Dei gratia – Kapellen und Heiligenhäuser am südlichen Hellweg der Stadt Werl vom Spätmittelalter bis in die heutige Zeit

Dei gratia –

Kapellen und Heiligenhäuser am

südlichen Hellweg der Stadt Werl

vom Spätmittelalter bis in

die heutige Zeit

 

 

Die einzige Pflicht,
die wir der Geschichte gegenüber haben,
ist,
sie umzuschreiben
                                                                                 Oscar Wilde

 

Die Kapellen am Hellweg – ein Überblick

Seit dem späten Mittelalter finden sich am alten Hellweg, welcher südlich der mittelalterlichen Stadt Werl verlief, eine Zahl von Kapellen und Heiligenhäuschen. Sie dienten als Pilgerstationen, Prozessionshaltepunkten und zur persönlichen Memoria. Von Westen nach Osten betrachtet finden sich drei Kapellen, die St. Georgskapelle, die St. Antoniuskapelle, die Liebfrauenkapelle, sowie zwei Heiligenhäuschen, das St. Gertrud Heiligenhäuschen und unterhalb des Hellweges an der Windmühle ein weiteres. Die einzelnen Kapellen und Heiligenhäuser sollen in dieser Ausarbeitung von ihrer (bisher angenommenen) Ersterwähnung bis zu ihrem Abriss thematisiert werden, es erfolgt eine kritische Betrachtung der bisherigen Literatur und der damit verbundenen Korrektur von Ersterwähnungen und Verortungen.

 

Die St. Georg-Kapelle

Die Kapelle dem Heiligen Georg geweiht beschreibt ein Gotteshaus am Siechenhaus vor der Stadt gelegen[1], der Heilige Georg ist unter anderem Patron von Spitälern, Siechenhäusern und zuständig gegen verschieden Krankheiten wie Fieber oder der Pest.

Eine Ersterwähnung des Siechenhauses, welches an die Kapelle St. Georg grenzte, lässt sich 1330 ausmachen[2], eine Ersterwähnung einer Kapelle des Siechenhauses laut Dethlefs im Jahr 1357.[3] In diesem Jahr wurde dem Kloster eine Summe an Geld aus einer Stiftung für einen Gottesdienst in einer Kapelle vor Werl gelegen übergeben („Ad usus officiandi capellam sitam extra muros opidi Werle, quam noverunt et condolerunt nullis redditibus esse desolatam“).[4] Eine weitere Urkunde aus dem Jahr 1359 berichtet von einer Schenkung seitens des Klosters Wedinghausen an eine Kapelle vor Werl, Filialkirche der Pfarrkirche in Werl („Capelle site extra muros, filie ecclesie nostra parrochialis in Werle“).[5] Diese Urkunden können nicht ausschließlich durch ihre Existenz der St. Georgskapelle zugeordnet werden, im Jahr 1360 wird auf diese Urkunden Bezug genommen; aufgrund der getätigten Leistungen haben die Bereitsteller Recht auf einen Anteil an den Messen in einer Kapelle zu Werl („Capellam“).[6] In dieser urkundlichen Nachricht sind beide Urkunden aus den Jahren 1357 und 1359 als Transsumpt enthalten und es wird Bezug auf diese genommen, allerdings kann keine Erwähnung der St. Georgskapelle ausgemacht werden. Anhand der Urkunden aus den Jahren 1357 und 1360 ist keine Zugehörigkeit der St. Georgskapelle zur St. Walburgis Pfarrkirche erkennbar, die Urkunde anno 1359 benennt eine Kapelle zwar als Filialkirche der St. Walburgis Pfarrkirche, diese ist jedoch nicht eindeutig der St. Georgskapelle zuzuordnen. Die Annahme Dethlefs bezüglich einer Ersterwähnung der Georgskapelle sowie dessen Zugehörigkeit zur St. Walburgis Pfarrkirche ist somit als hinfällig zu betrachten. Weiterhin ordnet Preising die Kapellennennung 1360 der „Kapelle des Siechenhauses“ zu[7], das Siechenhaus findet in dieser Urkunde jedoch keine Erwähnung, es handelt sich hierbei um eine nicht korrekte Addition Preisings sowie um eine falsche Interpretation der Urkunde.

Anno 1438 findet ein Heiligenhaus ohne weitere Bezeichnung Erwähnung. Das Stift Fröndenberg veräußert an Dietrich und Lubbert Torcke Land mit Wiederkaufsrecht, welches unter anderem als Sinnerkamp bezeichnet wird und am Hellweg zwischen dem alten und neuen Hellweg gelegen hat sowie Land neben dem Siechenhaus, zwei Morgen hinter dem Heiligenhaus und sechs Morgen auf dem Brunswortsgraben („5 (?) Morgen an me hilwege tuschen dem alden und nyggen hilwege, gt. Dey zyndercamp, und 2 (?) Morgen tegen den Zekenhus, twe morgen achter dem hilgenhus, 6 morgen op dem Bruns Wordes graven“).[8] Sowohl die Hellwege[9] als auch das Siechenhaus und der Brunswortsgraben sind in den Süden Werls zu verortet, es ist daher naheliegend, dass sich das Heiligenhaus in unmittelbarer Nähe der genannten Flure befunden hat und dieses Haus als St. Georgskapelle anzusehen ist.

Anno 1440 findet sich zwei Mal die Erwähnung eines Heiligenhausespfad, ein Garten lag am Rodendieck, welcher bei dem Heiligenhauspfad gelegen habe („einen Garten bei den roden dyke by des hilgen huises pade“)[10], ein halber Soestmorgen Land lag an einem Garten am Pfad („an garden, dey sel. Herman Bruns waren, gelegen an dem hilghen huses pade“).[11] Mithilfe der genannten Flurbezeichnungen, der Rodendieck und der Garten des Hermann Bruns, kann ein Teil des Verlaufes des Heiligenhauspfades konstatiert werden, sowohl der Rodendieck als auch Ländereien oder Gräben mit Namen „Bruns“ finden sich südwestlich der Stadt im Bereich des Siechenhauses und der St. Georgskapelle. Weiterhin muss hiermit ein Weg aus der Stadt heraus beschrieben werden, noch auf der Uraufnahme von 1841 findet sich auf Höhe des ehemaligen Schlosses ein Weg, welcher zum Siechenhaus und somit auch zur St. Georgskapelle führte, dieser Weg kann auch als Heiligenhauspfad bezeichnet werden.

Namentlich wird die Kapelle als „Capellen sinte Jorien in Werle uptend hilwege“ 1506 erwähnt[12], hieraus lässt sich zudem eine Verortungsmöglichkeit konstatieren, sie hat wie die St. Antoniuskapelle und die Liebfrauenkapelle ebenfalls am alten Hellweg gelegen.

Eine weitere Eingrenzung der Lage der St. Georgskapelle ist aus dem Jahr 1542 überliefert, für einen Geldverleih wird 1 ½ Morgen Land versetzt, welches an der Brunswort gelegen ist und an einer Seite an den Basterweg, an anderer an die St. Georgskapelle grenzt („geleggen an der Brunswort, an eyner syden get de Basterwich her, an der anderen syden negst s. Jorgens capellen hebbe de Torcke lant“).[13] Hier findet sich eine weitere Bestätigung der Urkunde von 1438, in dieser hat ein Heiligenhaus in der Nähe des Brunswortsgraben gelegen, hier wird die St. Georgskapelle angrenzend an die Brunswort beschrieben. Es kann daher angenommen werden, dass es sich bei dem Heiligenhaus von 1438 um die St. Georgskapelle gehandelt hat. 1556 ist ein Urteil der Stadt Werl zwischen dem Vikar des Jürgens- und Agathenaltars, Fabian Hellinckhuisen, und dem Kämmerer Rotger Schulte bezüglich des St. Jürgens-Garten vor dem Büderichertor auszumachen („St.-Jurgens-Garten vor der Budekerporten“).[14] Da Jürgen und Georg similär zueinander stehen, handelt es sich hierbei um den Georgsaltar sowie um den Garten, welcher zum genannten Altar gehörig ist.

Eine weitere Erwähnung sowie eine Zugehörigkeit der St. Georgskapelle zum Siechenhaus ist 1592 zu konstatieren, Heinrich Nieschmidt wird bis 1592 als Pründeninhaber der St. Georgii Kapelle am Hospital vor Werl betitelt („Henricum Nieschmiedt (…) beneficia et seu offitia Capellae sine Altaris S. Georgii ante Werlas prope Hospitale Leprosorum“).[15] 1615 erfolgte in Werl eine Visitation der St. Walburgis Meschede, die der Stadt befohlen, die St. Georgskapelle am Siechenhaus zu erbauen und für die Erbauung, Reparaturen und Unkosten aus derselben Kapelle abfallende Renten und Gefälle zu benutzen („d[en] 7ten januarii ist im Nahmen der Hh[er]r[e]n visitatoren dem richter zu Werll befohlen die Capelle Sti Georgii am siechenhaus aus deroselben renthen und gefällen zu erbawen undt alle nothtürfftige reparation daran zu verschaffen undt alle angewendete unkosten folgende Zeitt zu berechnen“).[16] Es ist anzunehmen, dass es sich hierbei um einen Neubau der Kapelle handelt, da diese bereits seit einem Jahrhundert Erwähnung findet und genannte Renten und Gefälle zum Bau der Kapelle aus dieser vorhanden sind. Anno 1723 erfolgt ein Bericht der Stadt an den Landdrosten, in dem die einzelnen Gotteshäuser in und um Werl aufgelistet werden, in diesem Zuge wird auch die „Armenhospitalskapelle“ erwähnt.[17] Ob es sich hierbei um die Kirche des Hospitals innerhalb der Stadt oder um die St. Georgskapelle handelt, kann nicht ausgemacht werden.

 

Verortung der St. Georgskapelle

Eine Verortung der Kapelle St. Georg ist durch die Lokalisierung des Siechenhauses möglich. Das Siechenhaus war zum Schutz der innerstädtischen Bevölkerung außerhalb der Stadt angelegt, im direkten Umfeld wurde die St. Georgskapelle erbaut. Aus einem Protokoll zur Abänderung der Prozession der Pfarrkirche in Werl an Mariä Heimsuchung aus dem Jahr 1667 kann die Lage der St. Georgskapelle ermittelt werden, sie hat 700 Schritte von der St. Antoniuskapelle gestanden, welche 300 Schritte von der Liebfrauenkirche entfernt gestanden hat („nach der Mutter Gottes Capelle, welche von itzlicher Pfarrkirche 870 Schritte hat (…) Danach continuirt die procession durch den Hellweg nach Sti Antonii Capelle, 350 Schritt (..) Demnächst geht die Bettfahrt nach Sti Georgii Capelle, 700 Schritt weiter“)[18]; bei einer Schrittgröße von 76 cm ergibt die Distanz zwischen der St. Antoniuskapelle und der St. Georgskapelle 532 Meter. Die St. Antoniuskapelle hat sich etwa bei dem Haus „Hellweg 27“ befunden, berechnet man von dort eine Strecke von 532 Metern, so gelangt man zur Kreuzung der Sankt-Georg-Straße mit dem Westuffler Weg und der Lindenallee.

Abb. 1: Lage der St. Georgskapelle auf der Topographischen Karte. Der Punkt bei 532,3 m beschreibt die Lage der Kapelle (die roten Linien wurden von der Verfasserin eingezeichnet), aus: Tim-online.nrw.de (zuletzt aufgerufen am: 10.08.2020).

Auf der Uraufnahme von 1841 ist an dieser Stelle ein Kreuz eingezeichnet, welches als Symbol für die St. Georgskapelle gestanden haben könnte.

Abb. 2: Lage der St. Georgskapelle auf der Uraufnahme. Der Punkt bei 532,1 m beschreibt die Lage der Kapelle (der rote Kreis sowie die roten Linien wurden von der Verfasserin eingezeichnet), aus: Tim-online.nrw.de (zuletzt aufgerufen am: 10.08.2020).

In der Nähe dieser Kapelle hat sich ebenfalls das Siechenhaus befunden, es wird am Hellweg gelegen beschrieben, welches mit dieser Verortung übereinstimmt. Bis 1968 stand an der Ecke Sankt-Georg-Straße und Kurfürstenring ein Heiligenhäuschen, welches als Station des Kreuzweges und der Prozessionen genutzt wurde. In dieser Nähe hat sich laut urkundlichen Notationen die Georgskapelle befunden, das Heiligenhaus könnte neben Stationshaltepunkt auch als Erinnerungsobjekt für das Siechenhaus und der Kapelle gedient haben.

Abb. 3: Heiligenhaus an der Ecke Sankt-Georg-Straße und Kurfürstenring, aus: StA Werl, KB 165, Akte 25.
Abb. 4: Lage des Heiligenhäuschens Ecke Sankt-Georg-Straße und Kurfürstenring, aus: KB 165, Akte 25.

 

Die St. Antoniuskapelle

Die St. Antoniuskapelle bildet ein weiteres Glied in der Kette der Kapellen am Hellweg. Sie wird der gleichnamigen Antoniusklause zugeordnet, diese soll zur Beherbergung, Versorgung und Unterstützung von Reisenden und Armen gedient haben. Sowohl der Heilige Antonius von Padua als auch Antonius der Große, auch als Antonius der Einsiedler bekannt, erfahren eine Verehrung. Antonius von Padua (um 1195 – 1231) ist neben dem Patron von Menden (Sauerland) auch der der Armen sowie der Reisenden.[19] Die Reliquien des Antonius dem Großen (um 250 – etwa 356 n. Chr.) wurden im 12. Jahrhundert gegen eine pestartige Krankheit eingesetzt, seitdem ist er unter anderem gegen Krankheiten wie die Pest oder Lepra und gegen Feuersnot zuständig.[20] Welcher Heilige in dieser Kapelle verehrt wurde, kann nicht konstatiert werden, da die Antoniusklause allerdings zur Unterstützung von Reisenden und Armen diente, lässt sich eine Verehrung des Heiligen Antonius von Padua annehmen.

Eine bisher in der Literatur angenommene Ersterwähnung der Kapelle bzw. der Klause wird in das Jahr 1311 gesetzt, diese soll zunächst untersucht werden sowie im Anschluss eine Verortung der Kapelle stattfinden.

Mehler[21], Preising[22], Halekotte[23], Bockhorst[24] und Dethlefs[25] setzen eine Ersterwähnung der Antoniusklause mit angrenzender Kapelle in das Jahr 1311, laut der genannten Autoren soll in diesem Jahr ein Anton von Blumenthal und Hunold Berdink Schenkungen verschiedener Ländereien an diese Kapelle/Klause getätigt haben. Bei Betrachtung der Urkunde des Klosters Marienfeld aus dem Jahr 1311 findet allerdings weder ein St. Antonius noch eine Klause bzw. Kapelle Erwähnung, es werden ausschließlich einem erbauten Haus, nahe der Linden gelegen bei Werl („domum constructam iuxta tiliam sitam apud Werle“) Äcker für durchziehende Fremde[26] verkauft („in usus peregrinorum transeuntium“).[27] Bei dem genannten Haus kann es sich zwar um eine Klause[28] oder eine Herberge gehandelt haben, da die Antoniusklause bzw. St. Antoniuskapelle allerdings nicht explizit Erwähnung findet, kann diese urkundliche Notation nicht für eine Ersterwähnung der Kapelle oder Klause in Betracht gezogen werden! Die von Mehler, Preising, Halekotte, Bockhorst und Dethlefs angesprochene Ersterwähnung der Antoniusklause bzw. –kapelle ist somit nicht haltbar, eine Ersterwähnung der Kapelle ist in das Jahr 1466[29], eine Ersterwähnung der Klause in das Jahr 1477 zu setzen.[30] Nach Preising wird die Antoniusklause später auch als „das hilligenhus“ bezeichnet[31], urkundliche Nachrichten über ein Heiligenhaus finden sich allerdings auch erst ungefähr 120 Jahre später als die bisher angenommene Ersterwähnung der Klause bzw. Kapelle, 1433 und 1439. Anno 1433 findet ein Weg zu einem Heiligenhaus Erwähnung („Bieten der Steynenporten tegen dem Lugenbrinke an dem wege tom hiligen huse“)[32], 1439 wird Land hinter dem Heiligenhaus zwischen beiden Wegen in Werl zur Labung armer Pilger mit Bier verschenkt („eynen halven morgen landes legen achter dem hilgenhuse tuschen bey den weggen und schut ostert und westert. To vulleste tom schenkebeyr in dem hilgen huse vor Werl umme lavinge armer pelgeryme“).[33] Die Urkunde aus dem Jahr 1439 wird von ebenfalls von Mehler der Antoniusklause zugeordnet.[34] Aus den genannten urkundlichen Überlieferungen ist keine Verortung des Heiligenhäuschens und somit keine Zuordnung zur Antoniusklause/-kapelle möglich, da ausschließlich ein Weg zu einem Häuschen bzw. das Häuschen vor Werl beschrieben wird.

1466 ist nun eine Ersterwähnung der St. Antoniuskapelle gegeben, Heinrich Vorstender gnt. Melere verkauft den Bürgermeistern der Stadt Werl seinen Garten beim Steinertor, welcher zum Behuf des Altaristen – einem katholischen Priester, welcher ausschließlich die Messe feiert – in der Kapelle St. Antonii vor der Stadt dienen soll („to behoyff dys altaristen dey dat altar In der capellen buten Werle heyte sant anthonyus capelle“).[35] Der Kanoniker soll ab spätestens 1471 durch das Kloster Wedinghausen investiert werden, in diesem Jahr ersucht Hunold Greve in seiner Funktion als Bürgermeister der Stadt den Propst von Wedinghausen, einen Kanoniker für die Kapelle St. Antonii vorzuschlagen („voluntate bene(…)bilis d[omi]ne ad capellam sancti anthonii ex et p[ro]pe muros opidi Werlense“).[36] Bereits im Jahr darauf wurde eine Übereinkommung geschlossen, dass das Kloster dem Rat einen Bruder vorstellt und der jüngste Bürgermeister daraufhin dem Propst Wedinghausens diesen zur Einführung präsentieren solle („In der Capellen legen buten unser Stat geheiten dat hilligen huess to stheyne“ [37] und „Findacio et presentacio capelle Sti Anthonii (…) In der capelen legen buter unser stat geheyten dat hylgen huss“).[38] Wenige Jahre später, 1477, ist die erste Erwähnung einer Antoniusklause in Werl überliefert, es erfolgt eine Schenkung von Land bei der Klause an die südlich von Werl gelegene St. Antoniusklause („Landes g[e]legen by sunte Anthonies cluse by de suestzyden var werle“), aus einer jährlichen Rente von drei Scheffel Malz solle der in der Klause wohnende Klausner jährlich zu Ostern Bier für Rompilger brauen.[39] Aus dieser Urkunde ist neben einer Ersterwähnung der Antoniusklause auch eine grobe Verortung, südlich von Werl gelegen, sowie ein Bewohner der Klause, der Klausner, gegeben.

Fortan finden sich weitere Erwähnungen einer St. Antoniuskapelle und einer Antoniusklause, wie auch 1491, wo der St. Antonii vor Werl erneut Land, gelegen auf dem Herberholwege, für eine wöchentliche Messe geschenkt wird.[40] Schenkungen von Land oder einer jährlichen Rente sind unter anderem als Memorienschenkungen zu verstehen, für die Schenker erfolgt im Anschluss der Schenkung eine regelmäßige Danksagung in Form einer Messe oder einer anderen Form der Memoria. Anno 1505 wird das Antoniushaus, es ist nicht klar ersichtlich, ob die Klause oder Kapelle gemeint ist, in der Honniger und ober der Steinkuhlen beschrieben.[41] Der Honniger ist eine Flurbezeichnung, die sich heute noch in dem Straßennamen „Auf dem Hönningen“ widerspiegelt, in Verlängerung der Straße existierten in früherer Zeit noch mehrere Steingruben, die auch als Steinkuhlen angesprochen wurden. In dem Hospitalrentenbuch, datiert auf den 26. Januar 1515, findet ein Weg, welcher zur St. Antoniuskapelle führt, Erwähnung, eine präzisere Verortung diesem Eintrag nicht zu entnehmen („Des Steffen Pelser an dem pait, dey na sunte Anthonius geit“).[42]

Um 1530 hat die Antoniusklause ein Güterverzeichnis aufgestellt, in welcher verschiedene Ländereien und Einkünfte aufgelistet sind, wie beispielsweise ein Scheffel Lecht hinter der Klusen („Item eyn schepel lecht achter der klusen“) oder einen halben Morgen Land unter der Losesche („Item den ander halven Werl morgen hefft under dey Losesche unde schuyt aen den Basterwech“).[43] Auch Tiere zählen zum Inventar der Klause, sie besitzt eine Kuh sowie zwei Westönner und zwei Waltringer Schafe („Item ene koe ist sont Anthoniis und hefft Thonyes Flottermann. Item Westonnen twe schape (…) Item to Walterinchusen twe schape“).[44] In dieser Zeit ist auch eine neue Präsentation eines Kanonikers für die St. Antoniuskapelle zu verzeichnen, mit einem terminus ante quem 1531 erfolgt die Präsentation des Hermann Lilien für die Kapelle[45], im Stadtbuch fand Stadtarchivar Dipl. Ing. Michael Jolk für 1524 ein Eintrag über die Präsentation Hermann Liliens („Anno domini millesimo quingentesimo vicesimo quarto donnerstage nha Sunte Margarethenn heyfft pro[co]nsull, dyderich lylie, als eyne eldeste burgermeister, synen broder, her herman lylien, bekendt, und begyfftygeth, myt Sunte Anthoniis Capellen vor Werlle“)[46]; wenige Jahre darauf, im Jahr 1531, wird diese Stelle erneut neu besetzt. Zunächst findet sich ein Schriftverkehr zwischen Bürgermeister Gottfried Brandis und Detlev Bochum, Kanoniker zu Wedinghausen, welcher die Stelle in der St. Antoniuskapelle antreten solle, im Anschluss wird dieser bei der Kluse für die Priesterstelle präsentiert („altare S[anc]ti Anthonii abbate et confessoris in Capella“).[47] 1553 wird erstmals ein Rektor der St. Antoniuskapelle, welche hier auch als Kluse bezeichnet wird, erwähnt, Jürgen Larman ist mit diesem Amt besetzt („Herrn Jurgen Larman als rechtoren der Capellen Sancti Anthonii tho Werll dar buten anders die Cluse gnandt“).[48] Zehn Jahre später, 1563, ist nochmals Erwähnung von Land der Klusen gegeben, Clara Witwe Johann Bendit leiht den „verordneten und deputiertten provisoren und curatoren“ des Heiligen Kreuzes Geld, hierfür verschreibt sie ihnen Korn als Rente aus 1 ½ Morgen Land, welches genauer beschrieben ist. Es liegt bei der Liebfrauenkirche an der Steinkuhle[49] und schießt im Osten auf den Hellweg und den Ruhrbach, im Westen auf das Land der Antoniusklusen, welches sich ebenfalls neben dem Hellweg befindet („by unser leven frouwen kerck an der stenkulen, schut oistert und westert, oisten up den helwech und rhuirbicke die nach der Haar geht, westen up s. Thonnis Klusen landt, negst der nardt seidt beneffen den helwegh, die na der klusen umbgehet“).[50] Wenige Jahre darauf, respektive 1568, werden auf Ersuchen der Familie von Fürstenberg zu Stirpe Pächter zum Gastgericht auf dem Weinhaus am Marktplatz geladen, um über ihre Ländereien auszusagen. Geladen ist auch Heinrich Probstinck, Bürgermeister, er hat neben anderen Ländereien auch einen Soestmorgen hinter dem Antoniushaus und am Weg zu einer Kluse („1 Soist-Morgen achter S. Toniss Haus; der Weg nach der Cluse“).[51]

1568 ist zugleich eine letzte Erwähnung der Kapelle auszumachen, vor 1723 ist diese bereits abgerissen worden. In einem Bericht der Stadt an den Landdrosten werden die Gotteshäuser von Werl ausgeführt, die St. Antoniuskapelle wird in diesem nicht mehr erwähnt.[52]

Verortung der St. Antoniuskapelle

Bislang wurde von Halekotte und Dethlefs eine Verortung der Antoniusklause und somit der St. Antoniuskapelle vorgenommen, Halekotte verortet diese in den Bereich der Straßen „Am Kreuzkamp/Gartenstraße“.[53] Dethlefs hingegen nahm eine Verortung der Klause in den Westen, außerhalb der Stadt, vor, er bezieht sich hierbei auf eine Urkunde aus dem Jahr 1526.[54]

In der genannten urkundlichen Nachricht, die mir freundlicherweise Herr Jolk zur Verfügung stellte, aus dem Jahr 1526 werden dem Heiligen Kreuz in der Pfarrkirche und dem Hospital in Werl neben anderen Ländereien und Einkünften auch dem Hospital zwei Gärten vor dem Büderichertor, rückwärts Richtung Hellweg hinter dem St. Anthoniushäuschen geschenkt („twe gardenn buytem der Budeker portenn liggend, upter vygge nha dem helwege, achter Sunt Anthoniys huyskenn“).[55]

In einem Gutachten bezüglich der Prozession der St. Walburga Pfarrkirche 1667 wird der Prozessionsweg näher beschrieben, von der Pfarrkirche aus werden 870 Schritte zur Liebfrauenkirche gelaufen, von ihr aus im Anschluss weitere 350 über den Liebfrauenweg zur St. Antoniuskapelle („hiesige Pfarrkirche anfang gemacht und aus der Pfarrkirche weiter durch die Stadt auß der Steinpforte nach der Mutter Gottes Capelle, welche von itzlicher Pfarrkirche 870 Schritt (…) Danach continuirt die procession durch den Hellweg nach Sti Antonii, 350 Schritt“).[56] Die Liebfrauenkapelle befand sich an der heutigen Wegekreuzung Waltringer Weg und Neheimer Straße, unter Berücksichtigung der Schrittgröße von 76 cm und somit einer Distanz zwischen Liebfrauenkirche und St. Antoniuskapelle von 266 Metern, lag die Kapelle auf der heutigen Hellweg-Straße zwischen der Straßen „Am Vogelsang“ und „Auf dem Hönningen“ etwa bei dem Haus „Hellweg 27“.

Abb. 5: Lage der ehemaligen St. Antoniuskapelle auf der topographischen Karte. Der Endpunkt bei 266,1 m beschreibt die Lage (die roten Linien wurden von der Verfasserin zur besseren Orientierung eingezeichnet), aus: Tim-online.nrw.de (zuletzt aufgerufen am: 10.08.2020).
Abb. 6: Lage der ehemaligen St. Antoniuskapelle auf der Uraufnahme. Der Endpunkt bei 266,1 m beschreibt die Lage (die roten Linien wurden von der Verfasserin zur besseren Orientierung eingezeichnet), aus: Tim-online.nrw.de (zuletzt aufgerufen am: 10.08.2020).

 In der Nähe der genannten Stelle findet sich im 20. Jahrhundert noch ein Heiligenhaus, welches ebenfalls als Haltepunkt des Kreuzweges und der Prozession genutzt wurde. Ähnlich wie bei der St. Georgskapelle und der Liebfrauenkapelle könnte dieses Haus als Erinnerungsobjekt für die abgerissene St. Antoniuskapelle aufgestellt worden sein.

Abb. 7: Heiligenhaus an der heutigen Straße „Hellweg“, Ecke „Am Vogelsang“, aus: StA Werl, KB 165, Akte 25.

Die Liebfrauenkapelle

Die Liebfrauenkapelle stellt eine immer wieder thematisierte, noch nicht präzise verortete und eine der wichtigsten Kapellen um Werl dar. Bei der angesprochenen lieben Frau handelt es sich um die heilige Jungfrau Maria, welche in Werl unter anderem durch das Gnadenbild oder die Marienwallfahrt bis heute vertreten ist, Maria spielt somit für Werl eine wichtige Rolle innerhalb des religiösen Lebens. Zunächst soll sich mit den vorhandenen Erwähnungen auseinandergesetzt werden, aus denen sich weiterhin eine Verortung der Kapelle ableiten lässt. Diese Verortung wird mit bereits getätigten Verortungen verglichen werden, um eine abschließende Lokalisierung vornehmen zu können.

Urkundliche Überlieferungen der Kapelle

Eine Ersterwähnung der Liebfrauenkapelle, auch Liebfrauenkirche genannt, ist in das Jahr 1530 zu setzen, Dietrich Wrede und seine Frau Margarethe veräußern an Dietrich und Ursula Lilien eine jährliche Rente über vier Schillinge aus ihrem Garten, gelegen „vur der stenen parten, dar unser leven frauwen Hussken vur steyt[57]; die Liebfrauenkapelle kann somit zunächst vor das Steinertor vor die Stadt Werl verortet werden. Eine nächste Erwähnung findet sich 1542, Margaretha Witwe Schmitz verkauft an Dietrich Pape drei Morgen in der Werler Feldmark, welche „auf der Steinkaule hinter der Liebfrauenkirche“ beschrieben sind.[58] Nur wenige Monate später veräußert Dietrich Pape diese drei Morgen an Bernard van dem Hagen, Kanonikus des Domstiftes Köln sowie kölnischer Kanzler, auch hier wird das Land wieder „hinter der Liebfrauenkirche an der Steinkaule“ gesetzt.[59] Die Steinkuhle befindet sich südlich des alten Hellwegs im Süden Werls, die Liebfrauenkapelle hat somit südlich Werls auch in der Nähe der Steinkuhle gestanden. Im Jahr 1563 wird die Liebfrauenkirche ein weiteres Mal erwähnt, Clara Witwe Bendit verschreibt als Pfand eine Rente aus 1 ½ Morgen Land „by unser leven frouwen kerck an der stenkulen“, auch hier wird die Liebfrauenkirche an die Steinkuhle und somit in den Süden Werls verortet.[60] Halekotte sah diese Urkunde als Ersterwähnung der Liebfrauenkapelle an, diese ist aufgrund der zwei früheren Nennungen zu korrigieren.[61] Für das 17. Jahrhundert, respektive zwischen 1626 und 1662, existiert ein Memorienbuch für die Familie Schöler, Erbsälzerfamilie in Werl, der Liebfrauenkapelle, welche sich vor der Steinerpforte zu Werl befunden haben soll („Das buch ist ein Mem[orien] buch gehörigh zu der Capellen unser liebe fraue zu Werl fur der Sthenen pforten (…) und der heiligsten (…) frauwen Mariae Mutter jesu“)[62], die Patronin soll neben Maria die heilige Ursula gewesen sein.[63] Für 1627 findet sich in diesem Memorienbuch die Errichtung eines Altars durch Michael Schöler und seiner Ehefrau Elisabeth Brandis („In anno 1627 haben Michael Scholer und sein frawe Elisabetha brandis ein altar dha laßen … von unser Liebe frawen Mutter der alleheiligsten unsers herr Jhesu“)[64], zwei Jahre später wurde durch Gottfried Reichmann aus Wedinghausen die Glocke eingeweiht.

Für die Kapelle wurde im Jahr 1630 von Conrad Valentin ein Liebfrauenbild gestiftet, welches als kleines und mit fünf Steinen versehen beschrieben wird („Conradis Valentin (…) ein lieben Frawen bildeken mitt den kindelin jesu in klein Format, mitt funff steinen“).[65] Im gleichen Jahr erfolgt eine Geldleihe des Johan Brauns mit seiner Frau von Degenhard Schöler und seiner Frau, die zu zahlenden Zinsen sollen für die Restauration der Liebfrauenkapelle genutzt werden („Capellen Beata Maria Virginis baussen dero Stadt werll vor dero stheinen pforten gelegen“).[66] Eine weitere Überlieferung der Kapelle ist anno 1631 zu verzeichnen, sie lag, wie bereits 1626 konstatiert, vor dem Steinertor („unser L. frawen vor der Stadt Werl und Steinen Pforten gelegen“), Tutoren der Kapelle stellten Degenhard und Michael Schöler dar.[67] Neben der 1627 getätigten Stiftung eines Altars in der Liebfrauenkapelle durch Schöler und seiner Frau Brandis schenken sie 1629 als Memorienstiftung in der Liebfrauenkapelle („Kapelle Beatae Mariae virginis vor Werll“) eine jährliche Rente in Höhe von sechs Reichstalern aus einem Haus in Werl.[68] Neben der Rentenstiftung schenken sie der Liebfrauenkapelle 122 ½ Reichtaler für die Haltung von 12 Messen in der Kapelle („Memori in der Capellen Beatae Mariae Virginis, baussen dero Stadtt Werll vor der Steinen Pfortten gelegen“).[69] Gleichermaßen erscheint diese Summe Geld als Leihgabe an Johann Hülsberg und seine Frau gegen eine jährliche Pension von sechs Reichstalern, diese soll an den Pastor der Liebfrauenkapelle ausgezahlt werden („Capellen Beata Mariae Virginis baussen dero Statt Werll vor dero Steinen Pfortten gelegen“).[70] Eine Bestätigung dieser Memorienstiftung sowie einer Stiftung an die Kirche innerhalb Werls, der St. Walburga, ist 1646 zu verzeichnen, auch hier wird die Liebfrauenkapelle („Kapelle beatae Mariae virginis ausserhalb der Stadt Werll vor der Steinen-Pforte“) vor Werl und auch vor die Steinerpforte verortet.[71] Ohne eine weitere Eingrenzung des Landes findet sich einige Jahre zuvor, respektive 1641, ein Verkauf des Christian Armdes an Theodor Kelner, Pastor zu Werl, von Land hinter der dortigen Liebfrauenkapelle („halben morgen landts schießent (…) osten auff den wegh hinter Unserer lieben frauwen kirchen“).[72] Michael Schöler, in den Jahren 1627 – 1646 noch mit Elisabeth Brandis verheiratet, ist 1659 mit seiner neuen Ehefrau Susanna Pape auszumachen, beide verkaufen in diesem Jahr einen Erbgarten an der Ruhrbecke, dem Ruhrbach bzw. dem heutigen Ruhrgraben, an die Liebfrauenkapelle („Kapelle Unser lieben Frauen“), welcher vor der „Steinen-Pforte“ gelegen ist.[73]

Abb. 8: Zeichnung der Stadt Werl auf Wallfahrtsplakat 1671 (colorierte Abzeichnung) mit Einzeichnung der Liebfrauenkapelle, aus: Städtisches Museum Werl.
Abb. 9: Ausschnitt der Zeichnung der Stadt Werl mit Einzeichnung der Liebfrauenkapelle, aus: Städtisches Museum Werl

 Im 18. Jahrhundert hat die Liebfrauenkapelle noch gestanden, in einem Bericht an den Landdrosten wird die Zahl der Gotteshäuser in und um Werl aufgeführt, hierbei wird auch die „Liebe Frauenkapelle vor der Steinerpforte“ genannt.[74] Weiterhin findet sich für den Zeitraum zwischen 1780 und 1788 eine Aufnahme des Werler Pfarrers, Friedrich Saalmann oder Paul Krüper, von den Erben Schölers über 100 Reichstaler für die Reparatur der Liebfrauenkirche vor dem Steinertor gelegen.[75] Auch im 19. Jahrhundert ist die Existenz der Kapelle belegt, es wird ein Morgen Land an der „Liebfrauen-Kirche“ verkauft.[76] Um 1805 wird die Kapelle als bereits stark baufällig und einsturzgefährdet beschrieben, Messen wurden bereits Jahre zuvor in die Pfarrkirche verlegt, aus diesem Grund wird vom Vikariat die Erlaubnis eingeholt, diese abzubrechen („Es befindet sich inmittelst vor hiesiger Stadt eine ganz verfallene Kapelle wozu nach ein beyn Erbsälzer von Papen zu Westrich haftendes Kapital von 100 Rt gehöret, wovon beynate 50 Rt Zinsen rückständig sind. (…)da aber diese Kapelle gerade an der Landstraße gelegen, dermahlen so baufällig ist, daß sie, indehm die jeden Augenblick einstürzen kann, jeden worüber nicht gehenden in Schutt begraben kann, so zweifle ich icht, daß die Erlaubnis vom Vikariat zur Destruierung derselben ohne Anstand wird ertheilt werden, besonders da die darin fundierte Messen schon seit langen Jahren her wegen ihrer Baufälligkeit in hiesiger Pfarrkirchen sind geben worden“).[77] Als Ersatz sollte an dieser Stelle ein heiliges Bild, somit ein Heiligenhäuschen aufgestellt werden, um weiterhin bei Prozessionen an diesem Standort halten zu können („Sodann erwartet das Vikariat, daß ein heiliges Bild auf die Stelle der Kapelle aufgerichtet werde, vor welchem als dann die Station gehalten werden kann“).[78] Im Jahr darauf erfolgte zunächst eine Versteigerung der Bausteine der Kapelle („Es soll am Sontag von der Kantzel publ[iziert] werden, daß Montag morgens um 10 Uhr das Mauer Werk an der Liebfrauen Capelle dem Meistgeboth zugesetzt werden solle“)[79], die Steine konnten allerdings nur schlecht veräußert werden, da für diese kein Geld gezahlt werden wollte („Betreff der Steine von der abgebrochenen Liebfr[auen] Capelle referirte H[err] ass[essor] Koch, daß gestern der auf früh vorzunehmende Verkauf von der Kantzel publizirt seye, und er heut morgen deßen Verkauf vorgenommen habe. Es seyen zwar mehrere Citanten gewesen, ex officir seye auch auff Rtl bestanden, und dieses seye von dem Ass[essor] Mensing nahmens der Stadt geschehen. De schon letzthin der Verkauf öffentlich aufgerufen aber vergeblich verkauffet worden, so glaubte er nicht, daß ein mehreres zu erzwingen seye“).[80] 1807 erfolgte schließlich ein Verkauf der Bausteine, die Stadt Werl hat diese für zehn Reichstaler selbst gekauft („Daß mich heute in unten geschte dato der – Stadt Rentemeister Frigge die für die Stadt Werl angekauffte Steine von der Lieben frauen Kappele abschläglich bezahlt zehn Rtlr. ein solches bescheinige hiermit Werl d. 7ten Juni 1807“).[81] Die Kapelle wurde von der Erbsälzerfamilie Schöler erbaut und war nach Aussterben der Familie in die Hände der Familie von Papen-Westrich gefallen („Die Kapelle ist von einer Familie von Schüler dahier, welche nunmehr ausgestorben ist, erbauet worden. Was nun die Baupflicht angeht, so ist dazu ein Kapital von 100 Rt. zu 5 procent beim Herrn von Papen zu Westrich bestimmt angelegt“)[82], die Stadt Werl hatte die Kapelle bzw. ihre Steine erst ab 1807 in Besitz.

Im Jahr 1813 ist noch ein Kauf des Freiherrn zu Fürstenberg und Theodor Wilhelm Brune auszumachen, bei diesem werden 21 Gewinngärten, gelegen zwischen der Liebfrauenkapelle und der Windmühle, veräußert.[83] Hiermit ist eine weitere Verortungsmöglichkeit gegeben, die Windmühle befindet sich südöstlich der Stadt, in ihrer Nähe muss sich die Kapelle befunden haben. Ob die Kapelle zu diesem Zeitpunkt schon abgerissen war, ist nicht zu konstatieren, da markante Bezugspunkte auch nach Abriss von Gebäuden oder Stätten für einige Zeit diesen Namen getragen haben. Zu welcher Zeit die Kapelle abgerissen wurde, ist nicht feststellbar, 1906 bis 1908 findet sich jedoch noch ein Bauvorhaben einer Kanalisierung eines Grabens an der Liebfrauenkirche („Canalisierung des Grabens an der Liebenfrauenkirche vom Bremer-Weg bis zum Einlauf am städtischen Garten“), ob diese bereits abgerissen war oder noch stand, ist nicht auszumachen.[84] Mit einem terminus ante quem 1969 wurde die Liebfrauenkapelle abgerissen und an ihrer Stelle ein Heiligenhaus errichtet und anno 1969 wurde dieses Heiligenhaus abgerissen.[85]

Anhand der genannten Erwähnungen der Liebfrauenkapelle/-kirche in den Quellen kann eine vage Verortung erfolgen, sie stand vor Werl sowie vor dem Steinertor und somit im Süden Werls.

Bisherige Verortung

Bislang wurde die Liebfrauenkapelle außerhalb der Stadt auf das Gebiet des heutigen Friedhofes lokalisiert, sie soll zudem laut Halekotte am alten Hellweg im östlichen Bereich des heutigen Hellweges zu finden sein.[86] Weiterhin wird diese geistliche Einrichtung, ebenfalls durch Halekotte, südlich des Steinertors verortet.[87] Schoppmann verortet die Kapelle an die heutige Liebfrauenstraße, diese wurde früher als Liebfrauenweg bezeichnet („Liebe Frauen-Weg (…) hier lag früher die Liebfrauenkirche (…) Jetzige Bezeichnung ist „Liebfrauenstraße““).[88]

Bis dato wird die Ansicht vertreten, dass die Liebfrauenkapelle sowohl in der Nähe des neuen Hellweges als auch in der Nähe des Steinertors gelegen hat, wodurch eine Eingrenzung auf das Gebiet des heutigen Friedhofes, respektive an den westlichen Friedhofseingang erfolgt („Bei der Vorstands- und Beiratsversammlung des Neuen Heimat- und Geschichtsvereins stand ein Projekt im Mittelpunkt: Die Suche nach einer Kirche (…) In der Nähe des Haupteingangs des Parkfriedhofs stand früher die Liebfrauenkirche“).[89]

Neue Verortung

Der bisherigen Verortung ist anhand urkundlicher Überlieferungen zu widersprechen, die Liebfrauenkapelle hat sowohl am Steinertor als auch an der Steinkuhle gelegen[90], welche sich nicht in Nähe des heutigen Friedhofes befunden hat. In Werl finden sich drei Steinbrüche nahe der ehemaligen Stadtmauern, der Hammerstein, der Sanders Steinbruch und die Steiner Steingrube. Der Hammerstein befindet sich südöstlich der Stadt, noch heute existiert die Flurbezeichnung „Hammerstein“ auf dem Areal des einstigen Steinbruches, auch hier hat sich eine geistliche Einrichtung, das St. Gertruds Heiligenhäuschen, befunden.[91] Südlich dieses Steinbruchs hat der Sanders Steinbruch gelegen, auch er kann mithilfe der heutigen Straßenbezeichnung „An Sanders Steinbruch“ südöstlich der Stadt lokalisiert werden. Die Steiner Steingrube lässt sich weiter westlich parallel zur heutigen Flur „Hammerstein“ verzeichnen, in diesem Bereich hat sich die Liebfrauenkapelle befunden. Bei einer Begutachtung der Prozession der St. Walburgis Pfarrkirche wird die Lage der Liebfrauenkapelle beschrieben, sie befand sich 870 Schritte von der Pfarrkirche entfernt („hiesige Pfarrkirche anfang gemacht und aus der Pfarrkirche weiter durch die Stadt auß der Steinpforte nach der Mutter Gottes Capelle, welche von itzlicher Pfarrkirche 870 Schritt“).[92] Bei einer Schrittgröße von 76 cm beträgt die Entfernung zwischen Liebfrauenkapelle und Pfarrkirche 661,2 Meter, da die Kapelle am Steinertor gelegen hat, kann eine Prozession aus der Pfarrkirche heraus auf die heutige Steinerstraße zum Steinertor angenommen werden. Unter Berücksichtigung der angegebenen Schritte hat sich die Liebfrauenkapelle auf der Waltringer Straße auf Höhe der heutigen Häuser Neheimer Straße 2 und Waltringer Weg 1 befunden.

Abb. 10: Topographische Karte mit Standort der Liebfrauenkapelle (der obere Punkt zeigt den Standpunkt der Kapelle auf der Uraufnahme, der untere rote Kreis zeigt den Standort der Kapelle), aus: Tim-online.nrw.de (zuletzt aufgerufen am 10.08.2020).
Abb. 11: Luftbild mit Lokalisierung der Liebfrauenkapelle (der obere Punkt zeigt den Standpunkt der Kapelle auf der Uraufnahme, der untere rote Kreis zeigt den Standort der Kapelle), aus: Tim-online.nrw.de (zuletzt aufgerufen am 10.08.2020).

Auf einer Urkatasterkarte aus dem Jahr 1829 ist ein Flurstück namens „An der Liebfrauenkirche“ südlich des Steinertors eingetragen, in unmittelbarer Nähe findet sich zudem ein Gebäude.

Abb. 12: Uraufnahme mit Lage der Liebfrauenkirche (der rote Kreis wurde von der Verfasserin zur besseren Orientierung eingezeichnet), aus: Katasterarchiv Kreis Soest, 1797 – UR – 30.
Abb. 13: Vergrößerte Aufnahme der Urkatasterkarte (der rote Kreis wurde von der Verfasserin zur besseren Orientierung eingezeichnet), aus: Katasterarchiv Kreis Soest, 1797 – UR – 30.

Auf der Uraufnahme, 1841 erstellt, ist dieses Gebäude inklusive des Flurstücks ebenfalls vorzufinden, anhand dieser kann eine Projektierung auf eine heutige topographische Karte bzw. auf ein Luftbild erfolgen.

Abb. 14: Uraufnahme mit Flurstück und Gebäude (die roten Linien, Kreise sowie die Beschriftung wurden von der Verfasserin zur besseren Orientierung hinzugefügt), aus: Tim-online.nrw.de (zuletzt aufgerufen am 10.08.2020).

Noch in den 1960er Jahren befand sich an der Straßenkreuzung Hellweg/Waltringer Wegein kleines Heiligenhäuschen, welches als Erinnerung an die bereits abgerissene Liebfrauenkapelle dienen sollte und an welchem bei der Prozession Halt gemacht werden konnte.

Abb. 15: Foto des Heiligenhäuschens, aus: StA Werl, KB 125, Diakasten 329.
Abb. 16: Foto des Heiligenhäuschens, aus: StA Werl, KB 165, Akte 25.

Das Heiligenhaus wurde 1969 aufgrund des Verkehrs, dessen Sicht durch den Baum und das Haus beeinträchtigt wurde, abgerissen, an dieser Stelle wurde die bis heute existente Raphaels-Statue erbaut.

Abb. 17: Abriss des Heiligenhäuschens am Waltringer Weg, aus: StA Werl, KB 165, Akte 25.
Abb. 18: Heutiges Raphaelsdenkmal, aus: StA Werl, KB 165, Akte 25.

Resümee

Abschließend kann eine neue Verortung der Liebfrauenkapelle südlich von Werl und der Steinerpforte an den Waltringer Weg und die Neheimer Straße konstatiert werden. Die bislang übliche Lokalisierung der Kapelle an die Westseite des Werler Friedhofes ist aufgrund urkundlicher sowie kartographischer Überlieferungen nicht haltbar, die Kapelle wird im 18. Jahrhundert auf Karten in den Bereich der Kreuzung Neheimer Straße/Waltringer Weg verortet, Urkunden belegen diese Lage.

St. Gertruds Heiligenhäuschen

Die Heilige Gertrud von Nivelles, welche in diesem Heiligenhäuschen verehrt wurde, ist unter anderem Patronin der Krankenhäuser, der Pilger, der Herbergen und Reisenden. Weiterhin wird sie mit ihren Attributen Mäusen und Katzen dargestellt, als Schutzpatronin vor Mäuseplagen und der Katzen, welche die Mäuse vertreiben sollen. Da sich die Kirche an einem Pilgerweg befand, kann hiermit nicht die Heilige Gertrud von Helfta (1256 – 1301/2) gemeint sein – sie ist unter anderem die Schutzpatronin Lateinamerikas und mit dem Herz als Attribut versehen – sondern die Heilige Gertrud von Nivelles (626 – 657). Gertrud von Nivelles wurde bereits bei den Karolingern und nochmals im 11. und 12. Jahrhundert als Ahnfrau des karolingischen Hauses in den Kult und in die Volksfrömmigkeit aufgenommen.[93]

Eine erste Erwähnung des Heiligenhäuschens in Werl ist 1469 gegeben, ein Garten am „Hemensteyne“, am Hammerstein, hinter dem Heiligenhaus der Heiligen Gertrud befindlich wird verkauft („gelegen an dem hemensteyne achter Sunte gerdrudis hilligen huse“).[94] Neben einer Ersterwähnung ist hiermit auch eine Verortungsmöglichkeit gegeben, der Hammerstein bezeichnet heute noch eine Straße im Südosten der Stadt, unterhalb des alten Hellweges nach Soest.

