-Ökonomie. Die Diskrepanz zwischen der angeblichen Überlegenheit sozialistischer Errungenschaften und den tatsächlichen Verschuldungen im kapitalistischen Westen, flankiert von den realen Beobachtungen in den Betrieben, nährten den Boden für resignative und zynische Verhaltensmodi, die langfristig die Loyalität und das Arbeitsengagement torpedierten. Selbst Honecker war nach Recherchen des Politmagazins Der Spiegel bereits Ende der siebziger Jahre konsterniert während der Laufzeit des zweiten Fünfjahresplans erkannt haben musste, dass in wichtigen Produktionsbereichen wie der Pharmaindustrie, im Wohnungsbau bei den Rundfunkgeräten oder der Eisen- und Lederwarenindustrie grundsätzlich die Planziffern nicht das hergaben, was hätte aus der Planerfüllung erwachsen müssen. Durchhalteattitüde wie „Vertragstreue und Ehrlichkeit“ oder „Harter Kampf“ waren im Grundsatzreferat Honeckers während der 8. Tagung des ZK 1978 herauszulesen, aber auch „ernste Erscheinungen von Verletzungen der Partei- und Staatsdisziplin“ konnte der Erste Sekretär nicht leugnen. Schon zu dieser Zeit war die DDR-Wirklichkeit zu einem Hemmschuh derart generiert, dass selbst Hardliner im Politbüro sich der Ausweglosigkeit – wenn auch nicht in konkreter Skizzierung – bewusst waren.[17]

Schlussakkord

Werden die Statistiken zur Entwicklung der Konsumgüter herangezogen, dann waren die siebziger Jahre in der DDR-Konsumgüterindustrie tatsächlich die Goldenen Jahre. Das kulturelle und materielle Lebensniveau musste um jeden Preis erhöht werden. Und dieser Preis schlug sich in der stetigen Zunahme der Auslandsverschuldung nieder. Die diffizile Situation bestand darin, dass gerade der kapitalistische Klassenfeind auf dem nichtsozialistischen Hoheitsgebiet exponentiell in die Kreditgeberrolle hineinwuchs. Aus erster Hand formuliert, verdeutlichen die Äußerungen von Gerhard Schürer, dem Chef der zentralen Plankommission der DDR, das wirtschaftliche Manko und den Untergang auf Raten:

„Erich Honecker hatte 1971/72 mit der Formel „Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik“ den verhängnisvollen Kurs eines erhöhten Konsums zu Lasten der Investitionen eingeschlagen – und das auf Kredit. Als ich Honecker im Politbüro vor dieser Politik warnte, wurde ich als „Saboteur“ abgebürstet. […] Unter Walter Ulbricht hatten wir zwei Milliarden Mark Schulden im Westen. Unter Honecker wuchs der Schuldenberg dann in sechs Jahren auf 20 Milliarden D-Mark an. 60 Prozent dieser Kredite flossen in den Verbrauch. Wir haben ja sogar Blumen mit 450 Millionen Mark im Jahr subventioniert, das war absoluter Wahnsinn, den ich beenden wollte. Denn damit gingen die Grundlagen für die Rückzahlungen verloren. Aber Honecker hat auf Pump gelebt.“[18]

Die Forcierung einer vergrößerten Konsumangebotspalette bedeutete für den Staatshaushalt ein Absinken der Nettoinvestitionssumme. Ursprünglich als Motivationsschub in den Alltag generiert, Produktivität, politische Bindung und die Arbeitseinstellung zu maximieren über, blieb der ökonomische Kurswechsel mit dem Machtantritt Honeckers in seinen Möglichkeiten zurück ob der Realitäten wie Kreditneuaufnahmen oder verschärfenden Belastungen wie den Ölkrisen in den siebziger Jahren.

Quellenverzeichnis:

  • Sindermann, Horst, Brief an Ulbricht vom 17. 12. 1970, in: Honecker, Erich. Zur Korrektur der Wirtschaftspolitik Walter Ulbrichts auf der 14. Tagung des ZK der SED 1970, Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR im Bundesarchiv Berlin, DY 30, J IV A/158.
  • Spittmann, Ilse: 16. ZK-Tagung: Rücktritt Ulbrichts, in: Deutschland Archiv 4 (1971), S. 545-552.

Literaturverzeichnis:

  • Andert, Reinhold; Herzberg, Wolfgang: Der Sturz. Honecker im Kreuzverhör, Berlin 1990.
  • Axen, Hermann: Ich war ein Diener der Partei. Autobiographische Gespräche mit Harald Neubert, Berlin 1996.
  • Bierling, Stefan; Grosser, Dieter; Neuss, Beate: (Hrsg.): Bundesrepublik und DDR 1969 – 1990 (Deutsche Geschichte in Quellen und Darstellung 11), Stuttgart 1996.
  • Borowsky, Peter: Die DDR in den siebziger Jahren, in: Bundeszentrale für politische Bildung, 05.04.2002, URL: http://www.bpb.de/wissen/05049451825358354051911907431409 (zuletzt aufgerufen am 20.12.2018).
  • Fricke, Karl Wilelm: Wird Ulbricht zur Unperson?, in: Deutschland Archiv 6 (1973), S. 233 – 235.
  • Koblank, Peter: Einführung, in: Koblank, Peter: Die Neuererverordnungen der DDR, URL: https://www.koblank.de/ideethek/d_nvo.pdf (zuletzt aufgerufen am 20.12.2018).
  • Naumann, Gerhard; Trümpler, Eckhard: Von Ulbricht zu Honecker. 1970 – ein Krisenjahr der DDR, Berlin 1990.
  • Staritz, Dietrich: Geschichte der DDR, Frankfurt a. M. 1996.
  • Staatliche Zentralverwaltung für Statistik (Hrsg.): Das Statistisches Taschenbuch der DDR 1988, Ost-Berlin 1988.
  • Stelkens, Jochen: Machtwechsel in Ost-Berlin, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 45.4 (1997), S. 503 – 533.
  • Wolf, Markus: Spionagechef im geheimen Krieg. Erinnerungen, München 1997.

[1] Spittmann, Ilse: 16. ZK-Tagung: Rücktritt Ulbrichts, in: Deutschland Archiv 4 (1971), S. 545 – 552, S. 547.

[2] Axen, Hermann: Ich war ein Diener der Partei. Autobiographische Gespräche mit Harald Neubert, Berlin 1996, S. 315.

[3] Andert, Reinhold; Herzberg, Wolfgang: Der Sturz. Honecker im Kreuzverhör, Berlin 1990, S. 273.

[4] Staritz, Dietrich: Geschichte der DDR, Frankfurt a. M. 1996, S. 273.

[5] Fricke, Karl Wilhelm: Wird Ulbricht zur Unperson?, in: Deutschland Archiv 6 (1973), S. 233 – 235, S. 233.

[6] Wolf, Markus: Spionagechef im geheimen Krieg. Erinnerungen, München 1997, S. 256 – 257.

[7] Naumann, Gerhard; Trümpler, Eckhard: Von Ulbricht zu Honecker. 1970 – ein Krisenjahr der DDR, Berlin 1990, S. 119.

[8] Vgl. hierzu den Brief Sindermanns an Ulbricht vom 17. 12. 1970, in: Honecker, Erich: Zur Korrektur der Wirtschaftspolitik Walter Ulbrichts auf der 14. Tagung des ZK der SED 1970, Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR im Bundesarchiv Berlin, DY 30, J IV A/158.

[9] Stelkens, Jochen: Machtwechsel in Ost-Berlin. Der Sturz Walter Ulbrichts 1971, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 45.4 (1997), S. 503 – 533, S. 506 – 508.

[10] Borowsky, Peter: Die DDR in den siebziger Jahren, in: Bundeszentrale für politische Bildung, 05.02.2004, URL: http://www.bpb.de/izpb/10111/die-ddr-in-den-siebziger-jahren?p=all (zuletzt aufgerufen am 20.12.2018), im Folgenden zitiert als: Borowsky, siebziger Jahre.

[11] Dieses Zitat wird – historisch nicht verbürgt – der deutschen Weberin Frida Hockauf zugeschrieben, die sich Anfang der fünfziger Jahre im „VEB Mechanische Weberei Zittau“ durch Planübererfüllungen einen Namen machte und so hervorragend in das System der Leistungsboni der NÖS-Propaganda passte.

[12] Koblank, Peter: Einführung, in: Koblank, Peter: Die Neuererverordnungen der DDR, URL: https://www.koblank.de/ideethek/d_nvo.pdf (zuletzt aufgerufen am 20.12.2018).

[13] Bierling, Stefan; Grosser, Dieter; Neuss, Beate: (Hrsg.): Bundesrepublik und DDR 1969 – 1990 (Deutsche Geschichte in Quellen und Darstellung 11), Stuttgart 1996, S. 240.

[14] Borowsky, siebziger Jahre.

[15] Staatliche Zentralverwaltung für Statistik (Hrsg.): Das Statistisches Taschenbuch der DDR 1988, Ost-Berlin 1988, S. 28, 110, 111.

[16] Die Ausführungen in einem Interview von Frank Bösch 25.09.2013 über die Folgen der Ölkrise von 1973 für die DDR, URL: https://www.pnn.de/wissenschaft/interview-die-oelkrise-hat-das-ende-der-ddr-mit-befoerdert/21661564.html (zuletzt aufgerufen am 21.12.2018).

[17] Vgl. hierzu die digitalisierte Ausgabe des Spiegels von 1978 (22), abrufbar unterhttp://www.spiegel.de/spiegel/print/d-40617856.html.

[18] Das Interview des Focus-Korrespondenten Olaf Opitz mit Gerhard Schürer 15.11.1999, URL: https://www.focus.de/politik/deutschland/deutschland-honecker-hat-auf-pump-gelebt_aid_179893.html (zuletzt aufgerufen am 21.12.2018).

Universitas Bononiensis … Tatsächliche oder angebliche konstituierende Momente einer Rechtsschule

Universitas Bononiensis

Tatsächliche oder angebliche konstituierende Momente einer Rechtsschule

 

Abb. 1: Universität Bologna

 

Inhaltsverzeichnis

 

Proömium

 

Faktoren für eine universitäre Longävität

 

Die Glossatoren als Urknall für die Rezeption des

Römischen Rechts

 

Inventio Irnerii?

 

Persönliche zu Unklarem

 

Resümee

 

Quellen und Literatur

 

Proömium

Lässt man mögliche Negativbelegungen der Kulturrevolution außen vor, dann kann im Hochmittelalter die einhundertjährige Phase ab 1050 als eine Ära der beginnenden kulturellen Revolutionen charakterisiert werden. Der einstimmige, lithurgische Gesang der römisch-katholischen Kirche in lateinischer Sprache, als gregorianischer Choral tituliert, verliert zusehends seine Hegemonialstellung an die Notre-Dame-Schule mit der Modalnotation und dem Organum als zentrale Elemente der Mehrstimmigkeit. In der Literatur werden die ersten Akzente zur Minne dargeboten. Troubadours der ersten Stunde wie Wilhelm IX. von Aquitanien werfen ihre Lyrik in die Frühphase des deutschen Minnesangs unter dem von Kürenberg. In der Philosophie wird verstärkt die scholastische Methode als Grundlage genommen für einen disziplinübergreifenden Argumentationsmodus, der auf Prämissen beruht und nach dem aristotelischen Syllogismus ausgerichtet ist.

Dieser scholastischen Methode bedienten sich die Glossatoren, die die Quellen des römischen Rechts mit Glossen versahen und in Bologna am Ende des 11. Jahrhunderts eine Rechtsschule gründeten. Diese Rechtsschule bildete den archimedischen Punkt für die spätere Universitas Bononiensis. Die Universitätsgründungen waren gewöhnlich bewusste Gründungs- und Stiftungsakte von weltlichen, geistlichen oder landesherrlichen Autoritäten.

Abb. 2: Sorbonne Paris La Sorbonne – Université

Bologna ist jedoch wie die spätere Sorbonne in Paris aus dem quellentechnisch raren Gewohnheitsrechts entsprungen. Diese spontane Ordnungsbildung hatte bald einen exzellenten Ruf und stand dem Nimbus der einstigen Beiruter Rechtsschule nutrix legum unter den römischen Kaisern Theodosius II. und Justinian I. sehr nahe. Nach unbestätigten Quellen waren im 12. Jahrhundert mehrere tausend Rechtsstudenten in Bologna eingeschrieben. Eine Anzahl, die Bologna vor administrativen Herausforderungen stellen musste, nimmt man die Größe mittelalterliche Städte als Bezugspunkt.

Was zeichnete Bologna aus? Welche Voraussetzungen mussten erfüllt sein für eine universitäre Longävität? Und welche Personenkreise konnten in der Frühphase der Universitas Bononiensis Strukturen schaffen für die Etablierung der Rechtsschule? Eine Stringenz in der Konklusion kann dahingehend nicht erfolgen, da das Quellenmaterial aus der Frühphase der Bologneser Rechtsschule bestenfalls Theorien auf Sand baut. Dieser Vagheit muss sich jedoch ein Historiker stellen, und daher gilt dem Irnerius, dem Begründer der Glossatorenschule in Bologna, eine besondere Berücksichtigung. Inwiefern dieser mythischen Person die Existenzgrundlage entzogen werden kann, bleibt abzuwarten. Die Ausarbeitung selbst maßt sich nicht die Autorität an, gewohnheitsrechtliche Dogmen ad absurdum zu führen, will jedoch in bewertender Ausgeglichenheit sich der fragilen Thesensetzung bei rarem Quellenbestand stellen.

 

Faktoren für eine universitäre Longävität

Was Friedrich Karl von Savigny, deutscher Rechtsgelehrter und Begründer der Historischen Rechtsschule, in seinem Standardwerk zur Geschichte des römischen Rechts aus dem 19. Jahrhundert zur Gründungsentstehung der ältesten Rechtsschulen in Europa formulierte, war bis in das 20. Jahrhundert hinein ein rechtsgeschichtlicher Ariadnefaden, sozusagen ein Vademecum nach der Schleiermacherschen Hermeneutik, denn wie folgt wurde in diesem neuzeitlichen Euvre der Rechtsgeschichte argumentiert:

Ein ganz vorzüglicher Unterschied aber zwischen jenen alten Universitäten und den unsrigen liegt in der Art ihrer Entstehung. Denn es würde ganz irrig seyn, wenn man die ältesten Universitäten des Mittelalters als Lehranstalten in unserm Sinn betrachten wollte, d. h. als Einrichtungen wodurch ein Fürst oder eine Stadt zunächst den Unterricht der Eingebornen hätte begründen, daneben aber auch die Theilnahme der Fremden zulassen wollen. So war es nicht, sondern wenn ein Mann, von höherem Lehrtriebe erregt, eine Anzahl lernbegieriger Schüler um sich versammelt hatte, so entstand leicht eine Reihenfolge von Lehrern, der Kreis der Zuhörer erweitere sich, und so war ganz durch inneres Bedürfnis eine bleibende Schule gegründet.[1]

Diese Argumentationskette ist von profaner Natur, besticht durch ihre ostensive Denkweise und steht trotzdem nicht im Einklang mit den historischen Wahrheiten. Natürlich können sich bei Existenz von Fachkoryphäen an einem Ort Lehr- und Lernkollegien etablieren, deren Longävität

Abb. 3: Abtei Le Bec

jedoch terminiert ist. En masse können Exempla in einem Dossier aufgeführt werden, die dem Elenchus für die Savignyschen Argumentation dienlich sind.  Der Prototyp dieses Kontraposts ist das Kloster Bec im Département Eure in der Normandie, das seit der Mitte des 11. Jahrhunderts einen honorablen Ruf in der Lehre der Sieben Freien

Abb. 4: Die Philosophie thront inmitten der Sieben Freien Künste“ – Darstellung aus dem Hortus Deliciarum der Herrad von Landsberg (um 1180)

Künste sein Eigen nennen konnte, wesentlich verursacht durch das Tätigkeitsprofil des Gelehrten Lanfranc, des späteren Erzbischofs von Canterbury. Der Scholastiker Anselm von Canterbury, der Kirchenreformer Ivo von Chartres oder der Pontifex maximus Alexander II. entstammten dieser Klosterschule, aber eine Transgredienz hinsichtlich eines Bildungshortes sollte das Kloster nicht in das 12. Jahrhundert nehmen. Ein bleibender Bestand der Klosterschule konnte nicht konstituiert werden. Lehranstalten wie Paris oder Bologna mussten sich erst eine Reputation erarbeiten und konnten doch gegenüber den Lehranstalten in Chartres, Tours, dem frühmittelalterlichen Bibliotheksfundus Fulda, Ravenna oder Lüttich seit dem frühen 12. Jahrhundert einen stetigen Aufschwung verzeichnen. Welche Faktoren protegierten nun juristische Kaderschmieden wie Bologna?

Wirtschaftliche und politische Entwicklungen als Rahmenbedingungen sind in der Nachbetrachtung stets mit einer unbestimmten Größe an Zufälligkeiten und situationsbezogenen Schlussfolgerungen zu identifizieren ohne den Malus einer historischen Schuld oktroyieren zu können. Weiche und harte Standortfaktoren generieren sine dubio einen Atlas der Sesshaftigkeit, in überspitzter Form eine neolithische Revolution

Abb. 5: Università di Pavia aerea

des Gedankengutes. Das stochastische Element kann aber nicht exkludiert werden. Die Rechtsschule in Pavia war im 11. Jahrhundert Zentrum juristischer Kompilationen („The School of Pavia was famous…“).[2] Die Grundkodifikation Edictum Rothari erhielt dabei eine stetige Ergänzung durch Edikte und Kapitularien späterer Herrscher für das regnum Italiae bis zum Salier Heinrich III. Diese Kompilation ging als das liber Papiensis in die Rechtsgeschichte ein und erhielt durch Paveser Rechtsgelehrte wie Walcausus oder Widolinus weitere Glossen und wurde als rechtskompilatorische Lombarda editiert seit dem Ende des 11. Jahrhunderts.[3] Nur blieb dieser rechtswissenschaftliche Zweig in seiner Bedeutung im 11. Jahrhundert stehen und erfuhr keine Pflege und Anpassung zwecks Longävität. Offenbar spielte die genealogische Reputation nur eine subsumierte Rolle, denn Pavia konnte seine Bildungstradition bis zum Imperator Lothar I. aufzeigen. Das Gründungsdatum der Universität Pavia wird jedoch erst mit 1361 angesetzt. Und Bologna? Die Universitas Bononiensis – losgelöst von etwaigen Gründungsdiskursen – war spätestens seit der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts oder eben auch von Anfang an für ihre Rechtswissenschaften berühmt. Das stochastische Faktum ist aber auch ein gordischer Knoten und verlangt nach einer multiperspektiven Ursachenforschung. Es müssen andere Ursachen tätig gewesen sein!

Und in der Methodik lag ein wesentlicher Baustein nicht nur für den Aufschwung, sondern in der Verhinderung einer Stagnation. Wenn Wissenschaftszweige methodisch neue Wege gehen, dann können sich sowohl Lehrende als auch Lernende schwer der Anziehungskraft dieser Bildungszentren und dem Sog von Innovation, Mobilität und vermeintlichen Erwartungsdrang in der universitären terra incognita entziehen. Paris konnte für die spätere Sorbonne zu Beginn des 12. Jahrhunderts Grundlagen schaffen in der Theologie. In Bologna ebneten die juristischen Zirkel und deren anhängende Diskurse den Weg in die universitäre Ruhmeshalle. Der Rechtslehrer Irnerius, scientae legalis illuminator genannt, war dabei einer der ersten Personen, die die Glossentechnik nicht nur für die Behandlung des langobardischen Rechts verwendeten, sondern auch für die Römischen Rechtsquellen. Offenbar wirkte die Tätigkeit des Irnerius so, dass in späteren Zeiten Bologna – wie einst Berytus in der Spätantike – mit dem Epitheton nutrix legum versehen wurde.[4] Das juristische Standing konnte bereits Mitte des 12. Jahrhunderts in Bologna Kirchenrechtslehrer bewegen, ein dem Corpus Iuris Civilis artverwandtes Glossenwerk zu erstellen, das als Decretum Gratiani in die standardisierte  Kirchenrechtsbibliographie Eingang fand.[5] Zumindest in der Weiterveräußerung der Gedankengänge glich Bologna damit einem Perpetuum mobile, um als Mother of Law alleine schon den Wohlverhaltensmodus der anderen Rechtsschulen zu saturieren, aber auch zugleich einen nutritiven Nimbus zu garantieren.

Obwohl in der Literatur die Protektion durch einen Herrscher als nicht evident betrachtet wird, ist die Privilegienvergabe im Mittelalter mindestens eine administrative Hilfe. Alleine die Berücksichtigung der Tatsache, dass diese neuen Körperschaften keine tradierten Rechtsstellungen in städischen Kommunen ihr Eigen nennen konnten, interpretierte jede äußere Hilfe durch legitimierte Rechtsinstitutionen als eine Existenzberechtigung. Es bedurfte eben mehr als nur ein Epitheton. Berytus nutrix legum konnte im orientalisch geprägten Einzugsgebiet durch die Protektion der Imperatoren in der Spätantike die Obsoleszenz und fehlende administrative Verankerung auf Abstand halten. Der Grundstein für das Wirken jener Rechtsschule wurde personell durch Rechtsgelehrte wie die Prätorianerpräfekten Papinian und Ulpian verursacht, aber auch die Kodifizierung ihrer Schriften im Zitiergesetz[6] von 426 durch den weströmischen Kaiser Valentinian III. und den oströmischen Kaiser Theodosius II. förderte den Nimbus der Rechtsschule von Beirut. Kaiser Justinian I. bestimmte dann zu Beginn des 6. Jahrhunderts als rechtsautoritative Trias die Rechtsschulen Rom, Konstantinopel und eben Beirut. Diese Rechtsschulen waren offiziell auch an der Kompilation des römischen Rechts Corpus Iuris Civilis beteiligt. Die fehlende Protektion und die islamische Expansion verursachten anschließend einen Bedeutungsverfall der lateinischen Sprachinsel. So wie einst die Prätorianerpräfekten als hohe Funktionsträger des Staates in Berytus lehrten und damit einer Rechtsschule die auctoritas verliehen, mussten die mittelalterlichen Lehreinrichtungen durch Privilegienvergabe ihre rechtliche Marginalität verhindern. Das Privileg Authentica Habita von 1155 bildete für Bologna nicht den Gründungsakt, aber die Rechtsschule in Bologna erhielt eine Rechtssicherheit. Ob dieses Privileg vom Staufer Barbarossa explizit für Bologna ausgestellt wurde, kann historisch nach aktueller Quellenlage nicht apodiktisch formuliert werden, aber der Legende nach entsprang dieses Privileg aus einer Bologneser Petition:

Es wird nämlich darin erzählt, dass, als der Kaiser um Pfingsten 1155 vor Bologna lagerte, nebst den Bürgern auch die Doctoren und Scholaren der Stadt hinauszogen um den Kaiser zu sehen. Dieser erkundigte sich, warum sie Bologna zum Studienorte gewählt hätten, und wie sie von den Bürgern behandelt würden. Ein Doctor antwortete auf die letztere Frage, das sie im Ganzen zufrieden seien, nur müssten sie Klage erheben, dass die Bürger Schulden der Nachbarn von ihnen zurückforderten. Diese verkehrte Art möge er bessern, damit die Studierenden hier sicher sein könnten. Friedrich verkündete dann, nachdem er die Fürsten der Reihe nach um Rath gefragt hatte, das Gesetz, womit er die Studenten sowohl beim Kommen, als beim Verweilen und Zurückkehren, in seinen Schutz nahm.[7]

