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Spätantike Grabbeigaben als Indikatoren für eine interkulturelle Kommunikation

Spätantike Grabbeigaben als Indikatoren für eine interkulturelle Kommunikation

 

Inhaltsverzeichnis

Ein Gräberfeld … Antworten oder Fragen für den Archäologen?

  • Die Männergräber von Gültlingen … Eine Bestandsaufnahme zum Start
  • Die Grabbeigabe … Ein Gradmesser für den kulturellen Austausch in der Spätantike?
  • Mit dem Goldhelm nach Byzanz. Und andernorts?
  • Die Goldgriffspatha … Statussymbol einer alamannischen Kriegerkaste in der Spätantike
  • Versuche konkreter Datierungen
  • Neue Gräber braucht das Land … Eine Grabrede mit Ausblick
  • Anhang
  • Quellen und Literatur
  • Zugaben

 

I. Ein Gräberfeld … Antworten oder Fragen für den Archäologen?

Wenn eine Ausgrabung zum Erfolg führt, dann ist es mit einer Reputation der daran Beteiligten verbunden. Werden die Fundmaterialien über die Grenzen hinaus in der Fachwelt als Maßstabsvorgabe für Kategorisierungen und dergleichen genommen, dann ist der Archäologe in den Zitaten der Fachwelt unsterblich. Hier steht ein Gräberfeld nicht außen vor. Denken wir hier nur an Viktor Sarianidi und den Goldschatz von Baktrien. Der Geburtsfehler der Männergräber von Gültlingen, die 1889 und 1901 entdeckt wurden, lag in dem unprofessionellen Grabaushub. Bis heute kann nicht mit endgültiger Sicherheit die Vollständigkeit der vorliegenden Grabbeigaben gewährleistet sein. Es geht in dieser Arbeit aber um die vorliegenden Utensilien, und hier ragen natürlich die kunsthandwerklich schönen Goldspathen und der Goldhelm heraus, die in der Ausarbeitung einen besonderen Stellenwert erhalten werden. Darüber hinaus wird eine Spurensuche zu den Wurzeln dieser exponierten Grabbeigaben vollzogen werden und Vergleichsausgrabungsgegenstände zur geographischen und zeitlichen Datierung herangezogen. Ob dann Fragen beantwortet werden nach Ursprung und Vertrieb dieser Grabutensilien, bleibt abzuwarten. Aber die Bezüge zu überregionalen Interaktionen sollen herausgestellt werden, damit die Grabbeigaben als solche wie ein Spiegelbild kultureller Interaktionen interpretiert werden können. Im vorliegenden Fall gilt es damit ein Brückenschlag zu finden zum mediterranen Raum oder Diskursthemen zu gewichten, nicht ohne auf eine eigene Meinung zu verzichten.

II. Die Männergräber von Gültlingen … Eine Bestandsaufnahme zum Start

Abb. 1: Die Goldgriffspatha von 1889.

1889 und 1901 wurden im Einzugsgebiet der Gemeinde Gültlingen im Landkreis Calw in Baden-Württemberg zwei Männergräber auf dem Gräberfeld Flonheim-Gültlingen entdeckt, deren Inventare – trotz unsachgemäßer Bergung – in Ausstattung und Interpretation für den spätantiken Besiedlungsraum am Schwarzwaldrand und für die   Stufentypisierung des frühmittelalterlichen Archäologen Joachim Werner von tragender Bedeutung wurden.[1] Ein erstes Männergrab wurde 1889 in Gültlingen in einer Tiefe von ungefähr 3 Metern entdeckt. Als herausragende Grabbeigabe kann dabei die Goldgriffspatha angesehen werden, einem zweiseitigen Hiebschwert mit Goldblechüberzug des Griffes (Abb. 1).[2] Weder der Knauf noch die Knaufstange der Spatha blieben erhalten, und detailgetreue Rekonstruktionen wären auch nicht möglich gewesen, da die Spathen nicht über Charakteristika hinsichtlich der Knaufform verfügten. Das Griffmaterial konnte sich – da organischer Natur – nicht halten. Auch die Goldblechverkleidung lässt keine konkreten Aussagen diesbezüglich zu. Lediglich die damalige ovale Querschnittsform des unbearbeiteten Goldbleches kann als Anhaltspunkt genommen werden. Dieses Charakteristikum ist aber keine Gewähr für Sattelfestigkeit.

Abb. 2: Die Goldgriffspatha von 1901.

Mit größerer Gewissheit lässt sich auf Grundlage einer spektralanalytischen Untersuchung die Goldmaterialherkunft formulieren, und hier wird Waschgold aus dem Oberrhein vermutet.[3] Die Möglichkeit muss jedoch Berücksichtigung finden, wonach das Waschgold ursprünglich aus anderen Regionen kommt, da durch den Rheinfluss das Waschgold bis in oberrheinische Gefilde wandern konnte. Die fünf Wülste zur Goldblechunterteilung sind jeweils mit Punkten ausgeschmückt. Ob die Klinge damasziert war, konnte in Methode radiologisch nicht nachgewiesen werden, allerdings scheinen der Grad des Erhaltungszustands und die bedingte Nachweisbarkeit zu korrelieren. Hintergrund dieser Annahme ist der für die Spatha von 1901 existierende dreibahnige Winkeldamast.[4] Das Scheidenmundblech ist aus Silber und verfügt über ein nielliertes[5] Grätenmuster. Es ist nicht umschließend. Von hohem handwerklichem Verständnis zeugen die zwei noch existierenden Scheidenziernieten, bei denen die Nietstifte rechtwinklig umgeschlagen sind. Da die Nieten durch das Scheidenholz geschlagen und im Innern umgebogen wurden, konnte die Zusammenführung der beiden Scheidenhälften nach praktikablem Maßstab erst im Anschluss erfolgt sein. Auch von filigranem Kunsthandwerk durchsetzt, das silberne Ortband hält die beiden Holzscheidehälften zusammen. Das obere Ende des Ortbandes ist vergoldet, am unteren Ende ist es mit einer silbernen Zwinge versehen. Erwähnenswert ist dabei der eiserne Knopf, von Wilfried Menghin, einem Schüler des Archäologietitanen Joachim Werner, als Stoßknopf bezeichnet.[6] Gegenwärtig als Alleinstellungsmerkmal in den zugänglichen Spathensammlungen anzutreffen ist die Verarbeitung eines vorderen Bleches und eines hinteren Blechstreifens, zumindest nachgewiesen und in Rekonstruktion bei Dieter Quast anzuschauen.[7] Die Riemenzüge der Scheide sind bronzevergoldet und mit runden Almandinen besetzt. Zudem verfügen sie über Silberleisten und waagerechte Silberblechstreifen.

Als erwähnenswert sind noch mit einer Schnalle, einem silbergefassten Almandin, Keramik und einer Steinfigur weitere Grabbeigaben von 1889 zu nennen. Die vergoldete Silberschnalle verfügt mit einem langen, schmalen Dorn über ein Charakteristikum, passend zur Childerichzeit. Die feinen Punzverzierungen am Schnallenbügel erinnern an spätrömisches Kunsthandwerk. Ob die Schnalle in Kopie produziert oder mit byzantinischer Provienence ausgestattet, bleibt unklar. Zumindest als weiteres Indiz für den byzantinischen Brückenschlag brauchbar: Der Beschlag mit einem tiefen Kerbschnittmuster besitzt eine provinzialrömische Note. Hier kann das endende fünfte Jahrhundert als Datierung angesetzt werden.[8] Schwierig und einzigartig zugleich, doch der Almandin von 1889 kann als maßstäbliches Datierungsmittel nicht zu Rate gezogen werden, da die Anzahl der Vergleichsstücke keine signifikanten Schlussfolgerungen zulässt. Die Steinfigur ist sogar ein Unikat für das alamannische Einzugsgebiet, vermutlich ein Überbleibsel aus einem römischen Haushalt in Gültlingen. Das Bronzeglockenfragment ist für die Merowingerzeit nicht unüblich, aber auch kein Stück Seltenheitswert und schon in der römischen Kaiserzeit verwendet, daher kann auch hier keine Datierung vorgenommen werden.[9]

Abb. 3: Das Grab von 1901.

Abb. 4: Der Helm aus dem Grab von 1901

 

 

 

 

 

 

 

 

Das Grabinventar des 1901 entdeckten Fürstengrabes, auch Helmgrab genannt, war von reichlicher Ausstattung, denn neben der Goldgriffspatha waren dem Bestatteten ein Spangenhelm, ein ornamentierter Gürtel mit Sepiolithgürtelschnalle, eine kleine Glasschale und ein Taschenverschluss beigelegt. Hinzu kamen eine Lanze, ein eiserner Schild und eine Wurfaxt als fürstliche Statussymbole, wenigstens aber als Rangabzeichen von Verdienten im Heergefolge des Fürsten (Abb. 3). Ähnlich der Spatha von 1889 werden nun einige Charakteristika für den Helm aufgelistet, um der punktuellen Bestandsaufnahme Genüge zu tun. Der Helm (Abb. 4) ist der Typisierung nach Baldenheim zugehörig[10], mit Kupferspangen versehen und mit Eisenplatten vernietet. Die Helmform ist halbrund, versehen mit sechs vergoldeten Kupferspangen, einer Scheitelplatte mit einem Zimierstift und einer Zimierhülse. Im Aufbau als Ausartung gegenüber anderen Vertretern angesehen oder als Indiz für eine in Professionalität geringe Ausbesserungstechnik interpretiert, ein weiteres Nietloch ist bei jeder Kupferspange gesetzt. Zumindest ist es für ein Alleinstellungsmerkmal im Helmbestand der Spätantike dienlich, so wie die am Helm befindlichen Haarreste.

Abb. 5: Das Stirnband aus dem Grab von 1901.

Das Stirnband ist ausvergoldetem Kupferblech (Abb. 5). Die Wangenplatten sind aus mit vergoldetem Kupferblech verkleideten Eisenplatten. Die Spangen verfügen über im Muster verschiedenartige Perl- und Hakenpunzen, allesamt blattvergoldet.

III. Die Grabbeigaben … Ein Gradmesser für den kulturellen Austausch in der Spätantike?

III.I. Mit dem Goldhelm nach Byzanz. Und andernorts?

Die Diskurse über die Herkunft der Spangenhelme beantworten bereits die Frage nach dem Gradmesser, zumindest in der Existenz. Die Ausprägung und die eindeutige Zuordnung sind die fachlichen Unsicherheitsfaktoren, also das belastend Apodiktische in der Archäologie. Die Helme vom Typ Baldenheim werden unisono in die Merowingerzeit eingeordnet. Bereits 1903 gab es erste Hinweise in der Fachliteratur, die eine Verbindung von Spangenhelm und orientalischer Helmform sahen, aber erst mit Joachim Werner erfolgte 1935 eine fundierte Deutung in Richtung Byzanz oder Norditalien als Produktionsstätten der kupfernen Spangenhelme. Werner konnte durch die Vorlage mesopotamischer Helmurformen die Verbindung zum Typ Baldenheim aufzeigen. In den byzantinischen Werkstätten liegt demnach die patriam originis. Nach weiteren Helmfunden aus dem Einzugsgebiet der Byzantiner wird heute allgemein anerkannt, dass der byzantinische Ursprung der Spangenhelme vom Typ Baldenheim als archimedischer Punkt im Schlussfolgern zulässig ist.[11] Vorstellbar ist, dass bei dieser Helmart Gastgeschenke, höhere Handelsgüter oder der Beutetausch die Ursachen bilden für das Vorhandensein der Helme nach Typ Baldenheim mit byzantinischen Produktionswurzeln im merowingischen Einflussgebiet. Schauen wir uns doch einfach die Argumente für eine byzantinische Anatomie an zur Verstärkung des interkulturellen Austausches.

Funde im libyschen Leptis magna oder im dalmatinischen Narona lassen erkennen, dass die „Baldenheimer Vorfahren“ auf byzantinischem Hoheitsgebiet hergestellt wurden oder wenigstens in dessen unmittelbarer Sphäre. Auch die Stirnbänder können zur Brückenbildung herangezogen werden, da Werkstättengleichheit oder –typus vorliegen könnten. Für einen im burgundischen Chalon aufgefundenen Helm kann eine Beziehung zu einem Helm aus dem mazedonischen Heraclea Lyncestis hergestellt werden und zwar genau über die matrizenverzierten Stirnbänder.[12] Eine Verstärkung der Interkulturen und der großarealen, konvergierenden Kunsthandwerkstätten finden sich in zwei byzantinischen Armbändern. Zum einen besitzt ein ägyptisches Armband einen bandförmigen Mittelteil, der matrizenverziert ist und eine Ähnlichkeit zum Helm aus dem kroatischen St. Vid aufweist, so wie ein zweites aus Latakaia in Syrien stammendes Armband mit einem matrizenverzierten Mittelteil (Abb. 6). Auch die Abbildung auf einem Silberteller aus Verona ist

Abb. 6: Das Armband aus Latakaia.

vielversprechend, denn der dort abgebildete byzantinische Archon trägt nach Meinung der Fachwissenschaftler einen Helm vom Baldenheimer Typus, mit seitlichen Spangen versehen und in die Übergangszeit von der Spätantike zum Frühmittelalter datiert.[13] Das byzantinische Militär trug – zumindest in exponierter Stellung – den Spangenhelm vom Baldenheimer Typus.

Kann eine derartige Verbindung auch zu den Ostgoten geknüpft werden? Geographisch ist diese Verbindung theoretisch erfüllt, denn die Ostgoten von Theoderich über Totila bis Teja lagen in direkter Nachbarschaft zu den Burgundern und Alamannen. Darüber hinaus gab es indirekt über die militärischen Konflikte und Allianzen zu den Byzantinern mit praktischer Lebensnähe den zwingenden Austausch. Und spätestens nach der Schlacht am Milchberg 552 n. Chr. wurden auf Betreiben Justinians Ravenna und Rom formell Konstantinopel unterstellt. Kunsthandwerklich kann dieser Austausch konkretisiert, sogar auf mögliche italienische Produktionsstätten hin argumentiert werden. Und hierfür tragen nach einem Aufsatz des Archäologieurgesteins Joachim Werner Ravennater Sarkophage, u. a. Münzbilder des Ostgoten Totila oder Bügelfibeln und Münzen nördlich der Alpen – und damit ein direkter Bezug zu Gültlingen – Verantwortung.[14] Die Ravennater Sarkophage sind lediglich ein praktischer Beleg für die Übernahme dieser Kunsthandwerke, da die dort vorliegenden Stirnbänder keinen lokalen Beschränkungen unterstanden, sondern gängiges und überregionales Kunsthandwerk im mediterranen Raum darstellten.[15]

Abb. 7: Die Münze des Theodahat.
Abb. 8: Die Münze des Totila.

Von wenig überzeugender Argumentationskraft scheinen auch die Münzbilder der ostgotischen patricii Theodahat (534 – 536) (Abb. 7) und Totila (542 – 552) (Abb. 8) zu sein, da deren Helmformen den Spangenhelmen ähneln. Allerdings ist aus Diskursen auch die Interpretation als Krone herauszuhören und damit zulässig.[16] Da Verbindungen zur Bügelkrone, dem Kamelaukion möglich sind, ist eine kategorische Trennung von Krone und Helm lediglich dogmatisch und damit einschränkend. Dieser Pfad wird hier nicht weiter beschritten. Der Erkenntnispfad über die Kupfermünzen des Theodahat bleibt steinig. Der Nackenschutz und die Wangenklappen fehlen unwiderruflich auf den Münzbildern, zumindest liegt keine klare Erkennung vor. Und das bei diesen Helmcharakteristika? Nein, denn vielmehr wird es sich hier um eine Krone handeln nach byzantinischem Muster, da die zeitgenössischen Kaiser in Konstantinopel ebenfalls in diesem Typus verbildlicht waren. Theodahat wird sicher keine Abneigungen gehegt haben nach Anblick dieser bildlichen Parallelen, zumal er – wenigstens indirekt – über seine Förderin Amalasuntha, Tochter Theoderichs des Großen, in diplomatischem Kontakt zu Konstantinopel stand. Auch hier bleibt das Fazit, dass italienische Produktionsstätten nicht zwingend über die Münzen abgeleitet werden können. Sie führen nicht zum Ziel. Aber vielmehr scheint das gesamte Mittelmeergebiet in der Spätantike bezüglich des Warenaustausches und der kulturellen Ausrichtung nicht an der byzantinischen Hausmacht in Vorbeigang oder fatalistischer Konkurrenz gelebt zu haben. Die zahlreichen Militärinterventionen der Oströmer während der ostgotischen Agonie – u. a. durch den oströmischen General Belisar –  zeigen in der Spätantike ein byzantinisches Verständnis von Schutzmacht. Und dieses Verständnis wurde vom patricius der Ostgoten kopiert. Schon die Quantität der Helmfunde spricht gegen eine einheimische Produktion. Und das gilt in Weitergabe für das alamannische Einzugsgebiet, also auch für Gültlingen. Wanderarbeiter kommen nur theoretisch im merowingischen Einzugsgebiet als Produzenten vor Ort in Frage, aber das Ausmaß der Spezialisierung lässt diese Berücksichtigung praktisch nicht zu. Auch hätten die Produktionsstätten im alpinen Vorland durch eine Weitervererbung und –entwicklung in der Produktion Nachfolgemodelle angeboten für die ohnehin handverlesene Abnehmerklientel. Weder Belege noch Funde können für die lokale Produktion dieser Helme verarbeitet werden. Die byzantinischen Werkstätten sind naheliegend als Verortung des Baldenheimer Typus anzusehen. Warum nun byzantinische Helme auf germanischem Boden vorzufinden sind, lässt sich in toto nicht erklären. Sicher ist, dass die Träger dieser Helme sozial höher gestellte Personen waren und in diesen Helmen eine Schutzfunktion, ein taktisches Orientierungszeichen oder einfach nur eine Herrschaftsinsignie zu suchen sind.

III.II. Die Goldgriffspatha geht auf Reisen … Statussymbol einer Kriegerkaste in der Spätantike

Unabhängig von den Produktionsstätten, der Inhaber einer Goldgriffspatha gehört einer verdienten Kriegerkaste an, steht in der Militärhierarchie auf honoriger Plattform oder identifizieren den Träger – wie einst die Liktoren mit den Fasces – als Amtsperson im jeweiligen Wirkungskreis. Bezogen auf diese Thematik, können die Spathen facettenreich interpretiert werden als Modeaccessoire des Hochadels in der Spätantike, als Insignie hochrangiger Militärs oder als Zeichen politischer Zweckbündnisse zwischen Alamannen, Franken und Ostgoten. Die Spekulationsblase sollte jedoch verringert werden hinsichtlich einer fachlich belastbaren Interpretation. Nicht nur abwegig, sondern auch nicht von der Hand zu weisen, die Schwerter können als ein Abbild von Gefolgschaften gedeutet werden, wie auf Prunkhelmen aus dem skandinavischen Raum ersichtlich.[17] Die bisherigen Spathen sind – schauen wir auf das Rhein-Main-Mündungsgebiet – faktisch verschieden gestaltet und somit – nur auf Grundlage der Quantität der Funde – nicht als Massenware oder zeremonielle Festivitätenbeigabe zu interpretieren. Das Schwert war eine ranghohe Waffe, qualitativ hochwertig und oft mit dem Träger in Personalunion – siehe Arthurs Excalibur. Lokale Produktionsstätten werden in der Fachwissenschaft für die Spathen genehmigt, denn die Schwerter aus den südlicheren Fundorten sind vor der merowingischen Oberhoheit als Grabbeigabe platziert worden. Damit können diese Funde herangezogen werden als punktuelles Spiegelbild späteströmischer, randprovinzialer Militärstruktur. Es ist auch naheliegend, dass im Bereich der Provinz Germania prima Alamannen für ihren römischen Dienst ausgezeichnet wurden und Produktionsstätten im alamannischen Gebiet, die in Wechselwirkung von spätrömischer Kunsthandwerkstradition und östlicher Almandinkunst standen.[18] Horst Böhme hingegen vertritt den Standpunkt, wonach die Helme von mediterraner Herkunft sind wegen der cloisonnierten Schwertgürtelschnallen.[19] Auch die Datierungszeit lässt Schlussfolgerungen zu. Es ist damit weniger die Vergrabungszeit gemeint, vielmehr die zeitliche Zuordnung der Produktion. Grabbeigaben können im Vorfeld über Generationen den Besitzer wechseln. Die Gräber von 1889 und 1901 in Gültlingen werden in die zweite Hälfte des 5. Jahrhunderts datiert. Und damit können fränkische Einflüsse ausgeschlossen werden, denn erst mit der Bekehrungsschlacht bei Zülpich 496 unter dem Salfranken Chlodwig beginnt die nachhaltige Vernichtung oder Assimilation der Alamannen, die sich bis zur Schlacht bei Straßburg 506 hinziehen wird.[20]

III.III. Versuche konkreter Datierungen

Grundsätzlich werden die Männergräber von Gültlingen in die Stufe Flonheim-Gültlingen eingeordnet, also der Zeitspanne von 450 – 510 zugehörig.[21] Die Goldgriffspatha von 1889 gehört in die alamannische Gruppe von Grabbeigaben, die aus den Zeiten des Childerich oder Chlodwig stammen. Hier treten – im Gegensatz zum fränkischen Grabraum – keine cloisonnierten Knäufe und Knaufstangen auf. Die Spatha weist durchaus Parallelen zu anderen Funden auf, denn auch die Spatha aus Rommersheim war – und nur diese – zur Goldblechgrifffestigkeit mit kleinen Nägeln versehen, die sich nur noch im Röntgenbild erkennen lassen. Rommersheim gehört allerdings zur fränkischen Gruppe. Möglich ist, dass in diesen beiden speziellen Fällen die Goldblechverkleidung erst im Bestattungsritus Verwendung fand.[22] Mit relativer Sicherheit kann für einen Großteil der alamannischen Gruppe das Rheinwaschgold als Ausgangsmaterial angenommen werden, zumindest die Funde in Sindelfingen und Pleidelsheim geben nach spektralanalytischen Untersuchungen dahingehend Auskunft. Was bei den Helmen ausgeschlossen werden konnte durch die byzantinischen Wurzeln, kann bei den Spathen im fränkisch-alamannischen Raum angenommen werden: Verfahrensähnliches Kunsthandwerk mit ortsgleichen Rohstoffbezugsquellen. Ob man über das Rheinwaschgold – wenigstens für die Alamanni – auf ein in Bezug und Vertrieb organisiertes Kunsthandwerk in der Spätantike schließen kann, bleibt Spekulation, aber es ist als Indiz zulässig. Der Ausgewogenheit Rechnung getragen, die Spatha aus Entringen –ebenfalls der alamannischen Gruppe zugehörig – besitzt einen auffallend hohen Platingehalt, so dass auch hier ein Goldimport zur Verarbeitung in Erwähnung gezogen werden muss. Oder die Entringer Spatha wurde komplett importiert. Ein Alleinstellungsmerkmal der aufgefundenen Spathen – und so ein erstes Fazit – ist nicht von der Hand zu weisen. Auch die Punktreihenverzierung der Wülste bei der Gültlinger Spatha kommt so nicht vor. Lediglich das Pleidelsheimer Exponat besitzt diese Verzierungen. Die Exponate sind individuell, durchaus mit Parallelen, aber Massenerscheinungen oder werkstättengleiche Produktionsschritte sind nicht charakteristisch für die alamannischen Grabspathen. Ähnlich verhält es sich mit den Mundblechen. Quergeriefte silberne Mundbleche sind alamannisch, wohingegen cloisonnierte Mundbleche im fränkischen Raum auftreten. Aber auch innerhalb der childerichzeitlichen Einstufung – und dort gehört auch Gültlingen hin – sind lediglich an den Mundblechen der Spathen aus Sindelfingen und Igstadt-Erbenheim Nielloverzierungen. Sindelfingen weist allerdings über die Riemenzüge auch zu Gültlingen eine Verbindung auf.[23] Die Scheidenzierniete sind bezüglich der Typisierung klarer bei den Goldgriffspathen. Sie sind grundsätzlich im alamannischen Gebiet anzutreffen, fehlen bei den Franken. Runde (wie Grab 1889) oder nierenförmige Scheidenzierniete liegen vor, wobei in der childerichzeitlichen Gruppe nierenförmige Niete auftreten. Runde Niete gehören in die chlodwigzeitliche Gruppe. Aber auch in der vermeintlich strukturierten Einteilung gibt es einen statistischen Ausreißer, nämlich Pleidelsheim. Die dortige Spatha zeichnet sich durch kerbschnittverziertes Mundblech aus, und diese Ziertechnik ist noch in Nähe zu den childerichzeitlichen Spathen, also Repräsentant einer kunsthandwerklichen Übergangsphase.