Abb. 19: Uraufnahme von 1841 mit Verortung des St. Gertruds Heiligenhäuschens (der rote Kreis wurde von der Verfasserin zur besseren Orientierung eingezeichnet), aus: Tim-online.nrw.de (zuletzt aufgerufen am: 10.08.2020).

Dieser Hellweg wird 1539 mit dem Heiligenhäuschen in Verbindung gebracht, in diesem Jahr wird eine Jahresrente von drei Goldgulden des Wilhelm Bendit (Wilhelm Benedicte) unter anderem aus einer Scheffelsaat Land, welches „gelegen vor Sanct Gertrud am Hilwege“, an die Erbsälzer verkauft.[95] Im Jahr 1433 wurde der Hellweg durch die Stadt gelegt, der ältere Hellweg unterhalb der Stadt am Hammerstein verlaufend war allerdings weiter in Benutzung. In einer weiteren Verkaufsurkunde von 1609 wird ebenfalls Land am Heiligenhäuschen beschrieben, Goddert Tork zu Horne verkauft dem spanischen Hauptmann Hans Koppern mehrere Morgen im Süden und Südosten Werls, darunter auch zwei Werler Morgen Land „an Gertruds Häuschen gelegen[96]. Eine letztmalige Erwähnung ist in das Jahr 1690 zu setzen, Heinrich Hülsberg (Heinrich Hülßberg) tauschen mit der Witwe des Christian Papen unter anderem einen Morgen Erbland an „S. Gertrudis-Häuschen“ im Wert von 100 Reichtstalern, eine weitere Eingrenzung des Landes ist nicht zu entnehmen.[97]

Anhand der vorliegenden urkundlichen Überlieferungen ist eine Verortung des Heiligenhäuschens möglich, es befand sich im Bereich des Hammersteins sowie am Hellweg. Mithilfe dieser beiden Lokalisierungen kann das Heiligenhaus der St. Gertrud südöstlich der Stadt an den Hellweg, an welchen der Hammerstein stößt, verortet werden.

Abb. 20: Uraufnahme von 1841 mit Verortung des St. Gertruds Heiligenhäuschens (der rote Kreis wurde von der Verfasserin zur besseren Orientierung eingezeichnet), aus: Tim-online.nrw.de (zuletzt aufgerufen am: 10.08.2020).
Abb. 21: Lage des St. Gertruds Heiligenhäuschen auf topographischer Karte (der rote Kreis wurde von der Verfasserin zur besseren Orientierung eingezeichnet), aus: Tim-online.nrw.de (zuletzt aufgerufen am: 10.08.2020).

Als Patronin der Pilger und Reisenden ist es naheliegend, dieses Heiligenhäuschen am Hellweg erbauen zu lassen, den Pilgern und Reisenden wurde somit die Möglichkeit geboten, auf ihrem Weg zu ihrer Patronin beten zu können. Der Hellweg diente unter anderem als Zubringer zum Jakobsweg, entlang des Hellweges im Raum Werl finden sich mehrere Stationen, wie die Liebfrauenkapelle oder das Heiligenhäuschen des St. Antonius, dieses Heiligenhäuschen steht in Verbindung zu diesen Stationen und kann als eine weitere Station auf dem Hellweg angesehen werden.

Die Verortung in den Bereich des Hammersteins steht entgegen der Mawicks, welcher das Heiligenhäuschen an die Steiner Steingrube sowie an den Freigerichtsweg lokalisiert[98], anhand der urkundlichen Erwähnungen – Mawick benutzte ebenfalls die Verkaufsurkunde von 1469 (Hemensteyne)– muss das Heiligenhäuschen allerdings als weiter östlich liegend angesehen werden.

Insgesamt lässt sich konstatieren, dass das Heiligenhäuschen der St. Gertrud mindestens ab dem 15. Jahrhundert bis in das 17. Jahrhundert existierte, es befand sich südöstlich der Stadt am Hellweg auf Höhe des Hammersteins. Durch dieses Heiligenhäuschen wurde es ermöglicht, dass die Besucher des Hellweges zu der Patronin der Reisenden und Pilger beten konnten.

Das Heiligenhaus an der Windmühle

Das Heiligenhaus an der Windmühle beschreibt ein weiteres sakrales Gebäude, welches allerdings nicht mit der St. Antoniuskapelle, welche ebenfalls als Heiligenhäuschen bezeichnet wurde, zu verwechseln ist. Die Lage des Häuschens kann anhand von urkundlichen Notationen eingegrenzt werden, es befand sich südöstlich der Stadt Werl im Bereich des Steinbruches an der Windmühle.

Eine erste urkundliche Erwähnung ist in das Jahr 1325 zu setzen, Ackerland zwischen dem Heiligenhaus und dem Bach Ruhrbecke wird veräußert („quorum unum situm est inter domum peregrinorum, que vulgi dictur Helgenhus, et torrentem, que vulgariter Rurbeke appellatur“).[99] Der Bach Ruhrbecke ist mit dem heutigen Verlauf des Ruhrgrabens bis an die Stadtgrenze im Süden gleichzusetzen, von der Haar kommend verlief er früher am östlichen Gebiet der Stadt in der Nähe der Windmühle entlang in die Stadt hinein.

Abb. 22: Lage der Ruhrbecke sowie weiterer Flurbezeichnungen, die zur Verortung des Heiligenhäuschens genutzt werden können, aus: Tim-online.nrw.de (zuletzt aufgerufen am 10.08.2020) (die roten Linien, Kreise sowie schwarze Beschriftungen wurden von der Verfasserin zur besseren Orientierung eingezeichnet).
Abb. 23: Urkatasterkarte von 1829 mit Lage des Lütgen Slepwegs, aus: Katasterarchiv Kreis Soest, 1797-UR-7.

 

Eine weitere Erwähnung und eine damit verbundene Verortungsmöglichkeit ist aus dem Jahr 1477 gegeben, bei einem Tausch wird ein halber Morgen Land hinter dem Heiligenhaus am Slepwege zum Tausch eingelöst („hilligen huse an dem Slepwege“).[100] Der kleine Slepwege (lüttgen Slepweg) hat sich laut Schoppmann[101]  und Mawick[102] südlich der Stadt als Verbindungsweg zwischen dem Steiner Steinweg und dem beginnenden Melkweg befunden. Dieser Slepweg ist jedoch nicht similär mit dem in der Urkunde erwähnten Slepweg, der Steiner Steinweg ebenfalls nicht mit dem Steinweg, auf den später noch zurückgegriffen wird.

Der Slepweg kann anhand von verschiedenen urkundlichen Notationen verortet werden, 1562 findet sich eine Nachricht über einen Bierbaum/Birkenbaum, welcher sich am Slepweg befunden hat und an den Hellweg grenzt („an dem Berboemeken, und dadurch gehet die Schlepwegh, auch schut uff den helwegh,“).[103] Ein Bierbaum/Birkenbaum existierte als Stätte sowohl westlich von Büderich als auch südlich der Stadt Werl, östlich von Blumental in Höhe der Kreuzeichen. Der Slepweg findet in anderen Urkunden unabhängig von Nennungen des Heiligenhäuschens Erwähnung, in welchen er unter anderem an den Steinweg verortet wird (1420: „eynen sostmorgen landes (…) belegen is an dem stenwegge tegen demme slepwegge[104] oder 1448: „halben Morgen Landes, gelegen zwischen dem Steynwege und dem Slepwege“)[105]; Der Steinweg ist nicht similär mit dem Steiner Steinweg, der sich, ähnlich wie der Lütgen Slepweg im Süden der Stadt befand. In einer Urkunde anno 1403 wird der Steinweg zwischen dem Blumenthaler Weg und dem Papenrod beschrieben („Tussschen dem Blomendaler wege und dem stenwege beneven deme papenrode“)[106]. Der Blumentaler Weg existiert heute noch als dieser, er ist 1428, 1429 und 1497 in die Nähe des Papenrodes und des Zehntgrabens verortet („Op dem hogesten van dem Papenrodde am blomendaler pfad“, „In der Kolveslage an den Blumendaler Weg“ und „Eyne scheppel Landes an den Blomendaler wegge boven den Teyntgraven an Hermanns Lande“).[107] Die Lage des Papenrodes kann ebenfalls über urkundliche Überlieferungen erörtert werden, es wird zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert, respektive 1560 und 1701 oberhalb bzw. gegenüber der Windmühle von Werl verortet („Papenrodde tegen der winthmollenn[108] und „Papenrode oben der Windtmühlen“).[109] Eine Windmühle hat bis in das Mitte des 16. Jahrhunderts innerhalb der Stadtmauern gestanden, diese wurde 1554 aus Sicherheitsgründen südöstlich der Stadt an die heutige Neheimer Straße gelegt.[110] Das Papenrod kann somit südlich der Windmühle Richtung Haarstrang lokalisiert werden.

Abb. 24: Karte von 1612 mit Einzeichnung der ehemaligen (unterhalb II Richtung Stadt) und damaligen Windmühle (II) sowie des Papenrodes, aus: LAV NRW Abteilung Westfalen, Karten A, Nr. 7914 (die roten Kreise, die römischen Ziffern sowie „Papenrode“ wurden von der Verfasserin zur besseren Orientierung eingezeichnet).

Anhand der genannten Urkunden zum Slepweg, Steinweg und zur Ruhrbecke kann das Heiligenhäuschen auf ein Gebiet südöstlich der Stadt und des Hellweges eingegrenzt werden. Das Heiligenhäuschen befand sich sowohl in der Nähe der Ruhrbecke, welche südöstlich der Stadt verläuft, als auch am Slepweg, welcher sich unterhalb der Windmühle am Papenrod befand. Mithilfe der genannten Notationen zu den Wege- und Flurbezeichnungen kann das Heiligenhäuschen östlich der Windmühle zwischen Ruhrbecke und Slepweg verortet werden, es befand sich nicht, wie die übrigen Kapellen und Heiligenhäuser am Hellweg. Es existieren noch weitere Urkunden, die ein Heiligenhaus südlich der Stadt, ein Haus ohne Verortungsmöglichkeit sowie einen Heiligenhauspfad/-weg erwähnen, diese können allerdings nicht sicher einem bestimmten Heiligenhaus zugeordnet werden und werden deshalb in dieser Ausarbeitung nicht aufgeführt.

Abb. 25: Bereich der Lage des Heiligenhäuschens, der rot gefüllte Bereich beschreibt die Lage, aus: Tim-online.nrw.de (zuletzt aufgerufen am 10.08.2020) (die roten Linien, Flächen, Kreise sowie die schwarzen Beschriftungen wurden von der Verfasserin zur besseren Orientierung eingezeichnet).

Fazit

Die Kapellen und Heiligenhäuser südlich der Stadt Werl am Hellweg erzählen unterschiedliche Geschichten von einem religiösen Leben im Mittelalter und Gotteshäusern verschiedener Formen. Die St. Georgskapelle stellt eine Kapelle in Verbindung mit einem Siechenhaus außerhalb der Stadt dar, die St. Antoniuskapelle war zugleich eine Kapelle und Klause, in welcher Pilger und Reisende versorgt und unterstützt wurden. Die Liebfrauenkapelle war eine private Stiftung einer Erbsälzerfamilie, die beiden Heiligenhäuser St. Gertrud und eines an der Windmühle gelegen bezeichnen Orte einer Heiligenverehrung und Orte zur Erinnerung. Bei der St. Antoniuskapelle kann die Ersterwähnung aus dem Jahr 1311 korrigiert werden, diese urkundliche Nachricht ist nicht sicher der Kapelle zuzuordnen, eine gesicherte Ersterwähnung findet sich zu diesem Zeitpunkt erst etwa 150 Jahre später. Weiterhin ist die erste Erwähnung Liebfrauenkapelle um etwa 30 Jahre früher anzusetzen, sie ist bereits 1530 urkundlich belegt. Bisher getätigte Verortungen können anhand von urkundlichen Überlieferungen widerlegt und korrigiert werden, die Liebfrauenkapelle stand nicht, wie bislang angenommen, am Haupteingang des Friedhofes oder im östlichen Bereich des heutigen Hellweges, sondern an der Ecke Waltringer Weg/Neheimer Straße; die weiteren Kapellen und Heiligenhäuser können mithilfe von Hinweisen aus Urkunden genau verortet werden. Diese Ergebnisse stellen einen Zwischenstand der Forschung dar, Geschichte wird jeden Tag neu geschrieben und kann durch einen Fund einer archäologischen oder historischen Quelle widerlegt werden

Nec scire fas est omnia – Es ist unmöglich, alles zu wissen

                                                                                                                     Horaz

 

[1] Das Siechenhaus wird in Urkunden auch als Hospital vor Werl bezeichnet, es diente zur Pflege Kranker, wodurch einige Krankheiten nicht mehr in die Stadt getragen wurden.

[2] LAV NRW Abteilung Westfalen, Kloster Wedinghausen – Urkunden, Nr. 150.

[3] Dethlefs, Gerd: Reisende am Hellweg im Spiegel städtischer Rechnungen der Frühen Neuzeit, in: Herbers, Klaus; Kühne, Hartmut (Hrsg.): Pilgerzeichen – „Pilgerstraßen“, Tübingen 2013, S. 49 – 69, S. 53 (im Folgenden zitiert als: Dethlefs: Reisende): „Um 1330 wurde ein zweites Hospital zum Nutzen von Kranken und Pilgern gegründet – außerhalb der Stadt. Es war das spätere Siechenhaus, dessen Kapelle 1357 – 1360 in drei Urkunden als Filialkirche der Pfarrkirche St. Walburgis bezeugt ist“.

[4] StA Werl, Urkunden, Nr. 12a.

[5] StA Werl, Urkunden, Nr. 12b.

[6] StA Werl, Urkunden, Nr. 13.

[7] Preising, Rudolf: Inventar des Archivs der Stadt Werl 1. Urkunden, Münster 1971 (Inventare der nichtstaatlichen Archive Westfalens 3/1), S. 11, Nr. 13.

[8] StA Werl, Archiv v. Mellin, Dep. des Kreisarchivs des Märkischen Kreises, UvM 7.

[9] Unterhalb Werls existieren zwei Hellwege, ein älterer aus vermutlich karolingischer Zeit und ein neuerer, welcher bis 1433 als Haupthellweg genutzt wurde, ab 1433 verlief der Hellweg durch die Stadt.

[10] LAV NRW Abteilung Westfalen, Kloster Oelinghausen – Urkunden, Nr. 271.

[11] PrA Werl, Urkunden, Nr. 115.

[12] StA Werl, Urkunden, Nr. 174.

[13] PrA Werl, Urkunden, Nr. 263.

[14] StA Werl, Urkunden, Nr. 355.

[15] LAV NRW Abteilung Westfalen, Kloster Wedinghausen – Urkunden, Nr. 412 – a.

[16] LAV NRW Abteilung Westfalen, Mscr. VII, Nr. 5704b, fol. 232.

[17] StA Werl, B 45 64.

[18] Klosterarchiv Werl, Originalakten und Schreiben 1662 – 1835, D 79, S. 5 – 10.

[19] Schäfer, Joachim: Art. Antonius von Padua, in: Ökumenisches Heiligenlexikon, abrufbar unter: https://www.heiligenlexikon.de/BiographienA/Antonius_von_Padua.html (zuletzt aufgerufen am 10.08.2020).

[20] Schäfer, Joachim: Art. Antonius der Große, in: Ökumenisches Heiligenlexikon, abrufbar unter: https://www.heiligenlexikon.de/BiographienA/Antonius_der_Grosse.htm (zuletzt aufgerufen am 10.08.2020).

[21] Mehler, Franz Josef: Geschichte der Stadt Werl, Werl 1891, S. 72 (im Folgenden zitiert als: Mehler: Geschichte): „Früher, als die beiden Spitäler in und außerhalb der Stadt, war bei Werl die „an den Linden“ belegene und mit einer Kapelle versehene „Antoniusklause“ vorhanden, welche zur Aufnahme und Unterstützung armer Reisenden diente. Über die Schenkungen an dieses Haus liegen noch Nachrichten vor. Zum Jahre 1311 giebt Anton von dem Blumenthale dem erbauten Haus an den Linden zum Behufe der armen Reisenden 6 Morgen Acker auf’m Zentfeld (…) In demselben Jahre schenkt Hunold Berdink diesem Hause einen Teil eines Ackers auf’m „Papenrot“ belegen.“ Hierzu gibt Mehler einen Verweis auf die Urkunde des Klosters Marienfeld an (LAV NRW Abteilung Westfalen, Kloster Marienfeld – Urkunden, Nr. 416), diese wird von ihm nicht korrekt interpretiert.

[22] Preising, Rudolf: Abhandlungen zur Werler Kirchengeschichte 1, Münster 1959 (Schriften der Stadt Werl A/5), S. 19 (im Folgenden zitiert als: Preising: Kirchengeschichte): „Früher noch als die beiden bereits genannten Hospitäler wurde die ebenfalls außerhalb von Werl „An den Linden“ gelegene Antoniusklause gestiftet, die offenbar auch der Beherbung armer oder kranker Reisender dienen sollte, die man nicht in die Stadt einlassen wollte. Bereits im Jahre 1311 machen Anton von Blomendale und Hunold Berdink Schenkungen an dieses Haus.“ Hierzu gibt Preising einen Verweis auf Mehler: Geschichte, S. 72 an, dieser wiederum bezieht sich auf die Urkunde des Klosters Marienfeld.

[23] Halekotte, Wilhelm: Stadt und Kreuz. Beiträge zur Werler Stadt-, Kirchen- und Kunstgeschichte von den Anfängen bis 1661, Werl 1987, S. 100 (im Folgenden zitiert als: Halekotte: Stadt und Kreuz): „In diesem Bereich bereits 1311 die Antoniusklause mit Pilgerherberge erwähnt wird. Da an gleicher Stelle der Kreuzkamp liegt“) und S. 174: „Im Bereich der Gartenstraße/Am Kreuzkamp stand die 1311 erstmals erwähnte Antoniusklause“. Halekotte tätigt diese Aussage ohne Bezug auf eine Quelle oder eine Literatur.

[24] Bockhorst, Wolfgang: Werl im Spätmittelalter, in: Rohrer, Amalie; Zacher, Hans-Jürgen (Hrsg.): Werl. Geschichte einer westfälischen Stadt 1, Werl 1994, S. 95 – 135, S. 108: „Dieses Hospital [in der Stadt], das der Aufnahme Kranker diente, war eine bürgerliche Stiftung im Gegensatz zur Antoniusklause, die vor 1311 vor den Toren der Stadt entstand und anscheinend vornehmlich von den Burgmannen gefördert wurde.“ Bockhorst bezieht sich hierbei auf die Urkunde des Klosters Marienfeld und interpretiert diese: „Die Klause heißt hier iuxta tiliam und dient zur Aufnahme armer Wanderer und Pilger.“

[25] Dethlefs: Reisende, S. 52: „Schon im frühen 14. Jahrhundert hatte es mehrere Hospitalgründungen gegeben: 1311 außerhalb der Stadttore eine Antoniusklause (getragen von den Burgmannen)“. Dethlefs tätigt diese Aussage ohne Bezug auf eine Quelle oder eine Literatur.

[26] Peregrinorum bedeutet im Mittellatein sowohl Fremder als auch Pilger, siehe hierzu: Habel, Edwin/Gröbel, Friedrich (Hrsg.): Mittellateinisches Glossar, 2. Auflage, Paderborn 2008, Sp. 283.

[27] LAV NRW Abteilung Westfalen, Kloster Marienfeld – Urkunden, Nr. 416.

[28] Eine Klause beschreibt sowohl einen kleinen engen Raum, eine Klosterzelle, eine abgeschieden gelegene Behausung, Einsiedelei und entlehnt sich aus dem Lateinischen „clusa“ (eingehegtes Grundstück, Kloster), mittelhochdeutsch auch als „klus(e)“ bezeichnet, hierzu: Seebold, Elmar (Bearb.): Kluge. Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, 24. Auflage, Berlin/New York 2002, S. 493 und Art. Klause, in: Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache. Der deutsche Wortschatz von 1600 bis heute, abrufbar unter: https://www.dwds.de/wb/Klause (zuletzt aufgerufen am 09.08.2020).

[29] LAV NRW Abteilung Westfalen, Kloster Wedinghausen – Urkunden, Nr. 305.

[30] StA Werl, Urkunden, Nr. 116.

[31] Preising: Kirchengeschichte, S. 19.

[32] LAV NRW Abteilung Westfalen, Kloster Wedinghausen – Urkunden, Nr. 265.

[33] StA Werl, Urkunden, Nr. 51.

[34] Mehler: Geschichte, S. 72: „1439 befunden Bürgermeister und Rat der Stadt Werl, daß Witwe Margarethe Niebekers an die Antoniusklause einen halben Morgen Land schenkt, behufs Labung armer Pilger“.

[35] LAV NRW Abteilung Westfalen, Kloster Wedinghausen – Urkunden, Nr. 305.

[36] LAV NRW Abteilung Westfalen, Kloster Wedinghausen – Urkunden, Nr. 310.

[37] LAV NRW Abteilung Westfalen, Kloster Wedinghausen – Urkunden, Nr. 311.

[38] LAV NRW Abteilung Westfalen, Mscr. VII, Nr. 5737, fol. 108 – 109.

[39] StA Werl, Urkunden, Nr. 116.

[40] LAV NRW Abteilung Westfalen, Kloster Wedinghausen – Urkunden, Nr. 333.

[41] Archiv von Fürstenberg, AFH 22758.

[42]StA Werl, Na 2a.

[43] StA Werl, Urkunden, Nr. 271.

[44] StA Werl, Urkunden, Nr. 271.

[45] StA Werl, B 27a III 3.

[46] StA Werl, C III 2, fol. 13.

[47] LAV NRW Abteilung Westfalen, Kloster Wedinghausen – Urkunden, Nr. 368.

[48] StA Werl, Urkunden, Nr. 348.

[49] Auf die Liebfrauenkirche/-kapelle wird in einem folgenden Kapitel noch eingegangen.

[50] PrA Werl, Urkunden, Nr. 274.

[51] LAV NRW Abteilung Westfalen, Gesamtarchiv von Romberg – Urkunden, Nr. 1717.

[52] StA Werl, B 45 64.

[53] Halekotte: Stadt und Kreuz, S. 100 („In diesem Bereich bereits 1311 die Antoniusklause mit Pilgerherberge erwähnt wird. Da an gleicher Stelle der Kreuzkamp liegt“) und S. 174 („Im Bereich der Gartenstraße/Am Kreuzkamp stand die 1311 erstmals erwähnte Antoniusklause“). Zu erwähnen ist hierbei, dass die Gartenstraße nicht existiert, in Nähe der Straße „Am Kreuzkamp“ befindet sich der Gartenweg. Weiterhin ist die Ersterwähnung aus dem Jahr 1311 hinfällig, eine erste Erwähnung ist in das Jahr 1466 zu setzen.

[54] Dethlefs: Reisende, S. 52.

[55] StA Werl, Urkunden, Nr. 238.

[56] Klosterarchiv Werl, Originalakten und Schreiben 1662 – 1835, D 79, S. 5 – 10.

[57] Vereinigte Westfälische Adelsarchive e.V., Archiv Amecke, Haus Amecke und Brüninghausen, Urkunden, Amc. Amc. Uk. – 227.

[58] Historisches Archiv der Stadt Köln, Bestand 150 Universität, U2/119.

[59] Historisches Archiv der Stadt Köln, Bestand 150 Universität, U2/120.

[60] PrA Werl, Urkunden, Nr. 274.

[61] Halekotte, Wilhelm: Werler Vorort mit Pfarrkirche, bedeutendem Wirtschaftszweig und Platz des Königshofes entdeckt (?), in: Werl gestern, heute, morgen. Ein Jahrbuch der Stadt Werl und des Neuen Heimat- und Geschichtsvereins e.V. 22 (2005), S. 81 – 99, S. 83.

[62] StA Werl, Archiv v. Mellin, Dep. des Kreisarchivs des Märkischen Kreises, AvM 24, fol. 1.

[63] Für die Patronin auch eine Urkunde aus dem PrA Werl, Urkunden, Nr. 288.

[64] StA Werl, Archiv v. Mellin, Dep. des Kreisarchivs des Märkischen Kreises, AvM 24, fol. 4r.

[65] StA Werl, Archiv v. Mellin, Dep. des Kreisarchivs des Märkischen Kreises, AvM 24, fol. 32v.

[66] PrA Werl, Urkunden, Nr. 289.

[67] PrA Werl, Urkunden, Nr. 290.

[68] StA Werl, EA, v. Papen-Westrich, St 87.

[69] PrA Werl, Urkunden, Nr. 288.

[70] PrA Werl, Urkunden, Nr. 287.

[71] StA Werl, EA, v. Papen-Westrich, St 91.

[72] LAV NRW Abteilung Westfalen, Kloster Wedinghausen – Urkunden, Nr. 458.

[73] StA Werl, EA, v. Papen-Westrich, St 102.

[74] StA Werl, B 45 64.

[75] LAV NRW Abteilung Westfalen, Kloster Wedinghausen – Akten, Nr. 55.

[76] Amts-Blatt der Königlichen Regierung zu Arnsberg, Stück 48, Arnsberg 1821, Nr. 811, S. 498.

[77] StA Werl, E 25-3, S. 63 und 79f.

[78] PrA Werl, Akten, Nr. 22. Mein Dank gilt Herrn Jolk, der diese Akte anforderte.

[79] StA Werl, Ratsprotokolle, C I 38 Bl. 307.

[80] StA Werl, Ratsprotokolle, C I 38 Bl. 310.

[81] StA Werl, Inventar des Archivs der Stadt Werl, B 20a, Bd. 82 a, Bl. 234.

[82] StA Werl, E 25-3, S. 63.

[83] Archiv von Fürstenberg-Herdringen, AFH 03409 1813 III F. 15 No. 40 (Vogtei Werl).

[84] StA Werl, F 18-30.

[85] Beobachter an der Haar vom 24.04.1969.

[86] Halekotte: Stadt und Kreuz, S. 174.

[87] Halekotte: Stadt und Kreuz, S. 100.

[88] Schoppmann, Hugo: Die Flurnamen des Kreises Soest Band 1,2, Soest 1940 (Veröffentlichungen der Volkskundlichen Kommission des Provinzialinstituts für Westfalen, Reihe 4: Flurnamen), S. 187, Nr. 88.

[89] Soester Anzeiger vom 27.07.2010.

[90] PrA Werl, Urkunden, Nr. 174 und Nr. 290.

[91] Siehe hierzu das Kapitel zu St. Gertruds Heiligenhäuschen.

[92] Klosterarchiv Werl, Originalakten und Schreiben 1662 – 1835, D 79, S. 5 – 10.

[93] Schäfer, Joachim: Art. Gertrud von Nivelles, in: Ökumenisches Heiligenleikon, abrufbar unter: https://www.heiligenlexikon.de/BiographienG/Gertrud_von_Nivelles.htm (zuletzt aufgerufen am 10.08.2020).

[94] StA Werl, Urkunden, Nr. 94.

[95] StA Werl, EA, Sa 097.

[96] StA Werl, Archiv v. Mellin, Dep. des Kreisarchivs des Märkischen Kreises, UvM 135.

[97] StA Werk, Dep. v. Papen-Lohe, Urk. I 269.

[98] Mawick, Markus: Die Flurnamen von Werl, Werl 1997, S. 13 und S. 29 (im Folgenden zitiert als: Mawick: Flurnamen).

[99] LAV NRW Abteilung Westfalen, Kloster Wedinghausen – Urkunden, Nr. 129.

[100] LAV NRW Abteilung Westfalen, Kloster Oelinghausen – Urkunden, Nr. 654.

[101] Schoppmann, Hugo: Flurnamen, S. –.

[102] Mawick: Flurnamen, S. 44: Am lütgen Schleitweg. Ersterwähnung 08.04.1420:1 Soestmorgen an dem Stenwegge tegen dem Slepwege (PrA 84).

[103] StA Werl, Urkunden, Nr. 369.

[104] PrA Werl, Urkunden, Nr. 84.

[105] LAV NRW Abteilung Westfalen, Kloster Oelinghausen – Urkunden, Nr. 585.

[106] PrA Werl, Urkunden, Nr. 47.

[107] Für 1428: PrA Werl, Urkunden, Nr. 89, für 1429: PrA Werl, Urkunden, Nr. 94 und für 1497: LAV NRW Abteilung Westfalen, Mscr. VII Nr. 6116 fol. 166.

[108] StA Werl, EA, Sw 1.

[109] StA Werl, EA, Su 129.

[110] StA Werl, Urkunden, Nr. 353.

 

Quellen- und Literaturverzeichnis

Quellenverzeichnis

Amts-Blatt der Königlichen Regierung zu Arnsberg, Stück 48, Arnsberg 1821

Archiv von Fürstenberg-Herdringen, AFH 03409.

Archiv von Fürstenberg-Herdringen, AFH 22758.

Beobachter an der Haar vom 24.04.1969.

Historisches Archiv der Stadt Köln, Bestand 150 Universität, U2/119.

Historisches Archiv der Stadt Köln, Bestand 150 Universität, U2/120.

Klosterarchiv Werl, Originalakten und Schreiben 1662 – 1835, D 79.

LAV NRW Abteilung Westfalen, Gesamtarchiv von Romberg – Urkunden, Nr. 1717.

LAV NRW Abteilung Westfalen, Kloster Marienfeld – Urkunden, Nr. 416

LAV NRW Abteilung Westfalen, Kloster Oelinghausen – Urkunden, Nr. 271.

LAV NRW Abteilung Westfalen, Kloster Oelinghausen – Urkunden, Nr. 585.

LAV NRW Abteilung Westfalen, Kloster Oelinghausen – Urkunden, Nr. 654.

LAV NRW Abteilung Westfalen, Kloster Wedinghausen – Akten, Nr. 55.

LAV NRW Abteilung Westfalen, Kloster Wedinghausen – Urkunden, Nr. 129.

LAV NRW Abteilung Westfalen, Kloster Wedinghausen – Urkunden, Nr. 150.

LAV NRW Abteilung Westfalen, Kloster Wedinghausen – Urkunden, Nr. 265.

LAV NRW Abteilung Westfalen, Kloster Wedinghausen – Urkunden, Nr. 305.

LAV NRW Abteilung Westfalen, Kloster Wedinghausen – Urkunden, Nr. 310.

LAV NRW Abteilung Westfalen, Kloster Wedinghausen – Urkunden, Nr. 311.

LAV NRW Abteilung Westfalen, Kloster Wedinghausen – Urkunden, Nr. 333.

LAV NRW Abteilung Westfalen, Kloster Wedinghausen – Urkunden, Nr. 412 – a.

LAV NRW Abteilung Westfalen, Kloster Wedinghausen – Urkunden, Nr. 458.

LAV NRW Abteilung Westfalen, Mscr. VII, Nr. 5704b, fol. 232.

LAV NRW Abteilung Westfalen, Mscr. VII, Nr. 5737, fol. 108 – 109.

LAV NRW Abteilung Westfalen, Mscr. VII Nr. 6116

PrA Werl, Akten, Nr. 22.

PrA Werl, Urkunden, Nr. 47.

PrA Werl, Urkunden, Nr. 84.

PrA Werl, Urkunden, Nr. 89.

PrA Werl, Urkunden, Nr. 94

PrA Werl, Urkunden, Nr. 115.

PrA Werl, Urkunden, Nr. 131.

PrA Werl, Urkunden, Nr. 174.

PrA Werl, Urkunden, Nr. 263.

PrA Werl, Urkunden, Nr. 267.

PrA Werl, Urkunden, Nr. 274.

PrA Werl, Urkunden, Nr. 287.

PrA Werl, Urkunden, Nr. 288.

PrA Werl, Urkunden, Nr. 289.

PrA Werl, Urkunden, Nr. 290.

Soester Anzeiger vom 27.07.2010.

StA Werl, Archiv v. Mellin, Dep. des Kreisarchivs des Märkischen Kreises, AvM 24.

StA Werl, Archiv v. Mellin, Dep. des Kreisarchivs des Märkischen Kreises UvM 7.

StA Werl, Archiv v. Mellin, Dep. des Kreisarchivs des Märkischen Kreises UvM 135.

StA Werk, Dep. v. Papen-Lohe, Urk. I 269.

StA Werl, EA, Sa 097.

StA Werl, EA, Sw 1.

StA Werl, EA, Su 129.

StA Werl, EA, v. Papen-Westrich, St 87.

StA Werl, EA, v. Papen-Westrich, St 91.

StA Werl, EA, v. Papen-Westrich, St 102.

StA Werl, B 27a III 3.

StA Werl, B 20a, Bd. 82 a.

StA Werl, B 45 64.

StA Werl, C III 2.

StA Werl, E 25-3.

StA Werl, F 18-30.

StA Werl, Na 2a.

StA Werl, Ratsprotokolle, C I.

StA Werl, Urkunden, Nr. 12a.

StA Werl, Urkunden, Nr. 12b.

StA Werl, Urkunden, Nr. 13.

StA Werl, Urkunden, Nr. 51.

StA Werl, Urkunden, Nr. 94.

StA Werl, Urkunden, Nr. 115.

StA Werl, Urkunden, Nr. 116.

StA Werl, Urkunden, Nr. 174.

StA Werl, Urkunden, Nr. 238.

StA Werl, Urkunden, Nr. 271.

StA Werl, Urkunden, Nr. 348.

StA Werl, Urkunden, Nr. 353.

StA Werl, Urkunden, Nr. 355.

StA Werl, Urkunden, Nr. 369.

Vereinigte Westfälische Adelsarchive e.V., Archiv Amecke, Haus Amecke und Brüninghausen, Urkunden, Amc. Amc. Uk. – 227.

Literaturverzeichnis

Bockhorst, Wolfgang: Werl im Spätmittelalter, in: Rohrer, Amalie; Zacher, Hans-Jürgen (Hrsg.): Werl. Geschichte einer westfälischen Stadt 1, Werl 1994, S. 95 – 135.

Dethlefs, Gerd: Reisende am Hellweg im Spiegel städtischer Rechnungen der Frühen Neuzeit, in: Herbers, Klaus; Kühne, Hartmut (Hrsg.): Pilgerzeichen – „Pilgerstraßen“, Tübingen 2013, S. 49 – 69.

Habel, Edwin/Gröbel, Friedrich (Hrsg.): Mittellateinisches Glossar, 2. Auflage, Paderborn 2008.

Halekotte, Wilhelm: Stadt und Kreuz. Beiträge zur Werler Stadt-, Kirchen- und Kunstgeschichte von den Anfängen bis 1661, Werl 1987.

Halekotte, Wilhelm: Werler Vorort mit Pfarrkirche, bedeutendem Wirtschaftszweig und Platz des Königshofes entdeckt (?), in: Werl gestern, heute, morgen. Ein Jahrbuch der Stadt Werl und des Neuen Heimat- und Geschichtsvereins e.V. 22 (2005), S. 81 – 99.

Mawick, Markus: Die Flurnamen von Werl, Werl 1997.

Mehler, Franz Josef: Geschichte der Stadt Werl, Werl 1891.

Preising, Rudolf: Abhandlungen zur Werler Kirchengeschichte 1, Münster 1959 (Schriften der Stadt Werl A/5).

Preising, Rudolf: Inventar des Archivs der Stadt Werl 1. Urkunden, Münster 1971 (Inventare der nichtstaatlichen Archive Westfalens 3/1).

Schäfer, Joachim: Art. Antonius der Große, in: Ökumenisches Heiligenlexikon, abrufbar unter: https://www.heiligenlexikon.de/BiographienA/Antonius_der_Grosse.htm (zuletzt aufgerufen am 10.08.2020).

Schäfer, Joachim: Art. Antonius von Padua, in: Ökumenisches Heiligenlexikon, abrufbar unter: https://www.heiligenlexikon.de/BiographienA/Antonius_von_Padua.html (zuletzt aufgerufen am 10.08.2020).

Schäfer, Joachim: Art. Gertrud von Nivelles, in: Ökumenisches Heiligenleikon, abrufbar unter: https://www.heiligenlexikon.de/BiographienG/Gertrud_von_Nivelles.htm (zuletzt aufgerufen am 10.08.2020).

Schoppmann, Hugo: Die Flurnamen des Kreises Soest Band 1,2, Soest 1940 (Veröffentlichungen der Volkskundlichen Kommission des Provinzialinstituts für Westfalen, Reihe 4: Flurnamen).

Seebold, Elmar (Bearb.): Kluge. Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, 24. Auflage, Berlin/New York 2002.

Art. Klause, in: Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache. Der deutsche Wortschatz von 1600 bis heute, abrufbar unter: https://www.dwds.de/wb/Klause (zuletzt aufgerufen am 09.08.2020).

Quartett oder Quintett? Plädoyer für ein fünftes Werler Tor!

Quartett oder Quintett? Plädoyer für ein fünftes Werler Tor!

 

Inhaltsverzeichnis: 

Proömium

Das Quartett ist nicht apodiktisch!

Wenigstens die Mittelstpforten!

Wie geht es weiter?

Mit weiteren Argumenten zum Tor 

Quod erat demonstrandum … mit einem Augenzeugenbericht

Heureka als Zwischenstand

Quellen- und Literaturverzeichnis

Abbildungsnachweis

 

„Jeder Beweis ist die Zurückführung des Zweifelhaften auf ein Anerkanntes.“

Arthur Schopenhauer (1788 – 1860)

 

Proömium

Im Rahmen regionalgeschichtlicher Bezüge zu Schlaglichtern der Deutschen Geschichte beschäftigte ich mich mit militärhistorischen Quellen hinsichtlich des Siebenjährigen Krieges. Seinerzeit forschte ich zum Seigneur Charles de Rohan, dem französischen Oberbefehlshaber und zu den psychosomatischen Belastungen von Kombattanten in frühneuzeitlichen Schlachten. Hier fand natürlich auch – für den Maître de l´ histoire eine Obligation – der Aufmarschplan der Schlacht von Vellinghausen 1761[1] Berücksichtigung.  Eher von beiläufiger Natur konnte ich eine nach Werl zulaufende Straße aus dem nördlich gelegenen Hamm erkennen auf diesem PLAN de la BATAILLE. Pro nihilo war dieses Kartenstudium nicht, denn nicht die Hammer Straße war von aufklärerischem Potenzial, sondern die zielgerichtete Hinführung zur Werler Stadtmauer.

Abbildung 1: PLAN de la BATAILLE von 1761.

Wenn die Werler Stadtplaner nicht im Lichtjahrmodus aberrierten, lief die Hammer Straße nicht als Schildbürgerstreich direkt bis an die Stadtmauer, nach vorne auf einen wie auch immer gearteten Durchgang, der die Stadttortitulierung für sich vereinnahmen konnte. Welches Werler Tor stand aber nun indirekt Pate auf dem PLAN de la BATAILLE über die Hammer Zuführungsstraße?  Die nachfolgenden Ausführungen zu den vier bekannten Werler Stadttoren lassen Zweifel aufkommen bezüglich der vorgenannten Fragestellung.

Das Quartett ist nicht apodiktisch!

Abbildung 2: Grundriss der Stadt Werl von F. von Klocke, 1965.

Die Werler Stadtgeschichte prononciert vier Tore: Dem Steinertor im Südosten, dem Melstertor im Nordosten, dem Büderichertor im Nordwesten und dem Neuertor  im Südwesten[2]. In dem beigefügten Stadtgrundriss auf Grundlage einer Urkatasterkarte vom Jahre 1829 sind die vier genannten Tore rot eingerändert (Die für den Leser ersichtlichen Rot- und Schwarzmarkierungen in allen Karten wurden von der Autorin nachträglich hinsichtlich einer schnelleren Kartenorientierung hinzugefügt). Das ist der aktuelle Stand in der Stadttorhistorie. Alleine dieser Anblick forderte zu erneuten Überlegungen auf:

  • Zwischen dem Büderichertor und dem Melstertor liegt auf der Stirnseite die nach Norden verlaufende Hammer Straße. Das entspricht dem PLAN de la BATAILLE (Abb. 1). Und ein namentlich nicht benannter
    Abbildung 3: TIM-online, Uraufnahme 1836 – 1850, Ausschnitt Werl.

    Durchgang ist eingezeichnet. Das ist verwirrend! Und warum soll auf dieser alten Fernhandelsstraße kein Durchgang/Tor gewesen sein?

  • Vielleicht sollte ein Blick in das zuständige Katasteramt in Soest nötig sein. DieAufklärung geht oft einher mit dem Blick in amtlich vorliegende Flurkarten zwecks Begrifflichkeiten und Verortungen.
Abbildung 4: TIM-online, Uraufnahme 1836 – 1850, Ausschnitt Werl.

Darf man den Urkatasterkarten Glauben schenken, (und die Kartographen der frühen Neuzeit gehörten nicht zu den Imaginationskoryphäen), gab es in der westfälischen Stadt Werl ein weiteres

Stadttor (roter Kreis) mit dem Terminus Münster Th(or). Stadttore gehörten zur Stadt wie einst die Pfahlbürger ihre Vorteile innerhalb der Stadtmauer suchten, sie gehörten zum Establishment im Werkzeugkasten des Kartographen. Das Kartenstudium bei tim-online.nrw.de, Historische Karten, Uraufnahmen 1836 – 1850, führte zu Belegen. Und es stellte sich heraus, dass es nicht eines der etablierten Tore, sondern ein neues Tor, das dem Namen nach Münster Thor genannt wird. Die vergrößerte Lagekarte zeigt noch einmal die etwas parallel verlaufenden, topografischen Orientierungen Salzbach und Hammer Straße (rote Markierungspunkte). Die Übertragung, bei tim-online.nrw.de auf die aktuelle Topografie, erleichtert die Standortbestimmung des „Münster Thors“.

Abbildung 5: TIM-online, Topographische Karten, Ausschnitt Werl.

War es der Beweis für ein fünftes Tor?  Zumindest wollte ich mich nicht damit zufriedengeben; weitere Beweise sollten die Annahme von dem  Stadttorquartett in ihrer alleinigen Existenz torpedieren. Der vielzitierte Kommissar Zufall musste aber nicht beansprucht werden, denn ich konnte auf eine Quellensammlung der exquisiten Art zurückgreifen. Frequente Urkatasterkarten aus der Frühen Neuzeit hatte ich kordialerweise durch die Sachbearbeiter des Soester Katasteramtes digital zur Verfügung gestellt bekommen, die sich in ihrem Quellenwert als hilf- und erkenntnisreich herausstellten. Die Urkatasterkarte vom Kreis Soest mit der Notation 1797-UR-54 explizierte die Zugangsbeschaffenheit vom Norden her in die Stadt.

Abbildung 6: Urkataster 1797-UR-54, Ausschnitt.
  • Infokasten Katasterkarten

Katasterkarten sind für den Historiker Spiegelbilder des Terrains vergangener Zeiten. Vornehmlich Flurbezeichnungen, Parzellenbesitzverhältnisse oder die Verortung alter Gebäude können über die Katasterkarten zeitpunktbezogen rückverfolgt werden. Schon die Alten Ägypter nutzten regelmäßige Vermessungen, da durch die jährliche Nilschwemme die Grundstücksgrenzen verwischten. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts begann man im Herzogtum Westfalen mit der allgemeinen Landvermessung. 1822 übernahm für das westfälische Einzugsgebiet der Oberpräsident Freiherr Vincke die Leitung der Katasteraufnahme und verlegte die Katasterdirektion nach Münster. In den Regierungsbezirken Münster und Minden war zu diesem Zeitpunkt noch kein Dreiecksnetz erster und zweiter Ordnung vorhanden, an das die Gemeindetriangulation hätte angeschlossen werden können. Dieses sollte nach der „Instruktion vom 15.1.1821 für die topographischen Arbeiten des Königl. Preuss. Generalstabes“ ausgeführt werden und wurde erst 1837 für ganz Westfalen fertig gestellt. Im Jahr 1823 geriet das Katasterunternehmen in eine finanzielle Schieflage, die durch eine Erhöhung des Grundsteuerzuschlags behoben werden musste. Die Katasteraufnahme sah sich besonders den Angriffen der großen Landbesitzer ausgesetzt, die statt der Parzellarvermessung eine so genannte Massenvermessung (ohne Vermessung der einzelnen Parzellen) bevorzugt hätten, da auf diese Weise eine bis dahin vorliegende steuerliche Bevorzugung weniger sichtbar geworden wäre. Hierfür setzte sich ab 1826 auch der westfälische Landtagsmarschall Freiherr vom Stein ein, der dabei nicht vor persönlichen Angriffen auf Vincke und Rolshausen zurückschreckte. Eine zur Kontrolle der Abschätzungen 1824 gebildete Prüfungskommission, die zunächst die Ergebnisse im Rheinland untersuchte, bestätigte jedoch die Zuverlässigkeit der geprüften Arbeiten. 1826 wurde die Protokollierung der Güterwechsel den „Fortschreibungsbeamten“ übertragen, die zweimal im Jahr in jeder Gemeinde die Veränderungen aufnehmen sollten. Bis dahin war nach der Katasterinstruktion vom 11.2.1822 die Aufnahme der Veränderungen durch die Bürgermeister erfolgt, welche die Auszüge aus der Mutterrolle an den Fortschreibungsbeamten weiterleiteten. Auf einer Konferenz in Godesberg konnten die Grundsteuer-Reinerträge schließlich 1828 für alle beteiligten Regierungsbezirke ausgeglichen werden. Als erster Regierungsbezirk war Aachen 1831 vollständig vermessen und eingeschätzt, 1834 waren die Arbeiten im ganzen Rheinland und in Westfalen abgeschlossen. Die Generaldirektion des Katasters wurde zum 1.1.1835 umstrukturiert zur Generalinspektion des Katasters, der die Fortschreibung oblag. Dazu wurden bei den Regierungen Katasterbüros eingerichtet, die die Arbeit der Katasterkommissionen fortführten. Bis 1839 wurden jedoch noch Nachmessungen durchgeführt. Das Grundsteuergesetz dieses Jahres markiert das Ende der Urkatasteraufnahme im Rheinland und in Westfalen.[3]

Abbildung 7: Karte von 1833 aus dem Erbsälzerarchiv.

Es mussten weitere Ansätze gefunden werden. Meine Kontaktaufnahme zu Herrn Dipl. – Ing. Michael Jolk vom Werler Stadtarchiv erwies sich als zielführend. Obwohl er nur von den vier Werler Stadttoren wusste, war auch bei ihm der Forscherdrang geweckt hinsichtlich dieses ominösen fünften Tores, mit dieser kompetenten Fachkraft an meiner Seite konnten wir nun dieses Enigma gemeinsam angehen. Im Archiv fand Herr Jolk dann unter der Signatur  Sc XXIV 34, Erbsälzerarchiv, eine Flurkarte von 1833, auf der die noch heutigentags existierende Straße B63 nach Hamm zu erkennen war, die auch hier auf einen markanten Anbau (Kreis) mit Durchgangscharakter zulief. Dieser Anbau mag dieses schon eingangs erwähnte Münster Thor gewesen sein. Es obwaltete also im Norden von Werl ein Zugang zur Fernstraße nach Münster. Ein Tor- Name war nicht eingezeichnet, allerdings beim Büderichertor im Westen auch nicht. Der Geometer sah bei der Erstellung der Karte offenbar nicht die Notwendigkeit einer expliziten Erwähnung, also gab es in der Funktion eine Gleichrangigkeit zwischen Büderichertor und diesem nach Norden verlaufenden Durchgang. Als Erweis reichte diese Flurkarte natürlich nicht aus, aber es waren die Belege für einen wie auch immer gearteten Durchlass. Der Multiperspektivität eines Historikers geschuldet und dieser auch verpflichtet, der Werler Stadtarchivar Herr Michael Jolk übergab mir die Akten mit den Signaturen StA Werl E 66a, Nr. 1 und StA Werl E 14/18, S. 21, die die Verpachtung und den Verkauf von nur vier Torwärterhäuschen thematisierten:

(fol.2) Stadtschultheiß Fickermann schreibt am 2.5.1817 an das Justizamt zu Werl, daß „die Verpachtung für das Stadtaerar sehr vorteilhaft ausgefallen“. Die vier Torhäuser meinend. Er bitte weiterhin darum, die Verpachtung am 1.6. 1817 wirksam werden zu lassen.