Halten wir uns an die historischen Fakten, argumentieren wir scholastisch nach der Quellenlage, und das auf dem Reichstag zu Roncaglia 1158 erlassene Reichsgesetz Authentica Habita fand Eingang in das Corpus Iuris Civilis ohne explizite Nennung der Universitas Bononiensis als Schutzprivileg für alle Schulen. Zudem wären die Rechtsgelehrten aus Bologna als Glossatoren daran interessiert gewesen, ihre Rechtsschule im Besonderen hinsichtlich eines Alleinstellungsmerkmals zu erwähnen. Schon die Bologneser Glossatoren Johannes Bassianus und Azo argumentierten im 12. Jahrhundert mit dem vermeintlichen Privileg einer Rechtsschule, da Imperator Theodosius die Stadt gegründet habe. Unabhängig davon, welche Personenkreise Friedrich Barbarossa 1158 dazu bewogen,[8] dieses Reichsgesetz zu erlassen, waren die Angehörigen der Lehranstalten kaiserliche Schutzbefohlene. Die Verneinung des Verfolgungsrechts bildete dabei eine der Säulen des kaiserlichen Edikts. Im Verfolgungsrecht waren prinzipiell Retorsionen im kommunalpolitischen Flair an der Tagesordnung. Studenten mussten zu ihrem eigenen Nachteil Regressansprüche ihrer Landsleute über sich ergehen lassen. Dieser Rechtsgrundsatz widersprach dem Rechtsverständis aus der renovatio des römischen Rechts, aus der heraus das auf die Nation bezogene Haftungsrecht obsolet war. Der administrative Rechtskörper war geschaffen, der nicht ohne weiteres den Repressalien und pogromanfälligen Kommunalbediensteten ausgeliefert war. Zudem konnte den Studentenvereinigungen Rechtsschutz dahingehend gewährt werden, dass sie eine zivil- und strafrechtliche Jurisdiktion über die Studenten erhielt. Und Bologna vergegenwärtigte sich stets dieses Privilegs. Ein noch stärkeres Geflecht von Existenzfragen und Privilegienvergabe scheint für die Lehranstalten gültig gewesen zu sein, die den administrativen Kern der späteren Sorbonne in Paris bildeten. Die nachweisbare Privilegienvergabe war dort seit dem Jahr 1200 durch den damaligen französischen König Philippe August dokumentiert. Und 1312 formulierte Philipp der Schöne für die Lehranstalt in Orléans mit Bezug auf die Privilegien:

(…) ceterum ut doctores, magistri et scolares libentius ad stadium ipsum declinent et tanto ferventius ibidem studentes proficient quanto plus honorari se sentient, illud privilegiis, beneficiis et libertatibus munientes (…).[9]

Dass das mit der Blüte und dem Glanz einer Lehranstalt nur als scheinbare Existenzgarantie zu interpretieren wäre, zeigte deutlich die warnende Stimme des Papstes Gregor IX. in einem Brief vom 23. November 1229 an den Bischof von Paris, in dem Gregor IX. die Existenzgrundlage gefährdet sähe für die Universität Paris bei Nichtrückgabe alter Rechte.[10] Zudem wurden zu Beginn des 13. Jahrhunderts sogenannte Konservatoren in die universitäre Administration integriert, deren Tätigkeitsfeld darin lag, die verbrieften Rechte zu wahren und vor mutmaßlichen Übergriffen zu schützen. Oft war der Drang zur Bewahrung in einer Notwendigkeit, dass Päpste oder Könige persönlich diese Bewahrer einsetzten, damit Universitätsmitglieder an diese Konservatoren appellieren konnten bei internen oder externen Privilegienverletzungen. Für Bologna selbst sind in der Frühphase der dortige Archidiakon und ein Dominikanermönch belegbar als Appellationsinstanzen, die zugleich in Kooperation mit den taxatores[11] über Mietpreisfestlegungen, Lebensmittel- und Bücherbeschaffungen wachten die Jurisdiktion ausübten. Ohnehin waren von Beginn an die päpstlichen Legaten involviert in die universitären Statuten. Als 1506 Bologna in die Hegemonie des Kirchenstaates fiel, waren an der Universitas Bononiensis ein Kardinallegat und die reformatores die legislativen Autoritäten.[12]

Die eingangs getätigten Äußerungen verlieren nicht an Durchschlagskraft, da der Faktor Mensch eben in seinem facettenreichen Engagement den Grundstein legte für eine nachhaltige Administration. Für Paris oder im Besonderen Bologna konkludierte man über die steigenden Schüler- und Lehrerzahlen einen schnelleren administrativen Wandel in der Organisationsstruktur. Neben der Einführung der Genossenschaften, der Corporationen, wies man das Studentenheer nicht durch Restriktionen in die organisatorischen Schranken, sondern kümmerte sich mit verstärktem Nachdruck um den Erwerb von Universitäts- und Wohnbautenbauten. Die anfänglich in Privathäusern, Stadt- und Kirchenbauten gehaltenen Vorlesungen veranlassten die taxatores zur Kreierung von Studentenhäusern. Die sapienza war geboren, ein Gebäudetyp namens domus sapientiae, bei dem die Räume um einen viereckigen Innenhof angeordnet waren. Aus der sapienza ging in späteren Zeiten das offizielle Universitätsgebäude hervor mit Vorlesungs- und Disputationseinrichtungen, Bibliothek oder einer Graduiertenecke. Das noch heute auch in der Funktion existierende Collegio di Spagna in Bologna vermittelt einen Eindruck vom universitären Bauverständnis.[13] Dieses Konglomerat an Ursachen und partiellen Zufälligkeiten bedingte den Ruf und die Etablierung solcher Schulen wie Bologna. Darüber hinaus konnte das Peciasystem in Bologna als Gradmesser für die zunehmende Popularität herangezogen werden. Eine vorindustrielle Fließbandproduktion war dieser Kopiertechnik zu eigen. Grundsätzlich gab es in den mittelalterlichen Bibliotheken exemplaria, also Kopien der zu studierenden Auszüge aus den Werken. Diese Kopien bestanden aus einzelnen Heften, häufig zu vier Folien, den peciae. Die Kopisten erhielten nun pecia für pecia und wurden dahingehend auch monetär abgerechnet.[14] In der Praxis zeigte sich dann, dass die Kopisten nicht immer aus einem exemplarium versorgt wurden für die Kopistentätigkeiten, sondern die peciae verschiedene Handschriften aufzeigten. Diese Vervielfältigungsmethode war zeitlich effektiver, aber verursachte eine Handschriftenstaffelei für ein Exemplarium. Um nicht der illegalen Vervielfältigungsmethode den Nährboden zu bereiten, wurden in Bologna die peciarii gewählt, ein Gremium aus sechs Universitätsmitgliedern mit exekutiven Kompetenzen. Der amerikanische Hstoriker Lynn Thorndike schrieb treffend zu den peciarii:

When elected, they shall have full freedom in the matter of peciae and jurisdiction of taking cognizance, pronouncing and executing in cases of peciae and corrupt texts. By reason of defects in peciae they may and should demand from certain copyists and correctors an oath that they will report peciae which they find corrupt. We will that a stationer, for each corrupt pecia which he gives out and for each offense, shall incur a fine of ten solidi Bolognese, and nonetheless he shall be required to reimburse the scholar [who borrowed the pecia] at double. Half the penalty shall go to the university, half of the remaining half to the peciarii, the remainder to the denouncer.[15]

Und zudem hatte in den Anfangsjahren der Bologneser Lehrkörperschaft die Einrichtung mit Irnerius einen intellektuellen Potentaten der Glossatoren. Daher gilt es, diesen Punkt einer besonderen Berücksichtigung zuzuführen.

Die Glossatoren als Urknall für die Rezeption des Römischen Rechts

Die Rechtslehrer vor 1100 sollen nicht in ihren Bemühungen diskreditiert werden, aber rechtsgeschichtliche Revolutionen bei der Bewältigung der kompilierten Rechtstexte – insbesondere für die Rezeption des Römischen Rechts –  sind nicht überliefert im Frühmittelalter. Etwaige Kontinuitätstheorien hinsichtlich der Interpretationsmethoden sind quellentechnisch nicht dicht konkludiert oder in der Fachwissenschaft mit der Dezenz belegt.[16] Zumindest konnte man – wenn man die Begrifflichkeit des Urknalls als zu plastisch ablehnt – bei den Rechtsschulen ab 1100 eine gewisse Motivation bei der Übernahme von Rechtsstoffen konstatieren. Als Beleg dafür sei der Bologneser Kirchenrechtler Gratian angeführt, dessen Glossen zum Kanonischen Recht eine sofortige wissenschaftliche Bearbeitung erfuhren.[17]  Die Ursprünge sind erklärungstechnisch vage und mögen aus dem Substrat stammen der politisch-kirchlichen Auseinandersetzungen des 11. Jahrhunderts und der Suche nach den dem Justinianischen Gesetzeswerk anhaftenden Digesten.[18] Der Rechtshistoriker Franz Wieacker scheint am ehesten noch diesem Akt der Professionalisierung der Rezeption in der Erklärung gerecht zu werden, indem er die Hochkulturen auf dem Boden der Vorkulturen setzt, um dann in ein  anspruchsvolleres Terrain zu gelangen.[19] Unabhängig davon, der Aufschwung war eine beobachtbare Komponente, nicht nur in Bologna. Auch die uns heute geläufige Rechtsfortbildung procedere de similibus ad similia, also die Orientierung an ähnlich gelagerten Fällen, wurde methodisch verfeinert, und damit wurde der Rechtsstoff einer Verwissenschaftlichung zugänglich gemacht. Der Rechtsgelehrte Irnerius aus Bologna war dabei einer der ersten Glossatoren gewesen, die den Rechtsfortsatz procedere methodisch begleiteten.[20] Darüber hinaus schuf der Urvater der Glossentechnik den Verständniszugang über vergleichende Stellen in den Libri legales des Justinian. Concordantia discordantium, diesen methodischen Rechtsgrundsatz legte Irnerius seinen juristischen Jüngern in die glossierten Digesten. Justinians Rechtswerk musste frei von Widersprüchen sein, da sie es als geltendes Recht sahen. Zudem erfolgte über die sukzessive Einarbeitung der Widerspruchsfreiheit die – psychoanalytisch betrachtet –  charakteristische Ausrichtung auf Autoritäten.[21] Ohnehin schien in Abkehr zu den ravennatischen Juristen in Bologna um 1100 mit der Übernahme der exegetischen Methode der Langobarden der Grundstein für den Ruhm der Bologneser Rechtsschule gelegt worden zu sein, unter Federführung des Rechtsgelehrten Irnerius. Wie schrieb doch der Rechtshistoriker Rudolph Sohm treffend und von mir auch ohne einschränkende Kommentierung versehen:

Das Neue, wodurch diese Schule von Bologna zu der ihr voraufgehenden Rechtsschule von Ravenna (…), daß sie anstelle der zusammenfassenden auszugs- und lehrbuchmäßigen Art der ravennatischen Juristen die von den Langobarden gehandhabte exegetische Methode, eine durch Glossen (dem Gesetzestext beigefügte erläuternde Bemerkungen) in das Einzelne dringende Bearbeitung des Corpus juris setzte. Wie die Langobarden bei Behandlung des Liber Papiensis, so fanden auch die Glossatoren bei Erklärung der einzelnen Stellen des Corpus juris ihre Kraft in der Auffindung der zugehörigen anderen Stellen (der sog. Parallelstellen), um den Inhalt des römischen Rechts durch eine über den Buchstaben des Gesetzes sich erhebende, Widersprüche ausgleichende, Verwandtes in inneren Zusammenhang bringende, alles einzelne und doch zugleich das ganze umfassende Erläuterung herauszustellen.[22]

Irnerius konnte u. a. in Zusammenarbeit mit seinen Schülern Bulgarus und Hugo über die Bibelexegese und die scholastische Philosophie die Rechtstexte aus dem Corpus iuris cicilis bearbeiten. Die vorgenannten Schüler waren zudem daran beteiligt, als Ratgeber für Friedrich I. Barbarossa auf dem Reichstag zu Roncalli den rechtlichen Rahmen dem Kaiser zu vermitteln zwecks inhaltlicher und formaler Ausformulierungen in der Authentica Habita. Diese Personalsituation verdeutlichte bereits für die Mitte des 12. Jahrhunderts eine Durchdringung der Reichskanzlei mit dem Gedankengut aus der Bologneser Rechtsschule. Als Motor der Glossen erwies sich dabei die Wiederentdeckung der Digesten, expressiv verbis in den Littera Florentina demonstriert, die in Bologna von Irnerius abgeschrieben und mit Glossen versehen wurde. In diesen Lehrbüchern, auch Pandekten genannt, gab es die Zusammenstellung aus dem Codex Iustinianus, den Institutiones, dem Privatrecht und einzelne Strafrechtsaufzeichnungen.

Das Gleichnis mit dem Urknall lässt die Vermutung zu, Irnerius mit dem Phoenix aus der Asche zu identifizieren. Der Alltagswahrscheinlichkeit eher zugeordnet, das soziale und intellektuelle Umfeld prägten den Bologneser Rechtslehrer stärker als das Bejahen oder Verneinen jeglicher Kontinuitätstheorien hinsichtlich der glossatorischen Techniken im Corpus iuris civilis. Und hier liegt es nahe, die Markgräfin Mathilde von Tuszien in das quellentechnisch dunkle Kapitel der Anfangsjahre der Bologneser Rechtsschule zu katapultieren. Warum nun die Markgräfin? Der mittelalterliche Geschichtsschreiber Burchard von Ursberg formulierte wie folgt in seiner Chronik:

Eisdem quoque temporibus dominus Wernerius libros legum, qui dudum neglecti fuerant, nec quisquam in eis studuerat, ad petitionem Mathilde comitisse renovavit et, secundum quod olim a dive recordationis imperatore Iustiniano compilati fuerant, paucis forte verbis alicubi interpositis eos distinxit. In quibus continentur instituta prefati imperatoris, quasi principium et introductio iuris civilis. Edicta quoque pretorum et edilium curulium, que rationem et firmitatem prestant iuri civili, hec in libro Pandectarum, videlicet in Digestis, continentur. Additur quoque his liber Codicis, in quo imperatorum statute describuntur. Quartus quoque liber est Autenticorum, quem prefatus Iustinianus ad suppletionem et correctionem legume imperalium supperaddidit.[23]

Dieser Auszug ist ein Hort der rechtsgeschichtlichen Begriffe aus dem Corpus iuris civilis, aber der Historiker mahnt zunächst und zurecht die problematische Konstellation an. Auf Bitten der Mathilde (ad petitionem Mathilde) nahm also ein Wernerius glossatorische Aktivitäten vor in den Rechtsbüchern, die lange Zeit unbeachtet blieben (qui dudum neglecti fuerant, nec quisquam in eis studerat). Das nährt den Boden der Theorie, wonach im 11. Jahrhundert die Voraussetzungen für die Wiederentdeckung und die Neuausrichtung in der Bearbeitung des römischen Rechts erfolgten. Mathilde als Auftraggeberin? Es ist nicht ausgeschlossen, aber die Bezugsgröße ist hier imperator Lotharius, der erst Jahre nach dem Tod der Mathilde zum König gekrönt wurde?! Unabhängig davon, Burchard muss Kenntnisse oder Zugang zu den (Rechts-)Quellen besessen haben, da seine verwendeten Fachtermini eine fachliche Nähe zur Rechtskultur um/ab 1100 offenbaren (libros legum, qui…; verbis alicubi interpositis eos distinxit). Auch in der Bezeichnung dominus Wernerius zeigt sich bei Burchard eine Realitätswiedergabe, da die Bologneser legum doctores diese Titulierungen ihr Eigen nennen konnten im 12. Jahrhundert.[24] Ob in der fehlerhaften Konstellation von Mathilde und Lothar von Supplinburg der archimedische Punkt zur Quellenkritik der Burchardschen Chronik anzusetzen wäre, bleibt in dieser Ausarbeitung ohne Einkalkulierung, da die rechtsgeschichtlichen Fachtermini die größere Palpitation verursachen. Da Wernerius als explizite Namensnennung in der Chronik erfolgt, gehört diese Personalie einer näheren Begutachtung unterzogen.

Inventio Irnerii?

Die Namenstitulierung ist zu Beginn des 12. Jahrhunderts regelmäßig und in leichter Abwandlung in den zur Verfügung stehenden Schriftquellen dokumentiert. Gehen wir mit einer im Nanobereich liegenden Quellenkritik zu Werke, können die Namensformen Guarnerius, Vuarnerius oder Warnerius oder eben Wernerius aus der Burchardschen Chronik als Synonyme für eine Namensbezeichnung – nämlich die des Irnerius – betrachtet werden. Gedenkt man sich der kolportierten Ausnahmestellung dieses Rechtslehrers, können aber berechtigte Zweifel angebracht werden. Der juristische Urvater der Bologneser wird in den Quellen nicht explizit als Lehrer oder Professor des römischen Rechts geführt. Lediglich vage Andeutungen sind belegt, so wie auf dem Konzil von Reims 1119, als Papst Calixt II. den Kirchenbann gegen den letzten Salier Heinrich V. aussprach und in diesem Zusammenhang ein Guarnerius Bononiensis legis peritus namentlich Erwähnung findet im kaiserlichen Lager.[25] Natürlich geraten Personen in Vergessenheit, aber ein Erklärungsmodell über die persona non grata oder der geschichtliche Fußnotenmodus lagen bei diesem Hauptakteur während der Bologneser Gründungswirren nicht vor. Gut möglich ist, dass nachfolgende Juristengenerationen der Ehrfurcht halber den Mythos Irnerius nicht mit in das Spiel brachten. Auch die wissenschaftlichen Diskurse der Rechtsgelehrten Martinus Gosia und Bulgarus im 12. Jahrhundert, immerhin Schüler des Prototyps der exegetischen Methode für das Corpus iurus civilis, sind nicht argumentativ durchsetzt mit der Rückführung auf Irnerius. Ob es sich dabei um unvollständige Argumentationsketten handelt oder das Pseudonym Irnerius keinen Stellenwert besaß und damit den ihm zugewiesenen Rang zur Frühphase der Università di Bologna nicht ausfüllt, bleibt vorenthalten, nährt aber die These von einer fiktiven Person. Zudem war Bologna antistaufisch eingestellt, und die legum doctores sollten nicht in die Kampagne um kommunale Freiheiten eingebracht werden dürfen. Was blieb da alternativ anderes als eine gereinigte Vergangenheitsbewältigung? Insofern hatte Johannes Fried recht, als er 2001 formulierte:

Wiederholte Umbrüche in der politischen Haltung der Kommune, die sich auch anderweitig manifestierten, schlugen sich somit in dem Bild nieder, das von der Frühgeschichte des Studiums gezeichnet wurde. Der reale Wernerius auf des Kaisers Seite – er passte nicht zu den politischen Interessen der Kommune um 1220/50, als man sich dort der Anfänge des Studiums besann. So wurde er verdrängt, vergessen, verschwand er aus der Geschichte, wurde sein Handeln ungeschehen gemacht und Werner zu der Kunstfigur Irnerius. (…) Der ideale Irnerius aber, der alleinige Schöpfer der Rechtswissenschaft, der gefeierte Begründer des ´Bologneser´ und Urheber von Bolognas Ruhm, der nun ins Leben trat, war aller juristischen und politischen Tagesgeschäfte entrückt, ward in eine ideale Umwelt versetzt, in die Schule und Lesezirkel nämlich der erneuerten Rechtsbücher, tatsächlich zur Fiktion gemacht und zum Mythos gesteigert.[26]

Welcher der Legisten schuf für Bologna jedoch die Grundlage für den Mythos Irnerius?  Der große Accursius nimmt im 13. Jahrhundert den Irnerius nicht bei Gewähr in der Glossa ordinaria, dem monumentalen Abschluss der mehr als einhundertjährigen Glossatorenschule in Bologna. Die Glossa umfasste alle zu der Zeit bekannten Bemerkungen zum Corpus iuris civilis. „Quidquid non agnoscit glossa, non agnoscit curia“, hieß es nicht ohne Grund in den Rechtsstuben des Spätmittelalters, aber ein Irnerius war nicht Gegenstand dieser Glossenzusammenfassung. Es war ein Legist namens Odofred, der den Irnerius als lucerna iuris literarisch den Weg ebnete. Nach Friedrich Karl von Savigny war Odofred deshalb schon qualifiziert als Nachrichtengeber für die Anfänge der Bologneser Schule, da er im 13. Jahrhundert als Zeitgenosse des großen Accursius wenige Rechtsgelehrtengenerationen als Zwischenstationen vorliegen hatte.[27] Friedrich Karl von Savigny kann nicht kritisiert werden ob der geringen Sensibilität für den Stellenwert des Vergessens in der Vergangenheitsbewältigung von Menschen, aber diese zeitliche Nähe zum vorliegenden Handlungsstoff ist nur ein oberflächlicher Vorteil für den Historiker, denn quellentechnisch ist der Glossenapparat des Accursius das stärkere Gegengewicht zu Odofreds Quellenwert. Und Irnerius´ Marginalberücksichtigung in der Glossa ist kein Affront gegen den repertorem romani iuris, sondern entsprach den methodischen und didaktischen Ansprüchen aus dem gängigen Behandlungsrepertoire zum römischen Recht. Obwohl nachfolgende Historikergenerationen durchaus starke Kritik am Stellenwert des Odofred äußerten, nahm man des „Odofreds Gefasel“[28] auch hin bezüglich der Anfänge der Universitas Boloniensis. Ein klassisches Dilemma. War Odofreds „racconto fantasioso“ ein fachwissenschaftlicher Beitrag zu den Anfängen der Gelehrtenschule in Bologna oder verhinderte er mit seinen Irnerius-Anmerkungen zum Corpus iuris civilis eine adäquate Quellenkritik und –aufarbeitung im unklaren Konglomerat aus Glossen und Akteuren um 1100? Zumindest konnten bisher unsägliche Diskurse vermieden werden, denn es stünde ob des dürftigen Quellenmaterials um die zielführenden Kontroversen nicht gut. Es gibt undatierbare und unpräzise Hinweise auf allerlei Akteure, die wohl irgendwie etwas mit der renovatio des römischen Rechts zu tun gehabt hätten: Peppo, Warnerius, Lanfrank, ein Guarnerius Bononiensis im Dienste des letzten Saliers Heinrich V. oder der Vertraute der Markgräfin Mathilde. Ob es sich dabei um ein und dieselbe Person handelte, konnte von Beginn an dem Quellenmaterial nicht entnommen oder aus diesem konkludiert werden. Nur Odofreds Äußerungen vermitteln dahingehend eine Korrelation. Und der respektable Rechtsgelehrte, immerhin Autor der Lecturae in Codicem oder der Summa de libellis formandis – anerkannte Begleitwerke zum römischen Recht – ging in die Literaturgeschichte nicht als Urvater des narrativen Genres mit einer guten Ingredienz Laissez-Faire ein. Der italienische Jurist und Dichter Cino da Pistoia, von Koryphäen wie Dante oder Petrarca geadelt, war Verfasser der qualitativ hochwertigen Lectura in Codicem, eines Begleitkommentars zu Kaiser Justinians Codex Constitutionum. Und eben dieser Kommentar lehnte sich an Odofreds Lecturae in Codicem. Da Pistoias Schüler war Bartolus de Saxoferrato, der die Kommentatorenschule zum Höhepunkt führte (Bartolisten) und die methodische Aufarbeitung des römischen Rechts verfeinerte gegenüber den Glossatoren. Auch er nahm sich seines Lehrmeisters in perpetuam memoriam an. Schauen wir uns die Odofredsche Argumentation für den Irnerius an, um ein ganz individuelles Meinungsbild zu erhalten, ohne aber den Anspruch auf Oktroyierung der Odofredschen Thesen zu vermitteln:[29]

  • Die Abhandlungen zum römischen Recht waren in einer zeitlichen Abfolge von Rom über Ravenna nach Bologna gelangt. Dort beschäftigte sich dann ein gewisser Irnerius mit ihnen und dozierte über sie.
  • Grundsätzlich erfolgte die Zusendung nicht im Konvolut, sondern in Teilen trafen die Libri legales in Bologna ein. Zuerst kam der Codex, dann die Digesten, schließlich die Institutionen und danach das Informatium ohne Tres partes. Zum Schluss wurden die Tres partes und die Authentiken verschickt.
  • Odofreds Nomenklatura gibt Auskunft dahingehend, dass das Infortiatum nach seinem Autor Infortiatus benannt wurde. Oder er bringt Irnerius in die Erklärung ein, indem er ihm anträgt determiniert zu haben, dass das Infortiatum als auctum vel augmentatum betrachtet werden könne.
  • Odofred nimmt Stellung zum Erzvater der Jurisprudenz. Nicht etwa ein Magister Peppo wäre die lucerna iuris gewesen, die universitäre Präambel der renovatio, sondern eben der Irnerius.
  • Odofred trägt dem Irnerius eine universale Bildung an, der neben dem Studium in legibus ein Studium in artibus sein Eigen nennen konnte. Auf dieser Gelehrtenplattform war es dieser Grandeur möglich,
  • ein Emphyteuse-Leitfaden zu verfassen und Vorlesungen zu den Libri legales zu halten.