Abb. 9: Die cloisonnierte Gürtelschnalle aus dem Grab von 1901 (oben links).

Dieser Zugang kann in der Datierung der Meerschaumschnalle aus dem Grab von 1901 weiterhelfen (Abb. 9).  Nierenförmige, cloisonnierte Beschläge an Meerschaumschnallen gehören in die Regierungsjahre von Childerich oder Chlodwig, wohingegen das Gültlinger Exemplar eher in die Regierungszeiten von Chlodomer oder Childebert einzuordnen wäre. Die dort vorliegende kästchenförmige Dornbasis besitzt Parallelen zu einer Dornbasis, die aus einem Grabinventar im oberbayerischen Altenerding stammt. Joachim Werner legt diesen Typus – und bei Unterstellung von Zeitgleichheiten über konvergierende Formenkongruenz auch für das Gültlinger Exponat zutreffend – in das beginnende 6. Jahrhundert. Der oströmische Blickwinkel auf der Suche nach den Ursprüngen einzelner Grabinventare erhält noch eine Verstärkung, da das Hauptvorkommen des Minerals Meerschaum im kleinasiatischen Eskişehir liegt, und der Archäologe Volker Bierbrauer verknüpft daher naheliegend diese Schnalle von 1901 mit dem mediterranen Raum. Der Spangenhelm ist also nicht die einzige Grabbeigabe mit byzantinischer Affinität.[24] Wie kann es nun eine tragfähige soziale Zuordnung geben für diese Schnallen? Da die Dornachse stufenförmig eingezogen war und der Schild zwei Almandineinlagen aufwies, deuten sie auf einen repräsentativen Charakter hin. Und er war nicht von einzigartiger Natur, denn diese Gürtelgarnitur kann analog auch in donauländischen und mediterranen Gebieten gefunden werden.[25] Die soziale Schichtung war aber – unabhängig von der topographischen Verbreitung – von exponierter Stellung. Im Gegensatz zu Erzen war schon die Förderung von Meerschaumknollen von aufwendiger Natur. Sepiolith ist weich und von einem Seifenfilm gekennzeichnet, daher wurden die Meerschaumknollen auch mit einer umhüllenden Schutzschicht aus Erdreich aus den Gruben gefördert, um Beschädigungen durch unkontrollierte Austrocknungen zu vermeiden. Anschließend erhielten die Knollen eine schützende Politur vor dem Weitertransport. Diese Dimension lässt stark vermuten, dass nur solide Liquidität zur Käuferschaft gehören konnte. In den Werkstätten wurden dann die Sepiolithrohlinge in Wasser eingelegt. Kandidaten mit stärkerer Konsistenz versanken, weichere Sepiolithbrocken schwammen an der Wasseroberfläche. Sepiolithknollen, die zu spröde waren, zersprangen dabei, durchaus als Qualitätstest anzusehen. Die Dauer des Wasserbades musste der Arbeiter in der Werkstatt nach Gefühl und Erfahrung bestimmen. Von hoher kunsthandwerklicher Potenz musste auch das Zuschneiden der Knollen sein, da sichtbare Mängel ein Qualitätsminimum bedeuteten. Anschließend ging es in die Trockenkammer, und vereinzelte Arbeitsspuren wurden abgefeilt, erneut poliert und getrocknet. Der Höhepunkt der Fertigung war dann das Talgbad, denn so wurde die Polierfähigkeit erhöht. Außerdem musste schon – zumindest nach frühmittelalterlichen Maßstäben – unter werkstofflichen Laborbedingungen gearbeitet werden, da die hohe Saugfähigkeit des Minerals Schmutzpartikel anzog. Die Fertigungsschritte waren offenbar in manufakturähnlichen Vertriebssystemen beheimatet.

Die Datierung der Almandineinlagen in der Gürtelschnalle bestätigt die Zuordnung in die Stufe Flonheim-Gültlingen.[26] Allerdings ist der Diskurs nicht beendet, ob die Gültlinger Almandine als Beschläge eines einschneidigen Messers, der sogenannten Saxscheide, dienten oder wahrscheinlicher als Gürtelhaften der beschlaglosen Meerschaumschnalle zu interpretieren sind. Für letztere Variante spricht, dass im niederösterreichischen Laa an der Thaya oder im serbischen Zmajevo ähnliche Gürtelhaften vorzufinden sind, die ihrerseits eine Typisierungslinie zur Almandineinlage nach Altenerding aufweisen. Der Datierungskreis schließt sich, denn die Dornbasis argumentiert schon mit Oberbayern. Lokale Gemeinsamkeiten können zudem zumindest angesprochen werden, denn der Gültlinger Meerschaumbeschlag und eine Fibel aus dem Grabinventar der „Dame von Schwenningen“ zeigen technische Übereinstimmungen, so dass eine gemeinsame alamannische Werkstättenkultur im Raum steht. Im Diskurs vertritt die Archäologieinstitution Joachim Werner die lediglich durch den Zeitgeist hervorgerufene Gemeinsamkeit in den randbegleitenden Almandinkügelchen, deutet es nicht als Indiz für eine Werkstättengleichheit.

IV. Neue Gräber braucht das Land … Eine Grabrede mit Ausblick

Eine Grabrede hat immer etwas Endgültiges. Das ist in der Archäologie nicht so, denn mit jedem neuen Fund erfolgt eine Spezifikation oder eine Revidierung der Typisierung von Überresten. Nehmen wir die Gültlinger Gräber von 1889 und 1901. Was steht denn nun mit den Grabbeigaben fest? Goldgriffspathen oder Helme vom Baldenheimer Typ waren in Alemannia fester Beigaberitus in Begräbniszeremonien, wie andernorts und hier auch gelistet. Ursprung, Produktionsstätten und deren Vertrieb sind unklar oder können nur durch Indizien oder Grabvergleichsanalysen mit ähnlichem Grabinventar in die Nähe von Wahrscheinlichkeiten gesetzt werden. Die Sicherheit fehlt. Und es ist auch gut! Alleine die Anzahl der bisher entdeckten Goldgriffspathen lässt eine Generalisierung nicht zu. In den Diskursen ist man um Klassifikation auf Grundlage der bisherigen Funde bemüht. Die Einteilung nach fränkischen oder alemannischen Grabräumen, nach cloisonnierten oder silbernen Mundblechen, die Einteilung nach den merowingischen Herrschern Childerich und Chlodwig oder die Aufteilung nach runden und nierenförmigen Scheidenziernähten zeigt den Katalogisierungsdrang der Funde für eine bessere Übersicht und deren Vergleichsmöglichkeiten zur Auffindung von Gemeinsamkeiten und Unterschieden. Noch bleiben aber zu viele Fragen. Die Goldgriffspathen in der Spätantike und des Frühen Mittelalters zeigen Individualisierungstendenzen, so dass sie abseits einer Massenproduktion als facettenreiches Statussymbol für eine monetäre Klientel oder für eine soziale Oberschicht standen. Das Helmgrab von 1901 zeigt über die Diskurse einen Weg auf in den mediterranen Raum und vermutet byzantinische Produktionsstätten oder byzantinische Wurzeln. Das ist nicht abwegig, da alamannische Fürsten in der Spätantike im oströmischen Militärdienst tätig waren; und erst mit Clothar I. emanzipierten sich die Merowinger offiziell von der oströmischen Oberhoheit oder von oströmischen Schutzmachtallüren, wie die Ostgoten nur leidlich zu berichten mussten. Nur wirft diese byzantinische Affinität auch Fragen auf, denn die Goldgriffspathen können nicht – zumindest in den aktuellen Diskursen – diese Querverbindungen über Urformen etc. in den mediterranen Schwertstammbaum hinein vorweisen. Helme wurden importiert, aber Schwerter mit teils vermutlichem Rheinwaschgold irgendwo im Hoch- oder Oberrheingebiet, vielleicht auch im Rhein-Main-Mündungsgebiet produziert? Es ist vieles möglich, und die Verarbeitungseigenarten der Grabutensilien zeigen zumindest einen kunsthandwerklichen Austausch über die regionalen Grenzen hinweg. Intensivere Grabanalysen bei neuen und alten Funden verdichten das Netz an Zusammengehörigkeit, an Vertriebsstrukturen in der fränkisch-merowingischen Ära oder über die Grabbeigaben in Alemannia hinsichtlich der Assimilierung der alemannischen Elite in der Spätestantike. Wichtig ist dabei nur, dass nicht von vornherein ein Ausschlussdenken erfolgt bei der Spurensuche über die Grabbeigaben wie in Gültlingen oder andernorts. Da keine nennenswerten mitteleuropäischen Lagerstätten zur Verfügung standen, sind die Benutzung oder die Weiterverarbeitung indirekt Belege für die Existenz von Fernhandelskontakten zwischen Zentraleuropa und dem Mittelmeerraum. Wenigstens die merowingisch-fränkischen Eliten müssen über diesen Austausch mit der mediterranen Kultur in Berührung gekommen sein. Eigentlich war diese Assimilation zwangsläufig, da ohnehin germanische Verbände oder deren Angehörige in den Mittelmeerkulturen zumindest zeitweise assimiliert waren. Selbst eine Archäologiekoryphäe wie Joachim Werner muss mit seiner konträren Zeitgeistargumentation hinsichtlich der Analogien in den Werkstätten auf alemannischem Boden nicht Recht haben, da der Mangel an Funden Festlegungen verbietet. Das spätantike Grab bedarf der Öffnung nach dem Fund. Danach gibt es neue Erkenntnisse. Zu den anderen gefundenen Gräbern von 1905 (Abb. ), 1949 (Abb. ) lassen sich auch noch einige Worte verlieren. Das Grab 1905 bestand aus drei Funden: ein Krug mit Kleeblattmündung, ein Wirtel aus oak-schwarzem Glas und ein Tonwirtel (dieser ist chronologisch aber nicht datierbar). Diese Funde lassen sich allgemein in die Stufe II datieren. Im Grab von 1949 wurden diverse Bügelfibeln, Ohrringe, Ringe, Bronzenadeln, Silberlöffel, Messer und viele weitere Funde entdeckt. Dieses Grab wird insgesamt in das ausgehende 7. Jahrhundert datiert.

        V. Anhang

       V.I. Literaturverzeichnis

Ament, Fränkische Adelsgräber von Flonheim in Rheinhessen (Berlin 1970).

Bierbrauer, Alamannische Funde der frühen Ostgotenzeit aus Oberitalien, in: G. Kossack/G. Ulbert (Hrsg.) Studien zur vor- und frühgeschichtlichen Archäologie, Festschrift für Joachim Werner zum 65. Geburtstag (München 1974).

Bierbrauer/H. Steuer (Hrsg.), Höhensiedlungen zwischen Antike und Mittelalter von den Ardennen bis zur Adria (Berlin 2008).

H.W. Böhme, Der Frankenkönig Childerich zwischen Attila und Aetius. Zu den Goldgriffspathen der Merowingerzeit, in: Festschrift für 0.-H. Frey zum 65. Geburtstag. Marburger Studien, Vor- und Frühgeschichte (Marburg 1994).

Böhner, Germanische Schwerter des 5./6. Jahrhunderts. Jahrbuch RGZM (34) (Mainz 1987).

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Menghin, Das Schwert im frühen Mittelalter. Wissenschaftliche Beibände Anz. Germ. Nationalmuseum 1 (Stuttgart 1983).

Quast, Die merowingerzeitlichen Grabfunde aus Gültlingen (Stadt Wildberg, Kreis Calw) (Stuttgart 1993).

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Steuer, Helm und Ringschwert, Prunkbewaffnung und Rangabzeichen germanischer Krieger. Eine Übersicht, in: Studien zur Sachsenforschung 6 (1987).

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Vogt, Spangenhelme – Baldenheim und verwandte Typen, in: Römisch-Germanisches Zentralmuseum (Hrsg.) Kataloge vor- und frühgeschichtlicher Altertümer 39 (Mainz 2006).

Werner, Münzdatierte austrasische Grabfunde, in: Germanische Denkmäler der Völkerwanderungszeit 3 (Berlin/Leipzig 1935).

Werner, Neues zur Herkunft der frühmittelalterlichen Spangenhelme vom Baldenheimer Typus, in: Germania 66,2 (1988).

Williams, The Sword and the Crucible: A History of the metallurgy of European Swords up to the 16th Century (2012).

[1] J. Werner, Münzdatierte austrasische Grabfunde, in: Germanische Denkmäler der Völkerwanderungszeit 3 (Berlin/Leipzig 1935), S. 30 – 32.

[2] D. Quast, Die merowingerzeitlichen Grabfunde aus Gültlingen (Stadt Wildberg, Kreis Calw) (Stuttgart 1993), S. 21 – 22 (im Folgenden zitiert als: Quast, Gültlingen).

[3] Quast, Gültlingen,  S. 21.

[4] Vgl. zur Veranschaulichung der Oberflächenstruktur ei einem Schwert den Aufruf unter http://www.tf.uni-kiel.de/matwis/amat/iss/kap_b/illustr/ib_3_3.pdf vom 4. November 2017 und A. Williams, The Sword and the Crucible: A History of the metallurgy of European Swords up to the 16th Century (2012), S. 67.

[5] Das Niellieren (lat. nigellum: schwärzlich) gehört zu den farbgebenden Techniken, bei der das Niello-Pulver auf Metall geschmolzen wird für die Farbgebung.

[6] W. Menghin, Das Schwert im frühen Mittelalter. Wissenschaftliche Beibände Anz. Germ. Nationalmuseum 1 (Stuttgart 1983), S. 126.

[7] Quast, Gültlingen,  S. 26.

[8] Quast, Gültlingen, S. 27f.

[9] Quast, Gültlingen, S. 29.

[10] M. Vogt, Spangenhelme – Baldenheim und verwandte Typen, in: Römisch – Germanisches Zentralmuseum (Hrsg.), Kataloge vor- und frühgeschichtlicher Altertümer (Mainz 2006),  S. 45 – 47.

[11] Quast, Gültlingen S. 30 – 32.

[12] Quast, Gültlingen, S. 39.

[13] Quast, Gültlingen, S. 40.

[14] J. Werner, Neues zur Herkunft der frühmittelalterlichen Spangenhelme vom Baldenheimer Typus, in: Germania 66,2 (1988), S. 521 – 523.

[15] W. Holmqvist, Kunstprobleme der Merowingerzeit (Stockholm 1939), S. 128 – 130.

[16] W. Reinhard, Germanische Helme in westgotischen Münzbildern, in: Jahrbuch Numismatik und Geldgeschichte 2 (1950), S.43 – 45.

[17] H. Steuer, Helm und Ringschwert, Prunkbewaffnung und Rangabzeichen germanischer Krieger. Eine Übersicht, in: Studien zur Sachsenforschung 6 (1987), S. 190 – 192.

[18] K. Böhner, Germanische Schwerter des 5./6. Jahrhunderts. Jahrbuch RGZM 34 (Mainz 1987), S. 413.

[19] H.W. Böhme, Der Frankenkönig Childerich zwischen Attila und Aetius. Zu den Goldgriffspathen der Merowingerzeit, in: Festschrift für 0.-H. Frey zum 65. Geburtstag. Marburger Studien, Vor- und Frühgeschichte 98 (Marburg 1994), S.103 – 105.

[20] H. Steuer, Herrschaft von der Höhe. Vom mobilen Soldatentrupp zur Residenz auf repräsentativen Bergkuppen, in: Archäologisches Landesmuseum Baden-Württemberg (Hrsg.), Die Alamannen (Stuttgart 1997), S. 160.

[21] Vgl. hierzu Steuer, Heiko und Bierbrauer, Volker (Hrsg.), Höhensiedlungen zwischen Antike und Mittelalter von den Ardennen bis zur Adria, Berlin 2008, S. 295.

[22] Quast, Gültlingen, S. 21.

[23] Quast, Gültlingen, S. 22.

[24] V. Bierbrauer, Alamannische Funde der frühen Ostgotenzeit aus Oberitalien, in: G. Kossack/G. Ulbert, (Hrsg.), Studien zur vor- und frühgeschichtlichen Archäologie, Festschrift für Joachim Werner zum 65. Geburtstag (Müchen 1974), S.567.

[25] Quast, Gültlingen, S. 54f.

[26] H. Ament, Fränkische Adelsgräber von Flonheim in Rheinhessen (Berlin 1970), S.66.

V.II. Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: D. Quast, Die merowingerzeitlichen Grabfunde aus Gültlingen (Stadt Wildberg, Kreis Calw) (Stuttgart 1993), S. 16.

Abb. 2: D. Quast, Die merowingerzeitlichen Grabfunde aus Gültlingen (Stadt Wildberg, Kreis Calw) (Stuttgart 1993), S. 17.

Abb. 3: Landesmuseum Württemberg, Legendäre Meisterwerke. Kulturgeschichte(n) aus Württemberg (Stuttgart 2012), S. 123.

Abb. 4: K. von Welck/ A. Wieczorek/ H. Ament, Die Franken. Wegbereiter Europas. Katalog-Handbuch zur Ausstellung (Mainz 1996), S. 300.

Abb. 5: D. Quast, Die merowingerzeitlichen Grabfunde aus Gültlingen (Stadt Wildberg, Kreis Calw) (Stuttgart 1993), S. 35.

Abb. 6: D. Quast, Die merowingerzeitlichen Grabfunde aus Gültlingen (Stadt Wildberg, Kreis Calw) (Stuttgart 1993), S. 40.

Abb. 7: http://web.rgzm.de/uploads/_processed_/1/2/csm_O_29372_PH_2012_01943_800_91f7414321.jpg (zuletzt aufgerufen am 22.11.2017)

Abb. 8: https://www.numisbids.com/sales/hosted/gruen/064/thumb02877.jpg (zuletzt aufgerufen am 22.11.2017)

Abb. 9: Archäologisches Landesmuseum Baden-Württemberg 1997: Archäologisches Landesmuseum Baden-Württemberg, Die Alamannen (Stuttgart 1997), S. 179.

Klösterliche Grundherrschaft Grundlegendes zu Urbarien anhand der Abtei Werden

Klösterliche Grundherrschaft Grundlegendes zu Urbarien anhand der Abtei Werden

 

Abbildung 1

 

Inhaltsverzeichnis

Warum eine urbariale Einführung?

Vom Allgemeinen zum Exemplarischen:

Von der Villikation zum Werdener Urbar

Details zum Werdener Urbar A

Fortführende Hebeverzeichnisse

Urbarien … ein Mehrwert für den Archäologen?

Schlussbetrachtungen

Quellen und Literatur

Abbildungsverzeichnis

 

Warum eine urbariale Einführung?

 

Abbildung 2: Liutger aus Friesland

Die Benediktinerabtei Werden hätte ohne eine ökonomische Grundlage nie die Reputation im Mittelalter erreichen können. Der Klostergründer Liutgar aus Friesland hatte es bei der Klostergründung um 800 an der unteren Ruhr bereits hinsichtlich des Grundbesitzes über Kauf oder Schenkung berücksichtigt, um die Existenzgresundlage eines Klosters gewährleisten zu können. Die mittelalterliche Grundherrschaft nahm sich dieses Grundbesitzes an als archimedischer Punkt für Funktion und Ausbau der mediävalen Wirtschaft. Der Grundherr, hier das Werdener Kloster, übte dabei eine bipartite Grundherrschaft aus, bei der neben eigenbewirtschaftetem Salland Leiheland, Hufe oder Manse genannt, ausgegeben wurde. Eine verwaltungstechnische Notwendigkeit lag nun in der Kodifizierung von Rechten und Abgaben für die jeweiligen Güter. Diese Heberegister werden als Urbare bezeichnet, die in Werden seit dem 9. Jahrhundert vorlagen. Der quellentechnische Wert dieser Abgabenauflistungen liegt in der Strukturierung und Hierarchisierung bei Frondiensten, Hufen und Abhängigen. Daneben erhält der Leser einen Einblick in ein komplexes geographisch-politisches Beziehungsgeflecht. Werden hatte dabei nicht nur engeren Grundbesitz an der unteren Ruhr, sondern Mansen in Friesland, Westfalen und Ostsachsen.