(fol.5)

Die Verpachtung der Torwärterhäuser:

1.) Die Verpachtung geschieht auf ein Jahr und fängt mit dem 1ten Junii d.J. an und endigt sich mit dem 31ten May 1818.

2.) geschieht die Zahlung vierteljährig an den städt. Rentmeister im 24 gl. Fuß.

3.) muß der Anpachter die kleinen Reparaturen selbst übernehmen.

4.) sollte der Anpachter in der vierteljährigen Zahlung der Miethe saumselig sein, so daß das eine Quartal das andere rühre, so ist der Stadtvorstand befugt diesen ganz aus der Pachtung zu setzen.

5.) ist der Anpächter verbunden gegen eine mit dem Anpachter das Pflaster und Wegegeld einzuleitende Vergütung die Annahme der Pflasterzetteln zu übernehmen, und ist bei Verlust des Pachtrechts schuldig alle desfalsige unterschleife zu vergüten und wird bei derlei Anzeige von Seiten des Stadtvorstandes bestens unterstützt.

  1. a) das Thorhaus am Steiner Thor ist der wittib Beermann zugeschlagen für jährliche 25 r.
  2. b) das Thorhaus am Melchster Thor Everhard Balke 26 r. 10
  3. c) jenes am Büdericher Thor Mstr. Alfes 24 r.
  4. d) jenes am Neuer Thor dem Hermann Korbmacher 28 r. 15.

Jährliche Summe 103 r. 25.

(fol. 8)

Von den vier Häuser ist das Büdericher zum Abbruch zu verkaufen. 1818.

(fol. 16v) 1819 das Steiner „Torhäusgen“ soll verkauft werden, u.a. deswegen, weil durch den Chausseebau die Wegegelder entgehen.

(fol. 22)

Am 2. Mai 1819 taxierten der Zimmermann Henrich Schneider und der Maurermeister Joseph Freiböse, das Steinertorwärterhaus wie folgt:

An Holz zu 80 R.B.C.

An Maurerarbeiten mit dem Stück Gartenmauer 20 R.B.C.

Für Pfannen 12 R.B.C.

Für 1348 1/2 qFuß Grund, mit dem Grund das Stück Mauer gegen den Garten a Fuß 2 ggr. 120 R 17

Summa 232 r. 17 ggr.[4]

16.7. 1818 verkauf des Torhauses am Büdericher Tor = 313 R.B.C.

13.5. 1819 verkauf des Torhauses am Steinertor 432 R.

20.4.1820 verkauf des Torhauses am Neuen Tor 160 R.

20.4.1820 verkauf des Torhauses am Melster Tor 310 R.[5] 

Dieser Elenchus war deprimierend, denn der nördliche Durchgang stand offenbar in nebulösem Konnex zu den vier amtlichen Stadttoren. Dieses Derangement sollte jedoch noch in konstruktive Bahnen gelenkt werden. Die vorgenannten Akten führten bei mir nicht zur Kapitulation, sondern weckten meinen Forscherdrang.

Wenigstens die Mittelstpforten!

Die Literaturrecherche war nicht beendet. In einem Elaborat des Historikers Friedrich von Klocke konnte ich Informationen herauslesen zu einem heiligen Creutzes Torne:

1591 Mai 1. Der „ernhafte Peter Pape“ zu Scheidingen und seine Frau Margarete verkaufen „ihr Saltzhaus mit dere dran gelogener Woirt hieselbst am Saltzplasse“ an den „ehrenhaften Michaelen Scholer“ und dessen Frau Margarete. Das Salzhaus „schutt (nach) Suden uff den Saltzplatz, Norden uff unser Statttmauren nechst unsers heiligen Creutzes Torne, Oosten ist nechst Burgermeisters Johan Mellien Gademen. Westen nechst seligen Joan Papen Saltzwort gelegen“. Es ist dem Verkäufer „durch seinen Vatteren Christoff Papen zu Schedingen gerichtlichen cedirt“. Die Verkäufer geben Sicherheit mit ihrem Haus und Hof zu Werl „an den Windtmollenberge gelegen nechst dem Saltplasse“ und mit ihrem Besitz in der Werler Feldmark.

Abschrift aus der 1. Hälfte des 17. Jahrhunderts: A. v. Papen – Westrich; die Ausfertigung war Transfix zu der Dunkerschen Verkaufsurk. von 1496 (s. oben S. 145). – Unterschriften: „Peter Pape“, sowie: „Margaretha Westphalen“.[6]

Gehörte diese Notion nicht zu den Synonymen für den Turm. Oder war es nicht in baulicher Similarität verwendet für das Tor, das ja in Stadtmaueranlagen durchaus turmähnlich emporragte? Zumindest musste eine Kontaktaufnahme zu einem sprachgeschichtlich versierten Historiker erfolgen zwecks Abklärung meiner Vermutung. Professor Dr. Paul Leidinger, der schon ein Opus zu den Grafen von Werl fertigte, gab mir folgende Antwort auf meine Anfrage:

Nach dem mittelniederdeutschen Handwörterbuch von Lübben-.Walther, Leipzig 1888, S. 411: torn (toren, torne), tarn  m. Turm, kann die Bezeichnung auch gelegentlich „Gefängnis“ bedeuten, da Stadttore in diesem Sinn manchmal auch  gebraucht wurden.

Gleichlautend ist das torn (torne), tarn = Zorn, Unwille.

Vgl. auch S. 420: turn = Turm (turner = Türmer.).

Man müsste also nach dem jeweiligen Belang prüfen, ob auch eine Deutung “Stadttor” (das ja zumeist ein Turm war) infrage kommt.[7]

Just in dieser Phase stellte mir dann Herr Jolk eine Akte zur Verfügung, die nicht nur die vier bekannten Tore nannte, sondern auch von einer Mittelste Pforten sprach.

Undatiertes „Memorial. Waß von den Heren Burgermeisters wegen Verordnung der Wachten undt sonsten darzu gehörigen nothwendigkeiten gesucht wirdt

  1. An die Steinpforth, Contrescharpe, Büekerpforth, Böthelßthurn, Broche (?), Mälserpforth: jedeß orthß ein Roth (=Rotte) Burger.
  2. Die verschlossene thurn zu offnen oder die Schlüssel darzu zu reichen.
  3. Daß die Burgerwacht so palt die Glock acht schläget auf den posten seye.
  4. Winden oder Haspel an die Schußpforten machen zu lassen daß man alle morgenß undt abendtß selbige auf undt nieder lassen kan.
  5. Wan Alarm wirdt, daß jeder Burger oder doch die mehreste leuchten vor ihre Häuser hangen.
  6. Acht oder Zehn kasten zur amonnition so im fall der noth zu gebrauchen auf die posten verordnet wirdt machen zu lassen.
  7. Wacht holtz undt Licht auf die Posten zu geben.
  8. An Jede offene Pforth deß Tageß ein Burger.
  9. Daß mitt jeder Kundt (=Kundschaftsgang) ein Burger gehe.
  10. Daß die Mittelste Pfortemitt brettern beleget werden, damit Defension davon geschehen könne.
  11. (so!) Daß einen Jewideren Bürgeren unnd Cohorten an gesacht werde bey einer pein, so baldt dei Trommell umbt acht Uhren gerohret unnd Tappen zu geschlagen wirdt keiner mer, er sey auch wer er will sappen lassen, der(?) Consens vor geldt als sonsten. Rückaufschrift: 1 Rott an der Steinenpforten sollen schilderen an der Kisau und an der Contrescharp. 1 Rot an Budelsthurn und der Biesche. An der Budikerporten sollen eine Schiltwacht halten auf der Pforten, die ander an Rovendischs Hauß.[8]

 

Die Mittelste Pforte war jedoch kein Synonym für den heiligen Creutzes Torne, denn der honorable Historiker Mehler schrieb schon vor mehr als einhundert Jahren unmissverständlich, wie Folgendes wiedergibt:

Nach Abzug der Kranken und Abkommandierten verblieben nur 220 Mann unter dem Kommando des Oberstleutnants von Graugreve, eine Companie des Hauptmanns Droste von Schüngel, die den unteren Kreuzturm und die Mittelpforten zu schützen hatte, und außerdem etwa 20 Dragona von der Leib-Eskadron des Obersten Siegfried von Bibo, weldcher kurz zuvor zum Kommandanten der Stadt und des Schlosses ernannt worden war und den Oberbefehl über das Ganze führte.[9]

Näheres zur Mittelste Pforte hinsichtlich der Lage und Namensgebung konnte nicht recherchiert werden, zumindest bei den zugänglichen Quellensammlungen. Kupferstiche und dgl. geben bezüglich einer Be- oder Entkräftung des fünften Tores nichts Evidentes wieder.

 

Abbildung 8: Kupferstich um 1587 nach Franz Hogenbeck.     Abbildung 9: Stadtansicht Merian.

Auf einem Kupferstich um 1587 war zwar ein Invasion auf der betreffenden Stadtmauerseite zu erkennen, aber kein Durchgang zu verzeichnen. Der historische Hintergrund für diesen Kupferstich bildete der „Bremer Lauf“, bei dem das westfälische Heeresaufgebot eine Niederlage verzeichnen musste gegen den Martin Schenk von Nideggen (März 1586). Originär sollten mit dem Sturmangriff auf der Nordseite die Konzentration von den Toren genommen werden. Die Stadt konnte auch nach Überlieferung okkupiert werden, abgesehen vom kurfürstlichen Palais, aber die Darstellung widerspricht leider der Existenz eines weiteren Tores. Sine dubio hat der Kupferstichhersteller militärisch relevante Eigenarten im Stadtmauerring nicht unterschlagen. Hinzu kommt, dass der Kupferstich nicht lagegerecht die Situation widerspiegelt. Die Evenemente werden dargestellt in einer Weise, so dass alle Schauplätze sichtbar werden. Auch die Abstrahierung in der Topographia Germaniae des Matthäus Merian (dem Kupferstich beigefügt) aus dem 17. Jahrhundert gibt keine Auskunft.

      Infokasten zu den Abbildungen 8 und 9:

Als im 30jährigen Krieg Matthäus Merian seine „Topographia Germaniae“ begann, ein Sammelwerk von Städteansichten, das zwischen 1642 und 1688 in 30 Bänden erschien, da griff er ebenfalls auf das ältere Werk Hogenbergs zurück. Er beseitigte auf dem Bild jedoch die Kriegszenerie und führte mache Vereinfachungen in der Zeichnung durch. Die Ansicht der Stadt gewann dadurch an Klarheit. Besonders tritt dabei die vor der Mauer liegende Stadtgräfte heraus. Die Beschreibung der Stadt entnahm Merian einem 1644 zu Antwerpen gedruckten Atlas:“ Werla seye des Herzogthumbs Westphalen Hauptstadt: Liege auff einem fetten und fruchtbaren Boden, habe viele Saltzpfannen und ein schönes Rathaus.“[10]

Auch ein von 1671 gespiegeltes Bild der Stadt Werl gibt keine luzide Auskunft hinsichtlich des fünften Tores. Die Gelbmarkierung veranschaulicht nur einen Turm, bei dem aber weder Funktionsweise noch Durchlass erkennbar sind.

Abbildung 10: Stadtansicht 1671.
Abbildung 11: Stadtansicht von Werl 1612/1613.

Oder das Bild – wie nebenstehendes Exemplar von 1612/1613, aus der Postkartensammlung des Werler Stadtarchives, aufzeigt – besitzt genau am archimedischen Punkt eine stoffliche Beeinträchtigung. Über die ikonischen Darstellungen aus der Frühen Neuzeit war wenig Erkleckliches zu holen.

Selbst aus der Stadtansicht des 17. Jahrhunderts  von A. Zumbroich  sind keine genauen Erkenntnisse zu ziehen. Obendrein scheint das Büderichertor auf dem Bild des Jahres 1661 entweder verabsäumt worden zu sein oder die Bildquellen aus der Frühen Neuzeit besitzen eine merkliche Distanz zur Stadtbildrealität.

Abbildung 12: Stadtansicht von 1661.

Die Quintessenz zum Quintett benötigte eine Fortführung, denn auch die Mittelstepforten war in nuce die apodiktische Evidenz auf der Suche nach dem fünften Tor, denn auf Grundlage der Urkunde von 1648 wäre nach der Formulierung auch die Möglichkeit in Betracht zu ziehen, dass innerhalb der Pforten wegen Defension die Pforten mit Brettern hätten verstärkt werden müssen. Ausgeschlossen wäre es nicht, gehört es doch aufgrund der multiperspektiven Verpflichtung eines Historikers (leider) erwähnt.

Wie geht es nun weiter?

Das Straßenverkehrsnetz präzisierte eine Durchgangsstation im Norden der Stadt. Wenn also bis zu Beginn des 17. Jahrhunderts die Bildquellen versagen für eine belastbare Exemplifikation, bleiben nur noch die schriftlichen Quellen und die bereits erwähnten Flurkarten zum Existenznachweis. Gut möglich ist, dass das mit der Nachvollziehbarkeit in den Quellen bis zu einer bestimmten Epoche nicht möglich war, weil die Werler Erbsälzer unfreiwillig blockten in der Dokumentation. Schließlich besaßen sie bis zum Reichsdeputationshauptschluss von 1803 weitreichende Vollmachten und konnten sich eines eigenen Gefängnisses bemächtigen. Folgende Urkunde zeigt die Übertragung hoheitlicher Rechte auf die Werler Erbsälzer durch den zuständigen Kurfürsten von Köln Maximilian Heinrich 1663:

Urkunde Sa 144 von 1663

Maximilian Heinrich, Kurfürst zu Köln, verleiht den Erbsälzern zu Werll auf deren Bitten und auf Grund ihrer Privilegien das Recht, die Sälzerknechte durch Abforderung des Eides in Pflicht zu nehmen, gegen die Pflicht verstossende Knechte etwa im unteren Teil des auf dem Salzplatz stehenden Turms in Haft zu nehmen, mit Wasser und Brot abzuspeisen und mit Anlegung von Fesseln und Halsband zu bestrafen, kleinere Vergehen jedoch mit den auch anderen Orts üblichen Brüchten zu ahnden, während Vergehen, die eine andere öffentliche oder Leibesstrafe erfordern, vor das (Kurfürstliche) Gericht zu bringen sind.[11]

Es ist vorstellbar, dass die strategisch günstige Durchgangsmöglichkeit via Hamm in der Oberhoheit der Erbsälzer zu finden ist. Das Erbsälzerarchiv ist seit 1940 als Depositum im Stadtarchiv Werl zugänglich, für mich ist quellentechnisch zunächst ein Malus verbunden.

Es bedarf einer Abschrift dieser Akten, bevor ich sie dekryptieren kann.

Zumindest kann man aber verdeutlichen, dass der Heilige Creutz Torne nicht identisch war mit einem wie auch immer gelagerten Turm, denn das Gefängnis befand sich im unteren Teil des Turmes auf dem Salzplatz, wie es flagrant in dem Buch „Die Stadt im Raum“ nachzulesen ist:

Ein besonderes sichtbares Zeichen der Exponierung des Salinenareals stellte der Anspruch auf die Verwendung „deß also genannten Sältzerthurns“ auf dem Saltzplatz dar, in welchem man Delinquenten eigenmächtig zu „Wasser und Brodt“ setzen wollte, was von Seiten des Rates heftig angefochten wurde. In den Argumentationsweisen beider Seiten lässt sich deutlich erkennen, wie sehr die Bedeutungszuschreibungen hinsichtlich des Salzplatzes mit den sich verstärkenden ständischen Abgrenzungen innerhalb der Stadt verbunden waren. Während die Erbsälzer argumentierten, sie seien mit besonderen Privilegien und Freiheiten ausgestattet, die sie „immediate anfanglich von dem Röhmischen Kayser“ erhalten hätten, verwiesen die übrigen Koporationen auf das Ideal bürgerschaftlicher Gleichheit und Einheit sowie auf die Stadtobrigkeit des Magistrats, der sich auch die Sälzer zu unterwerfen hätten. Die Streitigkeiten um den Salzplatz zeigten den Hochmuth der Sälzer, die zu „ihrem Privathnutzen zu applicieren sich unterstehen wollten“. Sie versuchten zunehmend „von Jahren zu Jahren sich zu eximiren, praeeminentiam zu suchen“, in der Meinung, „durch also praejudicirliche Eingriffe daß Ampt der Sälzer zuerhöhen, die übrigen drey Ämpter aber zu verringeren“. Die Konflikte um den Stadtraum waren auf diese Weise Teil der mit den Mitteln symbolischer Kommunikation vorangetriebenen Aristokratisierung der Sälzer, die auch bei anderen Praktiken, etwa der Ratswahl und den städtischen Prozessionen, die städtische Ordnung durcheinander brachte.[12]

 Die Flurkarten des 19. Jahrhunderts verdeutlichen nicht den Durchgang im Norden der Stadt oder titulieren diesen markanten Punkt mit Münster Thor, wenn dieses bautechnische Element nicht realiter markant existierte. Eine weitere Bestätigung des quellentechnisch schwierig zu fassenden fünften Tores zeigt eine Geometerkarte von 1817, als der Geometer Franz Anton Paderberg die anzulegende Chaussee zwischen Werl und Soest veranschaulichte. Der Verlauf des alten Hellwegs ist schön dargestellt, so wie ein Zugang aus Werl Richtung Hamm. Nicht das Bauprojekt ist von Interesse, sondern die Werler Stadtplanskizze links oben.

Abbildung 13: Plan zur Projektierung der ehem. B1.
Abbildung 14: Auszug aus dem obenstehenden Plan.

Auf der Vergrößerung der Karte sind die etablierten Tore eingezeichnet und ein fünfter Zugang. Mit der zunehmenden Kartographierung wird deutlich, dass auch der nördliche Teil der Stadtmauerbefestigung einen Durchgang besaß. Zeitpunkt der Erstellung, Umbauphasen und dgl. sind zwar nicht gegenwärtig dokumentiert für chronologische Abhandlungen, aber die auf den Karten vorhandenen Zeitpunktdarstellungen lassen das fünfte Durchgangstor als evident erscheinen.

 

Abbildung 15: Karte von Werl.

Auch der von Wendelin Leidinger[13], einem Werler Stadthistoriker des 20. Jahrhunderts, konzeptualisierte Stadtgrundriss ( StA Werl KB 125) nach Template einer Aufzeichnung aus dem Buch Die Soolquellen des Westfälischen Kreidegebirges, ihr Vorkommen und muthmaasslicher Ursprung“, Berlin 1856, S. 327, des Bergamts- und Bergratsdirektors August Huyssen exemplifiziert diesen fünften Durchgang, allerdings auch ohne namentliche Nennung. Möglicherweise lag dem Stadthistoriker nicht die nominatime Verwertung

über die Quellen vor.

 

 

Mit weiteren Argumenten zum Tor

Ob der Stadthistoriker Wendelin Leidinger oder der Heimatforscher Otto Hellbach sich in der Kartographie übten, konnte ich nicht ermitteln, aber die nachfolgende Karte zeigt noch einmal deutlich in dem für das 10. Jahrhundert ausgeschriebenen Stadtbild Werls die Zufahrt nach Hamm als gleichrangiges Element der Stadtinfrastruktur. Die Zugangsmöglichkeit war existent, nur ist das in der Quantität mangelhafte direkte Quellenmaterial problematisch für den Historiker.

Abbildung 16: Karte Werl im Jahre 950.
Abbildung 17: Das Werler Stadtbild im Wandel der Zeit.

Des Weiteren entdeckte ich im Werler Stadtarchiv (StA Werl, KB 125, Akte Vor- und Frühgeschichte Verschiedene Autoren) bei der Zeitungsrecherche für das Jahr 1958 einen interessanten Zeitungsartikel von Prof. Dr. Paul Leidinger, in dem der renommierte Geschichtsdidaktiker die Verkleinerung des Stadtgebietes und die Neuziehung der Stadtmauer thematisierte. Auch auf einem von ihm erstellten Stadtplan kann gut die Zufahrt nach Hamm konstatiert werden – vor und nach der Stadtmauerneuziehung. Ohne  Explikation wird dargestellt, dass offenbar die Straße nach Hamm direkt vor der neuen Mauer endet und direkt hinter ihr weiterläuft Richtung Steinertor. Zur besseren Orientierung muss noch beigefügt werden, dass die vier etablierten Tore nicht in toto das Stadtbild zierten, denn zunächst existierten nur mit dem Neuertor und dem Steinertor die zwei Haupttore als Verbindungen zum alten Hellweg. Das Melstertor war lediglich Zugang zum Bergstraßer Weg. Das Büderichertor wurde erst 1433 erbaut, als der einstige Kurfürst von Köln administrierte, dass der Hellweg durch die Stadt geführt werden sollte. Interessanterweise erwähnt Leidinger in diesem Zeitungsartikel die „nördliche Besonderheit in der Hammer Straßenführung“ nicht, obwohl unzweideutig markiert. Ob Leidinger etwa eine „Erklärung“ für die Nichtbeachtung dieser Stadtmauerbesonderheit mit den nachfolgenden Worten in diesem Zeitungsartikel abgibt, bleibt unklar, entspräche aber einer Ausgleichsreaktion für die Nichtexistenz oder für die Unzugänglichkeit jeglicher Schriftquellen:

„Die Nord-Südstraße erhielt erst nach 1800 Bedeutung. Für den damaligen Bürger begann hinter der Höppe und dem Neuwerk das Neuland: die Grafschaft Mark.“[14]

  • Infokasten Prof. Dr. Paul Leidinger

Paul Leidinger ist ein Werler Urgestein und emeritierter Professor der Universität Münster. Er wurde am 4. September 1932 in Werl geboren und gehörte zu den bekanntesten deutschen Historikern und Geschichtsdidaktikern in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts aus dem westfälischen Raum. Er studierte in den fünfziger Jahren Geschichte, Germanistik, Philosophie und katholische Religion. Danach war er bis 1978 im Schuldienst tätig (zuletzt in Warendorf am dortigen Gymnasium Laurentianum) Schon während seiner Lehrertätigkeit leitete er das Stadtarchiv in Warendorf, war Vorsitzender des Landesverbandes nordrhein-westfälischer Geschichtslehrer sowie Ende der achtziger Jahre auch Bundesvorsitzender des Verbandes der Geschichtslehrer Deutschlands. Seine akademische Karriere begann 1963 mit der Promotion an der Universität Münster, gefolgt von der Habilitation 1972 an der Pädagogischen Hochschule Westfalen-Lippe. Dort lehrte er von 1972 bis 1978 als Privatdozent. Im Jahr 1978 erfolgte dann die Berufung zum ordentlichen Professor für Neuere und Neueste Geschichte und Didaktik der Geschichte an die Pädagogische Hochschule in Münster. Bis 1997 war er dann ordentlicher Professor an der Universität Münster nach der Verwaltungsunion mit der Pädagogischen Hochschule 1980. Er war 1972 Mitbegründer der Zeitschrift „Geschichte, Politik und ihre Didaktik“ und deren federführender Leiter bis 1986. Seine ehemalige Lehrertätigkeit kam ihm Anfang der achtziger Jahre zugute, als er in der Kommission für die Neuordnung der Studien- und Prüfungsordnungen für Geschichte beim Kultus- und Wissenschaftsministerium in Düsseldorf tätig war. Bis über seine Emeritierung hinaus war er ordentliches Mitglied in der Historischen Kommission für Westfalen, Mitglied im Vorstandsbeirat des Vereins für Geschichte und Altertumskunde Westfalens und war Präsident der Deutsch-Türkischen Gesellschaft Münster von 1916. Noch heute gilt der Spezialist für Westfälische Landesgeschichte als ausgewiesene Koryphäe für die Werler Grafen im Mittelalter.[15]

Lediglich in einer schon jahrzehntealten, aber fachlich äußerst hochwertigen Dissertation von 1968 gab es einen Hinweis zur konkreten Straßenführung der Nord-Südverbindung über Werl, als Hans-Claus Poeschel in seiner Dissertationsschrift „Alte Fernstraßen in der mittleren Westfälischen Bucht“  folgendes formuliert:

Die von Siegen heraufziehende Handelsstraße führt über die Steinerstraße durch Werl. Im Namen dieser Durchfahrt, an der sich auch der Werler Markt entwickelte, wird die Erinnerung an die Pflasterung festgehalten. Über die B 63 verläßt diese Straße die Stadt nach Nordwesten. Etwa bei Neuwerk wird der Salzbach an der Mailoher Brücke gequert; auf dieser Brücke befand sich 1525 ein märkischer Schlagbaum. 1553 erklärten die Märker, „… daß der sogenannte große Hilbecksche Weg, der nach Werl lief, bis auf die Mailoher Brücke („Meyloer Brugge“), die auf dem Salzbach lag, …“ die Grenze sei zwischen der Grafschaft Mark und Westfalen. Der Weg bis zum Mailoh sei stets von den Märkern ausgebessert worden.“[16]

Die Deskription lässt zumindest den Rückschluss zu, dass die Durchquerung Werls nicht über das Melstertor (da nicht im Nordwesten gelegen) noch über das Büderichertor (keine Nähe zum Neuwerk und zur Mailoher Brücke) vollzogen wurde.

Abbildung 18/19:Straßenkarte von Werl lt. Dr. Poeschel.

Die obenstehenden Verlaufsskizzen mit Rotmarkierungen als additionale Informationen von mir aus der Dissertationsschrift verdeutlichen noch einmal den Durchgang Richtung Norden, ohne ihn (von Poeschel) in extenso erwähnt zu haben. Die Karten geben dahingehend keine Auskunft. Die Quellengattung musste extendiert werden für die Recherche.

Abbildung 20: Karte, Alter der Städte und Fernstraßen.

Zugegeben, die Karten von Poeschel hatten ihren Charme, denn sie verdeutlich, dass die Zugangsstraßen schon im Mittelalter vorhanden waren. Und der Verlauf führt in die Stadt. Das Büderichertor kann exkludiert werden, und das Melstertor lag ausgerichtet auf den Bergstraßer Weg/ Scheidinger Vöhde im Nordosten Werls.

Abbildung 21: Karte frühgeschichtliche Straßen.

Als Offenbarung für eine wenig kritische Quellenarbeit in der jüngere Vergangenheit zeigt sich in der Abb. 21 der Poescheldissertation, als bereits im Hochmittelalter die Fernstraße von Münster nach Werl obwaltete, aber nie das Räsonnement auf den Zustand der nördlichen Werler Stadtmauer übertragen wurden. Dieses exquisite Defizit in der Werler Heimatforschung neigt dazu, die Quellensituation als cholerische Anoia zu betrachten.

 

 

 

Quod erat demonstrandum … mit einem Augenzeugenbericht

Das Aufgeben stand für mich nicht zur Debatte. Die Aktenordner im Werler Stadtarchiv mussten doch irgendetwas zu Tage bringen. Ich resignierte (fast) und las in einer ruhigen Minute in meiner Arbeitsbibliothek gelistete Zeitzeugenberichte aus der Geschichte der Stadt Werl, die mir freundlicherweise Herr Jolk zur Verfügung stellte. Im Aktenkompendium StA Werl, KB 125 informierte ich mich in einer Abschrift über einen Tagesbericht eines Herrn Lilien, der einen Augenzeugenbericht verfasste zu einer Werler Stadthospitation des Kurfürsten von Köln Maximilian von Österreich (1784-1801). War es Langeweile oder rebellierte das suchende Über-Ich? Von Zeile zu Zeile arbeitete ich mich durch und bekam folgenden Bericht zu lesen:

„Des anderen Tages wurde ich dem Kurfürsten bis an das sogenannte Coerdtshäusgen entgegengeschickt, wo ich dann das Vergnügen hatte, von 7 bis 12 Uhr unter freiem Himmel zu warten. Gegen 12 Uhr kam der Kurfürst zu Pferde, in Begleitung von mehr als 20 Berittenen an Coerdtshäusgen an. Sobald er mich sah, sagte er zu mir: „Servus, Herr von Lilien! Ich bedauere, daß Sie Sich soviel Mühe geben, mir entgegenzureiten.“ Ich setzte mich gleichfalls zu Pferde, und so ging der Zug bis in die Stadt

Einzug in die Stadt

Der Einzug war wirklich prächtig. Auf dem Steinernen Tore waren Trompeten und Pauken gestellt, von dem Schlosse wurden die Böller gefeuert. Das ganze Tor war wie eine Pyramide von Leuten anzusehen. Nachdem der Magistrat die Stadtschlüssel überreicht hatte, war ein unaufhörliches Vivat – Geschrei, und so ging der Zug über die Steinerne Straße bei dem Kapuzinerkloster vorbei gerade nach dem Münster Tor und durch dieses Tor gerade nach dem Neuwerk. Von dem Tor an rief mich der Kurfürst an seine Seite und hörte gar nicht auf, mir allerhand Fragen zu stellen: Über die Verfassung unseres Collegii, über die Stadt selbst, und ich weiß selbst nicht, was alles zu fragen.“[17]

Dieser Augenzeugenbericht sprach von einem Münster Tor (Anmerkung: Rotmarkierung durch mich). In diesem Tagebucheintrag war es namentlich protokolliert. Auch die Wegbeschreibung der Prozession entsprach der Lage auf den Stadtgrundrisskarten. Zunächst galt es aber mit dem Original abzugleichen, denn mir lag nur die Abschrift vor. Vae naeglegentiam non queo! Zeitlich konnte der Bericht vorab in das endende 18. Jahrhundert datiert werden, da seit 1784 der Kurfürst Maximilian herrschte. Der Werler Stadtarchivar Michael Jolk konnte mir auf Nachfrage dann den Archetyp aushändigen (Sv Erbsälzerarchiv v. Lilien-Borg; Sign.: Sv A III d 7). Die Affirmative für ein fünftes Stadttor war gegeben. Auch das Datum konnte mit 1784 konkret angegeben werden.

  • Infokasten Christoph Freiherr von Lilien

Christoph Freiherr von Lilien- Borg wurde 1748 in Wien geboren. Er starb 1825 in Wiesbaden. v. Lilien entstammte den „Wiener Lilien“, dem seit dem 14. Jahrhundert bezeugten Erbsälzergeschlecht. Er war das vierte Kinde des Franz Michael Florenz von Lilien und der Teresia von Bartenstein. Schon als Jugendlicher erhielt v. Lilien die Anwartschaft auf das Ober-Postamt           Lüttich. Mit der Volljährigkeit schickte dann der Vater den Christoph v. Lilien- Borg von Wien nach Werl, auf das Gut Borg. 1765 wurde er als Erbsälzer in Nürnberg aufgeschworen.  Ein paar Jahr später wurde er Postmeister in Lüttich, und bald danach Ober- Postamtsdirektor des Ober- Postamtdistrikts Lüttich. Kurz nach Ausbruch der Französischen Revolution musste er fluchtartig den Raum Lüttich / Masseik verlassen und landete in Düsseldorf. Er wurde bereits im Alter von 23 Jahren wegen seiner hervorragenden Kenntnisse im Postwesen belobigt und genoss das in uneingeschränktem Maße das Vertrauen des Fürsten.  Er gehörte schon bald mit dem Vater und seinem Halbbruder zu den Säulen der Thurn und Taxisschen Post.Am 28. Mai 1770 heiratete er in Fröndenberg Wilhelmine Freiin von Spiegel. Sie hatten 4 Söhne, drei Söhne verstarben vor ihm, sein 4. Sohn Joseph Clemens Franz Michael, übernahm das Erbe, wurde Gutsbesitzer auf Borg und Lahr und Sälzeroberst.  Christoph starb 12 Jahre nach dem Tod seiner Frau am 21. Juli 1825 in Wiesbaden, wo er Linderung seines schweren Rheumaleidens suchte.[18]

Abbildung 22: Christoph von Lilien- Borg.            Abbildung 23: Haus Borg bei Werl/Budberg.

Das folgende Dokument stellt nun den schriftlichen Beleg dar für das Stadttorquintett, denn es gibt nach aktueller Quellenauswertung keine Belege oder Indizien für eine Zweckentfremdung des Begriffes Münster Thor. Haec summa fuit!

Abbildung 24: Auszug aus dem Tagebuch.

Die Belegsituation hinsichtlich des fünften Tores ist nicht saturiert. Gemäß des empirisch nur allzu oft getätigten Aphorismus „Panta rhei“, war der Augenzeugenbericht mit der namentlichen Nennung die Initialzündung für ein forciertes Aktenstudium.

Additional kann ein weiterer  Erweis eingefügt werden. Der Werler Stadtarchivar Michael Jolk wurde fündig. Unter der Notation INA B 20a, Bd. 39 konnte der Stadtarchivar im Werler Stadtarchiv den Vermerk „Münster Thor“ ausfindig machen, als während des Siebenjährigen Krieges die Schwarzen Husaren 1760 (!) offensichtlich mit mehreren Fudern Holz ausgestattet wurden:

Abbildung 25: Auszug aus der Notation

Im Herbst 1760, alß vorm Münster-Thor die schwartze husaren & campiret seynd zu deren behuef von hier abgefahren 15 ½ fud(er) Böerd(enholz)….“.[19]

 

Terminus post quem können wir also seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts von einem Tor namens Münster Thor ausgehen (Rotrahmung durch den Autor), und die Belege sind archivalisch!

Und dabei blieb es nicht. Der Werler Archivar Michael Jolk konnte nach einer abermaligen Archivsuche einen weiteren Hinweis herausfiltern für das Tor. Schauen wir uns das Brüchten-Register aus dem Jahre 1665 an, so finden wir folgende Beschreibung:

„Johan Christian, der Sohn von Bürgermeister Caspar Pape, ist beklagt, den Wachhabenden der Mühlenpforte Wilm Rose geschlagen und geschmäht zu haben, weil der das zur Mühle gebrachte Korn ohne Stadtzeichen (Steuermarke) nicht ausgeben lassen wollte. Pape hat dagegen angegeben, der Wachhabende habe ihn Lügner geheißen, deswegen sei es geschehen. Pape ist ins Rathaus vorgeladen worden, um sich zu verantworten, ist aber widerspenstig ausgeblieben und er hat es in Kauf genommen, dem Brüchtenmeister angezeigt zu werden.“[20]

Nach aktueller Quellenlage kann nun das Jahr 1665 als Ersterwähnung in die Annalen eingehen.

Heureka als Zwischenstand

Flurkarten, Stadtplanskizzen, namentlich nicht titulierte Durchgänge und alte Handelsstraßen ergeben Indizien für ein weiteres Stadttor in der westfälischen Stadt Werl. Obgleich en masse die bildlichen Quellen vorliegen für das Indiz, sind sie in der Vergangenheit nicht als archimedischer Punkt von Historikern aufgegriffen worden für weiterführende Fragestellungen. Diese Instabilität, flankiert von einer kleinen Partitur Ignoranz, ist die Quadratur des Kreises hinsichtlich eines Proklamationsmodells für das höchstens marginale Quellenvorkommen um ein fünftes Stadttor in Werl. Obwohl die ikonischen Elemente das Stadttorquintett suggerieren und über den Straßenverlauf in Nord-Südrichtung die Stadttorthese der Alltagslogik nach als ratifiziert betrachtet werden kann, bleibt die Diskrepanz über den Stellenwert in den schriftlichen Quellen.

Was liegt nun konkret vor? Die bisherigen Argumente für das fünfte Stadttor sind nicht von fragiler Natur. In den Uraufnahmen der Historischen Karten von 1836-1850 unter tim-online.nrw.de steht explizit das Münster Thor als bauliche Begrifflichkeit im Gleichrang zu anderen Stadttoren. Die Urkatasterkarten mit den Notationen 1797 UR-54 und EA Sc XXIV 34 stehen stellvertretend für die Karten, die deutlich einen Zugang/Durchgang auf der nördlichen Stadtmauerseite zwischen Büderichertor und Melstertor aufzeigen. Der Deus ex machina im Kampf gegen die Kombattantenfront der fundamentalistischen Stadttorquadriga liegt aber im Werler Stadtarchiv unter der Signatur Sv Erbsälzerarchiv v.-Lilien-Borg; Sign. Sv – A – III – 7. Diese schriftliche Quelle tituliert konkret den Durchgang im Norden der Stadt beim Neuwerk mit Münster Thor. Dieser Augenzeugenbericht des Christoph Freiherr von Lilien aus dem Jahr 1784 gibt die Wegbeschreibung der Prozession zu Ehren des neuen Kölner Kurfürsten dahingehend excathedra wieder, dass das städtetorliche Quiproquo ausgeschlossen werden kann. Es entspricht auch einer Synonymie hinsichtlich der Wegbeschreibungen der Nord-Südverbindung aus der Literatur, in der Dissertationsschrift „Alte Fernstraßen in der mittleren westfälischen Bucht“ von Hans-Claus Poeschel 1968 repräsentativ dargelegt. Der Multiperspektivität und der Ausgewogenheit der Argumente geschuldet, blieb der nördliche Durchgang im nebulösen Verhältnis zu den vier etablierten Stadttoren. Exemplarisch dienen hierfür die Akten mit den Notationen StA Werl E 66a, Nr. 1 und StA Werl E 14/18, S. 21, die die Verpachtung und den Verkauf von lediglich vier Torwärterhäuschen thematisierten. Dieses Derangement gilt es zu minimieren. Der Existenzbeleg für das Tor ist spätestens mit v. Liliens Augenzeugenbericht 1784 als Nervus Probandi dokumentiert. Der geringe Quellenbestand wider die ikonischen Darstellungen ist das retardierende Moment. Eine erfolgversprechende Nullifizierung dieses quantitativen Elenchus´ ist durch eine konsequente Aktendurchsicht und –bearbeitung vorprogrammiert. Das folgende Beispiel verdeutlicht die Kapazitäten, die in der stringenten Aktendurchsicht liegen. Nicht nur die Quellensituation ist wenig ausführlich, sondern die vorhandenen Quellen oder die bisher von mir benutzten Quellen gehören einer weiteren Prüfung unterzogen. Der Werler Stadtarchivar Michael Jolk und ich konnten mit der Signatur Sv Erbsälzerarchiv v.-Lilien-Borg; Sign. Sv – A – III – 7 gemeinsam in der Vergangenheit mit Akribie und Perseveranz diese Unverhältnismäßigkeit von ikonisch Offensichtlichem und schriftlich Marginalem diminuieren.

Quellen- und Literaturnachweis

Großer Generalstab (Hrsg.): Geschichte des Siebenjährigen Krieges in einer Reihe von Vorlesungen, mit Benutzung authentischer Quellen, bearbeitet von den Offizieren des Großen Generalstabs, Band 5: Der Feldzug von 1761, Berlin 1937.

HStAM Bestand 4 h Nr. 1162 „Die Belagerung und Eroberung der Stadt Werl“, 1633.

Igel, Karsten/Lau, Thomas (Hrsg.): Die Stadt im Raum. Vorstellungen, Entwürfe und Gestaltungen im vormodernen Europa,  Köln 2016.

Kruckem, H.M.: Die Brücke der Erbsälzer, Werl 1975.

Leidinger, Paul: Das Werler Stadtbild im Wandel der Zeit, veröffentlicht am 5. Oktober 1957 im Werler Stadtanzeiger, geführt unter StA Werl, KB 125, Akte Vor- und Frühgeschichte Verschiedene Autoren.

Leidinger, Wendelin: Documenta Werlensia, Werl 1972.

Mehler, Franz Josef: Geschichte der Stadt Werl, Werl 1891.

Poeschel, Hans-Claus: Alte Fernstraßen in der mittleren Westfälischen Bucht, in: Geographische Kommission für Westfalen (Hrsg.): Spieker. Landeskundliche Beiträge und Berichte 17, Münster 1968.

StA Werl, B 10, Bl. 205f., 1648?.

StA Werl E 14/18.

StA Werl E 66a, Nr. 1.

StA Werl, Akte SA 144.

Sv – Erbsälzerarchiv v. Lilien-Borg,  Sign.: Sv A III d 7, 1783 – 1791.

  1. Klocke, Friedrich: Patriziatsproblem und die Werler Erbsälzer, Münster 1965.

https://www.werl.de/politik/ratsinfo/satzungen/Denkmalbereichssatzung.pdf (zuletzt aufgerufen am 01.03.2018).

http://www.archive.nrw.de/lav/abteilungen/westfalen/BilderKartenLogosDateien/Kataster_flyer.pdf (zuletzt aufgerufen am 01.03.2018).

https://www.uni-muenster.de/Geschichte/hist-dida/organisation/mitarbeiter/emeriti/leidinger/index.html

(zuletzt aufgerufen am 09.03.2018).

[1] Vgl. hierzu ausführlich Großer Generalstab (Hrsg.): Geschichte des Siebenjährigen Krieges in einer Reihe von Vorlesungen, mit Benutzung authentischer Quellen, bearbeitet von den Offizieren des Großen Generalstabs, Band 5: Der Feldzug von 1761, Berlin 1937, S. 735ff.

[2] https://www.werl.de/politik/ratsinfo/satzungen/Denkmalbereichssatzung.pdf (zuletzt aufgerufen am 01.03.2018).

[3] http://www.archive.nrw.de/lav/abteilungen/westfalen/BilderKartenLogosDateien/Kataster_flyer.pdf (zuletzt aufgerufen am 01.03.2018).

[4] Akte StA Werl E 66a, Nr. 1.

[5] Akte StA Werl E 14/18.

[6] V. Klocke, Friedrich: Patriziatsproblem und die Werler Erbsälzer, Münster 1965, S. 153.

[7] E-Mail Kontakt mit Prof. Dr. Paul Leidinger vom 26.09.2017.

[8] Akte StA Werl, B 10, Bl. 205f., 1648?.

[9] Mehler, Franz Josef: Geschichte der Stadt Werl, Werl 1891, S. 322.

[10] Leidinger, Wendelin: Documenta Werlensia, Werl 1972, S. 16.

[11] StA Werl, Akte SA 144.

[12] Igel, Karsten/Lau, Thomas (Hrsg.): Die Stadt im Raum. Vorstellungen, Entwürfe und Gestaltungen im vormodernen Europa,  Köln 2016, S. 126-127.

[13] Wendelin Leidinger (1927-2010), ausgebildeter Apotheker und Werler Heimatforscher, war ein älterer Bruder des bekannten Geschichtsprofessors Paul Leidinger und erhielt 1964 wegen seiner Verdienste um die Erforschung der Stadtgeschichte Werls die Ehrenplakette der Stadt Werl. 1982 konnte er für sich sogar das Bundesverdienstkreuz in Anspruch nehmen. Er war Mitbegründer des Heimatvereins Werl, Ortsheimatpfleger für Werl und Mitglied der Fachstelle Denkmalpflege im Westfälischen Heimatbund. Zudem engagierte er sich für die Etablierung des Rykenberg-Museums und widmete sich hinsichtlich der Experimentalgeschichte der Werler Salzgewinnung.

[14] Vgl. hierzu Leidinger, Paul: Das Werler Stadtbild im Wandel der Zeit, veröffentlicht am 5. Oktober 1957 im Werler Stadtanzeiger, geführt unter StA Werl, KB 125, Akte Vor- und Frühgeschichte Verschiedene Autoren.

[15] https://www.uni-muenster.de/Geschichte/hist-dida/organisation/mitarbeiter/emeriti/leidinger/index.html

(zuletzt aufgerufen am 09.03.2018).

[16] Poeschel, Hans-Claus: Alte Fernstraßen in der mittleren Westfälischen  (Spieker. Landeskundliche Beiträge und Berichte 17), Münster 1968, Abb. 45.

[17] Sv – Erbsälzerarchiv v. Lilien-Borg,  Sign.: Sv A III d 7, 1783 – 1791.

[18] Kruckem, H.M.: Die Brücke der Erbsälzer, Werl 1975, S. 16 – 17.

[19] StA Werl, INA B20a, Bd. 39.

[20] Brüchten-Register der Stadt Werl, 1597-1671, Stadtarchiv Werl, Akten C III Nr. 4.

 

Abbildungsnachweis:

Abbildung 1: 

Eine Photographie dieser Karte befindet sich im Privatbesitz von Samantha Seithe.

Abbildung 2:

Stadt Werl nach der Katasteraufnahme vom Jahre 1829.

v. Klocke, Friedrich: Patriziatsproblem und die Werler Erbsälzer, Münster 1965, Beilage.

Abbildung 3:

Ausschnitt aus der Uraufnahme 1836 -1850.

https://www.tim-online.nrw.de/tim-online2/index.html

Zuletzt aufgerufen am 09.01.2018.

Abbildung 4:

Ausschnitt aus der Uraufnahme 1836 -1850.

https://www.tim-online.nrw.de/tim-online2/index.html

Zuletzt aufgerufen am 09.01.2018.

Abbildung 5:

Ausschnitt aus der Topographischen Karte.

https://www.tim-online.nrw.de/tim-online2/index.html

Zuletzt aufgerufen am 09.01.2018.

Abbildung 6:

Ausschnitt aus der Uraufnahme.

Akte StA Werl EA Sc XXIV 34.

Abbildung 7:

Karte von 1833.

Signatur  Sc XXIV 34, Erbsälzerarchiv.

Abbildung 8:

Kupferstich um 1587 nach Franz Hogenbeck.

Leidinger, Wendelin: Documenta Werlensia, Werl 1972, S. 13.

Abbildung 9:

Stich von Matthäus Merian.

Ludorff, A.: Die Bau- und Kunstdenkmäler des Kreises Soest, Münster 1905, S. 162.

Abbildung 10:

Stadtansicht Werl 1671.

Leidinger, Wendelin: Documenta Werlensia, Werl 1972, S. 25.

Abbildung 11:

http://dfg-viewer.de/show/?tx_dlf%5bid%5d=http%3A%2F%2Fwww.landesarchiv-nrw.de%2Fdigitalisate%2FAbt_Westfalen%2FKartensammlung_A%2F~079%2F07914%2Fmets.xml

Zuletzt abgerufen am 19.03.2018.

Abbildung 12:

Stadtansicht aus dem Jahre 1661.

Leidinger, Wendelin: Documenta Werlensia, Werl 1972, S. 33.

Abbildung 13:

Diese Karte war im Jahr 1817 von Franz Anton Padberg, Geometer, Iter Klasse. Es handelte sich um  die Karte der anzulegenden Kunststraße von Werl bis Soest/: Cöln- Berliner Straße. http://archivdatenbank.gsta.spk-berlin.de/midosasearch-gsta/MidosaSEARCH/i_ha_rep_93_b/index.htm?search=werl&KontextFb=KontextFb&searchType=any&highlight=true&vid=i_ha_rep_93_b&kid=GStA_i_ha_rep_93_b_3_3_12_2&uid=GStA_i_ha_rep_93_b_I_HA_Rep_93_B_Nr_3706&searchPos=10

Zuletzt abgerufen am 20.03.2018.

Abbildung 14:

Auszug aus der Karte von 1817.

http://archivdatenbank.gsta.spk-berlin.de/midosasearch-gsta/MidosaSEARCH/i_ha_rep_93_b/index.htm?search=werl&KontextFb=KontextFb&searchType=any&highlight=true&vid=i_ha_rep_93_b&kid=GStA_i_ha_rep_93_b_3_3_12_2&uid=GStA_i_ha_rep_93_b_I_HA_Rep_93_B_Nr_3706&searchPos=10

Zuletzt abgerufen am 20.03.2018.