Vorsicht ist die Mutter der Weisheit“, heißt es in einem Aphorismus. Und dem ist aus quellentechnischer Sicht eines Historikers nichts hinzuzufügen. Da werden undifferenziert unterschiedliche Erklärungen geliefert für das Infortiatum. Und die Vollständigkeit in der Nomenklatura lässt zu wünschen übrig, denn nicht der Irnerius oder ein gewisser Infortiatus hätten Teile der Libri legales entdeckt und tituliert, sondern das Volk von Pisa, als man zufällig in einer Kirche in Pisa drei Teile der Digesten auffand, die offenbar durch die Wirren der langobardischen Expansion unter König Aistulf aus Ravenna Mitte des 8. Jahrhunderts nach Pisa verfrachtet wurden. Danach war das Infortiatum als Mittelstück der Libri legales so geheißen, weil es die fortissimas leges beinhaltete.[30] Was denn nun? Wenn Auffindungsgeschichten derart divergieren ohne nennenswerten Diskurs, dann gab es keine mündliche Überlieferungskultur zu diesem Sachverhalt. Und der Suggestion und der racconto fantasioso waren Tür und Tor geöffnet. Der diabolische Mehrwert dieser Mythenbildungen in der Geschichtswissenschaft liegt in dem Umstand, dass in Pisa tatsächlich die Pandektenhandschrift aus dem 6. Jahrhundert vorlag. Die Littera Pisana, Grundlage der fachwissenschaftlichen Diskurse zu den Digesten und möglicherweise in direkter Linie aus der Kopierkanzlei des Kaisers Justinian stammend, war im Quellenwert für die Konstruktion einer Entdeckungsgeschichte verführerisch, allerdings konnte auch sie nicht den Disput erklären hinsichtlich ihres eigenen Aufbaus. Der Legende nach erfolgte in drei Schritten in Pisa die Entdeckung der vor Aistulf in Sicherheit gebrachten Libri legales, aber der formale Aufbau der alters her bekannten Littera Pisana ist zweibändig.[31] Die Dreiteilung Digestum vetus, Infortiatum und Digestum novum entstammt also einer Vulgata jüngeren Datums, einer nicht vorliegenden Vulgata älteren Datums oder entsprang der Eigenmächtigkeit einer Rechtsschule bei der Vervielfältigung der Digestensammlung. Da die Littera Pisana – auch Codex Florentinus (Florentina) genannt –  fachwissenschaftlich unisono als die älteste Handschrift der Digesten statuiert ist, bleibt bei aller Theorie das Diametrale im formalen Aufbau von der Florentina zu den Vulgathandschriften der Rechtsschulen im Mittelalter das Kuriosum.

Persönliches zu Unklarem

Greifen wir die Florentina als Ausgangspunkt der Betrachtungen auf, so bleibt der Stellenwert des namensvielfältigen Irnerius in Bologna zu hinterfragen. Setzt man – nach aktueller Quellenlage durchaus bedenkenfrei –  dogmatisch die Florentina an den Anfang jeglicher Digestenrezeption, erfolgt zwingend die Frage nach der Motivation für die nicht detailgetreue Übernahme der Florentina in die Digestenvulgata der Bologneser (Codex Boloniensis). Diese Unvollständigkeiten konnte spätestens der juristische Humanismus entlarven. Die Digestenvulgata trägt durchaus punktuell zum besseren Textverständnis bei, lässt das Griechische aber vollständig aus, einzelne Teile werden in das Lateinische übersetzt oder nicht mit der Glossentechnik bearbeitet. „Graeca non legentur“, hieß es bei den Bologneser Rechtslehrern, und die aus der Absage an die griechischen Elemente der Rechtswissenschaft resultierenden Unvollständigkeiten und Fehlerhaftigkeiten waren denn auch die Grundlage für die humanistische Kritik an den Glossatoren.[32] Zumindest scheint die Bologneser Jurisprudenz über die Initiativbearbeitung des Irnerius den ganzheitlichen Ansatz in der Rezeption des römischen Rechts vermieden zu haben. Wurde zum Preis einer besseren Lesbarkeit eine didaktische Reduktion vollzogen? Die Frage kann nach aktueller Quellenlage nicht beantwortet werden. Und woher hatte Irnerius nun die Bezugsquelle für die ersten Abhandlungen zur späteren Digestenvulgata in Bologna? Offensichtlich war Pisa der Aufbewahrungsort der Florentina, und 1406 mit dem Verlust der Eigenständigkeit wurde die Digestensammlung nach Florenz gebracht, wo sie seitdem in der Biblioteca Medicea Laurenziana aufbewahrt ist. Da Glossen in dieser Digestenhandschrift in langobardischer Sprache verfasst sind, bleibt zunächst nur der italienische Raum zu konstatieren als Herkunftsort. Die genauen Hintergründe zur Aufbewahrung während oder nach dem Ende der Langobardenkönige sind indes nicht bekannt. Irnerius mag die Vervielfältigungsmöglichkeiten erhalten haben. Ob nun Pisa oder das gelegentlich genannte Amalfi in der Provinz Salerno die tatsächlichen Aufbewahrungsorte waren zu Lebzeiten des Irnerius, kann quellentechnisch nicht konkludiert werden. Nimmt man die Ereignisgeschichte als Maßstab, wäre aber Amalfi auf Grundlage strategischer Erwägungen nach dem Ausschlussverfahren obsolet in der Literatur. Obwohl die Seefahrerrepublik mit der ersten Seerechtskodifikation (Tabula Amalphitana) Rechtsgeschichte schrieb, begann im 11. Jahrhundert der Niedergang der Stadt. Timor Normanorum, hieß es in jenen Jahrzehnten, als u. a. der Normannenherzog Robert Guiskard 1073 Amalfi eroberte. Und Mitkonkurrent Pisa konnte spätestens zu Beginn des 12. Jahrhunderts die militärischen Auseinandersetzungen für sich gewinnen. Gut möglich ist, dass in diesen Wirren die Digestensammlung nach Pisa kam, so wie dann später der Transport erfolgte nach Florenz („…, upon the capture of Amalfi in 1135, discovered a manuscript…“).[33] An welcher Aufbewahrungsstation Irnerius seine juristischen Zelte aufschlug zwecks Rezeption mittels der Florentina, bleibt Spekulation. Ausgeschlossen scheint auch nicht, da die Quellenlage keine stringente Entwicklung zulässt, dass Irnerius im Besitz einer unbekannten Vulgatafassung der Florentina war. Hier kann Theodor Mommsen herangezogen werden, der nach Abgleich der Vulgatahandschriften zum Ergebnis kam, dass neben der Florentina noch ein Codex Secundus als weitere Vervielfältigungsgrundlage existiert haben müsse. Ob dieser Codex Secundus ein Plagiat der Florentina (Codex Primus) war, überhaupt existierte oder nur als theoretisches Konstrukt das Verhältnis der Vulgatahandschriften zur Florentina erklären soll, bleibt dem Diplomatiker überlassen. Es kann aber als Status quo angesehen werden in der Fachwissenschaft. Griff Irnerius darauf zurück? Und wenn, unter welchem Zugriffspanorama? Aber hier gilt es – so wie einst Mommsen wegen der Vulgatavielfältigkeit das Konstrukt der zweiten Kopiervorlage installierte – der Supposition eine Restriktion aufzuerlegen.[34]

Gehen wir zu einem weiteren Personalmythos, der schon bei der Inventio Irnerii angesprochen wurde, dort jedoch noch ohne weitere Anmerkungen auskam: Magister Pepo aus dem 11. Jahrhundert und aus Bologna. Oder doch nicht? Echauffierend und motivierend zugleich formulierte der deutsche Historiker Ludwig Schmugge diametral:

Schließlich existiert eine Reihe von Placita, in denen der Name Pepo vorkommt, doch bei keiner Urkunde ist bis heute die Identifizierung mit dem Vorläufer des Irnerius unbestritten. Gleichwohl kann mit Recht von einer ´rivalutazione di Pepone´ gesprochen werden. Niemand zweifelt mehr daran, daß ´dominus pepo´, der in Bologna angefangen hatte, ´auctoritate sua legere in legibus´ eine historische Person gewesen ist und nicht nur eine Fiktion der Gründungslegende des Bologneser studium.[35]

Die Argumentation steht in Tradition zu Irnerius, bei dem Hermann Kantorowicz als primus inter pares „Odofreds Gefasel“ zu Irnerius abqualifizierte und gleichzeitig dessen Existenz wider die Quellensituation annahm. Offensichtlich ist der unklare Quellenbestand auch in der (fiktiven) Person des Pepo über die unbewusste oder resignierende Übernahme in den schriftlichen Quellen erfolgt. Wir schauen uns einfach ohne Anflug jeglichen Grolls die quellentechnischen Expertisen an. Und der englische Magister Niger aus dem 12. Jahrhundert konnte hier vorstellig werden:

Cum igitur a magistro Peppone velut aurora surgente iuris civilis renasceretur initium, et postmodum propagante magistro Warnerio iuris disciplinam religioso cemate…[36]

Radulfus Niger trennt hier deutlich die Personen. Und das Zitat ist seiner Moralia Regum entnommen, die der Theologe und Jurist Niger in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts im französischen Exil verfasste und in der er die biblischen Bücher der Könige thematisierte. In der Fachwissenschaft steht der Bildungsgrad dieses Theologen nicht zur Disposition. Der Gelehrte Niger pflegte Kontakte zu Johannes von Salisbury oder Thomas Beckett von Canterbury. Niger selbst formulierte es selbstverpflichtend an Wilhelm von Reims so:

Alios quoque auditores legum et canonum rogavi, qui omnes aut metu labors aut alia diffidentia pauperis auctoris inventa invisere noluerunt.[37]

Wenn in der Fachwissenschaft die Stellung des Pepo akzeptiert wird[38], so geht es auf eben diese Selbstverpflichtung des Niger zurück, die als indirekter Qualitätsschub für eine Verifizierung des Quellenmaterials dienlich ist. Dass das mit dem Erzvater Irnerius für die Bologneser Frühphase in toto revidiert werden muss, zeigt sich im 6. Kapitel des X. Buch der De re militari, als unter Vorsitz des Kaisers zu einem Tötungsdelikt an einem Minderfreien Gericht gehalten wird und Magister Pepo in diesen Fall später involviert wird. Der Täter soll eine Geldstrafe entrichten („dictaverunt sentenciam in homicidam solam mulctam pecuniariam“)[39]. Dieses Wergeld war rechtshistorisch verankert, entsprach aber durch den Nigerschen Einwand nicht den Rechtsvorstellungen des Pepo. Dieses Gewohnheitsrecht und die Gottesurteile entsprachen nicht der allgemeinen Geltung des römischen Rechts und dienten offenbar nur der Ausbeutung eines Volkes.[40] Das Plädoyer des Magisters Pepo im Prozess gilt nun als kodifiziertes Praxisbeispiel des römischen Rechts („Surrexit autem Magister Peppo in medium, tamquam Codicis Iustiniani et Institutionum bailus, utpote Pandecte nullam habens noticiam,…“). Auch wenn er das Digestum vetus (also die ersten Digesten) noch nicht kannte, so blieb es doch ein Plädaoyes für die Nachwelt. Vermutlich berief sich Niger dabei auf die Variante mit der Eroberung Amalfis durch die Pisaner zu Beginn des 12. Jahrhunderts.

Resümee

Ob der Leser meine Ausarbeitung zur Frühphase der Bologneser Schule in die Empore der Aufklärung hinsichtlich eines fragilen Quellenmaterials stemmt, bleibt ihm überlassen oder muss ihm überlassen werden. Konklusionen können nicht statuiert werden oder bedürfen in der Verifikation einer Mehrheitsentscheidung für die Durchschlagskraft. Und die Situation ist so diametral angelegt, dass selbst Geistesgrößen wie Hermann Kantorowicz, der seinen fachlichen Impetus spätestens bei der Gutachtenerstellung zur Kriegsschuldfrage 1923 attestiert bekam, in Odofreds Äußerungen zu Irnerius ein Gefasel sahen, aber den Erzvater der Bologneser Glossatoren das Gründerstigma anhefteten (Irnerius was undoubtedly the man, who, at the dawn of the eleventh century, founded the school of Bologna). Bleiben wir bei dem, was sich nicht in dem unsäglichen Parteienkampf von angeblichen oder tatsächlichen Bausteinen zur Konstruktion von Gründungsmythen zermartern lässt. Und diese auf Ausgleich, sachlichen Diskurs und dialogbereitem Konstruktivismus gerichteten Punkte möchte ich im Thesenkatalog darbieten:

  • Der Rechtsgelehrte Friedrich Karl Savigny hat seinen obligatorischen Platz im Semesterapparat für Jurastudenten oder Rechtshistoriker hinsichtlich der enzyklopädischen Wissensstränge für das römische Recht im Mittelalter. Die Savignysche Argumentation hinsichtlich der Urfaktoren für die Etablierung von Rechtsschulen ist jedoch von partieller Natur.
  • Unabhängig vom konkreten Personalkarussell der Bologneser zur Abstellung der Rechtsberater für den Imperator Friedrich Barbarossa auf dem Hoftag zu Roncaglia 1158 und abseits jeglicher Gründungsakte oder Vorgeplänkels, die Authentica habita war als Schutzprivileg für die Etablierung der Bologneser Rechtsschule kausal, da den Scholaren das Verfolgungsrecht nicht mehr anhaftete und somit administrativ die Genossenschaften Rechtskörper darstellten.
  • Odofreds „racconto fantasioso“ hinsichtlich der Bologneser Rechtsschule und zu deren Anfängen kann nicht per se missbilligt werden. Alleine die Traditionslinie über die Lectura in Codicem weist ihn als Rechtsgelehrten aus. Dessen Präferierung für das Dreistufenmodell zur Auffindung der libri legales verlangt aber nach Alternativen.
  • Der englische Theologe und Jurist Radulfus Niger ist nicht nur hinsichtlich des älteren Beleges für den Erkenntnisgewinn zur Frühphase der Bologneser Rechtsschule eine wichtige Quelle, sondern auch methodisch in seiner Selbstgeißelung ein indirekter Qualitätsschub für die Verifizierung von Quellenmaterialien. Und der Magister Pepo bildet damit in der De re militari ein Äquivalent für den Irneriusmythos.

Quellen und Literatur

Besta, Enrico, L´opera d´ Irnerio 2, Turin 1896.

Denifle, Heinrich, Die Entstehung der Universitäten des Mittelalters bis 1400, Graz 1956.

Fried, Johannes, …“auf Bitten der Gräfin Mathilde“. Werner von Bologna und Irnerius, in: Herbers, Klaus (Hrsg.), Europa an der Wende vom 11. Zum 12. Jahrhundert, Stuttgart 2001.

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Gieyssztor, Aleksander, Organisation und Ausstattung, in: Rüegg, Walter (Hrsg.), Geschichte der Universität in Europa, Band I Mittelalter, München 1993.

Grundmann, Herbert, Vom Ursprung der Universität im Mittelalter, Berlin 1960.

Harke, Jan Dirk, Römisches Recht, Von der klassischen Zeit bis zu den modernen Kodifikationen, München 2008.

Holder-Egger, Oswald, v. Simon, Bernhard (Hsg.), Die Chronik des Propstes Burchard von Ursberg, Hannover und Leipzig 1916.

Jakobs, Horst Heinrich, Die große Zeit der Glossatoren, in:  Zeitschrift der Savigny-Stiftung für Rechtsgeschichte 116, 1999.

Kantorowicz, Hermann, Studies in the Glossators of the Roman Law. Newly Discovered Writings of the Twelfth Century, Cambridge 1938.

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Meder, Stephan, Rechtsgeschichte, Köln/Weimar/Wien 2017.

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  1. Krosigk, Esther (Hrsg.), Ritter von Schulte, Johann Friedrich, Lehrbuch der deutschen Reichs- und Rechtsgeschichte, Saarbrücken 2007.
  2. Savigny, Friedrich Karl, Geschichte des Römischen Rechts im Mittelalter, Band III, Heidelberg 1834-1851.

Wattenbach, Wilhelm, Das Schriftwesen im Mittelalter, Graz 1958.

Wieacker, Franz, Privatrechtgeschichte der Neuzeit unter besonderer Berücksichtigung der deutschen Entwicklung, Göttingen 1967.

[1] Vgl. hierzu v. Savigny, Friedrich Karl, Geschichte des Römischen Rechts im Mittelalter, Band III, Heidelberg 1834-1851, S. 154f.

[2] Vgl. hierzu Rashdall, Hastings, The universities of Europe in the middle ages, Volume I, Salerno – Bologna – Paris, Oxford 1895, S. 105.

[3] Vgl. hierzu von Krosigk, Esther (Hrsg.), Ritter von Schulte, Johann Friedrich, Lehrbuch der deutschen Reichs- und Rechtsgeschichte, Saarbrücken 2007, S.81; Radding, Charles/Ciaralli, Antonio (Hrsg.), The Corpus Iuris civilis in the middle ages, Manuscripts and Transmission from the Sixth Century tot he Juristic Revival, Leiden/Boston 2007, S. 120.

[4] Vgl. hierzu Denifle, Heinrich, Die Entstehung der Universitäten des Mittelalters bis 1400, Graz 1956, S. 47.

[5] Ein Magister Gratianus lehrte Kanonisches Recht um die Mitte des 12. Jahrhunderts in der Rechtsschule Bologna. Dieser Gelehrte verfasste in der scholastischen Methode das Werk Concordia Discordantium Canonum, das als Decretum Gratiani in die standardisierte Bibliographie zum Kirchenrecht eingegangen ist.

[6] Im lex cittationum von 426 wurden die Gerichte angewiesen, die Rechtsmeinungen der fünf Juristen Gaius, Papinian, Ulpian, Iulius Paulus und Modestinus als verbindliche Grundlage der Rechtssprechung zu nutzen. Dieses Edikt wurde 438 vom oströmischen Kaiser Theodosius II. in den Codex Theodosianus eingefügt.

[7] Vgl. hierzu Denifle, Heinrich, a. a. O., S. 49.

[8] Es ist anzunehmen, dass Bologneser Rechtsgelehrte zu den Ratgebern Barbarossas gehörten. Vgl. hierzu Rashdall, Hastings, a. a. O., S. 259.

[9] Vgl. hierzu Denifle, Heinrich, a. a. O., S. 60.

[10] Vgl. hierzu Denifle, Heinrich, a. a. O., S. 61.

[11] Die taxatores waren ein vom Stadtrat und Universitätsmitgliedern bestelltes Gremium zur Übernahme von Verwaltungsaufgaben und zur Pflege von Außenbeziehungen.

[12] Vgl. hierzu Gieyssztor, Aleksander, Organisation und Ausstattung, in: Rüegg, Walter (Hrsg.), Geschichte der Universität in Europa, Band I Mittelalter, München 1993, S. 128.

[13] Vgl. hierzu Kiene, Michael, Der Palazzo della Sapienza, Zur italienischen Universitätsarchitektur des 15. und 16. Jahrhunderts, Römisches Jahrbuch für Kunstgeschichte 23/24 1988, S. 219-271.

[14] Vgl. hierzu Wattenbach, Wilhelm, Das Schriftwesen im Mittelalter, Graz 1958, S. 185.

[15] Vgl. hierzu Thorndike, Lynn, University records and life in the Middle Ages, New York 1975, S. 166.

[16] Vgl. hierzu Siems, Harald, Adsimilare Die Analogie als Wegbereiterin zur mittelalterlichen Rechtswissenschaft, in: Herbers, Klaus (Hrsg.), Europa an der Wende vom 11. Zum 12. Jahrhundert, Stuttgart 2001, S. 143.

[17] Vgl. hierzu Fried, Johannes, Die Rezeption Bologneser Wissenschaft in Deutschland während des 12. Jahrhunderts, Viator 21 1990, S. 103-145.

[18] Vgl. hierzu Lange, Hermann, Römisches Recht im Mittelalter, Band I Die Glossatoren, Berlin 1997, S. 71.

[19] Vgl. hierzu Wieacker, Franz, Privatrechtgeschichte der Neuzeit unter besonderer Berücksichtigung der deutschen Entwicklung, Göttingen 1967, S. 45.

[20] Vgl. hierzu Besta, Enrico, L´opera d´ Irnerio 2, Turin 1896, S. 5f.

[21] Vgl. hierzu Meder, Stephan, Rechtsgeschichte, Köln/Weimar/Wien 2017, S. 197.

[22] Vgl. hierzu Sohm, Rudolph, Institutionen, Ein Lehrbuch der Geschichte und des Systems des römischen Privatrechts, Berlin 1919, S. 133.

[23] Vgl. hierzu Holder-Egger, Oswald, v. Simon, Bernhard (Hsg.), Die Chronik des Propstes Burchard von Ursberg, Hannover und Leipzig 1916, S. 15.

[24] Vgl. hierzu Fried, Johannes, Die Entstehung des Juristenstandes im 12. Jahrhundert, Zur sozialen Stellung und politischen Bedeutung gelehrter Juristen in Bologna und Modena, Forschungen zur Neueren Privatrechtsgeschichte 21, 1974, S. 113.

[25] Vgl. hierzu Fried, Johannes, …“auf Bitten der Gräfin Mathilde“. Werner von Bologna und Irnerius, in: Herbers, Klaus (Hrsg.), a. a. O., S. 173.

[26] Vgl. hierzu Fried, Johannes, …“auf Bitten der Gräfin Mathilde“. Werner von Bologna und Irnerius, in: Herbers, Klaus (Hrsg.), a. a. O., S. 175.

[27] Vgl. hierzu v. Savigny, Friedrich Karl, a. a. O., S. 426.

[28] Vgl. hierzu Kantorowicz, Hermann, Über die Entstehung der Digestenvulgata, Ergänzungen zu Mommsen, Berlin 1910, S. 111f. und derselbe, Studies in the Glossators of the Roman Law. Newly Discovered Writings of the Twelfth Century, Cambridge 1938, S. 33. Hier geht er ganz in Tradition zur klassischen Bologneser Frühgeschichte: ´Irnerius was undoubtedly the man, who, at the dawn of the eleventh century, founded the school of Bologna

[29] Vgl. hierzu Fried, Johannes, …“auf Bitten der Gräfin Mathilde“, a. a. O., S. 177.

[30] Vgl. hierzu Pace, Giacomo, ´Iterum homines querebant de legibus´, Una nota sulla riemersione di ´Digesta´, nel Medioevo, Rivista internazionale di diritto comune 3, Messina 1992, S. 223.

[31] Vgl. hierzu Fried, Johannes, …“auf Bitten der Gräfin Mathilde“, a. a. O., S. 179.

[32] Vgl. hierzu Meder, Stephan, a. a. O., S. 215 und Harke, Jan Dirk, Römisches Recht, Von der klassischen Zeit bis zu den modernen Kodifikationen, München 2008, S. 23.

[33] Vgl. hierzu Rashdall, Hastings, a. a. O., S. 98.

[34] Vgl. hierzu Jakobs, Horst Heinrich, Die große Zeit der Glossatoren, in:  Zeitschrift der Savigny-Stiftung für Rechtsgeschichte 116, 1999, S. 222-258 und Lange, Hermann, a. a. O. S. 61.

[35] Vgl. hierzu Schmugge, Ludwig, „Codicis Iustiniani et Institutionum baiulus“ – Eine neue Quelle zu Magister Pepo von Bologna -, in: Ius commune Band 6, 1977, S. 1f.

[36] Vgl. hierzu Grundmann, Herbert, Vom Ursprung der Universität im Mittelalter, Berlin 1960, S. 40f.

[37] Vgl. hierzu Schmugge, Ludwig, Radulfus Niger, De re militari et triplici via peregrinationis Ierosolomitane (1187/88), New York 1977, S. 95.