In der Ausarbeitung will ich zunächst Begrifflichkeiten und Zuordnungen hinsichtlich urbarialer Gegebenheiten setzen zur Statuierung eines Orientierungsrahmens, ergänzt um passende Details zur Reichsabtei Werden. Detailreich werden dann die Konkretisierungen der Werdener Urbare A und B, wobei auch Normannen und die karolingische Renaissance ihren Platz beanspruchen werden bezüglich der gegengewichtigen Interpretation zur mündlichen Traditionskultur. Zum Schluss erfolgen Betrachtungen zum Wechselspiel mit der Archäologie, da nicht nur Troja und der Kampfplatz der Varusschlacht als dämpfende Belege hinsichtlich eines produktiven Miteinanders herhalten müssen, sondern ein symbiotisches Potenzial dogmatisch nicht nur unter ferner liefen betrachtet werden kann.

Vom Allgemeinen zum Exemplarischen: Von der Villikation zum Werdener Urbar

Das Urbar ist als Begrifflichkeit dem Lehnswesen zuzuordnen. Es ist eine Auflistung von Besitzrechten eines Lehnengebers und ein Zusammentragen von Pflichtensammlungen der Grundholden. Es sind Verzeichnisse von Liegenschaften und Grundherrschaftsdiensten, vorrangig gegenüber Klöstern oder Villikationen. Die Villikation bedarf dabei einer näheren Erläuterung. Der Begrifflichkeit nach ist es eine Kennzeichnung für eine administrative Einheit, bestehend aus einem Herrenhof und mehreren Bauernstellen, deren Betreiber dem Grundherren Abgaben leisten mussten und auf dem Herrenhof eine bestimmte Menge an Diensten ableisteten. Die Bauern einer Villikation waren Inhaber einer Hofstelle, begrifflich mit „mansus“ versehen. Diese administrative Form musste auch in der Ausprägung mehr als nur eine punktuelle Erscheinung gewesen sein, denn für die agrarische Nachwelt blieb es im Flächenmaß Manse[1] erhalten. Eine Mansenstelle sollte idealiter, nach Abzug der Grundherrschaftsabgaben, den zum (Über-)Leben notwendigen Bedarf der Bauern in einem normalen, von Dürreperioden oder anderen landwirtschaftlichen Unannehmlichkeiten bereinigten Kalenderjahr decken können. Verwaltungstechnisch war die Führung nur durch die Person des Grundherrn problematisch, da das Königsland oder die Besitzungen von namhaften Klöstern oft kein zusammenhängendes Terrain bildeten.[2] Bedingt durch die wenig komfortable Infrastruktur im Mittelalter und die – aus Sicht des Grundherrn – anvisierte gewinnbringende Auslastung der Ackerflächen, erfolgte eine dezentrale Administration. Es wurde eine mehrteilige Sonderform des Villikationssystems eingeführt, bestehend aus dem Grundherrn, dem auf einer Zwischenebene die Meier, auch villici genannt, unterstanden, und schließlich den in einer Villikation unter dem villicus stehenden zusammengefassten abhängigen Bauern. Falls nicht selbst vom Grundherrn bewohnt und bewirtschaftet, übernahm der Meier in Stellvertretung die Aufgaben. In dieser Funktion nahm sogar der Meier durch die Leitung der Hofgerichte unmittelbar an der praktischen Jurisprudenz teil. Auch dort zeigte sich die nicht unerheblich symbiotische Beziehung zwischen dem Grundherrn und dem Meier, denn durch die Gerichtseinnahmen gehörte es zu einer ökonomisierten Hoheitsfunktion. Die Meierschen Tätigkeitsfelder umfassten – und schon in der Landgüterverordnung capitulare de villis vel curtis imperii[3] gibt es diese Auflistungen – unter anderem die Bewirtschaftung des Sallandes und die Überwachung der grundherrschaftlichen Dienste. Weiterhin war der Meier für die

Abbildung 3: Capitulare des villis

Eintreibung der diversen Abgaben der Bauern seiner Villikation verantwortlich. Allerdings wird ein großer Teil der Grundherrschaften aus nur wenigen abhängigen Höfen bestanden haben, die einem in der sozialen                                                                                                                                  Schichtung entsprechend niedriger stehendem Grundbesitzer, zum Beispiel einem Angehörigen des „niederen Adels“ gehört haben. In diesen Mikro-Villikationen übernahm der Grundherr natürlich selbst die Aufgaben des villicus, die dieser zum Beispiel in einer klösterlichen Grundherrschaft besaß. Ein besonderes Unterscheidungsmerkmal der grundherrschaftlichen Organisationsform der Villikation im Verhältnis zur klassischen Abgabengrundherrschaft sind die Dienste, die von den zur Villikation gehörigen Bauern auf dem unmittelbar zum Fronhof gehörigem Land des Grundherrn, dem sogenannten Salland, zu leisten waren. Ihre Existenz zeigt, dass der Hof der Grundherren innerhalb der Villikation nicht als reine Sammelstelle für Abgaben fungierte, sondern daneben einen eigenen landwirtschaftlichen Betrieb mit Bedarf an Arbeitskräften bildete. Nun aber zurück zum Urbar.

Abbildung 4: Karl der Große

Sprachgeschichtlich stammt das Urbar ab vom Althochdeutschen ur-beran, einer Konstellation aus der Präposition ur und dem Verb beran, wortwörtlich aus dem Althochdeutschen recht anschaulich und treffend mit Ausgebären übersetzt.[4]  Die Übersetzung ist anschaulich dahingehend, dass mit dem Urbar stets eine schriftliche Fixierung von Ansprüchen einherging in einer Grundherrschaft. Entweder erfolgte die schriftliche Fixierung nach Sammlung des altersher gebräuchlichen Nießbrauches und der daraus resultierenden Abgabenpflicht oder der Hofmeier verfasste nach Befragung der Ortsansässigen unter Berücksichtigung regionaler Gewohnheiten ein variables Reglement bezüglich der Abgabenpflicht. Und wie sah es nun im Kloster Werden aus? Werden war in der Regierungszeit Karls des Großen zur Reichsabtei erhoben worden. Der Aufstieg dieses Klosters ist mit dem heiligen Liutgar aus Friesland verbunden, der nach den Sachsenkriegen Karls des Großen von Münster aus missionierte und um 800 das Kloster Werden im Grenzland zwischen Franken und Sachsen gründete. Die Stellung des heiligen Liutgar, der später auch Bischof von Münster wurde, war mit einer auctoritas ausgefüllt, die es ihm erlaubte, Werden als Eigenkloster zu führen. Bis 886 führten die Liutgeriden[5] als Äbte in Personalunion mit den episkopalen Sitzen in Münster (bis 849) und Halberstadt (bis 886) die Geschicke des Klosters Werden. Reichsklöster oder Klöster mit einem veritablen abteilichen Stammbaum waren zwingend veranlasst zur Dokumentation ihrer Liegenschaften, schon hinsichtlich des merklichen Stellenwertes in einem Itinerarsystem des Wanderkönigtums. Es ist daher nicht verwunderlich, dass im Zeitalter der Liutgeriden auch Urbarien aus Werden ihren Gang in die Historie der Heberegistererfassung fanden.

Details zum Werdener Urbar A

Abbildung 5: Ersterwähnung Dortmund

Das Urbar „A“ aus dem Kloster Werden – in Anlehnung an das Alter des Verzeichnisses so namentlich gehalten – gehört zu den ältesten frühmittelalterlichen Urbarien Deutschlands.[6] Erstellt vor 900, zeichnet es sich schon sprachwissenschaftlich als interessante spätkarolingische Rechts- und Wirtschaftsquelle aus, da neben der lateinischen Verkehrssprache auch das Altsächsische Verwendung findet. Zudem werden erstmals Orte wie Dortmund urkundlich erwähnt („In Throtmanni liber homo Arnold VIII denarios nobis solvit.“)[7]. Auch muss hinsichtlich der Motivlage zum Aufsetzen dieses Urbars in Ergänzung die Möglichkeit eingeräumt werden, dass – losgelöst von reichskirchlichen oder innerabteilichen Diskursen mit dem Konvent – die Normannen Auslöser zur Erstellung dieser Verzeichnisse Verantwortung zeigten. Dass das mit den Normannen aus dem Norden nicht so abwegig erscheint, zeigt die Geschichte des Klosters Prüm. Zu Beginn der achtziger Jahre des 9. Jahrhunderts fielen die Nordmänner regelmäßig über die Nordsee ein flussaufwärts entlang den Flüssen Rhein, Weser, Ems und gingen auf erbeuterisch motivierten Kulturaustausch mit der einheimischen Bevölkerung. Oder die Normänner fielen in das karolingisch-ostfränkische Herrschaftsgebiet ein und hinterließen die nordgermanische Variante der verbrannten Erde. Städte wie Köln oder Bonn wurden niedergebrannt, aber auch Klöster wie eben jenes aus dem rheinland-pfälzischen Prüm zerstört. Es ist gut möglich, dass analog zu dem

Abbildung 6: Prümer Urbar

Prümer Urbar von 893 in anderen Brudergemeinden – Prüm und Werden gehörten beide dem Benediktinerorden an – auch in Werden nach den Normannenzügen entweder zur Restauration oder zur Vorsorge die Verwaltungsstrukturen mit den erwirtschafteten Erträgen aus der Capitulare de villis schriftlich fixiert worden waren.

Was gibt nun das Urbar A her? Vom Aufbau her besteht das Verzeichnis aus 39 Blättern mit den Maßen 15,5–18,5 × 24 cm, sechslagig in Hirschleder eingebunden. Kleine Zettel, 17 an der Zahl, ergänzen die Blätter mit der Signatur Abbatie prepositure. Die Handschriften sind von verschiedener Natur, die älteste auf um die 900 datiert. Die 39 Blätter sind geordnet nach der Anzahl der jeweils vorhandenen Zeilen, wobei die Zeilenzahl zwischen 24 und 31 schwankt. Diese Spannweite ist auch ursächlich für die verschiedenen Maße der Blätter. In der Fachterminologie werden diese Blätter auch als folia (f.) bezeichnet. Heute werden 40 an der Zahl aufgelistet, da das Deckblatt zunächst keine Berücksichtigung fand. In Fachkreisen ist es nicht unüblich, diesen Folianten einen grundkapitalen Charakter zuzuschreiben hinsichtlich verwaltungstechnischer Obliegenheiten in Franken und in ostkarolingischen Gebieten für die Zeit der ersten Klosteräbte. Der renommierte sächsische

Wirtschaftshistoriker Rudolf Kötzschke titulierte immerhin dieses Urbar A als Grundbuch. Wie bei Urbarien üblich und auch der Tagespraxis geschuldet, das Urbar A in der heutigen Zusammenstellung existierte so nicht. Lediglich die Lagen 1 bis 3 und die Blätter 21, 26 und 14 mit gleichen Zeilen- und Seitenausmaßen gehörten zum Grundhebeverzeichnis des Klosters bei Abfassung der Blätter.[8] In der Lage I darf natürlich die Schenkungsurkunde von 855 nicht fehlen, die Werden zum Großgrundherren katapultierte, als ein gewisser Folker dem Stift Werden Gebiete im Einzugsgebiet der Diozösen Köln und Utrecht vermachte. Die Gebiete waren in der Geographie so weiträumig, dass ripuarisches Recht (lex Ripuaria) und salisches Recht (lex Salica) im juristischen Schriftverkehr im Werdener Konvent Berücksichtigung finden mussten. Bereits Leopold von Ledebur hatte sich im Rahmen seiner

Abhandlung zu den Brukterern 1827 mit dieser Geographie des Werdener Stifts beschäftigt.[9] Weitere Ämter sind mit Lüdinghausen, Albrads oder Sandrads (Lage II) gelistet. Weiterhin werden Traditionen des Hofs Heldringhausen oder die Abgrenzung des Werdener Zehntbezirks aufgeführt. Überregionale Traditionen (in der Wortbedeutung als Übergabe, Besitztum zu interpretieren) sind in der Auflistung von friesischen und westfälischen Einkünften vorhanden (Lage III), die indirekt die geographische Ausdehnung der Werdener Grundherrschaft demonstriert. Auch die Auflistung von Hörigen und Wachszinspflichtigen fehlt nicht (f. 14).  Vermutlich erfolgte diese Auflistung, um Rechtssicherheit zu erlangen bei der Vererbbarkeit des Hörigentitels auf die Kinder. Und der Umgang mit den Wachszinspflichtigen – eine abgeschwächte Form der Hörigkeit – sollten schließlich in quantitativer Restriktion durchgeführt werden. Die räumliche Streuung erfährt eine abermalige Stärkung durch die Nennung von Liegenschaften an der Emsmündung (Lage IV, f. 22-25), im Westfälischen (Dülmen, Lage V) und aus dem Rheindelta (Lage VI). Geeignet zum Diskurs ist der Umstand, dass die Lage V dem Inhalt nach die Administration der Osnabrücker Liegenschaften vor den Raubzügen der Normannen widerspiegelt, also – unter der Annahme der Hebung des unmittelbaren Istzustandes – die Lage V entweder in isolierter Fassung noch in der Endphase der Liutgeriden vorlag oder der Inhalt durch Kompilierung fortlaufend den restlichen oder den späteren Lagen beigefügt wurde.[10] Die Lage IV gilt allgemein als „friesische“ Ergänzung zu den ersten drei Lagen, alle wohl um 900 zeitlich datiert. Die Einarbeitung altdeutscher Ausdrücke in die Heberegister spiegelt den dynamischen Prozess wider bei der Erstellung und Kommentierung der grundherrschaftlichen Beziehungen. Auch scheint die Hinzunahme eines Begleitberichtes (raelatio magistri Radwardi) in f. 23v bei der Kompilierung des Urbars A auf den Drang hinzuweisen, die generationenübergreifende Fixierung von Verhältnissen mit der notwendigen Rechtssicherheit und Legitimation durchführen zu wollen. Psychologisch entlarven diese formalen Eigenarten eine Gesellschaft, die über die Symbolik des Mündlichen und die zeremonielle Besitzweitergabe unter Zeugen mit einer hinreichenden auctoritas die schriftliche Fixierung von Gütern, Gerechtsnamen oder Gefällen als mitunter schwierige Alternative zur mündlichen Traditionskultur sieht.

Fortführende Hebeverzeichnisse

Nicht näher in das Hochmittelalter datiert, aber eine Fortführung oder Aktualisierung des Urbars A ist das Hebeverzeichnis Urbar B, fünflagig und in den Größenmaßen 12–15 × 22–24 cm. Das Konvolut aus fünf Lagen, zwei einzelnen Blättern und vier Zetteln listet Besitzungen um Werden, in Friesland und in Westfalen auf. In der Lage I gibt es Aufzeichnungen aus dem Helmstedter Raum, offenbar eine nachträgliche Kodifizierung von Besitz- und Einkunftsrechten. Auf den Folia der ersten Lage sind zudem konkrete Gerechtsame aus dem westfälischen Kamen und Werl, zu Liegenschaften an der unteren Ems sowie im Raum Werden gelistet. Auch ein Herbergsrecht des von der jeweiligen Person unabhängigen Abts ist genannt (f. 8v) oder einzelne friesische Gerechtsame[11] werden aufgeführt (Tuchlieferungen auf f. 8r). Charakteristisch für die Lage II (f. 9-16) ist ein der Lage zugeordnetes Pergamentblatt, auf dem das Heberegister des Hofes Weitmar

Abbildung 7: Hof Weitmar bei Bochum, Karte aus dem Jahr 1780

bei Bochum geführt ist. Hier lag der Schulzenhof, der als direktes Bindeglied zwischen der Abtei und den ortsansässigen Kossathenstellen[12] diente. Weitere Register sind für Jeinsen im Calenberger Land (f. 12r), für das Helmstedter Umland (f. 10v-11v und f. 16v), für Friesland (f. 14v-15r) oder Westfalen (f. 15v-16r) aufgelistet. Spätestens hier verdeutlicht die Essener Abtei Werden auch die territoriale Begründung für eine Reichsabtei. Zudem konnte bei diesen geographischen Ausprägungen Werden nur über administrative Zweigstellen die Kontrolle über die Mansae gewährleisten und die ordnungsgemäße Überführung der Naturalleistungen in die Werdener Zentrale koordinieren. Die tendenzielle Anreicherung von nacherworbenen Gerechtsamen zeigt sich auch in der Lage III (f. 17-18), denn das ursprüngliche Hebeverzeichnis für Helmstedter Hufen (f. 17v-18v) erhielt eine Ergänzung um Speisegerechtsame von Mönchen an Festtagen (f. 18v). Auch hier liefert das Urbar indirekt Erkenntnisse zur Alltagsgeschichte von Mönchen in Klöstern. Und hier hilft auch eine Querverbindung zu Brüderklöstern weiter, denn Werden verfügt nicht über eine detaillierte Auflistung der Ess- und Trinkkultur seiner Glaubensbrüder im Mittelalter, aber der benediktinische Bruder aus St. Gallen. Dort spricht man unmissverständlich von mehreren Maßen Bier täglich für das Individuum aus der monastischen Gemeinschaft. Met war in den ostrheinischen Gebieten üblich und dem teils wenig qualitativen Wein als Getränk überlegen, dem man oft erst durch den Zusatz von Gewürzen oder Honig etwas abgewinnen konnte.[13] Das Motiv für die Speisegerechtsame in Werden mag die allzu übertriebene Quadragesima gewesen sein, denn in der Fastenordnung war gewöhnlich der Verzicht auf alles Tierische vereinbart. Lediglich Fischspeisen konnten als Eiweißsubstitution herangezogen werden in dieser Zeit.[14] Die Lagen IV (f. 19-20) und V (f. 21-28) enthalten u. a. die Leistungskataloge von (Helmstedter) Schulzen (f. 19r-v; f. 27v-28r)) sowie ein Zentralregister für die friesischen Einkünfte (f. 21e-27r).

Urbarien … ein Mehrwert für den Archäologen?

Können historische und archäologische Quellen ein produktives Zusammenspiel ergeben? Der archimedische Punkt liegt in der Gegenüberstellung von Schriftlichkeit und Nichtschriftlichkeit. Zunächst sind die paläohistorischen (nichtschriftliche Überreste und Traditionen) und historischen Quellen als kulturelles Zeugnis zu interpretieren. Die materialistischen Momentaufnahmen stehen jedoch im Kontrast zur Eigenart der Schrift, die in der Regel Quelle und Bezug nicht zeitgleich wiederspiegelt. Paläohistorische Quellen sind von enaktiver Natur, wohingegen die historischen Quellen aus der Abstraktion und Kodifizierung heraus die primären Erkenntnisse liefern. Die historischen Quellen verweisen damit auf ein größeres Symbolsystem. Darüber hinaus sind historische Quellen semiotisch von größerer Zugänglichkeit. Und in der Regel liefern historische Quellen eine Absichtserklärung, sind von traditionellem Wesen, also intentional. Die paläohistorischen Quellen sind oft stumme Überreste ohne konkrete Botschaft. Die Urbarien erfüllen diese charakteristischen Wesenszüge der schriftlichen Quellen.

Abbildung 8: Rekonstruktion der Aufbahrung Childerichs

Grabfunde können als Fixpunkte dienen für absolut- oder feinchronologische Systematisierungen der jeweiligen Grabinventare. Und die in der schriftlichen Überlieferung fassbaren Personen erhalten durch die zugehörigen Grabfunde ein anschaulicheres Bild. Das ist eine produktive Symbiose. Denken wir hier nur an das bereits 1653 entdeckte Childerichgrab von Tournai[15], bei dem über die Grabbeigaben Rückschlüsse auf politische und wirtschaftliche Beziehungen zu den Byzantinern und Osteuropäern geschlossen werden können oder in der prunkhaften Grabausstattung des Merowingers Childerich eine stärkere Stellung als byzantinischer Föderat erhält als man in den schriftlichen Quellen herauszulesen vermag. Die Archäologie kann hier eine Vorstellung von der sozialen und kulturellen Umwelt auslösen. Grundsätzlich liefert, bei allen Animositäten und Elfenbeinturmcharakteren, die historische Anthropologie ein ausbaufähiges Potenzial zur transdisziplinären Untersuchung bei der Katalogisierung von Überresten. Der Holismus ist der Weg. Ambivalenzen sind keine Belege für das Scheitern transdisziplinärer Ansätze, sondern bereichern nur die Mentalität des Vorschiebens. Das wahre Interesse an Affinitäten oder konsensualen Präsentationen baut Brücken, verfemt nicht. Urbarien können dem Archäologen Datierungshilfen geben (hier die Ersterwähnung Dortmund). Oder das Heberegister gibt Verflechtungen preis, die bei der archäologischen Zuordnung von Überresten Clusterbildungen ermöglichen (hier Werden und Helmstedt). Im Gegenzug erhält der Historiker über katalogisierte Überreste Modifizierungs- oder Verifizierungshilfen hinsichtlich einer Quellenkritik, Anhaltspunkte für den epochendimensionalen Charakter der Auflistungen oder einfach nur ein enaktives Pendant zur Kodifizierung mittelalterlicher Grundherrschaften. Die Symbiose ist fehlerresistenter oder weniger deterministisch, vergrößert die Strukturierungsdimension und vereinfacht überregionale Schlussfolgerungen. Tempus fert rosas.

Schlussbetrachtungen

Urbarien – und die Werdener Heberegister besitzen keine Präeminenz –  dienen zur Veranschaulichung und Bestätigung der grundherrschaftlichen Strukturen im Mittelalter. Sie sind ein Spiegelbild der Gerechtsamen von Lehengebern und liefern Belege für den überregionalen Charakter grundherrschaftlicher Verflechtungen. Sie sind zwar von geringem ikonischen Wert, aber auf der Abstraktionsebene verfügen sie über den archimedischen Punkt zur Konstruktion von grundherrschaftlichen Organigrammen. Die mediävalen Wirtschafts- und Sozialhistoriker sind der admirablen Fachabstinenz zuzuordnen, die dem Urbar gegenüber eine hostile Attitüde einnehmen. Zudem können sie ihre Utilität als Belegquelle in der jeweiligen ereignisgeschichtlichen Epoche demonstrieren. Ob karolingische Renaissance, das Spannungsfeld von Kodifizierung und mündlicher Tradierung im Mittelalter oder der dynamische Prozess in den Beständen der Heberegister, immer kann das Urbar für Amplifikationen und Konklusionen Verwendung finden. Zu den regional- oder sozialgeschichtlichen Konkreta gehören dabei debütierende urkundliche Erwähnungen von Orten oder exempli causa die fragmentarischen Gerechtsamen von Reichsabteien oder Mönchsorden. Damit das Urbar nicht der quellentechnischen Exhaustion ausgeliefert ist, gehört dieses Heberegister einer versatilen Quellenkritik ausgesetzt. Die transdisziplinäre Extension gehört dabei in die Betrachtungen integriert, da die historische Anthropologie und die Archäologie als Junktim ein produktives Äquivalent darstellen zur autarken Forschung. Sie müssen nicht eklektisch sein, aber der Wille zur austauschenden Kommunikation muss vorhanden sein. Der holistische Diskurs ist die Zukunft. Medio tutissimus ibis, la voie scientifique ist nach dieser ovidschen Poetik am erklecklichsten.