Abbildung 15:

Nach Vorlage von Bergamts- und Bergratsdirektor August Huyssen,Die Soolquellen des Westfälischen Kreidegebirges, ihr Vorkommen und muthmaasslicher Ursprung“, Berlin 1856, S. 327, hat Leidinger die Karte überarbeitet.

StA Werl, KB 125, Akte Ur- und Frühgeschichte Teil 2.

Abbildung 16:

Karte Werl im Jahre 950.

StA Werl, KB 125, Vorträge und Niederschriften 21.

Abbildung 17:

Auszug aus einem Zeitungsartikel.

„Das Werler Stadtbild im Wandel der Zeit“, veröffentlicht am 05. Oktober 1957 im Werler Stadtanzeiger von Prof. Dr. Paul Leidinger.

StA Werl, KB 125, Akte Vor- und Frühgeschichte Verschiedene Autoren.

Abbildung 18 und 19:

Aus der Arbeit von Dr. Poeschel Bildanhang, Aufnahmen des Verfasser August – Oktober  1965, mit Hinweis auf die Lage in der Topographischen Karte 1: 25.000 (= TK 25) (mit Hinweis auf die Lage in der Topographischen Karte I : 25 000 ( = TX 25) und die Abschnitte im 1. Kapitel.

Poeschel, Hans-Claus: Alte Fernstraßen in der mittleren Westfälischen Bucht, in: Geographische Kommission für Westfalen (Hrsg.): Spieker. Landeskundliche Beiträge und Berichte 17, Münster 1968, Bildanhang Abb. 45.

Abbildung 20:

Aus der Arbeit von Dr. Poeschel Bildanhang, Aufnahmen des Verfasser August – Oktober  1965, mit Hinweis auf die Lage in der Topographischen Karte 1: 25.000 (= TK 25) (mit Hinweis auf die Lage in der Topographischen Karte I : 25 000 ( = TX 25) und die Abschnitte im 1. Kapitel.

Poeschel, Hans-Claus: Alte Fernstraßen in der mittleren Westfälischen Bucht, in: Geographische Kommission für Westfalen (Hrsg.): Spieker. Landeskundliche Beiträge und Berichte 17, Münster 1968, Bildanhang Abb. 32.

Abbildung 21:

Aus der Arbeit von Dr. Poeschel Bildanhang, Aufnahmen des Verfasser August – Oktober  1965, mit Hinweis auf die Lage in der Topographischen Karte 1: 25.000 (= TK 25) (mit Hinweis auf die Lage in der Topographischen Karte I : 25 000 ( = TX 25) und die Abschnitte im 1. Kapitel.

Poeschel, Hans-Claus: Alte Fernstraßen in der mittleren Westfälischen Bucht, in: Geographische Kommission für Westfalen (Hrsg.): Spieker. Landeskundliche Beiträge und Berichte 17, Münster 1968, Bildanhang Abb. 33.

Abbildung 22:

Bild von Christoph von Lilien- Borg.

  1. Klocke, Friedrich: Patriziatsproblem und die Werler Erbsälzer, Münster 1965, S. 485

Abbildung 23:

Haus Borg bei Werl/Budberg.

Kruckem, H.M.: Die Brücke der Erbsälzer, Werl 1975, S. 71.

Abbildung 24:

Tagebuchseite mit dem Eintrag „Münster Thor“.

StA Werl, KB 125, Akte 557.

Abbildung 25:

Münster Tor bis jetzt 1784 archivalisch belegt, nun 1760!

In der Mitte des Scans steht: „Abgang   Im Herbst 1760, alß vorm Münster-Thor die schwartze husaren & campiret seynd zu deren behuef von hier abgefahren 15 ½ fud(er) Böerd(enholz)….“

StA Werl, INA B 20a, Bd. 39.

Abbildung Titelblatt:

Das Bild auf dem Titelblatt ist das nachgestellte Büderichertor.

StA Werl, KB 125, Akte 557.

Werl am Hellweg – eine westfälische Stadt im Dreißigjährigen Krieg

Salvierung schützt vor Plünderung nicht … Auszüge aus dem kommunalen Aktentenor in Werl zu Kontributionen und Plünderungen im Dreißigjährigen Krieg

Inhaltsverzeichnis

 1. Motivation im Proömium

2. Ego-Dokumente… Der methodische Gral?

3. Hintergründe für die Kontributionsschraube

4. Werl am Hellwege… Kontributionen bitte!

5. Die Hessen kommen

6. Die Glaubensbrüder plündern? … Dies timoris

7. Unheil über die Stadt – Feuer und Flammen in Werl

8. Die Pest – mortifer res

9. Hexenprozesse – Magie und Zauberei auf den Scheiterhaufen

10. Schlussbetrachtungen und ein methodisches Resümee

11. Quellen- und Literaturverzeichnis

            11.1 Quellenverzeichnis

            11.2  Literaturverzeichnis

1. Motivation im Proömium

Hermann Brandis, geb. 1612, zum Zeitpunkt des Beginns des Dreißigjährigen Krieges sechs Jahre alt, war Erbsälzer, gehörte damit zum Patriziat der Stadt Werl und hatte 1661 das Bürgermeisteramt der Stadt Werl inne. Er war Autor eines Manuskriptes ohne Titel, welches der Editor Johann Suibert Seibertz (1788-1871) abdruckte und als „Historie der Stadt Werl“ betitelte. Notum est:

Anno 1618 erschiene eines schrecklich- und unglücklicher Comet – Stern, welcher dem ganzen römischem Reich teutischer Nationen lauter Schwerdt, Feuer und Flammen, Pestilenz, Hunger und Kummer zugezogen hat. Wie nun derselbe unter anderen auch die Statt Werll in denen dreißigh Jahren, so lange deßen operationes gewehret mit getroffen, will sich in dieser Enge nicht beschreiben lassen. Das erste aber ware, dass Anno 1622 Herzogh Chrsitian von Braunschweig, Bischoff zu Halberstatt, ein sonderlicher Fehendt der Geistlichen und deren zugehörigen Orrter, die Statt Werll durch einen Trumpet und ein zu mehreren Schrecken an den vier Ecken angezündeteß Schreiben auffordern ließe. Es wurden aber Mittele gebraucht denselben vor daßmahlen abzukehren, wiewoll es die Stadt noch biß heute Stunde stark trucket.“[1]

Andere Überblickswerke, wie die von Georg Schmidt und Peter Wilson, liefern für den Dreißigjährigen Krieg forschungsintensive Standards.[2] Doch laut dem amerikanischen Literaturtheoretiker Frederic Jameson sind die Überblickswerke an der Ereignisgeschichte ausgerichtet.[3] Dadurch kann die Detailgeschichte und das Alltägliche nicht in den Fokus rücken, dennoch sind sie für die lokale Alltagsgeschichte und für die historische Netzwerkforschung bedeutend. Es sind nicht nur die Persönlichkeiten, die monumentalen Schlachten oder die Bluthochzeiten. Der administrative Alltag in einer frühneuzeitlichen Stadt in Westfalen mit seinen Amtsträgern und ihren Parteien können die historische Perspektive hierauf ändern. Die Städte an den Durchmarschstraßen im Altreich hatten im Dreißigjährigen Krieg die konfessionsunabhängigen Kontributionen, Requisitionen, Einquartierungen und Brandschatzungen zu tragen, sodass der Zivilbevölkerung tagtäglich die ressourcenlastige Position vor Augen geführt wurde. Die Söldnerführer im Dreißigjährigen Krieg sahen vordergründig einen vom Ethnosoziologen Georg Elwert geprägten „Gewaltmarkt“[4], was ursächlich für das Ausmaß der direkten und indirekten Belagerung der Zivilbevölkerung ist.

Methodisch ist der Zugang über Akten hier besonders von Vorteil, die auch einen gewissen Aspekt der Ego-Dokumentation vorweisen können. Inwiefern diese Dokumentation in den Korrespondenzen und Aktenvermerken erkennbar ist, soll ebenfalls erörtert werden. Zunächst können im Allgemeinen über die Aktenvermerke die Geschäftsvorgänge hin zu einem rechtsverbindlichen Endprodukt veranschaulicht werden. Über Suppliken, den Innenlauf oder Kopiare können Zwischenstadien eines Verwaltungsaktes kodifiziert werden. Damit besitzt der Aktenvermerk den Vorteil des Aufgreifens von Meinungsbildern, wohingegen die Urkunde mit Standards die finale Rechtsverpflichtung einer Handlung attestiert. Die Abschriftenvermerke des ehemaligen Werler Stadtarchivars Heinrich Josef Deisting bieten für die Geschichte Werls im Dreißigjährigen Krieg eine Bezugsquelle aus erster Hand.[5] Bedingt durch die Stoffmenge ist eine didaktische Reduktion nötig. Die westfälische Stadt Werl verfügte über den anfänglichen Status einer Nichteinquartierung im Spannungsfeld der Konfessionen bis zu Beginn des Schwedischen Krieges. Die Belagerung und Plünderung von 1636 wurde ausgerechnet von Ligisten, also katholischen Konfessionsbrüdern vollzogen. Am Beispiel der Werler Magistratsvermerke von 1622 bis 1636 können die facettenreichen, konfessionsunabhängigen Belastungen einer Stadt veranschaulicht werden, um auch Werler Eigentümlichkeiten herauskristallisieren zu können. Hierbei soll auch der Versuch gemacht werden, dem Wesen der Akte gemäß, Hintergründe und Motive der Ligisten zum Entsatz und der Entsetzung Werls am Festtag Sankt Michael, dem 29. September 1636 herauszufiltern.

Eine Darstellung zu den überregionalen Akteuren Christian von Braunschweig, Ferdinand von Bayern, Wilhelm von Hessen-Kassel und Johann von Götzen ist vonnöten, um die Vermerke in den historischen Kontext einordnen zu können. Diese Arbeit soll sich den Punkten „Schwerdt, Feuer und Flammen, Pestilenz, Hunger, Kummer“ und Mittele widmen.[6]

2. Ego-Dokumente … Der methodische Gral?

Nehmen wir die Begrifflichkeit als Ausgangspunkt, ist diese Quellengruppe jüngeren Datums. Im 20. Jahrhundert prägte der niederländische Historiker Jacques Presser den Begriff, als er mit den „egodocumenten“ Textpassagen titulierte, in denen der Autor als schreibendes Subjekt gleichzeitig beschreibendes Objekt ist, sozusagen eine Ich-Erzählsituation. Der niederländische Historiker Rudolf Dekker ergänzte dieses Charakteristikum um Passagen zur Gefühlsreflexion.[7] Beiden Zugängen ist das Selbstreflektierende zu eigen, also scheint die Titulierung als Selbstzeugnis durchaus das Wesen dieser Quellengruppe zu reflektieren. In Deutschland war es der Historiker Winfried Schulze, der für die Selbstzeugnisforschung Pionierdienste leistete. Seine Begriffserweiterung, dass aus der Sicht des Hauptakteurs einer Ich-Erzählsituation unbeabsichtigte Selbstzeugnisse entstehen, ermöglichten die Integration sämtlicher Schriftgüter aus dem öffentlichen Dienst und aus dem privaten Sektor, die eine amtliche Note beinhalten.[8] Das ist erst einmal von Vorteil, da der Quellenwert dieser Selbstzeugnisse dann unbewusst qualitativer werden kann. Es erfordert jedoch hinsichtlich der Offenlegung einer selbstreflektorischen Ebene für die handelnden Personen in der entsprechenden Quelle eine intellektuelle Tragweite, deren Bestehen kein Automatismus ist. Der Erkenntniswert dieser Quellengattung soll herauskristallisiert werden. Zunächst hat diese Quellengruppe das verstärkte Potenzial, hofhistoriographische Elemente zu marginalisieren, indem über Einstellungsbefragungen, Inquisitionsprotokolle oder Zeugenbefragungen soziale Schichten eine Kodifizierung erhalten, die oft keine Beachtung finden oder verklausuliert in schriftlichen Quellen in Erscheinung treten. Dann erfolgt natürlich als Konklusion ein Mehrwert für die mikrohistorischen und mentalitätsgeschichtlichen Forschungsfelder, insbesondere für die Alltagsgeschichte mit ihren Normen, Werten und Praktiken. Und für die Alltagsgeschichte des Dreißigjährigen Krieges, genauer für eine westfälische Provinzstadt in Reichweite eines spannungsintensiven Zusammenschlusses aus vielfältigsten Kriegsparteikoalitionen, kann diese Quellengruppe keine Acht darstellen.

Es gibt jedoch nachvollziehbare Kritikpunkte für diese Rahmensetzung. Und die Nennung gehört zur Multiperspektivität dazu, auch wenn sich die nachfolgende Ausarbeitung den Ego-Dokumenten nicht verschließen will. Hier kann die undifferenzierte Definition eine Erwartungshaltung auslösen, die nicht realistisch ist. Es handelt sich eben nicht um gesamt umfassende Selbstreflexionen, die in ihrer Verifizierung konkurrenzlos sind. Auch die thematische Zugehörigkeit von Selbstzeugnissen und administrativen Abhandlungen zu einer übergeordneten Quellengruppe erleichtert dem Quellenrezensenten nicht die Arbeit. Eine präzise, differenzierte Kategorisierung der Ego-Dokumente liegt nicht vor. Das ist in der Intension der Selbstreflexion ein Verlust, da die Notwendigkeit von der Zwangsaussage oft nicht klar abgegrenzt werden kann, freiwillig oder unfreiwillig getätigte Passagen nicht herauskristallisiert werden können. Erst mit der deutschen Historikerin Benigna von Krusenstjern erfolgte ein Umdenken und das Bemühen zur Kategorisierung. Naheliegend ordnete sie die Selbstzeugnisse als Untergruppe in die Ego-Dokumente ein, wobei sie explizit die bewusste Äußerung der in der Ich-Erzählsituation tätigen Person als kennzeichnendes Element verstanden haben wollte.[9] Und wie erfolgt nun die Verbindung zum Dreißigjährigen Krieg in Westfalen?

Das Repertoire an Ansätzen für die Bearbeitung von Quellen – auch für Zeugnisse aus dem Dreißigjährigen Krieg ist vielfältig. Es fängt an bei der Einordnung in die jeweilige Quellengruppe und geht bis zu Fragestellungen, die den persönlichen Hintergrund des Ich-Erzählers betreffen. Gerade die Quellen zum Dreißigjährigen Krieg sind stets in Abhängigkeit von der Perspektive zu betrachten. Der hessische Kavallerist hat einen anderen Blickwinkel und Schreibtenor bei der Auflistung von Kontributionslisten ohne jeglichen Zusammenhang als ein Werler Stadtbewohner, der unter stetigen, kriegsparteiunabhängigen Kontributionslisten zu leiden hatte und seine zehrende Existenz in einem Brandbrief veranschaulichte. Auch gibt es verschiedene Ebenen, auf der ein Autor schreiben kann. Und diese Ebenen wurden von Krusenstjern wie folgt tituliert[10]: Wenn in Ego-Dokumenten ausschließlich der eigne Lebensweg nachgezeichnet wird, handelt es sich um die erste Ebene, namentlich mit Typ A deklariert. Kommen noch die eigenen Interessen hinzu, ergänzt um individuelle Beschäftigungen und Empfindungen, spricht man vom Typ B. Eine distanziertere Version der Selbstzeugnisse ist Typ C, denn dieser berichtet majorativ über die Weltgeschehnisse, wobei der Schreiber in den Hintergrund gerät, aber weiterhin präsent ist. Der vierte Typ D steht an der Grenze der Selbstzeugnisse. Dieser berichtet nur noch über die Ereignisse und setzt sich selbst kaum in das Geschehen ein. Er kann jedoch in indirekter Form präsent sein.[11] Da seit den 1980er Jahren mit der historischen Anthropologie und der Alltagsgeschichte zwei Methoden dominieren, erfolgt hinsichtlich der Synergie der Zugang über die hermeneutischen Differenzen. Wahrnehmungen und Empfindungen können verstanden werden, und nun ist parallel dazu eine Analytik des Menschen möglich. Der fächerüberreifende Ansatz ist deshalb schon gegeben, da es Berührungspunkte mit der Ethnologie und Anthropologie gibt. Der Facettenreichtum ermöglicht einen Querschnitt aus der damaligen Zeit und ermöglicht zeitgleich die Rekonstruktion des Nachempfindens der Autorengefühle, sozusagen ein quellenbasiertes Psychogramm des Autors – natürlich nicht in der Dimension des Psychoanalytischen. Die Hermeneutik kann zudem mehr als nur zusammentragen, dass ein Autor objektive oder subjektive Sichtweisen zusammenträgt zur Analyse eines Sachverhaltes, sie interpretiert das Verstehen des Autors. Für Werl stehen besonders die Protokolle und tagebuchähnliche Einträge zur Verfügung. Anhand dieser Quellen soll im Folgenden geklärt werden, inwiefern diese Dokumente von den Empfindungen der Schreiber geprägt sind und wo die Grenzen der Methodik in Bezug auf die Quellen liegen.

3. Hintergründe für die Kontributionsschraube

Hunger, Kummer und Mittele gleich Kontributionen, Plünderungen und Einquartierungen. In der etablierten Geschichtsschreibung wird das Jahr 1621 als Ausgangspunkt für den Dreißigjährigen Krieg in Westfalen gesetzt. Die Kontributionen waren hierbei überdurchschnittlich, verschieden und zogen sich durch die Jahre hindurch von 1621 bis 1636. Beginnen lässt sich hierbei mit den Truppenverlegungen des protestantischen Herzog Christian von Braunschweig in das niederrheinische-westfälische Gebiet Ravensberg und das Fürstbistum Paderborn. Der „tolle Halberstädter“[12] verlangte nun Unterhaltskosten für das ihm anvertraute Söldnerheer, im Auftrag des Winterkönigs von Böhmen, Kurfürst Friedrich von der Pfalz. Als Beginn der militärischen Operationen für die plündernde Soldateska wurde das strategisch günstige Lippstadt ausgesucht. Die Stifte Paderborn und Münster wurden geplündert, Drohbriefe an die Orte auf der Marschroute des welfischen Söldnergenerals verschickt, die der psychologischen Kriegsführung zur Aufrechterhaltung der Einschüchterung dienten. Die geraubten Kirchenschätze wurden geldlich versetzt oder zur eigenen Münzherstellung benutzt, wie es am Pfaffenfeindtaler zu erkennen war.[13]

Das Jahr 1622 war hierbei das schlimmste Jahr in der Ära der kurzen, aber immer kontributionslastigen Besatzung des Administrators von Halberstadt. Der Anfang der leidlichen Besatzungszeit, mit Plünderungen und Brandschatzungen durchzogen, war der 4. Januar 1622, mit dem Einmarsch des „tollen Halberstädters“ in Lippstadt. Von hier aus erfolgten dann die mehr und minder koordinierten Raubzüge der Muschkoten. In diesen Tagen unterlag die Soester Börde mit ihren zahlreichen Kirchspielen einer marternden Kontribution. Die westfälische Stadt Soest musste trotz anfänglicher Erfolge in der Abwehr der Sturmangriffe aufgeben und konnte sich nur über teuer erkaufte Schutzbriefe der Stadtschleifung entziehen. Diese Schutzzollpolitik des welfischen Herzogs unterstand jedoch der täglichen Unredlichkeit und der finanziellen Mobilität der Welfen. „Pacta sunt servanda“, dieser Rechtsgrundsatz wird von Christian von Braunschweig nicht berücksichtigt. Daher kam es vor, dass trotz vorheriger Veröffentlichung der Schutzbriefe durch ihre Befehlshaber die herzoglichen Söldner Raubzüge durch die Soester Börde unternahmen. „Bellum se ipsum alit“[14], schrieb der römische Geschichtsschreiber Livius. Und dieses Ergebnis war für den Herzog von Braunschweig zufriedenstellend, denn durch die Vereinnahmung des Paderborner Domschatzes, der dem Propst des Soester Patroklistiftes anvertraut worden war und des Silberschreins des Heiligen Liborius in Paderborn konnten durch die bereits erwähnten Münzprägungen neue Truppen ausgehoben werden. „Der Krieg ernährt den Krieg“[15], sagte schon der Heerführer Isolani in Schillers Wallenstein-Trilogie, der Herzog von Braunschweig bot hierfür ein Beispiel.

Christian von Braunschweig zog im Mai 1622 Richtung Main, um sich mit den Truppen der protestantischen Verbündeten Ernst von Mansfeld und Georg Friedrich von Baden-Durlach zu vereinigen. Diese Verbindung erfolgte für eine endgültige Auseinandersetzung mit dem katholischen Heerführer Johann T´Serclaes von Tilly. Diese endete mit einer Niederlage des Braunschweigers in der Schlacht bei Höchst am 20. Juni 1622, wodurch das Westfalenland kurzweilig zur Ruhe kam. Im Spätsommer 1622 erfolgten erste Gegenaktionen der Katholischen Liga unter Führung des Generals Johann Jakob von Bronckhorst-Batenburg, Graf Anholt genannt, einem Veteranen der Schlacht am Weißen Berg 1620. Dies bedeutete zuerst das Verlangen von Geldmitteln und Sachwerten aus den protestantischen Enklaven oder den katholischen Renegaten in Westfalen. Unter Ferdinand I. Bischof von Paderborn, auch Ferdinand von Bayern, Kurfürst und Erzbischof von Köln genannt, erfolgte 1623 ein Strafgericht in Paderborn. Die Überarbeitung der Halsgerichtsordnung Constitutio Criminalis Carolina 1628 durch Ferdinand von Bayern hatte das exponentielle Wachstum an Hexenverfolgung, dokumentiert durch die Zahl der Angeklagten der Hexerei in Westfalen, als Folge,[16] hierzu weiteres im Kapitel 9.

Die Bevölkerung hatte sowohl bei den Plünderungen des protestantischen Herzog Christian von Braunschweig als auch bei der Aufoktroyierung der bischöflichen Traktate Ferdinands von Bayern keine Chance. Es erfolgte so ein Zusammenspiel aus Brandschatzungen, Plünderungen und Hexenverfolgung. Nachdem Christian von Braunschweig 1623 nach einer kurzen Odyssee in den Niederlanden nach Westfalen zurückkehrte, musste die westfälische Bevölkerung im Doppelpack die Brandschatzungen ertragen, da sowohl der „tolle Halberstädter“ als auch Graf Anholt Kontributionen einforderten. Militärisch kam es im Sommer 1623 zugunsten der Katholischen Liga zu einer Entscheidungsschlacht bei Stadtlohn, als die Feldherren Tilly und Anholt die Truppen des Grafen Mansfeld und Christians von Halberstadt vernichtend schlagen konnten. Berichten zufolge entkam der Herzog von Braunschweig mit seinen restlichen Soldaten über die niederländische Grenze. Nun zeigte sich das Ausmaß für die Werler Bevölkerung: Nach dem Sieg in Stadtlohn waren die katholischen Ligaverbände ohne Gegner, kleinere Garnisonen wie Lippstadt kapitulierten spätestens im Herbst 1623. Dennoch musste ein stehendes Heer geführt werden, da Kaiser Ferdinand II. jederzeit mit seinen gegenreformatorischen Bestrebungen den evangelischen Glauben heraufbeschworen konnte. Dieses erfolgte mit dem Dänenkönig Christian IV., der aber im Sommer 1626 in der Schlacht bei Lutter nahe dem niedersächsischen Ort Salzgitter entscheidend geschlagen werden konnte. Obwohl die dänisch-niedersächsische Ära schon mit dem Separatfrieden von Lübeck 1629 beendet war, waren die Westfalen indirekt durch die Winterlager der Katholischen Liga und durch die Flankenlage zum norddeutschen Kriegsschauplatz mit einer ständigen Kontribution versehen. Und damit lagen die Werler im Einziehungskreis der Marter.[17]

4. Werl am Hellwege… Kontributionen bitte!

Grundsätzlich waren die Städte an den zentralen Durchgangsstraßen benachteiligt, da die Truppen auf ihren Märschen in Abhängigkeit der eigenen Situation Verpflegung benötigten und verlangten. „Nervus belli, pecunia infinita“, sprach schon Cicero[18], und daran sollte sich für Werl auch nichts ändern. Bereits 1622 hatte Ferdinand von Bayern, der eben genannte Erzbischof von Köln, durch ein defensiv ausgerichtetes Vertragswerk die Empfehlung ausgesprochen, dass die Soldaten von unnötigen Aufenthalten abhalten, wenn die Kontributionen pünktlich und im vollen Umfang gezahlt werden. So liest man:

„So ist auch hiebei vergliechen, das eine Landtschafft der andern das frembde anziehende kriegsvolck keines weges zuschicken, sondern alß viel möglich durch andere nachbarlande divertiren und (7) abweisen [soll]. Da aber der durchzug je nicht zu vermeiden, noch abzuwenden, alßdan g(emelte)s kriegsvolck zu der andern landtschafft beschwer nicht auffhalten, sondern den rechten, geraden wegk, so viel mit dem wenigsten schaden immer beschehen kann, durchfuhren, glerchwoll emer dem andern möglichen beistandt leisten, damit solche trupen in officio gehalten und zum schleunigen vortzug neben underhaltung guter disciplin angestrengt werden.“[19]

In diesen Äußerungen schwingen Pragmatismus und schnellstmögliche Unheilabwehr synchron. Ferdinand von Bayern propagiert hier die Erfüllung der Kontributionswünsche und setzt dabei auf einen schnellen Durchmarsch. Es ist ein Paradebeispiel für den Ich-Erzählertyp C nach der Krusenstjernschen Katalogisierung. Die persönliche Betroffenheit kommt nicht direkt zum Ausdruck, sondern erhält über den administrativ angeordneten Pragmatismus des Landesherrn die entsprechende Note.

Letztlich waren abseitig gelegene Ortschaften oder Burgen militärisch nicht von großem Interesse bei den Landknechtskompanien, abgesehen von Aufenthalten in der Etappe. Taktische oder strategische Vorteile rechtfertigten nicht den Wert einer unter Umständen mehrtägigen Belagerung, wohingegen die Städte von logistischem Interesse waren. Die Soldateska zog es von hier aus für Raubzüge und in das städtische Umland, ergänzt wurde dies mit Kontributionsleistungen der städtischen Bevölkerung. Werl erfüllt die Voraussetzungen für die Kontributionsleistungen. Die Aufzeichnungen des damaligen Landschreibers Eberhard Hönningh verdeutlichen die Kontributionslast der Stadt, und der „tolle Christian“ spielte dabei eine Rolle. Am Morgen des 8. Januars 1622 waren die kurkölnischen Räte noch voller Optimismus und motivierten die Werler Stadträte, Eingeständnisse von Furcht zu missbilligen. Dies ist dem nachfolgenden Schreiben zu entnehmen, welches am nächsten Tag beim Werler Drosten zu finden ist:

„Köln. Räte in Westfalen, durch Landschreiber Eberhard Hönningh an Stadt Werl: Der Droste (zu Werl) habe Meldung erhalten, wie es mit den Soldaten, Landschützen, Pulver und Loit (=Blei) zu halten sei. Man hoffe, (Werl) werde sich alß getreuwe beruembte Peterlinge undt liebhabere deß Vatterlandts … manhafft erzeigenn, undt nicht leichtsamb erschrecken lassen…“ (St. Peter = Schutzpatron Kölns).“[20]

Am nächsten Tag gab es dahingehend durch den Herzog von Braunschweig einen Sinneswandel der kurkölnischen Räte, sodass der Landschreiber Eberhard Hönnigh eindringlich an die Stadt Werl schrieb:

„Landschreiber Eberhard Hönningh im Auftrag der köln. Räte in Westfalen an die Stadt Werl: Herzog Christian v. Braunschweig habe im Stift Paderborn gehaust und halte sich jetzt in der Stadt Lippe (=Lippstadt) auf, wolle jetzt auch in der Landschaft (=Herzogtum Westfalen) brennen. Zur Abwendung der Drohungen des Herzogs sind 50.000 Rthlr. gefordert. Werl solle dafür 3000 Rt. aufbringen.
PS: Werl sei sicher bekannt, welch hohe Summen Geseke, Westernkotten und Erwitte haben zahlen müssen und gleichwohl Einquartierungen habe erleiden müssen.“
[21]

Hier zeigen die kurkölnischen Räte aber innerhalb von wenigen Stunden einen Sinneswandel, der sprachlich nicht besser in administrativer Verkleidung hätte dargestellt werden können. Beide Schreiben gehören in die Typkategorisierung B und verdeutlichen insbesondere die Vehemenz des Hausierens durch den „tollen Christian“. Zumindest kann man den kurkölnischen Ratsherren keine Abneigung zu ihrer eigenen Landschaft (= Herzogtum Westfalen) attestieren. Zu sehr sind sie auch in sprachlicher Formulierung dem westfälischen Vaterland verbunden (Peterlinge undt liebhabere deß Vatterlandts; Zur Abwendung der Drohungen).

Die Werler waren keine „Peterlinge“ mehr dahingehend, dass durch diese ein Widerstand gegen den Braunschweiger hätte entstehen können. Wie auch anderorts waren in Werl die administrativen Voraussetzungen nicht gegeben, dass einem drohenden Zerwürfnis vor der eigenen Stadt Stand gehalten und der Krieg mit militärischen Mitteln abgewehrt werden kann. Auch die Fürstbistümer Münster und Paderborn, die der Hand des Kurfürsten unterstanden, waren zu keiner Zeit militärisch einflussreich und konnten den (fremdländischen) Landsknechten keinen merklichen Widerstand leisten. Systematische Partisanenaktivitäten, Streifscharen oder Marodeure in der Etappe waren zu keinem Zeitpunkt zu bemerken, ebenso keine Befreiungen einer besetzten Stadt im Westfalenland. Die Bedrohung der plündernden Raubzüge, die am Ende eines Durchmarsches erfolgten, hatten zur Folge, dass die Landesherren die Verhandlung suchten, um Freikäufe zu initiieren. Für sie war klar, dass die Wirtschaft- und Steuerkraft durch anstehende Plünderungen stärker betroffen gewesen wäre. Es war noch nicht abzusehen, dass die Zeitdauer möglicher Zahlungs- und Rüstungsverpflichtungen auch die vom Kurfürsten Ferdinand geführten Defensionsstrategie darstellen würde. Die Voraussetzung für eine Rettung war eine finanztechnische Dauerleistung an Steueraufkommen und Liquidität. Beides war allerdings am Ende des Böhmisch-Pfälzischen Krieges aufgebraucht. Hiermit saß Werl in der Mitte eines Spannungsfeldes aus Furcht vor der ausführenden, unkontrollierten Geldeintreibung bei Zahlungsunwilligen und der vielschichtig verursachten Verkleinerung des heute sogenannten Bruttosozialprodukts der Stadt. Psychoanalytisch gesehen kann dies als eine Erklärung für die ausufernden Hexenverbrennungen angesehen werden, das Bedürfnis der Rache und Vergeltung zu befriedigen, hierzu weiteres im Kapitel 9. Hier spiegelte sich die vorweggenommene Verteidigung des Kurfürsten Ferdinand von Bayern wider. Und diese Verteidigung hatte einen von den Konfessionen losgelösten Charakter.  Nur wenige Tage nach dem Abzug des Welfen Richtung Hessen im Mai 1622 nahmen sich die Protagonisten der Katholischen Liga der Kontributionen in Westfalen an und erhoben ihrerseits an den Werler Magistrat Kontributionen, wie an nachstehender Auflistung einer Naturalienabgabe zu erkennen ist:

„Rechnung des Gerhard von Wickede über Lieferungen an die Stadt, die Dr. Gerhard (Kleinsorgen) und andere Herren wegen Forderungen des Herzogs Christian v. Braunschweig in Soest abgegeben haben (Auszüge):

Wein88q.ad8ß.13Rt.28ß
An die Obristleutnants Gallas und Cortenberg 1 Fuder Wein, das Ohm 18 Rt. 108 Rt. An den Grafen v. Anholt 1 Faß Wein 3 1/2 Ohm 7 Viertel ad18Rt.691/2Rt….[22]

Interessanterweise enthält dieser Auszug einer Rechnung noch den eigentlichen Initiator der Kontribution, nämlich den Protestanten aus Braunschweig, hier nun aber auch mit einer Weinlieferung an den Grafen von Anholt. In dieser Phase des Böhmisch-Pfälzischen Krieges konnten die Werler zumindest drohende Einquartierungen umgehen, da aus militärtaktischen Gründen Städte wie Soest, Paderborn oder Lippstadt konfessionsunabhängig nicht in der üblichen Etappe lagen.

Werl unterlag den Kontributionen, eine finanzielle Belagerung zur Verkleinerung der Handlungsfreiheiten und Gegenfinanzierungen. Zwei weitere Vermerke verdeutlichen die Schwierigkeit für die Werler Verwaltung, die Finanzen aufzubringen, um die angedrohten Belagerungen in Form von Einquartierungen zu vermeiden, durch den Stadtsekretär Cappius beglaubigt:

Um Geld zu bekommen verkauft die Stadt Werl zur Abwendung der angedrohten Einquartierung des Herzogs Christian v. Braunschweig, im Einvernehmen mit den Steiner- und Bahrshöfenern (Einwohner zweier Stadtviertel) an Anton Zories einen abgemessenen Teil der allgemeinen Hode in der Haar („in der rollen mit littera B signiert“) 6 Werlmorgen groß, schießend Osten auf Wilhelm von Bernings Land, im Westen auf den Weg der vor den Beckerskämpen hergeht, im Süden an die Haar (=Stadtwald) im Norden hat Dr. Oger Brandis dieselben sechs Morgen mit 120 Rt. belegt, dieses Land wird nun an Zories für 16 Jahre pacht- und weinkauffrei ausgetan und festgelegt, daß das Land für 125 Rt. wieder eingeköst werden kann.[23]

Koste es, was es wolle“, hieß es sicher in guter Regelmäßigkeit aus dem Werler Ratshaus. Offenbar war die Angst vor der Einquartierung dermaßen, dass in den administrativen Vermerken das darauf zielende Vokabular bereits fest verankert war. Alle Ressourcen mussten veräußert werden, selbst die städtische Allmende. Je nach Intensität oder Absender, können diese charakteristischen Dringlichkeitspassagen für den Typ B oder C nach der Krusenstjernschen Differenzierung Verwendung finden. In den zwanziger Jahren war die Werler Stadtverwaltung der Meinung, dass nach Möglichkeit drohende Einquartierungen vermieden werden sollten. Das rief offenbar schon zu Zeiten Christians von Braunschweig Streit mit anderen Gemeinden aus. Unter dem Stadtkommandanten Dietrich Ottmar von Erwitte war Geseke 1622 die einzige Ortschaft, die sich nicht an den Herzog von Braunschweig auslieferte. Sie versuchte vergeblich über Bittbriefe, die westfälischen Ratsherren in Arnsberg als übergeordnete Verwaltungsinstitution für Westfalen davon zu überzeugen, dass sich Werl an den Kosten der Besatzung verhältnismäßig beteiligen möge.[24] Diese Aktenvermerke von 1623 zur „freundschaftlichen Korrespondenz“ zwischen zwei westfälischen Gemeinden zeigen die Anbiederungen, die aus der Finanznot heraus anrückten.[25] Stadtsekretär Cappius benennt die Geseker auf einem Briefkonzept vom 02. August 1623 noch als „gute Freunde“[26], obwohl bereits im Mai 1623 ein Brandbrief der Geseker veröffentlicht wurde, dies zeigt auch nochmal die Kontributionsmoral der Werler. Möglicherweise resultierte dieser Gemeindekonflikt entweder aus einer unbeabsichtigten Äußerung oder der bewussten Täuschung. Die kölnischen Räte haben am 09. Januar 1622 über den Landschreiber Eberhard Hönningh ausrichten lassen, dass Geseke trotz Rettung von der Einquartierung betroffen ist. Hier ist zu beachten, dass sich die Werler noch einen Tag vor der Salvierungsanordnung als „getreuwe Peterlinge“ und „manhaftt erzeigenn“ sollen gegen den Braunschweiger.[27] Möglicherweise war es auch eine bewusste Erschwerung, um der Enklave Geseke unterschwellig das verändernde Moment des Widerstands zu nehmen als resultierende Amtshandlung aus der kurfürstlichen Defensionsstrategie. So konnte den Werlern das Zurückziehen erleichtert werden. Die Aktenvermerke sind dahingehend allerdings nicht deutlich.

5. Die Hessen kommen

Die städtischen Finanzen in Werl waren bereits ab der Phase des Böhmisch-Pfälzischen Krieges fragil. In einem der vielfachen Akteneinträge wird berichtet, dass der Stadtkämmerer Michael Brandis der Stadt 1623 Reichstaler vorschoss, um die Geseker Kontributionen finanzieren zu können. Die prinzipielle Finanznot wird auch von Stadtbewohnern bezeugt, die der Stadt für verschiedene Kontributionen und Requisitionen Leihgaben zur Verfügung stellen mussten. Die Stadtbediensteten wie der Offizial Dr. Gerhard Kleinsorgen oder der erwähnte Stadtsekretär Barthold Cappius notierten die Schuldforderungen der Werler Bürger wie die des Giriedt von Wickede. Von zeitnahen Abtretungen der Verbindlichkeiten ist nichts herauszulesen, außer von unverbindlichen Absichtserklärungen der Stadtoberen.[28] Dadurch vergrößerte sich der innerstädtische Druck.

Nach Aktenlage hätte es für Werl im Rückzugsgebiet der katholischen Liga während des Zusammenstoßes mit dem Dänenkönig Christian IV. ein finanzielles Problem geben können. Das militärische Vakuum wurde ab 1630 sofort wieder durch Wilhelm V. von Hessen-Kassel gefüllt, er war Angehöriger der protestantischen Union.

Damit begann die Phase der indirekten und direkten Besetzung Werls während des Dreißigjährigen Krieges. Mit Beginn der Kooperation zwischen Hessen und Schweden unter ihrem König Gustav Adolf waren die am Hellweg gelegenen westfälischen Städte der direkten Plünderung ausgesetzt. Zeitgleich operierten in der ersten Hälfte der dreißiger Jahre die Katholiken als militärisches Gegengewicht unter General Graf Gottfried Heinrich zu Pappenheim. Für Werl war die Situation bis 1633 dahingehend ungünstig, dass die Stadt mit erhöhten Salvierungssummen arbeiten musste und durch die kurfürstliche Defensionstaktik, noch Weisungen der übergeordneten Regierung in Arnsberg ausgebreitet, und die Kontributionen und Requisitionen pünktlich und vollständig zu liefern hatte. So erhält der Werler Magistrat am 17. Januar 1632 eine Anweisung des 16. Januar 1632 bezüglich der drohenden Gefährdung durch Marodeure:

Regierung Arnsberg (Landschreiber Winimar Monheim) an Stadt Werl: Eine merkliche Anzahl Volcks von etlichen 1000 Mann zu Fuß und zu Roß ist im Anmarsch, dazu hat die Stadt Werl zu liefern: 10.000 Pfund Brot, 100 Tonnen Bier, 20 Hemmel, 400 Pfund Speck „in aller möglichster eill ohn alle fehl“. Dies ist durch Rechnung zu belegen, da die Landschaft die Kosten erstatten wird.[29]

Diese Anweisung erhält die Bestätigung, dass sich die Landsknechte der Frühen Neuzeit von Brot und Bier ernähren und dies als Standard in der Ernährungskultur ansahen. Hieraus lässt sich aber auch der monetäre Alltag der Stadtoberen (nicht nur für Werl) zeigen, denn zu der Zeit scheint die Namensnennung/Identifizierung der für die Requisition Bevorteilten in den Akten nicht mehr von Belang gewesen zu sein. Wer ist denn diese „merkliche Anzahl Volcks“? Es ist ungewiss, ob es sich um die Hessen oder Anhänger der katholischen Liga handelt. Es lässt sich vermuten, dass hinter der konfessionsunabhängigen Salvierungsanforderung der katholische Befehlshaber Pappenheim stand, der 1632 in Dortmund und Umgebung hausierte. Diese Anweisung fixiert auch den militärischen Endzustand in jenen Jahren, als Sieg und Niederlage im Westfalenland wechselten. „Daran erkenn´ ich meine Pappenheimer“, dieser Ausspruch, der ursprünglich positiv besetzt war, erhielt hier eine negative Wendung bezüglich der Besatzungspolitik in dieser Zeit. Dem Hessen Wilhelm V. wird auch nicht entgangen sein, dass Werl bis dahin von Einquartierungen und finalen Belagerungen betroffen war. Die Ausartung der Besatzung folgte im November 1633, als Artillerieverbände der Hessen vor den Toren Werls lagerten. Am 28. November gab es eine Einigung zwischen der Stadt (als Vertreter war Stadtsekretär Cappius vertreten), dem Obristmajor der hessischen Armee und dem Werler Pastor Kellner.[30] Die Intervention des Pastors erfolgte durch ein starkes Interesse an der Nichtveräußerung der Kirchenglocken, wodurch die religiöse Verbundenheit der Werler und damit auch die Anfälligkeit für religiöse Exzesse deutlich wird.

Eine richtige Eroberung der Hessen hat es also nicht gegeben, sondern vielmehr eine Verständigung. Die Klerikalen im Einzugsgebiet der Stadt besaßen hierfür auch noch genügend Barmittel. Die Restsumme der vereinbarten 500 Reichstalern konnte die Stadt „ohnfeilbar“ mit ihren Methoden der (sicheren) Geldeintreibung mit Karenzzeit von wenigen Wochen begleichen. Die bisherige Strategie wurde so fortgesetzt. Entweder war die Stadtmauer so verteidigungsunwürdig oder den Stadtoberen ging es um die Aufrechterhaltung des negativen Friedens, da so die Bevölkerung aus den drohenden Brandschatzung herausgehalten werden konnte. Die Reserven hierfür waren immer noch vorhanden. Dieser Umstand bedeutete also das Fanal für die hessischen Truppen.

Der Landgraf aus Hessen hatte hier die finanziellen Belastungen zu tragen. Durch den Vertrag von Werben 1631 erhielt er durch die verbriefte Schenkung Gustav Adolfs die Stifte Paderborn und Münster, nach dem Tod des Schwedenkönigs 1632 in der Schlacht bei Lützen stand der Hesse alleine und musste sämtliche Möglichkeiten der Kontribution und Requisition ausschöpfen. Truppenteile des in hessischen Diensten stehenden Generalleutnants Peter Melander waren nun bis 1636 vor Ort einquartiert, um von dort aus in Statthalterschaft des hessischen Landgrafen umlandiges Gebiet zu erobern (u. a. Einnahme Hamms im Mai 1634) und sich dem ligistischen General Lothar Dietrich von Bönninghausen entgegenzustellen. Die im Stadtarchiv vorhandenen Akten zu dieser Zeit sind mit zahlreichen Einträgen über Einquartierungskosten und -listen, Kontributionslisten oder Restantenlisten versehen.[31] Aus diesen Akten heraus wird das Bild vermittelt, dass die Stadtbevölkerung Werls vollumfänglich in das Kontributionssystem der Hessen eingebunden wurden, bis auf die Inhaber der Salva Guardia. Diese Salva Guardia war ein verbriefter Schutz, der prinzipiell Zugriffsfreiheit oder ein freies Geleit zusicherte und für dessen Umsetzung ein Personenschutz abgestellt wurde. Die Marketender oder die Diplomaten konnten über die Ausstellung von Geleitbriefen Grenz –oder Frontlinien passieren. Waren Bewohner von Gebäuden oder Siedlungen im Besitz von Schutzbriefen, blieb die dortige Infrastruktur unbehelligt vor Angriffen. Das Salva Guardia-Privilegium konnte auch auf Körperschaften übertragen werden, verdeutlicht durch die kaiserliche Reichspost unter Thurn und Taxis.[32]

Auch Magistratsangehörige konnten sich dem nicht entziehen, dies ist auch bei Offizial Dr. Kleinsorgen nachzulesen, der den hessischen Obristen Giso aufnahm.[33]

Erschwerend kam nun noch für die Werler Bevölkerung hinzu, dass nicht nur die hessischen Truppenteile logiert werden mussten, sondern auch die Marketender und deren Trosse Kontributionslisten verursachten.[34] Insgesamt schien aber die hessische Besatzung, abgesehen von kleineren Zwischenfällen, nicht die Grundbasis der Stadt angegriffen zu haben. Die Plünderung als Ausuferung der Kontribution sollte noch kommen.

6. Die Glaubensbrüder plündern? … Dies timoris

Für die Werler Bevölkerung, für die katholische Bevölkerung dieser Stadt, hätte es ein denkwürdiger Tag werden können, als das katholische Entsatzheer unter Führung des Grafen Johann von Götzen bei der Rekatholisierung Westfalens die Tore Werls im Spätsommer erreichte. Die Vertreibung des hessischen Landgrafen war hausgemachte Kaiserpolitik. Der Werler Magistrat sowie die Werler Bevölkerung sehnte den Entsatz herbei. Die Forderung nach Steuern und die Geldbeschaffung waren keine beliebigen Operationen, und das brandgeschatze Umfeld formte die bedingte Infrastruktur. Werl blieb am Ende der hessischen Besatzungszeit 1636 eine infrastrukturelle Einöd.