[38] Vgl. hierzu Schmugge, Ludwig, „Codicis Iustiniani…“, a. a. O., S. 2.

[39] Vgl. hierzu Schmugge, Ludwig, „Codicis Iustiniani…“, a. a. O., S. 3.

[40] Vgl. hierzu Smalley, B, The Becket Conflict and the Schools, Oxford 1973, S. 128f.

Abbildungskatalog:

Abb. 1:

https://www.getyourguide.ch/bologna-l1431/bologna-thema-tour-die-aelteste-universitaet-in-europa-t72690/, zuletzt abgerufen am 21.09.2018.
Abb. 2:

https://de.parisinfo.com/museen-sehenswurdigkeiten-paris/71419/La-Sorbonne-Universite, zuletzt abgerufen am 21.09.2018.
Abb. 3:

http://deacademic.com/dic.nsf/dewiki/2230497, zuletzt abgerufen am 19.09.2018.
Abb. 4:

Die Philosophie thront inmitten der Sieben Freien Künste“ – Darstellung aus dem Hortus Deliciarum der Herrad von Landsberg (um 1180)

https://de.wikipedia.org/wiki/Sieben_Freie_K%C3%BCnste, zuletzt abgerufen am 15.09.2018.

Abb. 5:

Università di Pavia aerea

http://www.youpavia.it/2013/09/universita-di-pavia-in-testa-alla-classifica-del-censis/uni_aerea/,  zuletzt abgerufen am 20.09.2018.

Die Anfänge der deutschen Kriegspropaganda im Ersten Weltkrieg – Von Ambitionen und ungenutzten Potenzialen in der psychologischen Kriegsführung

Die Anfänge der deutschen Kriegspropaganda im Ersten Weltkrieg –

Von Ambitionen und ungenutzten Potenzialen in der psychologischen Kriegsführung

 

Der Prolog

Lord Northcliff hatte nicht unrecht, wenn er behauptete, die Rede eines englischen Staatsmannes sei für England 20000 Pfund wert, 50000 Pfund, wenn die Deutschen sie nachdruckten und 100000 Pfund, wenn sie nicht darauf antworteten“, hieß es in den Memoiren des deutschen Generals Erich Ludendorff 1919.[1] Der Mitinitiator der Dolchstoßlegende zweifelte in der Rückschau nicht an der Wirkung einer psychologischen Kriegsführung, als er zustimmend die Ansichten des britischen Verlegers Alfred Charles William Harmsworth, 1. Viscount Northcliffe wiedergab. War es die Beantwortung der Einstiegsfrage? Oder kaschierte der Protagonist der Obersten Heeresleitung das Versagen an der deutschen Propagandafront? Oder konnten etwa die Deutschen wenig Plakatives generieren, verursacht durch ihre aktive Kriegsführung in den ersten Kriegswochen unter Nichtbeachtung der belgischen Souveränität? Zunächst will die Ausarbeitung Stellung nehmen zur Propaganda in den Ludendorffschen Memoiren, indem die Vorlaufzeitaktivitäten der Deutschen in Bezug gesetzt werden zu dem larmoyanten Resümee des einstigen Generalquartiermeisters. Und warum zeichneten sich die Engländer anfangs durch eine gewisse Passivität aus? In der Rückschau muss konstatiert werden, dass die Horrormärchen auf den antideutschen Foren im Ausland bezüglich der deutschen Besatzung in Belgien Mirabilien auslösten wie offizielle Berichte, Untersuchungen oder Kommissionen für das „„poor little Belgium“. Und wo steckte bei den Deutschen eigentlich die Krux für eine tragfähige Propaganda? Diese Fragen werden einer Antwort zugeführt. Oder zumindest werden handelnde Personen aufgelistet in ihrem Meinungsbild, um Rückschlüsse ziehen zu können.

Ein Veto gegen Ludendorff!

Die Anfänge der deutschen Propaganda liegen weder in den Schützengräben an der Westfront noch entsprangen sie als Menetekel aus den Kraterlandschaften um Verdun, an der Somme oder in Flandern. Bereits gegen Ende des 19. Jahrhunderts betrieb das Nachrichtenbureau der Reichsmarine unter Heinrich Löhlein eine charmante Offensive hinsichtlich der aggressiven kaiserlichen Flottenpolitik. Nur in der Rückschau wurde die propagandistische Kompetenz dieser wilhelminischen Marineoktroyierung deutlich, da die offensichtlichen Torpedierungen des Two-Power-Standard und die nachweisliche strategische Unterlegenheit auf hoher See bei Kriegsszenarien über die teutonischen Bürgerschichten hinweg wenig Widerhall fanden. Die Löhlein-Truppe war so auch zu Beginn des Ersten Weltkrieges – und hier gibt es ein Veto an das larmoyante Resümee des Erich Ludendorff – selbstverständlich vereinnahmt worden für transnationale Werbeflakfeuereinheiten.[2] Die Deutschen hatten allerdings wesentlich mehr zu bieten als die Löhleinsche Propagandatrommel aus dem Reichsmarineamt. Schon 1912 forderte der bekannte Autor Paul Rohrbach in seiner Teutonenfibel „Der deutsche Gedanke in der Welt“ eine Kulturpropaganda, sozusagen eine Sättigung mit deutschem Gedankengut in den zu der Zeit noch existierenden unerforschten Landstrichen.[3] Zudem existierte seit 1911 auf Betreiben des späteren Mitgliedes der Waffenstillstandskommission Matthias Erzberger ein Fonds zur Verbreitung deutscher Nachrichten im Ausland, aus dessen Finanzierung heraus umtriebige Aktivitäten realisiert werden konnten, seinerzeit nicht ohne Vermerkwürdigkeit bei diplomatischen Vertretern der Entente. Im Sommer 1914 gab der britische Botschafter in Rom, Sir James Rennell Rodd, in einer Mischung aus Konsternation und Huldigung der Zentrale in London zu Protokoll, dass das mit den zahlreichen Flugblättern und Broschüren im neutralen Italien auf eine gute Vorbereitung des Gegners hindeute.[4]  Nur allzu gerne versorgten die Deutschen das neutrale Ausland mit Frontberichten und inszenierten Interviews von der Front. Ob dem neutralen Beobachter dabei die mit Argusaugen umgesetzten Zensurbestimmungen vom 31. Juli 1914 bewusst waren, mit denen die Reichsregierung den möglichen Kriegskorrespondenten ein propagandistisches Lagebild zuwerfen wollte, blieb dabei der Einzelfallprüfung verpflichtet. Die Propaganda erhielt die priesterliche Weihe bereits am 2. August 1914, als der ranghöchste kaiserliche Soldat, Helmuth von Moltke der Jüngere, in der Presse ein obligates Mittel der Kriegsführung zu erkennen glaubte.[5] Die frühzeitige Einrichtung  von Kriegsberichterstatterquartieren im Sommer 1914 auf deutscher Seite und die Akkreditierung patriotisch gesinnter Kriegskorrespondenten, von denen die ersten Lageberichter Ende August 1914 an die Front abkommandiert wurden, zeigen deutlich das frühzeige Bewusstsein der Deutschen für die plakative und cineastische Wirkung an der Heimatfront. Ergänzt man nun noch diese rührige Propaganda auf der deutschen Seite um den Tatbestand, dass das britische Kriegsministerium erst im Sommer 1915 auf Intervention der Vereinigten Staaten die Frontberichterstattung genehmigte, so können die Aussagen des Herrn Ludendorff hinsichtlich des stiefmütterlich behandelten Propagandasektors zurückgewiesen werden.[6] Auch die im Oktober 1914 initiierte Einrichtung einer Auslandsdienstzentrale im Berliner Außenministerium, deren Führung Matthias Erzberger übernahm, und die die im Ausland tätigen Agenturen in deren Informationsdarstellung bezüglich des Deutschlandbildes bündelte, widersprach der Geschichtsklitterung durch Protagonisten der Ludendorffschen Argumentationsfront. Dieses propagandistische Propädeutikum mit internationaler Ausrichtung war den Engländern durchaus bewusst, da bereits in den ersten Kriegstagen 1914 das Atlantikkabel durch die Briten gekappt wurde. Der Kabelleger Telconia hatte diesfällig nur wenige Stunden nach Ablauf des britischen Ultimatums im August 1914 den Auftrag zur Durchtrennung erhalten.[7] Der den Mittelmächten zur Verfügung stehende Sender Nauen war jedoch kein Äquivalent, obwohl es die bis dato leistungsstärkste Funkstation der Welt war mit Reichweiten nach Persien und Lateinamerika und täglich die neuesten Meldungen vom Kriegsgeschehen brachte. Und verlagstechnisch wurde gleich zu Beginn des Krieges auf deutscher Seite aus allen Druckerpressen geschossen. Es wurden neue Publikationen in Amerika und in China gegründet, das „Hamburger Fremdenblatt“ erschien in mehreren Sprachen und die Gräuelpropaganda nahm sofort Fahrt auf. Da schrieb man, dass Nürnberg von französischen Flugzeugen bombardiert worden wäre[8], oder die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung“ meldete am 1. Dezember 1914, dass die indischen Sikhs doch gewöhnlich bei Nacht die deutschen Stellungen aufsuchten mit dem erklärten Ziel, den Soldaten die Kehle durchzuschneiden und ihr Blut zu trinken. Den Legendenstatus unter den gräulichen Spukgeschichten nahm dabei die Geschichte vom französischen Priester in Beschlag, der genüsslich eine Kette aus abgetrennten Fingern um den Hals trug. Nicht viel weniger sinister schien das Märchen über die Belgier, die teutonischen Landser in Lazaretten die Augen ausstechen würden.[9]

Der perfide Albion kommt peu à peu

Die Propaganda war ein altes und gewaltiges Kampfmittel Englands. (…) Dieses war der einzige Staat, der seit langem in klarer Absicht dieses Hilfsmittel der Politik und Kriegführung in wirklich großzügiger Weise in den Dienst seiner nationalen weltumspannenden Politik gestellt hatte“, gab fast apodiktisch Ernst Ludendorff in seinen Kriegserinnerungen wieder.[10] In toto kann dem aber nicht Zustimmung entgegengebracht werden, denn die deutschen Politiker um Matthias Erzberger waren am Vorabend des Ersten Weltkrieges ambitiös(er) auf dem Gebiet der Propaganda. Und hier lag als Motivation nicht mehr nur die kommerzielle Werbemaßnahme als ursprüngliches Reservoir für die Propaganda vor, sondern es formten sich Reaktive auf wie auch immer geartete Staatsfeinde. Britische Politiker häsitierten anfangs ob der propagandistischen Kriegsmaschinerie. Und diese Reserviertheit hatte pragmatische Gründe. Der Burenkrieg (1899-1902) in Afrika war den Kriegsstrategen in London eine Lehre wert gewesen hinsichtlich einer autonom agierenden Presse. Nicht vergessen waren die Falschmeldungen und die Verdächtigungen, die über die britischen Soldaten verbreitet worden waren mit dergestaltigen Ressentiments, dass britische Diplomaten an den führenden Höfen Europas zu Beginn des 20. Jahrhunderts Jeremiaden an die Zentrale in London verschickten und der ausländischen Presse Hetzkampagnen unterstellten. Diese durch die Gazetten grassierenden Improperien waren den soldatischen Eudoxien nicht dienlich gewesen.[11] Zudem trugen die Bediensteten im britischen Kriegsministerium Sorge, dass durch eine Berichterstattung laizzes faire kriegswichtige Informationen dem Feind ohne Spionageaufwand hätten als fixe Quelle zugeführt werden können. Kriegsminister Lord Herbert Kitchener gab sogar Order, dass jeder im Kriegsgebiet tätige Korrespondent unter Konfiszierung des Passes unverzüglich festgesetzt und zurückgeschickt werden sollte. Oder gar der damalige Erste Lord der Admiralität, der spätere Premierminister Winston Churchill, sah schlichtweg keinen Platz für Korrespondenten auf Kriegsschiffen.[12] Diese doktrinäre Zurückhaltung wäre aber auf  Dauer ein Verzicht auf die Auslastung der Ressourcen zur Festigung einer antideutschen Stimmung in der Öffentlichkeit gewesen. Ohnehin mussten die Briten Paroli bieten, da die deutsche Propagandaflut gerade auf dem Hoheitsgebiet der Vereinigten Staaten inkonvenient öffentlichkeitswirksam war. Wohlwissend von der Kraft dieser Propagandapamphlete forderte der damalige Finanzminister David Lloyd George bereits im Sommer 1914 Gegenmaßnahmen, um sich der deutschen Falschmeldungsfront zu stellen.[13] Im Spätsommer 1914 erfolgte dann auf Anweisung des englischen Premierministers Herbert Asquith die Grundsteinlegung einer Auslandspropagandaorganisation im Außenministerium. Es war die Geburtsstunde des War Propaganda Bureau mit Sitz nahe dem Buckingham Gate in London unter Leitung von Charles Mastermann. Mastermann, politischer Weggefährte des Premierministers, lehnte jedoch jegliche Attitüde ab, die im Einklang mit der deutschen Propagandakultur stand. Hier zeigte sich bereits zu Beginn der administrativen Bemühungen um eine nachhaltige Propaganda die feingeistige, subtile Art der Briten in der psychologischen Kriegsführung. Mastermann sah in der deutschen Propagandakultur eine plumpe, mit Broschüren überladene Meinungsoktroyierung mit wenig Charmepotenzial. Und in der Tat, die durchaus den Deutschen freundlich gesinnten Norweger interpretierten deren Druckerzeugnisse als Dauerbombardement. Und nicht viel weniger ungeschickt gaben sich die Teutonen in der Meinungsbekehrung bei Uncle Sam. Mit Nachdruck appellierte der damalige deutsche Botschafter in Washington, Johann Heinrich von Bernstorff, in den Äther nach Berlin, dass die Amerikaner kein Anreiz für die fremdbestimmte Übernahme von Meinungsbildern hätten, vielmehr forderten sie Tatsachen zur eigenen Meinungsbildung. Mastermann hatte richtig erkannt, dass die wirkungsvollste Propaganda darin lag, die Meinungsbildner in den neutralen Ländern für sich zu gewinnen.[14]

Das Malheur der deutschen Propaganda

Das Wilhelminische Kaiserreich zeichnete sich nicht durch Inaktivität aus oder gar durch limitierte Kompetenzträger im Auslandsdienst. Ab ovo usque ad mala darbte die deutsche Propaganda am Ruf des Angreifers, des Souveränitätsverletzers und Besatzers. Hinzu kamen die völkerrechtswidrigen Vorfälle in Belgien, als bereits in den ersten Kriegstagen tausende belgische Zivilisten auf Veranlassung der zuständigen deutschen Militäradministration erschossen wurden. Die berüchtigte Hunnenrede Wilhelms II. im Vorfeld des Boxeraufstandes hatte offenbar in Kontinentaleuropa einen nachträglichen Spielplatz erhalten. Anlass für die Stigmatisierung, den deutschen Soldaten auf die Ebene des abendländischen Hunnenablegers zu hieven, war die unverhältnismäßige Zerstörung der belgischen Stadt Löwen Ende August 1914. Dieses Fanal sollte langfristig das Bild der Deutschen im Ausland prägen, und die antideutsche Gräuelpropaganda – ob berechtigt oder mit polemischer Übertreibung – konnte nicht mehr adäquat neutralisiert werden von den teutonischen Kriegerpsychologen. Alleine der Bryce-Bericht, der (vermeintliche) Gräueltaten der Deutschen im besetzten Belgien auflistete, hatte im Ausland einen intensivierenden Habitus hinsichtlich des negierenden Deutschlandbildes. Wenn nun noch zusätzlich der mit hoher Reputation ausgestattete ehemalige britische Botschafter Lord James Bryce, Namensgeber des im Frühjahr 1915 veröffentlichten Berichtes, die propagandistische Werbetrommel rührte, war er als Transduktor der barbarischen preußischen Militärkanaille dem psychologischen Zugriff der Deutschen vollends entronnen. Selbst Mastermann, reserviert im Umgang mit dem Bryce-Bericht und offensichtlich in Kenntnis gesetzt zu punktuellen Übertreibungen im Bryce-Bericht[15], konnte sich der britischen Verlegerpresse nicht entziehen, die – namentlich in Northcliffe als Gallionsfigur – das Faible für Sensation oder für das antideutsche Ressentiment schürten. Ein weiterer archimedischer Punkt in der gegnerischen Presse für die Komposition eines negierenden Deutschlandbildes stellte der Fall der Krankenschwester Edith Cavell dar. Die britische Staatsbürgerin wurde im Oktober 1915 erschossen wegen Spionage. Was kam da der britischen Presse besser gelegen als eine aufopferungsvolle Krankenschwester, die verletzten Soldaten Zuflucht gewährte im Hospital? Gazettenkanonaden wie „brutaler Justizmord“ oder „infamste Verbrechen der Geschichte“ erhielt der preußische Militarist eine neuerliche Deklassierung auf der Empathiestufe. Dass das Menetekel des grauröckigen Besatzers eine prinzipielle Wirkungslosigkeit in der nachhaltigen Propaganda generierte, zeigte sich im Spionagefall der Mata Hari, der als juristisches Äquivalent zu Cavell nicht von den Deutschen instrumentalisiert werden konnte. Nicht von minderer Außenwirkung, und nun auch amerikanische Staatsbürger direkt involviert, war der Fall des Charles Fryatt, der im März 1915 ein deutsches U-Boot rammte und wegen dieses Vergehens zum Tode verurteilt wurde. Dieser Fall war in der Außenwirkung so gesetzt, dass britische Artilleristen später ihre Granaten mit „To Capt. Fryatt´s Murderers“ versahen. Der uneingeschränkte U-Bootkrieg führte – auch mit Blick auf Charles Fryatt – zu der wenig possierlichen Titulierung „reißende Wölfe“ in den britischen Gazetten und zum leidlichen Nachklang mit den US-Amerikanern.[16] Ob dem Ausland die bedrückende Fernblockade in ihrer Ausprägung hinsichtlich der Versorgung der Zivilbevölkerung bewusst war, bleibt nur zu vermuten, lag aber in deren fehlender Berücksichtigung zur Akzeptanz des U-Bootkrieges vordergründig beim deutschen Auslandsdienst. Hier war ein militärtaktisches Dilemma zum Vorschein gebracht, da das Eingeständnis der prekären Versorgungslage im Kaiserreich bereits zu Beginn der kriegerischen Auseinandersetzungen nicht offenbart werden konnte. Und somit blieb den Deutschen in der propagandistischen Auslastung nur die Diskretion, um das Wagnis der unnötigen Gegenpropaganda zu neutralisieren. Erst durch den fehlenden Gegenpol konnte sich die antideutsche Propaganda wie ein grassierendes Lauffeuer durch die ausländischen Gazetten wildern nach Sympathisanten und Förderer. Und von denen gab es reichlich genug.

Belgien war die Krux!

In der Nachbetrachtung war gerade das „innocent Belgium“ für die Deutschen die Krux. Der Schlieffen-Plan erhielt politische Brisanz – neben den militärtaktischen Unwegbarkeiten – gerade in der Souveränitätsverletzung des kleinen Landes.  Der englische Historiker Reginald Brett, 2. Viscount Esher formulierte es für die Deutschen nachteilig so:

Die belgische Episode war ein Glücksfall, der sich genau zum richtigen Zeitpunkt ereignete, um unseren Kriegsbeitritt den moralischen Vorwand zu liefern, den es braucht, um die Einheit der Nation sowie die der Regierung sicherzustellen.[17]

Gerade auf dem nordamerikanischen Kontinent sollte die Werbetrommel für das „poor little Belgium“ genau die materielle Sogwirkung erreichen, die das Deutsche Kaiserreich nicht mehr kompensieren konnte. Bereits ab 1915 gab es in den Vereinigten Staaten von Amerika die „Commission for relief in Belgium“, die werbewirksam für Spenden an die von den maledeiten Teutonen so arg in Bedrängnis gebrachten Belgier eintrat. Die Halbwahrheiten der belgischen Flüchtlinge, die erfundenen Geschichten von Kindern mit abgehackten Händen, deutsche Leichenfabriken zur Produktion von Glycerin oder die Herausgabe eines „Deutschen Verbrecherkalenders“ durch das National War Aim Committee zeigten alleine durch die permanente mediale Präsenz eine unbewusste Übernahme im Denken der Menschen.[18] Diese Berichte wurden auf Vortragsreisen schauspielerisch überzeugend der Zuhörerschaft dargeboten in einer Form, dass selbst besonnene Regierungsmitglieder wie Lloyd Georg aus England oder Francesco Saverio Nitti aus Italien Nachforschungen zur Verifizierung organisierten. Nitti erinnerte sich in seinen Memoiren an die Durchschlagskraft dieser Gräuelberichte:

Man hat uns von armen belgischen Kindern erzählt, denen die Hunnen die Hände abgehackt hatten. Nach dem Krieg schickte ein reicher Amerikaner, tief unter dem Eindruck der französischen Propaganda, einen Geheimboten nach Belgien mit dem Auftrag, sich um diese Kinder zu kümmern. …] Der Bote konnte jedoch kein einziges dieser Kinder finden. Mr Lloyd George und ich selbst in meiner Eigenschaft als italienischer Regierungschef stellten daraufhin genaue Nachforschungen an, um die Wahrhaftigkeit dieser Berichte zu überprüfen, von denen manche sogar Namen und Orte nannten. Es stellte sich heraus, daß alle von uns untersuchten Fälle erfunden worden waren.[19]

Obwohl im vorgenannten Zitat die französische Presse genannt wird, ist doch Lloyd George ein Protagonist der Wahrheitsfindung. In der englischen Presse zeigte sich für die Deutschen das Potenzial einer nicht staatlich reglementierten Korrespondenz. Sie war nicht die „Magd der amtlichen Propaganda“[20], und realiter wurden die angeblichen deutschen Gräueltaten mit einer beachtlichen Portion Eigendynamik versehen unter Ausnutzung kriegstaktischer Dilemmata. Amtliche Stellen waren reserviert ob der Wahrheitsfindung oder Richtigstellung, so dass das Bild der Deutschen peu à peu an der Tragweite der freien britischen Presse demon

[1] Vgl. hierzu Ludendorff, Erich, Meine Kriegserinnerungen 1914-1918, Berlin 1919, S. 303. Das wortwörtlich Zitierte wurde am 17. April 2018 unter dem Hyperlink https://archive.org/details/Ludendorff-Erich-Meine-Kriegserinnerungen aus der digitalen Version der Kriegserinnerungen entnommen.

[2] Vgl. hierzu Deist, Wilhelm, Flottenpolitik und Propaganda, Das Nachrichtenbureau des Reichsmarineamtes 1897-1914, Stuttgart 1976, S. 321ff.

[3] Vgl. hierzu Rohrbach, Paul, Der deutsche Gedanke in der Welt, Düsseldorf und Leipzig 1912, S. 206.

[4] Vgl. hierzu Sir James Rennell Rodd, Social and Diplomatic Memories, in: Sanders, Michael & Philipp M. Taylor, Britische Propaganda im Ersten Weltkrieg 1914-1918, Berlin 1990, S. 40.

[5] Vgl. hierzu Koszyk, Kurt, Deutsche Pressepolitik im Ersten Weltkrieg, Düsseldorf 1968, S. 23ff.

[6] Vgl. hierzu Lindner-Wirsching, Almut, Deutsche und französische Kriegsberichterstatter, in Daniel, Ute (Hrsg.): Augenzeugen. Kriegsberichterstatter vom 18. zum 21. Jahrhundert, Göttingen 2006, S. 118.

[7] Vgl. hierzu Sanders & Taylor, Britische Propaganda, a. a. O., S. 25.

[8] Vgl. hierzu Koszyk, Kurt, Entwicklung der Kommunikationskontrolle zwischen 1914-1918, in: v. Fischer, Heinz Dietrich, Pressekonzentration und Zensurpraxis im Ersten Weltkrieg, Berlin 1973, S. 174.

[9] Vgl. hierzu Knightley, Philipp, The First Casualty. The War Correspondent as Hero, Protagonist and Myth-Maker from the Crimea to Iraq, London 2003, S. 87 und S. 113.

[10] Vgl. hierzu Ludendorff, Kriegserinnerungen, a. a. O., S. 289.