Quellen und Literatur

 

https:// www.dortmund.de/ de /leben_in_ dortmund/ stadtportraet/ stadtgeschichte/ anfnge17jahrhundert/ koenigliches / index.html.

https://www.hs-augsburg. de/~harsch /Chronologia/ Lspost08/CarolusMagnus/ kar_vill.html.

http://www. koeblergerhard.de/ahdwbhin.html.

Bitsch, Roland, Trinken, Getränke, Trunkenheit, in: Essen und Trinken in Mittelalter und Neuzeit, hrsg. v. Bitsch, Irmgard, Ehlert, Trude u. a., Sigmaringen 1987, S. 208f.

Eggert, Manfred, Über archäologische Quellen, in: Fluchtpunkt Geschichte, Archäologie und Geschichtswissenschaft im Dialog, hrsg. v. Burmeister, Stefan und Müller-Scheeßel, Nils, Münster 2010, S. 30ff.

Gerchow, Jan (Hrsg.), Das Jahrtausend der Mönche – Werden 799 – 1803, Esssen/Köln 1999, S. 452f.

Kötzschke, Rudolf, Die Urbare der Abtei Werden a. d. Ruhr: Sammlung von Urbaren und anderen Quellen zur Rheinischen Wirtschaftsgeschichte, Bonn 1906, S. 22ff.

Kötzschke, Rudolf, Studien zur Verwaltungsgeschichte der Großgrundherrschaft Werden an der Ruhr, Leipzig 1901, S.6ff.

Rösener, Werner, Villikation, in: Lexikon des Mittelalters, hg. von der Histor. Kommission bei der bayer. Akademie der Wissenschaften, Bd. München/Zürich, Sp.1694-1695.

Schulze, Hans, Siedlung, Wirtschaft und Verfassung im Mittelalter, Ausgewählte Aufsätze zur Geschichte Mittel- und Ostdeutschlands, Köln 2006, S. 218.

Theuerkauf, Gerhard, Villikation, in: Handwörterbuch zur dt. Rechtsgeschichte, hg. von Erler, Adalbert et al., Berlin 1993, Sp. 919-923.

  1. Ledebur, Leopold, Das Land und Volk der Bructerer, als Versuch einer vergleichenden Geographie der dritten und mittleren Zeit, Berlin 1827, S. 28.

zur Nieden, Andrea, Der Alltag der Mönche, Studien zum Klosterplan von St. Gallen, Hamburg 2008, S. 310f.

[1] Eine Manse ist ein mittelalterliches Flächenmaß und wurde synonym zur im ostrheinischen Teil des Frankenreiches gebräuchlichen Hufe verwendet. Die Manse hatte zu Beginn der Karolingerzeit einen in der Verwendung variablen Charakter, da die Durchschnittswerte im Ausmaß um das Dutzend Hektare schwankte. Die Größe schwankte auch sehr stark, da sie von der Beschaffenheit des Bodens, den Arbeits- und Ertragsbedingungen vor Ort und den vereinbarten Abmachungen abhängig war. Später hatte eine Manse 30 bis 65 Ar und kann als Tagewerk aufgefasst werden. Das heißt, die Fläche konnte mit einem Gespann Ochsen an einem Tag umgepflügt werden. Um der Multiperspektivität Rechnung zu tragen, die Manse wird auch für Hofeinhheiten im Fränkischen Reich als Begrifflichkeit verwendet. Im Rahmen der Karolingischen Renaissance von Karl Martell bis Karl dem Großen erfolgte die Einteilung des landwirtschaftlich nutzbaren Terrains in Mansen, um ein organisatorisches Fundament zur anstehenden Christianisierung/Machterweiterung zu erhalten.

[2] Vgl. hierzu Rösener, Werner, Villikation, in: Lexikon des Mittelalters, hg. von der Histor. Kommission bei der bayer. Akademie der Wissenschaften, Bd. , München/Zürich , Sp.1694-1695 und Theuerkauf, Gerhard, Villikation, in: Handwörterbuch zur dt. Rechtsgeschichte, hg. von Erler, Adalbert et al., Berlin 1993, Sp. 919-923.

[3] Das Capitulare de villis kann unter https://www.hs-augsburg. de/~harsch /Chronologia/ Lspost08/CarolusMagnus/ kar_vill.html abgerufen werden.

[4] Vgl. hierzu das in digitalisierter Form zugängliche, althochdeutsche Wörterbuch von Gerhard Köbler aus dem Jahr 2014, abrufbar unter http://www. koeblergerhard.de/ahdwbhin.html.

[5] Die Liutgeriden sind ein Sammelbegriff für die abteiliche Perrsonalbestellung des Klosters Werden im 9. Jahrhundert mit Auslegung auf die Person des heiligen Liutgers, des Klostergründers. Zu den Liutgeriden gehören Hildegrim I. (809-827), Gerfried (827-839), Thiatgrim (839-840), Altfried (840-849) und Hildegrim II. (849-886). Doch mit Hildegrim II. fiel das Eigenkloster vermehrt in den Zugriff weltlicher Herrscher zwecks Eingliederung in das Itinerarsystem der deutschen Könige, so das vom ostfränkischen König Ludwig dem Jüngeren (876–882) erbetene Privileg über Königsschutz, Immunität und freie Abtswahl. Die Zeit der Werdener Wahläbte und die Zeit als Reichskloster hatten begonnen. Seit dem Wandel zum Reichskloster war die Beziehung zum jeweiligen Erzbischof von Köln eng und dessen Einfluss beträchtlich. Die Stellung einer exemten, nur dem Papst unterstellen Abtei konnte Werden nie erringen.

[6] Vgl. hierzu grundlegend Kötzschke, Rudolf, Die Urbare der Abtei Werden a. d. Ruhr: Sammlung von Urbaren und anderen Quellen zur Rheinischen Wirtschaftsgeschichte, Bonn 1906, S. 22ff.

[7] Der entsprechende Auszug aus dem Werdener Urbar A kann unter https:// www.dortmund.de/ de /leben_in_ dortmund/ stadtportraet/ stadtgeschichte/ anfnge17jahrhundert/ koenigliches / index.html abgerufen werden.

[8] Vgl. hierzu und allgemein zur formalen Analyse des Urbars A den Ausstellungskatalog zum Jahrtausend der Mönche, herausgegeben vom heutigen Direktor des Historischen Museums der Stadt Frankfurt am Main Jan Gerchow: Gerchow, Jan (Hrsg.), Das Jahrtausend der Mönche – Werden 799 – 1803, Esssen/Köln 1999, S. 452f.

[9] Vgl. hierzu v. Ledebur, Leopold, Das Land und Volk der Bructerer, als Versuch einer vergleichenden Geographie der dritten und mittleren Zeit, Berlin 1827, S. 28.

[10] Vgl. hierzu und weiterführend Kötzschke, Rudolf, Studien zur Verwaltungsgeschichte der Großgrundherrschaft Werden an der Ruhr, Leipzig 1901, S.6ff.

[11] Die Gerechtsamen sind Vorrechte oder Rechte, aus denen heraus Taten und Handlungen legitimiert waren. Für den Raum Werden waren im Urbar B sogenannte Waldgerechtsame aufgeführt, bei denen der dem Recht Zugesprochene die unentgeltliche Nutzung des örtlichen Waldes für die Holzgewinnung besaß.

[12] Der Kossathe war Eigentümer einer kleinen Landparzelle, häufig am Dorfrand angesiedelt. Diese Ackereinheiten werden als Kotten bezeichnet, eine heute noch im westfälischen Raum verbreitete Begrifflichkeit für Kleinbauern. Vgl. hierzu Schulze, Hans, Siedlung, Wirtschaft und Verfassung im Mittelalter, Ausgewählte Aufsätze zur Geschichte Mittel- und Ostdeutschlands, Köln 2006, S. 218.

[13] Vgl. hierzu Bitsch, Roland, Trinken, Getränke, Trunkenheit, in: Essen und Trinken in Mittelalter und Neuzeit, hrsg. v. Bitsch, Irmgard, Ehlert, Trude u. a., Sigmaringen 1987, S. 208f.

[14] Vgl. hierzu die Dissertation von zur Nieden, Andrea, Der Alltag der Mönche, Studien zum Klosterplan von St. Gallen, Hamburg 2008, S. 310f.

[15] Vgl. hierzu ausführlich hinsichtlich der Grabbeigaben und des Zusammenspiels zur Archäologie Eggert, Manfred, Über archäologische Quellen, in: Fluchtpunkt Geschichte, Archäologie und Geschichtswissenschaft im Dialog, hrsg. v. Burmeister, Stefan und Müller-Scheeßel, Nils, Münster 2010, S. 30ff.

 

Abbildungsverzeichnis​

Abbildung 1:

Bild 1 und 2: 

https://de.wikipedia.org/wiki/Kloster_Werden

abgerufen am 13.01.17

Bild 3:

Landesarchiv NRW, Abteilung Rheinland – Werden, Akten IX a Nr. 1 a, Blatt 27 r.

http://www.marburger-repertorien.de/

abbildungen/pr/DussHstAWerdenIXa1a_Bl27r.jpg

abgerufen am 13.01.17

Abbildung 2: Ludger-Reliquiar im Ludgerus-Dom in Billerbeck

https://www.heiligenlexikon.de/BiographienL/

Liudger_Ludger.htm 

abgerufen am 13.01.17

 

Abbildung 3:

Ausschnitt aus der capitulare de villis vel curtis imperii

 https://pl.wikipedia.org/wiki/Capitulare_de_villis

abgerufen am 13.01.17

Abbildung 4: Karl der Große ließ eine Vielzahl neuer Klöster bauen.

http://www.history.com/news/historys-best-and-worst-dads/print

abgerufen am 13.01.17

Abbildung 5;

 

 

Ersterwähnung Dortmunds im Werdener Urbar zwischen 880 und 884

https://www.dortmund.de/de/leben_in_dortmund/

stadtportraet/stadtgeschichte/

anfnge17jahrhundert/koenigliches/index.html

abgerufen am 13.01.17

 Abbildung 6:

Prümer Urbar

https://www.landeshauptarchiv.de/service/landesgeschichte-im-archiv/blick-in-die-geschichte/archiv-nach-jahrgang/29090855/

abgerufen am 13.01.17

 
 
Abbildung 7:

Hof Weitmar bei Bochum, Karte aus dem Jahr 1780

https://de.wikipedia.org/wiki/Haus_Weitmar

abgerufen am 13.01.17

Abbildung 8:

Rekonstruktion der Aufbahrung Childerichs

Rekonstruktion der Aufbahrung Childerichs (Grafik: RGZM / V. Kassühlke)

http://web.rgzm.de/ueber-uns/presse/pressemitteilungen/pm/article/rgzm-eroeffnet-intervention-zum-thema-macht/

abgerufen am 13.01.17

In Memoriam Franz Wilhelm Fickermann – Zum 130jährigen Todestag einer Werler Legende

In Memoriam Franz Wilhelm Fickermann –

Zum 130jährigen Todestag

einer

Werler Legende

 

 

 

Abbildung 2: Todesanzeige

Requiescat in pace, Du Sohn dieser Stadt“, hieß es am 21. Mai 1888 und in den darauf folgenden Tagen in der westfälischen Stadt Werl. Zur frühen Stunde an jenem besagten 21. Mai des Jahres 1888 verstarb der langjährige Bürgermeister Franz Wilhelm Fickermann nach kurzem Krankenlager durch einen Herzschlag im Kreise der Seinen.  Nur wenig später in den frühen Morgenstunden nach dem Dahinscheiden der kommunalpolitischen Institution war es dem Magistrat und den Hinterbliebenen ein Wichtiges, den Nekrolog und

Abbildung 3: Nachruf

das Requiem für den 24. Mai 1888 noch mit dem Sterbetag publiziert zu haben. Nicht in der Saturierung der niederen Mitteilungsbedürftigkeit dieser Zeitnähe begründet, sondern der Respekt und die Ehrerbietung vor der Lebensleistung des seit 1857 amtierenden Bürgermeisters verpflichteten die Zeitgenossen, Weggefährten und Hinterbliebenen zu zeitnaher Kondolenz abseits jedweden Menetekels des Alltäglichen.

Es sind nun 130 kommunale Jahre in das Land gegangen, seit der oberste Ratsherr in Werl im – ob der drei Achten im Jahr – spöttisch formulierten Dreibrezeljahr 1888 verstarb, nur wenige Wochen nach dem Ableben des Hohenzollern Wilhelm I. im Dreikaiserjahr. Dilettantismus war dem Bürgermeister Fickermann nicht bescheinigt worden im kommunalen Tagesgeschäft, das insbesondere nach der Reichsgründung 1871 von hoher diplomatischer Empathie durchdrungen war. Die Honoratioren der Stadt und der Klerus mit ihren ausgeprägten Netzwerken in der damals inoffiziellen Wallfahrtsstadt Werl pflegten nur mit großer Reserviertheit Kippe zu machen mit dem Werler Liktoren des Bismarck´schen Kulturkampfes, als gerade in der Hochphase der Auseinandersetzungen zwischen dem Reichskanzler Bismarck und der katholischen Minderheit in den siebziger Jahren die polemische Kommunikationskultur wenig prätentiös erschien. Besonders während der Exekutionsphase des Klostergesetzes von 1875 ermöglichte Franz Wilhelm Fickermann mit konstruktivem Dialog die gravitätische Abwicklung der Kapuziner- und Franziskanertradition in Werl, wobei er bereits im Vorfeld dahingehende Ministerialerlasse der zuständigen Amtsregierung in Arnsberg durch Bürgermeister Fickermann umsichtig unter Wahrung des Stadtfriedens auf kommunaler Ebene umsetzte. Denken wir nur an das Verbot der Kollekte zu Beginn des Jahres 1875, als der Bürgermeister dem Guardian des Franziskanerordens die strafbare Relevanz der Fortführung der Kollekte mithilfe von sachlichen Diskurse und pietätsvollen Grundsatzentscheidungen so vermittelte, dass dieser Bruch mit der klerikalen Tradition nicht das politische Klima vergiftete.

Am 17. September 1881 wurde daher ohne Parlieren und in Abkehr jeglicher Magistratszwistigkeiten Franz Wilhelm Fickermann nach zwei zwölfjährigen Amtsperioden einstimmig auf Lebenszeit wiedergewählt.  Die private und die öffentliche Person waren reputabel, standen nicht im Fokus der wie im Fetisch zelebrierenden Meinungsfacetten der Abgeordnetenfraktionen. In toto waren die kommunalpolitischen Aktivitäten des Franz Wilhelm Fickermann getragen von einer persönlichen Hingabe. Sein prinzipieller Arbeitseifer war in der Verankerung fanatisch frei von Restriktionen. Lediglich auf diesem Gebiet hätten sich einige Weggefährten eine selbstauferlegte Mäßigung des beliebten Ortsvorstehers erhofft, da gerade in den letzten Lebensmonaten Fickermann im kräftezehrenden Krankenstand ohne persönliche Zurückhaltung seiner Arbeit vollumfänglich nachging. „Magna cum laude!“, so hieß es auch in den Amtsstuben seiner Dienstvorgesetzten.  Ob Arnsberg oder in persona der greise Kaiser Wilhelm I. als sein oberster Dienstherr, des sonst im obligatorischen Untertanenmodus operierenden wilhelminischen Behördenapparats standen Spalier angesichts des Fickermannschen Arbeitseifers. Die Verleihung des Kronenorden 4. Klasse und Roten Adlerordens an Franz Wilhelm Fickermann gehörten somit nicht in die unpersönliche Lamettabeigabe ehrenhalber für angehende Pensionäre, sondern waren demonstrative Zeugnisse einer politischen Lebensleistung. Diese elitären wilhelminischen Dankbarkeitsbekundungen symbolisierten noch einmal die Außenwirkung des Lobgepreisten.

Mit Leib und Seele war dieser Kommunalpolitiker seinem Amt verpflichtet, in dem er stets mit selbstloser Aufopferung die Frage nach der Notwendigkeit stellte für die Bedürfnisse der Werler Stadtbevölkerung. Persönliche Eitelkeiten, narzisstisches oder hämisches Gedankengut und Vetternwirtschaft waren ihm fremd. Ob jedoch Franz Wilhelm Fickermann über die Generationen hinweg als politisches Leitbild vereinnahmt werden kann oder die heutige Politikerkamarilla in Distanz zu diesem Urgestein stehen muss, bleibt der Deutungshoheit des Lesers überlassen und sollte in Abhängigkeit zu den jeweiligen Werten und Normen betrachtet werden. Ohne Zweifel gehört aber Fickermann zu den Werler Stadtvätern mit bleibendem Eindruck. Die Amtsberufung auf Lebenszeit ist der archimedische Punkt zur Charakterisierung dieses Mannes, der Stadtgeschichte schrieb. Ein eloquenter Charismatiker eben! Erst viel später sollte eine Nachfolgerin im Amt, Amalie Rohrer, erste Bürgermeisterin der Stadt Werl und Bundesverdienstkreuzträgerin am Bande, Fickermann in Eloquenz und Taktgefühl mindestens ebenbürtig sein. Das ist aber eine andere Werler Rathauspersonalie.

Abbildungsnachweis:

 

 

Abbildung 1:

StA Werl

Dienstregistratur Akte 42,1

Abbildung 2:

StA Werl Akte E 11 b Nr. 34
Abbildung 3:

StA Werl

Volksblatt Fickermann

Zur Wahl Lothars III. von Supplinburg

Zur Wahl Lothars III. von Supplinburg

Abbildung 1: Lothar von Supplinburg (1075-1137) bei seiner Wahl zum König

Inhaltsverzeichnis:

  1. Die Suche nach der Schwerpunktsetzung zur Kommentierung der Königswahl von 1125

 

  1. Die Kandidatensituation am Vorabend der Königswahl

 

  1. Der Weg zur Narratio

 

  1. Auskünfte der Narratio über die Abläufe

 

  1. Lotharius rex sit!

 

Quellen- und Literaturverzeichnis

  1. Die Suche nach der Schwerpunktsetzung zur Kommentierung der Königswahl von 1125
Abbildung 2: Lothar von Supplinburg

Ob die zahlreichen Gegenkönige mit Intermezzoflair oder die Hauptakteure im Interregnum des 13. Jahrhunderts im Altreich fachwissenschaftlich, literarisch oder multiperspektivisch ausreichend gewürdigt werden, bleibt dem Kenner oder Interessierten pro domo überlassen nach stabiler Bibliographie. Der Ludowinger Heinrich Raspe, der Gerulfinger Wilhelm, Richard von Cornwall aus dem Haus Anjou-Plantagenêt oder der Wittelsbacher Ludwig gehören in die Gruppierung der römisch-deutschen Könige, aus der heraus für die Nachwelt wenig mit dem Mittelalter in Verbindung gebracht wurde, alleine schon die flächendeckende Unkenntnis der vorgenannten Titelträger erschwert adäquate Prädikate. Lothar von Supplinburg, Angehöriger des sächsischen Hochadels und Weggefährte Heinrichs V., gehört zu den Königstitelträgern, die mit überschaubarer genealogischer Reputation dem Altreich vorstanden. Ohne Geblütsrecht ausgestattet, abseits einer

Abbildung 3: Thietmar von Merseburg

elitären kognatischen Abstammung, stand der Wahlkönig im Regulativ der Wahlzeremonie stets zur Disposition in Abhängigkeit tagespolitischer Konstellationen. Schon der Chronist Thietmar von Merseburg brachte diese Diskrepanz zwischen dem Wahlkönig und dem Geblütsanrechtigen zum Ausdruck, indem er die Metapher vom fehlenden vierten Rad am Wagen verwendete („…tuo quartam deesse non sentis rotam?“).[1] Die nachfolgenden Ausführungen wollen exemplarisch an der Königswahl von 1125 die Suprematie wahltaktischer beziehungsweise wahlrechtlicher Aspekte im Altreich verdeutlichen. Und das Referat will mit diesen Ausführungen die erbmonarchischen Tendenzen in ihren Bemühungen auf den verlorenen Posten katapultieren. Die Grundlage für diese Ausführungen bildet unter Verwendung von Zitaten die Narratio de electione Lotharii Saxoniae ducis in regem Romanorum von Wilhelm Wattenbach[2], wobei dem damaligen Mainzer Erzbischof Adalbert und dem Wahlprozedere in Mainz am Beispiel des eher unbekannten Lothar von Supplinburg eine besondere Rolle zukommen werden, um die Präeminenz des Wahlgedankens im Altreich zu veranschaulichen.