Am Festtag des Erzengels Michael (29. September), dem „Bezwinger Satans“, dem Schutzpatron des Heiligen Römischen Reiches, erhielt Werl nun die hessische Befreiung. Glücklich konnte man nicht sein unter dem Kommando des kaiserlichen Generals von Götzen, denn schon 1630 duldete er unrühmlich im vorpommerschen Pasewalk mehrtägige Brandschatzungen, auch das „Pasewalker Blutbad“ genannt. Zur Plünderung Werls 1636 lesen wir folgenden Aktenvermerk:

Am Tage S. Michaelis Archangeli (=29.9.) 1636 hat die kaiserl. Armee Werl zurückerobert, der Schaden durch die Hessische Einquartierung wird auf 11272 1/4 Rt. beziffert. Am 29.9.1636 ist eine Reiterei von 679 Mann (ohne Bagage gerechnet) in Werl einquartiert worden, welche bis 8.10. von den Bürgern verpflegt wurde. Diese Kosten werden auf 6790 Rt. beziffert. Nach Auszug der Reiterei kamen Dragoner vom 8.10.-16.10 und blieben mit 121 Pferden = 484 Rt. 156 Personen, jede Person tägl. 1 Reichsorth, macht in 8 Tagen 312 Rt.[35]

Insgesamt stehen 6790 Reichstaler Einquartierungskosten für die Teile der Entsatztruppen gegenüber den 11272 Reichstalern an hessischem Schaden aus drei Jahren Besatzung. Entweder erstand hier eine Verrechnung oder von Götzen war seinem Ruf getreu, der Soldateska Brandschatzung zu gewähren. Eine weitere Möglichkeit ist, dass die hessischen Sachschäden auf einem erträglichen Maß geblieben sind, da diese in keiner Relation zu den Schäden durch die Götzenschen Truppen stehen. So ergibt sich in den nachfolgenden Akteneinträgen das „infantile Magdeburgisieren“ der westfälischen Stadt. Dies wird auch in dem Schadbericht des Offizials Dr. Christian Kleinsorgen deutlich:

„Hiemit zu wissen, daß die keiserische Soldaten jungst am negstverlittenen Fest St. Michaelis bei Eroberung der Statt Werll anfangs meinen Hob (=Hof) erstiegen, die Hob- und Haußthuren auch alle Gemacher, Keller, Soller, Kisten, Schreen (=Schrein, Schrank) und Triesoren mit Gewaldt entzweigeschlagen, alles, so darin an Gelde, Silber und Zinnewerk, Fleisch, Butter, Keeß, Speiß, Tranck, Kleidern und Lingewandt furhanden gewesen, ires Gefallens vier oder funff Stunde lang perscrutiert (=durchsucht) und mehrentheilß weggenhomen, auch mir sechs gutte Pferde abhendig gemacht und mein Gesinde, umb mich nachzuweisen, zum hartesten angestrengt, geschlagen und dermaßen gefheret (=gefährdet), daß ich mich neben meiner Haußfrauwen ins offen zu begeben, ohn Leibsgefhar nicht getrawet, sondern uns an einem heimblichen Ort so lang, biß der Her(r) Oberster Kleppinck uns zuletzt selbsten daraus errettet, verbergen mpssen. Und ob ich wol ohnlengst darnach wegen der pestilentzialischen Infection mein Hauß verweichen müssen und also alles, was ich verlohren noch zur Zeit nicht eigentlich p(er) species zu designiren weiß. So halte ichs doch dafür, daß sothaner Schade sich über vier oder funffhundert Reichsthaller erstrecken werde. Geben Werll 10. 9bris (=November) ao 636, Christian Kleinsorgh D(oktor) Richter daselbst Mpp.“[36]

Der Wahrheitsgehalt dieses Berichtes für den 29. September 1636 muss nicht angezweifelt werden. Durch den Kleinsorgschen Bericht, datiert vom 10. November 1636, wird deutlich der Plünderungscharakter vom 29. September aufgezeigt. Die konfessionsunabhängigen Plünderungen und weitere Brandschatzungen waren im Kriegsalltag fest verankert und breiteten sich im Westfalenland aus. Auch die folgende Aktennotiz des Bürgermeisters Dietrich Wrede lassen keinen Zweifel zu, dass am Festtag St. Michaelis die Magdeburger Blutnacht von 1631 im Kleinformat vollzogen wurde:

„(Bürgermeister) Diderich Wrede beziffert seinen Schaden bei der Plünderung seines Hauses, als die kaiserl. Armee am 29.9. 1636 Werl eroberte auf 173 Rt. (1 1/2 Seiten spezifiziert), dann folgt: „Mit wilchen obb(emelten) Porzehelen (=Gegenstände) sie sich nicht ersettigen laeßen können, sondern meine Gotsalige liebe Haußfraw, wilche ohne stoeße und schlegt (=schlicht) ihr leben biß ins 72 Jahr mit ehren zugepracht, in ihrem thotbeth jehmerlich mit Backenstreichen uberfallen, daß sie daruber entrüstet unnd folgendts gestorben“. (…) Rittmeister Creutz sei bei ihm mit 24 Pferden 6 Tage in Logis gewesen. Dem Obristen Haußman 5 Tage kontribuieren müssen. (…)“[37]

Die typischen „Bluthochzeiten“ wie die Bartholomäusnacht 1572 oder die Magdeburger Hochzeit 1631 wurden in Werl so nicht vollzogen. Die Plünderungen der kaiserlichen Soldaten haben nur in geringerem Maße stattgefunden, die Sachschäden in der Stadt riefen die große Verbitterung in der Werler Bevölkerung hervor. Aus einem Brandbrief des Werler Magistrats vom 20. Oktober 1636 ist herauszulesen, dass die Infrastruktur im Kern der Stadt erhalten blieb. Mehrere Kompanien der kaiserlichen Truppen haben Quartier bezogen, Verwundete wurden versorgt, die sogenannte Bagage kündigte sich an und die Exekutionstruppen des verantwortlichen Drosten erhielten Einzug.

Auch hier erfolgt die Bitte um Aufteilung der Kontributionslasten auf mehrere Ämter.[38] Sogar Feldherr von Götzen (der Plünderer selbst!) mahnte die Regierung in Arnsberg mit einem Bittbrief an und erläutert die Situation Werls (Eingang am 06. Oktober 1636):

Stadt Werl an Regierung Arnsberg (durch den Boten Conrad Valentin): präsentiert ein Schreiben des Generalfeldmarschalls Goetz aus dem Feldlager vor Dortmund: Bitte um Sendung von Viktualien und Landschätzen zum Beistand Werls. Die Stadt habe bisher vieles allein bezahlt, was Sache des Landes gewesen wäre.“[39]

Entweder hatte der „Pasewalker Blutrichter“ eine Barmherzigkeit der Werler Bittgesandstchaft entgegengebracht oder die Werler haben die Versorgungsressourcen mit falschen Tatsachen geschmückt. Jedoch verdeutlichen die Brandbriefe an die Regierung in Arnsberg, die Akteneinträge der Stadtoberen, die Korrespondenz mit dem kaiserlichen Generalkommissar und die Requisitionen die verbrauchten Ressourcen der Stadt Werl. Aber auch in dieser Lage gab es keine vollständige Mithaftung für alle Werler Stadtbürger. Die Manifestierung einzelner Privilegien in einer nach wie vor existierenden Ständegesellschaft konnte auch durch die „freie Stadtluft“ nicht abgebaut werden. Am 14. November 1636 ließ der Werler Magistrat, mit Unterschrift des Stadtsekretärs Barthold Cappius, folgendes in Arnsberg anfragen:

 „Bittschrift der Stadt Werl an die westf.Räte: Einige Werler Bürger haben Salvaguardien und wollen für den Unterhalt der Companie des Generalkommissars und (Werler) Drosten nicht zahlen. Stadt ist der Ansicht, daß alle Bürger zahlen müssen. Bitte um Entscheidung.“[40]

Bereits nach einem Tag erhielten die Werler Stadtoberen eine für sie niederschmetternde, aber auch bezeichnende Antwort aus Arnsberg:

Entscheidung der anwesenden Landständ, Arnsberg. Die Salvaguardien schützen vor Einquartierung der Häuser, von den Gütern müssen jedoch alle Bürger ihre Lasten tragen![41]

Gewiss konnte der Magistrat nicht alle Ressourcen nutzen, die in der Stadt noch vorhanden waren, da die „Patrizier“ in der Regel mit der Salva Guardia geschützt waren und Verwertbares deponiert hatten. Dies war aber weniger in den umliegenden Kotten oder Landgütern, diese wurden durch die Raubzüge weitestgehend zerstört.

Zusammengefasst, Werl blieb in Arnsberg unbeliebt und verdächtigt. Mehrmals verwies der Werler Magistrat in Memoranda auf die hohen Kosten für die Schlossgarnision Werl[42], aber Arnsberg zeigte keine Reaktion und lehnte Partizipation ab.[43]

Lag es nun an der langjährigen hessischen Besatzung, in der keine merklichen Widerstände der Werler Bevölkerung aktenkundig ist? Oder lag es an Geseke, die Christian von Braunschweig erfolgreich widerstanden und erst 1633[44] nach mehreren Tagen hessischer Belagerung kapitulierten im Gegensatz zu den belagerungsunwilligen Werlern? Der Geseke Johann Krane wurde sogar von Kaiser Ferdinand II. 1633 zum Reichshofrat in Wien ernannt, der dann später auch als Bevollmächtigter des Kaisers Ferdinand III. am Zustandekommen des Westfälischen Friedens in Münster beteiligt war. Am 15. Oktober 1636 erfolgte ein Treffen der Werler und Kölner Ratsherren im Rathaus in Werl, wo auch die hessische Besatzungszeit thematisiert wurde und die die Frage aufkam, inwieweit noch die Eidbindung an den Kölner Kurfürsten bestehen würde. Den Katholiken war aufgefallen, dass der Werler Magistrat des Öfteren von „kaiserl. Ausplunderungsschaden de Ao 1636 in die S. Michaelis Archangeli (=29.9.1636)[45] sprach. Dies wurde regelmäßig aktenkundig, an den Hessen jedoch wird in den Akten keine Kritik geübt. Zudem widersprachen die Erlebnisse der hessischen Besatzungszeit in Westfalen auch den verhältnismäßig moderaten Situationen in der Besatzungszeit der Stadt Werl. Entweder war es eine Gleichgültigkeit der Werler oder es erhob sich ein nicht in Erscheinung tretender infrastruktureller Revanchismus gegen die Werler als Ausdruck für die jahrelange Kollaboration mit den Protestanten. Bei den Werler Stadtoberen war kein ausgeprägtes Interesse im Herbst 1636 an der Rückeroberung vorhanden. Wie ein Magnet zog es die kaiserlichen Truppen und deren Bagage nach dem 29. September 1636 in die Stadt, um in der hessischen Besatzungshochburg Werl die verzögerte Plünderung zu zelebrieren. Am 12. November 1636 erfolgte dann die indirekte Kapitulation des Werler Magistrats, als in einer Supplicatio an die Regierung in Arnsberg die bevorstehende Zahlungsunfähigkeit der Stadt Werl angekündigt wurde. Schon in den Wochen zuvor mahnte der Stadtmagistrat offensichtlich wegen der überhöhten Kontributionen. Dokumentiert ist dies über die täglichen Brotlieferungen an die kaiserliche Feldartilleriebesatzung, es zeigt die bevorstehende Insolvenz.[46]

Spätestens am 29. September 1636 musste man also aus Werler Sicht konstatieren, dass die konfessionelle Zugehörigkeit nicht mehr gegeben war. Befehlshaber wie von Götzen hatten vermutlich aus taktischen Gründen nur eine beschränkte Erstürmung der Stadt Werl befehligt, um sich hinsichtlich der Operationen gegen den hessischen Landgrafe nicht einer unnötigen logistischen Benachteiligung auszusetzen. Und die Plünderung der Stadtmittel sollte auf absehbare Zeit auch nicht beendet werden. Immer wieder ist von übermäßigen Einquartierungen, Bränden und einer beeinträchtigten Infrastruktur zu lesen, aber in Arnsberg zeigte sich keine Solidarität für die Glaubensbrüder.[47]

7. Unheil über die Stadt – Feuer und Flammen in Werl

Anno Domini 1633 „Charfreytage den 25. Martii“ entstand in der Stadt eine große Feuersbrunst. Hier zeigt sich ein Beispiel einer Verwahrlosung durch die hessischen Soldaten in Werls Besatzungszeit. Soldaten, von dem logierenden Hauptmann Clot, verwahrlosten das Licht, Mellins Haus am Markt geriet in Brand. Das Feuer verbreitete sich mit einer Rapidität, dass es 82 Häuser, das Hospital und Kirchen in Schutt und Asche legte.[48]

Im gleichen Jahr, am 24. Oktober (14. Oktober[49]), wurde die Stadt vom Landgraf zu Hessen mit schwedischer Hilfe umzingelt. Es wurde ein Ultimatum gestellt, die Stadttore zu öffnen. Die Stadt wich aus, sie könne die Tore nicht öffnen, da die Torschlüssel im Besitz der Garnison seien.[50] Vehement wurde die Stadt unter Beschuss genommen, wie Brandis berichtet, der Salzplatz, das Himmelreich und 52 Häuser gerieten in Brand.[51] In einem Schreiben vom Landgraf an die „Königin Elisabeth von Böhmen“ ist zu lesen, die Stadt Werl habe sich „heute“ auf Accord ergeben, das Feuer der Mörser auf die Stadt habe 100 Häuser ergriffen.[52] Die Okkupation von Werl schien von wichtiger Bedeutung zu sein. Die Eroberung führte zu extraordinärer Armut in der Stadt wie Brandis beschreibt:

Waruf dan Ellendt uber Ehlendt erfolgte; daß liebe Brodt gienge ab, also auch daß man daßelbe auß dem Bergischen Lande, und weiter herlangen muste. Die Leuthe versturben  auß Kummer und verwichen in den Krieg oder andere Lande, die Dorffere umbher wurden oede und wüste, daß nit Katz oder Hundt darinnen zu finden. Der Acker pliebe ungebawet und unbesamet, auch dergestalt (daß wolten die arme noch übrige Leuthe anders Lebens- und Contributionsmittele erzwingen) auß Abgang der Pferde, sich Man und Frawen in Kahrren spannen und daß Holtz, umb Gelt darauß zu machen, naher den Saltzwerkeren ziehen und also im bittern Schweiße utunque sich erhalten musten, steets unter Hoffnung, es mogtedoch endtlich wieder beßer werden.[53]

Desgleichen wurde die Stadt in den Jahren 1637 und 1645 von einer  Feuersbrunst heimgesucht.[54] Diese wurden jedoch durch Unachtsamkeit der Werler Bürger initiiert.

8. Die Pest – mortifer res

Die Pest gehörte zu den Merkmalen des Dreißigjährigen Krieges. Zahlreiche Bewohner von Orten und Städten erkrankten und starben an der Pest. Sie wurde durch Flöhe übertragen, die sich auf der Kleidung der Bevölkerung befanden.[55]

Auch der Pesteinfall machte vor Werl nicht halt. 1636 wird diese durch die Truppen erneut eingeschleppt, in der Zeit des Dreißigjähren Krieges wurde Werl 1625, 1631 und 1634 von der Pest heimgesucht.

Wie passend schrieb es 1637 Andreas Gryphius in seinem Gedicht“ Menschliches Elende“ :

„Was sind wir Menschen doch? Ein Wohnhaus grimmer Schmertzen.

Ein Ball deß falschen Glücks, ein irrlicht dieser Zeit.

Ein Schauplatz herber Angst, besetzt mit scharffem Leid.“

Dieses Gedicht charakterisiert das Daseinsgefühl der Menschen, sinisterer Fatalismus bestimmte die Zeit. Brandis beschreibt es für das Jahr 1636:

„Aber die abschewliche Seuche der Pestilentz schluge hinzu, von dem Uberrest noch viele jung und alte Leute auch die stärckiste Männer wegnahme und verschlunge.“[56] 

J. Deneke berichtet:

„Im Hause von Dietrich Papen sei eine verschlossene Kammer gewesen, in der man Möbel, Betten und Kleider aus der früheren Pestzeit unter Verschluß hielt. Der Oberst Kleppinck habe die Tür gewaltsam öffnen und die Kleider an die Soldaten verteilen lasse, obwohl papen ihn über den gefährlichen Inhalt der Kammer aufgeklärt hatte. Der Oberst soll hier geheime Schätze vermutet haben.“[57]

Die Seuche brach also erneut aus. Auch Dietrich von Papen selbst, Bürgermeister von Werl, erkrankte an der Pest und verstarb am 20. Mai des Jahres. In den Ratsprotokollen der Stadt wird nichts Weiteres erwähnt, spartanische Meldungen sind nur in den Rechnungsbüchern zu finden:

  1. April: „Den armen Krancken leuten, so in der Stadt liggen und mitt der Pest verhafft, geben 1m… eine Magt, so ahn der Pest gestorben, zu begrebniß geben 1m“.[58]

Auch im August forderte die Pest noch Opfer, „einem Karrentreiber wurden 6m gezahlt, weil er „etzliche auß der Stadt gefuhrt“.[59]

9. Hexenprozesse – Magie und Zauberei auf den Scheiterhaufen

Die Hexenprozesse stehen ohne Zweifel in Verbindung mit dem Dreißigjährigen Krieg in Westfalen. Für die Zeit des Dreißigjährigen Krieges begannen ab 1628 in Werl die Hexenprozesse. Im gleichen Jahr wurde zudem die Erweiterung der Hexenprozessordnung bestätigt, sodass auch eine Regelung für die finanziellen Aspekte getroffen wurde.[60] Die Quellenüberlieferung bietet hierfür 57 Protokolle, die im Landesarchiv NRW Abteilung Westfalen unter Msc. VI Nr. 264a geführt sind. Die weiteren 17 Verurteilten lassen sich über die Rechnungsbücher der Stadt Werl finden.[61] Die fast vollständig vorhandenen Ratssitzungsprotokolle der Stadt aus diesen Jahren berichten nichts über die Hexenprozesse. Protagonisten der Prozesse waren Dr. Christian Kleinsorgen, Richter und Kommissar für Werl und der Kommissar Heinrich Schultheiß, der zwischen 1641 und 1644 für erneute Verurteilungen verantwortlich war. Insgesamt wurden 73 Menschen zum Tode verurteilt und hingerichtet.[62] Wo lagen nun die Beweggründe für diese Prozesse? Die Lebensbedingungen haben sich durch den Krieg verschlechtert, es gab nicht ausreichend Lebensmittel, die Preise hierfür verdoppelten sich fast. Die Kontributionen konnten nicht mehr alleine vom Magistrat bezahlt werden, sie wurden auf die Bevölkerung ausgelegt. Erschwerend kam noch die Versorgung der Truppen hinzu, diese mussten auch in Zeiten der Hungersnot und finanziellen Schwächen versorgt werden. All dies schürte den Hass und die Rachelust in der Bevölkerung. Es musste ein Verantwortlicher für das Elend gefunden und zur Strafe gezogen werden. Hieraus entstanden nun Gerüchte über Personen, sie hätten durch magische und dämonische Kräfte das Wetter verwünscht, Tiere erkranken lassen und Menschen Schaden zugefügt. Auf dieser Basis wurden sie zum Tode verurteilt und hingerichtet.[63]

10. Schlussbetrachtungen und ein methodisches Resümee

Werl war zu Beginn des Dreißigjährigen Krieges weder eine Finanzkraft in der westfälischen Provinz noch ein wichtiger Punkt für die Aufstellung und Rekrutierung der ligistischen oder protestantischen Truppen gewesen. Werl hatte, trotz der Lage am Hellweg, zu Beginn des Dreißigjährigen Krieges Belastung zu tragen und verfügte über den militärstrategischen Fall der Nichteinquartierung oder eben nur der zeitlich befristeten Verpflegung für Durchmärsche. Das Nichtvorhandensein von Supplikaten (Suppic) oder Memoranda (Memorial) in den Werler Ämtern bis in die Anfangsphase des Schwedischen Krieges (ab 1630) verdeutlicht die konfessionsunabhängigen Kontributionen und Requisitionen. Diese verlangten den Stadtkämmerern wie Michael Brandis punktuelle Übermaße an Verpflichtungen ab. Die Geldakquirierung für die indirekten Besatzungsverpflichtungen erfolgte, auch schriftlich vermerkt, über das Zustandekommen und die Bestätigung über die im Werler Gebiet wohnenden Bürger. Die Erstellung von Rechnungen wurde von den Werler Stadtoberen (meist durch Stadtsekretär Cappius beglaubigt)[64] transparent und ohne Komplikationen vollzogen.

Die Aktenlücke von 1626 ergibt Spielraum für Spekulationen. Möglicherweise war den Stadtoberen in Werl das Agieren des Hexenjägers und -richter Dr. Christian Kleinsorgen, Sohn des Offizials Dr. Gerhard Kleinsorgen, nicht bemerkenswert für eine schadenanhaftende Aktenbemerkung. Die Akten lassen hier jedoch keine Konklusion zu.

Auch die aus den Aktenvermerken herauszulesenden Verhältnisse mit den Landständen in Köln und Arnsberg oder mit der westfälischen Gemeine Geseke sind nicht konkludierbar, da es durch die Akten nicht unmissverständlich klärbar ist.

Das Zusammenspiel aus Täuschung, Missmut, gefühlter ungerechter Beteiligung an Zehrungskosten, Brandbriefen oder auch Verdächtigungen ist in den Korrespondenzen erkennbar. Die Krusenstjernsche Kategorisierung – zumindest für einen Ausschnitt der Werler Administerialkorrespondenz – kann hier weiterhelfen, damit Aussagen zum Grad der Dringlichkeit vollzogen werden können. Diese sind aber noch zu grob skizziert, um im Fazit die „Ego-Dokumentation“ als konklusionswuchtig bezeichnen zu können. Weiteres bleibt auf diesem Gebiet noch abzuwarten. Für ein Gesamtbild muss hierfür eine weitere Aktenarbeit erfolgen, um eine Interpretation durchführen zu können. Warum die unter der Instanz des „tollen Halberstädters“ aufzeigbare Korrespondenz mit Geseke aus den Bestandsakten B02-Kriegslasten genommen oder einfach nicht fortgeführt wurde, bleibt vorerst unbeantwortet. Hier könnte die Durchsicht der Schatzregister im Stadtarchiv Werl (Aktenbestand B01) oder im Landesarchiv Abteilung Westfalen in Münster Klarheit verschaffen.

Für die hessische Besatzungszeit ist außer dem Gesamtschaden am Ende der Zeit nichts Negatives überliefert. Aus den vorliegenden Akten kann kein signifikanter Anstieg der Kontributionen herausgelesen werden. Für weitere Schlussfolgerungen kann eine Arbeit mit den Schatzregisterarchiven aus Arnsberg, Werl oder Herdringen erfolgen. Die Aktenvermerke von 1633-1636 vermitteln das Bild einer notgedrungenen Symbiose im Interesse eines Burgfriedens, um die städtische Infrastruktur nicht in Gefahr zu bringen. Auch hier erfolgt die administrative Abwicklung der Kontributionsleistungen. Sachlichkeit und Nüchternheit war der Alltag von Dietrich Wrede und Barthold Cappius. Ein Arrangement vom 28. November 1633[65] zeigt, dass der Magistrat mit Einbindung des städtischen Pastors die hessische Artillerie von Zielschussübungen abhalten wollte. In dieser Vereinbarung wird indirekt eine Einnahme der Stadt unterstellt, es kann also nicht von einer ausgeprägten Belagerungsmentalität gesprochen werden. Dies konnte der Braunschweiger für sich im Böhmisch-Pfälzischen Krieg nutzen. Als der katholische Feldherr Johann von Götzen eintraf, um den hessischen Landgrafen aus Westfalen zu vertreiben, muss der Abzug der Hessen geordnet und ohne Zwischenfälle abgehalten worden sein. Zumindest sind im Werler Aktenbestand B02 keine hessischen Plünderungen verzeichnet.

Die Plünderungen erhalten erst mit dem 29. September 1636 einen Vermerk, der Tag der Plünderung durch die Konfessionsbrüder. Die Schriften der Werler Magistrate Kleinsorgen und Wrede verdeutlichen den Übergang von einer sachlichen Geschäftsführung zu einer gefühlsbetonten, sogar mit Brandbriefcharakter.[66] Die Grenze für die Ressourcenrestauration war für Werl überschritten die katholischen Ligisten lieferten hierfür den entscheidenden Stoß. Selbst Johann von Götzen, bekannt für seine Bluthochzeiten und Brandschatzungen, zeigte sich mitfühlend gegenüber der Werler Zahlungsunfähigkeit.[67] Die Gegenrechnung von den hessischen Besatzungskosten und dem katholischen Entsatzheer verdeutlichen den großen Sachschaden unter Johann von Götzen am Festtag St. Michaelis 1636.[68]

Die Salvaguardien, bei den Erbsälzern in Werl fest verankert, standen ebenfalls zur Disposition[69], standen aber nicht zur Liquidierung. Über die Motive der Plünderung der Ligisten können die Akten keine Auskunft geben, der Aktenvermerk Bl. 197 zeigt auch das Mitgefühl des Konfessionsbruders Johann von Götzen. Dies steht allerdings in Kontrast, da ohne militärische Aktionen eine klassische Plünderung durchgeführt wurde und das am Festtag St. Michaelis. Eine weitere Aktenarbeit könnte die Motivlage der administrativen und militärischen Ebenen verdeutlichen. Die Genese der Werler Akten ab dem 29. September 1636 veranschaulicht auch die Brutalität in den personalen Interdepenzen der katholischen Liga.

11. Quellen- und Literaturverzeichnis

         11.1 Quellenverzeichnis

Brandis, Hermann: Historie der Stadt Werl, in: Seibertz, Johann Suibert: Quellen der westfälischen Geschichte 1, Arnsberg 1857, S. 43 – 95.

Marcus Tullius Cicero, Philippica V, 5.

Nordrhein-Westfälisches Staatsarchiv Münster (Hrsg.): Der Dreissigjährige Krieg und der Alltag in Westfalen, Quellen aus dem Staatsarchiv Münster (Veröffentlichungen der staatlichen Archive des Landes Nordrhein-Westfalen Reihe C Band 43), Münster 1998

Livius, Ab urbe condita XXXIV, 9.

StA Marburg, 4h Nr. 110, 14.

StA Marburg 4f Pfalz Nr. 314.

StA Werl B02 – Kriegslasten (1584-1816) B8.

StA Werl B02 – Kriegslasten (1584-1816) B9.

StA Werl C II Nr. 7 Bd. 2.

www.archive.nrw.de/LAVNRW/ jsp /findbuch.jsp? verzguid…archivNr =388

 11.2 Literaturverzeichnis

Alt, Peter-Andre (Hrsg.): Friedrich Schiller (1798/2004), Sämtliche Werke: Dramen 2, München 2004.

Asmus, Bärbel: Die Bevölkerung: Entwicklung und Sozialstruktur, in: Denecke, Dietrich; Kühn, Helga-Maria: Göttingen. Geschichte einer Universitätsstadt 1, Göttingen, 1987, S. 161 – 198.

Cunz, Reiner: Gottes Freund, der Pfaffen Feind. Zu den Propagandamünzen des „tollen Christians“, in: Niedersächsisches Jahrbuch für Landesgeschichte 70 (1998), S. 347-362.

Decker, Rainer: Die Hexenverfolgungen im Herzogtum Westfalen, in: Bruns, Alfred: Hexengerichtsbarkeit im kurkölnischen Sauerland, Schmalenberg-Holthausen 1984, S. 189 – 218.

Dekker, Rudolf: Egodocumenten. Een literatuuroverzicht, in: Tijdschrift voor geschiedenis 101 (1988), S. 161 – 189.

Elwert, Georg: Anthropologische Perspektiven auf Konflikt, in: Eckert, Julia (Hrsg.): Anthropologie der Konflikte. Georg Elwerts konflikttheoretische Thesen in der Diskussion, Bielefeld 2004, S. 26 – 38.

Gawlich, Tanja: Der Hexenkommissar Heinrich Schultheiß und die Hexenverfolgung im Herzogtum Westfalen, in: Klueting, Harm (Hrsg.): Das Herzogtum Westfalen 1, Münster 2009, S. 297 – 320.

Kohn, Werner: Hexenjagd in Werl, in: Werl gestern, heute, morgen (1990), S. 7 – 26.

Medick, Hans: Der Dreißigjährige Krieg. Zeugnisse vom Leben mit Gewalt, Göttingen 2018.

Presser, Jacques: Memoires als geschiedbron, in: Brands, Maarten; Haak, Haak (Hrsg.): Uit het werk van Dr. J. Presser, Amsterdam 1969, S. 277 – 282.

Schmidt, Georg: Die Reiter der Apokalypse. Geschichte des Dreißigjährigen Krieges, München 2018.

Schulze, Winfried: Ego-Dokumente. Annäherung an den Menschen in der Geschichte? Vorüberlegungen für die Tagung „Ego-Dokumente“, in: Schulze, Winfried (Hrsg.): Ego-Dokumente. Annäherung an den Menschen in der Geschichte, Berlin 1996 (Selbstzeugnisse der Neuzeit 2), S. 11 – 30.

Tomaschek, Johann Adolf: Die höchste Gerichtsbarkeit des deutschen Königs und Reiches im XV. Jahrhundert, Wien 1865.

Von Krusenstjern, Benigna: Was sind Selbstzeugnisse? Begriffskritische und quellenkundliche Überlegungen anhand von Beispielen aus dem 17. Jahrhundert, in: Historische Anthropologie. Kultur, Gesellschaft, Alltag. Bd. 2 (1994), S. 462–471.

Wilson, Peter: Der Dreißigjährige Krieg. Eine Europäische Tragödie, Darmstadt 2017.

Xylander, Heinrich: Herzog Christian der Jüngere von Braunschweig und Lüneburg (1599-1626). Das Leben eines protestantischen Führers aus dem Beginn des Dreißigjährigen Krieges, Willebadessen 2014.

[1] Brandis, Hermann: Historie der Stadt Werl, in: Seibertz, Johann Suibert: Quellen der westfälischen Geschichte 1, Arnsberg 1857, S. 43 – 95, S. 83 (im Folgenden zitiert als: Brandis, Historie).

[2] Schmidt, Georg: Die Reiter der Apokalypse. Geschichte des Dreißigjährigen Krieges, München 2018 und Wilson, Peter: Der Dreißigjährige Krieg. Eine Europäische Tragödie, Darmstadt 2017.

[3] Medick, Hans: Der Dreißigjährige Krieg. Zeugnisse vom Leben mit Gewalt, Göttingen 2018, S. 12 – 13.

[4] Elwert, Georg: Anthropologische Perspektiven auf Konflikt, in: Eckert, Julia (Hrsg.): Anthropologie der Konflikte. Georg Elwerts konflikttheoretische Thesen in der Diskussion, Bielefeld 2004, S. 26 – 38, S. 26 – 28.

[5] Die Aktenvermerke können unter www.archive. nrw.de/LAV_NRW/ jsp / findbuch.jsp? verzguid…archivNr =388 abgerufen werden.

[6] Brandis, Historie, S. 83.

[7] Presser, Jacques: Memoires als geschiedbron, in: Brands, Maarten; Haak, Haak (Hrsg.): Uit het werk van Dr. J. Presser, Amsterdam 1969, S. 277 – 282, S. 278 und Dekker, Rudolf: Egodocumenten. Een literatuuroverzicht, in: Tijdschrift voor geschiedenis 101 (1988), S. 161 – 189, S. 161.

[8] Schulze, Winfried: Ego-Dokumente. Annäherung an den Menschen in der Geschichte? Vorüberlegungen für die Tagung „Ego-Dokumente“, in: Schulze, Winfried (Hrsg.): Ego-Dokumente. Annäherung an den Menschen in der Geschichte, Berlin 1996 (Selbstzeugnisse der Neuzeit 2), S. 11 – 30, S. 19 – 21.

[9] Von Krusenstjern, Benigna: Was sind Selbstzeugnisse? Begriffskritische und quellenkundliche Überlegungen anhand von Beispielen aus dem 17. Jahrhundert, in: Historische Anthropologie. Kultur, Gesellschaft, Alltag. Bd. 2 (1994), S. 462–471, S. 463 (im Folgenden zitiert als: Von Krusenstjern, Selbstzeugnisse).

[10] Von Krusenstjern, Selbstzeugnisse, S. 464.

[11] Von Krusenstjern, Selbstzeugnisse, S. 465.

[12] Der damalige Fürstbischof von Paderborn, Dietrich von der Recke, bezeichnete am 8. April 1622 in einem Brief den Herzog erstmals als „dollen Bischoff“. Nachzulesen ist dieser Vermerk bei von Xylander, Heinrich: Herzog Christian der Jüngere von Braunschweig und Lüneburg (1599-1626). Das Leben eines protestantischen Führers aus dem Beginn des Dreißigjährigen Krieges, Willebadessen 2014, S. 101.

[13] Cunz, Reiner: Gottes Freund, der Pfaffen Feind. Zu den Propagandamünzen des „tollen Christians“, in: Niedersächsisches Jahrbuch für Landesgeschichte 70, Hannover 1998, S. 347-362, S. 354.

[14] Livius, Ab urbe condita XXXIV, 9.

[15] Alt, Peter-Andre (Hrsg.): Friedrich Schiller (1798/2004), Sämtliche Werke: Dramen 2, München 2004, S. 319.

[16] Decker, Rainer: Die Hexenverfolgungen im Herzogtum Westfalen, in: Bruns, Alfred: Hexengerichtsbarkeit im kurkölnischen Sauerland, Schmalenberg-Holthausen 1984, S. 189 – 218, S. 199.

[17] Schmidt, Georg: Die Reiter der Apokalypse. Geschichte des Dreißigjährigen Krieges, München 2018, S. 28 – 30.

[18] Marcus Tullius Cicero, Philippica V, 5.

[19] Nordrhein-Westfälisches Staatsarchiv Münster (Hrsg.): Der Dreissigjährige Krieg und der Alltag in Westfalen, Quellen aus dem Staatsarchiv Münster (Veröffentlichungen der staatlichen Archive des Landes Nordrhein-Westfalen Reihe C Band 43), Münster 1998, S. 70.

[20] StA Werl B02 – Kriegslasten (1584-1816) B8, Bl. 19.

[21] StA Werl B02 – Kriegslasten (1584-1816) B8, Bl. 17,17a,18.

[22] StA Werl B02 – Kriegslasten (1584-1816) B8, Bl. 16.

[23] StA Werl B02 – Kriegslasten (1584-1816) B8, Bl. 23.

[24] StA Werl B02 – Kriegslasten (1584-1816) B8, Bl. 53-54.

[25] StA Werl B02 – Kriegslasten (1584-1816) B8, Bl. 33 (34), Bl. 40, Bl. 49.

[26] StA Werl B02 – Kriegslasten (1584-1816) B8, Bl. 29.

[27] StA Werl B02 – Kriegslasten (1584-1816) B8, Bl. 19.

[28] StA Werl B02 – Kriegslasten (1584-1816) B8, Bl. 32, Bl. 35, Bl. 38 und Bl. 52.

[29] StA Werl B02 – Kriegslasten (1584-1816) B8, Bl. 81.

[30] StA Werl B02 – Kriegslasten (1584-1816) B8, Bl. 86.

[31] StA Werl B02 – Kriegslasten (1584-1816) B8, Bl. 87a-177a.

[32] Tomaschek, Johann Adolf: Die höchste Gerichtsbarkeit des deutschen Königs und Reiches im XV. Jahrhundert, Wien 1865, S. 89 – 91.

[33] StA Werl B02 – Kriegslasten (1584-1816) B8, Bl. 109-109v.

[34] StA Werl B02 – Kriegslasten (1584-1816) B8, Bl. 87a und b.

[35] StA Werl B02 – Kriegslasten (1584-1816) B8, Bl. 186-186v.

[36] StA Werl B02 – Kriegslasten (1584-1816) B8, Bl. 209.

[37] StA Werl B02 – Kriegslasten (1584-1816) B8, Bl. 189.

[38] StA Werl B02 – Kriegslasten (1584-1816) B8, Bl. 199.

[39] StA Werl B02 – Kriegslasten (1584-1816) B8, Bl. 197.

[40] StA Werl B02 – Kriegslasten (1584-1816) B8, Bl. 178.

[41] StA Werl B02 – Kriegslasten (1584-1816) B8, Bl. 178v.

[42] StA Werl B02 – Kriegslasten (1584-1816) B8, Bl. 67-70 Bl. 202-205.

[43] StA Werl B02 – Kriegslasten (1584-1816) B8, Bl. 210.

[44] Noch heute erfolgt als Erinnerungskultur in Geseke jedes Jahr die Lobetagsprozession am dritten Sonntag nach Ostern.

[45] StA Werl B02 – Kriegslasten (1584-1816) B8, Bl. 220-222v, (223-224), 225v.

[46] StA Werl B02 – Kriegslasten (1584-1816) B8, Bl. 194a und 196.

[47] StA Werl B02 – Kriegslasten (1584-1816) B9, Bl. 8-8v.

[48] Brandis, Historie, S. 84.

[49] 15. Oktober. Die Hessen hatten den Gregorianischen Kalender nicht angenommen, ihre Datierungen sind 10 Tage früher.

[50] StA Marburg, 4h Nr. 110, 14 fol. 1.

[51] Brandis, Historie, S. 84.

[52] StA Marburg 4f Pfalz Nr. 314 fol. 5.

[53] Brandis, Historie, S. 85.

[54] Brandis, Historie, S. 85-86.

[55] Asmus, Bärbel: Die Bevölkerung: Entwicklung und Sozialstruktur, in: Denecke, Dietrich; Kühn, Helga-Maria: Göttingen. Geschichte einer Universitätsstadt 1, Göttingen, 1987, S. 161 – 198, S. 164.

[56] Brandis, Historie, S. 83.

[57] Preising, Rudolf: Werl im Jahrhundert des Dreißigjährigen Krieges, Werl, S. 55. Anzumerken ist, dass Preising zu diesem Zitat eine Quelle angibt, die so nicht nachvollzogen werden kann.

[58] StA Werl C II Nr. 7 Bd. 2 fol. 166 – 167.

[59] StA Werl C II Nr. 7 Bd. 2 fol. 133r.

[60] Gawlich, Tanja: Der Hexenkommissar Heinrich Schultheiß und die Hexenverfolgung im Herzogtum Westfalen, in: Klueting, Harm (Hrsg.): Das Herzogtum Westfalen 1, Münster 2009, S. 297 – 320, S. 302.

[61] Kohn, Werner: Hexenjagd in Werl, in: Werl gestern, heute, morgen (1990), S. 7 – 26, S. 7 (im Folgenden zitiert als: Kohn, Hexenjagd).

[62] Kohn, Hexenjagd, S. 24.

[63] Kohn, Hexenjagd, S. 13 – 14.

[64] StA Werl B02 – Kriegslasten (1584-1816) B8, Bl. 16.

[65] StA Werl B02 – Kriegslasten (1584-1816) B8, Bl. 86.

[66] StA Werl B02 – Kriegslasten (1584-1816) B8, Bl. 189, 200 und 209.

[67] StA Werl B02 – Kriegslasten (1584-1816) B8, Bl. 197.

[68] StA Werl B02 – Kriegslasten (1584-1816) B8, Bl. 186r-v.

[69] StA Werl B02 – Kriegslasten (1584-1816) B8, Bl. 178.

Stellungnahme zu dem in den Niederlanden veröffentlichtem Buch „Felix von Papen. Eeen von papen spreekt“.

2017 wurde in den Niederlanden das Buch „Felix von Papen. Een von papen spreekt“ veröffentlicht. In diesem wurde sich auch mehrfach auf meine Veröffentlichung „Die vergessene Geschichte des Felix Maria Michael von Papen“ bezogen, diese wurde jedoch unzureichend und auch teilweise falsch zitiert. Meine Meinung wurde unkorrekt wiedergegeben und unzulässig ergänzt.

Hier ist besonders auf die getätigte Darstellung des Buches auf Seite 29/30 einzugehen: „Volgens seithe was het goed mogelijk dar erst de SA, later de SS als een soort pandobject heeft gebruuikt om de loyalität van Franz af te dwingen.“ Die fett gedruckten Äußerungen sind unzutreffend. In meiner Veröffentlichung habe ich aufgeführt: „Gut möglich ist, dass Felix von Papen aus Sicht der Nationalsozialisten als Faustpfand missbraucht wurde, um die Loyalität des Vizekanzlers Franz von Papen zu sichern.“ Damit steht insbesondere fest, dass der Verweis auf die Naziorganisationen „SA“ und „SS“ in meiner Darstellung, die mit meinem Namen in Verbindung gebracht wird, nicht auftaucht und auch von ihrem Sinn her nicht rechtfertigt. Der Verlag wurde meinerseits aufgefordert, für bereits gedruckte, aber noch nicht in Umlauf gebrachte Buchexemplare entsprechende Einlagen vorzunehmen, ferner für künftige Auflagen eine entsprechend richtige Zitierweise zu beachten und dies schriftlich zuzusichern. Eine Zusicherung seitens des Verlages erfolgte am 13. Februar 2018.

Samantha Seithe 

Legende der Grafenburg in Werl

Legende der Grafenburg in Werl

Mansio comitis …

eine Anmerkung zur Burg der Grafen von Werl

Um sich den Möglichkeiten zur Kommentierung hinsichtlich der Behausung/Wohnung der Grafen von Werl zu nähern, verbleibt nur der Blick in die bis dato vorliegenden Urkundensammlungen aus den Interessenssphären der Grafen von Arnsberg- Werl oder der Erzdiözese Köln. Das Grafengeschlecht derer zu Werl gehörte im Hochmittelalter zu den wichtigen Akteuren des Altreiches im norddeutschen Raum, ihre vermeintlichen Ahnenbeziehungen zu den Karolingern und zu den Liudolfingern waren prädestiniert für die innere Gesellschaftsschicht im Personenverbandsstaat unter den ersten deutschen Königen im 10. Jahrhundert. Alleine durch die Heirat des Grafen Hermann I. von Werl mit der burgundischen Prinzessin Gerberga am Ende des 10. Jahrhunderts stiegen die Werler Grafen in die höhere Gesellschaftsschicht des teutonischen Adels auf. Aber trotz der vermeintlichen Etablierung in die Ereignisgeschichte des Altreiches, explizit im westfälischen Territorium, verbleiben auffällige Erkenntnislücken bezüglich personeller Netzwerke und Wohnorten bei den Werlern.

Der archimedische Punkt für die dann entstehenden Ambiguitäten und Lücken ist ein Sammelsurium an Thesen, die durch die entsprechende Literatur festgesetzt werden. Aber das Thesenkonglomerat zu den Werlern, insbesondere in der Emanzipationsphase der späteren Herzogtümer auf ostfränkischem Boden um 900, vergrößert unwillkürlich das ohnehin schwierige Areal an Annahmen.

Ist nun ein gewisser Hermann um die Mitte des 9. Jahrhunderts der Spitzenahn des Werler Grafengeschlechts? Und in welcher genealogischen Beziehung steht er zu dem Hermann I., der zu Beginn des 10. Jahrhunderts als „venerabiles comes“ („ehrwürdiger Graf“) den Konradinern und Liudolfingern diente? War es nicht gerade dieser Hermann I., der spätestens seit Johann Suibert Seibertz als Erbauer der Werler Burg angesehen wird? Übrigens, es handelt sich hier um eine Burg, die nach jetzigem Erkenntnisstand keine
Hinterlassenschaften aufzeigte für eine Landesburg, sondern vielmehr um eine Grafenburg, die als Wohnort von den Grafen von Werl ab dem 10. Jahrhundert genutzt wurde. Sie ist nicht zu verwechseln mit der Landesburg, also dem Schloss, das auf Betreiben des Erzbischofs von Köln Hermann V. von Wied als Residenz der Erzbischöfe 1519 auf dem heutigen Gebiet des Ursulinen-Gymnasiums errichtet wurde. Nun aber „Ad fontes“ – „Zu den Quellen“!

Mansio comitis … intra vel ante portas?

Das Haus der Grafen … innerhalb oder vor den Toren?

Es ist kein Wagnis anzunehmen, dass in der späten Ottonen- und frühen Salierzeit die Grafen von Werl und späteren von Arnsberg eine für sie adäquate Behausung nutzten. Werl als Bastion am Hellwege diente sowohl als Brückenkopf in das Münsterland als auch strategisch günstig gelegen im Spannungsraum der Rivalitäten zwischen den Marker Grafen und den Erzbischöfen aus Köln. Der auf jedem fachlich fundierten Itinerar eingezeichnete Versorgungsstützpunkt musste im Reisekönigtum schon mit dem Habitus des Standesgemäßen aus Sicht des Landesherren aufwarten mit einem architektonisch passendem Gut. Abgenutzte Zeltplanen, erodierende Lehmbauten oder morsche Holzkaten passten damit nicht in das Selbstverständnis und in das Panorama der Werler Hausherren.

In der Literatur (Mehler, Msgr. Preising, Prof. P. Leidinger, W. Leidinger) zur Werler Stadtgeschichte wird stets diese geheimnisumworbene Burg oder Behausung der Werler Grafen aus der Zeit der Ottonen in die Nähe des Werler Marktes verortet („curtis dicta Aldehof“). Schriftliche Belege oder architektonische Überreste fehlen jedoch für diese Lokalisation oder können nicht die Funktionalität als Grafenbehausung vorweisen. Was nicht fehlt, sind die Verweise auf die Behausung der Arnsberger Grafen, also der Werler Grafen. Aus der Regestensammlung der Kölner Erzbischöfe und dem Westfälischen Urkundenbuch ist es deutlich herauszulesen aus einer Domstiftsurkunde mit der Notation Nr. 2/917; Regest: REK IV Nr. 903 und WUB 11 Lieferung 2 Nr. 1098: (1314-1315) Klagepunkte des Kölner Erzbischofes Heinrich gegen den Grafen Engelbert von der Mark. Zu Beginn des 14. Jahrhunderts einigten sich als Folge des Limburger Erbfolgestreits die Streitparteien um den Marker Grafen Engelbert II. und den Kölner Erzbischof Heinrich II. von Virneburg auf eine Entschädigung wechselseitiger Ansprüche, die sich aus den ständigen Scharmützeln zwischen den Marker Grafen Eberhard I. und Engelbert II. und den Kurkölnern Wigbold von Holte und Heinrich II. von Virneburg ergaben. Eine dieser Genugtuungen war nun einmal eine Gegenleistung für die zerstörte Behausung des Arnsberger Grafen durch den Marker Grafen Eberhard I. („…mansionem comitis de Arnsberg… prope Werle sitam sine iudicio violenter destruxit, …„). Ob es sich dabei um eine Behausung größeren Ausmaßes handelte oder die Behausung vollständig der Schleifung unterzogen wurde, geht aus dem Einigungsvertrag nicht hervor, aber in der Formulierung prope Werle (bei/nahe Werl) nutzten die secretarii sicherlich nicht unscharfe adverbiale Bestimmungen oder Präpositionen zur Kenntlichmachung einer räumlichen Nähe. Und damit kann prope eindeutig als Nutzung für die räumliche Nachbarschaft zugeordnet werden, also ante portas (vor den Toren!). In diesem beschwerlichen Vertragswerk kann prope nur in der obligatorischen Bedeutung Verwendung finden, also gilt damit die Behausung der Werler Grafen als den Arealen außerhalb der Werler Stadtmauern zugeordnet. Prof. Paul Leidinger äußerte sich 2019 diesbezüglich wie folgt: „Das eröffnet neue Perspektiven für die Stadtgeschichte (…). Es wird die Werler Frühgeschichte neu bestimmen können!“

Der Pferdekopf auf dem Hillefeld bei Welver. Ein archäologisches Interpretationsreservoir?

Der Pferdekopf auf dem Hillefeld bei Welver. Ein archäologisches Interpretationsreservoir?

 

Inhaltsverzeichnis

Proömium

Die Pferdebestattungen sind keine Marginalie!

Analogien im altsächsischen Raum

Ein Potpourri an Leitfragen für den Pferdeschädel vom Hillefeld

Ein sagenhaftes Parergon

Tacheles zum Epilog

Anhang

Literaturverzeichnis

Hyperlinks

Abbildungskatalog

Abbildungsverzeichnis

Proömium

Die Pferdeopfer, die in dieser Schrift ex definitione vornehmlich als rituelle Pferdebestattungen betrachtet werden, gehören als Sekundärbestattungen – wenn auch im marginalen Modus – thematisch in die Gräberarchäologie und den Totenkult der Vorgeschichte, der Antike und des Mittelalters. Die in der heutigen autonomen Republik Tuwa in Sibirien beheimatete spätbronzezeitliche Aldy-Bel-Kultur, die Skythen in den eurasischen Steppen Südrusslands und der Ukraine, also allgemein der Skythisch-sakische Horizont, oder die späthelladische Periode kannten diesen Ritus. Aus den niedersächsischen Siedlungskammern Rullstorf, Emstek-Drantum und Wulfsen oder aus dem niederösterreichischen Stillfried an der March sind Pferdeopfer dokumentiert. Neben archäologischen Überresten können auch die Fragmente einstiger Tieropferriten im religiösen Alltag oder allgemein die Darstellung von Tieropferszenen auf überlieferten ikonischen Materialien die über die Zeitepochen hinweg gängigen Bestattung veranschaulichen. Denken wir hier nur an das Bukranion, das bereits im Hellenismus und in der römischen Antike in plastischer oder ikonischer Ausführung zum standardisierten Dekorationsaccessoire gehörte. Auch für die zahlreichen Hieromanten und Chaldäer im Alten Orient und in der klassischen Antike ist das Extiszipin belegt. Ritualisierte Opferungen werden bis heute in den Weltreligionen praktiziert, mit dem Matagh in Armenien, am indischen Kalighat-Tempel oder durch den islamischen Eid ul-Adha kardinal veranschaulicht.