[11] Vgl. hierzu Sanders & Taylor, Britische Propaganda, a. a. O., S. 17.

[12] Vgl. hierzu Knightley, First Casualty, a. a. O., S. 91.

[13] Vgl. hierzu Sanders & Taylor, Britische Propaganda, a. a. O., S. 40.

[14] Vgl. hierzu Sanders & Taylor, Britische Propaganda, a. a. O., S. 88f und Wilke, Jürgen, Deutsche Auslandspropaganda im Ersten Weltkrieg: Die Zentralstelle für Auslandsdienst, in: Ders. (Hrsg.), Pressepolitik und Propaganda. Historische Studien vom Vormärz bis zum Kalten Krieg, Köln/Weimar/Wien 1997, S. 125.

[15] Vgl. hierzu Sanders & Taylor, Britische Propaganda, a. a. O., S. 120.

[16] Vgl. hierzu Schramm, Martin, Das Deutschlandbild in der britischen Presse 1912-1919, Berlin 2007, S. 391ff.

[17] Zitiert nach Morelli, Anne, Die Prinzipien der Kriegspropaganda, Springe 2014, S. 30.

[18] Vgl. hierzu Bremm, Klaus-Jürgen, „Staatszeitung“ und „Leichenfabrik“, in: Österreichische Militärische Zeitschrift XLVI. Jahrgang, Heft 1 2008, S. 14f. und Morelli, Die Prinzipien der Kriegspropaganda, a. a. O., S. 30.

[19] Zitiert nach Morelli, Die Prinzipien der Kriegspropaganda, a. a. O., S. 30.

[20] Vgl. hierzu Sanders & Taylor, Britische Propaganda, a. a. O., S. 35.

Die Kaiserpfalz in Aachen

Die Kaiserpfalz in Aachen

Abb. 1: Die Kaiserpfalz in Aachen

 

Inhaltsverzeichnis

1.  Proömium

2. Mit den Überresten im Ungewissen perpetuieren

3. Ab ovo … Frühe Archäologie mit Charlemagne

4. … Und es geht weiter!

5. Ein neuer Anlauf

6. Die Taufkapelle … Ein Duell zur Domumgebung

           6.1 Zum Duellanten 1

          6.2 Zum Duellanten 2

7. Resümee

8. Quellen und Literatur

9. Abbildungskatalog

 

  1. Proömium
Abb.2: Das Aachener Marienstift (heute Dom) von Süden, Henrick van Steenwijk d.Ä.

Obwohl das mittelalterliche Reisekönigtum keine den heutigen Vorstellungen entsprechende ortsfeste Administration vorweisen konnte, war die Pfalz in Aachen der Anlaufpunkt für späterer Imperatoren aus dem ostfränkisch-deutschen Königreich. Im Aachener Marienstift sahen die ambitionierten Kandidaten für den teutonischen Rextitel die Wallfahrtsstätte, in Symbolik und Baustil. Das vom Stiftskapitel protegierte Kollegialstift nannte eine Kapelle ihr Eigen, die einen oktogonalen Grundriss besaß, das Zentrum des späteren Aaachener Doms.  30 römisch-deutsche Könige wurden bis in das 16. Jahrhundert hinein in Aachen gekrönt, die sich in der Rechtsnachfolge Karls des Großen sahen. Und diese Longivität in der deutschen Krönungsgeschichte schlug sich in der mediävalen Baugeschichte nieder und hinterließ nicht nur archäologische Überreste, die in der Literatur durch eine marginale Fußnotentechnik dekoriert werden. Und dabei gaben die vorliegenden Schriftquellen erst verspätet Aachen preis mit der Erstnennung in den Reichsannalen 765, als der Frankenkönig Pippin der Jüngere, Vater Karls des Großen, dort das Weihnachtsfest feierte. Nur wenig später erscheint in den Quellen namentlich Carolus magnus Rex, der den Status quo der Beherbergungsanlage stetig Modifikationen unterwarf. Die überregionale fränkische Administration und die starke Präferenz zur Christianisierung sächsischer Gebiete generierte die Pfalzanlage Aachen – auch in deren Verortung –  zum archimedischen Punkt eines christlichen Sendungsbewusstseins. Die administrative Schaltzentrale für die karolingische Renaissance war statuiert, und die karolingische Minuskel sollte dabei nicht als kulturelle Einöde in der Produktpalette verweilen. Kein architektonischer Fachbeitrag zur Baukunst des Mittelalters abandonniert auf die Aachener Pfalz, zumindest keine Äußerung mit Anspruch auf Reputation. Die Stiftskirche Unserer Lieben Frau in Aachen gehört zum Inventar deutscher Bauvererbung. Die Grabeskirche Karls des Großen und der Krönungsort für Könige von den Ottonen bis zu den Habsburgern verlangte nach einer quellentechnischen Saturierung. Offensichtlich schien der Namensgeber des heutigen Karlspreises nicht auf Sand gebaut zu haben, was auch der symbolischen Relevanz der Aachener Marienkirche für das abendländisch-christliche Europa diametral entsprechen würde. Hier liegt der Ursprung für die Pflege und Dokumentation des baulichen Erbes.

Das eigentliche Problem für ein zentrales Arsenal und Aufbereitung der Daten zum Aachener Pfalzkomplex liegen jedoch im Konglomerat aus architektonisch-bauhistorischen Studien, esoterischen Abhandlungen über Kraftlinien oder heiligen Quellen, von Verweisen auf den byzantinischen Baustil und die jahrzehntealten Debatten um die Roma-secunda-Diskurse. Der Historiker Ludwig Falkenstein triff die fragmentarische und permanente Stetigkeit des Bemühens um eine fachübergreifende Zeichnung des Aachener Gesamtbildes treffend mit seinem für den Fachkollegen ambivalenten Charakterzug:

Bei der Erforschung der Aachener Pfalz hat es deutlich an nüchterner Einsicht gefehlt, zwischen dem zu scheiden, was sich als sicher, als wahrscheinlich, als möglich oder auch als unsicher, als unwahrscheinlich und als unmöglich erweisen läßt.[1]

Der Aktualisierungsstatus dieser Aussage kam nie in die Verjährung. Die Komplexität und interdisziplinäre Verzahnung streben in die Sphären eines enzyklopädischen Kompendiums. Die didaktische Reduzierung ist zwingend, um nicht durch die Irrwege der Unübersichtlichkeit die Motivation und Zielgerichtetheit in den Versandungsprozess zu katapultieren. Die Ausarbeitung will sich nicht mit Kalamitäten messen, die nicht zu bewerkstelligen sind. Und daher wird die Akzentuierung und didaktische Reduzierung sich mit dem Granusturm und der Königshalle beschäftigen, auf die ersten Ausgrabungsphasen in der Neuzeit auf der Suche nach dem Karlsgrab eingehen und die Taufkapelle als Element aus der Domumgebung thematisieren, wohlwissend um die Akzentuierung zum Preis einer thematischen Ausdünnung zum Aachener Pfalzkomplex. Gerade der Granusturm mit seinem auf dem ersten Blick wenig rationalen Treppenwechsel und die Spekulationsblase um die abgetragene Königshalle sind vorzügliche Repräsentanten eines nicht detailliert aufzeigbaren Pfalzareals. Fragmentarische Rekonstruktionen sind daher ein Apodiktum, und der Deus ex machina wird zunehmend zur Hagiologie. Deskriptionen ergänzen die Ausführungen für mehr Plastizität. Alle vorangestellten Sachgebiete verdeutlichen zudem die Komplexität, die Neigung zu Gegenmodellen und den Nährboden für Mythenbildungen, die es bis heute durchgängig gibt für die Kaiserpfalz Aachen. Daher soll in einem Abriss über die ersten professionalisierten Ausgrabungen hinsichtlich der Suche nach dem Karlsgrab im 19. Jahrhundert und über die Taufkapelle als exemplarischen Baustein zur Formung von Gegenmodellen das Konglomerat an Fachmeinungen, Zeitzeugen und deren Motivwahl und Auswirkung auf die Nachwelt die Quadratur des Kreises bezüglich eines ganzheitlichen Kompendiums zum Aachener Pfalzareal demonstriert werden.

2. Mit den Überresten im Ungewissen perpetuieren

Sine dubio und abseits unsäglicher Diskurse, die imposanten Steinbauten auf dem Aachener Pfalzareal gehören zu den am besten erhaltenen Überresten aus der Karolingerzeit. Das Maleur der Rekonstruktionsgenese besteht in der Diskrepanz von schriftlicher Erwähnung und der Zuordnung baulicher Überreste. So steht das heutige Aachener Rathaus auf den Grundmauern der Regierungshalle Karls des Großen. Zudem erfolgt eine urkundliche Erwähnung von Pfalzbauten, die noch nicht dem Überrestekonglomerat der archäologischen Ausgrabungen zugeordnet werden können.

Abb. 3: Aachener Granusturm. Schnitt und Grundrisse.

Die unter Karl dem Großen errichtete Stifts- und Pfarrkirche veränderte ihre karolingische Genetik trotz zahlreicher Anbauten nie. Und mit dem Granusturm besitzt das Aachener Rathaus einen gut erhaltenen Profanbau aus der Karolingerzeit. Der zeitgeschichtlichen Forschung entsprechend, der Granusturm  verfügt über eine komplexe Innenausstattung. Die Innenraumarchitektur ist charakterisiert durch die tonnengewölbten Treppenaufgänge in den unteren Geschossen, die in das Gesamtbild der quadratischen, von monastischen Gewölben überspannte Innenräume integriert sind. Unterschiedliche Geschosshöhen und unregelmäßig verlaufende Treppenspiralen nähren den Verdacht der generationenübergreifenden Bauaktivitäten einzelner Gebäudetrakte unter Einbringung jeweiliger Bauherrenfaible. Nimmt man das Treppenambiente als Maßstab für die Funktionalisierung, steht dem Ruf nach einem der ersten repräsentativen Treppenhäuser im Frankenreich nördlich der Alpen nichts entgegen. Das unbelastende Steigungsmaß, die sympathische Treppenbreite und die adäquate Belichtung gehen über das Maß alltagspraktikabler Zugangsbauten hinaus. Thomas Kraus formulierte – aus diesem Blick treffend und um byzantinisches Bauerbe ergänzt – treffend:

In seiner Struktur ähnelt er repräsentativen byzantinischen Treppenhäusern, einem Bautyp, der im Mittelalter zugunsten der Freitreppe wieder aufgegeben wurde.“[2]

Offensichtlich liegt im Granusturm der Wille vor, den römischen Monumentalbau in architektonischen Einklang mit der germanischen Bautradition zu bringen. In Abkehr eines einheitsräumlichen furor principum wurden die Raumabschnitte horizontal und vertikal getrennt und erhielten unterschiedliche Funktionen. So ist denn auch zu erklären dass der Granusturm – eben nicht wie der italienische Campanile – in einzelne Turmabschnitte gegliedert ist mit Wechseln in der Drehrichtung der Treppen. Dahingehend kann der Granusturm in seiner Funktionalität interpretiert werden als vertikale Schleusenkammer, um die unterschiedlichen Geschosse der benachbarten Gebäudetrakte zu verbinden. Da die rudimentären Aulareste aber keine gesicherten zulassen, kann die eigentliche Zielrichtung des Treppenaufgangs nicht identifiziert werden. Das ist die Allüre in der Rekonstruktion der Kaiserpfalz.

Abb.4: Aachener Königshalle, Südansicht und Grundriss.

Das Inventar der baulichen Überreste verdeutlicht trotzdem die Einzigartigkeit der Pfalz in Ausmaß und Form. Nehmen wir die Königshalle , also den Gebäudetrakt, in dem vermutlich der Karolinger Karl der Große samt Entourage verweilte. Nicht selten wird die Königshalle mit dem heutigen Aachener Rathaus identifiziert. Der Hintergrund liegt in der Existenz älterer Fundamente, die stärker ausgelegt waren als für den gotischen Neubau im 14. Jahrhundert notwendig gewesen wäre. Die schwere Massenbauweise der Romanik spräche dafür. Und die Untersuchungsergebnisse verdeutlichen auf diesem Areal dass die Oberkante des alten Fundaments bis zu mehr als zwei Metern unter der Laufebene der Gotik gelegen haben muss. Eine direkte Konsequenz liegt in der Tatsache, dass nach dieser Fundamentthese der Marktplatz nachträglich zur Höhenangleichung aufgefüllt worden sein. Unabhängig davon, die Funktionalität der Königshalle ist nicht fix, und die nördliche und südliche Apsis sind in der Datierung und Existenz im Diskurs.[3] Ob der an der Ostseite der Regierungshalle befindliche Granusturm als Wohnstätte diente, ist nicht belegt, wohl aber ein zweigeschossiger Verbindungsbau ist dokumentiert, der

Abb.5: Aachener Königshalle, Südansicht und Grundriss.

zu Marienkirche  führte, der Pfalzkirche im Süden des Areals gelegen. Die Nutzung bleibt – wieder einmal – im Dunklen verborgen. Die Pfalzkapelle dagegen bildete das bauliche und funktionale Zentrum des christlichen Hortes. Alleine die Baumaterialbeschaffung war der Symbolkraft des zukünftigen Gemäuers angemessen, als aus Rom und Ravenna Marmor und Säulen nach Aachen transportiert wurden zwecks Weiterverarbeitung.[4] Und wie sah es eigentlich in der Spätantike oder in der merowingischen Ära aus? Darüber kann nur spekulativ informiert werden, da die spätantiken Siedlungsspuren nur rudimentär vorliegen, um sie in belastbare Rekonstruktionen zu überführen.

 

Abb.g 6: Phasenplan der Pfalz Aachen.

Der digitalisierte Phasenplan für Aachen  als ikonisches Element der Siedlungskontinuität kann genutzt werden, um die Pfalzarchitektur zu generieren.[5] Dass das mit den roten Arealen überschaubar bleibt, ist den rudimentären Überresten aus der spätantik-frühmittelalterlichen Zeit geschuldet. Die orangefarbene Bauphase, den frühen Karolingern zuzuordnen, beinhaltet ein Altargebäude. Und Areale wurden genutzt aus der roten Bauphase für Abbruchmaterial, aus dem neue Fundamente entstanden oder Teile derselben dienten als Schmelztiegel für spätantike-frühkarolingische Mischstrukturen. Carolus magnus rex initiierte den Bau der Marienkirche, den Südannex und den Granusturm (gelbe Partitionen). Die Dendrochronologie erlaubt die Vermutung, dass über den Tod des Kaiser 814 hinaus die Tätigkeit nicht abgeschlossen waren. Warum außerhalb der Marienkirche keine signifikanten karolingerzeitlichen Baudekore über die archäologischen Ausgraben zu attestieren sind, bleibt in letzter Instanz nicht geklärt. Fehlende, verlustige oder verkannte Funde mögen ein Erklärungsmodell sein, können aber in toto kein nennenswertes Gegengewicht zur Diskrepanz anbieten. Über das Jahr 814 hinaus kam es (hellgrüne Partition) zu Veränderungen am Atrium, ergänzt um einen Rechteckbau, der im Verbindungsgang von Marienkirche und Wohnstätte Karls des Großen integriert wurde.[6] Weder Prototyp noch Kopie waren dieser Pfalz zu eigen, sondern eine Entartung des Standardisierten. Lediglich Ingelheim und Nijmwegen konnten – so man den Einhardschen Aussagen Glauben schenken darf – der Strahlkraft Aachens mit vergleichbarem Paroli bieten. Wie heißt es doch in der Vita Karoli Magni an der entsprechenden Stelle:

Inchoavit et palatia operis egregii, unum haud longe a Mogontiaco civitate, iuxta villam cuius vocabulum est Engilenheim, alterum Noviomagi super Vahalem fluvium, qui Batavorum insulam a parte meridian praeterfluit.[7]

Die Erforschung dieser Pfalz ging symbiotisch mit deren Bedeutung für die abendländische Christenheit einher. Es gehört zu den Eigenarten der historischen Wissenschaften, dass – obgleich en masse Maßnahmen und Forschungsbeiträge vorliegen – das Gesamtbild für die Aachener Pfalz weder präzise noch vollständig ist. Mit dogmatischem Pathos kann lediglich formuliert werden, dass sich die Pfalz nach heutigem Kenntnisstand aus der Marienkirche mit Atrium und Annexen im Süden  formt, ergänzt um eine Königshalle  im Norden und einem Weg, der von einem nicht unerheblich fundamentierten, turmartigen Gebilde durchschnitten wird. Der Pfalzabschluss nach Nordosten ist in toto ungesichert, im Osten und Südosten können die Kaiserquelle am Büchel und in karolingischer Zeit noch genutzte Reste römischer Architekturen sowie die dort verlaufende Ursulinerstraße als Fixpunkte charakterisiert werden.

Der latente Verwahrlosungscharakter der archäologischen Betreuung der Randareale um die Aachener Marienkirche herum kam auch dadurch zum Vorschein, dass großflächige Substanzverluste in den Büchelthermen hingenommen werden mussten bei Bauarbeiten 2001, und 2005 eine Leitungstrasse an der Westseite des Katschhofes genehmigt wurde, die in ihrem Verlauf die Fundamente eines karolingischen Querbaus mehrfach durchschlug.[8] Auch lässt sich für die Vergangenheit selten ein interdisziplinäres Miteinander konstatieren, sondern eine Verselbständigung von Diskursen innerhalb der Einzeldisziplinen. Widersprüchliche Befundansprachen und Befunddeutungen nötigten schon den bereits erwähnten Ludwig Falkenstein 1970 zu der Erkenntnis, ein stärker abgestimmtes Arbeiten zu organisieren. An Material herrscht kein Mangel, obgleich in der Genese der Kleinfundkategorisierungen Dark Ages auftauchen, wie geschehen mit den Kleinfunden in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts wegen der Kriegswirren. 2010 konnte der Aachener Stadtarchäologe Andreas Schaub das nicht revolutionäre Fazit ziehen, dass Karl der Große sicherlich in Aachen bestattet wurde. Nun gut, aber diese Erkenntnis ist a priori postuliert in der Aachener Pfalzforschung. Die damalige Ausgrabungsaktion vor Ort brachte nicht das Grab zum Vorschein. Wieder einmal! Und wieder einmal keine Sensation. Bereits der Ottone Otto III. und der Staufer Barbarossa hatten ihre liebe Mühe, die Gebeine des Frankenkaisers zu finden, die heute im kostbaren Karlsschrein liegen. Überspitzt formuliert würden die Archäologen nach einem jahrhundertealten Loch suchen, das mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit über die Zeiten hinweg Auffüllungen erhielt, wenn nicht sogar schon am Tage der Entnahme der Gebeine. Ursprünglich wollte der Kaiser in der Nähe von Paris bestattet werden, aber schon wenige Stunden nach seinem Tod war er hoc loco bestattet worden. Ob die Aachener Hofschranzen vollendete Tatsachen schaffen wollte oder das anonymisierte Grab als Schutzvorrichtung gegen die Normannen diente, bleibt nach aktueller Quellenlage unbeantwortet.[9]

3. Ab ovo … Frühe Archäologie mit Charlemagne

Oder besser: Karolus magnus ubi est? Die französischen Revolutionswirren hatten Aachen ab 1794 in den französischen Hegemonialbereich gehievt, und Aachen wurde ab 1798 administrativer Sitz des Départements de la Roer. Dass das mit der unbefleckten Mandorla hinsichtlich der Weihestätte für römisch-deutsche Könige in der Frühen Neuzeit nicht passte, lag in der fehlenden Bewusstseinskultur für das Geschichtserbliche begründet. Offenbar die Gunst der Stunde nutzend, versuchten sich neuzeitliche Grabräuber noch vor dem Eintreffen der französischen Besatzungsmacht im Aachener Münster in der Schatzsuche. In der Mitte des Oktogons hausierte offensichtlich eine Grabräuberkompanie, wie ein anonymer Zuträger 1796 der kurkölnischen Regierung offenbarte:

Das Münster in Aachen sieht spektakulos aus. Das Blei ist vom Hauptturm abgerissen, hier und da hängt noch ein Brett, welches jeden Augenblick herabzufallen droht. In der Kirche sind die porphyren Säulen und die Orgel weggerissen, und unter der in der Mitte hangenden Krone, worunter das Grabmal Karls d. Gr. Gewesen sein soll, ist ein tiefes Loch gegraben, wahrscheinlich um Schätze zu suchen, welches aber itzt nur eben mit Grund zugeworfen ist. Hieran wird auch itzt nichts gemacht, weil sie [d. h. die Stiftsherren] ihre Bestimmung noch nicht wissen.[10]

Dieser Bericht geht in die fachmännische Investigation und zeigt – zumindest für den Auftraggeber [Anmerkung: vermutlich die Kurkölner] ein empathisches Bewusstsein für baukulturelles Erbe. Nun unter der administrativen Regie des Départements, 1803 erfolgte eine amtlich bestellte Untersuchung des ersten Aachener Bischofs Marc Antoine Berdolet. Charlemagne war eben auch der Urvater der Franzosen. Und Napoleon dürfte nach menschlichem Ermessen kein Problem mit diesem Karolinger gehabt haben. Aus der Selbstlegitimation heraus und mit Rückgriff auf geschichtliche Instanzen kann die Rechtsstellung eines Korsen mit dessen Kaisertitulierung ab Dezember 1804 symbolisch und sakral besser verankert werden. Grabungsäußerungen wurden nicht kodifiziert, was der Rezeption des Überlieferten anlastig ist. Was bleibt, ist dem Nebulösen zu folgen, der Wahrheit Verdecktes herauszufiltern. Und die Preußen, in deren Hoheitssgebiet nun Aachen nach dem Wiener Kongress 1814/1815 lag, hatten in der Grabungsdokumentation kein ausgeprägtes Verdunklungsmotiv. Als nämlich 1843 erneut Grabungen in der Münsterkirche durchgeführt werden sollten, genehmigten sich die preußische Administration und die Klerikalen den Altertumswissenschaftler Cornelius Peter Bock, der im Vorfeld eine Inventur des Sachstandes durchführte. Aus dieser Stoffsammlung ergab sich, dass der Aachener Heimatforscher Christian Quix seinerzeit Zeugen der Berdoletschen Grabung befragte und deren kodifizierte Aussagen habe einsehen können. Zu den archäologischen Handwerkskünsten von 1803 durfte man folgendes nachlesen:

Als alles weggeräumt war, fand sich ein Paviment von italiänischem Marmor. Ungefähr zwei Fuß tiefer fand sich ein anderes Paviment von ordinären, schweren Steinen. Nachdem auch dieses weggeräumt war, stieß man auf einen Brunnen, gerade in der Mitte, wo der Altar gestanden hatte. Wir ließen ein Seil, woran ein Stein befestigt war, hinunter, kamen aber nicht auf den Grund. Doch erkannten wir, daß der Brunnen Wasser enthielt.[11]

Cornelius Peter Bock wollte in der Interpretation des Gelesenen erkannt haben, dass das Grab Karls des Großen vor dem Hochaltar hätte nicht liegen können, da kein Fund verzeichnet war [Anmerkung: Die erwähnte Grabungstiefe konkludiert diese Hypothese des Altertumswissenschaftlers], und der Marmorboden hatte offenbar auch keine karolingische Provenience, da außerhalb gelegen. Wenig später in den Akten kommt ein Baumeister Simar zu Worte [Anmerkung: Simar war auch Gesprächspartner von Bock], dessen Fußtiefenangabe verunsichert, da nach seinen Angaben weiße und rote Marmorplatten in etwa sechs Fuß Tiefe gesichtet worden wären bei den Ausgrabungen, was aber auf die Existenz von römischem Überrestegut hindeuten würde. Bereits in dieser Phase der neuzeitlichen Archäologie zeigt sich der Facettenreichtum möglicher Grabungsinterpretationen. Auch gab Simar 1843 zu Protokoll, dass Bischof Berdolet die Anweisung herausgab, den Grabstein Ottos III. mit der Inschrift „Carolo Magno“ zu versehen und in der Mitte des Oktogons einzulassen. Nach Simar war der Bischof öfters zugegen bei den verwirrenden Umbaumaßnahmen, und der Bischof hätte in Manier der Oktroyierung das Gewölbe Karls des Großen verortet.[12] Können diese Nachrichten über die Grabungen unter französischer Besatzung belastbar verifiziert werden? Zumindest sagen sie aus, die Befunde nicht gut gesehen zu haben, was nicht unbedingt als Indiz gewertet werden kann, dass sie die Maßnahmen unmittelbar verfolgen konnten. Auch verschränken sich in ihren Aussagen Gesehenes und aus der wissenschaftlichen Debatte der Zeit Erschlossenes in einem Maße miteinander, dass die Erinnerung an die Vorgänge von 1803 deutlich überformt wird. Nachdem die Suche nach dem Karlsgrab zur Markierung der angeblichen Gruftanlage in der Mitte des Oktogons geführt hatte, richtete sich das Interesse des Präfekten und des Bischofs 1803 auf das Grab Ottos III.  im gotischen Chor, das zunächst seinen Aufbau einbüßte, sodass Untersuchungen ohne Schwierigkeiten möglich waren. Auch hier wurde man fündig. Neben Gebeinen unter dem Hochgrab befand sich offensichtlich noch ein weiteres Grabmal, das jedoch seinerzeit nicht geöffnet wurde.[13] Die Spur ist insofern interessant, da bereits in der frühen Neuzeit um 1620 der erste Aachener Chronist Peter von Beeck darüber informierte, dass die Gruft Karls des Großen sich ursprünglich in der Mitte des Oktogons befunden hätte unter weißen Steinen.[14] Ob der Sarkophag tatsächlich nicht geöffnet wurde, wie man berichtete, bleibt aber anzuzweifeln, da 1804 Berdolet, der Präfekt Mèchin, der Baumeister Kopmann und verschiedene Werkmeister offenbar doch den Sarg öffneten, aus dem dann Gebeine nach Paris verschickt wurden.[15]

4… Und es geht weiter!