            2. Die Kandidatensituation am Vorabend der Königswahl

Die Übergabe der Reichsinsignien erfolgte bei den Ottonen und Saliern in der Regel durch die Designation. Die Erbmonarchie drohte zum Fundament des regnum Theutonicum zu werden, und die Fürsten sahen darin den archimedischen Punkt ihres Machtverlustes im Wahlkönigtum. Schon die Wahl Rudolfs von Rheinfelden 1077 als Gegenkönig zum Bußgänger Heinrich zeigte im Designationsverbot für Rudolfs auserwählten Sohn[3] die wahren Absichten der Reichsfürsten: Die Partikulargewalten  gewähren dem Gewählten protokollarischen Vorrang als primus inter pares, jedoch mit exekutivem

Abbildung 4: Heinrich der Fünfte. 1106–1125

Schwerpunkt, nicht in legislativer Ausrichtung. Ähnlich verhielt es sich 1125 nach dem Tod des letzten Saliers. Heinrich V. starb, und durchaus passende Kandidaten aus dem Verwandtenkreis wie die staufischen Neffen Friedrich und Konrad waren Kandidaten für die Nachfolge des kinderlosen Saliers Heinrich V., die aber nicht per se durch die Verwandtschaft eine Sonderstellung einnahmen. Auch Leopold von Österreich, Stiefvater der staufischen Neffen, gehörte zum auserwählten Kandidatenkreis. Es gab jedoch keinen verwandtschaftlichen Automatismus. Nicht von minderer Bedeutung war die Übergabe der Reichsinsignien an den potentiellen Nachfolger. Denken wir nur an die

Abbildung 5: Heinrich wird beim Vogelstellen im Wald die Königskrone angetragen

legendäre Szene, in der der Vogelfänger Heinrich vom Franken Konrad im Vorfeld der Königswahl 919 die Reichsinsignien übertragen bekam. Diese Weitergabe fand so in den letzten Lebensmonaten bei Heinrich V. nicht statt. Er übergab sie seiner Frau Mathilde, die die Kleinodien auf der Burg Trifels in der Pfalz aufbewahrte. Erzbischof Adalbert von Mainz konnte offenbar die Witwe Mathilde zur Übergabe der Reichsinsignien bewegen, und der Erzbischof von Mainz durfte sich so in die ansehnliche Aura des Königsmachers begeben.[4] Offenbar war selbst bei der englischen Prinzessin Mathilde wenig Neigung zu spüren, sich allzu offensiv mit familiärem Dünkel in die Kandidatensondierungsphase zu begeben. Dieses Exempel statuierte die fragilen Tendenzen des erbmonarchischen Denkens im personenverbandsstaatlichen Theutonicum, denn – ursprünglich Weggefährte des letzten Saliers – überwarf sich Adalbert mit Heinrich V. und musste aus dem elitären Regierungszirkel austreten. Nun besann er sich seiner legitimen Wahlrechtsobmannfunktion und warf alle rhetorischen Mittel in den Königsmacherring gegen die salische Kandidatenfraktion im Vorfeld des Hoftages zu Mainz 1125.[5] Der rechtliche Primat bei Verhandlungen während der Thronvakanz war seit alters her dem Mainzer zugestanden, denn schon bei Lampert von Hersfeld ist eine Form des episkopalen Geblütsrechts herauszulesen („…archiepiscopus Mogontinus. cui potissimum propter primatum Mogontinae sedis elegendi et consecrandi regis auctoritas deferebatur …”).[6] Und diese administrative Primogenitur in der Königsmacherphase wurde durch den Mainzer Adalbert mit persönlicher Befriedigung ausgereizt.

                3. Der Weg zur Narratio

Wie ist nun die Braunschweiger Personalie Lothar Supplinburg quellentechnisch zu gewichten. Nach den Begräbnisfeierlichkeiten in Speyer für den letzten Salier und der dann anschließenden Wahlversammlung in Mainz formierten sich die Wahlmänner der verschiedenen Lager im frühmittelalterlichen Wahlkampfmodus. Die Kaiserchronik eines Hofgeistlichen aus Regensburg ist dabei, schon mit Blick auf die Entstehungszeit Mitte des 12. Jahrhunderts, eine aussagekräftige Quelle.[7] Hier findet keine pathetische Heroisierung des Braunschweigers Lothar von Supplinburg statt, keine manneskräftigen Wahlkampfschlachten werden in gereimten Versen angeboten oder rufschädigende Hetzfraktionen bei den Saliern, Staufern oder den Sachsen propagandistisch im kolorierten Frontalangriffspanorama dargeboten. Lediglich die fürstliche Beratung in Aachen und die Gesandtschaft nach Braunschweig können in der Kaiserchronik quellentechnisch attackiert werden, da sie nirgends Erwähnung finden. Diese Quellenkritik kann aber sine quaestione entkräftet werden, da der Sprachstil und der Tenor des Autors der Kaiserchronik hinsichtlich der Mainzer Wahlversammlung und der Fokussierung auf die Personalien Adalbert und Lothar nicht zur Dramatisierung geeignet sind. Und die Kaiserchronik entstand nur ein Vierteljahrhundert nach dem Ereignis, also noch von Zeitzeugen oder Weggefährten wahrgenommen inmitten der Stauferdynastie.

Lässt die Kaiserchronik mit multiperspektivem Drang noch in der Königswahl 1125 einen Diskursspielraum, so wird jener Königswahlbericht in toto realiter zum Status quo des in Auslegung und Wahrnehmung existierenden Verfassungsrechts des 12. Jahrhunderts, der in der Geschichtsquellenbibliographie unter dem Namen Narratio de electione Lotharii Saxoniae ducis in regem Romanorum Eingang gefunden hat. Die Narratio wurde 1721 im niederösterreichischen

Abbildung 6: Kupferstich Kloster Göttweig

Kloster Göttweig gefunden und auf die Mitte des 12. Jahrhunderts datiert. Vermutlich ist sie aber älteren Datums, denn der detailintensive Wahlablaufbericht bei gleichzeitiger Nichterwähnung der nach 1125 vorliegenden Dispute zwischen Lothar und den Staufern liefert ein Indiz für eine Abschrift, die 1721 im Kloster Göttweig gefunden wurde, das Original konnte demnach kurz nach der Wahlversammlung am 24. August 1125 entstanden sein. Der Fundort in Niederösterreich selbst ist dabei nicht verwunderlich, da der Sachse Lothar mit dem Grafen von Formbach verwandt war, aus dessen Familie wiederum Gründungsväter des Klosters stammten.[8]

           4. Auskünfte der Narratio über die Abläufe

Die Einführungsworte der Narratio liefern für das zeitnahe Aufsetzen der Mainzer Wahlabläufe bereits ein Indiz, wenn der Verfasser formuliert:

„In curia nuper Mogontiae celebrata quid dignum memoria gestum fuerit, qualiter electio regis processerit, breviter cartae mandavimus.“[9]

Eine weitere Passage der Narratio zeigt, losgelöst von jeglicher Intensität verwandtschaftlicher Beziehungen oder von guter leumundiger Designation, die grundsätzliche Genese des rex Romanorum über wahlmodale Gesichtspunkte im Altreich:

Dux autem Fridericus adiuncto sibi episcopo Basilensi ceterisque Sweviae principibus, ac quibusque nobilibus, e regione ex altera Reni parte consederat, (…): et paratus in regem eligi, sed non regem eligere, prius explorare volebat, quem ex omnibus pricipum assensus promovere pararet.[10]

Abbildung 7: Marktgraf Leopold von Österreich (links)

Der aussichtsreiche Stauferkandidat Friedrich blieb also in diesem offensichtlichen Vabanquespiel um den Königsthron in Abstand zu den anderen Kandidatenlagern, angeführt vom Sachsen Lothar und vom Markgrafen Leopold von Österreich. Auch die Einrichtung eines Wahlmännergremiums („…, primo decem ex singulis Bawariae, Sweviae, Franconiae, Saxoniae provinciis principes consilio utiliores prosposuerunt, …“)[11] bestehend aus den Oberen der Stämme, verdeutlicht das den erbmonarchischen Tendenzen widersprechende Verfassungsrecht im regnum Teutonicum. Dass die Narratio lediglich von drei Kandidaten zu berichten weiß, wohingegen Otto von Freising einen vierten Kandidaten mit Karl von Flandern namentlich erwähnt, soll den Aussagewert der Narratio nicht schmälern, denn jener Graf gab schon in den Vorverhandlungen des Hoftages zu Mainz seinen Verzicht bekannt. Vielmehr scheint das Verhalten des Erzbischofs Friedrich von Köln, der beim flandrischen Grafen anfragte, einen weiteren Beleg zu liefern für den tief verwurzelten teutonischen Drang nach Etablierung von Kandidaten im Vorfeld einer Königswahl.[12] Wenn wir der Narratio Glauben schenken können, dann folgte im weiteren Wahlgeschehen eine Lehrstunde teutonischer auctoritas oder besser: deren Verlust nach Zurschaustellung einer wie auch immer begründeten Designation. Lothar und Leopold verzichteten jedoch und verpflichteten sich nach Rückfrage des Mainzer Erzbischofs ohne jegliche Einschränkung auf die Eidbekundung dem zukünftigen König gegenüber.[13] Wie stark die persönliche Abneigung des Mainzer Erzbischofs gewesen sein mag oder der mögliche rex Teutonicum das Synonym für den primus inter pares statuierte, kommt nun in der Reaktion auf folgende Anfrage des Mainzers Adalbert zum Ausdruck:

Requisitus ergo dux Fridericus, utrum ipse quoque sicut et ceteri ad totius ecclesiae regnique honorem et liberae electionis commendacionem perpetuam idem quod ceteri fecerant facere vellet, sine consilio suorum in castris relictorum se respondere nec velle nec posse asseruit; (…)[14]

Zur Ehre der Kirche, des Reiches und für die freie Wahl sollte Friedrich – lediglich über einen zeremoniellen Sprachakt –  auf die Designation verzichten? Adalbert kannte offenbar den Staufer besser als gedacht, denn jener entzog sich dem traditionellen Wahlmodus zum Trotz der Verantwortung durch Flucht in das staufische Wahllager. Friedrich verschmähte, getragen von erbrechtlichen Gedanken, aber in erster Linie das freie Wahlrecht der Fürsten, zumindest in der Außenwirkung.[15] Die leichte Abänderung der Loyalitätspassage im Wahlmodus lieferte aber bereits das Indiz für eine merkliche Antipathie dem Staufer gegenüber. Der Kleriker hatte in Rechten und Pflichten hinsichtlich des legitimen Wahlfindungsaktes genauso die Genese zur Austarierung zu garantieren wie das selbstverpflichtende Rollenspiel der Kandidaten, so Friedrich es hätte wahrgenommen. Und diese Wahrnehmung konnte nicht ausschließlich durch das persönliche Schisma zwischen Adalbert und dem letzten Salier verursacht worden sein.

        5. Lotharius rex sit!

Abbildung 8: Lothar von Supplinburg (1075-1137) bei seiner Wahl zum König

Tags darauf versicherten Lothar und Leopold wiederholt ihre Loyalität gegenüber dem zukünftigen König, und erste prosächsische Rufe ertönten („…, subito a laicis quam pluribus: Lotharius rex sit!“)[16]. Tumulte ließen sich nicht vermeiden, Fürsten waren verärgert. Selbst Lothar erkannte die Notwendigkeit und forderte die Bestrafung der Lärmenden. In diesem Verhalten zeigt sich abermals die tiefe Verwurzelung im Wahlreich, um die Legitimation des zu Wählenden nicht zu schmälern. Eine tumultarische Erhebung Lothars wurde von allen Anwesenden mit explizitem Stimmrecht verneint, schließlich waren es ja die Laien, die den Lothar ausgerufen hatten. Auch der Hinweis auf die Abwesenheit des Bayernherzogs verdeutlicht noch einmal den verpflichtenden Rahmen bei einer Königswahl im Altreich. Erbrechtliche Argumente oder emotionale Rufkanonaden waren von negativer Attitüde geprägt oder verursachten ein dementsprechendes Klima. Zudem hatte der Staufer Friedrich durch das in Griffweite liegende Geblütsrecht die Situation im Teutonicum falsch eingeschätzt. Leumund, Geblütsrecht oder eine Favoritenrolle bei der Königswahl bildeten nicht die Stufen aufwärts zum Thron des großen Aacheners, sondern die Integration und Akzeptanz von wahlmodalen Spielregeln im Personenverbandsstaat, zur Schau gestellt von möglichen Kandidaten für die ostfränkische Krone. Friedrich redete nicht mit denen, die redeten und die letztlich auch wählten. Und wie stark dann der Drang nach einer allgemeinen Übereinstimmung unter den führenden Fürsten für die Erhebung in die Königswürde verankert war, zeigte sich in der Anwesenheit des eigentlich mit Friedrich von Schwaben angebandelten bayrischen Herzogs:

 „Accito igitur duce Bawarico, iam sancti Spiritus gratia ad unum idemque studium animos omnium unire curabat, et unanimi consensu ac peticione principum iam primum Lotharius rex Deo placitus sublimatur in regnum.[17]

Ein weiterer Beleg für die ostfränkische Agonie hinsichtlich erbmonarchischer Tendenzen war die Übereinkunft des Bayernherzogs Heinrich mit Lothar, denn Heinrichs Schwiegersohn war nun ausgerechnet Friedrich von Schwaben. Hier liegt denn auch der staufisch-welfische Dualismus begründet, der unter Barbarossa und Heinrich dem Löwen zum Höhepunkt generieren sollte. Der Welfe Heinrich nahm die Aussicht auf eine Vergrößerung der Hausmacht gerne an zum Nachteil seines Schwiegersohnes aus Schwaben, denn sein gleichnamiger Sohn wurde wenig später mit der einzigen Tochter Lothars vermählt. Reichsfürstliche Hausgutpolitik oder die pathologische Zeremonie wahlmodaler Vereinbarungen aus dem überlieferten Recht oder nach vereinbartem tagesaktuellen Prozedere bei Königserhebungen mit dem Privileg der freien Wahl (liberae electionis commendacio perpetua)[18] waren die sacrosankten Elemente einer Königserhebung im Altreich, die in der Personalie Lothar kummulierten. Insofern ist die in der Narratio vorgestellte Königswahl von 1125, losgelöst von der Intention des Verfassers, von den konkreten Personalkonstellationen und vom Ausmaß einer Quellenkritik, inhaltlich eine Kampagne für die Königswahl wider die Statuierung erbmonarchischer Attitüden. Die verfassungsrechtliche Verschriftlichung sollte dann wiederum zwei Jahrhunderte später erfolgen mit der Goldenen Bulle des Luxemburger Karls IV. von 1356.

Abbildung 9: Luxemburger Karls IV. von 1356, Goldene Bulle

 

Quellen- und Literaturverzeichnis:

Quellen:

Thietmari Merseburgensi episcopi, Chronicon, hrsg. von Robert Holtzmann (MGH SS rer. germ. N. S. 9), Berlin 1935.

 

O.A., Narratio de electione Lotharii Saxoniae ducis in regem Romanorum. hrsg. von Wilhelm Wattenbach, in: Historicae aevi Salici (MGH SS 12), Hannover 1856.

Ottonis et Rahewini, Gesta Friderici I. imperatoris, hrsg. von Georg Waitz (MGH SS rer. Germ. 46), Hannover 1912.

Lamperti Monarchi Hersfeldensis, Opera, hrsg. von Oswaldus Holder – Egger (MGH SS rer. germ. 38), Hannover 1894, S. 168.

Kaiserchronik eines Regensburger Geistlichen, hrsg. von Edward Schröder (MGH  Dt. Chron. 1,1), Hannover 1892, V. 16942 – 16944.

Literatur:

Bernhardi, Wilhelm, Lothar von Supplinburg (Jahrbücher der deutschen Geschichte 15), Leipzig 1879.

Diedler, Hennig, Eine vergessene Designation? Zu den politischen und verfassungsrechtlichen Hintergründen der deutschen Königswahl von 1125, in: Concilium medii aevi 1 (1998), URL: http://cma.gbv.de/z/1998/dr,cma,001,1998,a,03 (zuletzt aufgerufen am 09.12.2017).

Nonn, Ulrich, Geblütsrecht, Wahlrecht, Königswahl: Die Wahl Lothars von Supplinburg 1125, in: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht, Bd. 44 (1993), S. 146 – 157.

Speer, Lothar, Kaiser Lothar III. und Erzbischof Adalbert I. von Mainz. Eine Untersuchung zur Geschichte des Deutschen Reiches im frühen zwölften Jahrhundert, Köln/Wien 1983.

[1] Thietmari Merseburgensi episcopi, Chronicon, hrsg. von Robert Holtzmann (MGH SS rer. germ. N. S. 9), Berlin 1935, S. 190.

[2] O.A., Narratio de electione Lotharii Saxoniae ducis in regem Romanorum. hrsg. von Wilhelm Wattenbach, in: Historicae aevi Salici (MGH SS 12), Hannover 1856, S. 509-512. (Im Folgenden zitiert als: Wattenbach, Narratio).

[3] Nonn, Ulrich, Geblütsrecht, Wahlrecht, Königswahl: Die Wahl Lothars von Supplinburg 1125, in: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht, Bd. 44 (1993), S. 146 – 157, S. 148 (im Folgenden zitiert als: Nonn, Geblütsrecht).

[4] Ottonis et Rahewini, Gesta Friderici I. imperatoris, hrsg. von Georg Waitz (MGH SS rer. Germ. 46), Hannover 1912, S. 30 – 31.

[5] Speer, Lothar, Kaiser Lothar III. und Erzbischof Adalbert I. von Mainz. Eine Untersuchung zur Geschichte des Deutschen Reiches im frühen zwölften Jahrhundert, Köln/Wien 1983, S. 56 – 58.

[6] Lamperti Monarchi Hersfeldensis, Opera, hrsg. von Oswaldus Holder – Egger (MGH SS rer. germ. 38), Hannover 1894, S. 168.

[7] Kaiserchronik eines Regensburger Geistlichen, hrsg. von Edward Schröder (MGH  Dt. Chron. 1,1), Hannover 1892, V. 16942 – 16944.

[8] Nonn, Geblütsrecht, S. 151.

[9] Wattenbach, Narratio, S. 510.

[10] Wattenbach, Narratio, S. 510.

[11] Wattenbach, Narratio, S. 510.

[12] Nonn, Geblütsrecht, S. 153.

[13] Diedler, Hennig, Eine vergessene Designation? Zu den politischen und verfassungsrechtlichen Hintergründen der deutschen Königswahl von 1125, in: Concilium medii aevi 1 (1998), URL: http://cma.gbv.de/z/1998/dr,cma,001,1998,a,03 (zuletzt aufgerufen am 09.12.2017), S. 49.

[14] Wattenbach, Narratio, S. 510 – 511.

[15] Bernhardi, Wilhelm, Lothar von Supplinburg (Jahrbücher der deutschen Geschichte 15), Leipzig 1879, S. 37 – 38.

[16] Wattenbach, Narratio, S. 511.

[17] Wattenbach, Narratio, S. 511.

[18] Wattenbach, Narratio, S. 511.

Abbildungsverzeichnis

 Abbildung 1:

Lothar von Supplinburg (1075-1137) bei seiner Wahl zum König

https://www.welt.de/geschichte/article173332428/Der-Sieg-des-Lothar-von-Supplinburg.html

abgerufen am 01.03.18

 Abbildung 2: Lothar von Supplinburg

https://de.wikisource.org/wiki/

Die_deutschen_Kaiser:

Lothar_von_Supplingburg_und_Konrad_III.

abgerufen am 01.03.18

 Abbildung 3:

 Thietmar von Merseburg

http://von-dom-zu-dom.de/thietmar

abgerufen am 01.03.18

 Abbildung 4:

 Heinrich der Fünfte. 1106–1125

https://de.wikisource.org/wiki/

Die_deutschen_Kaiser:Heinrich_IV._und_Heinrich_V

abgerufen am 01.03.18

 Abbildung 5:

Heinrich wird beim Vogelstellen im Wald die Königskrone

https://de.wikipedia.org/wiki/Heinrich_I._(Ostfrankenreich)

abgerufen am 01.03.18

 

 Abbildung 6:

 Kupferstich Kloster Göttweig

http://de.mini.wikia.com/wiki/Datei:Kupferstich.jpg

abgerufen am 01.03.18

 

 Abbildung 7:

 Marktgraf Leopold von Österreich (links)

https://de.wikipedia.org/wiki/Leopold_II._(%C3%96sterreich)

abgerufen am 01.03.18

 Abbildung 8:

Lothar von Supplinburg (1075-1137) bei seiner Wahl zum König

https://www.welt.de/geschichte/article173332428/Der-Sieg-des-Lothar-von-Supplinburg.html

abgerufen am 01.03.18

 Abbildung 9:

Luxemburger Karls IV. von 1356, Goldene Bulle

https://www.welt.de/geschichte/article155333430/Wie-Kaiser-Karl-IV-bei-der-Pest-die-Juden-verriet.html

https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Goldene_Bulle,_1356

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Stupor mundi … Die Obere Wasserbehörde nimmt Stellung zu Schwermetallen!

Im Rahmen des 5. Abiturfaches erfolgte in den Jahren 2015 und 2016 eine besondere Lernleistung von mir hinsichtlich einer Bachuntersuchung des Baches Geithe, in der westfälischen Stadt Hamm gelegen. Unter dem Titel „Die Geithe, ein Altarm der Lippe – eine ökologische Untersuchung vor dem Hintergrund der historischen und aktuellen Situation“ wurden in Wasserproben des Baches Geithe Schwermetalle nachgewiesen, die in der Konzentration mit dem unrühmlichen Prädikat „Stark belastet!“ versehen werden konnten. Seinerzeit wiesen die zuständigen Behörden unter lautsprecherischer Federführung der Stadt Hamm meine Ergebnisse mit dem Totschlagargument zurück, dass die Wasserproben nicht nach standardisierten Messungen mit korrekter Normierung durchgeführt worden wären. Nun musste ich die obere Wasserbehörde in Arnsberg informieren, die eine offizielle oberbehördliche Untersuchung in Gang setzte, die im Ergebnis nun vorliegen. Interessanterweise erhielten meine Ergebnisse – wenn auch nicht deckungsgleich – in starker Tendenz eine amtliche ausgestellte Bestätigung und darüber hinaus weitere eklatante Umweltverschmutzungen. Was war denn nun amtlich registriert oder zugegeben? Nach den Untersuchungen des Landesamtes für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz Nordrhein-Westfalen (LANUV) wurden die Richtwerte für Arsen und Zink deutlich überschritten und die Umweltqualitätsnorm für Blei nicht eingehalten. Diese Aussagen beziehen sich zunächst nur auf die von mir und dem LANUV untersuchten Wasserproben, können aber ohne Bedenken für eine Generalisierung verwendet werden. Natürlich – und es gebietet die wissenschaftliche Zurückhaltung in einem aber demonstrativ geforderten Diskurs – können dogmatische Aussagen über die Giftigkeit der vorgenannten Substanzen nur über weitere Eigenschaften des Wassers auf eine breite Basis gestellt werden.