Die Pferdeopfer gehören expressis verbis als von den Zeitepochen losgelöste transnationale Konstante hinsichtlich der Tieropferriten aufgeführt und in den Diskurs getragen. Betrachten wir das vedische Ashmavedha, als dediziert den indischen Königen bei deren Königskrönungen oder -bestattungen ein Pferd geopfert wurde, neigt sich den Diskursteilnehmern als ostensive Konklusion der Argumentationsgriff entgegen, die Rossopfer auf das jeweilige Establishment zu fokussieren. Und in der Tat, das Ashmavedha-Opfer war im indischen Kulturkreis stets dem Radscha vorbehalten oder erhielt durch die Honoratioren eine Renaissance, wie unter Maharajadhiraja Samudragupta aus der nordindischen Gupta-Dynastie im 4. Jahrhundert unserer Zeitrechnung geschehen. Ganz der Verbreitung und dem Wesen der indogermanischen Sprachfamilie Rechnung getragen, werden ähnlich gelagerte Rossopferzeremonien auch bei den Turkvölkern oder in Kontinentaleuropa von hochgestellten Persönlichkeiten initiiert worden sein. Ob Primär- oder Sekundärbestattungen, Einzel- oder Mehrfachbestattungen oder das Rossopfer als Ausdruck regaler Bestattungsriten, die Affinität nach dem deutschen Philosophen Jakob Friedrich Fries muss vorgelegen haben, nicht nur in der Intention, sondern auch – der Archäologie Genüge zu tun – in der Plastizität der Überreste. Und hier setzt der archimedische Punkt meiner Ausarbeitung an.

Das Hillefeld gehört verwaltungstechnisch zur Verbandsgemeinde Welver, im Landkreis Soest gelegen. Es handelt sich dabei um eine Flurparzelle im Süden der Gemeinde Scheidingen. 2015 wurden auf dem Hillefeld unter der Regie des Landschaftsverbandes Westfalen Lippe, Archäologie für Westfalen (LWL) Ausgrabungen durchgeführt hinsichtlich der Dokumentation mittelalterlicher Besiedlungsspuren in Ausmaß, Form und daraus ableitender Funktionalität. Im Fokus dortiger archäologischer Aktivitäten stand im Sommer 2015 ein Grundmauerzug, den es galt freizulegen. Während dieser archäologischen Tätigkeiten konnte in einer Abfallgrube ein Pferdekopf – in den Ausmaßen fast schlechthinnig erhalten –  ausgegraben und dokumentiert werden. Bisher konnten weder fachliche Diskurse, gar dezidierte Versuche dahingehend, noch evidente literarische Annäherungen bezüglich jedweder Interpretationen zur Präsenz dieses Biofaktes perzipiert werden. Billigermaßen? Ich will den Versuch unternehmen, über ausgewählte Exempla Analogien aufzuzeigen, um diesen Pferdeschädel nach archäologischen und historischen Gesichtspunkten argumentativ in das Potpourri belastbarer Zuordnungen integrieren zu können. Der Pferdeschädel soll sich vom bloßen Dokumentationsstatus emanzipieren und als Rückgriffbiofakt für das Explizieren von komplexen Zusammenhängen im Scheidinger Umland dienlich sein. Um der Übersichtlichkeit, der Stoffrelevanz und dem Objektivismus einer Ausarbeitung Genüge zu leisten, werden als thematischer Restriktionsrahmen die Konzentration auf das altsächsische und mainfränkische Einzugsgebiet statuiert und die Argumentation nivelliert geführt zur Vermeidung ekstatisch-dogmatischer Argumentationsketten.

Methodisch ist dabei der Werdegang vom Allgemeinen zum Speziellen eine Notwendigkeit hinsichtlich der Charakterisierung eines Pferdeschädels. Das Aufzeigen von (über-)regionalen Analogien und übereinstimmenden Parametern – sofern sie denn existieren – erleichtert die Zuordnung oder die eben aus der Abwägung heraus resultierende Verneinung einer Funktionszuordnung für den Hillefeldschen Pferdeschädel. Der Anspruch auf Vollständigkeit im Aufzeigen von Analogien ist aber keine Zielkomponente dieser Ausarbeitung, denn der Plastizität wegen bedarf es einer didaktischen Reduktion. Wenn ich ein Biofakt, ein Überrest allgemein der Adjunktion zuführe, bedarf es dabei idealiter objektiver Parameter zur Eingrenzung oder Identifikation bezüglich der Zeit- und Kulturepochen. Die Krux mit dem Hillefeldschädel liegt dabei im Tatbestand des Nichtvorliegens direkter Bezugsgrößen, da die Befundmasse exzeptionell und autark auf einer Ackerfläche vorzufinden war. Lediglich die angrenzenden Überreste von Besiedlungsspuren und Biofakten geben Halt in den Interpretationsansätzen für mögliche Funktionalitätszuordnungen. Daher legt die Ausarbeitung den Akzent auf das Setzen von Signifikanzen und Konklusionen aus den Besiedlungsspuren und dem abseits gelegenen Pferdeschädel. Sine ira et studio, dieses für Diskurse notwendige Kriterium in Darbietung und Beantwortungsszenarien eines (selektiven) Leitfragenkonglomerates ist der eigene Anspruch für diese Ausarbeitung. Die nie unsichtbare Diskrepanz besitzt dabei eine pikante, persönlich motivierte Note, denn thematisch können von mir initiierte und eigene archäologische Tätigkeiten integriert werden in die Ausarbeitung. Autochthone Beatifikationen werden aber nicht skizziert.

Samantha Seithe

 

Die Pferdebestattungen sind keine Marginalie!

Zunächst soll ein Abriss über diese Biofakte das Bewusstsein stärken für die Legitimation im merklichen Befundkatalog der Archäologie. Und einige Pferdebestattungen sind in der archäologischen Befunddokumentation vorlegbar. In Kontinentaleuropa waren die Pferdegrabriten bis in das Hochmittelalter hinein präsent. Waren in der Spätantike Pferdebestattungen überwiegend in Pannonien, im Bulgarenreich, in Thüringen und den alamannisch-bajuwarischen Einzugsgebieten zu beobachten, expandierte der Pferdegrabritus zunehmend über den kompletten Herrschaftsbereich der Merowinger und konnte sich auch in Mainfranken oder im Südwestfälischen etablieren. Es ist anzunehmen, dass diese heidnische Sitte im Rahmen der Völkerwanderungsbewegungen in den gallorömischen und rechtsrheinischen Siedlungsgebieten entweder durch ein Oktroy oder durch die Synthesis Platz fanden in den Regularien der Bestattungsriten. So ist auch zu erklären, dass es gerade die Nachfahren der heidnischen Sachsen waren, die bis in das 11. Jahrhundert diesen Grabritus praktizierten, sozusagen als theodiske Plastination des Ursprünglichen, des den romanisierten Germanen und Franken Konträrem. In Anspielung auf die romanisierten Bevölkerungsgebiete kann man dann aber auch Tacitus heranziehen, der schon davon berichtete, dass die Germanen in den Pferden die Vermittler von Vorzeichen und Weissagungen sehen würden. Wie heißt es doch treffend an der entsprechenden Stelle im 10. Kapitel der Germania zum öffentlichen Leben:

Et illud quidem etiam hic notum, avium voces volatusque interrogare; proprium gentis equorum quoque praesagia ac monitus experiri.[1]

Abbildung 1: Das Pferdegrab von Wulfsen.

Der Ur- und Frühhistoriker Michael Müller-Wille dokumentierte bereits in den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts beinahe über 250 Reihengräberfelder mit Pferde- und Pferdeteilbestattungen, wobei geographisch der altsächsische Raum majorativ vertreten ist. Alamannen, Bajuwaren und Rheinfranken waren dem quantitativ nachgelagert. Und Gräberfelder wie das im niedersächsischen Wulfsen (Abb. 1) waren da noch nicht aufgenommen. Auch die Anzahl der bestatteten Pferde ist facettenreich und nicht nach Regularien in der statistischen Masse kategorisierbar.[2] Die Einzelbestattungen ragen deutlich hervor, die Mehrfachbestattungen sind majorativ im geographischen Gürtel vom Friesländischen in das Anhaltinische anzutreffen. Die Dreifachbestattungen sind nicht als statistischer Ausreißer zu interpretieren ob ihrer quantitativen Marginalität, aber zahlenmäßig unterrepräsentiert, jedoch geographisch im Altsächsischen behei

Abbildung 2: Die dem „Fürstengrab von Beckum“ zugeordneten Pferdegräbern.

matet (Beckum in Nordrhein-Westfalen, Wulfsen in Niedersachsen, Griefstedt in Thüringen). Die profane Einschachtung war dabei die obligatorische Bestattungsmethode, konnte jedoch bautechnisch auch Transnormalitäten aufweisen, so zu beobachten auf den westfälischen Gräberfeldern von Beckum (Abb. 2) und Bremen-Ense mit holzverkleideten Gruben. Auch Kreis- und Rechtecktgräben als Umwallungen oder Pfostenanlagen sind dokumentiert.[3]

Und die Ausrichtung der Pferde? Auch hier gibt die statistische Masse keine signifikante Kategorisierung preis. Aufgestützte Köpfe, Bestattungen mit rechts- oder linkslagiger Rumpfausrichtung, Bauch- oder Rückenlage und Ausrichtungen nach allen Himmelsrichtungen können sind dokumentiert. Lediglich in Clustern kann man schwerpunktmäßig im alten Sachsen nach Regionen die Ausrichtung angeben, die aber versetzt sind mit zahlreichen statistischen Ausreißern. So kam im alten Ostsachsen, also in Teilen des heutigen Mitteldeutschlands, schwerpunktmäßig die Ost-West-Ausrichtung zum Einsatz, in Engern und Westfalen dagegen majorativ die Nord-Süd-Ausrichtung zum Vorschein.  Allerdings liegt in toto dieser Einteilung keine sklavische Kategorisierung zugrunde, denn das Vorhandensein mehrerer Bestattungsrichtungen ist in allen altsächsischen Gebieten anzutreffen, auf dem Gräberfeld von Grone in Niedersachsen sogar mehrere Bestattungsrichtungen. Geschlechtsspezifische Kategorisierungen sind nur bedingt möglich, da osteologische Analysen nicht für alle Befunde vorliegen. Wo osteologische Befunde vorliegen, kann klar ein Votum für den Hengst oder für den Wallach gegeben werden. Aber auch hier können weibliche Exemplare nicht ausgeschlossen werden, wie im sachsen-anhaltinischen Schönebeck schon in den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts vom Museologen Wolfgang Wanckel aufgezeigt wurde. Auch im brandenburgischen Gröditsch (Abb. 3)

Abbildung 3: Pferdegrab aus Gröditsch, Bef. 35.

wurden 2001 neben Rindern trächtige Stuten und ein Fohlen entdeckt. Darüber hinaus wurde dort ein ausgewachsenes Pferd dokumentiert, dass mit unter dem Körper angewinkelten Beinen in einer in Nord-Süd-Ausrichtung gelegenen Grube lag.[4]  Die Spannweite hinsichtlich des Alters ist jedoch ungewöhnlich hoch. Das oberbayerische Wielenbach kann ein halbjähriges Fohlen vorweisen, das niedersächsische Grone ein mehr als rüstiges Exemplar von stattlichen 20 Jahren. Um robust sich den statistischen Ausreißern entgegenzustellen, kann auch der Modalwert Verwendung finden für diese statistische Masse und irgendwo zwischen vier und acht Altersjahren platziert werden für die Bestattungspferde. Die partiellen Pferdebestattungen – und hier zählt Hillefeld zu den Kandidaten – treten untergeordnet in Erscheinung. Verena Freiin von Babo zählt beispielsweise ohne Berücksichtigung des Hillefeldes 26 Kopfskelettbefunde in ihrer Dissertation von 2004 auf.[5]

Um der Nennung aller Besonderheiten gerecht zu werden, auch Knochen anderer Tiere sind als Beigaben in Pferdegräbern dokumentiert, oft im Zusammenhang mit der Dekapitation der Pferde. Nehmen wir das unterfränkische Zeuzleben. Anfang der achtziger Jahre im 20. Jahrhundert kamen bei Erdarbeiten markante Bodenverfärbungen – also ein klassischer Indikator für verfüllte Grabschächte – zum Vorschein und gaben die Initialzündung für eine systematische Bodenanalyse. Das Ergebnis war ein frühgeschichtliches Gräberfeld mit Menschen- und Tiergräbern. Die Pferde waren größtenteils enthauptet, Hundegräber den Menschengräbern beigefügt. Da zahlreiche Tierknochen auch zur Befundmasse der Menschengräber gehören, liegt die Vermutung nahe, hier eine rituelle Begräbnisstätte anzusetzen oder zumindest die enthaupteten Pferde als elementaren Bestattungsritus zu interpretieren. Auffallend ist dabei – und zugleich als Verstärkung geeignet für die These des rituellen Bestattens – die Beobachtung auf dem Zeuzlebener Gräberfeld, dass in einem Grabschacht ein menschliches Skelett unterhalb eines vollständigen Pferdeskelettes lag.[6]

Das ebenfalls in Unterfranken gelegene Kleinlangheim im Landkreis Kitzingen verfügt über ein ganzes Arsenal an Tierskeletten, die bereits ausführlich in den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts von den Münchener Tiermedizinern Joachim Boessneck und Angela von den Driesch-Karpf osteologisch vollumfänglich in die Befundaufnahme überführt wurden. Neben den dekapitierten Pferdeschädeln gehören ein Rinderschädel, ein Widderschädel, ein Wolfsskelett und ein Rothirschgeweih zur Ausstattung des Tierfriedhofes.[7] Da allen Pferdeskeletten in Kleinlangheim der Schädel fehlt, kann hier eine Verwendung der Pferdeköpfe zu kultischen Zwecken angenommen werden. Nicht unüblich war, dass die Pferdeköpfe auf Pfähle oder Firste gesteckt wurden. Offensichtlich wurden die Pferde als Kameraden interpretiert, die den beigesetzten Menschen als Transportmittel in einem wie auch immer gelagerten Jenseits dienen sollten. Auch hier lag geschlechtsspezifisch die männliche Ausprägung vor, möglicherweise waren es Wallache. Warum? Die Beckenknochen waren der Indikator, das Geschlecht der Pferde als männlich zu bestimmen.  Da das Os pubis eines Pferdeskelettes auf dem Gräberfeld eine leichte Eindellung besitzt nahe der Mediane an Stelle des Tuber dorsale, kann auf eine Kastration geschlossen werden, da die Beckenformtransformation eine direkte Kastrationsfolgeerscheinung von Hengsten ist. Ob es für alle Pferdeskelette zutrifft, kann aber nicht mit Sicherheit formuliert werden, da Schambeinanomalitäten lange Vorlaufzeiten haben, und die Pferdeskelette wurden nicht in Kleinlangheim als vollständig adult katalogisiert, so dass noch kein anatomischer Unterschied zwischen Hengst und Wallach bestehen muss.[8] Da der Hillefeldfund nicht zur Dekapitationsbefundmasse gehört, soll es bei diesem Exkurs bleiben mit dem Schaffen eines Bewusstseins, dass die Interpretationsindikatoren für den Pferdeschädel auf dem Hillefeld nicht vollumfänglich nutzbar sind wegen des Fehlens anatomischer Charakteristika.

Das Pferdegeschirr ist nicht obligatorisch für die dokumentierten Pferdebestattungen, aber eben auch nicht unbekannt. Trensen, Zaumzeugbeschläge oder Steigbügel gehören zur Asservierung. Ein Musterbeispiel derartiger Grabbeigaben ist im westsächsischen Schleenhain dokumentiert, als Ende der neunziger Jahre im letzt

Abbildung 4: Grube mit Pferdebestattung aus Schleenhain.

en Jahrhundert nahe der mittelalterlichen Wüstung Cossa eine Grabgrube entdeckt wurde, in der ein Pferdekadaver stehend ausgerichtet bestattet wurde. Hierfür waren die Grubenvertiefungen dienlich, in denen sich die Vorder- und Hinterläufe befanden. Und der Pferdekopf ruhte leicht erhöht auf einem

Abbildung 5: Pferdeschädel mit eiserner Trense aus Schleenhain.

Sockel (Abb. 4). Das Kuriosum an diesem Pferdeschädel lag nicht in dem mit Steigbügeln und Trense ausgelegtem Grab, sondern in der Aufzäumung des Pferdes mit diesen typischen Grabbeigaben (Abb. 5).[9] Hilfreich waren diese obligatorischen Grabbeigaben durchaus, denn die dortige Ringtrense zeigt eine ungefähre Gebissweite von zehn Zentimetern. Zudem erschien die Verdickung der Gebisshaltung, mittig platziert, als Schlussfigur dienlich zu sein für Knebeltrensen, da die Verdickung die für Knebeltrensen typische Durchlochung aufweist. Eine tragbare Konklusion wäre damit die Annahme einer Gebissbreite von nur knapp sieben Zentimetern. Nimmt man die Spannweite der durch die Trensen vorgegebenen Gebissweiten, läge Schleenhain im untersten Datencluster, für die frühmittelalterlichen Artefakte sogar außerhalb der katalogisierten Messdaten. Ob aus diesen Widersprüchen oder Nichtpassungen Konklusionen hinsichtlich der zeitlichen Einbettung getroffen werden können, bleibt vorerst abzuwarten, trübt aber keineswegs die ausführliche Dokumentation der stehenden Pferdebestattung.[10] Auch wenn Grabbeigaben wie die Trensen in Schleenhain zur Verwirrung beitragen können, bleibt doch der Positivismus nicht dem Einsturz zwingend zugeführt. Der Steigbügel aus dem Schleenhainer Pferdegrab offenbar eine interessante Vernetzung in den asiatischen Raum. Da hier der Riemendurchzug zur Befestigung des Steigriemens in den Bügelkörper integriert ist, kann der Fund frühestens in das beginnende 11. Jahrhundert verlegt werden, da bis zum Ende des ersten Jahrtausends der Riemendurchzug am Bügel an- oder aufgeschmiedet vorzufinden war, zumindest in der Restriktion zulässig auf Grundlage der katalogisierten Steigbügelfunde. Abgesehen von einer technischen Finesse, blieb diese Technik nur zwingend in der Konstruktion für Panzerreiter, die durch die neue Riemendurchzugstechnik die Bügel einer größeren Belastung zuführen konnten und damit die Pferdekraft vollständig ausschöpfen konnten in Kampfsituationen oder für leichte Reiterei mit ihren leistungsfähigen Kompositbögen. Vielmehr kann in dieser Steigbügelform auch eine Verbindung zu den Steppenomaden im Einzugsgebiet der Kiewer Rus und der byzantinischen Schwarzmeergebiete gezogen werden, die diese vornehmlich nutzten. Lokale Fürsten bedienten sich dieser Steppennomaden als Reservoir für eine Soldateska, Söldnertätigkeiten der einzelnen Turkvölker sind quellentechnisch belegt für den polnisch-ungarischen Raum im Mittelalter.[11]

Diese Grabbeigaben gehören nicht nur aufgelistet, um der Vollständigkeit des Befundes gerecht zu werden, sie lassen auch Rückschlüsse zu hinsichtlich der Funktionalität eines Pferdes. Ob Reitpferd, Waffenpferd oder ein in der Landwirtschaft eingesetzte Allrounder auf vier Hufen, die Interpretationen können verwirrend ambigue sein.  Mit Blick auf die weiteren Ausführungen scheinen hier einige Anmerkungen hilfreich zu sein hinsichtlich der Wertschätzung und der Position des Pferdes zu seinem Besitzer. Grundsätzlich diente das Pferd als Transportmittel und zwar in der Form, dass die Bestatteten auch die Reise in das Jenseits hätten antreten können oder im Jenseits ein Pferd zur Verfügung gehabt hätten. Im Rahmen von Bestattungsfeierlichkeiten gehörte das Pferdefleisch zum standardisierten Begräbnismal, das Fell und der Schädel wurden jedoch symbolisch in die rituelle Begräbniszeremonie aufgenommen als Begräbnisinventar. Es war durchaus üblich, dass der Pferdeschädel auf Stangen am Grab aufgesteckt wurde oder wenige Meter vom Körpergrab abseits eine eigenständige rituelle Bestattung erfuhr. Als pars pro toto wurde das Pferd in der Bestattung als Fortführung der diesseitigen Symbiose geopfert.[12] Nehmen wir hier das Grab des „Herrn von Beckum“ aus dem westfälischen Landkreis Warendorf als repräsentatives Beispiel für die Zurschaustellung einer sozialen Stellung des Bestatteten über die Beigabe von Pferdegräbern. Alleine zwölf Pferde und ein Hund wurden diesem Mann beigegeben, und die qualitativ hochwertige Menge an Grabbeigaben wie Waffen, Geschirr oder Schnallen weisen den Mann zweifellos als Angehörigen der Oberschicht aus. Der Ango, das Replikat einer Goldmünze Justinians aus Byzanz, eine eiserne Streitaxt, ein Ringknauf-Schwert, eine bronzene Pinzette, eine Bronzeschale oder die Goldbeschläge einer Tasche aus aufgelöteten Golddrähten sind Belege für den elitären Stand des Verstorbenen.[13] Die Bedeutung dieses Fürstengrabes liegt gerade darin, dass mit diesen Utensilien eine zeitliche Datierung relativ exakt vollzogen werden kann. Die zum Grabbeigabeninventar gehörenden Bronzeschnallen mit punzverziertem Laschenbeschlag ermöglichen die Einordnung in die merowingerzeitliche Gräberfeldkultur um Chilperich I. und Chlothar I. am Ende des 6. Jahrhunderts.[14] Offensichtlich war das Pferd als zusätzliches Statussymbol gedacht. In der Fachwelt werden die zugehörigen Pferdebestattungen als Opfer interpretiert für den Ritt nach Walhall oder als waffentragendes Tier. Auch die Qualität des Zaumzeugs in den Pferdegräbern – insbesondere mit den Notationen 34/110 und 10/10 auf dem Beckumer Gräberfeld  – entspricht der Qualität der Grabbeigaben aus dem Grab des „Herrn von Beckum“.[15]

Signifikante Verbindungen zwischen den Menschengräbern und den Pferdegräbern können nicht aufgezeigt werden. Ob gesondert, im Verbund oder zentriert auf den Gräberfeldern, bleibt vermutlich den örtlichen Besonderheiten vorbehalten. Die quantitativ merkliche Existenz von Ausnahmen verbietet dahingehend Kategorisierungen, zumindest für die Bereitstellung allgemeingültiger Konklusionen. Nehmen wir die großflächige Verteilung der Pferdegräber an auf den Gräberfeldern, belehren uns die Pferdegräber im niedersächsischen Bovenden oder die niederländischen Zweeloo und Loveen eines Besseren.[16] Auch die Suche nach einem System, um die Menschengräber in einen funktionalen Zusammenhang zu bringen mit den Pferdegräbern, bleibt verwehrt, da willkürliche Abstände zwischen den Bestattungsparteien keine Korrelation zulassen oder für wenige Pferdegräber sowohl Frauengräber als auch Männergräber Bezugspunkte sind. Und dabei sind noch nicht einmal die zahlreichen Pferdegräber auf den Gräberfeldern berücksichtigt, bei denen die dort lokalisierten Menschengräber das jeweilige Geschlecht nicht preisgaben. Dieses Faktum der Willkürlichkeit und die asyndetischen Cluster wirken wie Blei auf den Argumentationstragflächen dieser Ausarbeitung, müssen jedoch fachwissenschaftlich angenommen werden.

Analogien im altsächsischen Raum

Starten wir mit dem Gräberfeld in Ense-Bremen, einem Bestattungsplatz südwestlich der westfälischen Stadt Soest nahe der Möhne gelegen. Nicht nur die räumliche Nähe zum Hillefeld erlaubt eine Einordnung in den Diskurs, sondern die dem Bestattungsfeld zugeordneten Bestattungsinventare aus verschiedenen archäologischen Phasen von annähernd 2000 Jahren. Schon in der späten Bronzezeit erlebte dieser Bestattungsplatz eine ritualisierte Grabbeigabenkultur, wie die zahlreichen dokumentierten Grabeinhegungen belegen. Ob Kreis-, Schlüsselloch- oder Langgräbenformationen, die auf dem Gräberfeld die Körper- und Brandgräber mit teils Leichenbrand einhegten, den Menschen in der Bronze- und Eisenzeit oder der Römischen Kaiserzeit war ein vorchristlicher Bestattungsritus für deren

Abbildung 6: Eine Urne aus Ton im Gräberfeld von Ense-Bremen.

Erinnerungskultur ostensiv ein realisiertes Desideratum. Auf dortigem, vorchristlichem Boden erfolgte exemplarisch durch Urnen aus gebranntem Ton (Abb. 6) als Depositorien für den rudimentären Leichenbrand ein generationenübergreifender Bestattungsritus. Zudem konnte über vergleichende Methoden der keramischen Überreste eine Affinität zur Niederrheinischen Grabhügelkultur aufgezeigt werden. Auch die insbesondere aus den Körpergräbern des Frühmittelalters dokumentierten Grabbeigaben wie Scramasaxe, Schildbuckel oder das Potpourri an Alltagsgeräten müssen in der merklich umfänglichen Bedeutung für den experimentellen Historiker und für den Archäologen ostentativ formuliert werden.[17] Aus der Relevanz des westfälischen Gräberfeldes – nicht nur dieses Gräberfeldes –  generieren sich Blickwinkel für die nachfolgenden Betrachtungen zu Pferdegräbern respektive Pferdeschädeln. Die natürlich bedingte Putreszenz in den Gräberfeldern führt apodiktisch zur Vernichtung von Grabbeigaben, und damit liegt für die Rekonstruktion ganzheitlicher Zusammenhänge ein Malus vor. Diese fragmentarischen Überreste tragen per se den Charakterzug der fragilen Konklusionen in sich. Wenn wir Ense-Bremen in den Diskurs tragen, dann sind die zahlreichen organischen Aufbewahrungsbeigaben wie Holzgefäße oder Lederutensilien in den Gräbern mit Leichenbrand entweder unwiderruflich gelöscht aus der Inventarliste oder widerrechtlich dem tatsächlichen Inventar zugefügt worden, ganz zu schweigen von osteolytischen Prozessen in den Körper- und Pferdegräbern. Zudem werden durch externe Faktoren wie landwirtschaftliche Tiefpflüge, Dedunation, Deflation und umfängliche Umbaumaßnahmen ohne genügende Tieflage der Gräber der archäologische Modus ponens im Übermaß traktiert. Und dieses Konglomerat an Annihilationen ist zum Leidwesen der Archäologen für das Hillefeld in destruktiver Analogie vollumfänglich zu übernehmen. Nimmt man die konstruktive Analogie als Prämisse, kann alleine aus dem Vorhandensein der Grabeinhegungen in Ense-Bremen die Existenz einzelner Pferdeknochenfragmente auf dem Hillefeld in den Bedeutungsrahmen der in den Diskurs gestellten Pferdegräber aus Niedersachsen und Westfalen getragen werden. Werden die Langgräben als Ruhestätten von Familienoberhäuptern, Schöffenbarfreien, vielleicht auch von Semperfreien interpretiert, gehören die Pferdegräber als Sekundärbestattungen in die vorchristliche Ahnenkultur mittels der Totenhäuser, also als bauliches Parergon im Bestattungsritus interpretiert oder als Marginal verwendet in der altsächsischen Variante der Gräber der Noblen aus dem Alten Ägypten.

Das dingliche Konkretum liegt nun in Ense-Bremen in langrechteckigen Gruben, und die Ausrichtung der Pferde in den Gräbern kann dabei aus der Lage der Schneide- und Hakenzähne sowie aus der Lage der Prämolaren und Molaren geschlossen werden, die nicht der Zerstörung des Hydroxylapatits zum Opfer fielen. Die Ausrichtung der dortigen Pferdegräber war mehrheitlich so angelegt, dass die Pferde mit dem Kopf nach Norden bestattet wurden. Drei Pferdeköpfe zeigten auch nach Osten. Ob die Ausrichtung nach standardisierten Normen erfolgte oder die statistische Datenmenge quantitativ nach den Himmelsausrichtungen als Auswertungsmenge nicht dienlich ist, kann dem archäologischen Status quo nicht entnommen werden in Ense-Bremen, aber die Pferdekopfausrichtungen waren konträr zu den Körpergräbern.[18] Auch die zusätzlichen Nischen für die Pferdeköpfe waren in den langrechteckigen Gräbern anzutreffen. Das Grabbeigabeninventar aus den Pferdegräbern verdeutlicht zudem signifikant einen Bezug zum Totenkult. Eine ahnenkultige Ingredienz sollte dem Verstorbenen als – seinem Stand entsprechend –  adäquates Transportmittel zur Verfügung stehen, um den Weg nach Walhall antreten zu können.

Und das niedersächsische Wulfsen? Der Fund des Pferdegrabes im Landkreis Harburg südlich von Hamburg 1974 bedeutete nicht, den Leitfaden in der Interpretation derartiger Dreifachbestattungen (Abb. 1) als Phoenix aus der Asche gefunden zu haben, da das Hillefeld eine noch nicht skizzierte Einzelbestattung aufzeigte. Aber der Hillefeldsche Fund hätte gut daran getan, sich der Methoden zur Dokumentation der Pferdeskelette anzunehmen. Was war passiert nach der Freilegung in Wulfsen? Der Archäozoologe Hans Reichstein aus Kiel taxierte die drei Pferdeskelette zunächst auf ein Alter zwischen fünf und sieben Jahren, und die Hengstzähne ermöglichten eine geschlechtsspezifische Einteilung. Auch die Widerristhöhe wurde ermittelt und lag mit bis zu maximal 138 Zentimetern nicht im überdurchschnittlichen Bereich. Vielleicht waren es Artverwandte der Großponys oder Abzweigungen der Islandponys.[19] Gedankengänge und dergleichen Assoziationen dahingehend scheinen im germanischen Kulturkreis nicht abwegig zu sein. Diese Charakteristika können als Basis für belastbare Konklusionen dienen. Bleiben sie nur in der Aufzählung schon verwehrt, sind die archäologischen Überreste nicht in die Nomenklatur aufzunehmen und bleiben interpretatorisches Streuobst mit einer zügigen Halbwertzeit des Erinnerns. In der Präparation in situ zeigten die Archäologen in Wulfsen ihr Bewusstsein für die Sensibilität des Grabfundes. Brüchige Knochen und die wenig stabile Haftung des Untergrundes verlangten zunächst die Knochentränkung mit Leim bis zur Sättigung. Der Boden und die Grubenwände mussten verfestigt werden mit Speziallack, Polyurethan- Hartscham stabilisierte den Grubenhohlraum. Anschließend erfolgten der Einbau eines umfassenden Holzkastens und das Ausschäumen des Zwischenraumes zur Stabilisierung. Dieses aufwendige Verfahren – und das weitere Freipräparieren vom Hartschaum im Museum ist nicht frei von unerheblichem Arbeitsaufwand – kann nicht den Anspruch auf Übernahmeverpflichtung statuieren, aber überregionale Querverbindungen hinsichtlich der Pferdebestattungen können nur durch eine lückenlose Dokumentation erfolgen. A priori sind die archäologischen Corpora Delicti somit für Analogien perforat. Ob und in welchem Ausmaß sich der Hillefeldsche Fund dieses Defizitäre eingestehen muss, bleibt den Ausführungen zum Hillefeld in dieser Ausarbeitung vorbehalten. Interessant sind auch die Beobachtungen von Werner Haarnagel bezüglich des Gräberfeldes in Feddersen-Wierde, nahe Cuxhafen. Er kategorisierte die dortige Befundmasse nach Abfallgruben mit Tierknochen als Speisereste und Grubentypen mit Tierskelettresten. Ihm fiel auf, dass in länglich-rechteckigen Gruben oft vollständige Skelette lagen, in Pfostengruben und Gruben unterschiedlicher Ausprägung dagegen majorativ nur Pferde- oder Rinderschädel. Zudem ging er davon aus, dass nur Tiere wie Pferde, Rinder und Hunde geopfert wurden, da offenbar nur diese Tiere über sorgfältig errichtete Beisetzungsgruben verfügten[20]. Der Aufenthalt im altsächsischen Einzugsgebiet ist auch deshalb urbar, da bei Vorliegen entsprechender Grabbeigaben in Pferdegräbern gute Datierungen, Charakteristisches aus jenen Zeitepochen und Vereinfachungen hinsichtlich der Interpretationsschübe für die Einbettung des Pferdegrabes in den Gesamtzusammenhang möglich sind, unabhängig von den Erkenntnissen aus Schleenhain. Nehmen wir die Reitergräber aus dem niedersächsischen Sarstedt. Bereits zu Zeiten der Weimarer Republik dokumentierte der Archäologe Hans Gummel ein Reitergrab in Sarstedt, in dem neben dem menschlichen und dem Pferdeskelett auch ein Schwert, eine Lanze, ein Schildbuckel und eine Rippzange aus Bronze enthalten waren. Augenzeugenberichte zu jener Grabung berichteten von einem Pferd, das auf der rechten Körperseite in Südost-Nordwest-Ausrichtung verharrte, der Reiter dagegen in Südwest-Nordost-Ausrichtung bestattet lag. Und der skelettierte Schädel befand sich zwischen den Gliedmaßenknochen des Pferdes.[21] Nicht nur die Überkreuzausrichtung der beiden Weggefährten nach Walhall war dabei von Belang, sondern die Grabbeigaben wurden als Artefakte der Schlacht am Süntel 782 beschrieben, als sich der heidnische Widukind gegen die Franken erfolgreich zur Wehr setzte. Auch 2001 wurden zwei Reitergräber im Sarstedter Stadtteil Heisede entdeckt, in denen in Kammergräbern neben den Kriegern Pferde, Stoßlanze, Sax und Schild aufzufinden waren. Da beide Krieger Spuren von malignen Verletzungen aufweisen (Schädelfraktur, Unterschenkelamputation), sehen Archäologen diese Begräbnisse im zeitlichen Kontext zu den archäologischen Befunden auf den sächsischen Fliehburgen Barenburg und Amelungsburg, die Sammelstellen für die sächsischen Truppen waren gegen die Franken 782.[22]

Die frühmittelalterlichen Pferdegräber im niedersächsischen Liebenau und Wünnenberg-Fürstenberg sind dahingehend interessant, da hier in beiden Fällen detaillierte Zahn- und Skelettaltersbestimmungen vorliegen zwecks Altersbestimmung. In Liebenau wurden die langen Gliedmaßenknochen mit der Methode von Ludwig Kiesewalter ermittelt und die Widerristhöhen katalogisiert.[23] Das Fehlen jeglicher Schädel- und Beckenfragmente machte die Bestimmung des Geschlechts und die Geschlechtsverteilung unmöglich, aber Schädelfragmente und Zähne deuteten auf Hengste oder Wallache hin. Schnittspuren an den Occipital- oder Atlasfragmenten konnten nicht beobachtet werden, daher konnten für die dortigen Pferdeskelette Dekapitationen ausgeschlossen werden. Die Epiphysensensynostosierung ergab, dass die Hälfte der Probanden höchstens fünf Jahre war, wenige Exemplare waren älter als 6 Jahre. Zudem ergab die Knochenanalyse keinerlei Indizien für pathologische Veränderungen wie Arthritiden oder Spondylarthrosen, die als Parameter für langanhaltende oder einseitige Überbelastung gelten.[24] In Wünnenberg-Fürstenberg wurden neun Pferdegräber dokumentiert, in zwei Gräbern gab es nur die Schädel und fragmentierte Gliedmaßenknochen. Es gab verschiedene Orientierungen in der Ausrichtung, allerding lagen tendenziell die Pferde auf der rechten Körperseite mit angewinkelten Gliedmaßen. Lediglich in zwei Gräbern kamen Grabbeigaben zum Vorschein. Rainer Springhorn beschäftigte sich ausführlich mit den Kenndaten der Pferdeskelette wie Größe, Alter oder Geschlecht. Das Stockmaß erhielt wieder eine Vorgabe durch Ludwig Kiesewalter, und das Alter wurde nach dem Zahnstatus und dem Zahnabrieb ermittelt. Die Ausformung des Tuberculum pubicum dorsale und des Ramus acetabularis ossis pubis des Beckens und die Hakenzähne dienten als Beleggrundlage für die geschlechtsspezifische Katalogisierung.

Ein Potpourri an Leitfragen für den Pferdeschädel vom Hillefeld

(Leitfrage 1) War der Hillefeldsche Pferdeschädel ein Bauopfer? Diese Frage kann nicht aus der bloßen Existenz des Schädels konkludiert werden, sondern gehört als eine Staffage in die Ausgrabung und Dokumentation einer komplexen Bebauungsstruktur des archäologischen Grabungsgeländes. Es ist keine apodiktische Determinante, aber die Überreste von Baustrukturen dienen als für fachwissenschaftlich intonierte Diskurse belastbare Gradmesser auf der Suche nach Funktionalitäten der Artefakte. Schauen wir uns zunächst im Abriss das oberbayerische Ingolstadt an für die Bereitstellung von Vergleichswerten. Hier konnten zu Beginn des 21. Jahrhunderts auf dem Ingolstädter Rathausplatz stratigraphische und topographische Erkenntnisse gewonnen werden durch das Auffinden mittelalterlicher Überreste. Die detailliert dokumentierte Ausgrabung brachte im alten Fließwasserareal des Flusses Schutter ein archäologisches Überraschungsmoment zum Vorschein, als ein mittelalterliches Holzhaus freigelegt werden konnte. Alleine die facettenreiche Dokumentation war für den Städtebauhistoriker ein Damaskus

Abbildung 7: Hausgrundriss Ingolstadt.

hinsichtlich unterstellter mittelalterlicher Profanbautechniken. Das Holzhaus verfügte mindestens über eine horizontale Querschnittsfläche von 60 Quadratmetern, war West-Ost orientiert und als Überreste konnten eine zentral gelegene Herdstelle, Teile des Fußbodens und der Schwellenkranz des Ständerbaus gesichert werden (Abb. 7). Auch die Nutzungsdauer muss von Konsistenz geprägt gewesen sein, da mehrlagige Lehmtennen dokumentiert wurden. Zudem erfolgte die Errichtung auf einer künstlichen Insel im Schutterwasser, realisiert durch einen Bohlenkasten mit Lehmabdichtungen und Kiesauffüllungen. Das Intermezzo in die Ingolstädtter Stadtbaugeschichte sei nun beendet, aber das objet de désir

Abbildung 8:  Das Pferdeskelett aus Ingolstadt, Bef. 159.

findet selbstverständlich Erwähnung. Im Bohlenkasten fand sich zentral gelegen als Bauopfer das Skelett eines Pferdes mit sauber platziertem Pferdeschädel auf dem Skelettrücken unter der Kiesverfüllung des Holzkastens (Abb. 8).[25] Eine weitere Festigung der Querverbindung von Pferdeschädelfunden und Besiedlungsartefakten liefert das unterfränkische Trappstadt, das 2014 bei Grabungen auf dem Schlosshof der dortigen Schlossanlagen interessante mittelalterliche Besiedlungsspuren aufzeigen konnte.

Nebengrabenartigen Strukturen fielen insbesondere die beiden Grubenhäuser in die archäologische Relevanz und bereicherten den Befundkatalog. Beide Grubenhäuser waren bis zu einem halben Meter eingetieft in den Keuper mit Abrundungen der Wände zum Bodenbereich. Das Grubenhaus mit der Notation 6 (Abb. 9) verfügte über eine südliche Hauswandlänge von über drei Metern, die östliche Grubenhauswand konnte zumindest auf ungefähr zwei Metern freigelegt werden. Da sich am Profil ein Pfostenloch abzeichnete, konnten für die östliche Grubenhauswand natürlich weitere Wandlaufmeter unterstellt werden, aber die grundsätzliche Anordnung der Gebäude mit paralleler oder rechteckiger Anordnung blieb durch das lückenhafte Ausgrabungssubstrat in der Erkenntnis verwehrt. Lediglich Überbleibsel reiner Holzkohle konnten auf dem Grubenhausboden der Notation 6 ermittelt werden. Ob es sich dabei um belastbare Indizien für Feuerstellen handelt, bleibt unklar und gehört nicht in den Fokus der Ausarbeitung. Interessanter scheint – auch mit Blick auf die Pferdeschädelproblematik – das Grubenhaus mit der Notation 7 (Abb. 9) zu sein. Zunächst komplettieren sich dessen Ausmaße zu etwa fünf Metern in der Länge und zu dreieinhalb Metern in der Breite. Gebäudeecken und Schmalseiten verfügten über Pfostenlöcher, die etwas über dreißig Zentimeter eingetieft waren. An der nördlichen Längswand war zentral ein weiteres Pfostenloch angebracht. Ein bautechnischer Zwilling auf der gegenüberliegenden Seite konnte durch den dort verlaufenden Sondagegraben nicht mehr explizit aufgezeigt werden, bleibt aber – schon der Symmetrie wegen –  kein Element aus einer obskuren Vorstellungskraft. Notation 7 war darüber hinaus im südlichen Areal gekennzeichnet durch holzkohle- und kalkenthaltende Bodenschichten, durchzogen von schmalen Lehmbändern. Die dort aufgefundenen Keramikfragmente

Abbildung 9: Übersichtsplan der Grabung in Trappstadt.

führen dazu, dass dieser bauliche Überrest in die Hochmittelalterepoche datiert werden kann. Die Funktionalität kann über das Nichtvorhandensein jeglicher Feuerstellen erschlossen werden, und die durchaus nachgewiesenen Schlackteteilchen schließen trotzdem metallverarbeitende Funktionstrakte aus wegen des Fehlens eben jeglicher Hitzequellen. Die Grubenhäuser mit Webhäusern zu identifizieren, liegt naheliegend aufgrund der dort gefundenen Webüberreste wie Webgewichte und Spinnwirtel.[26] Das für die Ausarbeitung interessante unterfränkische objet de désir lag in der Notation 7 (Abb. 9),

 

Abbildung 10: Pferdeschädel im Grubenhaus in Trappstadt, Bef. 7.

 

aufbewahrt in der obersten Ostwand und ausgerichtet nach Osten. Der vollständig erhaltene Pferdeschädel war bedeckt durch das Verfüllmaterial (Abb. 10). Auffallend in der Anatomie ist der gezackte Oberkiefer, der als Indiz für ein beträchtliches Alter des Pferdes gewertet werden kann, da die Knochen im Zahnbereich mit dem Alter spitzer werden; sozusagen ein natürlicher Gradmesser für die Datierung eines Fundobjektes. Hier bleibt – in Anbetracht der Fundmasse – die Deutung nur als Bauopfer oder ähnlich gelagerte rituelle Niederlegung hinsichtlich einer Schutzfunktion gegen das Übernatürliche oder kaum Erklärbare.[27]

Die Grundlage für diesen Thesenbestand ist das Vorliegen baulicher Strukturen auf dem Hillefeld. Und hier können eigene archäologische Aktivitäten einen Beitrag leisten, damit der Pferdeschädel nicht ohne Bezugspunkte in die Geschichte der Katalogisierung eingeht. Im Rahmen eines Forschungsprojektes zum Salzbach hatte ich 2014 öfters am Salzbachufer um Hof Stemmerk in der Scheidinger Gemarkung zu tun und noch in Erinnerung, dass Steinhügel auf einer der landwirtschaftlichen Pachtflächen eines alteingesessenen Einheimischen namens Bernd Vickermann lagen. Dort stand ich nun seinerzeit mit der Frage nach der Herkunft dieser Steine vor diesen Steinaufschüttungen. Ich musste mir schon eingestehen, dass man aus der bloßen Existenz von Steinrestehalden ohne intensive Materialprüfung keine großartigen Erkenntnisse ziehen sollte und apodiktische Konklusionen in die Diskursmasse hätte werfen können. Aus einem regen Informationsgespräch gab mir der Landwirt Vickermann in jenen Tagen aber Informationen, die die Funktionalität des Pferdeschädels ermöglichen. Wir standen zwar vor den Steinaufschüttungen, aber auf dem “Königskamp”, einem Königshofland. Das war eine Bezeichnung, die unbekannt war, da offenbar nirgends gelistet. Hier korrigierte mich der Landwirt. In seinem Privatbesitz gab es noch eine Katasterkarte aus der Wilhelminischen Ära mit dieser Bezeichnung, die er mir dann später auch freundlicherweise zur Verfügung stellte. Bernd Vickermann berichtete, dass er in all den Jahrzehnten auf dem benachbarten Hillefeld (!) beim Umpflügen seine liebe Mühe mit “diesen Gesteinsbrocken” hatte und auf dem Königskamp zentral lagerte.