Der Kölner Konkurrent hatte in den Reihen der preußischen Ministerialbürokratie eine merklichere Lobby. „Neue Besen kehren besser“, zumindest für die notwendig gewordenen Restaurationen im Aachener Münster traf es zu seit dem Regierungsantritt Friedrich Wilhelms IV. 1840. Mit der französischen Besatzungsmacht seit den 1790er Jahren hatten französische Kunstkommissare stetig Kulturgüter nach Paris verfrachten lassen, darunter Aachener Inventar wie die Arkadensäulen, den Proserpina-Sarkophag oder die Aachener Wölfin. Dahingehende Beschädigungen, unvollständige Rücktransporte nach 1815 und enge Finanzspielräume hinsichtlich der Erneuerungen führten über die Jahrzehnte zum fragmentierten und renovierungsbedürftigen Zustand des Aachener Münsters. Schon 1841 erfolgte die königliche Order, wonach die Maßnahmen zur Wiederaufrichtung der Arkadensäulen einzuleiten wären. Damit begann eine Restaurationsphase des Aachener Münsters, die bis in das beginnende 20. Jahrhundert fortgesetzt werden sollte. Unkenntnis oder Geschichtsklitterung führten besonders im Innern der Pfalzkapelle zu Verfälschungen. Den Zeitgenossen war dieser achteckige Zentralbau mit sechzehneckigem Umraum schon ein Staunen wert, in dem schließlich 936 die Anwesenden der Königskrönung Ottos beiwohnen durften.[16] Charakteristisch für das Innenleben dieser Pfalzkapelle ist das schon erwähnte Oktogon, bei

Abb. 7: Aachener Pfalzkapelle, Grundriss Obergeschoss (oben) und Untergeschoss.

dem die Wandflächen in die acht Kappen des stabilen Klostergewölbes nahtlos verlaufen. Das Gewölbe verfügt dabei über eine Scheitelhöhe von mehr als 30 Metern. Anfänglich figürlich bemalt, erhielt das Gewölbe eine Mosaikverkleidung.[17] Auf Höhe des Emporenfußbodens erfolgt eine Teilung der Wände mittels eines umlaufenden Karniesgesims, wobei die stattlichen Bogenöffnungen als Wandflächenverbleib auf gewinkelten Pfeilern ausgestellt sind zu den Emporen mit jeweils zwei Säulen. Die stützen wiederum eine mehrbogige Brücke, auf der abermals Säulen einen sichelförmigen Bogen tragen. Die Ausschmückung auf den glatten Wänden beinhaltet korinthische Kapitelle als römische Spolien mit Kämpferblöcken und Bronzegittern. Attischen Basen sind aus weißem Mamor und karolingisch, anderen Säulen aus italienischem Mamor, Granit und ägyptischem Porphyr. Große Rundbogenfenster sind mit karolingischem Topos in die Wandflächen eingeschnitten. Der sechzehneckige, untere Umraum ist von Kreuzgrat- und Dreistrahlgratgewölben ohne Gurtbogen überdeckt und war im Ostjoch ursprünglich durch Schranken rubriziert. Die Empore, über zwei Wendeltreppen zugänglich, besitzt radial gestellte Schwibbögen, die als Trägerbögen Mauern tragen für gespannte Tonnengewölbe. Die Außenmauer ist von Fenstern durchbrochen und an einigen Seiten flach genischt.[18]

 

1842 begannen erste Sondierungen hinsichtlich der vorzubereitenden Bodeneingriffe, und ein Triumvirat aus dem damaligen Stiftspropst Claessen, dem Brüsseler Altertumswissenschaftler Bock und dem Kunsthistoriker von Olfers aus Berlin koordinierte diesbezüglich die neue Forschungsgrabung parallel zu den Renovierungsarbeiten im Aachener Münster. Das Abbild einer Baustelle musste im marginalen Bereich gehalten sein, denn der Aushub bei aufgenommen Bodenplatten und durchbrochenem Estrich musste zur nachfolgenden Frühmesse wieder zurückgeschaufelt werden. Täglich! Claessen standen nur wenige Arbeitskräfte zur Verfügung, und die visuellen Arbeitsbedingungen waren bei Nichtexistenz von Gaslicht im Münster zwar der Konspirationsaura angemessen, aber selbst für Frühformen der Archäologie wenig einladend. Übrigens, die Aushubsequenzen richteten sich nach den Ergebnissen der Akteneinsicht durch Bock, der das Karlsgrab im Südosten des Sechzehnecks vermutete. Anfang Juni 1843 konnten dann erste Erfolge kundgetan werden, als zunächst Claessens Arbeiterbrigade zur nächtlichen Stunde im Joch vor der Ungarnkapelle auf ein Grab stießen, allerdings mit Schädel im Grabinventar. Und Karls Schädel befand sich ja – der Reliquiengläubigkeit angemessen – in der Karlsbüste.[19] Am 9. Juni 1843 kam jedoch ein Bleisarkophag im Südosten des Sechzehnecks zum Vorschein, und Claessen stellte – wie in der Planungsphase auch besprochen – die Bauarbeiten ein zwecks Berichterstattung an den preußischen König.[20] Die Erwartung ob des Bleisarkophags war mit der Ankunft des Kunsthistorikers von Olfers im Oktober 1843 charakterisiert, denn erst in Anwesenheit des Berliner Museumsdirektors wurden die Ausgrabungsarbeiten wieder aufgenommen. Die Ungarnkapelle und die Bleisarggruft wurden nun einer besonderen Analyse zugeführt, und im nördlichen Bereich des Sechzehnecks vor der Hubertuskapelle erschien nun unter dem Erdreich ebenfalls ein Bleisarg. Beide Särge wurden den Reliquien zugeordnet, und die Ausgrabungswut hatte begonnen. Verlockend war die Aussicht auf interdisziplinärem Ruhm oder zu einem der ersten Veteranen der Archäologie zu gehören, mit dem Prädikat des Legendären behaftet. Was bleibt, ist in der Geschichte der Archäologie ein Sammelsurium an römischen Befunden, mittelalterlichen Gruftanlagen, Reste des ursprünglichen Westportals der Marienkirche und die Gebeine eines Ritters namens Chorus. Immerhin war dieser Gerhard Chorus im Spätmittelalter eine Ikone der Aachener Amtsvorsteher und Hauptinitiator zum Bau des gotischen Chorschiffes am Aachener Dom gewesen oder seine Verdienste lagen im Ausbau eines äußeren Stadtringes und der Grundsteinlegung für das neue Rathaus ab 1330.[21] Zumindest gab es ab Oktober 1843 richtige Ausgrabungssalven während der „Aachener Nächte“, wie später von Olfers noch zu berichten wusste.[22] Das Auffinden der Gebeine Karls des Großen blieb der 1843er Ausgrabung versagt, aber immerhin konnte manches Licht in den Legendenkatalog durchdringen. Die einst von Berdolet zum Zwecke der Aufwertung der Bischofskirche installierte Grabplatte konnte kategorisch als verortete Karlsgruft enttarnt werden. Und die Schreine und Leiber der Märtyrergestalten Corona und Leopardus gehörten zum Kollateralgewinn dieser archäologischen Ausgrabung.

5. Ein neuer Anlauf

Die im Oktober 1843 eingestellten Grabungen verweilten im Ruhemodus dann beinahe 18 Jahre bis zum Restaurierungsplan des Kölner Dombaumeisters Ernst Friedrich Zwirner, der 1859 die Kaiserkruft für Karl dem Großen im Oktogon ausrief wieder die vorliegenden Erkenntnisse. Das Bauvorhaben benötigte als genetische Legitimation die Authentizität, was nur durch einen irgendwie gearteten Fund untermauert werden konnte. Die Reputation dieses Vorhabens musste gewährleistet sein. Wie hieß es doch treffend bei dem Aachener Kanoniker Wilhelm Prisac:

Dieser Gedanke konnte weder bei dem aachener Stiftscapitel, noch bei der erzbischöflichen Behörde in Köln Beifall finden, wenigstens so lange nicht, als man weder die Stelle noch das Grab selbst, das hergestellt werden sollte, kannte. Man fürchtete eine Einrichtung, welche dem Bauwerk in seiner ganzen Anlage durchaus fremd, und eine Erneuerung, die zu allerlei Irrthümern und Täuschungen Veranlassung geben könnte.[23]

Ein Flächenbrand an Ausgrabungsstürmen war nicht zu attestieren für diese zweite Grabungswelle, und selbst der 1843er Hauptinitiator Bock hielt sich bedeckt und gab lediglich einen Alternativplatz für das Karlsgrab zu Worte, indem er die Gruft nun innerhalb des Chores südwärts von dem karolingischen Hochaltar vermutete. Da die konkreten Längenangaben des Chores nicht bekannt waren, blieb seine Verortungsthese a priori nicht verifizierbar, a posteriori blieb nur die Grabung. Zudem lokalisierte er die Gebeine des Karolus magnus südlich der Ottonengruft Ottos III.[24] Um einen Diskurs zu vermeiden oder einfach nur der Diversifikation Tribut zu zollen, argumentierte Bock, dass das Karlsgrab möglicherweise mit dem Abtragen des ursprünglichen Chores zerstört wurde und der Sarkophag im südöstlichen Joch des Sechzehnecks neu platziert worden sei.[25] Der Beginn der neuerlichen Grabungen ist datiert auf den 2. September 1861. Von Olfers und Bock aus der ersten Grabungsmannschaft 1843 waren involviert, und im Zentrum der Ausgrabungen stand das Areal um den gotischen Chor und das Oktogon. Methodische Revolutionen als Abgrenzung zu den Ausgrabungen von 1843 waren nicht zu verzeichnen, jedoch sollten zeichnerische Protokolle angefertigt werden zu den Fundsachen. Noch unberührte Stellen im Münster waren von großem Interesse, aber auch 1843 aufgedeckte Befunde wurden erneut freigelegt. Aus dem Erinnerungsbericht des Kanonikers Prisac kann entnommen werden, dass offenbar ein wenig Areal unberührt blieb, sonst alles durchwühlt wurde, insbesondere am Ostjoch des Sechzehnecks. Dieses kleine Areal blieb aber in der Verortung unkonkret und kann nur identifiziert werden mit namentlich nicht erwähnten Stellen in den Grabungsberichten. Aber auch hier liegt eine unbestimmte Komponente im Ausschlussverfahren, denn zahlreiche Stellen des Oktogons und in der Vorhalle waren nicht analysiert worden. Der Drang der archäologischen Konquistadoren um von Olfers und die anwesenden Kanoniker muss der eitlen Genugtuung viel abverlangt haben, aber mehr als die Ausmaße des karolingischen Chores und die Identifizierung der Ottogruft waren im Grabungsresümee 1861 nicht zu verzeichnen. Das eigentliche Objekt der Begierde blieb für die Anwesenden kaschiert, und so kommentierte denn der Stadtkanoniker Prisac wie folgt:

Aber von einem Grabgewölbe oder einem bestimmt markirten Grabe Karl´s des Großen fand sich wenigstens keine sichere Spur, obgleich der viele Bauschutt verrieth, daß hier der Boden allenthalben durchwühlt (…).[26]

Elemente aus dem Fundkatalog sollten den Museen zur Verfügung gestellt werden. Blieb nur die Hoffnung auf neuerliche Ausgrabungen. Von Olfers schrieb denn auch im November 1861 an das Stiftskapitel:

Es ist mir jetzt noch weniger, als schon früher, zweifelhaft, daß die ursprüngliche Grabstätte Karls des Großen nicht mehr aufzufinden ist, und daß sie von der Art war, daß sich an ein Begraben des Leichnams in aufrechter Haltung nicht denken lässt […]. Bei all dem wäre es gut gewesen, bei der Wiederaufnahme der Nachgrabungen keinen Raum ununtersucht zu lassen, (…).[27]

Das Grab Karls des Großen blieb verschollen. Instinktiv spürte es auch von Olfers, der mit weiteren Ausgrabungen womöglich nur eine Bestätigung der Nichtexistenz anvisierte. Ihm blieb es danach verwehrt, die Bestätigung der Nichtexistenz oder wenigstens das Verstärken des Nichtvorkommens auf dem Pfalzareal in irgendeiner Form begleiten zu dürfen.

6. Die Taufkapelle … Ein Duell zur Domumgebung

Kapellenbauten gehören ohne große Vorstellungskraft zu Domumgebungen und sind als bauliche oder funktionelle Elemente in ein (Pfalz-)Areal integriert. Ob diese Kapellen auch in der Karolingerzeit respektive in der Regierungsära Karls des Großen aufzufinden waren, ist präsumtiv und ein quellentechnisches Vabanquespiel. Hat es eine fränkische Vorläuferkapelle gegeben oder eine separierte Taufanlage im Dom? Oder erfolgte trotz des Marienkirchenbaus eine kursorische Nutzung einer wie auch immer vorhandenen Taufeinheit? Der Grad an Unsicherheit in den Quellen geht jedoch nicht einher mit den kategorischen Existenznegierungen solcher Bauelemente. Carl Rhoen hatte 1891 unmissverständlich die Taufkapelle in ihrer Nichtexistenz über die geringe Anzahl an Christen vor Karl dem Großen begründet („Im Übrigen dürfte, bei der nur geringen Anzahl von Christen, welche sich hier vorfanden, eine Taufkapelle, (…), wohl auch hier nicht vorhanden gewesen sein.[28]). Gehen wir plastisch vor, bleibt zu konstatieren, dass in den Überresten der römischen Thermenanlage in Oktogon und Sechzehneck keine beckenartige Anlage je zu einem Grabungsfund gehörte oder dazu affine Überreste konstruktiv in den Existenzdiskurs hätten einfließen können. In der Literatur standen daher zur Abwehr jedweder dogmatischen Restriktion in der Archäologie alternative Verortungen zum Diskurs. Zum einen sehen die Pragmatiker am Eingang zum Domhof die naheliegende Verortung einer frühmittelalterlichen Taufanlage. Hier liegt die Kapelle des Heiligen Johann Baptist, die nachweislich seit dem Spätmittelalter als Taufkapelle genutzt wurde. Zum anderen gibt es die Fraktion, die in den Überresten – im 18. Jahrhundert unter der Ungarnkapelle zu Tage getreten – einen fränkischen Vorläufer der standardisierten Taufkapelle sehen. Ziehen wir quellentechnisch zu Gericht und resümieren beide Fraktionen ohne Reszission.

6.1. Zum Duellanten 1

Mitte des 18. Jahrhunderts wurden bei Umbaumaßnahmen unter der Ungarnkapelle Mauerzüge entdeckt. Ursprünglich sollte der Aachener Stadtbaumeister Johann Joseph Couven die gotische Ungarnkapelle abbrechen und neu aufführen.[29] Mängel am Rohbau führten zum Abbruch, und sein Nachfolger Joseph Moretti erhielt den Auftrag zu größeren Umbauten, in deren Zusammenhang dann neue Ausschachtungen 1756 die römischen Baureste zu Tage beförderten. 1781 publizierte der Aachener Stadtarchivar Karl Franz Meyer die Überreste im Modus der Digesten mit Bilderläuterungen.[30] Die Provenience dieser Überlieferung ist jedoch spekulativ und wird prinzipiell indezent abgelehnt. Es wird vermutet, dass Baumeister Simar Fachliches beisteuerte, die Simarschen Überlieferungen aber nicht durch Detailtreue und einen überdurchschnittlichen Fundus an darstellender Geometrie punkten in der literarischen Nachwelt. Der ambivalente Charakter dieses Quellenzugangs wird intensiviert durch das latente in Abrede stellen hinsichtlich der Meyerschen Aufzeichnungen. Da spricht die Fachwelt von einem unzuverlässigen Gesamtbild, von apokryphen Rekonstruktionen unter dem Deckmantel des Barocken oder gar von Geschichtsklitterung.[31] Der Stadtarchivar Meyer sah in seiner Deutung keinen Spielraum für Alternativen bezüglich der römischen Vergangenheit, aber bereits die Datierung war dem Diskurs zur freien Entfaltung übergeben. Cornelius Peter Bock und der Aachener Stadthistoriker Christian Quix verneinten diese Provenience der Altersdatierung, wohingegen der Stadtarchivar Richard Pick 1888 über den Kompromiss der Zusammenführung beidseitiger Thesen, also des römischen Erbes eines so noch nicht titulierten Bades mit nachträglicher Umfunktionierung zum Taufbecken, die prekäre Quellensituation und deren anhängende Konklusionen diplomatisch verpackte.[32] Zudem erfolgte 1890 durch den Vermessungstechniker und Bauunternehmer Rhoen, also einem Mann aus der täglichen Praxis, eine Neuauflage der Meyerschen Zeichnungen. Rhoen griff auf das Simarsche Material zurück, führte Zeitzeugengespräche und umzeichnete den Simarschen Grabungsplan in Ansicht und Grundriss der Grabungen unter der Ungarnkapelle von 1756. Rhoen und Meyer weichen jedoch in ihren Aufzeichnungen ab, und welcher Grabungsplan mit der archäologischen Fundkiste in Übereinstimmung zu bringen ist, kann heute nicht mehr ermittelt werden.[33]

Übereinkunft, logische Ausschlussverfahren oder Neubewertungen waren in diesem Klima der Rezeption nur bedingt möglich. Als 1952 der Kunsthistoriker Hans Christ lediglich in Nuancen die Zeichnungen von 178 korrigierte und die Interpretationspalette ergänzte ob der vorliegenden Befunde, kam es nachträglich zu einer heftigen Anfeindung, als der Archäologe Heinz Cüppers die Irrelevanz attestierte, da Meyer 1781 und Rhoen 1890 offensichtlich auf archäologischen Heterodoxien bauten. Dass das mit der Irreführung vielleicht psychologisch als Ausdruck einer semantischen Überforderung zu interpretieren wäre, bleibt dem Leser überlassen; auch der Aachener Architekt Hans- Karl Siebigs verdrehte nahezu die Argumentation des Kunsthistorikers Christ.[34] Was war aber so befremdlich an dessen Argumentation? Christ vermutete, dass durch die Einbindung des Grundrisses in den Grabungsfund und die Assoziierung mit der römischen Architektur der Grabungsplan von 1781 als detailliert anzusehen wäre. Hier setzten auch seine Kritiker wie Cüppers oder Siebigs an, als sie die auf Biegen und Brechen gezimmerten Parallelen zwischen den Lichtintensitäten und den römischen Raumverhältnissen unter der Ungarnkapelle anzweifelten.[35] Christ selbst war aber in seiner Analyse austarierend, denn er ging nicht ausschließlich konform mit den Meyerschen Argumentationen. Das (mögliche Tauf-)Becken sah er rund, nicht im ovalen Modus. Auch die Grundrisse der Nebenräume ordnete er der unterschwellig barocken Interpretation des Stadtarchivars Meyer zu. Ebenfalls mit dynamischem Engagement, wohl eher dem Hyperboliker zugeordnet, stufte er die Meyerschen Aufzeichnungen ein bezüglich der Höhe des Mauerwerks unter dem Domfußboden als völlig überzogen ein. Die Aufzeichnungen Meyers sprechen von sechs großen Öffnungen am Rand des Badebeckens, so dass Christ hier ein Quellbecken ansetzt, von dem aus das Wasser dann in die einzelnen Badebecken transportiert wurde. Hier argumentierte er schlüssig, denn die dortigen Sinterablagerungen waren ein Beleg für die Existenz von Thermalwasser. Wie kommt es nun aber zum Taufbecken?

Hier nimmt Christ an, dass das Quellbecken in der Spätantike umgebaut wurde nach einem möglichen Versiegen der Quelle, als Hypothese statuiert, wohlgemerkt. Der Quellvorbruch sei verstopft und der Boden des Beckens mit rechteckigen Platten abgedichtet worden, die einstigen Absaugrohre blieben ohne weitere Verwendung. Und das in Meyers Aufzeichnungen erkennbare Einlaufrohr zur Befüllung mit kaltem Frischwasser sei nachträglich im Zuge der Umstrukturierung verlegt worden.[36] Das Bleirohr am Bodenbecken sicherte den Wasserabfluss, ebenfalls erst nach Aufgabe der Thermalfunktion verlegt. Christ selbst sah den Wandel von einer Thermaleinrichtung hin zu einer frühchristlichen Kultstätte als evident an für die Umbaumaßnahmen vom Quellbecken zum Kaltwasserbecken. Dogmatisch erklärt Christ dann auch:

Mit dieser Kirchengründung – und nur mit dieser – kann dann eine so folgenschwere Maßnahme wie die Aufgabe des Heilbades durch den Umbau des Quellbeckens in ein mit Zu- und Ableitung versehenes Kaltwasserbecken erklärt werden. Dieses war nichts anderes gewesen als das Taufbad der frühchristlichen Kirche.[37]

Das dieses Zitat nicht der Prototyp einer aristotelischen Logikkette sein kann, bedarf keiner näheren Begründung. Auch das Ausmaß an Kritik gegenüber dem Deutungsmodell des Kunsthistorikers Christ verlangt einen Tribut. Und die Gründe sind von handfester quellentechnischer und baulicher Natur. Die Aufzeichnungen von Meyer und Rhoen sind nur bedingt verifizierbar, da die Professionalisierung der Archäologie Mitte des 18. Jahrhunderts nicht die Maßstäbe heutiger Dokumentationen erfüllen konnte. Verschollene Urpläne als Grundlage für eigene Grabungspläne und daraus resultierende auffallende Unterschiede lösten Skepsis aus in der Fachwelt. In Rhoens Skizzierungen sind die Grundrisse weit über die Ungarnkapelle hinaus eingetragen. Meyer hat von drei eingetragenen Räumen nur den nordwestlichen unter der Kapelle, die beiden anderen sind außerhalb gelegen, was den Maßstab vergrößert. Und im 20. Jahrhundert getätigte Ausgrabungseinheiten unter Erich Schmidt (1910-1915) widerlegten die Ansichten Rhoens unmissverständlich. Zudem konnte an der Person Hans Christ die unheilige Symbiose von wissenschaftlicher und politischer Ablehnung mit nachgelagertem Schlechtbefund der Forschungsergebnisse demonstriert werden. Auch Widersprüche zu den Aussagen des Dombaumeisters Joseph Buchkremer[38] bezüglich der frühmittelalterlichen Ursprünge der Taufkapelle am Eingang zum Domhof verstärkten die Animositäten gegen Christ, obwohl beide durchaus ein vernünftiges Verhältnis pflegten und Buchkremer sogar Christ in dessen Bemühen um eine Veröffentlichung der Schmidtausgrabung unterstützte.[39] Ein weiteres bauliches Argument war das schwierige Ineinandergreifen der Ungarnkapelle in das Gesamtbild einer Thermenanlage, da die zahlreichen Zu- und Abflüsse eines Thermalquellbeckens so nicht zum Grabungsfund gehören. Lediglich ein 1911 entdeckter holzgefütterter Kanal konnte in die Argumentation eingebracht werden, der auch noch einige Meter von der Ungarnkapelle entfernt ausgegraben war. Und die Ausgrabungen unter Regierungsbaurat Erich Schmidt brachten keine Anhaltspunkte für Zu- oder Abflüsse; und Schmidt selbst blieb bei seinem Aushuborten außerhalb der Ungarnkapelle.