Besorgniserregend war an den Ergebnissen, dass der Messwert von Benzo(a)pyren im Wasser mit bis zu 0,97 ng/l mehr als das Fünffache des Grenzwerts der Umweltqualitätsnorm betragen hatte. Benzo(a)pyren kommt im Kohlenteer vor, entsteht bei Verbrennungsprozessen von organischen Materialien und zählt zu den am besten untersuchten krebserregenden Stoffen. Daher kann auch deutlich formuliert werden, dass dieser wenig ökologische Stoff bei Schornsteinfegern und Rauchern für das signifikant erhöhte Krebsrisiko Mitverantwortung tragen. Ohne große Verwunderung war dann auch zu beobachten, dass das grundsätzlich schlecht lösliche Benzo(a)pyren erwartungsgemäß auch im Sediment der Geithe zu finden war.  Es ist ein wichtiger Vertreter einer ganzen Gruppe von chemischen Verbindungen, der sogenannten Polyzyklischen Aromatischen Kohlenwasserstoffe (PAK). Insgesamt wurden 12 dieser PAKs im Schlamm der Geithe nachgewiesen, wobei vier dieser Substanzen einen Grenzwert überschritten, ab dem eine schädliche Wirkung zu erwarten ist. Darunter war das krebserregende, für Wasserorganismen sehr giftige Chrysen, das gewässergefährdende Phenanthren sowie vor allem das giftige Naphtalin, dessen Konzentration mit bis zu 1,5 mg/kg fünfmal höher lag als der oben erwähnte ½-PEC-Grenzwert. Die Messungen des LANUV bestätigten – wie bereits erwähnt –  die von mir ermittelten (eigene Werte in Klammern) Grenzwertüberschreitungen verschiedener Schwermetalle und ergaben in allen Fällen sogar noch höhere Belastungen der Sedimente in der Geithe. Bei Zink wurde beispielsweise mit 890 mg/kg (536 mg/kg) eine Überschreitung des Grenzwerts der Umweltqualitätsnorm festgestellt. Bei dieser Substanz steht vor allem die Giftigkeit für Pflanzen und Wasserpflanzen im Vordergrund. Das gleiche gilt für Nickel, bei dem die Konzentration mit bis zu 48 mg/kg (20 mg/kg) das Doppelte des ½-PEC-Grenzwerts betrug. Darüber hinaus ist Nickel als Kontaktallergen bekannt, das schwere Hautentzündungen hervorrufen kann und als krebserregend gilt, insbesondere, wenn Stäube inhaliert werden. Zynisch formuliert, meine Untersuchungen waren nicht vollständig aufdeckend in der Konzentrationsmessung, also eine negative oder pervertierte Diskreditierung meiner eigenen Untersuchungsergebnisse. Mit diesem Makel kann ich leben! Bei den drei giftigsten Schwermetallen Blei, bis 90 mg/kg (51 mg/kg), Cadmium, 3,4 mg/kg (2,9 mg/kg) und Quecksilber, bis 0,95 mg/kg (0,03 mg/kg) kam es sogar jeweils zur Überschreitung der oben genannten Grenzwerte um ca. 50%. Alle drei Substanzen können sich im Körper anreichern und zu chronischen Vergiftungen mit Schädigung des Nervensystems und verschiedenen Stoffwechselstörungen führen. Sie gehören daher schon seit Jahren zu den sogenannten Prioritären Stoffen der EU-Wasserrahmenrichtlinie, die als besonders gefährlich eingestuft werden und besonderer Beobachtung unterstehen.

Zwingend war daher die Einleitungsgenehmigung zu modifizieren, wobei die diplomatische Wortwahl der tatsächlichen Gefährdungssituation klar nachsteht. Mit behördlicher Genehmigung konnte der Betreiber des Kohlekraftwerks in Hamm-Uentrop die Abwassermengen aus dem Kohleabsetzbecken in die Geithe leiten. Offensichtlich – zumindest bestätigt seit 2011, aber mit sattelfestem Verdacht wohl seit der Inbetriebnahme – waren eklatante Eingriffe in die standardisierte Abwasserbehandlung an der Tagesordnung. Für diese Genehmigung war die Untere Wasserbehörde der Stadt Hamm zuständig, die realiter das Gefährdungspotenzial des Kraftwerkskomplexes ignorierte oder in fachlicher beziehungsweise behördlicher Unkenntnis argumentierte.Hinweise zu einer erhöhten Belastung liegen mir auch nach Abgleich der bisherigen Untersuchungen im Rahmen des Monitorings der WRRL oder eigener Untersuchungen beispielsweise des Makrozoobenthos bzw. chemisch-physikalischer Parameter oder der Fischfauna nicht vor“, kam es souverän aus der Unteren Wasserbehörde, namentlich durch Dr. Schmidt – Formann kolportiert, meinen Ansprechpartner beim Umweltamt Hamm. Diese Aussage verdeutlicht entweder eine dogmatische Inkompetenz oder das unsichtbare Gemüt hinsichtlich eines empathischen Umweltbewusstseins kann hochfrequentiert in der Unteren Wasserbehörde bestaunt werden. Nicht zur fachlichen Nachahmung geeignet oder mit dem satirischen Gütesiegel verwandt waren die Äußerungen des Mitarbeiters Cigelski der Unteren Wasserbehörde, wonach das Geithewasser nur Regen- und Oberflächenwasser sei und er sich auch in der Vorstellung verankert sehe, seine Kinder im Bach spielen zu lassen. Selbstverständlich können Vertreter von Umweltbehörden den Ganzkörperkontakt mit Schwermetallen propagieren, denn ich werde vielleicht irgendwann dem eine Nachvollziehbarkeit abringen. Versprechen kann ich es aber nicht! Durch diese Einleitungsgenehmigungen erhielt der Kraftwerksbetreiber einen Freibrief für die Entsorgung von schädlichen Abwässern. Letzten Endes lässt sich von Glück sagen, dass sich die Obere Wasserbehörde in diesen Fall eingeschaltet und Untersuchungen vorgenommen hat, die das wahre Ausmaß der Umweltschädigung/-belastung zeigen.

[Quellen: Schreiben von Dr. Rosenbaum-Mertens, LANUV; GESTIS-Stoffdatenbank des Instituts für Arbeitsschutz der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (IFA), http://gestis.itrust.de; Lenntech Water Treatment Solutions, https://www.lenntech.de; Umweltbundesamt, https://www.umweltbundesamt.de;]

 

 

Die Luftbildarchäologie … Bodenfundtechnik mit kritischem Augenmaß

Die Luftbildarchäologie …  Bodenfundtechnik mit kritischem Augenmaß

 

 

Inhaltsverzeichnis

 

Einleitung

Die Interpretation von Luftbildern

Grundlagen der Photogrammetrie

Das Hillefeld

Schlussbetrachtungen

Anhang

Quellen- und Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Einleitung

Der Archäologe ist stets auf der Suche nach Verborgenem und Unentdecktem. Ob nun Bibliotheken, Verdecke, Feldfluren, tatsächliche oder angebliche Spuren, so ist doch allen gemein, dass die Zeit die Ausdauer und die Nerven des Archäologen auf die Probe zu stellen sucht. Jede zeitökonomische Strategie zur Auffindung von Überresten ist da willkommen. Und jede Prospektionsmethode untersteht in der Regel einer Budgetlimitierung. Die Luftbildarchäologie kann – der kritischen Interpretationsfähigkeit unter– und oberirdischer Störungen im Bodenrelief befähigt – eine tragende Säule im Kosten- und Zeitmanagement archäologischer Untersuchungen sein. Die Vogelperspektive kann den Luftbildarchäologen dort zu Grabhügeln, alten Wegenetzen oder verdeckten Wüstungen führen, wo der persönliche Boden lediglich Färbungen oder Terrainunebenheiten preisgibt. Der den Überresten zusetzende natürliche Zerfall oder der durch Menschenhand verursachte Terraineingriff erhalten in zügigeren und großflächigeren Bearbeitungen archäologischer Areale ein wirksames Gegengewicht.

LiDAR-Systeme und UAVs[1] bilden die Grundlage für Vermessungen und archäologische Dokumentationen, zumindest erfreuen sie sich seit geraumer Zeit großer Beliebtheit.

  1. Vom LiDAR aus werden Lichtstrahlenbündel Richtungen Erdoberfläche geschickt, deren Echo aufgefangen wird. Wenige Zentimeter Höhenunterschiede können im Gelände dadurch erfasst werden.
    Abbildung 1

    Die Konstruktion eines Punktwolkenbildes mit exakten GPS-Daten ermöglicht die Dokumentation, Vermessung, Kartographierung und Topographierung archäologischer Ausgrabungsstätten. Digitale Oberflächen- und Geländemodelle können erstellt und archäologisch ausgewertet werden. Und der besseren Anschauung ist mit dem LiDAR-System auch Genüge getan.

  2. Die UAVs liefern durch die Orthorektifizierung Orthophotos. Aus dem bildlichen Rohmaterial werden die geometrischen Verzerrungen entfernt.
    Abbildung 2

    Die Photogrammetrie realisiert die Oberflächenbeschaffenheit, und ein bildrealistisches 3D-Modell kann mittels der Texturinformationen erzeugt werden. Das ist ein klarer Vorteil gegenüber dem LiDAR-Verfahren. Ohne zusätzliche Bildkamera würde das „Überzugmodell“ nicht funktionieren.

Im Anschluss werde ich die Grundlagen der Luftbildinterpretation unter Berücksichtigung eines Regionalbezuges und klassischer Interpretationsfehlerquellen erläutern.  Orthobilder, charakteristische Merkmale von Steinzeitbauten bis zu Gemäuern während der antiken Römerzeit oder ein Exkurs in die Vorteile bei der Auswertung von Satellitenbildern sind thematisch in die Interpretation von Luftbildern eingefügt, damit mehr Plastizität Eingang findet. Grundlegendes zur Photogrammetrie und eine Ackerparzelle namens „Hillefeld“ in der Scheidinger Gemarkung im Landkreis Soest reihen sich thematisch in die Luftbildausarbeitung ein. Gerade das Hillefeld wird sich dabei als Musterspielwiese für den Luftbildarchäologen vorstellen, und mein besonderes Interesse an dieser Parzelle wird der Leser zwischen den Zeilen herausarbeiten können.

Interpretation von Luftbildern

Die Erfahrung und das Fachwissen sind unentbehrliche Faktoren für die Interpretation von Luftbildern. Terrainstörungen sind hinsichtlich der Ursachen vielschichtig. Wetterlagen,

Abbildung 3

Sonnenlichtaktivitäten, Sichtwinkel oder Jahreszeiten können weitreichende visuelle Fehlschlüsse verursachen. Bei schräger Sonneneinstrahlung aus der Luft können Reste von Gräben, Mauern oder Wällen gut erkannt werden. Durch den Schattenwurf der einfallenden Sonnenstrahlen werden Flächen, die den Strahlen mehr zugeneigt sind, stärker als vom Umfeld reflektiert. Geringste Unebenheiten im Bodenrelief sind so erkennbar, auf dem Foto ist ein Reststück einer alten Landwehr in der Werler Vöhde zu erkennen. Im Winter verstärkt sich dieser Effekt durch die starken Kontraste der tiefer stehenden Sonne. Entscheidend bei allen Aufnahmen sind der Aufnahmewinkel und die Aufnahmerichtung. Ebenfalls im Winter zeichnen sich durch

Abbildung 4

gleichmäßige, geschlossene Schneebedeckung die Strukturen im Gelände aus. Die Licht- und Schattenspiele bringen Wälle oder Grabhügel zum Vorschein. In Bodensenken oder auf Wällen bleibt der Schnee länger liegen. Feuchtes Material hält Wärme länger gespeichert. Diese gespeicherte Wärme führt bei beginnendem Frost im Spätherbst dazu, dass auf verfüllten Gräben der Schnee schneller schmilzt und so die Strukturen besser sich aus dem Schneebett herausheben[2].

 

Abbildung 5

Ganz allgemein resultieren Feuchtigkeitsmerkmale aus dem unterschiedlichen Speichervermögen der gestörten Bodenstrukturen. Archäologisch interessante Beobachtungen können nach Niederschlägen wenige Stunden während der Trocknungsphase auf unbebauten/unbewachsenen Flächen gemacht werden[3]. Selbst auf Feldern ohne Bewuchs lassen sich unter besonderen Bedingungen auf einer Ackerfläche Merkmale herauslesen für die Existenz von Überresten. Flächige, bandförmige Farbunterschiede im umgebenden Boden geben ein Indiz für Überreste. Die Pflugvorrichtungen in der Landwirtschaft können verfüllte Gräben und Gruben aufwühlen und so das Füllmaterial an die Oberfläche

Abbildung 6

befördern[4]. Verfärbungen sind jedoch nicht grundsätzlich ein Indiz für Überreste. Die Trennung von belanglosen Schatten und vielversprechenden Erdreichverfärbungen ist nicht einfach und bedarf eines genauen Blickes bei der Bildauswertung. Aber grundsätzlich dienen Verfärbungen auf Bildern zur Kenntlichmachung von Wällen und Grabhügeln. Ein Beispiel für diese Erdreichverfärbungen ist ein Soldatenmassengrab aus dem Siebenjährigen Krieg auf der Flur „Totenkamp“ in meiner Heimatgemeinde Scheidingen.

Auch der Pflanzenwuchs kann als Kriterium herangezogen werden bei der Suche nach archäologischen Strukturen. Raps, Rüben oder Kartoffeln gelten als eher ungeeignet für archäologische Untersuchungen, da die Pflanzenabstände ungenau sind. Günstig sind Getreidesorten mit ihren tiefen Wurzeln, mit denen sie Nahrung aus dem Untergrund aufnehmen. Unter deren Oberflächenbewuchs können verborgene Eintiefungen und Mauerzüge das Wachstum der Feldfrüchte beeinflussen und Auffälligkeiten verursachen im engen Pflanzenteppich. Die Ursache ist eine Veränderung der Feuchte und des Nährstoffhaushaltes im üblicherweise gleichmäßigen Erdreich durch die natürliche oder von Menschenhand getätigte Einfüllung von feinen Oberflächenmaterialien. Nicht unwahrscheinlich ist auch die mechanische Auflockerung von festen Erdschichten, so dass das spätere Wurzelwachstum gefördert wird, dann unmittelbar am kräftigeren Pflanzenbau erkennbar. Stoßen die Wurzeln aber in geringer Tiefe auf einen massiven Mauerzug, so bleibt es nicht ohne negative Auswirkungen auf das

Abbildung 7

Wachstum der Pflanzen. Gerste ist von allen archäologiefreundlichen Getreidesorten die Pflanze mit dem größten Potenzial für die Suche nach Überresten. Auf dem Foto ist negativer Bewuchs zu erkennen, Mauerreste von Gut Auhl befinden sich hier. Die Bildung eines starken Wurzelwerkes über Auffüllungen ist bedingt durch die längere Feuchtigkeitsspeicherung der Gräben, Siedlungs- und Grabgruben. Gut durchgelüftetes, humoses Erdmaterial macht sich eben stets bemerkbar. Hemmende Wachstumsfaktoren verursachen verschiedenfarbige Raster auf den Anbauflächen, je nach Getreidesorte mehr oder weniger feingliedrig. Der Nährstoffgehalt des Erdreiches ist bekanntlich auch über Mauerreste geringer, da das

Abbildung 8

Wasser schneller abfließen kann. Das satte Grün einer reifeintensiven Pflanze ist in der Regel bei solchen Bodenbeschaffenheiten nicht zu beobachten. Matte Farben, geringerer Wuchs und vorgezogener Reifegrad zeichnen diese auf Überresten stehenden Pflanzen aus. Exemplarisch für diesen verringerten Bewuchs steht der Auszug aus der Bergstraßer Weg in Werl. Der negative Bewuchs auf dem Zuckerrübenfeld lässt nicht

 

Abbildung 9

nur Überreste vermuten, sondern hier liegen tatsächlich Mauerreste. Die Gefahr der Fehlinterpretation besteht aber auch hier. Versuchspflanzungen, auf dem Bild zu erkennen, eine Versuchspflanzung auf dem Hilldefeld,  im Feld oder Traktorleitlinienführungen bei der landwirtschaftlichen Bearbeitung, auf dem Bild vom Aulfeld in Scheidingen, zu erkennen, haben in der Regel keinen archäologischen Hintergrund. Die Bildmotive auf dem Aul- und Hillefeld in

Abbildung 10

der Scheidinger Gemarkung verdeutlichen die unbeabsichtigte Nähe zu vielversprechenden Mustern auf der Suche nach archäologischen Überresten. Durch die Luftbildarchäologie können Bodendenkmäler geschützt werden, sie können genauer und schneller erfasst werden und es können Informationen über sie bekommen werden, ohne Eingriff in das Bodendenkmal. Der Fund kann im Kontex seines Umfeldes betrachtet werden, es 

Abbildung 11

ergeben sich andere Perspektiven im Gesamtbild über seine Ausdehnung, z.B. Gräber, Siedlungen[5].  Auf dem Foto erkennt man Überreste eines alten Bunkers aus dem Dritten Reich bei Werl. Auf sumpfigen Untergrund oder in Überschwemmungsgebieten können Flutmerkmale entstehen[6].

Abbildung 12

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Um Luftbilder zielführend und –unterstützend einsetzen zu können, müssen diese Objekte der Vogelperspektive zunächst einmal entzerrt werden. Die softwareunterstützten Verfahren wie GIS oder CAD[7] werden hierfür verwendet. In der Regel wird eine Karte als Grundlage genommen, und das entsprechende Luftbild erhält eine Abstimmung mit der Grundlagenkarte. Das Ergebnis ist ein Senkrechtluftbild mit topographischer Karte, wobei das Luftbild auch als Orthofoto[8] Verwendung finden kann. Das Orthofoto ist anschließend nutzbar für weitere Kartenübereinanderlegungen oder dienlich für digitale Geländemodelle. Der Vorteil dieser Orthokarten ist, dass sie als Vermessungskarten – und hier liegt auch die gute Nützlichkeit für den Archäologen – dienen können. Die Zusammenführung und der Vergleich mit anderen Bildern ist problemfrei, so dass spätere Prospektionen zielführend umgesetzt werden können. Es ist also ein wichtiges Element in der Gesamtplanerstellung. Die 3D-Koordinaten beschreiben in GIS die räumliche Form der Erdoberfläche. Über das Laserscanning werden diese Daten zur Verfügung gestellt. Bekanntlich tastet der Laserstrahl mittels Flugzeug oder Satellit die Erdoberfläche ab. Das Verfahren sichert dabei – handwerkliche Laienfehler außen vor – eine Regelgenauigkeit in Höhe und Breite, bei der eine Spannweite von 30 Zentimetern nicht überschritten wird. Die Aussagekraft dieser Laserscanningobjekte hängt aber ganz wesentlich davon ab, ob die Punktwolkenmasse säuberlich differenziert wird nach Boden- und Vegetationspunkten. Sowohl dichte als auch spärliche Vegetation können die zu einem Teilrelief gehörenden Punkte vermengen, also zu Ungenauigkeiten führen. Außerdem finden die digitalen Geländemodelle Anwendung bei Höhenlinienplänen, Quer- und Längsprofilen, Hangneigungen oder 3D-animierten Archäologiefunden. Und die Anschaulichkeit ist dabei bei korrekter Nutzung stets gewährleistet. Aber auch hier muss die Anschaulichkeit kritisch in die Interpretation eingebaut werden. Zum Beispiel führen Agrarspuren häufig – wie bereits erwähnt –  zu Fehlschlüssen. Luftbilder müssen auf Form, Größe oder Topographie hin genau und auch zeitaufwendig interpretiert werden. Die Prospektionsdauer kann den Planungsrahmen sprengen. Funde, die über klassische Parzellierungsgrößen gehen, bedürfen einer größeren Interpretationsdauer zwecks Einbindung in den Gesamtzusammenhang. Als Paradebeispiel für die Prospektionsdauer gilt hinlänglich die Heuneburg in Baden-Württemberg. Das beständige Überfliegen mit einer Vielzahl an Luftbildern führte zur Entdeckung von Grabhügeln, die sich in Beziehung zur Heuneburg setzen ließen.[9] Auch die Form von Fundamentüberresten führt zu verschiedenen Interpretationsansätzen und damit zu einer zielgerichteten Orientierung auf der Zeitleiste. Steinzeitliche Bauten sind u. a. neolithische Langhäuser, in den Individuen der bandkeramischen Kultur wohnten. Die Bauten umfassten dabei eine Länge von 20 bis 40 Metern mit einer Breite von ungefähr sieben Metern. Pfeiler und Pfosten stützten die Langhäuser, so dass in der Regel der Innenraum vierschiffrig unterteilt war. Von der Kupfer- bis zur Eisenzeit waren diese Langhäuser von Palisadenreihen umgeben. Zudem gab es Höhensiedlungen in diesen Kulturepochen. Wer Grabhügel als Überreste entdeckt, kann sich auf der Zeitleiste mit großer Wahrscheinlichkeit bei den Kelten eintragen. Fürstengrabhügel hatten bis zu 100 Meter Durchmesser und sogar eine Höhe von bis zu 14 Metern. In der Endphase der Keltenzeit kommt der markante Murus Gallicus hinzu, der schon im De bello Gallico Erwähnung findet:

Muri autem omnes Gallici hac fere forma sunt. trabes derectae perpetuae in longitudinem paribus intervallis, distantes inter se binos pedes, in solo conlocantur. (7,23,2) hae revinciuntur introrsus et multo aggere vestiuntur, ea autem, quae diximus, intervalla grandibus in fronte saxis effarciuntur. (7,23,3) his conlocatis et coagmentatis alius insuper ordo additur, ut idem illud intervallum servetur, neque inter se contingant trabes, sed paribus intermissae spatiis singulae singulis saxis interiectis arte contineantur. (7,23,4) sic deinceps omne opus contexitur, dum iusta muri altitudo expleatur. (7,23,5) hoc cum in speciem varietatemque opus deforme non est alternis trabibus ac saxis, quae rectis lineis suos ordines servant, tum ad utilitatem et defensionem urbium summam habet opportunitatem, quod et ab incendio lapis et ab ariete materia defendit, quae perpetuis trabibus pedes quadragenos plerumque introrsus revincta neque perrumpi neque distrahi potest.[10]