Offensichtlich konnte man dem Hillefeld über Jahrzehnte hinweg Reste baulicher Strukturen entnehmen. In einer anschließenden Archiv- und Internetsuche war es mir möglich gewesen, Informationen zu einem ominösen, nicht konkret lokalisierbaren Steinwerk zu erhalten. als Ergebnis der Recherche konnte ich damals eine Urkunde aus dem Jahre 1316 ermitteln, bei der der Hof Stemmerk aus der Dreiteilung einer größeren Hofanlage namens Steinwerk hervorging.[28] In einer Tauschurkunde von 1348 gab es mit “…bi der stayt to Werle tuyschen Werle unde dem steynwarcke…”[29] nicht nur eine weitere Schreibweise vorgesetzt, sondern indirekt auch eine mögliche Standorteingrenzung eben für das Steinwerk als Anlage oder einzelnes Gebäude. Der Hofflerke als Tauschobjekt lag zwischen Werl und eben diesem “steynwarcke“, dem Steinwerk. Dieser Hof existiert wie Stemmerk aber heute noch. Es war also naheliegend, das Terrain um Stemmerk näher zu begutachten. Und so geschah es seinerzeit auch in Eigenregie! Einen weiteren Motivationsschub hinsichtlich der Stemmerkschen Ausgangsstellung ergab sich über eine ergänzende Literaturrecherche, aus der heraus die Urkunden des Klosters Oelinghausen für die Jahre 1308, 1402 und 1421 mit “Haupthof Steinwerk”, “Hof zum Steinwerke (Sten-) mit Gericht und Herrlichkeit” oder “mit der Herrschaft der Höfe zu Flerke[30] schon Umschreibungen liefern und damit eine größere Hofanlage verortet wird. Tatsächlich wurden die damaligen Absuchmanöver erfolgreich begleitet, und im Herbst 2014 konnte zumindest bezüglich des Vorliegens baulicher Überreste eine Verzugsmeldung attestiert werden mit den GPS-Daten 51,594391 und 7,939498. Dort konnte ich mehrere Steine nebeneinander vorfinden, und nach weiterem Aushub kamen Teile einer Grundmauer zum Vorschein. Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe-Archäologie in Westfalen mit Außenstelle Olpe übernahm anschließend unter Professor Baales und Frau Doktor Cichy die weiteren Untersuchungen und identifizierte die Überreste als ein polygonales Bruchsteinmauerwerk. Zudem wurden die dortigen Scherbenfunde als Irdenware identifiziert und Pferde-, Schweine- und Rinderknochen gefunden bei weiteren Untersuchungen. Eine hofartige Ansiedlung war bei diesen Überresten nicht nur bautechnisch möglich. Weiterführende Ausgrabungen hatten

Abbildung 11: Übersichtsplan der Grabung Welver-Flerke.                      Abbildung 12:  Ausschnitt aus dem Übersichtsplan der Grabung Welver-Flerke mit besonderem Augenmerk auf Bef. 4.                    Abbildung 13:  Pferdeschädel aus Bef. 4 der Grabung Welver-Flerke, Draufsicht.                                Abbildung 14: Pferdeschädel aus Bef. 4 der Grabung Welver-Flerke, Profilsicht.

dann auch Pfosten, Pfostengruben und eine Wasserleitung hervorgebracht, also Überbleibsel eines Grubenhauses (Abb. 11). Losgelöst vom Umfang und Funktionalität der Überreste, kann der Pferdeschädel also im Zusammenhang mit Baustrukturen auf dem Hillefeld genannt werden. Eine Fundabqualifizierung ist ausgeschlossen, zumal sich die Lage des Pferdeschädels direkt unterhalb der Reste des Grubenhauses befindet, aber der Ausgewogenheit der Argumente geschuldet, bleibt das Resümee hinsichtlich einer Bauopferstrategie nicht evident. Die Abfallgrube ist ein Grubenhaus, welches ein rechteckiges Format angenommen hat und westlich des Eingangs des ausgegrabenen Steinfundaments gelegen war (Abb. 12). Der Pferdekopf war mit Blick nach Norden ausgerichtet, was in Analogie zur majorativen Ausrichtung im frühmittelalterlichen Sachsen steht. Der Schädel war umgehen von der Befundfüllung des Grubenhauses, deponiert auf einem Plateau (Abb. 13). Aufgefunden wurde er lädiert, was man entweder auf die obere Befundfüllung oder auf ein absichtliches Zerdrücken hindeutet (Abb. 14). Auffällig hierbei ist, dass dem Pferdekopf der untere Kiefer abhanden ist. Während des weiteren Verlaufs der Grabung konnte in der zu untersuchenden Fläche kein Unterkiefer ausfindig gemacht werden. Ob dieser als Werkzeug weiter benutzt oder anderweitig Verwendung hatte, bleibt ungelöst. Umgeben mit weiteren Knochen vom Pferd, Schwein und Rind, teils bearbeitet, teils unbearbeitet, ist davon auszugehen, dass der Pferdeschädel in dieser Grube vom restlichen Körper abgetrennt und entweder als Symbol deponiert oder weggeworfen wurde. Sine dubio, der Schädel gibt ein Rätsel auf. Ein auffallendes Analogon existiert jedoch, und zwar handelt es sich dabei um die bereits erwähnte Gräberlandschaft in Gröditsch. Siedlungsspuren mit vergrabenen Tierkörpern sind nicht nur dort dokumentiert. Bereits wenige Jahre zuvor konnte man im brandenburgischen Senftenberg aufzeigen, dass die dortigen Tiergräber an den Grundstücksgrenzen vergraben wurden.[31] Und Gröditsch ermittelte Tiergräber im Hofbereich der Besiedlungsspuren. Es gab zudem einen weiteren Umstand im Gröditscher Ausgrabungskomplex, als in unmittelbarer Nähe eines Pferdegrabes Überreste zweier Brunnen entdeckt wurden. Brunnen und Bauopfer sind dabei im Skizzieren von Signifikanzen in der Literatur keine Unbekannte. Dieter Warnke proklamierte für die Skelettreste eines Pferdes aus der Wüstung Miltendorf im brandenburgischen Reetz einen Bauopferritus.[32] Nimmt man nun noch den Tatbestand in die Wertung, dass das dortige Gröditscher Pferdegrab unter einem Gebäude aus dem Spätmittelalter lagerte, bleibt der Gang zum Bauopferritus nicht unvorstellbar. Seit dem Neolithikum sind diese Opferriten bekannt, verfügen aber nicht über eine Kodifizierung. Da für den Erkenntnisgewinn hinsichtlich eines Bauopfers noch keine adäquate Literatur zur Verfügung steht, aus der sich eine Systematik für den Definitionsrahmen ableiten lassen würde, sichern archäologische Funde den Erkenntnisgewinn ab, allerdings restriktiv in der Analogieanwendung. Vergleichsweise zu anderen Funden, kann dem Pferdekopf vom Hillefeld hier aber keine Bauopferdeponierung oder Bestattung in stringenter Analogie nachgesagt werden. Bei einer Bauopferdeponierung wäre der Schädel im Gebäude oder an einer der Außenwände deponiert und umrahmt, jegliche Beigaben fehlen. Der auf dem Hillefeld aufgefundene Pferdeschädel zeigt keinerlei dieser Besonderheiten und stellt hierdurch etwas Apartes dar. Dieser Fund reiht sich ad libitum in die Kategorisierungsversuche der Pferdeschädelbefundmasse ein.[33]

(Leitfrage 2) Gehörte der Pferdeschädel zur Beigabenmasse eines sozial Höhergestellten, wie etwa am Grab des „Herrn von Beckum“ ersichtlich? Dieser Punkt steht im direkten Zusammenhang zur ersten Thesensetzung und legt den Fokus auf die möglichen Hauptakteure der in Überresten vorliegenden Besiedlungsspuren. Gehen wir zum Königskamp zurück. Der offenbar in Vergessenheit geratene Königskamp ermöglicht eine neue Blickwinkelöffnung, da ein Königskamp problemfrei in die Versorgungseinrichtung eines Königs einzuordnen war, und damit geht es in das Wanderkönigtum und die Pfalzeinrichtungen der Ottonenzeit, die weit vor der ersten urkundlichen Erwähnung Scheidingens von 1233 lagen.[34] Ob es eine Pfalz in Scheidingen gab, ergibt sich als Indizienkette aus dem Quellenstudium. Schon zu Zeiten Karls des Großen wurden am Hellweg Königshöfe errichtet.[35] Werl war civitas regia, und Heinrich I. weilte oft auf der curtis regia des Werler Grafen.[36] Interpretationsreich ist mit “…Sie [die entsprechende Vöhde] liegt nördlich vom Hellwege bei Werlaha…”[37] die Lage von den Unterkünften des Königs. Kann man nun noch dem Weimarer Reichskanzler Franz von Papen Glauben schenken, dessen Vater auf Haus Köningen geboren wurde, dann lagen diese Wiesen bei Haus Köningen und Heinrich der Sachse erhielt dort das Angebot zur Königskrone 919. Haus Köningen liegt in der Gemarkung Scheidingen und gehörte nach Aussage v. Papens zum “Regum domus“.[38] In diesem Zusammenhang sollte man sich auch die Wortbedeutung Werls vergegenwärtigen, da sich aus der alten Bezeichnung Werla eine Beziehung zum Eichenwald ablesen lässt, und heute noch zieren Teile eines alten Eichenwaldes die Gemeinde Scheidingen bei Werl, zu Werl oder eben im Norden von Werl, aber nicht in Werl. Der bereits erwähnte Königskamp oder die Flurbezeichnung “Königslandwehr” in Scheidingen reihen sich dort nur nahtlos in die geographische Argumentationskette ein…gute Ansätze für zukünftige Untersuchungen auf diesem Gebiet.[39]

Und diese res historica besitzt weiterführendes Potenzial für Interpretationen. Selbstverständlich stehen die Eliten in Verbindung zu Gebäuden, die ihrem Anspruch gerecht werden. Hilfreich können hier Heimatforscher oder die Aufzeichnungen von Regionalhistorikern sein, so geschehen bei Franz Joseph Mehler. Schon in seinem Buch von 1891 zur Werler Stadtgeschichte sprach er von einem Schloss im Zusammenhang mit einer Belehnung von 1411.[40] Der Kölner Erzbischof Friedrich von Saarwerden verwendete offenbar zu Beginn des 15. Jahrhunderts in den entsprechenden Lehensbekundungen den Schlossbegriff zur Bezeichnung einer größeren Anlage. In einer der Regestensammlungen der Kölner Erzbischöfe können in der Lehensbekundung an einen gewissen Hermann Freseken aus dieser Urkunde von 1411 mit “…sein Schloss Scheidungen (-dongen) mit allen Bauwerken, Herrlichkeiten, Renten, Gülten, Nutzungen, Gefällen,…” Begriff, Beschreibung und Ausmaß herausgelesen werden.[41] Das Schloss existierte also. Die urkundliche Erwähnung an anderen Stellen zu anderen Zeiten zeigt auf, dass das Schloss als Gebäude auch als solches wahrgenommen wurde bis zu seiner Zerstörung 1445 in der Soester Fehde (1444-1449).[42] Bei einer Internetrecherche im Landesarchiv NRW konnte ich aus einer Verkaufsurkunde von 1689 mit “…, ehemals zum Schloss Scheidingen gehörigen 15 ½ Morgen Land bei Werl…” noch einen weiteren Bezug auf eine Schlossanlage finden, die aber in das Konglomerat an unklaren Indizien verfrachtet werden muss.[43] Warum gab es mehr als zwei Jahrhunderte nach der Zerstörung einer Gebäudeanlage noch einen Vermerk in einer Verkaufsurkunde aus der frühen Neuzeit? Die Langlebigkeit kann nur als Indiz Verwendung finden für den ehemals eminenten Habitus, der mit diesem Gemäuer in Concordia stand. Es ist evident, dass bei einem möglichen Wiederaufbau nach 1445 eine größere Anzahl an Erwähnungen in nachfolgenden Aufzeichnungen hätte erwartet werden können. Dieser Sachverhalt gehört keiner weiteren Prüfung unterzogen. Es ist zudem keine abstruse Imagination, dass durch eine Namensbindung zum Burgbegriff der Schlossbegriff “überlebt” haben könnte, vielleicht auch als Synonym in der Frühen Neuzeit Verwendung fand. Es war nicht unüblich, dass aus mittelalterlichen Burganlagen Schlösser entstanden, und Erzbischof Friedrich Saarwerden hatte sicher in der Lehensbekundung an Fürstenberg aus dem Jahre 1405 seine Gründe für die Schlossbezeichnung, die wenig wahrscheinlich als Wortattitüde des Erzbischofs seinerzeit zu interpretieren gewesen wäre.[44] Verweigert man die Denkstrukturen des Kölners, zynisch die Belehnung eines maroden, baulichen Schreckgespenstes beurkundet zu haben, bleibt nur die Existenz einer burgähnlichen Anlage als gegeben vorauszusetzen. Der bereits erwähnte Hermann Freseken hatte 1397 noch “Haus und Burg zu Scheidingen mit Zubehör” erworben.[45] Der Burgbegriff bei Pachtverträgen war auch nach 1445 aus Scheidingen nicht verschwunden.[46]

„Nomen est omen“, das lateinische Zitat ist für diese Leitfragenkultur evident. Werden die Hinweise in den Quellen als archimedisches Punktinferno interpretiert unter Hinzufügung der existierenden Überreste, gäbe es für den Pferdeschädel auf dem Hillefeld eine Involvierungsthese in die Bestattungsriten der regionalen Noblesse. Dass das mit der regionalen Elite auch in Bogenspannung zu den Liudolfingern im Altreich hinausläuft, wäre für den Schädel nicht abträglich. Fahren und Reiten waren im Verhaltenskodex der Oberen fest verankert, berittene Krieger waren – ob vorkarolingisch oder im etablierten Personenverbandsstaat des Altreiches – nur in der Anzahl wenige Personen. Und diese elitäre Oberschicht zeichnete sich auch durch entsprechende bauliche Dimensionierungen aus. Es ist somit nicht vorstellbar, dass eine singuläre, von allen Bezügen zur sozialen Alltagsgeschichte losgelöste Pferderestebestattung auf dem Hillefeld vollzogen wurde. Der Malus auf dem Spielfeld dieses Leitfragenblickwinkels stellt aber apodiktisch das Fehlen jeglicher Bezüge zu Menschengräbern in das Panorama der Leitfragenkritik. Denn nur mit dieser Querverbindung kann die (partielle) Pferdebestattung thesenfest in den fachlichen Diskurs überführt werden. Da konkrete Altersangaben für den Pferdeschädel noch fehlen, Menschengräber auf dem Areal (noch) nicht existent sind oder der starke Fragmentierungsgrad die Einordnung in die Biofakttypen erschwert, bleibt nur durch die angrenzende Fundzusammensetzung die Möglichkeit der relativen Datierung übrig, sozusagen eine Seriation auf lokaler Ebene. Das Ausmaß an Artefakten ist jedoch nicht hinreichend für derartige Vorgehensweisen. Die Hintergründe bleiben somit vorerst facettenreich in der Darstellung. Wurde das Pferd um seiner selbst willen für den Trap nach Walhall bestattet? Liefert der fragmentierte Pferdeschädel auf dem Hillefeld als Biofakt ein Indiz, den Pferdeschädel zu interpretieren als eine Opferhandlung auf einem Kultplatz? Auch ist gegenwärtig nicht zu entscheiden, ob der Pferdekopf ein Biofakt nachbestatteter Pferde darstellt, als turnusmäßiges Ritual zu Ehren einer sozial exponierten Persönlichkeit.[47]

(Leitfrage 3) Ist das Equus caballus auf dem Hillefeld Ausdruck einer profanen Haustierhaltung? Oder: Ist der Pferdeschädel überrestlicher Ausdruck eines wie auch immer deponierten Tierkadavers? Liegt etwa eine Tierkadaverstelle vor? Schauen wir uns im Befundkatalog für das Hillefeld die dokumentierten Knochen genauer an.[48] Die dort dokumentierten Pferde-, Schweine- und Rinderknochen

Abbildung 15:Auswahl der Tierknochenfunde der Grabung Welver-Flerke.

spiegeln durchaus das Bild einer Tierrestehalde wieder (Abb. 15). Der schmale Metatarsus (Mittelfuß) eines Pferdes wurde im Außenbereich des polygonalen Bruchsteinmauerwerkes gefunden. Dabei war ein Ergebnis des Befundes, das der Metatarsus zwar in der Erscheinung komplett, aber eben auch distal abgekaut war. Zudem lagen die beiden zugehörigen Nebenstrahlen (Griffelbeine) in verkümmerter Erscheinung vor. Diese Verkümmerung ist Ausdruck entweder einer stetigen Überlastung des Griffelbeinköpfchens oder der langlebigen Unterlastung, was jedoch einer majorativen Untätigkeit des Pferdes im Alltag entsprechen müsste. Vielmehr scheint hier die Alltagswahrscheinlichkeit Fuß zu fassen, und die Degeneration ist Ausdruck einer permanenten Nutzung des Fesselträgers. Auch der dokumentierte Astragalus (Sprungbein, auch Talus genannt) zeichnet sich durch einen verbrauchten Zustand aus. Die Oberseite des Astragalus zeichnet dabei ein Bild einer maroden Sprungbeinrolle, die natürlich als zwingende Konklusion Auswirkungen auf die Schienbeinrolle in der Knöchelgabel hätte, was zu Gelenkinstabilitäten des oberen Sprunggelenks geführt haben könnte im normalen Stand. Da aus der Befundmasse auch die Lädierung des Pferdeschädels entnommen werden kann, gab es also offensichtlich externe Faktoren für das degenerative und lädierte Erscheinungsbild der überrestlichen Pferdeknochen. Nach jetzigem Erkenntnisstand lag mindestens ein adultes Pferd in seinen Überresten auf dem Hillefeld begraben. Es liegen zwar keine korrelativen Ergebnisse vor zwischen Pferdeschädel und Pferdeknochen, aber die Läsionen passen nicht zur Symbolhaftigkeit einer dem Verstorbenen angetragenen Pferdebeibestattung, um den sozialen Rang des Verstorbenen zu dokumentieren oder das passable Transportmittel nach Walhall zu erhalten. Grundsätzlich wurden Pferde als Arbeits- oder Reittiere gehalten, und die vorliegenden Knochen auf dem Hillefeld liefern keine Anhaltspunkte für juvenile oder subadulte Zustände. Adäquate Altersbestimmungen dahingehend könnten durch verwachsene Epiphysen untermauert werden, liegen aber als Knochenmaterial nicht vor. Und die fragmentierte Tibia (Schienbein) oder Schnittspuren an einer Phalanx könnten Auskunft geben zu Zerlegungen oder Fleischlieferanten.[49] Diese Interpretationsmöglichkeiten bleiben dem Hillefeldfund nach gegenwärtiger Befundmasse verwehrt.

Es existieren weitere Augenscheinlichkeiten hinsichtlich der Taphonomie bei den gefundenen Tierknochen. Nehmen wir das Sus scrofa domesticus, also das domestizierte Schwein. Sollten Knochenreste über einen längeren Zeitraum auf dem Terrain liegen und den Witterungseinflüssen ausgesetzt sein, dann entstehen charakteristische Spaltenmuster, die von der Knochenoberfläche zu den inneren Gewebeschichten vordringen. Diese Beobachtungen sind für ein Gelenkende und für den medialen Unterkieferast als Befundstücke des Hillefeldes nur bedingt zu beobachten. Würde man als Bezugsgröße die Verwitterungsgrade von Anna Kay Behrensmeyer aus dem Jahr 1978 nehmen[50], dann liegen im ungünstigsten Fall abgeblätterte äußere Compactaschichten vor, was einer Liegezeit von höchstens 6 Jahren entsprechen würde. Auf dem Hillefeld haben die Befundstücke des Hausschweines in facettenreicher Ausprägung ein Konglomerat an oberflächigen Längsrissen in Collagenfaserrichtung, Einrisse an der Gelenkfläche oder die Defizite bei den Compactaschichten, teils sogar verwitterungsfrei. Offenliegende Compactaschichten, Oberflächenabspaltungen oder Einblicke bis zur Markhöhle sind nicht zu erkennen. Eine stabile Konklusion kann aus dieser Plastizität nicht gewonnen werden, denn einerseits ist die Spannweite von 0 bis 6 Jahren ein für alle Interpretationsrichtungen nutzbares Indiz ohne Ausschlusspotenzial und andererseits kann ich nicht jedem Biofakt die Verwitterungsgrade von Behrensmeyer aufoktroyieren, denn diese Systematisierung war das Resultat von Untersuchungen, die die tropische Klimazone als meteorologische Rahmenbedingung vorfanden.[51] Nach der Einbettung in den Erdboden ist der Verwitterungsprozess aber nicht konserviert. Die Osteolyse besitzt als externe Katalysatoren Bakterien, Pilze oder bodenchemische Reaktionen. Betrachten wir an der Fundstelle die Bodenzusammensetzung, erkennen wir schwach schluffigen, hellgrauen Ton mit ockerbeigen Einschlüssen. Zudem sind Rotlehmfilter und –stückchen sowie Kalkstein und kleinstückiger Sandsteinbruch der Hillefeldschen Ausgrabungsstelle zu entnehmen. Suboptimale Bodendurchlüftung, alkalische Bodenreaktionen und entweder trockene oder wasserführende Bodenfeuchte sind des Weiteren augenscheinlich dem Hillefeld zu entnehmen. Tendenziell können die vorgenannten Kriterien subsumiert werden unter die für ein Biofakt guten Erhaltungsparameter.[52] Für das Hillefeld kann deutlich formuliert werden, dass etwaige Tiefwurzler oder durch Pflanzen verursachte Ätzspuren an den Tierknochen nicht zu beobachten sind und daher kein signifikanter Einfluss vorliegt auf den Erhaltungszustand und die Oberflächenveränderungen. Bleibt noch das Hausrind (bos taurus). Der Unterkieferast lag nur in Fragmenten vor, allerding mit Bezahnung. Aus den Prämolaren und Molaren konnte geschlossen werden (Zahnabrieb), dass es sich bei diesem Rind um ein relativ junges Tier gehandelt haben muss, da der hintere Backenzahn M3 praktisch nicht abgekaut war. Zudem konnte ein abgekauter Milchzahn mit passendem durchbrechendem Prämolar (vorderer Backenzahn) identifiziert werden. Nimmt man nun den Erhaltungszustand des Pferdeschädels als Vergleichsgröße mit dem lädierten Oberschädel (Cranium superior), dem fehlenden Zahnmaterial und der Nichtexistenz des kompletten Unterkiefers, bleibt wenig Spielraum für vergleichende Analysen. Anzunehmen ist – als Bezugsmasse gilt hierbei das Tierknochenkonglomerat – das der Pferdeschädel zu einem Pferd gehörte, das als mindestens adult angesehen werden muss. Die abseitige Lagerung auf einem Plateau kann noch nicht in der Funktion zugeordnet werden, da Signifikanzen zwischen den Tierknochen so nicht möglich sind. Ob Tierrestehalden oder Tierbestattungsszenarien vorlagen auf dem Hillefeld, kann nicht apodiktisch formuliert werden. Auch die Kategorien zur Differenzierung sind ambigue und konträr. Gut möglich ist, dass auch vorchristlich-heidnische Aspekte die Tierknochen auf dem Hillefeld erklären können. Lesen wir bei einer Heimatforscherin doch Folgendes zu einem ominösen Teufelsweg:

Der Haupt- Teufelsweg beginnt an der Ruhr im Ortsteil Waltringen an der Mündung der Daimeke (Daiwels- Duiwelsbieke), führt über Günne parallel zum Haarweg nach Osten, über Wamel, Oberbergheim, Mülheim, Belecke, Drewer, Rüthen und endet in Obermarsberg. Unser Deiweg, ein Nebenteufelsweg, beginnt in der Nähe des ehemaligen Hofes Schulte- Steinwerk (Stemmerk) am sogenannten Flurstück Teufelsküche. Nach Schoppmann galt dieser Ort als unheimlich, wo Spukgestalten ihr Unwesen trieben.[53]

Einer der Teufelswege lief also am Hillefeld entlang. Und auch eine kleine Flurparzelle namens Teufelsküche befindet sich beim Hofe Stemmerk. Zufall? Rudimente heidnischer Kulte? Und wie das so mit den Sagen ist, handelt es sich um eine die Realität überzeichnete Darstellung lokaler Besonderheiten, aber es bleibt bei realen Komponenten. Hier könnte für zukünftige Untersuchungen eine interessante Querverbindung aufgebaut werden, da insbesondere das Alter des Pferdeschädels wegweisend sein könnte für rituelle, mythische Handlungen auf heidnischen Plätzen. Nehmen wir als Exemplum die vorfränkische Gerichtsbarkeit in Westfalen. Die Pagi, ursprünglich Rechtsdistrikte der Germanen mit dem Gaugericht als oberstes Rechtsorgan, erhielten nach den Sachsenkriegen Karls des Großen einen personellen Amtsträger namens grafio, den späteren Grafen.[54] Für Westfalen sind dabei die pagi pagus Westfalon und pagus Angeron belegt zur Ottonenzeit. Und die Grenze dieser Rechtsbezirke lag bei Werl entlang des Salzbaches, also am Hillefeld. Einer dieser Gogerichte, also Rechtsdistrikte innerhalb der Grafengerichtsbarkeit, mag tatsächlich dieses Hillefeld gewesen sein, denn in der Überlieferung standen dort nicht nur die Gerichtsbäume[55], sondern exekutive Einrichtungen. Und eine dieser Bezeichnungen lautete Heidengalgen. Die möglichen Attribute für den Pferdeschädel dürfen aus angeblicher Furcht vor unwissenschaftlichen Anekdoten nicht der Selektion zugeführt werden, da diese reservierten Blickwinkel eine Fron darstellen für die Rekonstruierung komplexer Zusammenhänge.

Ein sagenhaftes Parergon

Die Klimax dieses Zuganges an Interpretation liefert übrigens einen weiteren Beitrag zu einer der bekanntesten mittelalterlichen Sagen auf deutschem Boden, der Vogelherdlegende, nach der Heinrich aus Sachsen am Vogelherd saß, als ihm eine Abordnung im Auftrag Konrads I. die Königswürde für den spätostfränkischen Herrschaftsraum antrug. Können diese Betrachtungen einen utilitären Charakter in sich tragen bezüglich des Pferdeschädels? Ja, denn durch das Aufzeigen von historischen Tatsachen und Erwähnungen in der Literatur können durch die Vernetzung von sozialen und baulichen Strukturen Artefakte und Biofakte nicht mehr den Status einer gegenständlichen Anthropophobie für sich deklarieren. Und wie kommt es nun zur Verortung der Finkenherdgeschichte in die Scheidinger Flur?[56] Der Vermessungsrat Hugo Schoppmann 1940 und der ehemalige Soester Landrat Fritz Schulze 1982 erwähnten Vogelherdaktivitäten Am Krummen Duike, einem Flurstück in der Scheidinger Gemarkung nordöstlich von Werl. Schoppmann argumentierte noch ohne zeitlichen Bezug ( „…soll früher an dieser Stelle [Anmerkung: Am Krummen Duike] nahe dem alten ´Haus Köningen´, das ehemals sächsisches Königsgut war, ein Vogelherd gestanden haben, wo der Vogelfang betrieben wurde.“[57] ), aber bei Schulze erfolgte eine Personalisierung mit Heinrich, durch die sächsische Königsgutvergangenheit bedingt:

Eine Flurbezeichnung in der Feldmark Scheidingen ´Am krummen Duike´. Hier soll ein Vogelherd gestanden haben. (…), dass König Heinrich dort den Vogelfang betrieben hat, wenn er in Haus Köningen zu Besuch weilte.[58]

Geschichtsschreiber wie Georg Christian Crollius 1778 oder Leopold von Lebedur 1863 sahen im niedersächsischen Werlaburgdorf bei Goslar im Einzugsgebiet des Bistums Hildesheim das alte Werla, das sächsischen und salischen Kaisern als Aufenthaltsort in Ostfalen diente.[59] Die von Crollius angeführte Kaiserurkunde Heinrichs IV. vom 1. Januar 1086[60] bedeutete faktisch für den Hof Werla eine geographische Zuordnung in das Ostsachsen, und die durch von Lebedur nach Datum und Ausstellungsort der verfassten Kaiserurkunden aus der Ottonenzeit begünstigen diese Verortung.[61] Für Werl spräche die Bemerkung des Geschichtsschreibers Johann Dietrich von Steinen, wonach Heinrich 924 vor den Hunnen in die Fliehburg Werl flüchtete und von Johann Suibert Seibertz als „castrum“ titulierte wurde.[62] Diese Argumentation ist historisch patrouilliert, denn die Fachwissenschaft legt die Gründung einer Wehrburg am Hellweg in das beginnende 10. Jahrhundert. Turnusmäßige Aufenthalte muss es auf der curtis regia geegeben haben, allerdings ohne konkrete Lagebeschreibung. Majestätische Besitzungen werden nördlich von Werl angesiedelt ( „…liegt nördlich vom Hellwege bei Werlaha…[63] ) im Einzugsgebiet des Rittergutes Koeningen, auch „villa ducalis“ oder „königlicher Meierhof“ genannt.[64] Kann man dem Handbuch der historischen Stätten Deutschlands Glauben schenken, dann scheint die Werler Burganlage mit der curtis dicta Aldehof in Verbindung zu stehen, altem gräflichen Besitz.[65] Franz Josef Mehler zählte übrigens den Aldehof zu den äußeren Pfarrbezirken der Stadt Werl, was der Lage einer Pfalz auch entgegenkommen würde. Die westfälische Kartograph Albert Hömberg verortet in seinem Kartenmaterial eine Abzweigung des Hellweges in die Scheidinger Gemarkung.[66] Nach Rücksprache mit Dr. Kreucher vom Landesarchiv NRW Abteilung Westfalen besaß der dabei auffällige Teich in winkelförmiger Anlegung zwischen den Fluren möglicherweise die Funktion einer Gräfte. Interessant ist, dass nach Blick in das Güterverzeichnis für zumindest Teile der Flur Fischteich-Wiesen angegeben waren.[67] Die Fischteichwiesen waren ein gutes Argument für einen königlichen Wirtschaftshof. Heinrich war Zeitgenosse der spätkarolingischen Ära, hier orientierte man sich in unterschiedlicher Ausprägung an der Capitulare de villis.[68] Die Indizienkette für eine pfalzähnliche Anlage ist damit gelegt. Verba docent, exempla trahunt!

Tacheles zum Epilog

„Quod caput sit sine nomine“, mag der Leser denken. Und wahrlich, der Pferdeschädel auf dem Hillefeld wird nicht den Mythos eines Bernsteinzimmers erlangen, keinen Charme versprühen wie die Exponate im Dinosaurier-Park Altmühltal, geschweige denn jemals in einen namhaften Ausstellungskatalog einen Platz finden oder die Archäozoologen zum Heureka bewegen. Das Equus caballus ist aber weder im Ansehen noch im Deutungspotenzial inferior. Die Pferdebestattungen, ob nun pars pro toto oder in vollständiger Skelettmontur auf den Gräberfeldern, sind eine fixe Größe im Sammelsurium der nach Biofakten strebenden Archäologen. Ein Konglomerat an Parametern ermöglicht die Skizzierung eines Datierungsrahmens und die Charakterisierung der Befundmasse aus dem entsprechenden Pferdegrab. Die Pferdegräber im Altsächsischen und Bajuwarischen wie das westfälische Fürstengrab des „Herrn von Beckum“ oder die Pferdegräber im unterfränkischen Zeuzleben offenbaren jedoch einen genetischen Nachteil der Pferdegräber hinsichtlich der Konklusionsgenese. Zunächst muss konstatiert werden, dass spätestens mit den Liudolfingern die Pferdegrabsitte ihren Zenit überschritten hatte. Salier und Staufer konnten über ihr Verständnis von Metropolfunktionen ohnehin wenig anfangen mit dem heidnisch-merowingischen Begräbnisritual. Waren die Grabkammern themengerecht majorativ mit organischem Material versetzt, blieben durch externe und osteolytische Faktoren oft nur lädierte Fragmente zurück, die gerade bei Einfachbestattungen erschwerend signifikante Beziehungen aufbauen können zu benachbartem Befundmaterial. Nach eigenem Gusto und asyndetisch können Clusterbildungen mit den Charakteristika eines Pferdegrabes und in überregionaler Kartographie vollzogen werden. „Quo vadis?“, bleibt dort nur den Beteiligten in Diskursen zu resümieren. Und auch das slawische Schleenhain ist trotz vorzüglicher Dokumentation nur bedingt für Analogien hinsichtlich des Hillefeldschen Pferdeschädels geeignet.

Die auferlegte territoriale Restriktion mit einem Regionalbezug für die Rahmensetzung einer belastbaren Funktionalitätsanalyse des Hillefeldschen Pferdeschädels augmentiert über die altsächsischen Gräberfelder von Ense-Bremen, Wulfstedt, Sarstedt, Feddersen Wierde Liebenau oder Wünnenberg-Fürstenberg nur den Interpretationsmalus, mit dem der Pferdeschädel auf dem Hillefeld ausgestattet ist. Vielmehr erscheint mit dem Hillefeld der Malus noch exzessiv herausgearbeitet zu sein, da vergleichende Grabeinhegungen, fehlendes Knochenmaterial, verwertbare Zahnsubstanzen oder anorganische Grabbeigaben völlig fehlen. Auch das Bauopferszenario bleibt vage. Die brandenburgischen Gräberfelder in Gröditsch und in Senftenberg liefern allerdings ein augenscheinliches Analogon. Die entsprechenden Gedanken stehen jedoch in Abhängigkeit zu den Besiedlungsspuren, die noch einer weiteren Untersuchung bedürfen. Ist dieser Phoenix aus der Asche vom Hillefeld etwa ein Vorabkommando einer noch archäologisch unerforschten Begräbniskultur mit Totenbezug? Der Konstruktivismus und die Suche nach einer Verknüpfung sind zuträglicher als die Theorien, die sich aus dem Nihilismus ergeben. Wenig Verwertbares bedeutet nicht in der Konklusion die Einstellung der Suche nach Funktionalitäten. Der Pferdeschädel auf dem Hillefeld ist nach Norden ausgerichtet, abgelegt auf einem Plateau und abseits gelegen zu archäologisch noch nicht vollumfänglich erfassten Besiedlungsspuren. Der vergleichende Knochenbefund mit angrenzend lokalisierten Tierknochen charakterisiert den Pferdeschädel als adult. Die Fragmentierungstendenzen (Cranium superior), das Fehlen ganzer Pferdeschädelpartien (Unterkiefer, Zahnreihen) und die Fundläsion im Allgemeinen rechtfertigen aber keine Abqualifizierung im Sinne eines abgehalfterten Hauspferdes mit Teillagerung auf dem archäologischen Abort.

Wenn Grabartefakte oder Biofakte nicht existent oder aussagefähig sind als Vergleichsgrößen für die Funktionalität eines Objektes, dann ist die Inklusion von benachbarten Besiedlungsspuren ein konstruktiver Schritt auf der Suche nach dem Attribut. Die mediävale Herkunft der Tierknochenreste, der Besiedlungsstrukturen, der Flurbezeichnungen in den angrenzenden Gemarkungen und die Quellenhinweise für Referenzen wie „Pfalz“, „Burg“ oder „Schloss“ sind statuiert und dienlich als archimedischer Punkt zur Thesensetzung. Und so sind die Voglerlegende oder der regionalgeschichtlich bedeutsame Teufelsweg als urdeutsche Elemente mit dem Habitus des Involvierten ein Ertrag auf der Suche nach einer indirekten Funktionszuordnung für den Pferdeschädel.

Anhang

Literaturverzeichnis

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Hyperlinks

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[1] Tacitus: Germania (10,2).

[2] Müller-Wille, 1970/71, 119-248.

[3] Freiin von Babo, 2004, 17.

[4] Tessmann, 2013, 131-146.

[5] Freiin von Babo, 2004, 17-26.

[6] Rettner, 2007, 522-526.

[7] Boessneck, 1967, 193-215.

[8] Kuncaitis, 1939, 66-72.

[9] Goßler, 2012, 203-216.

[10] Nawroth, 2001, 81-82.

[11] Göckenjan, 1972, 93-95.

[12] Steuer, 2007, 50-96.

[13] Bersch, 2014, 89-104.

[14] Oexle, 1992, 54-55.

[15] Vgl. hierzu die Anmerkungen auf https://www.lwl-landesmuseum-herne.de/blog/das-grab-des-herrn-von-beckum (zuletzt aufgerufen am 10.12.2018).

[16] Freiin von Babo, 2004, 19.

[17] Deiters, 2007, 5-7.

[18] Ein archäologischer Suchschnitt im Osten des Gräberfeldes konnte die ursprünglichen östlichen Abgrenzungen aufzeigen. Die weiteren Ausmaße können gegenwärtig nicht rekonstruiert werden.

[19] Ahrens, 1977.

[20] Haarnagel, 1979, 223-230.

[21] Gummel, 1926, 18-32.

[22] Cosack, 2017, 233-246.

[23] Kiesewalter, 1888, 5.

[24] Freiin von Babo, 2004, 25.

[25] Wolters, 2004, 139-140 und die Ausführungen des Ingolstädter Stadtarchäologen Gerd Riedel von 2005 unter https://www.ingolstadt.de/stadtmuseum/scheuerer/arch/starch16.htm (zuletzt aufgerufen am 10.12.2018).

[26] Pelikan, 2014, 103-105.

[27] Pelikan, 2014, 105.

[28] Vgl. hierzu http://www.archive.nrw.de/LAV_NRW/jsp/findbuch.jsp?archivNr = 1&klassId = 1&id = 0487 (zuletzt aufgerufen am 21.07.2018).

[29] Vgl. hierzu http://www.archive.nrw.de/LAV_NRW/jsp/findbuch.jsp?archivNr = 1&tektId = 104&id = 0585&klassId =5&seite = 1 (zuletzt aufgerufen am 21.07.2018).

[30] Koske, 1960, 168 und  http://www.archive.nrw.de/LAV_NRW/jsp/findbuch.jsp?archivNr = 1&klassId = 8&tektId = 104&id = 0585&bestexpandId = 103 (zuletzt aufgerufen am 21.07.2018).

[31] Eickhoff, 1998, 99-103.

[32] Warnke, 1995, 123-128.

[33] Der Befundkatalog Welver-Flerke 2015, Stemmerk, AKZ 4413,294 kann vom LWL-Archäologie in Westfalen offiziell auf Nachfrage bezogen werden und zum Komplex der Bauopferriten siehe Capelle, 1985, 498-501.

[34] Preising, 1970, 27 und zur Pfalzthematik Seibertz, 1846, 171.

[35] Thoss, 1943, 20.

[36] Kampschulte, 1861, 222.

[37] Rübel, 1902, 237. Hinweis: Werlaha kann sich auch auf die bei Goslar gelegene Pfalz beziehen. Einen Bezug zum Hellwege konnte ich allerdings nicht ermitteln, und die geographischen Argumente verlieren „glücklicherweise“ nicht an Bedeutung für den Pfalzstandort Scheidingen. Das bedeutet aber nicht, dass man die Werlaha-Problematik als belanglosen Historikerstreit abwertet. Die zukünftigen Forschungen werden sich dazu intensiver äußern (müssen), und mein Projekt bewertet zum jetztigen Zeitpunkt und Stand diese Problematik nicht als Schlüsselansatz oder festen Hauptteilstoff.

[38] v.  Papen, 1952, 14.

[39] Vgl. hierzu ausführlich meinen Beitrag zu alten Gebäuden in der Scheidinger Flur, der im Rahmen des Bundeswettbewerbes Jugend forscht 2014 erstellt wurde, in: Seithe, 2014, 1-13.

[40] Mehler, 1891, 524.

[41] Andernach, 1995, 9.

[42] Archiv Frhr. v. Fürstenberg Herdringen/Westf. Rep. IV, Fach 10 Nr. 49 und Klose, 1963, 559.

[43]Vgl. hierzu http://www.archive.nrw.de/LAV_NRW/jsp/findbuch.jsp?archivNr = 1&id = 0410&tektId = 12&klassId = 25&expandId = 5&bestexpandId = 4&suche = 1&verzId = 1904 (zuletzt aufgerufen am 21.07.2018).

[44]Archiv Frhr. v. Fürstenberg Herdringen/Westf. Rep. IV, Fach 10 Nr. 49.

[45] Preising, 1970, 43.

[46]Vgl. hierzu http://www.archive.nrw.de/LAV_NRW/jsp/findbuch.jsp?archivNr = 1&klassId = 22&tektId = 12&id = 0410&bestexpandId = 4&expandId = 5 (zuletzt aufgerufen am 21.07.2018) und Mehler, 1891, 47.

[47] Steuer, 2007, 51-52.

[48] Befundkatalog Welver-Flerke 2015.

[49] Heinrich, 1995, 117.

[50] Behrensmeyer, 1978, 150-162.

[51] Andrews, 1990, 10-16.

[52] Müller, 1992, 32-72.

[53] Risse, 1999, 39.

[54] Schmeken, 1961, 20-43.

[55] Gerichtsbäume waren sehr alte und lokal markante Bäume, die bereits vor der fränkischen Invasion eine mythologische oder mystische Funktion bei den heidnischen Sachsen hatten. Eichen, oft als Femeeichen bezeichnet, bildeten dabei das Naturpanorama, Relikte der germanischen Gerichtsbarkeit.

[56] Vgl. hierzu ausführlich meinen Beitrag zu historischen und archäologischen Aktivitäten bezüglich der Vogelherdproblematik, der im Rahmen des Bundeswettbewerbes Jugend forscht 2015 erstellt wurde, in: Seithe, 2015, 1-13.

[57] Schoppmann, 1940, 165.

[58] Schulze, 1982, 72.

[59] Mehler, 1891, 26-28.

[60] v. Gladiss, 1952, 504.

[61] Mehler, 1891, 31.

[62] Mehler, 1891, 27-28 und Seibertz, 1864, 172.

[63] Rübel, 1902, 237.

[64] Mehler, 1891, 31.

[65] Petri, 1970, 768.

[66] Hömberg, 1967, Karte.

[67] Die Informationen ergaben sich aus dem Emailkontakt mit Dr. Kreucher bezüglich meiner Anfrage zur Flurkartennummer 1792-UR-18.

[68] Günther, 1974, 45.

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: C. Ahrens, Das Pferdegrab von Wulfsen, in: Helms-Museum (Hrsg.), Hamburgisches Museum für Vor- und Frühgeschichte (Faltblatt 38) (Hamburg 1977).

Abb. 2: A. Bersch, Fenster Europa: Das „Fürstengrab“ von Beckum in Westfalen. Zum Stand der Forschung eines Altfundkomplexes, in: Berichte zur Archäologie in Rheinhessen und Umgebung 7, S. 89-104.

Abb. 3: B. Tessmann, Grabungsergebnisse einer Trassenbegleitung. Gab es Tieropfer im spätmittelalterlichen Gröditsch (Lkr. Dahme-Spreewald)?, in: Mitteilungen der Berliner Gesellschaft für Anthropologie,. Ethnologie und Urgeschichte (34) (2013), S. 131-146, S. 141.

Abb. 4: N. Goßler, Steppennomadische Einflüsse im hoch- und spätmittelalterlichen Mitteleuropa? Neues zur Pferdebestattung von Schleenhain, Kr. Leipzig, in: F. Biermann u. a. (Hrsg.), Transformationen und Umbrüche des 12./13. Jahrhunderts. Beiträge zur Sektion der slawischen Frühgeschichte der 19. Jahrestagung des Mittel- und Ostdeutschen Verbandes für Altertumsforschung in Görlitz, 01. Bis 03. März 2010, Sonderdruck aus: Beiträge zur Ur- und Frühgeschichte Mitteleuropas 64 (Langenweissbach 2012), S. 203-216, S. 204.

Abb. 5: N. Goßler, Steppennomadische Einflüsse im hoch- und spätmittelalterlichen Mitteleuropa? Neues zur Pferdebestattung von Schleenhain, Kr. Leipzig, in: F. Biermann u. a. (Hrsg.), Transformationen und Umbrüche des 12./13. Jahrhunderts. Beiträge zur Sektion der slawischen Frühgeschichte der 19. Jahrestagung des Mittel- und Ostdeutschen Verbandes für Altertumsforschung in Görlitz, 01. Bis 03. März 2010, Sonderdruck aus: Beiträge zur Ur- und Frühgeschichte Mitteleuropas 64 (Langenweissbach 2012), S. 203-216, S. 204.

Abb. 6: S. Deiters, Das Gräberfeld von Ense-Bremen. Begleitheft zur Ausstellung „Das Gräberfeld von Ense Bremen“ vom 20. November bis 10. Dezember 2007 im Rathaus der Gemeinde Ense in Ense-Bremen (Münster 2007), S. 10.

Abb. 7: S. Wolters, „Eine Insel unter dem Pflaster“ – Überraschungen auf dem Ingolstädter Rathausplatz, in: Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege und von der Gesellschaft für Archäologie in Bayern (Hrsg.), Das Archäologische Jahr in Bayern 2004, S. 139-140, S. 139.

Abb. 8: S. Wolters, Grabungsbericht Rathausplatz Ingolstadt, Bildanhang.

Abb. 9: M. Pelikan, Ein Pferd unterm Stall … Erste Spuren einer früh- und hochmittelalterlichen Besiedlung Trappstadts, in: Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege und von der Gesellschaft für Archäologie in Bayern (Hrsg.), Das Archäologische Jahr in Bayern 2014, S. 103-105, S. 105.

Abb. 10: M. Pelikan, Ein Pferd unterm Stall … Erste Spuren einer früh- und hochmittelalterlichen Besiedlung Trappstadts, in: Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege und von der Gesellschaft für Archäologie in Bayern (Hrsg.), Das Archäologische Jahr in Bayern 2014, S. 103-105, S. 104.

Abb. 11: Archiv LWL-Archäologie für Westfalen, AS Olpe.

Abb. 12: Archiv LWL-Archäologie für Westfalen, AS Olpe.

Abb. 13: Archiv LWL-Archäologie für Westfalen, AS Olpe.

Abb. 14: Archiv LWL-Archäologie für Westfalen, AS Olpe.

Abb. 15: Archiv LWL-Archäologie für Westfalen, AS Olpe.

Der Harem im Topkapi-Serail in der Frühen Neuzeit … Ein Arbeitsfeld der historischen Netzwerkforschung?

Der Harem im Topkapi-Serail in der Frühen Neuzeit

Ein Arbeitsfeld der historischen Netzwerkforschung?

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Zur Begrifflichkeit und Aktualität des Netzwerkes

Venedig und das Goldene Horn

Die Symbiose aus Harem und Herrschaft

Ein diplomatischer Tenor über Ego-Netzwerke

Schlussbetrachtungen

Quellenverzeichnis

Einleitung

Der Harem leidet an einer westlichen Verklärung. Mythen, Romanzen und Kastraten tummeln sich im unzugänglichen Wohnareal des Sultans. Ehrergiebige Personen bevölkern das bunte Panorama für den Herrn des Hauses, der begierige Stippvisiten zu den Schönen am Goldenen Horn durchführt. Dieses Sinnbild des Falschen ist heute derart verankert im Abendland, dass die komplexe Funktion dieses Mikrokosmos für die osmanische Dynastie und das geschlechtsspezifische Spannungsfeld in ihren Weiten nicht erkannt wird. Nehmen wir die weitverbreitete Sitte, wonach im Harem nur Ehefrauen und Konkubinen lebten. Diese Frauenfraktionen wurden ergänzt um die Mutter des Sultans, seine Schwestern, Töchter und Söhne und die zahlreichen Sklavinnen, die auch im Abhängigkeitsverhältnis zu den Frauen des Sultans stehen konnten. Und es geht weiter mit der Entmystifzierung der bunten Halbwahrheiten. Es ist nicht so, dass das Synonym für den Harem die Weiblichkeit ist. Der Männer-Harem war obligatorisch, liegt doch in der Ursprungsbedeutung des Wortes etwas Verbotenes oder Heiliges, aber nicht das Feminine. „Gottes Schatten auf Erde“ verlangte eine durch Präsenz verursachte Heiligkeit des Privaten. Der Sultan definiert den Harem mit seinem Dasein. Waren im Männer-Harem, von weißen Eunuchen bewacht, minderjährige Männer untergebracht mit einer gewissen Laissez-faire, so stand dem Familien-Harem mit strengem Regiment, bewacht von schwarzen Eunuchen, die Sultansmutter vor. Zudem hat sich bis heute hartnäckig ein Mythos gehalten, der durch den restriktiven Zugang zum Harem verursacht wurde. Wie selbstverständlich assoziiert man den Harem mit privat, häuslich, weiblich und stellt dies in Gegensatz zu öffentlich, politisch, männlich. Und das ist falsch! Dies wird schon daran deutlich, dass auch der Sultan selbst den Harem so gut wie nie verlassen hat, und wenn er ihn verließ, wurde er von den Eunuchen und Jünglingen des Harems begleitet, gemäß dem „Gottes Schatten auf Erde“. Ein weiterer Hinweis auf die grundsätzlich unterschiedliche Gesellschaftsordnung des Osmanischen Reiches ist die Tatsache, dass es kein gesondertes Regierungsgebäude gab: Das höchste politische Organ des Osmanischen Reiches trat im Serail zusammen, dem Heim des Sultans.

Netzwerkanalytisches Denken trägt nun dahingehend zur Entmystifizierung bei, als durch das Aufzeigen von personalen Beziehungen das komplexe Geflecht horizontaler Machtpartizipation verdeutlicht wird. Und nicht nur vertikale und horizontale Herrschaftsgefüge können über Netzwerke besser identifiziert werden, sondern auch die bilateralen Charakteristika in Abhängigkeit der daran beteiligten Personen können in ihrer Intention besser aufgelistet werden. Am Beispiel der Serenissima aus Venedig werden einzelne Relationen in der Frühen Neuzeit vorgestellt, die aus dem Harem des Topkapi-Serail führen, wobei natürlich kleine historische Rahmensetzungen nicht fehlen dürfen. Schließlich musste sich die Löwenrepublik zu jenen Zeiten stets den ambivalenten und halbherzigen Umgang mit den Ungläubigen gefallen lassen von Seiten der abendländischen Christenheit. Auch hinsichtlich der Orientierung innerhalb eines Netzwerkmediums erfolgen zu Beginn elementare Begrifflichkeiten zum Netzwerk und Äußerungen zum Gegenwartsbezug und zur Historie dieses methodischen Stils.