6.2. Zum Duellanten 2

Es ist naheliegend, dass ein Bauelement am Eingang zum Atrium das Taufelement für sich in Anspruch nimmt. Das Atrium selbst ist ein im Westen der Pfalzkapelle vorgelagertes Gebäude in den Ausmaßen 28 m x 40 m . Der heute noch existierende gotische Kapellenbau mit barocken Stilelementen am Eingang zum Atrium diente seit dem 13. Jahrhundert als Taufort für alle Aachener Kinder bis zum Reichsdeputationshauptschluss 1803. Diese Kapelle war misst in Nord-Südrichtung 10 m und 8,15 m in Ost-Westrichtung und ist Johannes dem Täufer geweiht. Es war vor allem Joseph Buchkremer, der mit seinen Vermessungen die Taufkapelle in die Ära des fränkischen Vorgängerbaus datierte, wobei die Achsausrichtung der archimedische Punkt der Argumentation darstellte. Buchkremer entdeckte, dass die Verkippung des achsenverschobenen Altarfundaments [Anmerkung: im Ostjoch des unteren Sechzehnecks] der Verkippung der Taufkapelle vollständig entspräche. Beide Fundamente integrieren sich harmonisch in das Gesamtgefüge ein. Das alte Altarfundament war der Vorläufer für den karolingischen Marienaltar, und die Taufkapelle nötigte die Baumeister, Westbau und Atrium um einen Meter nach Norden zu verschieben, damit weiterhin der Westflügel des Atriums begehbar bliebe und dem Besucher suggerierte, dass dieser auf der streng nach Osten ausgerichteten Kirchenachse auf das Allerheiligste zusteuern müsste. Grundlage für diese These sind die Vermessungsergebnisse für die Achse des Atriums und der Kirche und der Achsverschiebung der Kapelle gegenüber dem Atrium. Auch die Nichtexistenz der Orthogonalität zwischen West- und Nordflügel des Atriums, sondern ein spitzer Winkel, den Buchkremer aus der Mauerzuführung erkennen musste, führten auf ein Maßungleichgewicht, dass man den karolingischen Baumeistern absprach. Also ging es in den spätmerowingischen Baustil oder in die Frühphase der Karolinger vor Karl dem Großen. Und das in einem Gradbereich, in dem der komplette Westflügel mit der Taufkapelle die gleiche Richtung erhielt.[40] Die Richtigkeit seiner Vermessungsergebnisse wäre nicht disputabel bei Vorliegen der korrekten Fundamentverläufe für das Atrium. Es war jedoch Buchkremers Nachfolger im Dombaumeisteramt, ein Mann namens Kreusch, der bei nachfolgenden Untersuchungen die Exaktheit der nordsüdlich verlaufenden Atriumwestmauer aufzeigte. Darüber hinaus war die Achsenabweichung von Atrium zur Pfalzkirche nicht so eklatant wie noch bei Buchkremer. Der Verschub lag deutlich unter einem Meter. Und das Westportal des Atriums konnte mit seiner Achsenverschiebung um etwas weniger als 30 cm den Atriumverschub zur Pfalzkirche weitgehend kompensieren. Kreusch erklärte diese Abweichungen mit Messfehlern oder sie widerspiegelten die Rücksichtnahme auf vorhandene Baustrukturen. Hier sprach Kreusch seinem Amtsvorgänger aber die Reputation hinsichtlich der Schlussfolgerung ab, denn die räumliche Distanz hielt er für evident, um zwischen Kapellenachse und Altarfundamentachse keinen Bezug zu konstruieren.[41]

7. Resümee

Ob der Mediävist Ludwig Falkenstein 1970 in seiner Zwischenbilanz zur Aachener Pfalzenforschung die Longivität der Gültigkeit seiner von mir im Proömium zitierten Passage ahnen konnte, kann nicht der Gewissheit zugeordnet werden, aber den zeitgenössischen Diskursen kann man nichts Gegenteiliges entnehmen. „Deshalb bin ich nicht hoffnungslos“, formulierte einst der Aachener Dombaumeister Helmut Maintz ob der weiteren Möglichkeiten des Auffindens des Karlsgrabes am Ende eines mehrjährigen archäologischen Ausgrabungsmarathons 2010.[42] Die diabolische Symbiose aus Segen und Fluch, die Maintz´ Aussage konkludiert, konterkariert unverschuldet jegliches Bemühen um ein enzyklopädisches Kompendium für den Aachener Pfalzkomplex.  Nehmen wir die Aula zur Demonstration, deren abgetragene Bausubstanz nur wenige Indizien zulässt zur Rekonstruktion. Der Granusturm ist zwar das am höchsten erhaltene Bausubstrat, ob aber die Königshalle in mehreren Ebenen gegliedert war, kann nur in allen denkbaren Konjunktivformen formuliert werden. Oder eben auch nicht! Zumindest wäre es anzufragen, ob nicht auch die Königshalle eine zweite Ebene hätte besessen haben können – möglicherweise in Äquivalenz zur Empore der Pfalzkirche. Der Granusturm exkludiert diese Höhenstaffelung nicht. Offenbarte sich Falkenstein noch in der Vergegenwärtigung der wissenschaftlichen Diskurse, konnte das plastisch-enaktive Pendant spätestens während der französischen Besatzung ab 1794 in den Quellen herausgelesen werden. Die mehr pyknisch als grazil durchgeführten Archäologieexpeditionen in den Olymp der deutschen Königskrönung unter Berdolet, Claessen, Bock oder von Olfers gehören sine dubio in die mit Anekdoten angereicherten Gründerjahre der professionalisierten Archäologie, konnten aber ein entmystifizierendes Apodiktum hinsichtlich der Karlsgrabverortung nicht liefern. Einer der mächtigsten Männer des Frühmittelalters in seiner verorteten Grabesruhe nicht ausfindig machen zu können, das obliegt den Mysterien in der Menschheitsgeschichte. Systematisches Katalogisieren der vorliegenden Überreste, rationales Durchwühlen des Dombodens und die latenten Fieberschübe ob der Planung und Durchführung neuer Ausgrabungen verursachen im Konglomerat eine affektive Karlsgruftsuche, die in der Abwägung von schriftlichen und baulichen Überresten den Königsweg zur Grabfindung kaschieren, der a priori in der Existenz angenommen wird.

Dass das mit der Univozität bezüglich des Kapellendiskurses auf Grundlage der vorliegenden Forschungsergebnisse nicht befremdlich wirken kann, ist der Ausartung an Fachbeiträgen und ambivalenten Meinungsbildern geschuldet. Die Duellantenkorps versinnbildlichen dahingehend die stochastischen Thesen. Geht es explizit um die Taufkapelle, muss man sich zunächst vergegenwärtigen, dass der Bau der Taufkapelle am Ausgang des Atriums erst im Hochmittelalter ansetzt, obgleich Aachen damit den verspäteten Taufkapellengründungen in Mitteleuropa zuzuordnen wäre. Und das bei diesem Hort an Ausmaß zum Sendungsbewusstsein der Christenheit? Der Vorgängerbau ist unbestimmt. Und die Verortung derselben ist wie die Lokalisierung einer Taufkapelle – ob am Eingang zum Domhof oder unter der Ungarnkapelle – von zu vielen Unwägbarkeiten oder Negationen begleitet. Da erscheint die Buchkremersche These von der Rücksichtnahme der Bauherren am Vorgängerbau bezüglich der Abweichung der hochmittelalterlichen Kapelle vom orthogonalen Winkel des Atriums als wenig fundiert und noetisch. Kreusch´ Neuvermessung des Domhofs und der Kirchenachse negierten die Buchkremerschen Assoziationen. Auch die Grabungen in der Taufkapelle konnten karolingische oder anderweitige frühmittelalterliche Fundamentüberreste zum Vorschein bringen.

8. Quellen und Literatur

  1. Binding, Die Aachener Pfalz Karls des Großen als archäologisch-baugeschichtliches Problem, in: Zeitschrift für Archäologie des Mittelalters 25/26 (1997/98), S. 63-85.

Bischöfliche Diözesanarchiv in Aachen (BDA), Ala Aachen, Dom 10 (Acta betreffend Aufsuchung des Grabes Karls des Großen, 1842-1882).

Bischöfliches Diözesanarchiv in Aachen (BDA), Gvo Aachen, Dom 7a, I (Nachforschung nach den Kaisergräbern, 1843-1910).

  1. Buchkremer, Die Taufkapelle am Aachener Dom, eine vorkarolingische Gründung (Bonn 1949).
  2. Christ, Das Römerbad unter der ungarischen Kapelle (Aachen 1952).

Domarchiv Aachen (DAA), Probsteiarchiv Nr. 91 (Bausachen, Freilegung des Münsters, Regulierung Chorusplatz, 1849-1895).

  1. Falkenstein, Zwischenbilanz zur Aachener Pfalzenforschung, Kritische Bemerkungen zu Forschungsberichten über die Aachener Pfalz im Sammelwerk „Karl der Große – Lebenswerk und Nachleben“ (Zeitschrift Aachener Geschichtsverein 80), 1970.
  2. Hansen (Hrsg.), Quellen zur Geschichte des Rheinlandes im Zeitalter der Französischen Revolution 1780-1801 3: 1794-1797 (Bonn 1931-38).
  3. Holder-Egger, Einhardi Vita Karoli Magni. Monumenta Germaniae Historica Scriptores rerum Germanicarum in usum scholarum separatim editi 25 (Hannover 1911).
  4. Keller, Archäologische Forschungen in Aachen. Katalog der Fundstellen in der Innenstadt und in Burtscheid (Mainz 2004).
  5. Kraus, Von den Anfängen bis zur Gegenwart 2: Karolinger – Ottonen – Salier (Aachen 2013).
  6. Kreusch, Über Pfalzkapelle und Atrium zur Zeit Karls des Großen. Dom zu Aachen (Aachen 1958).
  7. Lambertz, Der Tod Kaiser Ottos III. und sein Grab im Dom zu Aachen (Aachen 2002).
  8. M. Lersch, Römische Legionsziegel zu Aachen, Tegulae transrhenanae, in: Zeitschrift Aachener Geschichtsverein 7 (1885), S. 159 – 173.
  9. Pick, Kleinere Beiträge zur Aachener Geschichte und Topographie, I. Wann erhielt Aachen seine erste Befestigung, in: Aus Aachens Vorzeit 1, 2 (1888), S. 97-104.
  10. Pohle, Die Erforschung der karolingischen Pfalz Aachen. Zwei Jahrhunderte archäologische und bauhistorische Untersuchungen. Rheinische Ausgrabungen (70), (Darmstadt 2015).
  11. Prisac, Resultate der Nachgrabungen zur Wiederauffindung des Grabes Karls des Großen, in: Kölner Domblatt (1862).
  12. Rhoen, Die ältere Topographie der Stadt Aachen (Aachen 1891).
  13. – K. Siebigs, Bauliche Sanierungsmaßnahmen an der Ungarnkapelle des Domes zu Aachen in den Jahren 1991-1994 (Aachen 2000).
  14. – K. Siebigs, Der Zentralbau des Domes zu Aachen. Unerforschtes und Ungewisses (Worms 2004).
  15. Wehling, Die Mosaiken im Aachener Münster und ihre Vorstufen (Köln 1995).

Hyperlinks:

http://www.aachener-geschichtsverein.de/Online-Beitraege/nach-6-jahren-stadtarchaeologie-wandelt-sich-das-bild-von-der-pfalz (zuletzt aufgerufen am 27.07.2018).

http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/aachener-dom-grab-von-karl-dem-grossen-bleibt-verschollen-a-695574.html. (zuletzt aufgerufen am 08.07.2018).

[1] L. Falkenstein, Zwischenbilanz zur Aachener Pfalzenforschung. Kritische Bemerkungen zu Forschungsberichten über die Aachener Pfalz im Sammelwerk „Karl der Große – Lebenswerk und Nachleben“ (Zeitschrift Aachener Geschichtsverein 80), 1970, S.70.

[2] T.  Kraus, Von den Anfängen bis zur Gegenwart 2: Karolinger – Ottonen – Salier, (Aachen 2013), S. 271 (im Folgenden zitiert als: Kraus, Gegenwart).

[3] F. Pohle, Karl der Große – Charlemagne (Dresden 2014), S. 236.

[4] G. Binding, Die Aachener Pfalz Karls des Großen als archäologisch-baugeschichtliches Problem, in: Zeitschrift für Archäologie des Mittelalters 25/26 (1997/98), S. 63 – 85, S. 69 (im Folgenden zitiert als Binding, Problem).

[5] Hierzu die digitalisierte Fassung, abrufbar unter http://www.aachener-geschichtsverein.de/Online-Beitraege/nach-6-jahren-stadtarchaeologie-wandelt-sich-das-bild-von-der-pfalz (zuletzt aufgerufen am 27.07.2018).

[6] S. Ristow, Die Pfalz in Aachen. Nicht nur Karls Werk, in: Archäologie in Deutschland 6, (2012), S. 6.

[7]  O. Holder-Egger, Einhardi Vita Karoli Magni. Monumenta Germaniae Historica Scriptores rerum Germanicarum in usum scholarum separatim editi 25 (Hannover 1911), S. 20.

[8] F. Pohle, Die Erforschung der karolingischen Pfalz Aachen. Zwei Jahrhunderte archäologische und bauhistorische Untersuchungen. Rheinische Ausgrabungen (70) (Darmstadt 2015,) S. 3 (im Folgenden zitiert als: Pohle, Erforschung).

[9] Hierzu der Hyperlink unter http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/aachener-dom-grab-von-karl-dem-grossen-bleibt-verschollen-a-695574.html (zuletzt aufgerufen am 08.07. 2018).

[10] J. Hansen (Hrsg.), Quellen zur Geschichte des Rheinlandes im Zeitalter der Französischen Revolution 1780-1801 3: 1794-1797 (Bonn 1931-38), S. 744.

[11] Das Bischöfliche Diözesanarchiv in Aachen (BDA), Ala Aachen, Dom 10 (Acta betreffend Aufsuchung des Grabes Karls des Großen, 1842-1882), fol. 44v (Gutachten Cornelius Peter Bocks über die Lage des Grabes Karls des Großen vom 15. 10. 1860 in Wiederholung der älteren Ausführungen).

[12]  Pohle, Erforschung, S. 22.

[13]  BDA, Gvo Aachen, Dom 7a, I (Nachforschung nach den Kaisergräbern, 1843-1910), fol. 17r.

[14]  Pohle, Erforschung, S. 22.

[15] J. Lambertz, Der Tod Kaiser Ottos III.  und sein Grab im Dom zu Aachen (Aachen 2002), S. 123.

[16] Binding, Problem, S. 79.

[17] U. Wehling, Die Mosaiken im Aachener Münster und ihre Vorstufen (Köln 1995), S. 23.

[18] Binding, Problem, S. 79 – 80.

[19] BDA, Gvo Aachen, Dom 7a, I, fol. 10r-11r. Gemäß den Erkenntnissen des Altertumswissenschaftlers Bock vermutete Claessen, das Grab des Langobardenkönigs Desiderius entdeckt zu haben.

[20] BDA, Gvo Aachen, Dom 7a, I, fol. 4v-5r.

[21] Kraus, Gegenwart, S. 396.

[22] Das Domarchiv Aachen (DAA), Probsteiarchiv Nr. 91 (Bausachen, Freilegung des Münsters, Regulierung Chorusplatz, 1849-1895), fol. 87r.

[23] W. Prisac, Resultate der Nachgrabungen zur Wiederauffindung des Grabes Karls des Großen, in: Kölner Domblatt (1862), Nr. 210 (im Folgenden zitiert als: Prisac, Resultate).

[24] BDA, Ala Aachen, Dom 10, fol. 51r.

[25] BDA, Ala Aachen, Dom 10, fol. 50r.

[26] Prisac, Resultate, Nr. 210.

[27] BDA, Gvo Aachen, Dom 7a, I, fol. 61r.

[28] C. Rhoen, Die ältere Topographie der Stadt Aachen (Aachen 1891), S. 115.

[29] Pohle, Erforschung, S. 263.

[30] H. – K. Siebigs, Der Zentralbau des Domes zu Aachen. Unerforschtes und Ungewisses (Worms 2004), S. 11-14 (im Folgenden zitiert als: Siebigs, Zentralbau).

[31]B. M. Lersch, Römische Legionsziegel zu Aachen, in: Tegulae transrhenanae, Zeitschrift Aachener Geschichtsverein 7 (1885), S. 159 – 173, S. 160 und Pohle, Erforschung, S. 263.

[32] R. Pick, Kleinere Beiträge zur Aachener Geschichte und Topographie, I. Wann erhielt Aachen seine erste Befestigung, in: Aus Aachens Vorzeit, 1, 2 (1888), S. 97-104.

[33] H. – K. Siebigs, Bauliche Sanierungsmaßnahmen an der Ungarnkapelle des Domes zu Aachen in den Jahren 1991-1994 (Aachen 2000), S. 23.

[34] Pohle, Erforschung, S. 265.

[35] Siebigs, Zentralbau, S. 12.

[36] H. Christ, Das Römerbad unter der ungarischen Kapelle (Aachen 1952), S. 42 (im Folgenden zitiert als: Christ, Römerbad).

[37] Christ, Römerbad, S. 43.

[38] Joseph Buchkremer war als Aachener Dombaumeister (1917-1949) die Institution in der Erforschung des Aachener Domes. Er verantwortete die Restaurationsarbeiten in der Zwischenkriegszeit, untersuchte die Bausubstanz der Marienkirche und formte eine Rekonstruktion der Pfalz Karls des Großen, von der er zeitlebens nie abwich. Einmal getätigte Ansichten waren ihm ein Verbindliches, wenig Spielraum für Konzessionen zeichneten seinen Kommunikationsstil aus.

[39] C. Keller, Archäologische Forschungen in Aachen. Katalog der Fundstellen in der Innenstadt und in Burtscheid (Mainz 2004), S. 23.

[40] J. Buchkremer, Die Taufkapelle am Aachener Dom, eine vorkarolingische Gründung (Bonn 1949), S. 207.

[41] F. Kreusch, Über Pfalzkapelle und Atrium zur Zeit Karls des Großen. Dom zu Aachen (Aachen 1958), S. 110-115.

[42] Binding, Problem, S. 69.

  1. Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: https://www.monumente-online.de/de/ausgaben/2014/2/forschungen-zur-aachener-kaiserpfalz.php#.W747HvkzYdU

Abb2: http://www.aachener-geschichtsverein.de/Online-Beitraege/die-aeltesten-bildlichen-und-kartographischen-darstellungen-der-stadt-aachen

Abb. 3: G. Binding, Die Aachener Pfalz Karls des Großen als archäologisch-baugeschichtliches Problem, in: Zeitschrift für Archäologie des Mittelalters 25/26 (1997/98), S. 76.

Abb. 4: G. Binding, Die Aachener Pfalz Karls des Großen als archäologisch-baugeschichtliches Problem, in: Zeitschrift für Archäologie des Mittelalters 25/26 (1997/98), S. 75.

Abb. 5: L. Falkenstein, Pfalz und vicus Aachen, in: C. Ehlers (Hrsg.), Orte der Herrschaft. Mittelalterliche Königspfalzen (Göttingen 2002), S. 155

Abb. 6:  S. Ristow/A. Kobe (unter Verwendung von älteren Plangrundlagen und neuen Aufmaßen von: Gesellschaft für Bildverarbeitungen, Müllheim, Dombauleitung Aachen, J. Ley, T. Kohlberger-Schaub, D. Lohmann, J. Richarz, SKArchaeoconsult, Stadtarchäologie Aachen, M. Wietheger), online abrufbar unter: http://www.aachener-geschichtsverein.de/Online-Beitraege/nach-6-jahren-stadtarchaeologie-wandelt-sich-das-bild-von-der-pfalz (zuletzt aufgerufen am: 27.07.2018).

Abb. 7: G. Binding, Die Aachener Pfalz Karls des Großen als archäologisch-baugeschichtliches Problem, in: Zeitschrift für Archäologie des Mittelalters 25/26 (1997/98), S. 68.

Die Quintessenz im venezianischen Sklavenhandel … Textbausteine, Semantik und ein Senatsbeschluss von 1386

Die Quintessenz im venezianischen Sklavenhandel

Textbausteine, Semantik und ein Senatsbeschluss von 1386

 

Abbildung 1: Sklavenhandel.

Eine didaktische Reduktion nach Venedig

Die Sklaverei ist kein Artefakt mit der Stigmatisierung des in alten Zeiten Geschehenen. Die moderne Sklaverei kommt in subtiler Form daher, also ein Gegenwartsbezug in pervertierter Ausprägung. Dass das mit dem sportlichen Sommermärchen im Confederations Cup 2017 einen faden Beigeschmack hatte, blieb nur dem gewerkschaftlich und dokumentarisch interessierten Beobachter vorbehalten, denn als Panorama für den fußballerischen Triumph dienten Stadien, in denen mit geknechtetem Schweiß und Blut nordkoreanische Bauarbeiter im Akkord Zusatzschichten absolvierten, um der FIFA-Administration in deren Anspruchsdenken eine Saturierung bieten zu können. „Ohne Fleiß kein Preis“, mag der unbedarfte Leser denken, aber die Vergütung der Nordkoreaner war das entgeltliche Pendant zu den ungenügenden Arbeits- und Unterbringungsbedingungen der Bauarbeiter. Wider das bessere Wissen fühlte man sich durch die Kenntnisnahme entsprechender medialer Berichte in den betrieblichen Zeitsprung katapultiert zu den marginalen Auffassungsgaben von ethischem Arbeitsschutz und respektablem Werktätigenklima im Spätmittelalter und in der Frühen Neuzeit.[1]

Offenbar gehört die Sklaverei zu den unrühmlichen Konstanten des menschlichen Zusammenlebens. Sine dubio, das wirtschaftliche Potential im Menschenhandel lässt die moralischen Schranken – so sie denn vorhanden sind – in die Schubladen der guten Absichten versinken. Und die zahlreiche Literatur zu diesem zeitepochenunabhängigen Thema ist ein Beleg dafür, dass das Sklavennehmen eine Ästimation innehat in der Rekapitulierung eines Kulturtransfers, der Vernetzung von Wirtschafts- und Sozialgeschichte und der Alltagsgeschichte im Allgemeinen. Servilitätsformen dienen nicht dem Fetisch, können aber eine Vertiefung im Bewusstsein für die Alltagsgeschichte vor Ort liefern, sozusagen das Kaizen im Ertrag eines transkulturellen Konglomerates. Und warum nun der mediterrane Raum? Der südeuropäische Raum und expressis verbis die italienischen Stadtstaaten sind prädestiniert für die Verortung zur Abhandlung von Servilitäten, da sie alleine schon über die Kriegs- und Handelsflotten und die Archivierung von Testamenten und Verträgen das beste Forum, um sich plastisch und quellentechnisch des mediävalen Servitiums anzunehmen. Bedenkt man, dass die Notariatsurkunden als ergiebige Quelle zur Erforschung von Servilitäten in den italienischen Städten während der Renaissance bei bis zu 40000 in der Jahresproduktion lagen, dann kommt man um diesen Schriftquell nicht herum trotz prozentual geringer Hinterlassenschaften auf diesem Gebiet.[2]

Abbildung 2: Archivio di Stato di Venezia.