Auch keltencharakteristisch waren die bis zu 100 Hektar großen Siedlungen, Oppida genannt oder die Vierecksschanzen, die bis zu einem Hektar Fläche einnahmen. Charakteristisch für die Römer ist die Spielkartenform der Marschlager, also rechteckige Formen mit abgerundeten Kanten. Ergänzend wurde eine ca. 1 Meter hohe Palisade um die „Spielkarte“ angelegt, die durch eine Grabenaushebung entstand. Je nach Aufenthaltsdauer, Funktion oder Truppenstärke waren die „Spielkarten“ flächenmäßig zwischen 0,4ha und 3,6ha. Die Siedlungsstruktur im Mittelalter war wesentlich geprägt durch Einzelhöfe, die an Straßen mit anderen Höfen lagen, wobei auch hier pro Hof mehrere Gebäude für verschiedene Nutzungen zur Verfügung standen.  Wenn es der Dringlichkeit bedarf, werden während der Flugbeobachtungen vorkommende verdächtige Spuren in Baustellen unmittelbar nach der Landung durch den Piloten den Außenstellen der archäologischen Denkmalpflege gemeldet. Anschließend werden die notwendigen Schritte zur Nachprüfung am Boden eingeleitet und – wo angebracht oder möglich – die ehrenamtlichen Beauftragten einbezogen. Hochalpine Gebiete besitzen den Nachteil, dass sie weniger intensiv beflogen werden können, da sonst die Bilder zu große Verzerrungen aufweisen. Satellitenbilder dienen hier als wirksame Ergänzung oder gar als Ersatz, um die Suche nach archäologischen Überresten in diesen Höhenlagen durchzuführen. Die Vorteile liegen klar auf der Hand, denn durch den größeren Abstand zur Erdoberfläche sind die Satellitenbilder – wie bereits erwähnt – weniger verzerrt als Drohnenbilder. Satellitenbilder erhalten sofort eine Georeferenz und Raumverortung. Nachfolgende Bearbeitungen können zeitökonomisch erfolgen. Auch die zu untersuchende Fläche kann entweder mit weniger Bildern erfolgen oder einzelne Bilder decken ein größeres Areal ab. Die 3D-Geländemodelle lassen sich aus diesen Bildern mit Hilfe der Photogrammetrie errechnen, und damit kann die Topographie des Untersuchungsgebietes abgebildet werden. Die Satellitenkameras verfügen über einen Kanal im nahen Infrarotlicht und können daher nicht nur im sichtbaren Licht ablichten. Ein klares Plus gegenüber den konventionellen Luftbildern liegt darin, dass sich im nahen Infrarotlicht die Wachstumsunterschiede in der Vegetation deutlicher abzeichnen als im sichtbaren Licht. Das Internet bietet zudem verschiedenste Bilderdienste an wie Google Earth, TIM-Online oder Bing maps, um Zugang zu den Satellitenbildern zu erhalten. Ausgewertet werden die Satellitenbilder archäologisch, indem visuell die Bilder nach möglichen Befunden abgesucht werden. [11] Der Wissenschaftler Markus Oster hat zudem ein kartographisches Informationssystem entwickelt, welches es dem Archäologen ermöglicht, virtuelle Zeitreisen zu unternehmen. Es dient auch als Kartierwerkzeug. Luftbildpläne können über eine Zoomfunktion in verschiedenen Detailstufen ausgewertet und auf einem geteilten Bildschirm multitemporal verglichen werden.  Über das Internet können mehrere Nutzer diese Kartierungsbank austauschen.[12]

Photogrammetrie

Die Photogrammetrie[13] ist der übergeordnete Sammelbegriff für Messmethoden und Analysefernerkundungen, um aus Fotografien und genauen Messbildern eines Objektes seine räumliche Lage oder dreidimensionale Form zu bestimmen. Im Regelfall werden die Bilder mit speziellen Messkameras aufgenommen. Das Fachgebiet hat seinen Ursprung in der Geodäsie und wird seit etwa zwei Jahrzehnten auch der Fernerkundung zugeordnet. Die Photogrammetrie ein passives Fernerkundungs- und Vermessungsverfahren, da sie die berührungslose Rekonstruktion von räumlichen Objekten aus deren fotografisch festgehaltener Strahlung ermöglicht. Die Objekte werden meist im natürlichen Licht und von mehreren Standpunkten der Kamera aufgenommen. Das vom Objekt in die Messkamera kommende Licht kann reflektierte oder emittierte Strahlung sein, künstliche Beleuchtung wird aber meist nur bei kleinen Objekten verwendet. Das Ziel der Photogrammetrie besteht in der Wiederherstellung der räumlichen Lage von Bildern zueinander, in der sie sich zum Zeitpunkt der Bildaufnahme befunden haben. Die Zentralprojektion unter Einhaltung der Komplanaritätsbedingung ist dabei die Fachgrundlage. Folgender Ablauf hinsichtlich des Rechenvorgangs ist einzuhalten:

  • Absolute Orientierung: Der Modellverbund aus der relativen Orientierung entspricht bereits der Geometrie der Punkte in der Örtlichkeit, allerdings stimmt die räumliche Orientierung des Modellverbundes noch nicht mit der Örtlichkeit überein und der Maßstab ist noch unbekannt. Im Zuge einer dreidimensionalen Helmert-Transformation werden die Modellkoordinaten des Modellverbundes auf die bekannten Passpunkte in der Örtlichkeit transformiert. Die Helmerttransformation passt die Punkte so in das bestehende Punktfeld ein, dass die Restklaffungen in den Koordinaten minimal werden. Bei Verwendung einer Restfehlerinterpolation lassen sich auch diese Klaffungen beseitigen.[14]
  • Relative Orientierung: Hier wird die relative Lage zweier Bilder im Raum zueinander wiederhergestellt und das Modell berechnet.
  • Äußere Orientierung: Die äußere Orientierung ermöglicht die räumlich eindeutige Rekonstruktion der Bildlage bei der Aufnahme. Voraussetzung dazu ist allerdings, dass man über im Bild sichtbare Passpunkte in der Örtlichkeit verfügt, auf die man die Bildkoordinaten im Zuge eines räumlichen Rückwärtsschnittes iterativ einrechnet.
  • Innere Orientierung: Um innerhalb eines Bildes messen zu können muss bekannt sein, wo sich sein Bildhauptpunkt befindet. Dieser Punkt wird durch den Strahl gebildet, der senkrecht auf der Objektivebene, stehend durch den Brennpunkt in das Bild verläuft. Dieser Punkt, und hinzukommend, auch noch die Kammerkonstante und die Objektivverzeichnung, wird messtechnisch und erlaubt die Transformation eines gemessenen Punktes in das Bildkoordinatensystem.

( x , y , c ) {\displaystyle (x,y,c)} Früher erfolgte die Auswertung zweier Luftbilder in Luftbildauswertegeräten, die die relative und absolute Orientierung durch physische Wiederherstellung der Strahlenbündel erreichte. Heute erfolgt die Auswertung in der Regel in Komparatoren, in denen Bildkoordinaten direkt gemessen werden. Die weiteren Arbeitsschritte sind dann Verfahrensgänge der numerischen Photogrammetrie, wobei Modellblock- und Bündelblockausgleichungsverfahren zum Einsatz kommen. Bei bekannter innerer und äußerer Orientierung und bekannten 3D-Koordinaten der Objektpunkte lassen sich daraus deren Bildkoordinaten berechnen. Das entspricht der fotografischen Abbildung der Objektpunkte bei bekannter Kameraposition. Der Berechnung liegt das Modell einer Lochkamera zugrunde die im Idealfall die technische Umsetzung der Zentralprojektion darstellt. Die mathematische Formulierung der Zentralprojektion sind die sogenannten Kollinearitätsgleichungen[15].

Das Hillefeld … Ein Musterbeispiel für die Luftbildarchäologie 

Im Jahr 2015 machte der LWL eine Ausgrabung in westfälischen Welver-Scheidingen auf dem Hillefeld, etwa 100 Meter vom Salzbach entfernt gelegen. Ich war persönlich vor Ort bei dieser Ausgrabung und nicht nur als Zuschauerin, sondern als aktives Mitglied der Ausgrabungscrew. 2016 erhielt ich dann den Ausgrabungsbericht von der LWL-Mitarbeiterin Dr. Cichy. Die für mich interessanteste Stelle lautete in diesem Bericht wie folgt:

Auffällig sind vor allem zwei größere Gruben mit gräbchenähnlichen Abflüssen. Dienten Sie dazu, Oberflächenwasser unterhalb eines Fußbodens zu sammeln und aus dem Gebäudeinneren abzuleiten, ähnlich wie der Drainagekanal, der sich an der südwestecke des Gebäudes befand? Ähnliche Drainvorrichtungen sind von den ostwestfälischen Steinwerken der Wüstungen Diderikshusen (bei Büren, Kr. Paderborn) und Rozedehusen (Warburg, Kr. Höxter) bekannt.[16]

Abbildung 13

Darum handelte es sich dabei um eine interessante Stelle? Die Gruben mit den dazugehörigen Abflüssen können als Indiz für größere Steinwerke angesehen werden. Unter Verwendung einer Drohne vom Typ DJI Phantom 3 Professional UAV Aerial Quadrocopter mit integrierter 3-Achse Gimbal zur Bildstabilisierung machte ich vom Areal um die Fundstelle mit den GPS-Daten 51,594391 und 7,939498 entsprechende Aufnahmen. Bei der Auswertung meiner Luftbilder fiel mir ein langgezogener kurvolinearer Schatten am Ende des Drainagekanals

Abbildung 14

auf, der für mich nicht erklärbar war. Ich zog an den Stellen des Schattens vor Ort Bohrkerne und stellte fest, dass es sich um aufgefüllten Boden handelte. Was die Drohnenbildaufnahme schon erkennen ließ, konnte auf der Uraufnahme von 1836-1850 bestätigt werden. Die entdeckten Drainvorrichtungen passten nun umso mehr. Unter Verwendung der Urkatasterkarten www.tim-online.nrw.de, die ich am Computer übereinanderlegte, konnte ich feststellen, dass es früher ein anderes Salzbachbett gab in der Form, dass offenbar ein um 80 Meter östlich gelegener Bachlauf im Bereich Hof Stemmerk existierte, also ein dem Salzbachsystem zugehöriger, um einige Meter versetzter Bac

Abbildung 15

habschnitt. Dass das frühere Bachbett so nicht mehr erkennbar ist, kann über das Bodenrelief erklärt werden. Hier befand sich ein Prallhang, der anthropogen – also durch Erosion und Sedimentation – überprägt wurde. Dies ist heute noch als Geländestufe auf Luftbildern zu erkennen. Der Bach floss früher im Übergangsbereich zwischen geneigtem Hang und flacher Talsohle. Es ist davon auszugehen, dass der Bachlauf zwecks Begradigung und Ausdünnung des Salzbachnetzes in der Scheidinger Gemarkung in einen Flutgraben umgeleitet wurde, also das damals vorliegende Kanalsystem – wie

 

Abbildung 16

auch immer in Absicht erstellt –  für die Bachbettbegradigung genutzt wurde. Der Bach floss früher im Übergangsbereich zwischen geneigtem Hang und flacher Talsohle. Die trocken gefallenen Bachbettabschnitte erhielten eine standardmäßige Auffüllung für die landwirtschaftliche Nutzung. Da naturgemäß in Bereichen stärkeren Gefälles auch stärkere Erosion erfolgt, führten zudem natürliche Bodenverlagerungen zur Ausgleichung des Reliefs. Anhand des Stufenmodells lässt sich übrigens erkennen, dass die Höhendifferenz zwischen dem alten Bachbett und der heutigen Geländeoberfläche ca. 5 Meter betragen haben muss. Diese Ausmaße des Prallhangs können aber durchaus erklärt werden über den Zusammenfluss von Salzbach und Mühlenbach nordwestlich des Hofes Stemmerk. Beide Bäche gehören zu einem baumartigen Gewässernetz, das zur allgemeinen Geländeneigung vom Haarstrang im Süden zur Lippe im Norden ausgerichtet ist. Der Mühlenbach aus südlicher Richtung bekommt durch den von Westen zufließenden Salzbach dabei einen Impuls in östliche Richtung. Da genau dort die steilsten Hanggefälle zu finden sind, spricht es für einen früheren Prallhang.

Schlussbetrachtungen

Die bei der Interpretation von Luftbildern verwendeten Beispiele zeigen klar die Vorzüge der Luftbildarchäologie auf, allerdings muss das kritische Auge stets wach bleiben. Die Interpretationsfehlschlüsse sind oft versteckt in Wartestellung. Auch die schwierig abzuschätzende Prospektionsdauer kann gut gemeinte Strategien schlecht aussehen lassen. Die intensive Technik im Photogrammetrieteil vermittelt zudem eine gewisse fachliche Sensibilität im Umgang mit dieser Technik. Das Hillefeld in der Scheidinger Gemarkung ist ein Paradebeispiel für die Vorzüge oder Erkenntnisgewinne, die unter Einsatz einer Luftbildarchäologie erfolgen. Der Salzbach erfährt zahlreiche Nennungen in historischen  Quellen, aber die dort getätigten Erwähnungen haben bei Ortskenntnis wenig mit den heutigen Gegebenheiten zu tun. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Namen und der Verlauf von Gewässern im Salzbach-System im Laufe der Jahrhunderte deutlichen Veränderungen unterworfen waren. Für Bachbegradigungen und -verlegungen lagen die Gründe sicherlich im Bereich des Hochwasserschutzes oder in veränderten Anforderungen bei der Gewässernutzung. Für die Namensänderungen kommen zahlreiche Ursachen in Betracht.

Alte Fluss- und Bachverläufe sind auf Luftbilder zu erkennen, bei der Verortung von Siedlungen, Gebäuden, die in Quellen genannt werden, ist die Luftbildarchäologie wichtig. Natürlich Flüsse und Bäche verändern ständig ihr „Gesicht“, d.h. sie verlagern ihren Lauf und Menschen haben in der Vergangenheit natürliche Flussläufe stark verändert und damit ganze Landschaften umgebaut.

Gerade der auf dem Hillefeld parallel zum Salzbach verlaufende Bachabschnitt zeigt denn auch, dass die über die Bachläufe verursachten Terrainveränderungen durch die Luftbildarchäologie besser lokalisiert werden können. Der Historiker hat dabei die Gefahr oder das Potenzial vor sich, auf der Suche nach Bodenfunden mit oder gegen die gängigen Quellen zu arbeiten. Formulierungen wie „(…) bildete den Salzbach bei Werl die Engern-Westfalen-Grenze (…)“, „(…) wobei das Gebiet bis zum Salzbach in Werl zum Bereich der Westfalen gehört (…)“ oder „(…) Haus Köningen den Salzbach entlang (…)“ können eine geographische Ungenauigkeit von mehreren Kilometern haben.

Quellen- und Literaturverzeichnis

Becker 1996: H. Becker, Archäologische Prospektion, Luftbildarchäologie und Geophysik (München 1996).

Bérenger 1989: D. Bérenger, Archäologie aus der Luft – Sechs Jahre Luftbildarchäologie in Westfalen (Münster 1989).

Bofinger 2007: J. Bofinger, Flugzeug, Laser, Sonde, Spaten – Fernerkundung und archäologische Feldforschung am Beispiel der frühkeltischen Fürstensitze (Esslingen 2007).

Braasch 2005: O. Braasch, Vom heiteren Himmel …. Luftbildarchäologie (Tübingen 2005).

Christlein/Braasch 1998: R. Christlein/O. Braasch, Unterirdisches Bayern, 7000 Jahre Geschichte und Archäologie im Luftbild 3(Stuttgart 1998).

Fröhlich 1997: S. Fröhlich, Luftbildarchäologie in Sachsen-Anhalt, Begleitband zur Sonderausstellung Landesmuseum für Vorgeschichte Halle (Saale) 15.02.1997 bis 31.12.1997 (Halle (Saale) 1997).

Gensheimer 1984: R. Gensheimer, Luftbildarchäologie im Jahr 1983. Archäologische Ausgrabungen in Baden-Württemberg 1983 (1984), S.13ff.

Gensheimer 1986: R. Gensheimer, Luftbildarchäologie im Jahr 1985. Archäologische Ausgrabungen in Baden-Württemberg 1985 (1986), S.13ff.

Kunow 1995: J. Kunow, Luftbildarchäologie in Ost- und Mitteleuropa. Internationales Symposium 26.-30. September 1994, Kleinmachnow, Land Brandenburg. Forsch. Arch. Land Brandenburg 3 (Potsdam 1995).

Maxwell 1983: G.S. Maxwell, The impact of aerial reconnaissance on archaeology. C.B.A. Research Report 49 (London 1983).

Oexle 1997: J. Oexle, Aus der Luft – Bilder unserer Geschichte, Luftbildarchäologie in Zentraleuropa (Dresden 1997).

Plank/Braasch/Oexle/Schlichtherle 1994: D. Plank/O. Braasch/J. Oexle/H. Schlichtherle, Unterirdisches Baden-Württemberg, 250 000 Jahre Geschichte und Archäologie im Luftbild (Stuttgart 1994).

Schwarz 2003: R. Schwarz, Pilotstudien. Zwölf Jahre Luftbildarchäologie in Sachsen-Anhalt (Halle (Saale) 2003).

https://www.google.de/maps/place/Scheidingen,+59514+Welver/@51.5941659,7.9338727,1514m/data=!3m1!1e3!4m5!3m4!1s0x47b97aa09af85afb:0xa27f283ca0a8590!8m2!3d51.6010251!4d7.9309552 (zuletzt aufgerufen am 30.05.2017)

http://hellereck.lima-city.de/4_Digitale_Gelaendemodelle.PDF                  

(zuletzt aufgerufen am 30.05.2017)

http://www.stremke-archaeology.net/Leistungen.htm

(zuletzt aufgerufen am 30.05.2017)

http://www.ruhr-uni-bochum.de/pressemitteilungen-2002/msg00057.html

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https://www.uni-konstanz.de/mmsp/pubsys/publishedFiles/LaZi2012.pdf

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https://uha.univie.ac.at/einrichtungen/luftbildarchiv/

(zuletzt aufgerufen am 30.05.2017)

http://www.geodesy.tu-darmstadt.de/geodaesiestudium/geodaesiegeoinformation/was_ist_das/photogrammetriefernerkundungkartographie/photogrammetrie/index.de.jsp

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http://www.photogeo.de/neu/orthofotoerstellung.html

(zuletzt aufgerufen am 30.05.2017)

http://hellereck.lima-city.de/61_Uni_BO_LubiArch.PDF

(zuletzt aufgerufen am 30.05.2017)

[1] LiDAR (Abkürzung für engl. Light detection and ranging), auch LaDAR (Laser detection and ranging), ist eine radarähnliche Methode zur optischen Abstands- und Geschwindigkeitsmessung sowie zur Fernmessung atmosphärischer Parameter. Statt der Radiowellen beim Radar werden Laserstrahlen verwendet. Vgl. hierzu ausführlich https://de.wikipedia.org/wiki/Lidar vom 12. Mai 2017. Ein unbemanntes Luftfahrzeug (englisch unmanned aerial vehicle, UAV, bzw. neuer unmanned aircraft, UA, oder Unmanned Aircraft System, UAS) ist ein Luftfahrzeug, das ohne konventionelle Besatzung autark durch einen Computer oder vom Boden über eine Fernsteuerung betrieben und navigiert werden kann. Vgl. hierzu ausführlich https://de.wikipedia.org/wiki/Unbemanntes_Luftfahrzeug vom 12. Mai 2017.

[2] http://www.landesarchaeologen.de/fileadmin/Dokumente/Dokumente_Kommissionen/

Dokumente_Grabungstechniker/Grabungstechnikerhandbuch/26_3_Archaeologische_Flugprospektion.pdf vom 14. Mai 2017

[3] http://www.archaeopro.de/archaeopro/LBA-1x.htm vom 11. Mai 2017

[4] http://www.archaeopro.de/archaeopro/LBA-1x.htm vom 17. Mai 2017

[5] http://www.zeit.de/2015/09/archaeologie-einfuehrung-wissenschaft vom 16. Mai 2017

[6] http://www.airtv.at/luftbildarchaeologie/ vom 12. Mai 2017

[7] Geoinformationssysteme, Geographische Informationssysteme (GIS) oder Räumliche Informationssysteme (RIS) sind Informationssysteme zur Erfassung, Bearbeitung, Organisation, Analyse und Präsentation räumlicher Daten. CAD (von engl. computer-aided ,zu Deutsch rechnerunterstütztes Konstruieren, bezeichnet die Unterstützung von konstruktiven Aufgaben mittels EDV zur Herstellung eines Produkts.

[8] Ein Orthofoto ist eine verzerrungsfreie und maßstabsgetreue Abbildung der Erdoberfläche, die durch photogrammetrische Verfahren aus Luft- oder Satellitenbildern abgeleitet wird. Bei einer Luftbildaufnahme entstehen Verzerrungen einer fotografischen Zentralprojektion sowie Verzerrungen durch Höhenunterschiede des Geländes und bei Satellitenbildern Verzerrungen durch die Erdkrümmung. Analoge Bilder lassen sich durch optische Projektionsmethoden orthorektifizieren. Digitalaufnahmen werden anhand von digitalen Geländemodellen neu berechnet und anhand von Punkten mit bekannten Koordinaten georeferenziert. Vgl. hierzu https://de.wikipedia.org/wiki/Orthofoto vom 14. Mai 2017

[9] Die Heuneburg ist eine vor- und frühgeschichtliche Höhensiedlung am Oberlauf der Donau im Ortsteil Hundersingen der Gemeinde Herbertingen zwischen Ulm und Sigmaringen im Landkreis Sigmaringen. Die befestigte Kernanlage des frühkeltischen Fürstensitzes aus dem 6. Jahrhundert v. Chr. ist etwa 300 Meter lang und bis zu 150 Meter breit. Sie ist eine der bekanntesten Fundstellen aus keltischer Zeit in Mitteleuropa. Vgl. hierzu https://de.wikipedia.org/wiki/Heuneburg vom 16. Mai 2017.

[10] Vgl. hierzuhttp://www.gottwein.de/Lat/caes/bg7014.php#Caes.Gall.7,22 vom 18. Mai 2017

[11] Vgl. hierzu https://www.uni-konstanz.de/mmsp/pubsys/publishedFiles/LaZi2012.pdf. vom 13. Mai 2017

[12] Vgl. hierzu http://www.ruhr-uni-bochum.de/pressemitteilungen-2002/msg00057.html. vom 14. Mai 2017

[13] Vgl. hierzu ausführlich https://de.wikipedia.org/wiki/Photogrammetrie#Kamerakalibrierung vom 13. Mai 2017

[14] Die Helmert-Transformation (nach Friedrich Robert Helmert, 1843–1917), auch 7-Parameter-Transformation genannt, ist eine Koordinatentransformation für dreidimensionale kartesische Koordinaten, die in der Geodäsie häufig zur verzerrungsfreien Umrechnung von einem in ein anderes, ebenfalls dreidimensionales System genutzt wird. Vgl. hierzu ausführlich https://de.wikipedia.org/wiki/Helmert-Transformation.