Zur Begrifflichkeit und Aktualität des Netzwerkes

In der Geschichtswissenschaft bezeichnet man die Vernetzung und Interaktion historischer Personen als Netzwerk, die fachspezifische Beschäftigung dahingehend als historische Netzwerkforschung. Die sozialen Beziehungsgeflechte können dabei auf unterschiedlichen Ebenen einer Analyse zugeführt werden. Die in der historischen Netzwerkforschung etablierten Analyseebenen werden als Mikro-, Meso- und Makroebene bezeichnet und veranschaulichen mit unterschiedlicher Gewichtung die Vernetzung von Individuen, von Organisationen oder geben Auskunft über die Interaktion der betrachteten Organisationen. Der mikroanalytische Ansatz betrachtet das Individuum als archimedischen Punkt und will das Beziehungsgeflecht zu anderen Personen innerhalb des Netzwerkes analysieren, wie es beispielsweise bei Stammesfamilien oder Personalkonstellationen innerhalb von Arbeitskreisen Anwendung findet. Dieses intraorganisationelles Netzwerk ist in der Analyse weitgehend autark und setzt nicht auf transkriptionale Netzwerkanalysen. Das mesoanalytische Vorgehen setzt eine nichtpersonalisierte Betrachtung in den Fokus. Das Individuum steht außen vor, die Gruppe von Akteuren ist in der Wechselbeziehung zu anderen Organisationseinheiten von Interesse, wie es beispielsweise in der Analyse von abteilungsübergreifenden Geflechten innerhalb eines Behördenapparates Anwendung vorzufinden ist. Die makroanalytische Vorgehensweise setzt auf ein Beziehungsgeflecht zwischen den Organisationen, wie es beispielhaft in den militärischen Allianzen, im Spannungsfeld partikularistischer Systeme oder in den transnationalen Wirtschaftsbünden zum Ausdruck kommt. Darüber hinaus differenzieren die Aggregationsebenen in der historischen Netzwerkanalyse nach der Anzahl der handelnden Personen. Die Dyade ist dabei das Grundelement einer Netzwerkanalyse, also die Interaktion zwischen zwei Akteuren. Ob in der historischen Netzwerkanalyse die intra- oder interorganisationellen Netzwerke für den betreffenden Sachverhalt vorrangig Beachtung finden, bleibt dabei für die Provenienz des Analysesachverhaltes unberücksichtigt. Die Triade ergänzt die Wechselbeziehungen auf drei Handlungsakteure. Werden aus der Perspektive eines Handlungsakteurs alle aufzeigbaren oder relevanten Interaktionen thematisiert, liegt ein egozentrisches Netzwerk vor mit einer Gruppenaggregation. Das Synonym für das egozentrische Netzwerk bildet dabei das Ego, die weiteren Handlungsakteure werden als Alters tituliert. Methodisch erfolgt dabei der Ansatz nach der strukturellen oder der relationellen Perspektive. Verhaltensweisen, Einstellungen und die Suche nach Mustern stehen in der strukturellen Perspektive im Fokus der Überlegungen. Dieses Konglomerat an strukturellen Informationen kann über die name generators umgesetzt werden, also Maßnahmen aus dem Fragenkatalog, die zu Namen führen. Erfordert der Untersuchungsgegenstand hingegen eine inhaltliche Schwerpunktsetzung der Wechselbeziehungen, so kommen den name interpreters eine Schlüsselstellung zu, also Fragen, die inhaltlich Substanzielles in der Beantwortung ermöglichen.

Nachdem die grundlegenden Begriffe für das Netzwerk – zunächst losgelöst vom Konkretum der Ausarbeitung –  aufgelistet wurden, erfährt die Aktualität der historischen Netzwerkforschung Berücksichtigung, um den Gegenwartsbezug als Abstraktum in Qualität und Quantität zu skizzieren. Der an der Universität zu Köln tätige Netzwerkanalyst Markus Gamper formulierte 2015 die Dimension der Netzwerkbibliographie treffend:

Tendierte die Artikelanzahl im Jahre 1969 noch gegen Null, stieg diese im Jahre 2012 auf knapp 700 an.[1]

Die Gründe hierfür sind dem fächerübergreifenden Charakter des Netzwerkbegriffes geschuldet. Der flächendeckende Ausbau des Internets als übergeordnetes Netzwerk und die feste Verankerung der sozialen Netzwerke in der digitalisierten Form (z.B. Facebook, VKontakte) förderten mit ihren Schlüsselfunktionen wie „persönliches Profil“, „Kontaktliste“ oder „Blogs“ den Einzug in den Lebensalltag. Der Relationalität als methodischem Grundbaustein der Netzwerkforschung verhalf die Digitalisierung zur inflationären Dissemination. Auch die Fachliteratur konnte gegen Ende des 20. Jahrhunderts über die Populärliteratur ihre Teilhabe am fortwährenden Gegenwartsbezug des Netzwerkbegriffes deklarieren, als der spanische Soziologe Manuel Castells 1996 mit The Information Age: Economy, Society, and Culture, Volume 1: The Rise oft he Network Society und der  US-amerikanische Soziologe Robert Putnam 2000 mit Bowling Alone: The Collapse and Revival of American Community das fachwissenschaftliche Scherflein zur Etablierung des Netzwerkbegriffes in die Diskurse einbrachten. Obwohl der deutschsprachige Raum um 1900 durchaus als Pionierareal hinsichtlich der Netzwerkforschung angesehen werden kann mit der formalen Soziologie um Georg Simmel und den Soziomatrizen des Sozialpädagogen Johannes Delitsch[2], bleibt doch zu konstatieren, dass die anglo-amerikanische Fachwelt den Netzwerkmotor mit den entsprechenden Publikationen versorgte. Alleine die Werbetourneen durch die universitäre Landschaft zur Netzwerkforschung von englischsprachigen Wissenschaftlern wie dem südafrikanischen Ethnosoziologen Max Gluckmann[3] und dem US-amerikanischen Soziologen Harrison White statuierten die Netzwerkforschung als Fixum in der Angebotspalette für Kolloquien, Seminare, Vorlesungen und Forschungsprojekte. Und Deutschland? Würde man den Simmel-Award[4], die renommierteste Auszeichnung für Netzwerkanalysten, als Maßstab heranziehen, käme Deutschland in die Nähe einer Netzwerkwüste, da lediglich der Soziologe Rolf Ziegler 1998, und zu dem Zeitpunkt auch schon emeritiert, diesen Preis erhielt. Obwohl Deutschland im Publikationsranking zur Netzwerkforschung Ländern wie England oder den Vereinigten Staaten von Amerika hinterherläuft, umfangreiche Kompendien zu qualitativen oder egozentrischen Netzwerken aus dem deutschsprachigen Raum in nennenswerter Zahl nicht vorliegen, die deutschen Netzwerker lange an Soziogrammen festhielten, die Figuration[5] zur Überwindung der Analyseebenen lange nicht wahrgenommen wurde und die Visualisierung von Netzwerken praktisch international nicht konkurrenzfähig ist, bereichern durchaus Standardwerke von deutschsprachigen Autoren den Semesterapparat für die Netzwerkforschung. Das Handbuch Netzwerkforschung 2010 von Christian Stegbauer und Roger Häußling oder der Sammelband zur visuellen Netzwerkforschung 2013 von Markus Gamper et al. können aber die darüber hinwegtäuschen, dass die etablierte Forschungsliteratur aus deutschen Landen unterrepräsentiert ist.[6]

Dass das mit der Netzwerkforschung explizit in der deutschen Geschichtswissenschaft nur in punktueller Resonanz wahrzunehmen war in der Vergangenheit, lag vordergründig an der Präferenz für die der Netzwerkanalyse peripher zuträglichen Denkweisen in der Fachwelt. Der Informatiker Charles Wetherell sprach diesen neuralgischen Punkt 1998 an:

First, the conceptual orientation of sociologists practicing historical social network analysis (HSNA) remains unfamiliar to the majority of professional historians. Just when SNA was maturing in the late 1980s and 1990s, the interdisciplinary interes in social science theory among historians, so charakterictic of the 1970s and early 1980s, began to wane.[7]

Darüber hinaus muss konstatiert werden, dass die bereits erwähnte Unterrepräsentation der fachwissenschaftlichen Erträge aus Deutschland auch der Personalsituation geschuldet war, da die geringe Zahl an Netzwerkwissenschaftlern keine merklichen Produktionsschübe oder einen personaltechnischen Leumund generieren konnten. Zudem sind in der Methodik die quantitativen Analysen gebunden an hochwertige Datensätze, die zeitintensiv in der Archivarbeit herauskristallisiert werden müssen. Grundsätzlich sind die Dichte und die Reichweite von Netzwerken charakteristische Kenngrößen für die quantitativen Elemente einer Netzwerkanalyse, wobei die Dichte als Synonym Verwendung findet für die Häufigkeit der direkten Beziehungen in einem Netzwerk.[8] Obwohl die historische Netzwerkforschung nach wie vor einen marginalen Modus besitzt, konnten insbesondere seit den 1990er Jahren eine Reihe von Publikationen der historischen Netzwerkanalyse einen Aufschwung initiieren. Die Politologen John Padgett und Christopher Ansell veröffentlichten zu Beginn der neunziger Jahre im American Journal of Sociology Netzwerkanalysen zu den politischen Machtprozessen der Familie der Medici im 15. Jahrhundert.[9] Thematisch können dabei Cluster gebildet werden und reichen über Interlocking directorates[10], Kreditvergabenetzwerken bis hin zu Zitations- oder Briefnetzwerken. Diffusionsprozesse, Migrationsnetzwerke und Netzwerkstudien zur sozialen Unterstützung komplettieren die relevante und tagesaktuelle Fachpalette aus Politik und Geschichte.[11]

Und warum sind nun Netzwerkanalysen sinnvoll für eine bilaterale Ebene, wie sie in der nachfolgenden Konstellation zwischen den Haremsdamen und der Serenissima angelegt werden? Nehmen wir die Reichweite eines Netzwerkes bei Ego-Netzwerken, also bei Konstellationen, die von einer Gründerfigur ausgehen, sozusagen von einem personifizierten archimedischen Punkt. Hier liegt die Leichtigkeit darin, dass vertretbar in der Recherche die Relationen gemessen werden, um die direkten oder indirekten Beziehungen zum Kristallisationspunkt des Ego-Netzwerkes aufzuzeigen. Zudem ermöglichen die venezianischen Diplomaten einen Zugang, der ikonisch als Ausfransung interpretierbar wäre. Sind Handlungsobjekte nur marginal positioniert in Netzwerken, verfügen sie über strukturelle Vorteile gegenüber den archimedischen Punkten in Ego-Netzwerken, da der Grad an Assimilation für die marginalen Objekte größer ist als bei den Dominanten im Ego-Netzwerk. Zwar verfügen die personifizierten archimedischen Punkte über qualitativerer und quantitativere Kontakte, aber nur bezogen auf ein Netzwerk. Transkriptionale Netzwerkpotenziale gehören als Charakteristikum nicht dazu. Und dieses strukturelle Charakteristikum ist dem Spannungsfeld aus intraorganisationellen und transkriptionalen Netzwerken zu eigen. Der amerikanische Soziologe Mark Granovetters konnte bereits dieses netzwerkanalytische Paradigma in seinem Aufsatz The Strength of Weak Ties von 1973 veranschaulichen, als er die Stärke einer Beziehung formte aus den Kenngrößen Zeitaufwand, Ausmaß an emotionaler Intensität, Intimität und die Art der reziproken Hilfeleistungen.[12]

Venedig und das Goldene Horn

Die ersten Kontakte zwischen den Osmanen und den italienischen Seefahrerstaaten gab es im Spätmittelalter an den ägäischen Küstenabschnitten, wo Genuesen oder Venezianer Kontore unterhielten. Anfangs gab es Affinitäten zu den Genuesen seitens des Sultans, da die Osmanen die natürlichen Rivalitäten der Seefahrerrepubliken ausnutzten für die Balance of Power in adriatischen Gefilden. Schon zu Beginn des 15. Jahrhunderts gab es Übereinkünfte zwischen den Osmanen und den Genuesen hinsichtlich der Verschiffung osmanischer Truppen und osmanischen Materials über die Dardanellen. Noch vor dem Fall Konstantinopels 1453 konnte sich die genuesische Kolonie den verhandlungswürdigen Vorschlag leisten, den genuesischen Turm in der Zitadelle des heutigen Istanbuler Stadtviertels Galata mit den Insignien des Sultans Murad II. Nur die Intervention der Mutterstadt Genua – und auch nur aus taktischen Erwägungen heraus –  bewog die Kolonisten zur Rücknahme dieses Zugeständnisses, um nicht frontal der seefahrenden Christenheit im mediterranen Raum die Brüskierung einzuverleiben.[13] Venedig selbst hatte schon wegen der geographischen Lage seiner Handelskontore ein Interesse, abseits jedweder religiösen Diskurse und christlicher Planspiele hinsichtlich einer Heiligen Allianz gegen den osmanischen Hegemon eine diplomatische Korrespondenz zum Topkapi am Goldenen Horn aufzubauen. Die Venezianer waren daher auch der erste reguläre westliche Staat, der über ein Netzwerk an Informanten verfügte in den osmanischen Städten und den venezianischen Handelsniederlassungen, um die Informationsflut nach neuestem Stand und Halbwertzeit zu filtern. Die Gründung der Sprachschule Giovani di Lingua 1551, errichtet in der venezianischen Vertretung in Istanbul und seitens der christlichen Verbündeten als Infernal angesehen, sollte die Qualität der nachrichtendienstlichen Arbeit vor Ort mehren. Der Bailo, der venezianische Repräsentant im einstigen Konstantinopel, genoss daher eine Schlüsselstellung im Zusammenfluss nachrichtendienstlich verwertbarer Informationen.[14]

Die diplomatische Allianz war gelegentlich erweitert worden durch handfeste militärische Kooperationen. Zu Beginn des 16. Jahrhunderts gab es in der venezianischen Administration Überlegungen, osmanische Unterstützung zu erbitten, als nach der Schlacht von Agnadello 1509 das französische Übergewicht den maritimen Hegemon in der Adria in das Wanken brachte und der französische König Ludwig XII. sich anschickte, die Balance of Power zwischen den Seerepubliken nachhaltig unvorteilhaft für die Serenissima zu torpedieren. Diese Form der venezianischen Diplomatie brachte die Seerepublik stets in arge Bedrängnis und entfachte eine Kritik, sich nicht der Heiligen Allianz gegen die Ungläubigen, also gegen die Osmanen anschließen zu wollen. Die Ursache dieser ambivalenten Attitüde liegt sicherlich in der Gewährleistung der Versorgungswege und –areale, die vornehmlich aus der Sicht der Venezianer in der Levante lagen und in den osmanischen Getreidelieferungen, die im 16. Jahrhundert von einer Haseki Sultan noch zum Casus belli in den bilateralen Beziehungen auserkoren werden sollte. Und das von einer gebürtigen Venezianerin. Dazu aber später. Der Topkapi-Serail betrachtete dieses venezianische Dilemma mit produktivem Engagement und entsandte 1570 einen Botschafter nach Venedig, um die Kapitulation Zyperns zu fordern. Für diesen eigentlichen Affront gab es im venezianischen Senat tatsächlich seinerzeit ernsthafte Diskurse, und nur das Wiener Zugeständnis, die sizilianischen Getreidespeicher zu öffnen, motivierte den Dogen, die Beschmutzung der Souveränität nicht akzeptiert zu haben. In der Seeschlacht bei Lepanto 1571 wurden die Osmanen vernichtend geschlagen, aber der venezianische Grundtenor im Nachklang war auf Verständigung ausgerichtet. Und 1573 erfolgte dann ein Separatfrieden, aus dem Venedig, obwohl noch bei Lepanto zu den Siegern zählend, mit dem Verlust Zyperns und der Zahlung von Reparationen an die Osmanen mit einem für die christlichen Verbündeten unverständlichen Gesichtsverlust hervorging. Die Umstände, dass einerseits Venezianer und Osmanen durch konkurrierende Gewürzhandelswege gemeinsam betroffen waren, und die venezianischen Elemente in den osmanischen Matrimonialallianzen ermöglichten eine diplomatische Korrespondenz, die für die Frühe Neuzeit von ungewöhnlicher Intensität war.

Die Symbiose aus Harem und Herrschaft

Der Harem – losgelöst von der Multifunktionalität dieser (sozialen) Baueinheit im Topkapi-Serail – leidet an einer genetischen Schwäche für den Geschichtswissenschaftler. Lange Zeit im Unerforschten gelegen als plastisches Substrat osmanischer Herrschergelüste, blieb die Genese und Archivierung eines konklusionsfähigen Quellenmaterials stets und deutlich hinter den Möglichkeiten zurück. Die intime Privatsphäre des Despoten im Topkapi-Serail, die nicht von Provenienz geprägten familiären Leumunde der Konkubinen, gar die wenig auf Abstammungspathos und Noblesse statuierte Legitimation der mit Beinamen, Vogel- oder Blumenbezeichnungen titulierten Lieblingsdamen der osmanischen Sultane oder die konspirativen Klüngelfraktionen mit ihren außerhalb der offiziellen Administration gelegenen Entscheidungsprozeduren wie bei den Eunuchen ermöglichen keine adäquate Rekonstruktion. Der neuralgische Punkt liegt hierbei aber nicht für den Historiker im bestenfalls fragmentarischen Überrestekatalog, sondern in der oft bewussten Vernachlässigung und Versandung der Kodifizierung von sozialen Prozessen im Wohn- und Erziehungsraum namens Harem.

Nehmen wir hierfür als Protagonistin einer verschleierten Dokumentation für die Nachwelt die Haseki Sultan Kösem Mahpeyker (1589-1651), also die Favoritin des Sultans Ahmed I. (1590-1617).  Sie war die Haseki, die Valide Sultan, also die Regentin des Osmanischen Reiches für ihren minderjährigen Sohn Murad IV. (1612-1640), für ihren wenig regierungstauglichen Sohn Ibrahim Deli (1615-1648) und für ihren Enkel Mehmed IV. (1642-1693), der unrühmlich der Zweiten Wiener Türkenbelagerung 1683 durch Großwesir Kara Mustafa Pascha in Passivität und anfänglicher Unkenntnis vorstand. Die Genealogie der Kösem Mahpeyker Sultan war nur von geringer Strahlkraft, da sie als gebürtige Griechin und Tochter eines orthodoxen Priesters keine islamische Provenienz vorweisen konnte, aber gemäß diametralem Erwartungshorizont de facto den archimedischen Punkt personalisierte bei der Wahl von Großwesiren oder der öffentlichkeitswirksamen Almosengabe. Zwar zeigte das osmanische Sultanat dahingehend eine dem abendländischen Christentum nicht anhängliche Toleranz, führte aber in der osmanischen Administration und in den polykratischen Machtzirkeln am Bosporus zur stetigen religiösen Paranoia. Auch das Ende der Kösem Mahpeyker, deren Beiname Kösem ob ihrer weichen und haarlosen Haut durch den italienischen Forschungsreisenden Pietro della Valle (1586-1652) bezeugt ist, der sich zu Beginn des 17. Jahrhunderts in Venedig zu einer Wallfahrt in den Orient einschiffen ließ[15], passte in das Konglomerat aus wenig vorzeigbarem Byzantinismus, da 1651 in Absprache mit den türkischen Sipahis die Schwarzen Eunuchen unter der Regie des Kɩzlar Ağasɩ, des obersten der Schwarzen Eunuchen, die Tötung der Kösem Mahpeyker veranlassten.[16] Und ausgerechnet auf Betreiben der Turhan Hatice, der eigenen Schwiegertochter und späteren Valide Sultan, erfolgte die Erdrosselung mittels Bogensehne. Der Harem selbst war in seiner Aura vorzüglich mit der Attitüde des Machtzentrums ausgestattet. Die Osmanen betrachteten den Wohnraum des Sultans – und bis in die Neuzeit hinein war das Wort Harem in seiner Bedeutung auf das Innere eines Serails bezogen – als Verortung des Sicheren, des Rechtsetzenden, allgemein als Hort der Gewaltenbündelung und versetzt mit einer für den gemeinen Bürger unzugänglichen Machtaura. Die auch räumliche Nähe zum Sultan galt als Synonym für die Machtpartizipation, zumindest als Einflussnahme in deren Genese. Grundsätzliches war im osmanischen Hofreglement festgehalten, als im Innenbereich – und zu dem zählte der Harem – von Beginn an keine geschlechtsspezifischen Konkurrenten ein Aufenthaltsrecht besaßen. Im osmanischen Weltbild war das Reich der persönliche Herrschaftsbereich des Sultans und seiner Familie und wer nah beim Sultan war, hatte politische Macht und war sozial hoch angesehen. Anstelle der westlichen Dichotomie tritt im Osmanischen Reich also der Gegensatz von privilegiert/heilig/nah beim Sultan und gewöhnlich/profan/weit weg vom Sultan. Geschlecht spielt bei den dadurch entstehenden Herrschaftsverhältnissen insofern eine zentrale Rolle, als dass es bestimmt, wer dem Sultan am nächsten sein kann. Das Osmanische Reich war insgesamt also mehr horizontal als (westlich) vertikal strukturiert. Die zentralen Begriffe, mit denen die Osmanen dies selbst beschrieben, sind innen und außen bzw. intern und extern. Diese Teilung definiert die Machtverhältnisse im Osmanischen Reich: Wer nah am Sultan oder sogar Teil seines Haushalts war, hatte politische und soziale Autorität, wer weit weg vom Sultan war, hatte sie nicht. Die volljährigen Diener und Hofbeamten waren Eunuchen, und die Sultanssöhne trugen nach außen hin infantile Symbole, besaßen demnach ein bartfreies Erscheinungsbild, waren kinderlos oder gehörten zum freiwilligen Kastratentum. Dass das mit dem heutigen Verständnis von femininem Grundtenor bezüglich des Harems verankert ist, lag an Süleyman I. Als ein Teil der Frauen – und im Hasekitross befand sich unter anderem eine gewisse Roxelane –  mit den zugehörigen Kindern unter dessen Regentschaft in den Topkapi-Serail umzogen, war das maskuline Wohnmonopol im Topkapi gebrochen. Und dieser faktische Traditionsbruch ging einher mit einem symbolischen und realen Mehrwert an Frauenpartizipation im sakralen Machtbereich des Sultans. Prestige und Aura bildeten damit für die weiblichen Bewohner des Harems stark realistische Charakteristika im Eigenerwerb. Und damit war der Nährboden geschaffen für die dann etwas despektierlich in der Geschichtswissenschaft formulierte Weiberherrschaft. Roxelane, auch als Hurrem bezeichnet, markierte in ihrer monogamen Beziehung zu Süleyman den Start der Macht aus dem Harem heraus. Sie war die erste Frau, die sich in Abgrenzung zu anderen Konkubinen als Haseki bezeichnen durfte, wurde aus dem Sklavenstatus entlassen und danach geehelicht von Süleyman I. Sie zog in den Topkapi-Serail, verweilte in Istanbul und begleitete ihre Söhne nicht in die Provinz, wie es osmanischer Brauch gewesen war. So entstand in der Genese der permanenten Anwesenheit eine Situation, in der Hurrem – und dieser Frauenbildstatus war auch in der Wahrnehmung Außenstehender nicht mehr zu nehmen im Zeitalter der Weiberherrschaft – in Personalunion Informantin und Beraterin des Sultans wurde.[17]

Der Machtzuwachs des Harems –  und damit der Haremsfrauen –  war im Wesentlichen durch folgende Punkte generiert:

  1. Es war aus turkmongolischer Tradition heraus üblich, die zur Thronbesteigung Befähigten als Gouverneure und ihre Mütter wie ein Propädeutikum zur Staatsführung in die Provinzen zu delegieren. Die Mütter der Prinzen waren vollständig verantwortlich für das Verhalten und die Ämterführung der Söhne. Die Söhne erhielten dadurch eine politische Identität, und die Mütter bildeten mit ihren Söhnen eine Dyade für den Sultansthron. Der weitere Verlauf und die Karrierechancen der Mütter waren gekoppelt am Werdegang der Söhne. Obgleich der mögliche Thronfolgekandidat im Konkurrenzkampf um das Sultanat in die Fürsorge einer ihm wohlgesonnenen Mutter kam, mussten die Prinzenmütter stetig über ihr Vermögen und ihr Netzwerk am Hofe den permanenten Kampf organisieren. Die Aufhebung dieser Tradition in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts bedeutete, dass die Prinzen keine herrschaftlichen Rechte mehr besaßen und keine eigene Hausmacht in die Auseinandersetzung werfen konnten.
  2. Nach der Einführung der Primogenitur blieben die Prinzen zusammen mit den anderen Dynastieangehörigen im Topkapi-Serail wohnen. Diese Zentralisierung ermöglichte eine Veränderung der Machtbalancen zwischen den Frauenfraktionen. Die Validesultan, die Sultansmutter, vereinnahmte die Haremsleitung, und damit waren alle Dynastieangehörigen in einem Bereich unter der Oberhoheit einer Person. Sie selbst bewohnte den zentralen Trakt im Harem mit direktem Zugang zum Sultan. Unter Murad III. wurde die Validesultan offizialisiert, also institutionalisiert. Die Primogenitur führte also zu einem Macht- und Prestigegewinn bei den Sultansmüttern, und die Zeit als Haseki konnten die betreffenden Damen nutzen, um ein verlässliches Klientel- und Spionagenetz oder eine Vermögensvermehrung strategisch zu planen.[18]
  3. Die daraus resultierenden Matrimonialverbindungen bildeten ein politisches Instrument dahingehend, dass dem Sultan ein geeignetes Kontrollinstrument vorlag und konkurrierender Großhäuser konnten somit aus der Thron herausgehalten werden, denn viele Validesultane waren ursprünglich Sklavinnen gewesen und konnten mit ihrer gemeinen Provenienz jegliche Verflechtungen mit anderen Herrscherhäusern garantieren.

Nach dieser Installierung der Erbfolgemechanismen kam es realiter gegenüber dem designierten Sultan nicht mehr im Vorfeld der Sultansproklamation zu Nachfolgekriegen, sondern während des Sultanats selbst. Die Validesultan war Ratgeberin, Beschützerin und Kontrollinstanz unisono, war also der austarierende Knoten oder der gordische Knoten zwischen den Fraktionen. Als Über-Ich des Sultans kamen die Beschwerden oder eben auch Anfragen zur Validesultan mit der Zielsetzung, Einfluss auszuüben auf die Entscheidungskompetenz des Sultans. Waren die jeweiligen Machtgruppen sich ihrer Absicht auf gewaltsame Entthronung des herrschenden Sultans einig, wurde die Zustimmung der Validesultan eingeholt. Diese Form der Kontinuität der Dynastie ermöglichte es der Validesultan, als Bewahrerin der geltenden Herrschaftsordnung zu fungieren.[19]

Ein diplomatischer Tenor über Ego-Netzwerke

Dass das mit der Diplomatie im Topkapi-Serail nicht spur- und interessenlos am Harem vorbeiging, lag an der Herkunft der Haremsfrauen. Die dynastischen Frauen im Topkapi-Serail betrachteten – psychoanalytisch interpretiert – die diplomatische Korrespondenz mit den ausländischen Vertretern als Hoferte an das eigene Ego hinsichtlich der Aufstiegsmöglichkeiten der ursprünglichen Fremdlinge außerhalb des osmanischen Beamtenapparates, sozusagen als parteiische Vermittlerin auszutarierender Staatsinteressen zwischen den Angehörigen der eigenen Ethnie und dem vitalen Interesse der daran persönlich partizipierten osmanischen Dynastie. Offensichtlich war die Demonstration des ursprünglichen ethnischen Bewusstseins und die daraus resultierenden tendenziösen Meinungs- und Handlungsmuster ein Charakteristikum der osmanischen Diplomatie[20]. Nehmen wir die Haseki Hurrem, während des prächtigen Zeitalters unter Suleyman I., die wegen ihrer polnischen Herkunft eine aktive Korrespondenz mit dem polnischen König Sigismund I. pflegte. Das Netzwerk aus familiärer Bande und polnisch-osmanischer Administration funktionierte in der Form, dass ihr Schwiegersohn Rustem als Großwesir und ihre Tochter Mihrimar an der Korrespondenz rege Beteiligung übten und so ein merklich gemeinschaftlicher Beitrag zur Aufrechterhaltung des Friedens zwischen beiden Staatsgebilden erfolgte. Und die Serenissima? Die Haseki Nurbanu und deren Schwiegertocher Safiye konnten in den venezianisch-osmanischen Beziehungen durch die entsprechende Intervention die angedachte osmanische Invasion auf Kreta abwenden, das zum venezianischen Hoheitsgebiet zählte. Safiye vermittelte die Aufrechterhaltung des Getreidehandelsprivilegs für Venedig und wurde dafür als Gegenleistung kostenintensiv beschenkt. Als Protagonistin der venezianischen Interessen am Goldenen Horn musste die provenezianische Haseki Safiye über die materielle Zuwendung zur Milde und Vermittlung motiviert werden; und der Doge in Venedig hielt durch Mittelsmänner diesen inoffiziellen Türöffner stetig reibungsfrei.

Nehmen wir als Exerzitium für ein osmanisch-venezianisches Netzwerk die Venezianerin Nurbanu (1525-1583), die als Cecilia Venier-Baffo auf Paros geboren wurde. Ihr Vater, Nicolo Venier, war Statthalter auf der griechischen Insel. Die Venieri gehörten zum Establishment des venezianischen Patriziats, waren Angehörige der case nuove ducali, also Mitglieder jener Ratsfamilien in Venedig, die nicht von der Genealogie, sondern ad personam ehrenhalber diesen Titular führten. Zumindest waren die Angehörigen der Case nuove aber für administrative Aufgaben in den venezianischen Kolonien prädestiniert, und die Venieri stellen immerhin drei Dogen für die Serenissima. Unter den drei Wahlherzögen, die dem Großen Rat protokollarisch vorstanden, gehörte Francesco Vernier (1489-1556), der von 1554 bis zu seinem Tod der Serenissima vorstand. Die Provenienz im Familienstammbaum war gegeben, die Biographie der Cecilia Venier-Baffo allerdings mit abstammungstechnischen Makeln versehen. Sie stammte aus einer Liaison mit einer Violanta Baffo, war aber direkt über ihren Vater mit Sebastiano Venier verwandt, der das Dogenamt 1577 bis 1578 ausübte. Sie selbst wurde offenbar, noch minderjährig, von Piraten entführt und an den Hof des Sultans Süleyman I. (nach 1490-1566) gebracht, dort zur Haremsdame auserkoren und mit den Gepflogenheiten im Topkapi-Serail vertraut gemacht. Ob Roxelane (nach 1500-1558), die Haseki Sultan des osmanischen Sultans Süleyman I., die Venezianerin von Beginn an auserkoren hatte als Gefährtin des Prinzen Selim (1524-1574), des späteren Sultans Selim II., kann nicht apodiktisch aus den Quellen geschlossen werden, aber eine Anziehungskraft muss die Venezianerin aus gutem Hause besessen haben. Analog zu Roxelane verkörperte sie die Protagonistin einer konsequenten dynastischen Reproduktionspolitik aus dem Harem heraus.[21]

Die venezianischen Wurzeln der Nurbanu zeichneten auch für den Separatfrieden von 1573 verantwortlich. Trotz der erfolgreichen Seeschlacht bei Lepanto 1571 konnte die Heilige Liga den Sieg nicht nutzen, da im Wesentlichen der spanische König Philipp II. von einer Entscheidungsschlacht nichts wissen wollte. Ursprünglich planten die Venezianer einen Direktangriff auf die Hohe Pforte. Nach dem Tod des Papstes Pius V. 1572 stand Venedig dem osmanischen Großreich allein gegenüber und musste notgedrungen – aus wirtschaftlichen Gründen und der Angst vor Repressalien –  einen dringenden Ausgleich suchen mit der Hohen Pforte. Venedig akzeptierte vertraglich 1573 den Verlust Zyperns und eine Kriegsentschädigung in Höhe von 300.000 Dukaten, konnte sich aber über den Separatfrieden verständigen auf das Monopol für den Export zyprischer Baumwolle. Auf osmanischer Seite war im Verhandlungsmarathon der Großwesir Sokollu Mehmed Pascha Verhandlungsführer, und dieser war der Schwiegersohn Selims II. Da jener ohnehin nur im Topkapi-Serail sich der Dekadenz hingab, war Sokollu Mehmed Pascha de facto uneingeschränkt in seiner Amtsführung, nach Rücksprache mit Nurbanu. Die Venezianerin aus dem Geschlecht der Venieri trat nun als Schattenfrau den Verhandlungen bei und ermöglichte es den Venezianern am Ende des Fünften Osmanisch-Venezianischen Krieges, den territorialen Verlust durch wirtschaftliche Zugeständnisse zu kompensieren. Der Doge Alvise Mocenigo I. und der venezianische Gesandte am osmanischen Hof, Antonio Tiepolo, wussten um die prekäre Situation im Levantehandel mit der Flut an seefahrender Konkurrenz und entschieden sich für die Handelsprivilegien unter osmanischer Oberhoheit.

Ein zweites Exerzitium für eine ungewöhnliche Bilateralität ist die Personalie Safiye, die direkt mit dem Ego-Netzwerk Nurbana transkriptional agierte. Ähnlich der Venezianerin Cecilia Venier-Baffo waren dem Thesenreichtum zur Abstammung der Safiye keine Grenzen gesetzt. Die osmanische Historiographie hält sich dahingehend bedeckt, da diese Art der Genealogie keiner gültigen Tradition entsprach. Schon der Bericht eines venezianischen Gesandten zur Beziehung von Selim II. und Nurbanu, wonach Selim nur dem Beispiel seines Vaters Süleyman folgte und Nurbanu ehelichte, blieb im osmanischen Gelehrtenkreis ohne offiziellen Kommentar. Safiye stand dem nicht nach, denn sie soll die Tochter des venezianischen Gouverneurs Leonardo Baffo von Korfu gewesen sein. Und damit wäre eine Verwandtschaft zur Valide Sultan konstruiert. Auch Safiye muss demnach von Piraten entführt worden sein, denn Nurbanu Sultan kaufte sie angeblich auf dem Sklavenmarkt in Istanbul. Nach mehrjähriger Ausbildung im Harem konnte sie dann den Prinzen Murad gewinnen, den späteren Sultan Murad III. Aus dem Konglomerat an Herkunftsthesen liest sich aber auch heraus, dass sie aus einem albanischen Bergdorf käme. Und der Gesandtschaftsprediger Stephan Gerlach berichtete in seinen Erinnerungen von einer Konkubine namens Safiye, die bosnische Wurzeln hätte und vom ersten bosnischen Beylerbey, Ferhad Pascha Sokolović, an Murad verschenkt worden. Dieser Umstand ist vorstellbar, da ein gewisser Bosniake namens Damad Ibrahim Pascha mehrmals das Amt des Großwesirs bekleidete zwischen 1596 und 1601. Schon der Trunkenbold Selim II. hielt nicht viel vom politischen Tagesgeschäft und übertrug seiner Nurbanu Handlungsvollmachten, aber unter Murad III. nahm die Weiberherrschaft finale Züge an. 1579 koordinierte sie die Ermordung des Großwesirs Sokollu Mehmed Pascha, da dieser offenbar zu emanzipiert ohne Einbindung der Safiye die Staatsgeschäfte führte. So konnte sie sich aus der Umklammerung von der Valide Sultan Nurbanu und dem Großwesir emanzipieren. Nach dem Amtsantritt Mehmeds III. war sie die Valide Sultan und wechselte die Großwesire mit geringer Halbwertzeit aus. Hadim Hasan Pascha wurde 1598 hingerichtet auf ihr Betreiben hin, da er sich über ihre Einmischung moniert hatte. Auch ihre unrühmliche Rolle bei der Hinrichtung des Kronprinzen Mahmu und des Großwesirs Yemsici Hasan Pascha 1603 und der zeitgleichen Inthronisierung ihres Enkels als Sultan Ahmed I. zeugen von einer Frau, die der Reproduktionspolitik des Harems oberste Priorität beimaß. Safiyes Macht und Einfluss waren derart, dass ihr eigener Enkel Ahmed I. sie in den Leanderturm einsperren ließ. Die Politik gegenüber der Serenissima war wohlwollend, denn sowohl der möglicherweise mit ihr verwandte Doge Sebastiano Venier als auch seine Nachfolger Nicolò da Ponte, Pasquale Cicogna und Marino Grimani konnten mit Safiye stets das Getreidehandelsprivileg aufrechterhalten.[22] Auch die Großwesire Koca Sinan Pascha und Damad Ibrahim Pascha waren mehrmals in dieser exponierten Stellung stets in Rücksprache mit Safiye nicht gegen die Serenissima aktiv. Ohnehin schienen in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts die Venezianer im Ansehen der Sultane hoch im Kurs gestanden zu haben, denn ein Gazanfer Agha kam aus Venetien und war Oberster der Weißen Eunuchen. Er organisierte die Verwaltung und das Zeremoniell des Männer-Harems und entschied, wer zum Sultan vorgelassen werden durfte. Diese privilegierte Nähe machte Gazanfer zu einem der mächtigsten Männer unter Selim II., Murad III. und Mechmed III.[23] Gazanfer holte sogar Familienangehörige aus Venedig nach, um eine regelrechte Hausmacht zu installieren. Unter den Familienangehörigen war eine Beatrice, die auch zum Islam konvertierte. Später ging sie unter ihrem neuen Namen Fatma Hatun eine Ehe ein mit einem Mann, der durch die Protektion des Gazanfer Agha zum Kommandanten der Janitscharen ernannt wurde. Der Sultanshof war also ganz konkret ein Hort des kulturellen Austausches und der Installierung von Klientelgruppierungen. Und der Verwandtschaftsgrad war dabei der archimedische Punkt.[24]

Schlussbetrachtungen

Schon die räumliche Verteilung des Palastes des Sultans spiegelt die Machtverteilung wider: Waren die ersten beiden Höfe noch zugänglich in Abhängigkeit von der sozialen Zugehörigkeit, durfte der Männer-Harem nicht von Außenstehenden betreten werden und konnte nur in Begleitung des Sultans verlassen werden. Gleichzeitig waren es die wohnenden Jünglinge, die volljährig den Harem verlassen mussten und dann in die ihnen angetragenen hoheitlichen Aufgaben übergingen, analog zu den weiblichen Bewohnern des Harems. Auch die Eunuchen als Kastraten des Harems hatten durch ihre Nähe zum Sultan große politische Macht (siehe Gazanfer). Dieser Zugang ermöglichte Ihnen ein Kommunikationsprivileg, dass sie in die Mittlerrolle zwischen der Außenwelt und dem imperialen Harem katapultierte. Die Hasekis und die Valide Sultan empfanden es als selbstverständlich, dass sie auch außerhalb des imperialen Harems Netzwerke bauten, legislative Elemente zumindest initiierten und exekutive Bausteine in ihren Händen hielten. Um im Osmanischen Reich politische Macht zu vereinnahmen, war es also zwingend, die Nähe des Sultans zu suchen und möglichst – im Gegensatz zur abendländischen Dichotomie von privat und öffentlich – ein Teil des imperialen Harems zu werden.  Die US-amerikanische Historikerin Leslie Peirce formulierte es treffend:

The more intimate one’s service to the sultan in the inner world, the greater was one’s standing in the outer world.“[25]

Auch diese körperliche Nähe begünstigte die Herausbildung von Netzwerken, die als Auslesekriterien die eigene Ethnie deklarierten; und aus diesem Konglomerat heraus generierten sich Klientelgruppen. Safiye kannte kein Skrupel, die ihr unliebsamen Konkurrenten auf dem Posten des Großwesirs intrigenreich auszuschalten (Sokollu Mehmed Pascha), selbst Verwandte ihres verstorbenen Sohnes Mehmed III. waren nicht sicher (Prinz Mahdu 1603), wenn die von der Valide Sultan auserkorene Reproduktionspolitik als gefährdet eingestuft wurde. Auffällig war gerade bei dieser Valide Sultan, dass die Großwesire aus dem Kulturkreis der eigenen Ethnie über einen größeren Leumund verfügten, so beobachtet bei den Personalien Ferhad Pascha Sokolović und Damad Ibrahim Pascha.

Die venezianische Affinität insbesondere der Nurbanu kann demonstriert werden am Friedensvertrag von 1573, als die Venezianer sich ihrer Anfälligkeit der Handelsrouten im Levanteraum bewusst waren und einen Separatfrieden abschließen mussten. Die Dogen in Venedig und der Bailò in Istanbul erkannten schnell die Wechselwirkung aus mehr oder weniger großen materiellen Zuwendungen für die Hasekis und die Valide Sultan und der systematischen Vermögensmehrung der femininen Führungsetage im Topkapi hinsichtlich der Finanzierung eines der Valide Sultan ergebenen Machtzirkels. Die Protagonisten der venezianischen Interessen am Goldenen Horn mussten über die materielle Zuwendung zur Milde und Vermittlung motiviert werden, so geschehen bei der vereitelten Invasion Kretas oder den stetigen Vergaben von Handelsprivilegien. Ein produktiver Ausblick ist auf diesem Gebiet ebenfalls möglich, wenn die Relazioni der Frühen Neuzeit, also die Kodifizierung der venezianischen Gesandtenberichte systematisch über die visuellen Netzwerkanalysen zu größerer Dichte in den Personalkonstellationen führt.

Quellenverzeichnis

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Hyperlinks

[1] Vgl. hierzu Gamper, Markus, Reschke, Linda, Düring, Marten, Das Millennium der Netzwerkforschung? Die Bedeutung eines relationalen Paradigmas in der internationalen und deutschen Wissenschaft, in: Gamper, Markus, Reschke, Linda, Düring, Marten (Hrsg.), Knoten und Kanten III, Soziale Netzwerkanalyse in Geschichts- und Politikforschung, Bielefeld 2015, S.8.

[2] Der Soziologe Georg Simmel demonstrierte mit dem Modell der Sozialen Kreise die Interaktion zwischen dem Individuum und der Außenwelt. Das Charakteristikum der Individualität bestand nach Simmel explizit in dem Vorhandensein eines Schnittpunktes der Sozialen Kreise, der zugleich die Verortung des Einzelnen ermöglicht. Simmel vertrat dabei die These, dass mit zunehmender Komplexität der Gesellschaft die Zunahme des Entwicklungspotenzials der Individualität des Einzelnen einhergeht. Vgl. hierzu Simmel, Georg, Über sociale Differenzierung, Sociologische und psychologische Untersuchungen, Leipzig 1890.

Der sächsische Sozialpädagoge Johannes Delitsch veröffentlichte 1900 in der Zeitschrift für Kinderforschung einen Aufsatz zu Freundschaftsbeziehungen zwischen 53 Schülern in einer Volksschulklasse mit der zugehörigen Erfassung des Datensatzes in einer Soziomatrix. Dieser Aufsatz gilt als Prototyp der sozialwissenschaftlichen Netzwerkanalyse. Vgl. hierzu Delitsch, Johannes, Über Schülerfreundschaften in einer Volksschulklasse, in: Zeitschrift für Kinderforschung 5/1900, Heft 4, S. 150-163.

[3] Max Gluckman war Mitbegründer der Manchester Schule, deren Vertreter der britischen Ethnologie eine interaktionistische Richtung verliehen.

[4] Jährlich erhält der keynote speaker auf der Sunbelt Social Networks Conference den Simmel-Preis. Der Preisträger wird dabei in Absprache mit dem Berufsverband der Netzwerkforscher International Network for Social Network Analysis INSNA ausgewählt. Vgl. hierzu ausführlich die Informationen unter http://insna.org/award_simmel.html.

[5] Die Figuration wird auch als Interdependenzgeflecht bezeichnet und geht in der Begrifflichkeit auf den Soziologen Norbert Elias zurück und charakterisiert ein dynamisches soziales Netzwerk, ein Beziehungsgeflecht von zueinander in Abhängigkeit stehenden Individuen.

[6] Vgl. hierzu Stegbauer, Christian, Häußling, Roger (Hrsg.), Handbuch Netzwerkforschung, Wiesbaden 2010 und Schönhuth, Michael, Gamper, Markus et al. (Hrsg.), Visuelle Netzwerkforschung, Qualitative, quantitative und partizipative Zugänge, Bielefeld 2013.

[7] Vgl. hierzu Wetherell, Charles, Historical Social Network Analysis, in: International Review of Social History 43, 1998, S. 125-144.

[8] Vgl. hierzu Eich, Thomas: Islamische Netzwerke, in: Europäische Geschichte Online (EGO), hg. vom Institut für Europäische Geschichte (IEG), Mainz 2010-12-03. URL: http://www.ieg-ego.eu/eicht-2010-de URN: urn:nbn:de: 0159-20101025135 [2018-11-21].

[9] Vgl. hierzu Padgett, John F. und Ansell, Christopher K., Robust Action and the Rise of the Medici, 1400-1434, in: The American Journal of Sociology, Vol. 98, No. 6. (May, 1993), pp- 1259-1319.

[10] Vgl. hierzu die Ausführungen unter https://www.investopedia.com/terms/i/interlocking-directorates.asp. Über Interlocks erfolgt der Informationsaustausch zwischen den Verwaltungsräten und Direktoren, die über Insiderinformationen unternehmensübergreifend vefügen und in einem „Transcorporate Network“ interagieren.

[11] Vgl. hierzu Gamper, Markus, Reschke, Linda, Düring, Marten, Das Millennium der Netzwerkforschung?, a. a. O., S. 24f.

[12] Vgl. hierzu Granovetters, Mark, The Strength of Weak Ties, in: American Journal of Sociology 78 (1973), p. 1360-1380.

[13] Vgl. hierzu Gürkan, Emrah Safa: Die Osmanen und ihre christlichen Verbündeten, in: Europäische Geschichte Online (EGO), hg. vom Institut für Europäische Geschichte (IEG), Mainz 2011-10-18. URL: http://www.ieg-ego.eu/gurkane-2010-de URN: urn:nbn:de:0159-2011081865 [2018-11-19].

[14] Vgl. hierzu Gürkan, Emrah Safa: Die Osmanen und ihre christlichen Verbündeten, a. a. O.

[15] Vgl. hierzu Baysun, Cavid, Kösem Walide or Kösem Sultan, in: Bosworth, Clifford et al. (Ed.), The Encyclopaedia of Islam, Volume V, Leiden 1980, p. 272-273.

[16] Warum gerade die Sipahis eine Revolte anzettelten, kommt aus dem Spannungsfeld zu den Janitscharen zum Ausdruck. Ursprünglich waren es Reiter, die die Timars, Inhaber türkischer Kriegerlehen, im Kriegsfall zu stellen hatten. Sie bildeten bis in das 16. Jahrhundert hinein eine Kerngruppe der osmanischen Armee und fungierten als Flankenschutz und –stoß während des Scharmützels. Die Sipahi-Abteilungen sollten in der Umfassung des Feindes die Feinde gegen die Basis des osmanischen Heeres drücken. Und dort standen die Janitscharen, die Infanterie der Osmanen. Alleine die Statistik zur Quantität dieser Truppengattung verdeutlicht den Niedergang dieser Reitertruppe. Waren im 16. Jahrhundert noch über 100.000 Mann in der für die Sipahi charakteristischen Rotmäntel unter Waffen, konnten während der Amtszeit Selims III. zu Beginn des 19. Jahrhunderts lediglich 2000 Mann als militärische Traditionspflege zu den Sipahis gezählt werden. Die Sultane oder in Vertretung die Haseki favorisierten die Infanterie und die Artillerie, zumal das Timarsystem spätestens mit dem Rückzug 1683 nach der Schlacht am Kahlenberg den Zenit überschritten wegen mangelnder territorialer Neuerwerbungen und damit einhergehender Einnahmeverluste.

[17] Vgl. hierzu Busbecq, Ogier Ghiselin de, Turkish Letters, Oxford 1927, S. 49.

[18] Vgl. hierzu Peirce, Leslie, Harem-i Hümayun, Istanbul 1996, S. 45ff.

[19] Vgl. hierzu Kürşat-Ahlers, Elçin, Haremsfrauen und Herrschaft im Osmanischen Reich, in: Feministische Studien, 21 (2003), p. 35-47.

[20] Vgl. hierzu Coco, Carla, Sinnbild orientalischer Erotik, Stuttgart 1998, S. 89.

[21] Vgl. hierzu Kürşat-Ahlers, Elçin, a. a. O., S. 35.

[22] Vgl. hierzu Peirce, Leslie, The Imperial Harem, Women and Sovereignty in the Ottoman Empire, New York 1993, S. 8-19.

[23] Vgl. hierzu Peirce, Leslie, The Imperial Harem, a. a. O., S. 12 und Fetvaci, Emine, Picturing History at the Ottoman Court, Bloomington, Indiana 2013, S. 239.

[24] Vgl. hierzu Faroqhi, Suraiya, Haus und Herrschaft in der osmanischen Welt, in: Eibach, Joachim/Schmidt-Voges, Inken (Hrsg.), Das Haus in der Geschichte Europas, Berlin 2015, S. 561f.

[25] Vgl. hierzu Peirce, Leslie, The Imperial Harem, a. a. O., S. 12.