Die Ausführungen zum venezianischen Sklavenhandel genießen quellentechnisch den Charme, dass sie aus direkter Autorenhand der Juliane Schiel stammen, als die Historikerin zwecks Archivrecherche vor Ort im Archivio di Stato di Venezia (ASVe) weilte und noch uneditierte Notariatsurkunden analysierte. Zudem gehen ihre Bemühungen – und hier zeigt sich methodisch ihr Lehramtsstudium zu Beginn der wissenschaftlichen Laufbahn in Berlin – in einen plastischen Verismus. Um der Multiperspektivität und dem Stoffrahmen Einhalt gebieten zu können, muss sich dieser Beitrag auf eine Limitierung hinsichtlich des Zeitrahmens und des stofflichen Zugangs einstellen. Und die venezianische Republik im Spätmittelalter zum Übergang in das 15. Jahrhundert mit den organisatorischen Stufen „Zugriffsorte“, „Sklavengut“ und „Besitzübertragung“ wird dabei den lokalen Rahmen darstellen mit einem Senatsbeschluss von 1386. Methodisch soll dabei ein Werdegang generiert werden, der über semantische Charakteristika in den Notariatsurkunden in das Jahr 1386 führen will, als der venezianische Senat einen Beschluss vorlegte zur rechtlichen Unterscheidung von sclavi und anime, ergänzt um zentrale Zitate und deren ereignisgeschichtliche Hintergründe zu dieser Beschlussfassung von 1386.

Zugriffsorte, Handelsgut und Eigentum

In welchen Gefilden räuberten die Venezianer im Spätmittelalter, um das benötigte Humankapital auf den Galeeren, in der Landwirtschaft und in den Bürgerhaushalten zu konfiszieren? Wenig persönliches zu den Akteuren des Sklavenzugriffs kann aus den überlieferten Schriftquellen entnommen werden, da weder das Agens noch das Patiens in der semantischen Rollenverteilung einen Drang zur Kodifizierung verspürten. Die geographischen Titulierungen in den Schriftquellen lassen jedoch erkennen, dass die Hauptzugriffsareale in den mongolischen Khan

Abbildung 3: Das Reich der Goldenen Horde im Jahr 1386.

atsterritorien respektive im Einzugsgebiet der Goldenen Horde lagen. Konkreta wie Tscherkassen (circasso/circassa) oder Tataren (tartaro/tartara) ergeben ein nach Osten ausgerichtetes Einzugsgebiet vom Schwarzmeerraum über den Kaukasus bis in die russischen Steppen.[3] Bedenkt man, dass die venezianischen Kontore in der Blütezeit der Seerepublik vom Ende des 14. bis zur Mitte des 15. Jahrhunderts sogar am Asowschen Meer, in Trapezunt oder in Ragusa auf Sizilien angesiedelt waren, verwundert die geographische Ausdehnung nicht. Zudem erfolgten auf dem bosnischen Balkan (de Bosna) Zugriffstouren zur Requirierung des Humankapitals. Die Kategorisierung nach Altersgruppen ist dabei quellentechnisch nicht dahingehend verifizierbar, dass die gewaltsam gefangen Genommenen aus dem Einzugsgebiet der Goldenen Horde signifikant älter waren als die balkanischen Bosnier, die vordergründig aus der wirtschaftlichen Not heraus Angehörige der gleichen Ethnie in die Schuldknechtschaft verkauften.[4] Lediglich die sich verändernden politischen Rahmenbedingungen im Schwarzmeerraum des 15. Jahrhunderts waren mit der Suprematie der Osmanen spätestens mit der Eroberung Konstantinopels 1453 von tragendem Gewicht derart, dass es Widerhall in den Quellen fand und somit die Nachwelt mit der Information versehen wurde, dass die Venezianer nun ihre Aquirierungsareale und Absatzmärkte verlagern mussten unter die westafrikanische Sphäre, dort allerdings im Schlepptau der Portugiesen unter Heinrich dem Seefahrer (1394-1460),

Abbildung 4: Sklavenschiffe

die ihrerseits aus Subsahara-Afrika das Menschenreservoir bezogen für die europäische Nachfrage. Unabhängig davon bleibt zu konstatieren, dass die Sklavennahme in den überlieferten Heberegistern venezianischer Kaufleute von unpersönlicher Natur war, dem Wesen nach also das persönliche Schicksal der Protagonisten des Patiens das Individuelle genommen wurde. Das Beutegut war ein gelistetes Neutrum ohne biographische Eckdaten, seiner personalisierten Provenienz beraubt.[5] Nachdem das Beutegut die zentralen Umschlagplätze an Häfen oder die Sammelstellen auf den Landrouten passierte, trat nun – ein Segen für den (Wirtschafts-)Historiker – eine stärkere Verschriftlichung ein als zu Beginn der Versklavung. Der Grad an Anonymität war schon dadurch einer Restriktion unterworfen, dass die Fernhandelsbeziehungen ein Mindestmaß an transregionaler Kommunikations- und Regresskultur erforderten. Der Prototyp dieser Geschäftsgebarden kann aus den Handelsbucheinträgen der Gebrüder Antonio und Nicolò Bondumerio aus Venedig herausgefiltert werden. Die Venezianer wickelten en gros ihre Geschäfte über den Notar Matteo de Andronicis ab, und der Schriftverkehr des Notars zeigt auf, dass die Gebrüder Bondumerico in den zwanziger Jahren des 15. Jahrhunderts vordergründig aus den russischen Steppen das Sklavenmaterial bezogen.[6] Zudem lag ein semantischer Gleichklang in den notariellen Beglaubigungen und Handelsregistern vor. So heißt es in einem Rechnungsbuch des venezianischen Kaufmannes Giacomo Badoer:

ein Stück Mensch, weiblich, aus dem Volk der Tataren, ungefähr 18 Jahre alt, von großer Gestalt, in ihrer Sprache Oraxi genannt, für 135 yperperi.[7]

Eine Notariatsnotiz eines Bernardo de Rodulfis aus den neunziger Jahren des 14. Jahrhunderts, der seine Amtsstube im venezianischen Rialto hatte, liest sich wie folgt:

eine Sklavin aus dem Volk der Tataren mit Namen Cita, ungefähr 24 Jahre alt, gesund an allen ihren Gliedern, an den verborgenen ebenso wie an den sichtbaren, und frei von Fallsucht […].[8]

An beiden Schriftstücken kann exemplarisch veranschaulicht werden, dass das Patiens in der Sklavennahme als quantifizierbare Einheit charakterisiert war unter Nutzung von transregional gültigen Bewertungskriterien hinsichtlich der monetären Kategorisierung, verbunden mit einer Vorselektion für zukünftige Tätigkeiten.[9] Die Zwischen- und Fernhändler interessierten sich für das Handelsgut Mensch mit messbaren Eigenschaften. Kategorien wie Herkunft, Alter, Geschlecht oder Belastbarkeit waren Preisfestsetzungskriterien. Die Überführung in den Bürgerhaushalt zwecks Eigenbedarfs suggeriert den Anfangsverdacht einer größeren Subjektivität. Naheliegender Anhaltspunkt zur Überprüfung dieser These ist die Notariatsurkundenanalyse im Cluster. Hier konnte Juliane Schied über die Methodik der Historischen Semantik eine Fallanalyse starten, in der sie notarielle Beglaubigungen des venezianischen Notars Bernardo de Rodulfis aus den 1390er Jahren als Vergleichsobjekte heranzog für uneditierte Kaufurkunden aus dem Staatsarchiv Venedig, die von verschiedenen Notaren zwischen 1363 und 1469 abgefasst wurden.[10] Grundsätzlich gehörten zum Agens sowohl der Vorbesitzer als auch dessen Erbe.[11] Eine weitere Eigenart bestand darin, dass nur der Verkäufer im Rechtsakt aufgeführt wurde. Zeugen und Notar lieferten mit ihrer Unterschrift die Rechtsgültigkeit der Übertragung. Der Zusatz presente[12] lässt jedoch die Schlussfolgerung zu, dass bei der rechtskräftigen Unterzeichnung der Vereinbarungen gelegentlich der Käufer eben präsent war. Ohnehin war inhaltlich ausschließlich die Übertragung der Rechte und Ansprüche an dem Sklaven oder an der Sklavin an den neuen Eigentümer geregelt, wie nachfolgender Auszug verdeutlicht:

Promittens insuper cum meis heredibus et successoribus vobis et vestris heredibus et sucessoribus eun dem sclavum/eandem sclavam ab omni homine, persona, comuni, colegio, societate, universitate que vos impedire aut molestare voluerit, coram lege vel extra legem, deffendere, auctorizare, guarentare, disbrigare meis propriis laboribus, sumptibus et expensis.[13]

In den Kaufurkunden kann aufzeigt werden, dass ohne Ausnahme die Anfangs- und Schlussformel (…plenissimam…pro anima et corpore…) enthalten sind. Die vollständige Verfügungsgewalt über den Sklaven oder die Sklavin war in deren Formulierung eine sakrosankte Passage, wohingegen die Spezifizierungen dieser Verfügungsgewalt in der Semantik eine sprachliche Spannweite vorweisen konnten, offenbar dem Individuum oder dem Einzelfall geschuldet.Interessant war in der Schlussformel mit der Passage pro anima et corpore iudicandi das Rechtsverständnis, wonach der versklavte Mensch keiner Gerichtsbarkeit unterstellt war. Letztlich konnte der neue Besitzer auch die volle Verfügungsgewalt über die Verwendung in Anspruch nehmen (quicquid vobis placuerit faciendi, nemine contradicente).[14]

 

1386 … Der Senat macht Unterschiede bei den Unfreien!

Die einheitlichen Formalien in der Schriftkultur bezüglich des menschlichen Besitzstandes spiegelten sich nicht realiter in der Wahrnehmung der venezianischen Behörden wider. Die capisestieri, venezianische Liktoren, achteten mit Argusaugen darüber, dass Menschen aus den balkanischen Gebieten nördlich von Korfu weder weiterveräußert noch aus Venedig verschifft werden durften ohne Registrierung oder ausdrückliche Genehmigung. Auch Zugereiste mussten sich wenige Tage nach ihrer Ankunft bei den capisestieri melden zur amtlichen Kennung. Seit 1386 wurden diesen unfreien Migranten explizit nicht mehr als Sklaven bezeichnet, sondern als anime[15]. In einem Senatsbeschluss des gleichen Jahres wurde detailliert über die Bedingungen zur Einfuhr sogenannter anime über die Adria ein Beschluss gefasst. Offenbar sollten auf venezianischem Hoheitsgebiet – und Korfu gehörte im Spätmittelalter zu den Eintrittssphären der Seerepublik – Sonderbestimmungen die Arbeits- und Lebensbedingungen der Migranten verbessern. Als Gegenleistung für diese Sonderbehandlung mussten die anime für die Überfahrt eben nach Venedig ein Entgelt zahlen, dass sie für eine festgesetzte Dienstzeit vor Ort als Hausangestellte abarbeiten konnten. Gab es Gründe für diese Differenzierung? Susan Mosher Stuard vertrat, wenn auch nur auf Seerepublik Ragusa beschränkt, die These, wonach die Transformation der Sklaverei in die zeitlich befristete Vertragsarbeit keine wesentlichen Verbesserungen brachte, wohingegen der kroatische Historiker Neven Budak einen Ausgangspunkt für das stärkere Bewusstsein der zumindest moralischen Verwerflichkeit der Sklaverei sah.[16] Und in der Tat gehörte die Sklaverei zu den wenig harmonischen Realitäten bei den Renaissancegelehrten. Die mit der Renaissance einhergehende Aristoteles-Rezeption warf auch auf die Sklaverei Schatten. Der Gelehrte Thomas von Aquin argumentierte scholastisch an der naturrechtlichen Begründung des Sklavenstatus. Auch die renovatio des römischen Rechts an den italienischen Universitäten konnte dieses erweiterte Naturgesetz nicht verdrängen, zumal mit der Renaissance auch das Vordringen des öffentlichen Notariats verbunden war.[17] Tagespolitische Ereignisse waren jedoch ganz pragmatische Förderer dieser venezianischen Beschlussfassung von 1386. Im Frieden von Zadar 1358 verlor die Markusrepublik ihre dalmatinischen Besitzungen, Nordkroatien von der Kvarner-Bucht bis zur Bucht von Kotor sowie Küstengebiete im heutigen Albanien. Absatzmärkte, aber auch Brückenköpfe in das balkanische Festland waren verloren. Nachdem der für den Dogen wichtige Handelspartner Split aufgrund der angespannten Lage um billige Arbeitskräfte ein Ausfuhrverbot für Sklaven verfasste, zog die Serenissima nach, als es 1386 unmissverständlich im Senatsbeschluss hieß:

Item cridetur quod aliquis non possit cum aliquo navigio de dictis animabusconducere vel conduci facere ad aliquas partes causa vendendi vel alienandi vel aliter dimitendi de animabus predictis contra id quod dictum est supra, nec extrahere de Venetiis modo aliquo, forma vel ingenio.[18]

Wer nun das statuierte Verkaufsverbot mit Nichtbeachtung torpedierte, der wurde nicht nur mit einer Geldbuße belegt, sondern dem Delinquenten drohten in der Markusstadt zudem noch sechs Monate Gefängnis:

Pro contrafaciendo predictis vel alicui predictorum sub pena predicta librarum centum et standi sex menses in carzeribus pro qualibet testa in qua fuerit contrafactum.[19]

Immerhin zeigte sich hier auch ein modernes Rechtsverständnis bei den Senatoren, als sie im apodiktischen Duktus darauf hinwiesen, dass die unrechtmäßig gehandelte Person umgehend freizulassen wäre:

(…), itaque ille qui vendidit teneatur omnino restituere suos denarios illi vel illis qui emerunt ut est justum, et quod illa anima sit libera et franca sicut debet esse.[20]

Ähnlich dem Abgabensystem der Seerepublik Ragusa (Verwechslungsgefahr mit dem sizilianischen Ragusa!), deren Zentrum das heutige Dubrovnik bildete, differenziert der venezianische Senat wie folgt bei den Überführungskosten über die Adria:

(…) pro nabullo et expensis habere debeat ab ipsis ducatos sex pro qualibet testa ab annis X supra; (…) Item ordinetur quod de animabus ab annis X infra pro nabullo et expensis solvere debeant ductos tres, (…).[21]

Die venezianischen Händler konnten also für jeden anime, der mindestens 10 Jahre war, sechs Dukaten verlangen, die jüngeren anime mussten hingegen nur drei Dukaten für die Überfahrt bezahlen. Diese Fallunterscheidung lässt bereits vermuten, dass ein Großteil dieser anime noch im Kindesalter war. Ein weiterer Grund für die Einführung eines Fahrpreises lag in dem Umstand, dass venezianische Händler zum Beispiel in der Seerepublik Ragusa hohe Exportgebühren für die Ausfuhr zu zahlen hatten und durch diesen Beschluss eine amtlich attestierte Amortisierungsmöglichkeit erhielten. Interessant ist nun, dass offenbar die Moralethik aus der renovatio heraus Widerhall findet im Senatsbeschluss von 1386. Die venezianischen Senatoren formulierten wie folgt:

Quia sunt multe anime (…) leviter vendite sunt et vendi possent et tractari pro sclavis, quod esset pessime factum et contra Deum et honorem nostril dominii, (…). (…), quod ista venditio facta contra Deum et omnem equitatem destruatur et anichiletur, (…).[22]

Ob moralische Bedenken das auslösende Moment darstellten, ist vage in der dogmatischen Formulierung, zumindest den daran Beteiligten war die juristische Grauzone bewusst, da man sich moralisch abzusichern versuchte, indem man die klerikalen Diskurse gegen den Handel mit getauften Christen richtete und die wahrhaftig Gläubigen zu freien Menschen erklärte.

Resümee

Es liegt in der Natur der Dinge, dass der Grad der Verschriftlichung mit zunehmender geschäftlicher Obligation korrespondierte. Ergreifung, Weiterveräußerung und Besitznahme für den Besitzstand kennzeichneten den mediterranen Sklavenhandel. Die Transformation vom Beutegut zum Handelsgut brachte für das Patiens keinen Vorteil, aber in den Quellen nehmen nun quantifizierbare Charaktereigenschaften zu hinsichtlich der zweckgebundenen Weiterveräußerung über den Zwischenhändler an den Verkehrsknotenpunkten des spätmittelalterlichen Mittelmeerraumes respektive Schwarzmeerraumes. Nach dem Handelsgut erfolgte dann die Überführung in die unfreie, der juristischen Person fernstehenden Inbesitznahme durch das neue Agens, der mit der notariellen Beglaubigung alle Rechte übertragen bekam. Der unpersönliche Tenor ist dabei bewusst in die Semantik integriert, da in der Renaissance Oberitaliens der Sklave schon bei Thomas von Aquin als instrumentum bezeichnet wird. Ohnehin blieb im Rahmen der renovatio eine generalisierende Rechtsneusetzung bezüglich servitialer Abhängigkeiten aus, vielmehr sah sich das Notariatswesen in der Schaffung kodifizierter Anfangs- und Schlussformeln einer diplomatischen renovatio verpflichtet. Nur so lässt sich erklären, dass in den oberitalienischen Handelsstädten nach Schätzungen bis zu 10 Prozent einen Sklavenstatus besaßen im Spätmittelalter, und dieser Prozentsatz übertraf den Sklavenanteil in Städten der amerikanischen Südstaaten im 19. Jahrhundert.[23] Immerhin erfolgte ob dieses moralischen Diskures eine rechtlich abgestufte Kategorisierung, die in den anime zum Ausdruck kam, tagespolitisch aber auch durch weitere Faktoren begünstig wurde wie die Kompensation an Menschenmaterial durch die Pestwellen des Spätmittelalters oder die bloße Übernahme ostadriatischer Entscheidungen durch den venezianischen Senat. Die Summe aus charakteristischen Textbausteinen, dem Bewusstsein für die semantischen Rollen in den venezianischen Notariatsurkunden und der Senatsbeschluss von 1386 zur Unterscheidung zwischen unfreien Arbeitsmigranten namens anime, die über die Adria kamen und den klassischen Sklaven aus den Einzugsgebieten des Ionischen oder Schwarzen Meeres lassen das venezianische Menschenhandelsystem in eine Schnittstelle geraten, aus der heraus die unfreien Arbeitsmigranten (oft mit bosnischen Wurzeln) zu zeitlichen limitierten Arbeitsknechten wurden, und das Anti-Sklaverei-Potential der Renaissance süffisant umschifft werden konnte.

[1] Vgl. hierzu u.a. The Slaves of St Petersburg im norwegische Fußballmagazin Josimar, abrufbar unter http://www.josimar.no/artikler/the-slaves-of-st-petersburg/3851/.

[2] Vgl. hierzu Haverkamp, Alfred, Die Erneuerung der Sklaverei im Mittelmeerraum während des hohen Mittelalters. Fremdheit, Herkunft und Funktion, in: Hermann-Otto, Elisabeth (Hrsg.), Sklaverei, Knechtschaft, Zwangsarbeit, Untersuchungen zur Sozial-, Rechts- und Kulturgeschichte, Band 1: Unfreie Arbeits- und Lebensverhältnisse von der Antike bis in die Gegenwart, Hildesheim/Zürich/New York S. 130ff. und Schiel, Juliane, Sklavennahme in der Seerepublik Venedig, in: Sauer, Michael u. a. (Hrsg.), Geschichte in Wissenschaft und Unterricht GWU 65, 2014, Heft 9/10, S. 586-599.

[3] Vgl. hierzu Stuard, Susan, Urban Domestic Slavery in Medieval Ragusa, in: Journal of Medieval History 9, 1983, S. 155-171 und Schiel, Juliane, Sklavennahme, a. a. O., S. 588f.

[4] Vgl. hierzu Schiel, Juliane, Sklavennahme, a. a. O., S. 589.

[5] Vgl. hierzu Jucker, Michael, Geraubte Gaben, Verschwiegene Vergangenheit, Hoch- und spätmittelalterliche Geschenk- und Kirchenpolitik mit Objektenj aus Byzanz und Burgund, in: Grünbart, Michael (Hrsg.), Geschenke erhalten die Freundschaft, Gabentausch und Netzwerkpflege im europäischen Mittelalter, Akten des internationalen Kolloqiums Münster, 19.-20. November 2009, Berlin 2011, S. 94.

[6] Vgl. hierzu die Akten des Matteo de Andronicis: ASVe, Cancelleria Inferiore, Notai, b. 6, n. 23 (1423-1429). Im Bestand ASVe, Cancelleria Inferiore – Miscellanea notai diversi, b. 134 bis, n. 29 wird konkret dem Adligen Andrea Barbaro eine Russin zugeführt zum Preis von 70 Golddukaten. Die Aktennotationen können eingesehen werden bei Schiel, Juliane, Sklavennahme, a. a. O., S. 590.

[7] Vgl. hierzu Dorini, Umberto/Bertelé, Tommaso (Hrsg.), Il libro dei conti Giacomo Badoer, Constantinopoli 1436-1440, Rom 1956, S. 272.

[8] Vgl. hierzu Schiel, Juliane, Sklavennahme, a. a. O., S. 590.

[9] Vgl. hierzu Schiel, Juliane, Sklavennahme, a. a. O., S. 591.

[10] Vgl. hierzu Schiel, Juliane, Sklavennahme, a. a. O., S. 593.

[11] Vgl. hierzu Schiel, Juliane, Sklavennahme, a. a. O., S. 593.

[12] Vgl. hierzu den Bestand ASVe, Canc. Inf., Misc., b. 134 bis, n. 44 (6-11-1469).

[13] Vgl. hierzu Schiel, Juliane, Sklavennahme, a. a. O., S. 594.

[14] Vgl. hierzu Schiel, Juliane, Sklavennahme, a. a. O., S. 595.

[15] Vgl. hierzu zur Begrifflichkeit Prinzing,, Günter, Zu einigen speziellen „Sklaven“-Belegen im Geschichtswerk des des Byzantiners Ioannes Skylitzes, in: Bellen, Heinz/Heinen, Heinz (Hrsg.), Fünfzig Jahre Forschungen zur antiken Sklaverei an der Mainzer Akademie, 1950-2000, Stuttgart 2001, S. 353-362.

[16] Vgl. hierzu Stuard, Susan Mosher, Urban Domestic Slavery in Medieval Ragusa, in: Journal of Medieval History 9 (1983), 155-171 und den Anmerkungsapparat von Juliane Schiel bezüglich des Historikers Neven Budak, in: schiel, Juliane, Südost-Forschungen?

[17] Vgl. hierzu Haverkamp, Alfred, Die Erneuerung der Sklaverei, a. a. O., S. 136.

[18] Vgl. hierzu den Bestand ASVe, Capitolare de magistrato, capitum sexteriorum, fol. 25; Signori di Notte al Civil, b. 1, Capitulary A, fol. 23r-24v (22-11-1386).

[19] Vgl. hierzu den Bestand ASVe, Capitolare de magistrato, capitum sexteriorum, fol. 25; Signori di Notte al Civil, b. 1, Capitulary A, fol. 23r-24v (22-11-1386).

[20] Vgl. hierzu den Bestand ASVe, Capitolare de magistrato, capitum sexteriorum, fol. 25; Signori di Notte al Civil, b. 1, Capitulary A, fol. 23r-24v (22-11-1386).

[21] Vgl. hierzu den Bestand ASVe, Capitolare de magistrato, capitum sexteriorum, fol. 25; Signori di Notte al Civil, b. 1, Capitulary A, fol. 23r-24v (22-11-1386).

[22] Vgl. hierzu den Bestand ASVe, Capitolare de magistrato, capitum sexteriorum, fol. 25; Signori di Notte al Civil, b. 1, Capitulary A, fol. 23r-24v (22-11-1386).

[23] Vgl. hierzu Haverkamp, Alfred, Die Erneuerung der Sklaverei, a. a. O., S. 139.

Abbildungsverzeichnis:

Abbildung 1:

Der Islam und die Weltgeschichte der Sklaverei

 

Abbildung 2:

https://www.veneto.beniculturali.it/istituti-periferici/archivio-di-stato-di-venezia

abgerufen am 28.07.18.

Abbildung 3:

http://www.wikiwand.com/de/Goldene_Horde

abgerufen am 28.07.18.

Abbildung 4

http://westafrikaportal.de/sklavenhandel.html

abgerufen am 28.07.18.