[15] Die Kollinearitätsgleichung hat die kollinearen Abbildung als Grundlage. Ein typisches Beispiel für eine kollineare Abbildung ist die Zentralprojektion. Dabei werden Geraden wieder auf Geraden abgebildet, und die Teilungsverhältnisse bleiben erhalten. Vgl. hierzu ausführlich https://de.wikipedia.org/wiki/Kollinearit%C3%A4tsgleichung vom 11. Mai 2017

[16] Vgl. hierzu den Grabungsbericht von Dr. Cichy in Archäologie in Westfalen-Lippe 2015, S. 136ff.

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: http://blog.aurorasolar.com/how-lidar-is-transforming-remote-solar-system-design/
Abbildung 2: https://ghana.maptogis.com/en/africa/drones-mobility-ghana.html
Abbildung 3: Dieses Foto befindet sich im Privatbesitz von Samantha Seithe.

Die Schattenbildung lässt eine alte Landwehr bei Werl erkennen.

 

Abbildung 4:
  1. Plank/O. Braasch/J. Oexle/H. Schlichtherle,
  2. Unterirdisches Baden-Württemberg,
  3. 250 000 Jahre Geschichte und Archäologie im Luftbild (Stuttgart 1994), S.129.

Hügelgräber in Biltz

 

Abbildung 5: Dieses Foto befindet sich im Privatbesitz von Samantha Seithe.

Wurde die Bodenstruktur gestört, können sich feuchte Stellen bilden.

Abbildung 6: Dieses Foto befindet sich im Privatbesitz von Samantha Seithe.

Soldatenmassengrab aus dem Siebenjährigen Krieg

auf der Flur „Totenkamp“ in meiner Heimatgemeinde Scheidingen.

Abbildung 7: Dieses Foto befindet sich im Privatbesitz von Samantha Seithe.

Mauerreste liegen unter der Grasnarbe, es ist ein negativer Bewuchs festzustellen.

Abbildung 8: Dieses Foto befindet sich im Privatbesitz von Samantha Seithe.

Auf dieser Flur an der Bergstraßer Weg ist

negativer Bewuchs zu erkennen, auch hier befinden sich Mauerreste.

 

Abbildung 9: Dieses Foto befindet sich im Privatbesitz von Samantha Seithe.

Eine Versuchspflanzung auf dem Hillefeld bei Scheidingen.

 Abbildung 10: Dieses Foto befindet sich im Privatbesitz von Samantha Seithe.

Traktorspuren.

 Abbildung 11: Dieses Foto befindet sich im Privatbesitz von Samantha Seithe.

Ein alter Bunker auf dem ehemaligen Militärgelände in Werl ist zu erkennen.

Abbildung 12: http://hellereck.lima-city.de/61_Uni_BO_LubiArch.PDF

 

Kontrastreich und scharf umrissen zeichnen Wasserlinie klare Abgrenzungen

Abbildung 13: Dieses Foto befindet sich im Privatbesitz von Samantha Seithe.

Bäche und Flüsse verändern in Jahrhunderten ihren Lauf.

Will man Gebäude, Siedlungen etc. anhand von historischen Quellen verorten.

Vgl. hierzu mein Projekt „Drum prüfe wer verorten will in historischen Quellen“.

 

 

Abbildung 14: https://www.tim-online.nrw.de/tim-online/initParams.do

Der heutige und frühere Salzbachverlauf. Beide Bachläufe

sind mit Punkten verzeichnet.

Abbildung 15: https://www.tim-online.nrw.de/tim-online/initParams.do

Der Prallhang ist heute noch als Geländestufe auf Luftbildern zu erkennen.

Abbildung 16:  https://www.tim-online.nrw.de/tim-online/initParams.do

Auf dem Luftbild ist die Geländestufe zu erkennen.

Chronologie der Scheidinger Schulgeschichte 1658 – 1968

Chronologie

der

Scheidinger Schulgeschichte

1658 – 1968

 

Abb. 1: Alte Schule in Scheidingen

Teil 5: 

1946 – 1968

Abbildung 2: Schulklasse mit Lehrer Esser

Die Nachkriegsjahre sind wenig dokumentiert, da die Menschen – und es soll nicht abwertend klingen – mit dem täglichen (Über-)Leben beschäftigt waren für die familiäre und berufliche Neuordnung. Lehrer Esser überstand relativ unbeschadet die Entnazifizierung, da er einhellig als unbedeutender Mitläufer charakterisiert wurde. Er war eine unproblematische Personalie für den Neuanfang, obwohl Esser schon im Nationalsozialismus als Hauptlehrer an der Scheidinger Schule tätig war.

Abbildung 3: Zeitungsartikel

Er und seine Schützlinge – wie hier 1948 mit einer Mädchenklasse – hatten bis zu Beginn der fünfziger Jahre mehr oder weniger den Unterrichtsalltag zu meistern gewusst. Wie man berichtete, entstanden in diesen Jahren – bedingt durch die angespannte Lebensmittelversorgung – Brieffreundschaften und Helferaktionen im Rahmen von Hamsterfahrten an den Wochenenden. Parallel zu dieser solidarischen Aktivität brachte sich Esser ein bezüglich eines Schulneubaus. Das waren Tätigkeiten, die in die Nähe von Herkules und Sisyphus zugleich gelegt werden mussten, da die Einwohnerzahl nach dem Krieg systematisch zurückging. 1950 waren 105 Schulkinder gemeldet, davon 97 Katholiken. 3 Lehrer organisierten den Schulalltag. Die Einwohnerzahl ging verständlicherweise zurück, da die Gemeinde die dort eingewiesenen Ostvertriebenen nicht mit den notwendigen Arbeits- und Entwicklungsmöglichkeiten versorgen konnte. Als die wirtschaftlichen Verhältnisse und die Wohnraumsituation in den Ruhrgebietsstädten eine Erholung verzeichneten, kam es naturgemäß zu einer Ab- und Rückwanderung. Esser sah seine vordergründige Aufgabe auch darin, konstante Schülerzahlen zu sichern für einen Bestandsschutz der Scheidinger Schule. Am 23. April 1955 konnte der Werler Anzeiger dann auch offiziell die Planungen für den schulischen Neubau in Scheidingen herausgeben. Seit Sommer 1955 wurden konkrete Maßnahmen umgesetzt, um den Schulneubau zu realisieren, und das Vorhaben musste aus organisatorischen Gründen vor dem Wintereinbruch umgesetzt sein. Interessant war, dass an den Bauarbeiten auf dem Schulgelände auch Strafgefangene der Werler Justizvollzugsanstalt Verwendung fanden und Fahrzeuge aus dem Bestand des Bürgermeisters zum Einsatz kamen. Die Strafgefangenen mussten wenige Zentimeter an Mutterboden auf dem Schulgelände entfernen, da für die dreiklassige Schule ein Ausheben einer Baugrube nicht erforderlich war wegen der Nichtunterkellerung. Übrigens, bei der Entfernung des Mutterbodens war der eigentliche Hausbau noch gar nicht an eine Firma vergeben. Das lässt nur den Schluss zu, dass der damalige Werler Amtsdirektor Hiltenkamp die möglichen Kandidaten auch nachträglich ohne Bedenken mit dem entsprechenden Bauauftrag versehen konnte oder die Scheidinger Fraktion hatte die sprichwörtlichen Hummeln im Gesäß und startete in Eigeninitiative und vorauseilend die Bautätigkeiten, was dann aber auf eine Gefahr im Verzug vermuten ließ. Der nachfolgende Zeitungsartikel informiert über den Beginn der Baumaßnahmen aus jener Zeit.

Abbildung 4: Zeitungsartikel
Abbildung 5: Zeitungsartikel

Noch während der Bauarbeiten ging eine Ordnungs- und Reinlichkeitsinstanz in den Ruhestand. Alfred Hansel, der über dreißig Jahre den Hausmeister der Schule abgab, im Winter für die korrekte Funktion der Öfen Verantwortung trug und den Schulhof sauber hielt, verabschiedete sich aus familiären Gründen aus dem Schuldienst. Wie schon erwähnt, die Bauarbeiten mussten zügig vollzogen werden, denn der Winter 1955/56 nahte. Im Werler Anzeiger vom 16. November 1955 berichtete man dann nicht ohne Stolz von mammutösen Arbeitsaktionen wie Dachkonstruktion in einem Tag oder Es wird so lange wie möglich gearbeitet. 1956 war es dann endlich gerichtet. Die nachfolgenden Zeitungsartikel geben einen Eindruck wieder, nach dem offenbar die neue Schule wie ein besonderes Ereignis in Entstehung und Aura zelebriert worden war.

Abbildung 6: Zeitungsartikel

Was Wortelkamp dazu meint, lässt den aufmerksamen Leser dazu verleiten, dass offenbar nicht nur in diesem gereimten Festbericht zur Einweihung der Scheidinger Schule platt geschrieben, sondern tatsächlich im schulischen Umfeld auch so kommuniziert wurde. Die Vermutung ist nicht nur richtig, sondern es gab auch tatsächlich einen bildungspolitischen Erlass für nordrhein-westfälische Volksschulen aus jener Zeit, wie aus nachfolgendem Zeitungsbericht zu entnehmen:

Abbildung 7: Zeitungsartikel
Abbildung 8: Zeitungsartikel

Am 1. April 1957 wurde passend zur neuen Schule ein Jubiläum einer pädagogischen Institution gefeiert. 25 Jahre fungierte Lehrer Esser als Schulleiter der Scheidinger Schule. Der allseits beliebte Lehrer hatte bereits den Sechzigsten überschritten und war seit dem 19. Februar 1914 im Schuldienst tätig. 1951 erfolgte dann im Rahmen der Einführung der Dreiklassigkeit in Scheidingen die Berufung zum Hauptlehrer. In der öffentlichen Danksagung honorierten und hofierten die Dorfältesten dann auch die Leistungen des Dienstjubilars. Zwei Jahre streifte Esser noch durch das neue Gebäude, dann senkte sich am 31. März 1959 sein Kopf bei der nach Zeugenaussagen emotional ergreifenden Abschiedsvorstellung und Lehrer Esser ging in den Ruhestand. Monsieur Esser, merci pour votre soutien. Am 20. August 1959 übernahm Lehrer Hötte das le sceptre éducatife.

Abbildung 9: Frl. Cäcilia Scholz

Darüber hinaus muss eine Lehrerpersonalie zwingend Erwähnung finden, da seit den fünfziger Jahren die Scheidinger Schule in Fräulein Cäcilie Scholz eine Pädagogin das Regiment führte, bei der Außenstehende mindestens eine Besinnungspause nach der persönlichen Bekanntschaft mit dieser pädagogischen femme fatale einlegen mussten. Unter Umständen war auch nach der zweiten Besinnungspause noch ein unklares Fragezeichen in den Gesichtern der Zurückgebliebenen, weil diese schwierige Person ein konkurrenzloses Selbstbewusstsein an den Tag legte und mit dem pädagogischen Zeigefinger gerne die Richtung anzeigte. Möglicherweise gab es nur bösen Zungen, die die liebe Cäcilie Scholz als verbitterte Frau charakterisierten und ihre Sympathiewerte in den Nanobereich einlagerten. Und der pädagogische Züchtigungsstab hatte nicht nur eine grammatikalische Bedeutung für diese Vollblutfrau. Ob es an der Ausbildung bei den Nationalsozialisten lag oder sie von Natur aus den herrischen Sergeant mimte, blieb ihr bis zum Schluss vorbehalten. Aber sie blieb auch eine prägende Institution.

Abbildung 10: Personalkarte Cäcilia Scholz

Diese Personalie soll aber nichts Unnötiges dramatisieren und den negativen Teil demonstrieren. Auch eine Frau Scholz brachte sich mit Leib und Seele in den Unterrichtsalltag ein. Jeder sitzt im Glashaus und braucht daher nicht mit (unnötigen) Steinen zu werfen. Und die letzten Jahre fungierte die nette Cäcilie mit Anstand und Würde als Schulleiterin bei der Abwicklung der Dorfschule.

Abbildung 11: Schulklasse mit Frl. Scholz
Abbildung 12: Zeitungsartikel

Die sechziger Jahre läuteten dann die Endphase der Dorfschule ein. Der Hintergrund war die abnehmende Schülerzahl. Es gab natürlich Diskussionen, besonders mit Blick auf die mammutösen und von der Gemeinschaft getragenen Baumaßnahmen zur Realisierung der neuen Schule, deren Grundsteinlegung noch nicht einmal 10 Jahre alt war. Es half aber nichts. Und die Hoffnung auf unverhältnismäßigen Schülerzuwachs konnte nur in Verbindung mit der Mär von den Störchen einhergehen. Nur noch gelegentlich gab es Berichte, die sich mit der Ausstattung der Schule beschäftigten, so wie 1962 die Lieferung von neuen Kachelöfen oder eine neue Dachwetterfahne, die vom Goldschmiedemeister Lahme aus Geseke angefertigt werden sollte. Das Ende der Schule wurde für den Abschluss des Schuljahres 1967/68 beschlossen. Naturgemäß ging es nicht ohne hitzige Debatten vor Ort, wie der nachfolgende Zeitungsartikel vom März 1968 zu berichten wusste. Seit Sommer 1966 hatten ohnehin schon die oberen Jahrgänge die Volksschule in Welver besucht. Es ging nur noch um das ebenfalls emotional belastete schwierige Thema der Schulzuweisung der Scheidinger Schüler. Welver war durch den Ortsverband Welver-Scheidingen verwaltungsschlussfolgern die Hauptanlaufstelle, aber Werl vereinnahmte die historisch gewachsene Verbindung mit Scheidingen, da Scheidingen stets im „Norden von Werl“ angesiedelt war seit dem Mittelalter.

Abbildung 13: Zeitungsartikel
Abbildung 14: Zeitungsartikel
Abbildung 15: Letzte Scheidinger Schulklasse
Abbildung 16: Zeitungsartikel

Mit Wehmut ist das letzte Klassenbild einer Scheidinger Klasse zu betrachten aus dem Jahr 1968. Auch Fräulein Scholz war mit auf dem Bild. Die Entscheidung war jedoch gefallen. Und ungenutzt blieb die Schule nicht, denn hier wurde dann der katholische Kindergarten einquartiert. Es war eine vernünftige Ressourcenbindung –weiternutzung. Viel blieb aber auch von der Schulgeschichte nicht mehr übrig. Hors de vue, hors d´esprit, sagen die Franzosen. Und mit dem verwaltungstechnischen Abschluss ist oft – und auch – irgendwann ein gedanklicher Abschluss vollzogen. Heute existiert noch der Kindergarten, und das alte Schulgebäude war noch einmal ein Thema Ende der achtziger Jahre wegen Renovierungsarbeiten und deren anhängenden Kosten. Heute dient das Gebäude als Mietshaus.

Abbildung 17: Bild Umbau Schule

 

 

 

 

 

 

 

Resümee

Die Chronologie einer Dorfschule ist als enzyklopädische Darstellung nicht möglich. Das ist kein Eingeständnis eines gescheiterten Versuches, sondern liegt in der Natur einer schulischen Institution, die erst mit der Frühen Neuzeit über ein ausreichendes Niveau an schriftlichen Quellen verfügte über sich etablierende Dokumentationen und trotzdem größere Lücken auf der Zeitleiste aufweisen kann. Neben diesen technischen Problemen und der oft vergeblichen Suche nach altem Bild- und Kartenmaterial für eine Dorfschule zeigt sich noch problematischer die Wertigkeit der Auswahl von Alltäglichem für eine Darstellung. Das ohnehin rare Quellenmaterial – und je weiter man auf der Zeitleiste zurückgeht, desto rarer wird der Status quo der Dokumentation – erhält durch die Notwendigkeit einer Auswahl weiterhin eine Verringerung der Basis am Darzustellenden. Das Banale, das Redundante, die verstärkte Gefahr einer einseitigen Bewertung von Lehrkörpern oder auch die Vernachlässigung der Würdigung – bis hin zur unberechtigten Nichtbeachtung der Zeitzeugen –  von Außenstehenden bei der Darstellung von schulischen Aktivitäten erschwert eine populärwissenschaftliche Darstellung für den direkten und breiten Zugang zu der Materie. Ich will es an zwei Beispielen aus der punktuellen Schulchronologie hervorheben:

  • Die nachträgliche Bewertung von Lehrkräften aus der Scheidinger Schulgeschichte, sofern keine offiziellen Bewertungsbögen auf amtlicher Seite existieren, ist eine Gratwanderung. Ein einseitiger Tenor ist darzustellen bei Vorliegen von einseitigen Zeitzeugenaussagen. Diese Einstufung muss aber nur ein Teil des Ganzen widerspiegeln und ist es auch in der Regel. Der Historiker ist zur Multiperspektivität verpflichtet. Aber wie ist es um den Historiker geschehen bei lückenhafter Darstellung von Psychogrammen? Es ist eine unmögliche Mission, die im realen Versuch nur eine auf Sand gebaute These hervorbringen kann. Das ist der Preis dieser Darstellungen. Lehrer Esser war unwiderruflich beliebt bei den Scheidingern. Und seine Tätigkeit als Lehrer im Nationalsozialismus? Die Nationalsozialisten hatten zumindest ein Grundvertrauen in der Umsetzung seines Sozialisationsauftrages in der Schule, und viele Lehrplanthemen waren von undemokratischem und rassischem Gedankengut. Und die armen Fräuleins Beine und Scholz werden mit leichtem oder auch direktem Unterton in dieser Darstellung in die negative Aura katapultiert. Zumindest bei Fräulein Scholz gehört nachträglich eine positive Ergänzung postuliert, da sie in den letzten Jahren der Existenz der Scheidinger Volksschule mit Fach- und Verwaltungskompetenz die Schule führte.
  • Die Gemeindemitglieder, der Gemeinderat, die Stadtoberen aus Werl und die Vertreter der Schulbehörden hatten das notwendige Engagement gezeigt bei der Planung und Durchführung des Schulneubaus in Scheidingen. Die detaillierte Schilderung der Handlungsabläufe und –personen würde den Rahmen sprengen oder das Desinteresse beim Leser forcieren. Dieses unbeachtete Wissen – unabhängig vom realen Vorliegen dieser Wissenselemente – nähert sich ungewollt dem vergessenen Wissen. Und das ist verlorenes Wissen, zumal mit dieser Alltagsgeschichte oft im Nachhinein die Funktionsweise und das soziale Klima in (Dorf-)Gemeinschaften erschlossen werden können. Ein unentbehrlicher Fundus geht für Wirtschafts- und Sozialhistoriker sehenden Auges in die Verbannung. Unabhängig davon, das soziale Engagement Einzelner kann so nicht voll in der Würdigung ausgeschöpft werden.

Die Chronologie trägt einen ambivalenten Charakter in sich. Der Historiker kann seinen methodischen Werkzeugkasten weder voll ausschöpfen noch darf er es. Un dilemme technique! Vielmehr gehört eine Chronologie stets auf den Prüfstand, denn stets zeigen sich neue Überreste, die Aufklärendes, Erhellendes oder Ergänzendes beitragen können. Die Scheidinger Schulgeschichte ist nicht komplett, das Komplette wurde auch nicht eingebaut und die Sammlung von neuen Überresten ist ein fortlaufender Prozess. Die vorliegende Chronologie will und kann nur eine Momentaufnahme in Aufarbeitung und Dokumentation sein.

 

Abbildungsnachweis:

  • Abbildung 1: 

Bild der alten Schule

  • Abbildung 2:

Schulklasse mit Lehrer Esser. Das Foto befindet sich im Privatbesitz von Samantha Seithe.

  • Abbildung 3:

Zeitungsartikel.  Werler Anzeiger, 23. April 1955. Der Zeitungsartikel befindet sich im Privatbesitz von Samantha Seithe.

  • Abbildung 4:

Zeitungsartikel. Werler Anzeiger, 14. November 1955. Der Zeitungsartikel befindet sich im Privatbesitz von Samantha Seithe.

  • Abbildung 5:

Zeitungsartikel. Werler Anzeiger, 16. November 1955. Der Zeitungsartikel befindet sich im Privatbesitz von Samantha Seithe.

  • Abbildung 6:

Zeitungsartikel. Werler Anzeiger, 05.Oktober 1956. Der Zeitungsartikel befindet sich im Privatbesitz von Samantha Seithe.

  • Abbildung 7:

Zeitungsartikel. Werler Anzeiger, 01. Oktober 1955. Der Zeitungsartikel befindet sich im Privatbesitz von Samantha Seithe.

  • Abbildung 8:

Zeitungsartikel. Werler Anzeiger, 31. März 1959. Der Zeitungsartikel befindet sich im Privatbesitz von Samantha Seithe.

  • Abbildung 9:

Frl. Cäcilia Scholz. Das Foto befindet sich im Privatbesitz von Samantha Seithe.

  • Abbildung 10:

Personalkarte Cäcilia Scholz

http://archivdatenbank.bbf.dipf.de/actaproweb/archive.xhtml?id=Vz++++++7dcefeec-4209-4a56-8261-282f4cd44479&parent_id=#Vz______7dcefeec-4209-4a56-8261-282f4cd44479, abgerufen am 17. 04.2016.

  • Abbildung 11:

Schulklasse mit Fr. Scholz. Das Foto befindet sich im Privatbesitz von Samantha Seithe.

  • Abbildung 12:

Zeitungsartikel. Werler Anzeiger, 03. März 1962. Der Zeitungsartikel befindet sich im Privatbesitz von Samantha Seithe.

  • Abbildung 13:

Zeitungsartikel. Werler Anzeiger, 13. März 1968. Der Zeitungsartikel befindet sich im Privatbesitz von Samantha Seithe.

  • Abbildung 14:

Zeitungsartikel, Werler Anzeiger. Der Zeitungsartikel befindet sich im Privatbesitz von Samantha Seithe.

  • Abbildung 15:

Letzte Schulklasse.

https://scheidingen.de/letzte-scheidinger-schule-1968/, abgerufen am 17.08.2016

  • Abbildung 16:

Zeitungsartikel. Werler Anzeiger. Der Zeitungsartikel befindet sich im Privatbesitz von Samantha Seithe.

  • Abbildung 81:

Umbau der alten Schule. Das Foto befindet sich im Privatbesitz von Samantha Seithe.